Die Rosen von Fleury - Jean Rémy - E-Book
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Die Rosen von Fleury E-Book

Jean Rémy

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Beschreibung

Das verträumte «Rosenstädtchen» Fleury-sur-Azurain im Périgord erwacht jäh aus seinem Dornröschenschlaf, als es von immer mehr Brautpaaren als romantische Location für ihre Hochzeit entdeckt wird. Der «Heiratsboom» ist vielen Bewohnern hochwillkommen, nicht aber der Landadelsfamilie Bricassart im Château auf dem Hügel über der Stadt. Auch die junge Engländerin Emily landet eines Tages in Fleury – nicht, um zu heiraten, sondern um das Erbe ihrer Tante anzutreten: ein heruntergekommenes Manoir. Warum nicht ein kleines Hotel für frisch verheiratete Paare daraus machen? Doch vom Schloss ziehen dunkle Wolken heran, die nicht nur Emilys großes Projekt gefährden, sondern auch ihre sich stürmisch entwickelnde Liebe zu Jean-Luc, dem Sohn des Barons …

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Seitenzahl: 556

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Jean Rémy

Die Rosen von Fleury

Roman

 

 

 

Über dieses Buch

Das Städtchen Fleury-sur-Azurain in der Dordogne gilt als romantische Hochzeits-Location. Viele der Bewohner profitieren vom «Hochzeitsgeschäft», anderen ist es ein Dorn im Auge – vor allem den de Bricassarts, einer Landadelsfamilie, deren Chậteau auf dem Hügel über der Stadt thront. Als die junge Engländerin Emily nach Fleury kommt, weil sie ein verfallenes Manoir geerbt hat, macht sie - vom Hochzeitstrubel angesteckt - ein kleines Hôtel daraus, das frisch verheiratete Paare und illustre Gäste beherbergen soll. Doch vom Chậteau ziehen dunkle Wolken heran: Die de Bricassarts erheben Anspruch auf Emilys Manoir – und das ausgerechnet jetzt, da sich zwischen Emily und Jean-Luc, dem Sohn des Barons, eine ganz besondere Liebesgeschichte entspinnt…

Vita

Jean Rémy ist ein Pseudonym; der Autor ist in Deutschland zu Hause. Das Périgord fasziniert ihn mit seiner vielfältigen Natur, seiner mittelalterlichen Vergangenheit, den charmanten Dörfern und kulinarischen Genüssen – und hat ihn zu diesem Roman um das fiktive Städtchen Fleury-sur-Azurain inspiriert.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, April 2021

Copyright © 2021 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg

Redaktion Elisabeth Mahler

Kartenillustration Markus Weber, Guter Punkt

Covergestaltung Christina Krutz

Coverabbildung 123RF, iStock

ISBN 978-3-644-00550-1

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Erster TeilDie Freundinnen

VorspielIsabelle Améry feiert Hochzeit, aber nicht ihre eigene (leider).

Das Feuerwerk war der Höhepunkt. In immer neuen Kaskaden schossen die Raketen hoch in die Luft und zauberten Sterne, explodierende Sonnen, funkelnden Sprühregen und phantastische Gespinste aus Gold und Silber, Rot, Gelb und Weiß in den azurblauen Abendhimmel. Doch damit nicht genug – das Spektakel wirkte wie orchestriert, es war perfekt abgestimmt auf die Musik, die laut über den Marktplatz von Fleury-sur-Azurain schallte. Wohl die Lieblingslieder der beiden, dachte Isabelle Améry, als sie staunend das knallige Spiel der Farben und Formen verfolgte. Ein paar klassische Stücke, ein paar beliebte Songs.

Sie hatte sich auf die Balustrade der Terrasse des Cerf Blanc gesetzt und ließ die Beine baumeln. Ein Logenplatz mit bester Aussicht auf das Brautpaar, das sich auf der Freitreppe vor dem Rathaus aufgestellt hatte, umrahmt von beiden Elternpaaren und dem Bürgermeister in vollem Ornat und mit stolzgeschwellter Brust. Die Trauzeugen, ein paar enge Freunde und Ehrengäste. Mehr fanden auf der kleinen Freitreppe vor der Mairie von Fleury-sur-Azurain keinen Platz. Alle anderen Hochzeitsgäste sowie eine fast unüberschaubare Menge an Zuschauern standen auf dem großen Platz davor und reckten entweder ihre Köpfe oder ihre Smartphones nach oben, was etwas kurios aussah, wie sie fand. Als erwarteten sie die Ankunft eines Engels.

Dabei stand der «Engel» bereits vor ihnen. Hélène Géricault sah atemberaubend aus in ihrem raffiniert geschnittenen und doch traditionellen Brautkleid, das nichts von seinem strahlenden Weiß verloren hatte, seit sie mit dem Mittagsläuten in der Kirche Notre Dame des Roses Einzug gehalten hatte wie eine Königin auf dem Weg zur Krönung.

Der Beifall und die «Ahs» und «Ohs» der Menge nahmen kein Ende, wurden immer wieder befeuert von den Feuerwerkskörpern, die strahlend, pfeifend und knallend ans Firmament schossen und farbensprühend zerplatzten. Isabelle suchte Hélènes Blick und schickte ihrer Cousine ein Luftküsschen. Hélène bedankte sich mit einem strahlenden Lächeln und einem Augenzwinkern, in dem man ein Merci! lesen konnte. Isabelle war plötzlich unbändig stolz auf sie. Und auf sich.

«Wunderschön, nicht wahr?» Isabelle brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass es Rosalie Fontaine war, die sich auf der Terrasse an ihre Seite vorgearbeitet und neben sie gesetzt hatte. Ihr gehörte das Blumengeschäft Les Fleurs de Fleury gleich neben Isabelles Papeterie, und sie sahen sich fast tagtäglich.

Isabelle nickte unbestimmt. «Sie sehen toll aus, deine Rosen …», sagte sie und wies auf den Bogen, der den Eingang des Rathauses schmückte.

«Ach, das meiste haben sie doch selber mitgebracht oder importiert. Außer den Rosenbogen dort und die Blumendekoration in der Kirche. Der Tischschmuck beim Diner ist auch nicht von mir gewesen.»

«Du bist trotzdem genial, Rosalie», meinte Isabelle, um etwas Nettes zu sagen, und bemerkte, wie sich der Teint ihrer Nachbarin vor lauter Freude färbte. «Und nichts passt besser zu unserer Rosenstadt Fleury als dein bezaubernder Laden.»

«Ach, Isabelle, du bist lieb. Danke schön. Es ist wirklich einmalig hier, nicht wahr? Und das haben wir einzig und allein dir zu verdanken.»

«Ja, einmalig … So etwas werden wir nie wieder erleben.»

In diesem Punkt sollte sie sich allerdings täuschen. Gründlich täuschen …

1Emily Bennett besucht die kleine Stadt im Périgord, aber nicht, um Urlaub zu machen.

Das Erste, was Emily Bennett sah, als sie aus dem roten Cabrio stieg, das sie auf dem Parkplatz am Stadtrand abgestellt hatte, war ein Hund. Ein kleiner braun-weißer Jack Russell Terrier, wie ihr schien, der sich direkt vor die Tür ihres Mietwagens gesetzt hatte und sie mit schief gelegtem Kopf erwartungsvoll anblickte. Und der den Wunsch nach Abwechslung oder Bewegung, den er zweifellos zu haben schien, gleich in die Tat umsetzte. Denn sobald Emily ein paar Schritte machte, folgte ihr der Hund, als gehöre er zu ihr oder sei eigens hergekommen, um sie zu begrüßen. Er lief neben ihr her, sie immer wieder um Aufmerksamkeit anbettelnd, als kenne er ihr Ziel. Dabei hatte Emily gar kein Ziel. Sie wollte den Tag entspannt verbringen, ziellos umherflanieren und Eindrücke aufnehmen. So wie man es vielleicht am ersten Ferientag an seinem Urlaubsort tut, noch voller diffuser Erwartung, jedoch kaum zu bändigender Vorfreude.

Es erschien ihr wie ein gutes Zeichen. Sie war noch keine fünf Minuten in Fleury und hatte schon einen Freund gewonnen.

Die Nacht zuvor hatte sie in einem Landhotel in Périgueux verbracht. Eigentlich lag es gar nicht auf dem Land, das kleine Hotel mit seinen vielleicht zwanzig Zimmern, sondern mitten in der Provinzhauptstadt, war jedoch mit farbenfrohen Stoffen und Tapeten so atmosphärisch und stimmungsvoll eingerichtet, als habe es sich von Country Homes inspirieren lassen. Bereits wenige Minuten nach ihrer Ankunft hatte Emily das Gefühl, dass sich die weite Anreise aus England gelohnt haben könnte. Die Unaufgeregtheit und die Freundlichkeit der Menschen hier boten geradezu ein Kontrastprogramm zu der Hektik ihres überdrehten Lebens in London. Sie atmete auf … und tief durch. Schon der Blick aus dem Fenster, der in einen kleinen Garten mit entzückenden weiß gestrichenen Eisentischen und -stühlen sowie geschmackvollen Blumenarrangements fiel, wirkte entspannend.

Sie war gleich nach dem Frühstück aufgebrochen. Eine gewisse Neugier auf das eigentliche Ziel ihrer Reise war doch allzu mächtig und ließ sich nicht mehr beschwichtigen. Fünfzig Kilometer Fahrt auf der Landstraße bei offenem Fenster und warmer Morgenluft, die einen heißen Frühsommertag erwarten ließ, steigerten Emilys Vorfreude auf ein Abenteuer, wie sie es sich immer wieder ausgemalt hatte, seit sie den unerwarteten Brief aus ihrem Briefkasten gezogen hatte. Einen knisternden Umschlag mit zwei Bogen feinem Kanzleipapier, die es in sich hatten.

Der Absender – Maurice Ulian, Notar – war ihr unbekannt. Der Ort, aus dem er ihr schrieb, allerdings nicht: Fleury-sur-Azurain. Emily hatte keine Ahnung, was er von ihr wollte, als sie den Brief öffnete, und erlebte eine wahre Überraschung. Monsieur Ulian teilte ihr in seiner Funktion als Nachlassverwalter mit, sie sei die alleinige Erbin ihrer jüngst verstorbenen Tante Hermione, und um das nicht näher erläuterte Erbe anzutreten, sei es unerlässlich, dass sie persönlich bei ihm vorspreche. «Sobald es Ihre Zeit erlaubt», wie er nonchalant angefügt hatte.

Hermione hatte jahrzehntelang in Fleury gelebt, die letzten Jahre als Witwe, allein. Emily biss sich auf die Lippen, schloss die Augen. Sie empfand die Tränen, die die Erinnerung ihr in die Augen trieb, weniger bedrückend als die Scham darüber, dass der Kontakt zu ihrer Tante in den letzten Jahren nahezu zum Erliegen gekommen war. Früher hatte sie Hermione immer zu Weihnachten einen Gruß und zu ihrem Geburtstag einen Glückwunsch geschickt. Doch dann hatte sie es irgendwann einfach vergessen. Die besonders hektischen Zeiten in ihren verschiedenen Jobs, die aufwendigen Pressekampagnen, dann die Schwärmerei, die sich schließlich zu einer großen, unglücklichen Liebesgeschichte mit einem der wichtigsten Schriftsteller des Vereinigten Königreichs ausgewachsen hatte, der Ausnahmezustand, den heftige Verliebtheit nun einmal zur Folge hat, das hatte alles andere völlig in den Hintergrund gedrängt. Auch Hermione und ihren Geburtstag im Mai, der Emily ansonsten immer ein paar Zeilen wert gewesen war.

Hermione hatte nicht nur bei ihrer Schwester, Emilys Mutter, als «schwarzes Schaf» der Familie gegolten. In den sechziger Jahren war sie mit irgendeinem obskuren französischen Comte aus dem grauen, kalten Nachkriegslondon und den beengten Verhältnissen ihrer Lebensumstände ins zweifellos sonnendurchflutete Périgord geflüchtet. Und hatte dort – wie jedermann vermutete – ein ziemlich zügelloses Leben geführt. Was wiederum dazu führte, dass sich auch Hermione um ihre «ignoranten Verwandten», wie sie sie nannte, nicht mehr kümmerte.

Es war lange her, dass Emily sie zuletzt gesehen hatte. Dreizehn Jahre, um genau zu sein. Sie bewunderte die Unabhängigkeit und den Eigensinn ihrer Tante, aber Hermione wohnte einfach zu weit entfernt und war nicht zu bewegen gewesen, wieder mal nach England zu kommen. Emily ihrerseits zog nichts ins Périgord, das landschaftlich wunderschön war, aber für eine metropolitane junge Engländerin von geradezu erschütternder Langeweile. Mit siebzehn Jahren war sie dort gewesen, das erste und zugleich das letzte Mal. Nach der Trennung von Henry – ihrem zunächst schüchternen, dann eifrigen, schließlich jedoch überdrüssigen Freund – war sie der Einladung ihrer Tante, die Sommerferien bei ihr zu verbringen, gefolgt. Die lebenserfahrene Hermione hatte es vermocht, den ersten großen Liebeskummer ihrer Nichte zu lindern, und sie dann gut bekocht und aufgepäppelt, jedenfalls gesund und munter nach Portsmouth zurückgeschickt. Dort – und später in London – führte Emily ihr eigenes Leben, turbulent und unbekümmert, wie es junge Leute eben tun. Die Verbindung zu Hermione hielt sie nur sporadisch aufrecht.

Und nun eine Erbschaft im Périgord? Was konnte das sein? Woraus das «Vermögen» bestand und wie groß es war, hatte «Monsieur le Notaire» in seinem Brief unerwähnt gelassen. Das bot Anlass zu allerhand Spekulationen und Spinnereien, doch Emily dämpfte die vermutlich allzu großen Erwartungen, die in ihr aufstiegen wie Wasserkaskaden. Hermione hatte in einer kleinen Wohnung am Marktplatz von Fleury gewohnt, und ein größerer Luxus war Emily nicht aufgefallen. Vielleicht war ein bisschen Geld übrig geblieben? Doch selbst das erschien ihr unwahrscheinlich.

So verspürte sie zunächst auch gar keine große Lust, sofort aufzubrechen, wie es der Brief ihr nahelegte. Andererseits befand sie sich seit Wochen in einer ziemlich labilen Verfassung, seit ihr PR-Job für einen Buchverlag sie zu langweilen begann und ihre jüngste Beziehung – zu Jonathan Fairlie, den sie wochenlang auf einer großen Lesereise begleitet hatte – in die Brüche gegangen war.

Außerdem musste sie ohnehin nach Fleury, dann konnte sie es auch gleich hinter sich bringen. Irgendwie, dachte sie, scheint es mein Schicksal zu sein, dass mich zerbrochene Liebesbeziehungen letzten Endes immer nach Fleury-sur-Azurain führen.

Was also hielt sie noch in London?

Kurz entschlossen hatte Emily sich eine Auszeit genommen und Bahntickets für eine kleine Tour durch Frankreich gebucht, an deren Ende sie in Fleury das ominöse «Erbe» in Empfang zu nehmen gedachte. In Bergerac hatte sie einer plötzlichen Laune nachgegeben und einen geradezu verwegenen Mietwagen gechartert, ein rotes Alfa-Romeo-Cabrio. Unternehmungslustig und wie befreit hatte sie begonnen, die Tage im Südwesten Frankreichs zu genießen.

Der kleine, lebhafte Terrier schien wirklich ein gutes Omen zu sein. Emily neigte nicht zur Zeichengläubigkeit, doch der Hund, der neben ihr herlief, als wolle er ihr die Schönheiten und Besonderheiten seiner Stadt zeigen, ließ sich nicht abwimmeln. Sie versuchte es mit begütigenden Worten, schließlich aber lachte sie und ließ es zu. Er würde schon wissen, wo sein Zuhause war. Warum ihm nicht das kleine Abenteuer gönnen?

«Wie heißt du denn?», fragte Emily, doch der Hund blickte sie nur an, nicht einmal ein «Wuff» gab er von sich. «Okay, dann nenne ich dich Hund.» So wie Holly Golightly in Frühstück bei Tiffany ihre Katze einfach Kater genannt hatte.

Vergeblich kramte Emily in ihrem Gedächtnis nach Erinnerungen ihres Fleury-Aufenthalts vor dreizehn Jahren. Sie waren längst verblasst wie Fotos, die zu lange im Hellen liegen und allmählich ihre Farbe verlieren. Sie erinnerte sich noch vage an die schmalen Gässchen, die zumeist kleinen Häuser und Gärten, die mittelalterliche Enge der Stadt, die nur von dem großen Marktplatz mit dem Rathaus und der Kirche, aufgebrochen wurde. Noch immer wirkte Fleury verschlafen, wie eine Kulisse für einen Kostümfilm, der längst abgedreht worden war.

Emily blickte sich um. In den an einer Seite des Platzes verlaufenden Arkaden mit ihren charakteristischen Rundbögen befanden sich noch immer Geschäfte, Cafés, kleine Handwerksbetriebe. Eine winzige Buchhandlung, die auch Papeterie und Zeitschriften anbot. Ein Blumenladen – Les Fleurs de Fleury – mit einer jungen rotwangigen Floristin inmitten ihres Blütenmeers. Eine Boulangerie, die den entzückenden Namen La Fée du Sucre trug und deren Auslage die pure Verführung war. Neben der Mairie ein großer Gasthof, davor eine Terrasse, unbezweifelbar das gesellschaftliche Zentrum dieser Stadt. Und gegenüber, gleichsam als Kontrapunkt, ein winziger Eissalon, der mit ein paar Wimpelchen und gerade mal zwei Tischchen vor der Tür zur Erfrischung einlud.

Emily fand sogar das Haus wieder, in dem ihre Tante gewohnt hatte, als sie sie damals besuchte. Es lag dem Gasthof schräg gegenüber, neben der Papeterie, und bot vom Wohnzimmerfenster eine phantastische Aussicht über den gesamten Platz. Auf ihre Frage, warum sie nicht bei ihrem Freund, dem Comte, wohnte, hatte Hermione nur gekichert und ein Bonmot zum Besten gegeben: «Die Liebe, mein Täubchen, lebt von der Entfernung der Liebenden.» Nicht dass Emily das verstanden hätte, schließlich war sie erst kürzlich verlassen worden und hielt jede Entfernung zwischen Liebenden für das größte Unglück. Doch Hermione hatte seit jeher einen Hang zu geistreichen Sprüchen gehabt, die manchmal sarkastisch sein konnten, zumeist aber voller Lebenserfahrung waren. Den ominösen Comte, dessen Name ihr entfallen war, hatte Emily den ganzen Sommer über nicht zu Gesicht bekommen.

Und wohin mochte es wohl Isabelle verschlagen haben? Sie waren fast gleichaltrig, und es hatte sich eine Ferienfreundschaft zwischen den beiden Mädchen entwickelt, die für drei, vier Wochen unzertrennlich gewesen waren, dann jedoch beide die in jenem Alter unüberwindbare Entfernung akzeptieren mussten. Auch diese so lebhafte Beziehung war schließlich eingeschlafen. Isabelle hatte nur ein Haus weiter über der kleinen Papeterie gewohnt, die von ihrer Mutter geführt worden war. Sicherlich war sie inzwischen längst glücklich verheiratet, hatte zwei Kinder, einen Job und ein glückliches Leben – womöglich gar nicht mehr im verschlafenen Fleury, sondern im aufregenden Paris.

Auch die Erinnerungen an Isabelle waren etwas verblasst. Doch das Fleury-Gefühl war noch da – ein Gefühl der Lebensfreude, der Unbeschwertheit, das sie nach ihrer Pubertät zum ersten Mal überhaupt in ihrem Leben empfunden hatte, hier bei Hermione und Isabelle.

Langsam schlenderte Emily über den Marktplatz, ging durch den Bogen eines mächtigen Stadttors, in welchem sich eine kleine Trafik mit Tabak, Wein und sogar Schokolade befand, kaufte dort bei einem mürrischen Gauloises-Raucher eine Schachtel Zigaretten und einen Stadtprospekt und lief durch die Straßen und Gassen eine Anhöhe hinauf.

Vor einem großen schmiedeeisernen Tor blieb sie stehen. Und hier verlor sie den Hund, ihren bis dahin treuen Begleiter, der sich nun durch das Gitter zwängte und die Auffahrt hinauflief, als gelte es, der Herrschaft die Ankunft von Lady Emily Bennett anzukündigen. Hinter großen Bäumen, mitten in einem Park, blitzte das Schloss auf: ein dreistöckiger, gestreckter Bau, hellgelb gestrichen, mit Flügeltüren und –fenstern wie aus dem Bilderbuch. Wie hieß noch mal die Familie, die hier wohnte? Auch das war im Nebel des Vergessens versunken.

Nach zwei Stunden hatte Emily das Gefühl, das gesamte Städtchen durchstreift und alles gesehen zu haben, was es überhaupt zu sehen gab. Sie setzte sich an einen der runden Eisentische, die vor der Bäckerei aufgestellt worden waren, und bestellte einen Café crème und ein Fruchttörtchen, das ihr die Boulangère mit Nachdruck empfohlen hatte. Sie rauchte eine Zigarette, ließ den Blick über den Marktplatz schweifen und fühlte sich … angekommen. Mit einem Mal empfand sie Vorfreude auf das Gespräch mit dem Notar, das für den Vormittag des nächsten Tages vereinbart war.

Sie schlug den kleinen Stadtprospekt auf. Schöne Fotos, ein kleiner Stadtplan und ein launiger Text, den sie mit Vergnügen las.

«Damit Sie verstehen, wie die Menschen in Fleury-sur-Azurain ticken, sollen Sie etwas erfahren über die Region Aquitaine, Département Dordogne. Wenn Sie sich Frankreich wie einen menschlichen Oberkörper vorstellen, der kurz vor seinen unaussprechlichen Regionen endet (also an der Grenze zu Spanien), dann liegt das Périgord ungefähr da, wo der Magen in den Darm übergeht. Was Ihnen einen Hinweis darauf gibt, dass hier gern gekocht, gespeist, genossen und notgedrungen auch verdaut wird. Manche ihrer Landsleute (vor allem die im Norden, in der überbevölkerten Hauptstadt Paris) nennen die Périgordins gern ‹verfressen›, aber das sind sie ganz und gar nicht. Auch die Leber liegt nicht weit entfernt, woraus wir schließen dürfen, dass das Périgord zudem eine klassische Weinregion ist, in der gern getrunken wird, und nicht selten auch über den Durst. Geprägt ist das Périgord von den Flüssen Dordogne, Vézère und L’Isle, gelegen zwischen sanften Hügeln und verwöhnt von einem milden Klima. Es ist kein Geheimnis, dass diese Region ungemein geschichtsträchtig ist mit den prähistorischen Höhlenmalereien von Lascaux, den gepflasterten Straßen und über tausend mittelalterlichen Burgen und Bastionen, Zeitzeugen des sogenannten Hundertjährigen Krieges zwischen Frankreich und England und unzählig vieler anderer Auseinandersetzungen und Scharmützel. Daraus speist sich ein nicht unbeträchtlicher Regionalstolz.

Das schöne Périgord gibt es gleich in vier Ausführungen: Da ist das Périgord vert im Norden, so genannt wegen seiner ausgedehnten grünen Wälder; sein Zentrum ist die Stadt Nontron, die für ihre Messer berühmt ist. Im Südwesten liegt das Périgord pourpre, purpurn wie sein Wein, mit der Stadt Bergerac im Zentrum. Von West nach Ost erstreckt sich das Périgord blanc, weiß wegen seiner Kreideböden und -felsen; hier befindet sich die Hauptstadt Périgueux. Die Stadt Sarlat-la-Canéda schließlich ist das Zentrum des Périgord noir; manche behaupten, das Beiwort beziehe sich auf die dunklen Eichen-, Kastanien und Walnusswälder, andere glauben, schwarze Trüffel seien dafür verantwortlich. Es stimmt vermutlich beides.»

Derart bestens informiert, mietete sich Emily in einer kleinen Pension mit dem etwas überspannten Namen Fantaisies de Fleury ein, die hinter der Kirche lag und von ihrem Zimmer einen Blick auf den verwunschenen Friedhof bot. Er wirkte wie ein kleiner Park. Emily fand eine leere Bank in der üppigen Pracht der blühenden Bäume und Sträucher und blieb lange sitzen, sah den wenigen Leuten zu, die sich hierher verirrten und mit Blumensträußen und Gießkannen zwischen den Gräbern hin und her huschten. Erst als eine kleine hagere Frau in Schwarz immer wieder an der Bank, auf der sie saß, vorbeikam und sie jedes Mal mit einem finsteren Gesicht musterte, stand Emily, die sich unbehaglich zu fühlen begann, auf und setzte ihren Gang fort.

Schließlich ließ sie sich mit müden Füßen und etwas benommen von der Hitze auf der Terrasse vor dem Gasthof Le Cerf Blanc nieder, der – direkt neben der Mairie gelegen – einen prächtigen Akzent auf dem an historischen Gebäuden so reichen Marktplatz setzte. Weiße Stühle und Tische, rot-weiß gewürfelte Tischdecken, rote Sonnenschirme, auch die Fensterläden des imposanten Gasthofs hatte man in dunklem Rot gestrichen. Weiß gekälkt war hingegen das Mauerwerk, und weiß leuchtete auch der namengebende Hirsch im Messingschild, das über der Eingangstür hing.

Rotes Kleid mit weißen Tupfen, darüber eine Schürze: Sogar die Wirtin hatte sich dieser Farbgebung angepasst. Sie war überaus hübsch und hieß Adèle Tavernier, wie Emily auf dem kleinen Namensschild an ihrem Kleid lesen konnte.

Es war auf bedrückende Weise schwül geworden, und Emily war für die Erfrischung dankbar, die die Wirtin ihr empfohlen und gebracht hatte: eine kühle Weinschorle mit einer dekorativ drapierten Zitronenscheibe.

«Voilà …», sagte Adèle Tavernier und zwinkerte ihrem Gast mit einem Funkeln in den Augen zu. «Sie sprechen übrigens sehr gut Französisch, wie ich bei Ihrer Bestellung gemerkt habe – Kompliment!»

«Finden Sie wirklich? Danke! Ich habe französische Literatur und Linguistik studiert … schon eine ganze Weile her.» Emily hätte sich gerne noch weiter mit der freundlichen Wirtin unterhalten, doch die war schon ein paar Schritte weitergegangen, um die Bestellung eines jungen Mannes aufzunehmen, der sich an einen der Nachbartische gesetzt hatte.

Das sinkende Licht des Spätnachmittags, das sich wie der unendlich langsame Fall eines Theatervorhangs ausnahm, und die verzögerten Bewegungen ließen lediglich eine Illusion von Wind und Abkühlung aufkommen; der Frühsommer hatte die Stadt, die die Hitze den ganzen Tag fast reglos über sich ergehen lassen hatte, auch jetzt noch fest im Griff. Es schien nur mehr eine Frage der Zeit, bis ein Gewitter dieser bedrohlichen Lethargie ein Ende bereiten würde.

Reglos saß Emily auf ihrem Stuhl und hatte längst vergessen, warum sie sich in dieser Stadt und an diesem Platz befand. Dann und wann nahm sie einen Schluck von ihrem Weißwein, der jedoch allmählich seine erfrischende Kühle verlor. Willenlos ließ sie sich einfangen von den umherhuschenden Schemen und Bewegungen, von den verwischenden Farben und verklingenden Lauten, die der Szenerie etwas Unwirkliches verliehen.

Dann drang eine heisere, jedoch hörbar von sich überzeugte Stimme an ihr Ohr. Eine sichtlich ausgetrocknete Touristengruppe hatte sich ziemlich genau vor ihrem Platz aufgebaut und lauschte den enthusiastischen Ausführungen ihres Guides. Er war altmodisch gekleidet, mit seinem verwegen gemusterten Einstecktuch, das den einzigen Farbtupfer in einem ansonsten ziemlich grauen Habitus setzte, und dem Strohhut auf dem Kopf, der ihm etwas von Sommerfrische gab, die eigentlich so gar nicht zu ihm passen mochte. Mit einem Mahagonistock, an dessen Spitze eine rosa Glaskugel blitzte und mit dem er die Touristen durch sein Städtchen dirigierte, wies er auf den Kirchturm und stapfte dann davon; die Gruppe folgte ihm im Gänsemarsch.

Emily blickte ihm nach. Irgendwie provinziell, dachte sie, aber sympathisch. Auch die Wirtin, die wieder an ihren Tisch trat, schaute ihm hinterher, mit belustigtem Gesichtsausdruck.

«Haben Sie ihn gehört, unseren Monsieur Meunier?»

Emily nickte mit einem verschwörerischen Lächeln, als teilten sie jetzt ein Geheimnis miteinander. «Ihr Lokalmatador?»

«Könnte man so sagen. Monsieur Meunier hat viele Talente. Er ist Lehrer, Journalist, Historiker, Stadtarchivar. Leider auch Abstinenzler, daher sehen wir ihn in unserem Gasthof nicht so oft …» Adèle Tavernier grinste. «Sie werden leider auch nur noch kurze Zeit das Vergnügen haben, fürchte ich.» Sie zeigte in Richtung Himmel, an dem sich die Wolken schwer und dunkel zusammengeballt hatten und für einige Augenblicke in vollkommener Windstille verharrten. «Das Gewitter wird nicht mehr lange auf sich warten lassen.»

Die Wirtin hatte sich gerade mit dem Geld, das sie von ihrem Gast kassiert hatte, abgewendet, als Emily, die ihr nachschauen wollte, die kleine Bridge-Umhängetasche von der Schulter glitt und mit einem leisen Poltern zu Boden fiel. Der junge Mann vom Nachbartisch war flinker als sie, hob sie wieder auf und reichte sie ihr mit einem treuherzigen Blick, der ihr jedoch kalkuliert vorkam. Emily nahm die Tasche wieder an sich und nickte nur, bevor sie sich schließlich ein leises «Merci» abrang. Verlegen biss sie sich auf die Lippen.

«Darf ich Sie auf etwas zu trinken einladen?», hörte sie ihn fragen.

Emily sah ihm herausfordernd ins Gesicht, musterte ihn mit zusammengekniffenen Augen, als müsse sie eine Beurteilung über ihn abgeben. Was sie sah, war gar nicht so verkehrt: Er war etwa in ihrem Alter, schätzte sie, hatte ein scharf geschnittenes, doch überaus anziehendes Gesicht. Wenn er sich nur nicht immer wieder die ihm in die Stirn fallende Haarlocke zurückstreichen würde, wäre sein Charme weniger affektiert, sondern vielleicht sogar unwiderstehlich.

«Pardon», sagte er schließlich ungeduldig, «ich habe Ihnen eine Frage gestellt. Und Ihre Antwort habe ich nicht gehört.»

Er blickte sie an, herausfordernd lange. Emily schnaubte, als könne sie über diesen hilflosen und doch hartnäckigen Flirtversuch nur empört sein.

«Die Antwort lautet: nein», sagte sie einfach.

In diesem Augenblick fielen die ersten dicken Regentropfen, ein noch fernes, aber unüberhörbar heranrollendes Donnergrollen trieb die Gäste von der Terrasse in den Gasthof und die Passanten in das nächstgelegene Geschäft. Emily war froh, dass auch sie den Schauplatz verlassen und unter den Arkaden Schutz suchen konnte. Es krachte infernalisch, ein Blitz entlud sich irgendwo hinter dem Kirchturm. Als sie sich noch einmal umdrehte, sah sie den jungen Mann gleichmütig an seinem Tisch sitzen, ungerührt von der sich über der Stadt entladenden Atmosphäre. Nach nur einer halben Minute war er der einzige Mensch, der auf dem großen Marktplatz noch zu sehen war. Mit einem ironischen Lächeln quittierte er den Regen, der in Strömen auf ihn niederprasselte und dem er sogar noch sein Gesicht entgegenhielt. Emily wusste nicht, ob sie das für Dummheit oder Verwegenheit halten sollte. Wohl für beides, entschied sie. Er war wahrscheinlich ein besonders dummer Held.

2Isabelle beginnt ein neues Glückstagebuch und erlebt prompt einen besonders glücklichen Moment.

Als Isabelle Améry an diesem schönen Frühlingsmorgen das Rollgitter vor der Eingangstür hochzog und ihren Laden betrat, hatte die Sonne schon eine erstaunliche Kraft. Es würde ein heißer Tag werden in Fleury mit seinen voll erblühten Gärten und Blumenkästen vor den Fenstern. Bald würden auch die Touristen zahlreicher kommen und das Geschäft beleben. Als sie vor die Tür trat, bemerkte sie, dass das Ladenschild mit der geschwungenen Aufschrift Les Feuilles d’Isabelle etwas verschmutzt war. Ich werde es bald putzen müssen, dachte sie.

Ihr von bereits drei Tassen Kaffee wacher Blick streifte das cremeweiße Holzregal mit den Clairfontaines und den anderen Schreibwaren, und ihr fiel wieder ein, dass sie ein neues Notizbuch für ihre Listen und Notizen brauchte. Das letzte hatte sie am Abend zuvor vollgeschrieben. Isabelle führte für ihr Leben gern Tagebücher und Listen, in denen sie alles notierte, was sie glücklich machte oder doch zumindest machen könnte. Zugegeben, sie lebte gerne in der Zukunft, lieber noch als in der Gegenwart, und jeder Traum, jede Idee, die sie gewissenhaft notierte, war so etwas wie ein Beitrag zu ihrem ganz persönlichen Glücksarchiv.

Sie trat zu dem Regal und wählte ein in nachtblauen Stoff eingebundenes Notizbuch, auf dem kleine silberne Sterne eingeprägt waren, sodass der Einband wie ein Stückchen Nachthimmel wirkte.

Ding … dong … ding!

«Salut!»

Arthur Meunier! Isabelle verkaufte ihm seine morgendliche Zeitungsauswahl – Le Monde, Le Figaro, Ouest-France und Dordogne Libre waren immer dabei –, doch ihr erster und bester, jedenfalls regelmäßigster Kunde ließ es nicht dabei bewenden, das Geld abgezählt auf den Zahlteller zu legen. Ohne ein paar verdruckste Komplimente verließ er Les Feuilles d’Isabelle nie, und wenn ihm keine einfielen, redete er über das Wetter. Dieses verzögernde Palaver verschaffte ihm die Möglichkeit, sich länger als nötig – oder als es Isabelle lieb gewesen wäre – in seinem offensichtlichen Lieblingsladen aufzuhalten. Dann verabschiedete er sich endlich mit einem erneuten «Salut!» und schloss die Tür hinter sich.

Bis zum späten Vormittag war selten viel los, daher hoffte Isabelle auf ein paar ungestörte Minuten, um sich mit ihrem neuen Cahier anzufreunden. In einem Anflug von Optimismus entschied sie, dass dieses Livre bleu ihr neues Glücksbuch werden sollte. Hier würde sie alles aufschreiben, was ihr Schönes widerfuhr, und alle Momente festhalten, die ihr Glück versprachen. Sie zückte ihren Lieblingsstift, doch noch vor dem ersten Eintrag klingelte die Türglocke, zwei junge Frauen betraten den Laden und begannen, sich unverbindlich umzuschauen.

Mit der Ruhe war es dahin, und es schien Isabelle, dass mit der stetig wachsenden Hitze, die leider auch zunehmend schwül-feuchte Luft in den Gassen festsetzte, der Kundenstrom – Einheimische, aber auch etliche Touristen – in ihrem kleinen Laden anschwoll. Vielleicht suchten sie ihn auf, weil sie sich hier Abkühlung erhofften, doch wie so oft sorgte schon wenig Kundschaft für Enge zwischen den Regalen. Die kleine Klimaanlage lief auf Hochtouren, kam gegen die Wärme, die in das Lädchen drang, kaum noch an.

Gegen Mittag sperrte sie zu, doch als sie zwei Stunden später wieder öffnete, war aus der kleinen Papeterie unter den Arkaden, die eine Seite des großen Platzes säumten, ein Backofen geworden. Die wenigen Kundinnen, die sich nicht in einem der Cafés oder unter den großen Sonnenschirmen auf der Terrasse des gegenüberliegenden Gasthofs erfrischten, sondern unbedingt nach Postkarten und Geschenkpapier Ausschau halten wollten, fächelten sich Luft zu und lächelten sie mitleidig an. Die Ärmste, schienen sie zu denken, muss den ganzen Tag zwischen all dem Papier ausharren und schwitzen. Isabelle hielt sich fast nur noch in der Nähe des kleinen Klimageräts hinter dem Verkaufstresen auf, ließ kühle Luft unter das Kleid strömen und musste nur aufpassen, dass ihr nicht der Stoff hochwehte.

Wie kann es nur so früh im Jahr schon so heiß und schwül sein?, dachte sie. Der Klimawandel scheint seine Vorboten auch nach Fleury-sur-Azurain zu schicken.

Als es wieder einmal leer im Laden war, nahm sie einen der bemalten Fächer, die sie so gern verkaufte, und einen Stuhl, setzte sich vor die Tür und fächelte sich Luft zu wie eine heißblütige Señora im Teatro de la Maestranza von Sevilla. Es fiel ihr schwer, den Blick vom leuchtenden Himmel über den mittelalterlichen Mauern von Fleury abzuwenden. Die wildesten Farbenspiele boten ein spektakuläres Panorama. Unter dem langsam verglühenden Tageslicht schien alles zu verschwimmen, was zuvor klar und deutlich gewesen war, alle Gebäude rund um den Marktplatz mit seinen abzweigenden Gässchen, die Passanten, die hier langsam umherflanierten oder mit den letzten Besorgungen des Tages beschäftigt waren.

Isabelle hatte längst vergessen, dass sie eigentlich hinter den Tresen in ihrem Laden gehörte. Dann und wann nahm sie einen Schluck aus der eisgekühlten Wasserflasche, die sie sich geholt hatte, doch das Wasser schien ihr von Minute zu Minute wärmer zu werden. Es war kein unangenehmes Gefühl, das sich ihrer bemächtigt hatte, im Gegenteil. Sie genoss die träge Reglosigkeit, die Beine leicht von sich gestreckt, die brennenden Augen auf nichts gerichtet, in eine Leere, die von der Stelle, an der sie saß, bis zum äußersten Rand des Sichtfelds reichte.

Eine Touristengruppe wurde von ihrem dozierenden Guide über den Platz geführt. Arthur, wer sonst. Mit geradezu verzücktem Gesichtsausdruck setzte Isabelles verschmähter Liebhaber vor seinen etwas gelangweilt dreinblickenden Zuhörern zu einer Lobeshymne auf seine Heimat an. Er sprach so laut, dass sie jedes Wort verstand. Ihr kam sogar der Verdacht, dass er sie erspäht und sich dann absichtlich mit seiner Gruppe in ihrer Nähe aufgestellt hatte. Hier ließ er sich langatmig und etwas einschläfernd über das Périgord, Fleury, la gloire de la histoire aus. Man konnte den Eindruck gewinnen, dies hier sei der geschichtsträchtigste Ort Frankreichs, ja Europas. Und natürlich vergaß er auch nicht, die Spezialität des Périgord nord zu erwähnen, die schwarzen Trüffel. «Ah … les truffes!» Er küsste seine Fingerspitzen, vermutlich weltweit eine Geste für außerordentlichen Genuss, die auch von seinen Zuhörern verstanden wurde, denn einige von ihnen schenkten ihrem Guide ein versonnenes Lächeln, bevor sie weiterstapften.

Ach, Arthur … deine Zuhörer dürften nur noch kurze Zeit das Vergnügen haben, dachte Isabelle. Am Himmel hatten sich die Wolken mittlerweile schwer und dunkel zusammengeballt und verharrten für lange Augenblicke in vollkommener Windstille. Das erlösende Gewitter würde nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Dann sah sie, dass Adèle, die Wirtin, sich gerade mit dem Geld, das sie von einem ihrer Gäste kassiert hatte, abwandte und ebendieser jungen Frau, die Isabelle leider nicht genau erkennen konnte, etwas von der Schulter glitt und zu Boden fiel. Der junge Mann vom Nachbartisch – es war unverkennbar Jean-Luc de Bricassart – hob sie wieder auf und reichte sie ihr, vermutlich mit seinem üblichen notorisch treuherzigen Blick. Die Frau in dem weißen Sommerkleid nahm die Tasche wieder an sich und nickte nur. Ein kleiner Wortwechsel schien sich zu entspannen, natürlich verstand Isabelle aus dieser Entfernung kein einziges Wort, glaubte aber doch zu erkennen, dass die junge Frau nicht geneigt war, sich von Jean-Lucs Flirtversuchen in irgendeiner Form beeindrucken zu lassen.

Die Unbekannte schwieg und wandte den Kopf ab. Er blickte sie an, herausfordernd lange. Isabelle schnaubte. Jean-Luc akzeptierte nie ein Nein. Wer in Fleury wusste das nicht?

Dann entlud sich das Gewitter, von einem Moment auf den anderen stürzte der Regen sintflutartig herab, begleitet von heftigen Donnerschlägen, die krachend von den alten Mauern widerhallten.

Die junge Frau in dem weißen Sommerkleid lief geradewegs auf ihren Laden zu – und Isabelle sprang auf, weil sie plötzlich erkannte, wer das war. Sie traute ihren Augen nicht, als die Frau direkt in ihre Arme lief, die sie reflexhaft ausgebreitet hatte, um sie aufzuhalten. Sie hielt an und heftete ihre Augen mit einem verwunderten Blick auf sie, den Isabelle nur zu gut kannte.

«Ach, du meine Güte», stammelte sie. Ungläubig, jedoch mit einem Lächeln, das immer leuchtender wurde, umarmte sie Isabelle stürmisch und strich dann etwas verlegen ihr schon völlig durchnässtes Kleid glatt.

«Das gibt’s doch nicht … Emily!», rief Isabelle mit heiserer Stimme.

Es war Emily Bennett, wirklich und wahrhaftig. Isabelle hatte sie vor dreizehn Jahren zuletzt gesehen, genau an dieser Stelle, als sie sich mit ihrem kleinen Koffer von ihr verabschiedet hatte und aus ihrem Leben verschwunden war. Ihre verlorene Freundin. Das Leben schlug die verrücktesten Purzelbäume. Lachend zog Isabelle sie mit sich und führte sie in den kleinen Raum hinter dem Laden. Emily schaute sich kaum um, ließ sich gleich in den Sessel fallen und zog einen Stuhl heran, um die Beine hochzulegen.

«Hast du was zu trinken da?»

Isabelle war sich nicht sicher, doch dann fielen ihr die zwei Flaschen Wein ein, die ein Vertreter als Geschenk dagelassen hatte.

«Wir sind im Périgord, meine Liebe. Was meinst du denn?»

Sie ging davon aus, dass sich Emilys Vorlieben nicht allzu sehr geändert hatten, und goss ihnen zwei Gläser Weißwein ein. Er war natürlich alles andere als kalt und erfrischend, kein Wunder in dieser kleinen Backofenbude.

«Und Eis? Gibt’s so was auch?»

Isabelle seufzte theatralisch und bewegte sich wie eine beflissene Kellnerin zum Kühlschrank.

«Avec des glaçons … bien sûr, Madame. Wie viele Würfel dürfen es denn sein?»

«Oh … zwei, bitte.» Isabelle ließ sie in das Glas plumpsen, wo sie sich gleich aufzulösen begannen. Sich selbst gönnte sie nur einen Eiswürfel.

Emily hatte viel zu erzählen, und Isabelle hörte ihr gern zu. Ein bisschen atemlos, als müsste sie den Jahren, die sie «verloren» hatten, hinterherlaufen, gab sie eine nicht enden wollende Antwort auf die Frage «Was machst du denn hier in Fleury?» Sie erzählte Isabelle alles … von Tante Hermione … ihrem Leben in London … dem kryptischen Brief des Notars, den sie aus ihrer Handtasche zog.

Hermione? Ja, die war vor ein paar Wochen beerdigt worden, wie Isabelle sich erinnerte.

Sie blickte auf den Absender des Briefes, den Emily ihr nun unter die Nase hielt – Maurice Ulian, Notaire. Der war ihr natürlich nicht unbekannt, hatte er sein Büro doch ebenfalls am Marktplatz, gleich gegenüber, neben dem Rathaus. Und er war ein eifriger Besucher der ebenfalls von ihr geführten Stadtbücherei. Und weithin bekannt für seinen gut gefüllten Weinkeller, in dem er ganze Abende und Wochenenden zu verbringen schien.

Ach, du je … Emily hat geerbt!, dachte sie.

«Ich hatte keine Ahnung, was er von mir wollte, als ich den Brief öffnete.»

«Wusstest du denn nicht, dass deine Tante gestorben ist?»

«Doch, aber ich war auf einer Lese- und PR-Reise unterwegs, die ich organisiert hatte. Mom hatte mir gesagt, sie würde sich darum kümmern, und obwohl sie zu ihrer Schwester nicht das beste Verhältnis hatte, war sie wohl kurz zur Beerdigung in Fleury.»

Isabelle hob die Schultern. Das Begräbnis war nicht gerade Tagesgespräch gewesen, und sie hatte keine Ahnung, wer daran teilgenommen hatte.

«Hermione hat hier wohl die letzten Jahre als Witwe allein gelebt.» Emily biss sich auf die Lippen, schloss die Augen. «Ich habe sie nie wiedergesehen … seit damals … Es ist schon so lange her.»

Isabelle seufzte zur Antwort.

«Um ehrlich zu sein … ich stecke mitten in einer veritablen Lebenskrise. Tante Hermiones Tod war da nur eine deprimierende Nachricht mehr …»

Isabelle erschrak etwas über diese Art, etwas so Gravierendes so lapidar zur Kenntnis zu nehmen.

«Aber …», wandte sie ein, «aber … ihr standet euch doch nahe!»

Emily schaute sie an, nun doch etwas betroffen.

«Ja, du hast recht. Es war ein Fehler. Ich hätte kommen müssen … eigentlich nicht erst zu ihrer Beerdigung, aber spätestens dann. Es war … respektlos … lieblos.» Sie war sichtlich zerknirscht.

«Na ja», Isabelle tätschelte ihren Arm, «du hast ja, wie du sagst, erst kürzlich deine große Liebe verloren. Da ist man schon durcheinander … Seit wann bist du denn überhaupt hier?»

«Ach, erst seit gestern …»

«Seit gestern schon? Und da bist du nicht auf die Idee gekommen, bei mir zu klingeln? Emily!» Isabelle legte eine große Portion Empörung in ihre Stimme.

«Ich habe mich nicht getraut. Nach so vielen Jahren … Du hättest längst über alle Berge sein können, mit Mann und Kindern weggezogen aus diesem kleinen Kaff.» Isabelle runzelte die Stirn. «Sorry, kein Kaff. Ein Kleinod, ich weiß. Ich war nicht sicher, ob du mich nicht vergessen hattest. Und ich wollte nicht einfach so dastehen, während du dein Gedächtnis durchkramst, wer wohl die fremde Frau sein könnte, die plötzlich an deiner Tür auftaucht.»

«Emily Bennett, du hast einen gepflegten Knall … wirklich! Ein Anruf vorher, und ich hätte dich abgeholt, egal wo!»

«Jetzt, wo du es sagst, das wäre schön gewesen … schade.» Sie lächelte schüchtern. «So hat mich nur ein kleiner Hund empfangen …»

«Ein Hund?»

«Ja, das Erste, was ich sah, als ich aus dem Wagen stieg, war ein Hund. Er lief den ganzen Tag neben mir her …»

«Emily, Emily … ein Hund! Und deine Freundin hast du vergessen!» Isabelle schüttelte den Kopf, aber ihre Entrüstung war nur noch gespielt.

Emily schaute betrübt in ihr Glas. «Gibt’s noch Eis?»

Isabelle besorgte Nachschub, goss ihnen beiden reichlich Wein nach und gönnte auch sich selbst einen weiteren Eiswürfel. Sie konnte es immer noch nicht recht fassen, dass ihre Freundin nicht gleich zu ihr gekommen war.

«Ich bin einfach ziellos umhergeschlendert», erzählte Emily von ihrem ersten Tag in Fleury, «über den Marktplatz, durch das Stadttor, bis zum Schloss. Es sieht immer noch so wie aus dem Bilderbuch, mit den imposanten Flügeltüren und -fenstern. Mehr bekommt man ja leider nie zu sehen. Wie heißt noch mal die Familie, die dort wohnt?»

«De Bricassart.»

«Ach ja.»

«Bist du schon an einem unserer früheren Lieblingsplätze vorbeigekommen?»

«Ja. Am Gasthof dort drüben natürlich, in dem wir früher immer Holunderlimonade und Wein getrunken haben, weißt du noch? Und – wenn wir ganz mutig waren – auch mal einen Cidre. Da habe ich mich auf die Terrasse gesetzt, unter einen dieser schönen Sonnenschirme. Und hatte eine etwas verunglückte Begegnung mit einem Typ am Nachbartisch, der mich gleich mit seinem Charme einzuwickeln versucht hat …»

«Jean-Luc de Bricassart. Unser Jungaristokrat», warf Isabelle ein.

Emily starrte sie verwundert an. «Wirklich? Woher willst du das wissen?»

«Ich habe eure kleine Szene beobachtet. Allerdings habe ich dich von weitem nicht erkannt.»

Emily warf Isabelle einen fragenden Blick zu, der sie zum Lachen brachte.

«Was schaust du denn so? Jean-Luc erkenne ich aus jeder Distanz. Dich aber habe ich nun wirklich nicht hier erwartet.»

«Gut, dass dieses Gewitter plötzlich losging, sonst wären wir uns womöglich gar nicht in die Arme gelaufen.»

«Die Hauptsache ist, dass du nun wieder hier bist», befand Isabelle. «Und darauf stoßen wir an!»

Während sie ausgiebig ihr Wiedersehen feierten, erinnerten sich Emily und Isabelle gegenseitig an Episoden von früher. Damals waren sie unzertrennlich gewesen, obwohl sie unterschiedlicher nicht hätten sein können.

Isabelle war grundsätzlich extrovertiert und stets optimistisch gestimmt, Emily hingegen eher in sich gekehrt, immer ein bisschen skeptisch, oft melancholisch. Isabelle packte das Leben beim Schopf, Emily zog höchstens zögerlich an einer Haarsträhne. So war es schon seit ihrer ersten Begegnung gewesen.

Doch sie passten tatsächlich gut zusammen, trotz oder gerade wegen all ihrer Unterschiede. Wenn sie Arm in Arm über die Straße gingen, blickte man ihnen hinterher. Jungs, die zum anerkennenden Pfiff ansetzten, wurden von Emilys strengem Blick in ihre Schranken gewiesen. Isabelle hingegen genoss jede Aufmerksamkeit.

An die ausgelassenen Wochen mit Emily hatte Isabelle noch deutlichere Erinnerungen als ihre Freundin. Damals waren sie beide erst siebzehn gewesen und hatten oft genug mächtig über die Stränge geschlagen. Sie tranken viel und führten dann intensive Gespräche, an die sie sich am nächsten Morgen beide nicht mehr recht erinnern konnten. Sie genossen jeden einzelnen Tag, wohl wissend, dass ihre Sommerfreundschaft in Fleury nur eine Frage der Zeit sein würde. Zwar legte Emily tausend Schwüre ab, so bald wie möglich zurückzukehren und sich mit Isabelle in das so herrlich verrückte Fleury-Leben zu stürzen. Doch daraus würde nichts werden, das wussten sie insgeheim beide. Isabelle war sich sicher: Emily würde zurück nach Portsmouth fliegen und ihre Ferienfreundin bald vergessen. Und so war es dann auch gekommen.

Isabelle hatte sich Emilys Leben stets aufregend vorgestellt: London, Partys, Pubs, Affären. Was hatte Fleury dagegen schon zu bieten? Außer Isabelle selbst, natürlich, denn Emily wusste durchaus, was sie an ihrer Freundin hatte – es reichte schon, mit ihr zusammen zu sein und mit einem Picknickkorb und Muße durch das Val d’amour zu streifen, über das Leben und all seine Probleme zu reden – nicht zuletzt über die Männer, die irgendwo da draußen auf sie warteten. Immerhin hatte Emily gerade ihre erste Liebe hinter sich, sie war von einem Tag auf den anderen verlassen worden und entsprechend deprimiert bei ihrer Tante angekommen. Doch Isabelle hatte es verstanden, sie abzulenken und auf andere Gedanken zu bringen. Sie konnte eine phantastische Trösterin sein.

«Kannst du deinen Laden nicht zusperren, und wir gehen zusammen irgendwohin?», fragte Emily nun, in Erinnerung an ihre früheren abendlichen Streifzüge.

Isabelle nickte und blickte auf die altmodische Uhr, die an der Wand hinter der Theke vor sich hin tickte. «Gute Idee», sagte sie. «Es ist inzwischen sowieso Ladenschluss. Gehen wir nach nebenan zu Valérie und genehmigen uns einen Kaffee. Und dazu vielleicht Kirschclafoutis. Sie hat sie auf ihrer schwarzen Tafel als Spezialität des Tages angeschrieben.»

Das Gewitter hatte sich verzogen, der Regen längst aufgehört, und es war deutlich kühler geworden. Unter einem der großen grünen Sonnenschirme fanden sie einen freien Tisch, und Valérie begrüßte Emily mit einem schon fast vertrauten «Ah, Sie sind’s wieder. Willkommen zurück!». Sie freute sich sichtlich über den Gast, den sie am Vortag schon bewirtet hatte und den Isabelle ihr jetzt vorstellte. Sogar ihr Mann François – wohl der schweigsamste Bürger von Fleury, der sich nur selten, und wenn, dann mehlbedeckt, aus seiner Backstube in den Verkaufsraum wagte, wo seine Frau zusammen mit Nelly, einer weiteren «Zuckerfee», ihr temperamentvolles Regiment führte – ließ sich blicken und nickte ihnen mit seinem typisch verkniffenen Grinsen zu.

Die Kirschclafoutis waren köstlich, Emily verdrehte die Augen und seufzte genießerisch. «Unglaublich! Ich könnte in dieser Stadt keine drei Wochen überleben, ohne mein Gewicht zu verdoppeln. Solche Clafoutis hat uns auch deine Mom immer gemacht, weißt du noch, Isabelle? Ach, was rede ich denn da, natürlich weißt du das noch.»

Isabelle nickte.

«Wie geht es denn eigentlich deiner Mutter? Damals stand sie doch immer selbst im Laden. Wann hast du ihn von ihr übernommen?»

«Maman lebt nicht mehr.» Isabelle schluckte und blickte zu Boden. «Sie ist vor vier Jahren gestorben. Und da uns das Haus gehört, habe ich den Laden weitergeführt.»

«Das tut mir leid, Isabelle», sagte Emily erschrocken und legte ihrer Freundin mitfühlend eine Hand auf den Unterarm. «Was ist passiert?»

Isabelle hob die Augen und schaute sie an. «Darmkrebs», sagte sie tonlos und fuhr nach einem Moment fort: «Sie hat sehr gelitten, als sie die Diagnose bekam. Es war eine schwere Zeit, auch für mich. Ein monatelanger Albtraum. Als sie nach den Operationen aus der Klinik kam, habe ich sie gepflegt, so gut ich konnte. Sie wollte immer so rasch wie möglich wieder nach Hause, ‹zu meinem Mädchen›, hat sie immer gesagt.» Isabelle wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. «Aber sie war auch schon in den Jahren davor nicht mehr richtig bei der Sache. Die Papeterie machte ihr keine Freude mehr, ich habe immer öfter ausgeholfen, als ich nach dem Studium aus Bordeaux zurückkehrte. Und als sie dann noch den Spaß am Kochen und Backen verlor, wusste ich, dass irgendetwas mit ihr nicht stimmte. Zuletzt war sie so dünn … so zerbrechlich … ihre Haut war durchscheinend wie Seidenpapier, man glaubte, durch sie hindurchsehen zu können. Sie lag da, wie versunken in ihrem schmalen Bett, und blickte mich immer nur mit ihren großen Augen an. Damit konnte sie mehr ausdrücken als mit tausend Worten.»

«Ja», sagte Emily. Und nach einer Pause sanft: «Das hast du von ihr.»

Isabelle lächelte wehmütig. «Nein, gegen Maman bin ich doch eine Amateurin. Dafür finde ich mich besser im Laden zurecht. Für Malou war er nie mehr als eine Verkaufsstelle, es herrschte ein unglaubliches Durcheinander. Ich musste immer lange suchen, wenn jemand etwas wollte, das sich nicht in meinem unmittelbaren Blickfeld befand. Und manchmal musste ich warten, bis Maman zurück war. Sie wusste mit schlafwandlerischer Sicherheit, wo sie was hingeräumt hatte.»

«Heute ist der Laden ein Schmuckstück», versuchte Emily sie zu trösten.

Isabelle nickte. «Er ist im Grunde noch immer zu vollgestopft. Aber es passt alles gut zusammen, und meine Kundinnen lieben ihn.»

«Dich lieben sie auch», versicherte Emily und fügte dann keck hinzu: «Und wen liebst du? Gibt es jemanden in deinem Leben?»

«Schön wär’s», seufzte Isabelle und schüttelte den Kopf. «Fleury hat da nicht gerade die größte Auswahl zu bieten. Und wahrscheinlich ist der Zug für mich auch schon abgefahren …»

«Das darfst du nicht sagen – nicht einmal denken», insistierte Emily.

Isabelle zuckte die Schultern. «Alle, die irgendwie in Frage gekommen wären, sind inzwischen weggezogen oder verheiratet. Wenn auch unglücklich vermutlich.» Sie verzog den Mund.

«Natürlich unglücklich!», rief Emily und rührte in ihrer Tasse, obwohl sie mittlerweile leer war. «Wenn sie dich nicht wollten …»

«Es hat irgendwie nie gepasst, jedenfalls nicht so sehr gefunkt, dass ich mich in die Ehe gestürzt hätte.»

«Aber du bist wunderschön, du hast etwas Besonderes an dir … also, ich verstehe das nicht. Die Männer müssen doch bei dir Schlange stehen!» Emily schüttelte fassungslos den Kopf.

«Ach, Schlange stehen … was du immer denkst. Ich hatte ein paar Flirts, aber ich war wohl einfach zu wählerisch. Oder zu anspruchsvoll? Jedenfalls habe ich den Zeitpunkt verpasst. Heute ist nur noch Arthur da.» Isabelle lachte leise.

«Na, immerhin.» Emily schöpfte Hoffnung. «Wer ist denn Arthur?»

«Mein bester Kunde», sagte Isabelle verlegen. «Das heißt, er will wohl mehr. Aber ich nicht.»

«Was spricht gegen Arthur?», fragte Emily mit dem strengen Blick einer Gouvernante, die ihren ungezogenen Schützling verwarnt.

«So ziemlich alles. Das fängt schon mit seinem Alter an, er ist fünfundzwanzig Jahre älter als ich. Das wäre noch nicht schlimm, aber es fühlt sich für mich an, als seien es fünfzig Jahre. Er ist der langweiligste Langweiler, den das Universum je gesehen hat. Und dazu noch so verklemmt. Er druckst und stottert nur herum, lässt einen aber gern spüren, wie bildungs- und kulturbeflissen er ist. Er liest eigentlich ständig nur … Zeitungen, Bücher, sogar die amtlichen Verlautbarungen, die im Schaukasten am Rathaus vor sich hin gilben.»

«Aber du liest doch auch gern», beharrte Emily in dem Glauben, ihre Freundin wüsste ihren Verehrer womöglich einfach nur nicht richtig einzuschätzen.

«Natürlich lese ich gern, aber das ist es ja – nur aus diesem Grund glaubt er wohl, in mir eine wesensverwandte Seele entdeckt zu haben. Fälschlicherweise, muss ich hinzufügen, denn auch in unseren literarischen Vorlieben liegen wir völlig über Kreuz. Er ist einfach so … lächerlich, ein bisschen wie Troubadix in den Asterix-Heften.»

Emily kam ein Verdacht. «Ist das vielleicht der Typ, der in Fleury die Stadtführungen gibt?»

«Arthur Meunier … ja.»

«Ach, du meine Güte!» Emily seufzte. «Jetzt verstehe ich. Den habe ich vorhin schon gesehen, wie er auf dem Marktplatz vor einer Gruppe Touristen eine langatmige Hommage auf euer Périgord vom Stapel gelassen hat.»

«Das war er», sagte Isabelle mit einem gequälten Lächeln.

Valérie trat vor die Tür und fragte nach ihren Wünschen.

«Nach diesem deprimierenden Einblick in die Abgründe der Männerwelt von Fleury brauche ich etwas mit ein paar Prozenten», sagte Emily. «Was haben Sie denn da?»

Valérie stemmte belustigt ihre Arme in die beschürzte Taille. «Na, hören Sie mal. Dies ist eine Boulangerie, alkoholische Getränke führen wir nicht. Dafür müsst ihr rüber zu Adèle gehen.»

«Nein, schon gut», beruhigte Emily. «Noch ein Kaffee tut’s auch. Aber einen guten, starken, bitte.» Isabelle nickte, um sich der Bestellung anzuschließen.

«Guten, starken Kaffee!», brummte Valérie im Weggehen. «Aber ob es bei mir etwas anderes gäbe!»

Sie gingen dann doch noch zum Cerf Blanc hinüber, und irgendwann an diesem langen, redseligen, trinkfreudigen Abend kamen sie auch wieder auf Emilys mysteriöse Erbschaft zu sprechen.

«Morgen habe ich das Gespräch mit dem Notar. Da musst du mich begleiten, Isabelle!», bat Emily.

Ihre Freundin setzte eine skeptische Miene auf.

«Ich weiß nicht … Das ist doch etwas sehr Persönliches …»

«Genau, sehr persönlich! Und darum möchte ich dich dabeihaben. Weißt du, du bist schließlich das Persönlichste, was ich hier habe.»

Isabelle seufzte. «Na schön. Ich soll also wieder deine Beschützerin spielen. Die Rolle kenne ich ja schon.»

Emily knuffte sie in die Seite. «Was heißt hier Beschützerin? Seit heute bist du wieder meine beste Freundin.»

3Emily Bennett macht eine ziemlich überraschende Erbschaft und fällt aus allen Wolken.

Am nächsten Morgen wurde Emily früh wach, obwohl sie einen Brummschädel von all den Willkommens- und Wiedersehensdrinks hatte und sich gern noch einmal die Bettdecke über den Kopf gezogen hätte. Doch sie war zu nervös, jetzt, da der Notartermin bevorstand. Die Gedanken fuhren Karussell in ihrem Kopf, immer schneller und schneller, und Emily konnte sie überhaupt nur anhalten, indem sie ihre Morgendämmerung beendete.

Im Anschluss an eine Heiß-Kalt-Dusche, nach der sie sich etwas besser fühlte, trug sie ein leichtes Make-up auf und stellte sich in Unterwäsche vor den Kleiderschrank. Was sollte sie anziehen? Ein Notar wird sicherlich etwas Formelles erwarten, überlegte sie, aber daran hatte sie beim Packen nicht gedacht. Sie hatte eigentlich überhaupt nichts Passendes dabei. Tatsächlich ließ Emilys zeitloser, eher unbekümmert romantischer Kleidungsstil ein gesundes Misstrauen gegen allzu Modisches erkennen. Dagegen war sie eine Meisterin im Kombinieren von Mustern und Accessoires, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassten und an ihr doch eine besondere Wirkung hatten.

Das weiße Sommerkleid mit dem roten Stoffgürtel musste sich erst noch vom gestrigen Regenguss erholen. So entschied sie sich schließlich für eine schlichte Kombination aus einem dünnen Baumwollrock von kreidig-mattem Blau, einer schlichten weißen Bluse, die direkt einem Kleiderschrank aus der Regency-Ära hätte entnommen sein können, und einem hellblauen Pullover. Ein bisschen brav, befand sie, aber wir gehen ja schließlich nicht auf eine Party, sondern zum Notar. Im letzten Moment, als sie ihr Zimmer verließ, griff sie noch nach ihrem Strohhut.

Pünktlich um neun Uhr saß Emily zusammen mit Isabelle beim Notar von Fleury in dessen kleiner, jedoch nobler holzgetäfelter Kanzlei. Eichenparkett mit dunklen Intarsien, ein schwerer, gediegener Schreibtisch, mit Lederpolstern bestückte Türen, die jeden Schreckensruf ersticken würden. Die Einrichtung gefiel Emily, denn es sah hier aus wie in einem englischen Club, und Maurice Ulian wirkte wie ein verhinderter älterer Dandy. Er kultivierte eine gewisse Extravaganz: zweifarbige Schuhe, gepunktete Socken, Einstecktuch mit Paisleymuster und eine Krawatte, die Oscar Wilde nicht nachlässiger hätte binden können. Mit seinem fein geschnittenen Gesicht und der gepflegten Frisur wirkte er trotz seines fortgeschrittenen Alters durchaus attraktiv.

«Willkommen in Fleury-sur-Azurain, Mademoiselle!», begrüßte er sie mit ausgebreiteten Armen und fügte theatralisch hinzu: «Willkommen in unserem verträumten, sonnenverwöhnten Städtchen, mitten zwischen Weinbergen und Wäldern!»

Er strahlte Emily an, nickte Isabelle hingegen nur kurz zu, was diese quittierte, indem sie leicht die Lippen verzog.

Bei dieser übertrieben poetischen Begrüßung musste sich Emily ein Lachen verkneifen, erwiderte aber höflich: «Vielen Dank.»

«Haben Sie sich schon ein bisschen umgeschaut?», wollte der Notar wissen. «Seit wann sind Sie hier?»

«Seit vorgestern erst. Ja, ich habe schon Ihren Friedhof und Ihren Gasthof besucht. Und eine Freundin wiedergetroffen …»

«Das ist ja noch nicht viel», unterbrach Maurice Ulian sie bekümmert. «Wir haben schon einiges mehr zu bieten. Wenn Sie möchten, zeige ich Ihnen gern ein paar der wahren Schönheiten unserer Stadt. Und den besten Bergerac-Wein könnte ich Ihnen auch bieten.»

Der charmant-beflissene Notar machte auf Emily einen gewissen Eindruck. Sie nickte höflich, was Monsieur Ulian als Zustimmung nahm.

«Bon. Dann werde ich Ihr historischer Stadtführer sein … sozusagen vom Mittelalter bis zum Barock – aus dieser Zeit ist nämlich das Schloss, zumindest der erste Bau.»

«Dort war ich schon. Allerdings nur bis zum großen Tor.»

«Aha. Nun, dann spazieren wir vielleicht durchs Val d’amour und genießen die Natur.»

«Ach ja, das Val d’amour. Davon hast du mir schon erzählt», wandte sich Emily an Isabelle. «Wie ist es denn eigentlich zu seinem hübschen Namen gekommen?»

Bevor Isabelle darauf antworten konnte, sprang der Notar schon ein, als sei die Frage an ihn gerichtet gewesen.

«Das ist nicht so leicht zu erklären, Mademoiselle. Zwar scheint hier jeder eine eigene Theorie dazu zu haben, doch im Grunde weiß niemand unserer paar tausend Einwohner, woher unser Tal seinen schönen Namen hat, nicht wahr, Mademoiselle Améry?» Isabelle zuckte die Schultern, sie schien es auch nicht zu wissen, und bevor sie etwas sagen konnte, sprach der Notar wiederum beflissen weiter. Er schien es zu genießen, mit seinem Wissen angeben zu können, und redete, als habe er einen Reiseführer verschluckt. «Der Baron de Bricassart behauptet steif und fest, König Ludwig XV. habe das Val d’amour nach einer amourösen Visite im Park seines Châteaus so getauft. Doch mit dieser Erklärung gibt sich unser bürgerstolzes Städtchen natürlich nicht zufrieden – hier ist man allerseits überzeugt, dass in diesem Tal eben Liebe und Glück beheimatet sind. Immerhin werden hier neuerdings auffällig viele Hochzeiten gefeiert.»

«Hochzeiten? Wird denn hier mehr geheiratet als anderswo?», wunderte sich Emily.

«Ach, die Einwohner von Fleury liegen sicherlich nur im Durchschnitt. Aber Gäste von außerhalb treiben die Statistik nach oben. Was hier durchaus erwünscht ist, zumindest von den meisten Bürgerinnen und Bürgern. Allzu lange ist die Zeit an diesem Fleckchen ja recht beschaulich und ohne die Aufregungen und Zumutungen der modernen Welt dahingegangen. Es gibt Landkarten, da ist unser Ort nicht einmal verzeichnet – oder wenn, dann nur abgekürzt: Fl.-sur-Az. Hier kommt die vielbesungene französische Provinz sozusagen zum Stillstand. Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass wir ziemlich im Windschatten leben, unentdeckt und beschaulichkeitsverliebt, wenn ich das so sagen darf.»

«Aber Fleury hat doch einiges zu bieten», warf Emily ein. «Es ist wirklich schön hier!»

Der Notar nickte. «Keine Frage. Allerdings können wir weder mit einer imposanten Stadtkulisse aufwarten wie Cordes-sur-ciel, noch können wir aus unserer historischen Vergangenheit touristisches Kapital schlagen wie etwa Sarlat, Castelnaud oder Domme. Obwohl auch Fleury noch einen nahezu intakten mittelalterlichen Stadtkern aufweisen kann. Aber es liegt im abgelegenen Winkel der landschaftlichen, architektonischen und kulinarischen Attraktionen, die das Périgord in so verschwenderischer Fülle bietet. Das ist Segen und Fluch zugleich, müssen Sie wissen.» Der Notar blickte die beiden vor ihm sitzenden Besucherinnen direkt an. «Ich lebe wirklich gern in dieser Stadt, Mesdemoiselles. Aber ich mache mir auch Sorgen um ihre Zukunft. Selbst unser hochgeschätzter Bürgermeister Bruno Bouvier hat kein Rezept, wie man unsere Stadt für Touristen attraktiver machen könnte. Zwar gilt Fleury als ‹Rosenstadt› – mit dem Rosarium des Châteaus und der Kirche Notre Dame des Roses –, aber damit kann man keine Massen anlocken, fürchte ich.»

Emily hob verlegen die Schultern.

«Wie auch immer.» Er raschelte in den Papieren auf seinem Schreibtisch und zog eine Akte hervor, die ein paar handgeschriebene Seiten auf mauvefarbenem Papier enthielt.

«Voilà, das handschriftliche Testament Ihrer teuren Verblichenen. Bevor ich es Ihnen eröffne, nehme ich noch rasch Ihre Personalien auf. Dürfte ich um Ihre Carte d’identité bitten?»

Nach den obligatorischen Regularien räusperte sich Maurice Ulian und begann mit dem Verlesen des Testaments. Er absolvierte es nicht in dem üblichen monotonen Singsang, den die meisten Notare sich angewöhnt haben, sondern als habe er etwas wirklich Spannendes zu berichten.

Und das hatte er auch.

Emily konnte es kaum fassen, dass Hermione ihr neben ihrem nicht unbeträchtlichen Vermögen, immerhin hoch sechsstellig (was ihr ein atemloses «Puh!» entlockte), nichts weniger als ihr Manoir hinterlassen hatte! Das kleine Landhaus, in dem sie in den vergangenen Jahren «gehaust» hatte, wie Monsieur Ulian es etwas abfällig ausdrückte. Vor dreizehn Jahren, bei Emilys Besuch in Fleury, hatte Hermione noch allein in ihrer kleinen Wohnung am Marktplatz gewohnt – von einem Manoir war keine Rede gewesen. Und nur am Rande von dem geheimnisumwitterten Comte, mit dem sie zusammengelebt hatte. Wie der Notar erklärte, hatte Charles Henri Comte de Bruyant lange vor seinem Tod das Manoir seiner Lebensgefährtin überschrieben, eben hier in seiner Kanzlei. Das Vermögen war dagegen ihr eigenes, niemand wusste, woher sie es hatte, denn der Comte war so gut wie mittellos gestorben.

«Das wär’s im Großen und Ganzen», schloss der Notar.

«Ich bin wirklich überrascht … nein, überwältigt», sagte Emily und atmete einmal tief durch. «Ich hatte keine Ahnung von diesem …»

«Manoir.»

«Ja. Und ich muss sagen, ich bin ziemlich gespannt darauf, es mir anzuschauen. Wann wäre das denn wohl möglich?» Sie blickte ihre Freundin mit aufgerissenen Augen an. «Oh, Isabelle, ist das aufregend!»

«Von mir aus gleich», sagte der Notar. «Ich kann Sie zwar – was ich eminent bedauere – jetzt nicht persönlich begleiten, da ich in einer halben Stunde einen weiteren Termin habe. Aber ich könnte Ihnen die Schlüssel geben … ja, Sie könnten sich gleich auf den Weg machen. Es ist nicht schwer zu finden, und Mademoiselle Améry könnte Sie hinführen.»

«Ja, dann gleich», stimmte Emily zu, die vor lauter Aufregung nicht mehr stillsitzen konnte. «Wunderbar!»

«Aber erwarten Sie nicht zu viel! Und lassen Sie mich bald wissen, wie Sie sich entscheiden … ob Sie das Erbe annehmen.»

Maurice Ulian kramte in einer Schublade, drückte Emily dann einen Bund mit riesigen rostigen Schlüsseln in die Hand und verabschiedete sie schließlich mit einem formvollendeten altmodischen Handkuss.

Es war wirklich nicht weit, Isabelle kannte den Weg, auch wenn sie, wie sie sagte, noch nie selbst im Manoir gewesen war. Sie gingen von dem neben der Mairie gelegenen Notariat links auf das Stadttor zu, durchschritten es und folgten dann zwei, drei Straßen stadtauswärts. Nach dem Gewitter am Vortag wirkte der Himmel an diesem Morgen wie frisch gewaschen, es hatte sich deutlich abgekühlt, war aber immer noch so warm, dass Emily ihren Pullover auszog und auch den Strohhut abnahm. Sie genoss die Sonne, die sie den ganzen Weg über begleitete: durch ein kleines Wäldchen, eine von alten Bäumen gesäumte Allee entlang, bis die gepflasterte Straße aufhörte und in einen befestigten, leicht ansteigenden Weg überging. Und dann sahen sie auch schon zwischen den Bäumen ein größeres Haus hervorblitzen, das sich mit seinem dichten dunkelgrünen Efeukleid ganz der Natur angepasst zu haben schien.

Emily war inzwischen von hochgespannten Erwartungen erfüllt. Sie hatte den ganzen Weg lang die Hand ihrer Freundin nicht mehr losgelassen und murmelte unablässig vor sich hin.

«Ein Manoir! Was genau kann ich mir denn eigentlich darunter vorstellen? Ein Landsitz, hat der Notar gesagt. Vielleicht einen Gutshof? Oder ein Herrenhaus?»

«Lass dich überraschen», sagte Isabelle nur.

Doch Emily sollte bald spüren, wie tief der Fall aus den Höhen luftiger Träume war, die ihre Phantasie inzwischen erklommen hatte. Denn schon von außen entpuppte sich das Manoir keineswegs als eines der prächtigen, von verspieltem Rokoko oder strengem Klassizismus komponierten Gebäude, das sie insgeheim erwartet hatte. Es lag im Gestrüpp eines ausgedehnten Gartens, den man als verwunschen, aber auch als verwildert hätte bezeichnen können, allgegenwärtigem Verfall und unbeherrschter Vegetation hingegeben.

Emily war überrascht, wie gedrungen und geduckt es dalag. Nicht gerade das, was man in England ein Herrenhaus nennt, dachte sie bedrückt. Eher eine Villa mit überschaubaren Proportionen – zwei Stockwerke und darüber ein Dachgeschoss –, vor der mit schweren Beschlägen bewehrten Haustür eine Steintreppe mit kunstvoll verziertem Eisengeländer, das schon etwas Rost angesetzt hatte. Die Stufen waren ansatzweise bereits vom Moos erobert worden, das jetzt im Sonnenlicht wie ein grüner Saum wirkte.

Als Emily den größten Schlüssel zückte, um damit die wuchtige Eingangstür aufzuschließen, jagte ihr ein Schauder über den Rücken. Ihre Nervosität schien auch auf Isabelle überzuspringen, deren Finger unablässig in Bewegung waren. Der Schlüssel knirschte im verrosteten Schloss, als sei das Gebäude ganz und gar nicht damit einverstanden, zwei Wildfremden Einlass zu gewähren.