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Unsere bisherige Art der Wirtschaft und Unternehmensführung ist nicht mehr zukunftsfähig. Im Rahmen eines Forschungsprojekts hat Shirin Groß-Yachkaschi regenerative Unternehmen untersucht und deren Muster und Praktiken analysiert. Diese Unternehmen gehen über das Konzept der Nachhaltigkeit hinaus, indem sie nicht nur den Status quo bewahren oder Schäden reduzieren, sondern aktiv regenerieren und heilen. Sie sind Vorreiter:innen einer zukünftigen Wirtschafts- und Arbeitswelt. Das Buch beleuchtet anhand von Fallbeispielen die Muster und Praktiken solcher Organisationen. Es zeigt Wege auf, wie Unternehmen sich in Richtung Regeneration entwickeln können, und verdeutlicht, dass regenerative Praktiken auch im aktuellen Wirtschaftssystem umsetzbar sind. Mit einem Geleitwort von Matthias Varga von Kibéd.
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Seitenzahl: 323
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Reihe Systemisches Management
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ISBN 978-3-7910-6774-2
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ISBN 978-3-7910-6775-9
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ISBN 978-3-7910-6776-6
Bestell-Nr. 12236-0150
Shirin Groß-Yachkaschi
Die Regenerative Organisation
1. Auflage, Oktober 2025
© 2025 Schäffer-Poeschel Verlag für Wirtschaft · Steuern · Recht GmbH
Breitscheidstr. 10, 70174 Stuttgart
www.schaeffer-poeschel.de | [email protected]
Bildnachweis (Cover): Umschlag: Stoffers Grafik-Design, Leipzig
Produktmanagement: Dr. Frank Baumgärtner
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»Another world is not only possible, she is on her way. On a quiet day, I can hear her breathing.«
Arundhati Roy
Für meine Tochter Leylani Sahar ‒ und mit ihr für all die jungen Menschen und Lebewesen auf diesem Planeten.
Dieses Buch ist eine Einladung zu eigenem Erkunden und Erleben einer faszinierenden Idee auf einer fraktalen Lernreise. Es geht nämlich nicht einfach nur um ein Thema, sondern ebenso um Sie, die Sie dieses Buch in Händen halten und wie Ihre eigenen Einsichten und Lernerlebnisse, wenn Sie sich auf diese Reise einlassen, Ähnlichkeiten mit den Phasen der Entwicklung und den Mustern des Vorgehens in regenerativen Organisationen aufweisen.
Die Autorin, Shirin Groß-Yachkaschi, hat den Begriff »regenerativ« als eine Umwandlung und Erweiterung des Begriffs »nachhaltig« vorgeschlagen, und so entstand das Forschungsprojekt »regenerative Organisation« der Gilde agile Organisationsentwicklung. Dabei wurden Organisationen untersucht, denen es in wachsendem Maße gelungen ist, auf das Gemeinwohl ausgerichtet und regenerativ vorzugehen.
Der Begriff der regenerativen Organisation wird nicht einfach fest vorgegeben – das widerspräche auch der angestrebten Lebendigkeit des Vorgehens –; er wird entdeckt und entwickelt sich im Zwischenraum der behandelten, ausführlichen Praxisbeispiele. Zentral für die Idee der regenerativen Organisation ist dabei zunächst die Frage, wie Organisationen Bedingungen erzeugen und wiederherstellen können, die lebensförderlich sind. Die Idee der Nachhaltigkeit im Sinn des Achtens auf Erhaltung bestehender Systeme sieht Groß-Yachkaschi unter anderem durch die Entstehung von Metakrisen als an eine Grenze gelangt, die erfordert, ausgehend von Inseln der Kohärenz im Sinne von Prigogine, regenerative Transformationen letztlich aller wesentlichen Systeme zu ermöglichen.
Auf dieser Lernreise kommen einerseits gemeinsame Muster der Praxis der höchst unterschiedlichen betrachteten Unternehmen zu Tage. Andererseits entsteht in deren Zwischenraum eine Fülle spezieller Lösungen, die eine Entwicklung dieser Idee in die Zukunft möglich machen. Und bei alledem geht es nicht einfach um den Begriff »regenerativ«, sondern ganz im Sinne des komparativen Verständnisses des Systemischen, um die Frage, wann ein Vorgehen eher regenerativer ist als ein anderes und worin ein Fortschritt in der Regenerativität besteht. Durch eine solche Haltung ist ein wechselseitiges voneinander Lernen viel leichter.
Das Buch hat einen komplexen Hintergrund und greift unter anderem Scharmers Theorie U, Ansätze von Fritz Glasl und Trigon, die Auffassungen von Frederic Laloux, die Hynosystemik von Gunther Schmidt und den transverbalen Ansatz der Strukturaufstellungen mit großer Sachkenntnis in einer Weise auf, die natürliche Querverbindungen dieser Ansätze bei der Betrachtung der regenerativen Organisation aufscheinen lässt: Ihnen nun also viel Vergnügen und lebhafte Gespräche bei der Lektüre und Lernreise zur regenerativen Organisation!
Matthias Varga von Kibéd, Lido di Venezia und Murano, August 2025
Als Shirin den Begriff regenerative Organisation 2021 bei einem unserer Arbeitstreffen einbrachte, hatten wir noch kein Bild davon, was sich dahinter verbergen könnte.
Was hat der Begriff im Organisationskontext zu bedeuten oder überhaupt verloren? Vor allem in einem global vernetzten Umfeld, das nach Spielregeln eines patriarchalen, libertären Kapitalismus funktioniert. In dem produzierende Tätigkeiten im ökonomischen Vordergrund stehen und unsere Aufmerksamkeit erhalten, während regenerierenden Tätigkeiten, wie beispielsweise Natur-, Sorge-, Beziehungsarbeit etc., kein Wert beigemessen wird.
In diesem Kontext entschieden wir uns neugierig, auf Entdeckungsreise zu gehen, um Unternehmen kennenzulernen, von denen wir meinten, es könnte sich um ein regeneratives Unternehmen handeln. Also Organisationen, die sich von dem kapitalistischen Wertekorsett distanzieren und ihren Unternehmenszweck und ihr Handeln am Gemeinwohl ausrichten.
Bei meinen Interviewreisen berührte mich besonders die Geschichte des Netzwerkes Soilify, welches sich dem Thema Boden widmete. Ich war so von der Sinnhaftigkeit ihres Tuns fasziniert, dass ich die Zeit vergaß und am liebsten noch mehr von dem Thema erfahren hätte.
Wir waren alle gleichermaßen von den Geschichten, den gewonnenen Erkenntnissen und den entdeckten Mustern inspiriert. Die Idee eines Buchs keimte. Die Geschichten sollten in die Welt getragen werden, um auch andere dabei zu inspirieren, die Zukunft regenerativer zu gestalten.
Bei Shirin reifte die Idee zu dem nun vorliegenden Buch »Die Regenerative Organisation« heran, das weit über die interviewten Unternehmen hinaus geht. Dank ihrer fachlichen als auch internationalen Expertise hat sie einen vielfältigen Strauß an Mustern, Praktiken, Praxisbeispielen, Definitionen und Begriffsklärungen u.v.m. herausgearbeitet und entwickelt, die dazu genutzt werden können, den eigenen Möglichkeitsraum zu betrachten und erste regenerative Schritte auszuprobieren.
Dass Shirin als Gliederungsstruktur den Theorie U-Prozess gewählt hat, ist ein zusätzliches Schmankerl, welches es der Leserschaft sofort ermöglicht, sich auf die regenerierende Lernreise zu begeben.
Claudia Schröder, Hamburg, März 2025
Mein größter Dank gilt den regenerativen Unternehmen, die wir kennenlernen durften und mit denen wir noch heute im Austausch sind. Und mit ihnen zusammen all den anderen Unternehmen auf einem regenerativen Weg, die zu einer lebensdienlichen Welt und Wirtschaft beitragen.
Zutiefst verbunden fühle ich mich der Gruppe unseres Forschungsprojekts zu regenerativen Organisationen im Rahmen der Gilde agile Organisationsentwicklung, namentlich Anke Loose, Carina Zachariah, Carsten Holtmann, Claudia Schröder, Hannes Horn und Thomas Klug. Ohne Euch wäre ich diesen Weg der Lernreisen zu regenerativen Organisationen nicht gegangen. Durch den intensiven Austausch und die gemeinsame Suche nach Mustern war ein tiefer Lernprozess möglich. Ich danke dieser Gruppe auch für das Vertrauen, das in mich gesetzt wurde, dieses Buch allein zu verfassen und es gleichzeitig im Sinne der Forscher*innen-Gruppe zu tun.
Während des Schreibens wurde ich von Carsten Holtmann unterstützt, der jedes Kapitel mit einer großen Genauigkeit gegengelesen und mir wichtige Fragen gestellt sowie Mut gemacht hat. Herzlichen Dank dafür!
Claudia Schröder möchte ich dafür danken, dass sie meinen Schreibprozess aus der Metaperspektive heraus begleitet hat und mir als erfahrene Autorin gute Hinweise geben konnte.
Maike Meyer-Oldenburg hat mein Manuskript kurz vor der Abgabe aus der Vogelperspektive auf schlüssige Zusammenhänge geprüft ‒ auch Ihr gilt mein Dank.
Und nicht zuletzt möchte ich meinem Mann Ludwig Groß und meiner Tochter Leylani Sahar Groß für ihre Geduld und Unterstützung danken. Ludwig für sein Vertrauen in mich und Leylani für ihre Hilfe bei der Titelgestaltung.
»Ich suche nicht ‒ ich finde
Suchen ‒ das ist Ausgehen von alten Beständen und
ein Finden-Wollen von bereits Bekanntem im Neuen.
Finden ‒ das ist das völlig neue!
Das Neue auch in der Bewegung. Alle Wege sind offen
und was gefunden wird, ist unbekannt.
Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer!«
Pablo Picasso
Herzlich willkommen! In diesem Buch lade ich Dich auf eine Lernreise zu regenerativen Organisationen ein. Diese Reise beinhaltet Geschichten von Organisationen, denen wir regenerative Aspekte zuschreiben. Geschichten ermöglichen es, Komplexität intuitiv erlebbar zu machen. Um diese Komplexität auch kognitiv zu verstehen, biete ich Dir zudem eine Beschreibung von Mustern, Praktiken und Praxisbeispielen regenerativer Organisationen an. Diese Beschreibung soll als Landkarte dienen. Anhand dieser Landkarte öffne ich Möglichkeitsräume über Ansätze und Methoden, um Organisationen zu begleiten, die regenerativer werden wollen.
Letztlich geht es mir darum, ein Feld zu kreieren, indem Organisationen zu einer lebendigen, regenerativen Welt beitragen können, und selbst dabei Lebendigkeit aufbauen. Dieses Feld entsteht co-kreativ, in einem Ökosystem mit all den anderen Akteur*innen, die zum regenerativen Wandel beitragen. Sei gerne dabei!
Dieser erste Teil bereitet den Boden für die weiteren Kapitel des Buchs. Er beschreibt, wofür ich es schreibe und den Kontext, um den es in diesem Buch geht. Die Teile des Buchs verlaufen entlang des Theorie U-Prozesses, welchen ich in Kapitel 1.2 erläutern werde. Während ich hier meine Intention beschreibe, lade ich Dich ein, Dir Deiner eigenen bewusster zu werden.1
1 Um alle Leser*innen gleichermaßen anzusprechen, nutze ich das Gendersternchen*. Ich möchte neben weiblichen und männlichen auch nichtbinäre Personen einbeziehen.
»When a complex system is far from equilibrium, small islands of coherence in a sea of chaos have the capacity to shift the entire system to a higher order.«
Ilya Prigogine
Dieser Satz von Nobelpreisträger Ilya Prigogine wird oft von Otto Scharmer zitiert, wenn es um Systemwandel geht. Es ist eine wunderbare Vorstellung, dass kleine Inseln der KohärenzInseln der Kohärenz Einfluss auf das Gesamtsystem haben können. Damit kommt ihnen eine große Verantwortung zu. Und auch eine große Wirksamkeit.
Eine weitere wichtige Aussage, die ich von Otto Scharmer mitnehme, ist, dass viele Menschen angesichts der Polykrisen in unserer Welt das Gefühl haben, nichts an diesen Krisen ändern zu können. Sie scheinen zu groß und überwältigend, um darauf einen Einfluss haben zu können. Dazu habe ich eine weitere Analogie: Wer im Stau steht und sich darüber ärgert, vergisst in diesem Moment, Teil desselben Staus zu sein und ihn somit zu erzeugen. Für mich ist es eine grundlegende Erkenntnis, dass wir die Systeme, in denen wir leben und denen wir uns teilweise ausgeliefert fühlen, täglich neu und immer wieder selbst erzeugen. Wir sind Teil dieser Systeme. Inzwischen sind wir so verwoben und in Abhängigkeit, dass ein kompletter Ausstieg kaum möglich erscheint. Ich halte ihn auch nicht für hilfreich. Ich habe jedoch tiefen Respekt vor Menschen und Organisationen, die ihr Handeln täglich hinterfragen und prüfen, ob es lebensdienlich ist. Und die innerhalb der bestehenden Systeme nach Möglichkeiten suchen, ethisch und verantwortungsbewusst zu handeln. In diesem Handeln wird es Widersprüche geben, aber ein zunehmend bewusster und hinterfragender Umgang kann zu vielen kleinen Schritten in eine sinnvolle Richtung führen, die in Summe die großen Systeme verändern. In einem Interview beschreibt Frederic Laloux es wie folgt: »Die Welt wird gerettet, weil genügend Menschen vom alten System ins Neue laufen, und irgendwann kippt das System. Und es kippt viel schneller, als wir es erwarten« (Frederic Laloux 2023, Interview).
Für mich gehören dazu u. a. tägliche Kaufentscheidungen. Welche Produkte und Unternehmen möchte ich auf Dauer unterstützen? Welchen Unterschied machen sie in dieser Welt? Kann ich durch meine Entscheidung mit beeinflussen, welche Organisationen und Unternehmen wachsen dürfen und damit auch ihr sinnvoller Beitrag wächst? Bei welchem Unternehmen kaufe ich meinen Strom? Bei welcher Bank liegt mein Geld? Wo kaufe ich Lebensmittel, Reinigungsmittel, Kosmetika und Kleidung? Von wem beziehe ich meinen Mobilfunktarif und wo habe ich mein Handy gekauft? Wie reise ich?
Als Organisationsberaterin gehört für mich zudem die Frage dazu, aus welcher inneren Überzeugung heraus ich Organisationen begleite. Welche Unternehmen begleite ich und welche nicht? Wofür stehen diese Unternehmen? Wohin wollen sie sich entwickeln? Wie können sie in ihrem Bestreben unterstützt werden, einen sinnvollen und gut durchdachten Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten ‒ und dabei selbst gesund zu bleiben? Wie gut kann ich einen Raum halten, der anderen ermöglicht, sinnvolle und mutige Entscheidungen zu treffen?
Die Unternehmen, die in diesem Buch vorgestellt werden, gehen einen Weg, den ich regenerativ nenne. Der Begriff der Nachhaltigkeit ist inzwischen inflationär im Gebrauch, und es ist Kund*innen nicht mehr leicht möglich, herauszufinden, ob es sich um Greenwashing2 oder echte Nachhaltigkeit handelt. In einem Forschungsprojekt der Gilde Agile Organisationsentwicklung sind uns Organisationen begegnet, die sehr tief in die Fragen der nachhaltigen bzw. regenerativen Produktion und Unternehmensführung eingestiegen sind und auch auf anderen Ebenen einen wertvollen Beitrag leisten. Einige von ihnen werden hier im Detail beschrieben.
Während ich dieses Buch schreibe, haben wir global auf der ökologischen Ebene mehrere planetare Grenzen (siehe Kapitel 1.4) überschritten, wodurch eine Klimakatastrophe und eine Umweltzerstörung mit weitreichendem Ausmaß nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Extreme Wetterereignisse häufen sich auch in unseren Breitengraden. Gleichzeitig herrschen Kriege und destabilisieren ganze Regionen. Viele Menschen fühlen sich verunsichert. Im Superwahljahr 2024/25 gewinnen in einigen Ländern populistische und rechtsextreme Parteien an Zulauf ‒ auch in Deutschland. Regierungskoalitionen scheitern (in Deutschland und anderen EU-Ländern). Die USA erleben einen Staatsstreich, der wichtige Institutionen außer Kraft setzt. Soziale Bewegungen, die für einen Wandel in Richtung Klimaschutz und Nachhaltigkeit stehen oder sich für Demokratie einsetzen, werden bedroht und teilweise sogar kriminalisiert. Alles in allem nicht die besten Aussichten.
Ich habe schon in früheren Jahrzehnten darüber nachgedacht, wodurch diese Welt ein besserer Ort werden kann. Am stärksten inspiriert haben mich Initiativen, Organisationen und Menschen, die den Mut haben, Pionierarbeit zu leisten und neue, radikal andere Wege zu gehen, die dem Gemeinwohl dienen. Für mich waren es diese Inseln, die als Wegweiser dienen können, uns inspirieren und zeigen, dass es möglich ist. Daher trifft für mich der Satz von Prigogine genau den Punkt: Die Inseln der Kohärenz sind ungeheuerlich wichtig. Auch wenn sie klein sind und nicht der Mainstream, wird dadurch etwas erlebbar und möglich, was wir vorher noch nicht kannten. Dafür bin ich den Menschen, die diese Organisationen zum Leben erwecken und mit Lebendigkeit füllen, zutiefst dankbar.
Und genau aus diesem Grund schreibe ich dieses Buch. Seit über 25 Jahren in der Organisationsentwicklung tätig, möchte ich in meiner Profession einen Beitrag leisten. Ich bin begeistert darüber, dass es Organisationen gibt, die als Inseln der Kohärenz zeigen, dass eine andere Form des Wirtschaftens und Organisierens möglich ist. Und ich möchte Wege aufzeigen, die es auch anderen Organisationen ermöglichen, regenerativer zu werden.
2 Allgemein versteht man unter »Greenwashing« den Versuch von Organisationen, sich insbesondere durch Maßnahmen im Bereich Kommunikation und Marketing ein »grünes« bzw. »nachhaltiges« Image zu geben, ohne entsprechende, nachhaltigkeitsorientierte Aktivitäten im operativen Geschäft tatsächlich systematisch umzusetzen (http://www.umweltbundesamt.de).
Dieses Buch durchläuft den U-ProzessU-Prozess, basierend auf Theory UTheory U von Otto Scharmer und dem Presencing Institute (Scharmer 2009). Der U-Prozess diente als Rahmen für das in diesem Buch beschriebene Forschungsprojekt und beschreibt ebenso die Lernprozesse für dieses Buch. Ich möchte Dich auf die Reise durch das »U« mitnehmen. Jeder Schritt ist co-kreativ gedacht und soll einen Lernprozess ermöglichen. Jeder Teil trägt daher die Silbe »co« im Titel.
Die Kurve des U-Prozesses folgt dem gelben Pfeil in Abbildung 1. Über eine gemeinsame Intention beginnt der Prozess des Co-Initiating: Wofür begeben wir uns auf den Weg? Was wollen wir bewirken? Zu welchem System (Sektor, Branche) wollen wir einen positiven Beitrag leisten?
Danach folgt die Co-Sensing Phase: Mit einem offenen Geist und Herzen wird es möglich, ein tieferes Verständnis des Systems zu erlangen. Es geht darum, bestehende Annahmen loszulassen und mit allen Sinnen für den Lernprozess offen zu sein ‒ denn nicht alles lässt sich kognitiv erfassen.
Im Herzen der Kurve ist die Presencing Phase, die einen offenen Willen voraussetzt. Es geht darum, emergierende Zukunftsmöglichkeiten in die Welt zu bringen. Hierauf folgen die Co-Creating Phase, in der neue Ideen im Sinne von Prototypen umgesetzt und getestet werden, und die Co-Evolving Phase, in der das Neue in einem größeren Kontext umgesetzt bzw. in die Welt gebracht werden kann.
Der U-Prozess ist besonders wirksam, um neues Wissen zu generieren und, wie Scharmer es formuliert, von einer emergierenden Zukunft zu lernen. Wenn wir nicht auf bestehende Erfahrungen zurückgreifen können, um vorhandene Probleme zu lösen, ist es wichtig, bestehende Lösungswege loszulassen, um Raum für neue, kreative Lösungen zu schaffen.
Die Abbildung zeigt die Presencing Journey von Theory U, welche im Forschungsprojekt angewendet wurde und auch durch dieses Buch führt. In diesem Kapitel befinden wir uns in der Co-Initiating Phase.
Abbildung 1:
Presencing Journey nach Presencing Intitute (Quelle: Eigene Darstellung)
Der U-Prozess lädt auf eine Reise ein, um sich mit offenem Denken, Fühlen und Willen auf einen tieferen Lernprozess einzulassen. Zu Beginn steht die (gemeinsame) Intention: Co-Initiating. Ich lade Dich ein, Deine eigene Intention zu erforschen. Es kann hilfreich sein, Dir dazu eigene Gedanken aufzuschreiben. Das Journaling (im Sinne von »in ein Journal schreiben«) ist ein wichtiger, wiederkehrender Bestandteil im U-Prozess. Es beinhaltet, eigene Gedanken und Gefühle ungefiltert zu Papier zu bringen, um Dich so in Deinem eigenen kreativen Prozess zu unterstützen. Als Anregung hierfür ein paar hilfreiche Fragen:
Was bewegt Dich dazu, dieses Buch aufzuschlagen und diese Zeilen zu lesen?
Auf welcher Suche oder in welchem Lernprozess befindest du Dich gerade?
Welche Antworten möchtest Du in diesem Buch finden?
Was möchte durch Dich in die Welt kommen?
Dieses Buch ist nicht unbedingt linear zu lesen. Nach dem Sogprinzip möchte ich Dich einladen, Dich den Kapiteln zuzuwenden, die bei Dir das größte Interesse wecken. Sollten dabei Unklarheiten auftauchen, ist es immer noch möglich, fehlendes Hintergrundwissen in früheren Kapiteln nachzulesen. Wenn Du beispielsweise direkt zu Kapitel 5, Co-Evolving ‒ Entwicklung regenerativer Organisationen, blätterst, kann es sinnvoll sein, auch in Kapitel 3, Co-Presencing ‒ Muster regenerativer Organisationen oder in Kapitel 4, Co-Creating ‒ Praktiken regenerativer Organisationen, zu lesen, um einen Bezug herzustellen. Dies überlasse ich gerne Deiner Neugierde und dem vorhandenen Vorwissen.
In Kapitel 1, Co-Initiating: Gemeinsame Intention entdecken, setze ich den Rahmen für dieses Buch.
In Kapitel 2, Co-Sensing: Geschichten regenerativer Organisationen, werde ich einige der Unternehmensgeschichten erzählen, die wir kennengelernt haben, um diese Organisationen greifbar und verstehbar zu machen. Ich möchte dadurch verdeutlichen, dass es Unternehmen im bestehenden Wirtschaftssystem möglich ist, auf eine verantwortungsvolle Weise zu wirtschaften. Dabei gehe ich auch auf die persönliche Motivation der Gründer*innen und der Geschäftsführung ein, die für mich ein wichtiger Faktor ist.
In Kapitel 3, Co-Presencing ‒ Muster regenerativer Organisationen, werde ich übergreifende Muster beschreiben, die wir in einem zweijährigen Forschungsprojekt erforscht haben. Diese fassen wichtige Beobachtungen und Hypothesen zusammen, die aus Sensing Journeys zu Unternehmen entstanden sind.
In Kapitel 4, Co-Creating ‒ Praktiken regenerativer Organisationen, beschreibe ich Praktiken und Praxisbeispiele aus verschiedenen Unternehmen, die die Muster verdeutlichen. Auch wenn Praktiken sich in jedem Unternehmen und Kontext unterscheiden, können sie Inspirationen für andere bieten.
In Kapitel 5, Co-Evolving ‒ Entwicklung regenerativer Organisationen, möchte ich Möglichkeiten in Richtung einer Organisationsentwicklung skizzieren, um weitere Organisationen auf einer regenerativen Entwicklungsreise zu unterstützen.
Kapitel 6, Rückblick & Ausblick, beinhaltet in Kürze einen Rückblick auf den regenerativen Prozess des Forschens und Schreibens und einen Ausblick darauf, wie wir gemeinsam ein Feld für regenerative Unternehmenspraktiken aufbauen können.
Dieses Buch soll ein Wegweiser sein für alle, die Organisationen gestalten, begleiten und führen. Denn, um es mit den Worten von Charles Eisenstein zu sagen: »Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich.« (Eisenstein 2017).
Das folgende Kapitel (1.4) erläutert die Begriffe nachhaltig vs. regenerativ. Ich halte es kurz und verweise auf weitere Literatur, da es mir ein Anliegen ist, dieses Buch auf Erkenntnisse aus der Praxis zu fokussieren. Eine umfassende Zusammenfassung der bestehenden Literatur lasse ich bewusst weg und überlasse es Dir, bei Interesse in den genannten bzw. kurz erläuterten Quellen nachzulesen. In Kapitel 1.5 folgt eine Beschreibung des Forschungsprojekts zu regenerativen Organisationen.
»Warum nennt ihr euren Kreis nachhaltig und nicht regenerativ?« Diese Frage im Sommer 2021 hat mich stutzig gemacht. Unsere Freundin Heike Pourian war auf einen Besuch vorbeigekommen. Ich hatte ihr gerade von der Gilde agile Organisationsentwicklung und unserem Kreis für Nachhaltigkeit in der Organisationsentwicklung erzählt (siehe Kapitel 1.5).
Der Begriff der NachhaltigkeitNachhaltigkeit war mir seit Anfang der Neunziger bekannt. Ich hatte Landschafts- und Freiraumplanung studiert und somit den Nachhaltigkeitsgedanken kennengelernt. Nachhaltigkeit besteht aus einem ausgewogenen Verhältnis zwischen ökologischen, ökonomischen und sozialen Belangen. Dieser Begriff ist seit über 35 Jahren bekannt. Was sollte also regenerativ bedeuten? Heike Pourian hatte sich schon vor einigen Jahren dem gesellschaftlichen Wandel verschrieben, und mehrere Bücher herausgebracht. Das letzte Buch »Wenn wir wieder wahrnehmen« (Pourian 2021) handelt u. a. von regenerativen Kulturen, die wir für einen gesellschaftlichen Wandel brauchen. Auch an anderen Stellen wurde ich fündig und brachte dieses Thema in den Nachhaltigkeitskreis ein. Letztlich war Heikes Frage für mich der erste Anstoß, das Thema in der Gilde einzubringen und damit auch der erste Schritt für das darauffolgende Forschungsprojekt.
Im Folgenden erläutere ich den Nachhaltigkeitsbegriff und den derzeitigen Stand der Umsetzung, gefolgt von Definitionen von regenerativen Kulturen und Organisationen.
NachhaltigkeitDer Begriff der nachhaltigen EntwicklungNachhaltige Entwicklung (Sustainable Development) wurde im Jahr 1987 durch den Brundtland Bericht (World Commission on Environment and Development 1987) geprägt, den die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen (»Brundtland-Kommission«) verfasst hat. Auf der ersten Weltumweltkonferenz 1992 in Rio de Janeiro wurde der Nachhaltigkeitsbegriff und die Agenda 21 eingeführt, ein Aktionsprogramm der Vereinten Nationen, das von 178 Staaten ratifiziert wurde.
Auf der Rio-Konferenz hat sich die internationale Staatengemeinschaft auf ein Leitbild zur nachhaltigen Entwicklung geeinigt, welches sich in diesem Modell vereinfacht ausdrückt.
Abbildung 2:
Ebenen der Nachhaltigkeit (Quelle: Eigene Darstellung)
Ökologische, ökonomische und soziale Belange sollen im Einklang miteinander umgesetzt werden. Die Interessen der einzelnen Bereiche sollen nicht auf Kosten voneinander oder auf Kosten zukünftiger Generationen bzw. anderer Regionen der Erde umgesetzt werden. Hierzu ein Zitat des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit:
»Die Ressourcen der Erde werden heute genutzt wie in keinem Zeitalter zuvor. Und das, obwohl sie oftmals nur begrenzt zur Verfügung stehen. Nachhaltigkeit bedeutet, mit den Ressourcen zu haushalten. Hier und heute sollten Menschen nicht auf Kosten der Menschen in anderen Regionen der Erde und auf Kosten zukünftiger Generationen leben. Nachhaltigkeit betrifft alle Bereiche unseres Lebens und Wirtschaftens und ist folglich eine Aufgabe der ganzen Gesellschaft. Das Leitbild verlangt nach einer gesellschaftlichen Entwicklung, die ökologisch verträglich, sozial gerecht und wirtschaftlich leistungsfähig ist. Wir verfügen nur über die eine Erde. Es geht darum, diese Erde auf Dauer und für alle unter lebenswerten Bedingungen bewohnbar zu erhalten. Dabei ist vor allem die Umwelt im Nachhaltigkeitskonzept der limitierende Faktor ‒ nicht nur auf nationaler, sondern auch auf internationaler Ebene.«
Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit
Der Begriff der Nachhaltigkeit wurde seit seiner Einführung vertieft und weiterentwickelt. Es hat einige Maßnahmen und Folgekonferenzen gegeben. Im Jahr 2016 wurden die Sustainable Development Goals (UNRIC 2025) entwickelt und von den Vereinten Nationen anerkannt. Zudem gibt es tiefergehende Modelle als die ursprünglichen, die die planetaren Grenzen als Basis miteinbeziehen. In der Umsetzung fehlte jedoch Ernsthaftigkeit. Trotz steigender Bedeutung durch den fortschreitenden Klimawandel und Umweltzerstörung ist bekannt, dass die bisherigen Aktivitäten und Vorhaben nicht nur nicht ausreichend waren, sondern dass unsere Art zu wirtschaften zu einer zunehmenden Verschlechterung führt. Nach dem Potsdam Institut für Klimafolgenforschung haben wir sechs der neun planetaren Grenzen unserer Erde zum Teil weit überschritten. »Planetare GrenzenPlanetare Grenzen sind für jene neun biophysikalischen Systeme und Prozesse definiert, die das Funktionieren lebenserhaltender Systeme auf der Erde regulieren und damit letztlich die Stabilität und Widerstandsfähigkeit des Erdsystems bestimmen. Diese neun wurden seit ihrer erstmaligen Einführung im Jahr 2009 wissenschaftlich untersucht. Die Untersuchungen deuten darauf hin, dass ein nachhaltiger Umgang, innerhalb der wissenschaftlich definierten Grenzen, der Menschheit gute Chancen bietet, das Erdsystem in einem Holozän-ähnlichen Zustand zu erhalten, der für die menschliche Entwicklung förderlich ist« (Potsdam Institut für Klimafolgenforschung 2024).
Abbildung 3:
Planetare Grenzen (Quelle: Potsdam Institut für Klimafolgenforschung 2024)
Noch um die Jahrtausendwende3 hätte womöglich ein reiner Fokus auf eine ökologische Nachhaltigkeit, im Sinne einer Erhaltung bestehender Ökosysteme, als ausreichend angesehen werden können. Doch die weiterhin steigenden Treibhausgase, das zunehmende Artensterben sowie der stetige Verlust unserer Biodiversität verdeutlichen, dass wir Menschen einer notwendigen Form der Ressourcen-Nutzung bis heute nicht gerecht werden.
In ähnlicher Weise haben internationale Vereinbarungen nicht ausreichend dazu beigetragen, dass unsere Wirtschaftsweise für globale soziale Gerechtigkeit sorgt. Die Schere zwischen Arm und Reich ist global gesehen stetig größer geworden. Auch in Europa, wo der Mittelstand zur größten Schicht der Bevölkerung gehört, haben wir zunehmend mit sozialer Ungleichheit und den daraus resultierenden Auswirkungen zu tun. Im globalen Süden stellt die soziale Ungleichheit innerhalb der Länder sowie auch im Vergleich zum globalen Norden eine immer größere Belastung für große Teile der Bevölkerung dar.
Unser aktuelles Wirtschaftssystem stellt eine Bedrohung für unser langfristiges Überleben auf diesem Planeten dar. Ein auf Wachstum basierender KapitalismusKapitalismus, kann auf einem begrenzten Planeten nicht dauerhaft funktionieren (Herrmann, U. 2022). Schon im Jahr 1972 wiesen renommierte Wissenschaftler*innen des Club of RomeClub of Rome darauf hin, dass es Grenzen des WachstumsGrenzen des Wachstums gibt (Meadows et al 1972). Mittels Computersimulationen wurde berechnet, welche massiven Auswirkungen grenzenloses Wirtschaftswachstum über die Jahrzehnte haben würde. In den Schlussfolgerungen wird u. a. benannt:
»Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht (Meadows et al. 1972, S. 17). (…) Unsere gegenwärtige Situation ist so verwickelt und so sehr Ergebnis vielfältiger menschlicher Bestrebungen, daß keine Kombination rein technischer, wirtschaftlicher oder gesetzlicher Maßnahmen eine wesentliche Besserung bewirken kann. Ganz neue Vorgehensweisen sind erforderlich, um die Menschheit auf Ziele auszurichten, die anstelle weiteren Wachstums auf Gleichgewichtszustände führen. Sie erfordern ein außergewöhnliches Maß von Verständnis, Vorstellungskraft und politischem und moralischem Mut. Wir glauben aber, daß diese Anstrengungen geleistet werden können, und hoffen, daß diese Veröffentlichung dazu beiträgt, die hierfür notwendigen Kräfte zu mobilisieren.«
Meadows et al 1972, S. 172 f.
Von Seiten der Politik wurden diese Prognosen wenig beachtet mit der Begründung, dass technische Innovationen unsere Probleme lösen werden. Wir wissen heute, dass dies nicht der Fall war. Technische Neuerungen, die beispielsweise eine ressourcenschonendere Produktion ermöglichten, haben durch den Rebound-Effekt zeitgleich zu einer Steigerung der Produktion geführt ‒ die Ressourceneinsparungen also wieder zunichte gemacht (Göpel 2020, S. 88 f.). Während die Automobilindustrie beispielsweise sparsamere Motoren herstellen kann, fahren wir Menschen immer größere Autos mit höherem Verbrauch. Gleichzeitig produziert die globale Industrie Produkte mit geringerer Lebensdauer, der sogenannten Sollbruchstelle, um sich langfristige Absatzmärkte zu erhalten. Diese Praktiken stehen im Dienste des individuellen Profits und entgegen einer Nachhaltigkeit oder Gemeinwohlorientierung.
Im Nachfolgewerk des Club of RomeClub of Rome mit dem Titel Earth for AllEarth for All, welches 50 Jahre später im Jahr 2022 erschien, werden Lösungsvorschläge für die aktuellen Krisen beschrieben (Club of Rome 2022). Fünf außerordentliche Kehrtwenden sollen einen Kollaps der ökologischen und sozialen Systeme vermeiden oder zumindest verringern. Die Kehrtwenden beziehen sich auf folgende Punkte:
die Armut im globalen Süden beenden,
grassierende wirtschaftliche Ungleichheit aufheben,
eine regenerative und naturverträgliche Landwirtschaft,
eine umfassende Energiewende,
die Gleichstellung der Frauen.
Diese Kehrtwenden sollen dazu beitragen, dass wir vom »Winner take all-Kapitalismus« zu »Earth for all-Ökonomien« transformieren. Trotz zunehmender Beachtung der aktuellen globalen Situation, sind die von politischer Seite begonnenen Reformen und Regulierungen nicht ausreichend, um den massiven Problemen zu begegnen. Sie erinnern an das Szenario, dass in der Earth for all-Publikation als »too little too late« bezeichnet wird (zu wenig zu spät).
Aufgrund der akuten Situation und des gestiegenen Umweltbewusstseins werben viele Unternehmen mit nachhaltigen Praktiken, Klimaschutz oder sozialer Verantwortung. Es bleibt den Kund*innen überlassen, herauszufinden, wie wirksam diese sind. Viele Begriffe sind nicht geschützt und werden zunehmend inflationär behandelt. Kund*innen können ihr Gewissen beruhigen, ohne zu erfahren, wie die genannten Praktiken in der Realität ausgestaltet sind.
Die oben genannten Probleme weisen darauf hin, dass ihre Ursachen nicht in den Konzepten der Nachhaltigkeit zu finden sind. Sie liegen in unserem neoliberalen Wirtschaftssystem, in dem wirtschaftliche Interessen nicht ausreichend mit sozialen oder ökologischen Belangen ausbalanciert werden müssen. Unternehmen werden kaum für die Auswirkungen ihrer Wirtschaftsweise verantwortlich gemacht. Ein gestiegenes Bewusstsein um die Belange der Nachhaltigkeit hat zudem zu einer inflationären Nutzung des Begriffs geführt. Ein paar Gramm weniger Plastik in der Colaflasche werden schon als klimafreundlich bezeichnet. Nachhaltig zu handeln, bedeutet für viele Unternehmen, weniger Schaden anzurichten. Gesetzliche Vorgaben werden teilweise kleinschrittig erfüllt, ohne ganzheitlich auf das Thema zu schauen.
Genauer betrachtet, wird das Wort Nachhaltigkeit nicht nur inflationär behandelt, es passt von der Begrifflichkeit nicht mehr. Wenn schon planetare Grenzen überschritten wurden, können wir nicht mehr auf eine Nachhaltigkeit im Sinne einer Erhaltung bestehender Ökosysteme sprechen. Es braucht viel mehr eine Wiederherstellung, also eine Regeneration dieser Ökosysteme.
»The major problems in the world are the result of the difference between how nature works and the way people think.«
Gregory Bateson
Als Studentin in den 1990 er Jahren war ich noch begeistert von der Idee, dass der Dreiklang von Ökologie, Ökonomie und Sozialem zu einer nachhaltigen Welt beitragen könnte. Auch wenn ich schon damals Zweifel an der erfolgreichen Umsetzung hatte, war mir das Prinzip schlüssig und hilfreich. In einem Gespräch mit Kolleg*innen vor einigen Jahren merkte ich, dass das Modell mit den drei getrennten Bereichen für mich nicht mehr stimmig ist. Es drückt eine Trennung aus, die besagt, dass der Mensch getrennt sei von der Natur und von der Wirtschaft. Die Natur, also die ökologischen Belange, wird dadurch als etwas anderes gesehen, das wir schützen können. Es wird dabei nicht anerkannt, dass wir Menschen selbst biologische Wesen und damit Natur sind. Dadurch wird auch nicht benannt, dass wir, mit der Zerstörung unserer natürlichen Umwelt, unsere Lebensgrundlage und damit uns selbst zerstören. Ebenso wird die kapitalistische Ökonomie wie eine Naturwissenschaft behandelt, die ihre eigenen Gesetze und Belange hat. Es wird notwendig sein, unsere Wirtschaftsweise grundlegend zu überdenken, um sie den planetaren Grenzen und echten sozialen Bedürfnissen anzupassen ‒ und damit zu den o. g. »Earth for all«-Ökonomien zu gelangen.
Für mich ist der erste Schritt dahin eine Aufhebung der Trennung in unserem Bewusstsein. Oder, wie Charles Eisenstein es beschreibt, die Geschichte der Separation hinter sich zu lassen, um in die Geschichte des Interseins oder des InterbeingInterbeing hineinzuwachsen (Eisenstein 2017, S. 2). Dieser Begriff wurde von dem vietnamesischen Zen Meister Thich Nhat Hanh4 geprägt. Die Ubuntu-Philosophie aus dem südlichen Afrika geht in eine ähnliche Richtung und wird oftmals mit dem isiXhosa-Spruch »eine Person ist eine Person wegen anderer Personen«5 verdeutlicht. Ich glaube, dass ein wichtiger Schlüssel für die Lösung unserer Probleme darin liegt, uns selbst und die Welt wieder als verbunden anzuerkennen.
Hier setzt der Begriff der RegenerationRegeneration an. Eine regenerative KulturRegenerative Kultur hebt die Trennung zwischen Ökologie, Ökonomie und Sozialem auf, die wir Menschen geschaffen haben. Aus einem Verständnis der Verbundenheit und Interdependenz mit allen Lebewesen auf der Erde können neue Formen des Lebens und Wirtschaftens entstehen, die den Menschen als Teil von einem größeren Ökosystem betrachten. Diese Weltsicht geht mit der System- und Komplexitätstheorie einher und ist auch in spirituellen Lehren wie dem Buddhismus oder in einer holistisch-integralen Haltung beheimatet. Es erwächst ein Verständnis daraus, dass ich nicht anderen Lebewesen Schaden zufügen kann, ohne mir selbst Schaden zuzufügen. Im Gegenzug kann ich durch eine liebevolle Haltung allem Leben gegenüber auch mit mir selbst liebevoll umgehen.
Aus dieser Weltsicht heraus können wir unsere Lebensgrundlagen nicht als Rohstoffquellen und Dienstleistungen ansehen, und auch nicht unsere Umwelt bzw. andere Länder als Mülleimer für unseren Abfall und Emissionen. Wir können auch nicht mehr unseren materiellen Wohlstand auf der Basis von sozialer Ungerechtigkeit und Ausbeutung begründen. Und ebenso wenig in einem System funktionieren, das uns Menschen in eine Selbstoptimierung für mehr Leistung drängt. Regenerative Kulturen beziehen diese Themen ein und entwickeln lokal und kulturell angepasste Lösungen, die auf allen Ebenen regenerativ sind. Jeder Kontext bedarf eigener Lösungen und damit verbundener Lernprozesse, um diese zu finden.
Der Begriff der regenerativen Kulturen wurde u. a. von Daniel Christian Wahl mit seinem 2016 erschienenen Buch »Regenerative Kulturen gestalten« geprägt. Er beschreibt den Begriff regenerativ in einer Online-Publikation (Wahl 2022) wie folgt: »Regenerative Ansätze sind immer darauf bedacht, aus der biokulturellen Einzigartigkeit jedes Ortes und jeder Region heraus neue Wege zu finden, die zur systemischen Gesundheit und dem Mehrwert für den Menschen und das Leben als Ganzes beitragen. Das Ziel ist nicht nur, unseren negativen Einfluss auf null zu reduzieren, sondern net-positive oder regenerative Praktiken zu schaffen, welche die ökologischen, sozialen, und regionalwirtschaftlichen Schäden der Vergangenheit wieder sanieren.«
Er fügt hinzu: »Wir müssen schnellstens von degenerativen, ausbeutenden, und zerstörerischen Verhaltensmustern zu regenerativen, co-kreativen, und heilenden Einflüssen auf Gesellschaft und das Leben wechseln« (Wahl 2019).
In diesem Zusammenhang haben die Nachhaltigkeit und alle damit verbundenen Aktivitäten natürlich weiterhin ihre Relevanz. Dennoch zeigt die Abbildung von Daniel Wahl, verbunden mit dem aktuellen Zustand unserer ökologischen und sozialen Systeme, wie notwendig ein regeneratives Handeln geworden ist.
In Abbildung 4 ist ein Wirtschaften im konventionellen, legalen Rahmen nach wie vor degenerativ, da es sich beispielsweise fossiler Energien bedient, endliche Ressourcen aus unserer natürlichen Umwelt extrahiert und ihr dabei Schadstoffe zuführt. Der nächste Schritt in Richtung einer relativen Verbesserung (grün) besteht darin, effizienter zu wirtschaften, um den Schaden zu verringern. Hier wird eher fragmentiert vorgegangen und beispielsweise quantitativ berechnet, wieviel CO2 sich durch eine leichtere Verpackung einsparen ließe – ohne das Material selbst oder den Inhalt infrage zu stellen. Nachhaltig zeigt einen neutralen Zustand, der einen Status quo erhält. Erst in der rechten Bildhälfte beginnt eine restaurative (Menschen gestalten die Natur) und regenerative (Menschen gestalten als Natur) Haltung. Hier geht es um eine Verbundenheit mit allem Leben und ganzheitliche Sichtweise der Systeme, die es uns ermöglichen, gut durchdachte, lebensdienliche Wirtschafts- und Lebensweisen zu entwickeln.
Abbildung 4:
Regenerative Kulturen gestalten (Wahl 2019)
Heike Pourian beschreibt einen Weg in regenerative Kulturen: »Es geht darum, dass das Heilsame integraler Bestandteil unserer Vorstellung vom Leben wird, indem wir unser lineares Weltbild, unsere gängige Vorstellung von Zeit, loslassen und uns wieder dem Zyklischen anvertrauen. Dann können wir Menschen ein Segen für diesen Planeten sein und nicht Fluch.« Und sie fährt fort: »Wie können wir unser Leben voll und ganz dem einzigen Auftrag widmen, der heute Sinn ergibt ‒ Verletztes heilen und dabei auf dem Kompost der alten Welt ein Leben gedeihen lassen, das den Namen verdient? Die Kulturen, die jetzt entstehen dürfen, werden sich aus dem Hinhören entwickeln. Sie orientieren sich an den sozialen, ethischen, geoökologischen, klimatischen, historischen Gegebenheiten des jeweiligen Ortes und an seinem einzigartigen Potenzial« (Pourian 2021, S. 207 f.).
Diese Beschreibungen gehen weit über einen reinen Fokus auf Zielkriterien und technologische Möglichkeiten hinaus und führen uns zu Fragen über unser derzeitiges Weltbild, und wie wir uns selbst darin wahrnehmen. Aus dieser Perspektive ist Nachhaltigkeit ein Verständnis zum Umgang mit Ressourcen, während Regeneration dieses Verständnis um eine (intuitive) Verbindung mit der Komplexität des Lebens erweitert.6
