Die Rückkehr des Astronauten - Paul Bies - E-Book

Die Rückkehr des Astronauten E-Book

Paul Bies

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Beschreibung

Im Alter von 80 Jahren fliegt der Astronaut Daniel Balmes zum zweiten Mal in seinem Leben ins All. Im Vordergrund der Mission stehen Untersuchungen zu den körperlichen Reaktionen eines alten Menschen im Kosmos. Aus dem All auf die Erde blickend, reflektiert der in Bitburg geborene Astronaut über sein Leben, insbesondere über den Medienrummel und die Ereignisse nach seinem ersten Weltraumflug, als er ein Verhältnis mit einer Radiomoderatorin eingegangen ist, was zum Bruch seiner Ehe geführt hat. Der Astronaut zieht das Fazit seines Lebens und stellt sich auf seinen Lebensabend in der Eifel ein.

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Seitenzahl: 161

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Die Rückkehr des Astronauten

Eifeler Erzählungen

Paul Bies

Eifeler Erzählungen

Die Rückkehr des Astronauten

Paul Bies

1. Auflage 2022

Eifelbildverlag

Ein Imprint der Kraterleuchten GmbH,

Gartenstraße 3, 54550 Daun

Verlagsleitung: Sven Nieder

Alle Rechte vorbehalten.

Gestaltung: Björn Pollmeyer

Titelfoto: iStock.com/gremlin

Lektorat und Korrektorat: Tim Becker

ISBN 978-3-98508-039-7

www.eifelbildverlag.de

Inhalt

1. Die Gesten der Lässigkeit

2. Moderne Helden

3. Romanfiguren

4. Auf den Stufen der Kathedrale von Rouen

5. Erdscholle

6. Heimatkunde

7. Möwen über der aufgewühlten See

8. Kleiner Bär

9. Die guten Jahre

10. Einfach vergnügt

11. Katwijk

12. »Von der Eifel ins All«

13. Licht

14. Challenger

15. John Glenn

16. Herbst

17. Gegenwart

18. Briefleserin in Blau

19. Blau

20. Königswinter

21. Ich

22. Ackerschollen mit blau-weißer Kachel

23. Dreisprung

24. Nettigkeiten

25. Im Krankenzimmer

26. Auf dem Schulhof

27. Vorläufig

28. Das Interview

29. Der Eifel-Astronaut

30. Tabletten

31. Holland 1 und 2

32. Kneten

33. Die Anzeige

34. Die Entdeckung der Erde

35. Der Menschenfreund

36. Würde

37. Holland 1

38. Ein Neulexikon

39. Selbstdisziplin

40. Holland 2

41. Eigengewicht

42. Aufräumen

43. È così

44. Die Kastanie

45. Hilfskonstruktionen

46. Ocean City

47. Auf immer und ewig

48. Rückkehr

49. Bunte Trümmer

Epilog

Ende

Paul Bies

Bisher in der Reihe »Eifeler Erzählungen« erschienen:

1

Die Gesten der Lässigkeit

Die Gesten der Lässigkeit misslangen ihm, aber niemand bemerkte es. Die anderen hatten gar keine Zeit, ihn zu beobachten; und wenn doch einmal zufällig ihr Blick auf ihn fiel, so sahen sie, hier in der Schwerelosigkeit, seinen Bewegungen nicht an, ob sie so gewollt oder nur durch die äußere Situation bedingt waren.

Seit mehreren Tagen waren sie schon im All. Er hatte gleich zugesagt, als man ihn gefragt hatte, ob er – fünfunddreißig Jahre nach seinem ersten Flug – noch einmal bereit sei, eine Expedition in den Weltraum zu begleiten. Er sah auf den blauen Ozean hinunter, wenig später auf ockerfarbenes Land. Er dachte an sein Haus in der Eifel. Vielleicht war dies schon grotesk genug: Die Erde im Raumschiff umkreisend, unterwegs mit einer internationalen Crew, schwebend in der Schwerelosigkeit, Erdteile unter sich lassend, verschwendete er Gedanken an seine Heimat, zog sich aus den Weiten des Alls wieder in die Eifelstadt Bitburg zurück. Daniel musste schmunzeln, denn selbst Helen und Scott, die Amerikanerin und der Amerikaner der Crew, hatten von Bitburg gehört. Amerikanische Soldaten, die in Spangdahlem in der Nähe von Bitburg stationiert waren, hatten ihnen von der Stadt und vor allen Dingen dem Bitburger Bier erzählt. Ob er ein »Bit« wolle, hatten sie Daniel oft scherzhaft während der gemeinsamen Vorbereitungszeit auf den Flug gefragt. Daniel dachte an sein Haus am Stadtrand von Bitburg, an den Hang, der gleich hinter dem Haus hinaufführt auf die leicht bewaldete Kuppe. Durchquert man das kleine Wäldchen, so hat man einen freien Blick über die Eifelhöhen, auf Bauernhöfe, Felder, Pfade, die hinunterführen ins nächste Tal und sich dann sofort wieder hinaufschlängeln. Das leicht geschwungene, regelmäßige Auf und Ab der Eifel war zu Daniels Rhythmus geworden. Daniel warf diese Gedanken dann aber auch wieder gleich als zu sehnsüchtig fort. Da unten wartete niemand auf ihn. Andererseits wusste er aber auch nicht genau, was er im Raumschiff verloren hatte.

Immerhin war er hartnäckig und versuchte sich weiter an einer wegwerfenden Handbewegung. Er versuchte sich weiter an den Gesten der Lässigkeit. Auf der Erde hatte er sich viele angeeignet: das Darbieten der offenen Hände anstelle einer Frage, die leichte Handbewegung, mit der er den Würfelzucker in den dampfenden Kaffee warf, der kleine Schlag auf die Wange nach der Nassrasur.

2

Moderne Helden

Bei seinem bisher einzigen Weltraumflug – im Alter von 45 Jahren – war er zwei Wochen lang mit fünf Amerikanern im All gewesen. Bei dieser Expedition hatte er aufgrund eines dicht gefüllten Zeitplans kaum Zeit gehabt, die Erde zu betrachten, das Geäder der Flüsse, die Weite der Meere, das Spiel der Wolken. Dass er sich schon nach wenigen Tagen den Geruch des Waldbodens nach einem Regenschauer nicht mehr hatte vorstellen können, das wusste er noch. Aber ansonsten waren in der Erinnerung die wirklichen Elemente mit den Zeitungsausschnitten und den Reportagen in den Illustrierten verschwommen, die eine Kollegin aus dem Bonner Institut für ihn gesammelt und in ein Album geklebt hatte. Tatsächlich hatte er schon seit Jahren Mühe, sich die Ereignisse im All zu vergegenwärtigen, die genaue zeitliche Folge, seine damaligen Gefühle, seine Gedanken. Dem gegenüber wusste er ganz genau, auf welcher Seite des Albums welches Bild und welcher Interviewausschnitt war. Wo aber war die Realität geblieben? Der Mann in dem etwas klobigen Raumanzug, der kurz vor dem Betreten des Aufzugs an der Startrampe in die Kamera winkte, war das wirklich er? Der Mann, der gesagt hat »Wir müssen uns von der Erde entfernen, um sie zu verstehen«, war das wirklich er? Hatte er solche kitschigen Sätze gesagt? Und was hatte er nun erreicht? Musste er denen da unten etwa dankbar sein, dass er, als Achtzigjähriger, noch einmal im All sein durfte? War er ein Kuriosum? Was hatten sie mit ihm gemacht? Alles war so banal. Sie hatten ihm nach seiner Zusage erläutert, dass sie spezielle Experimente mit ihm im All vorhätten, es handele sich um eine Studie, wie ältere Astronauten – »Sagt doch gleich a l t e«, hatte er sie lachend aufgefordert – auf die Bedingungen im All reagieren. Sie hatten ihn immer wieder untersucht und immer wieder für gesund erklärt, und dann hatten sie ihn mit den anderen hochgeschossen. Warum kein Amerikaner, hatte er oft gedacht, warum kein Russe? Die Presse hatte sich auf ihn gestürzt, natürlich. Sogar von einer Jugendzeitschrift war ein Redakteur gekommen, um ihn für die Rubrik »Moderne Helden« zu interviewen. Er hatte in seine traurigen Augen geblickt und alberne Fragen beantwortet.

Daniel schloss die Augen und fand den Rhythmus seines Herzens wieder. Sein Leben hatte den einen großen Bruch erlitten: Ein paar Monate, nachdem er von seinem ersten Flug ins All zurückgekehrt war, hatte Anna ihn wegen seiner Affäre mit Enie verlassen. Bruch? Oder sollte er vielmehr von einem Sturz sprechen? Als Kleinkind, erzählt man, sei er selbst immer hingefallen. »Meistens«, hatte seine Mutter später zu ihm gesagt, »bist du eigentlich nur aufgestanden, um wieder hinzufallen«. Das, was er beim ersten Start in den Weltraum zunächst empfunden hatte, waren grenzenlose Übelkeit und der Drang zu fallen, zu fallen in eine bisher nicht gekannte Tiefe, in eine nicht einmal erahnte Weite. Welcher Dichter hatte die Menschen fallend gesehen, von Klippe zu Klippe geworfen, ins Ungewisse hinab? Gab es etwas festzuhalten? War etwas von Dauer? Daniel öffnete die Augen, sah auf die Erde hinunter (hinauf?) und dachte, dass es immer noch das Lachen gab, und wenn das Lachen nicht möglich war, zumindest das Auf-den-Punkt-Bringen. Ich falle und ich sage, dass ich falle.

Das hier war zweifelsohne langweilig: eine Erdumkreisung nach der anderen, auch der Ablauf von Arbeit, Tests, Essen und Schlafen im immer gleichen Rhythmus. Das Weltall war kalt und dunkel. Nach den Seiten hin verdünnte es sich, zerfaserte, um in allen Fernen dann doch wieder das tiefste Schwarz zu zeigen. Eine Zeitlang war Magellan sein Vorbild gewesen, der portugiesische Seefahrer, der aufgebrochen war, neue Wege und neue Küsten zu finden: Fernão de Magalhães, 1519 mit fünf Schiffen von Sanlúcar in Richtung Westen gestartet, 1521 auf den Philippinen im Kampf mit Eingeborenen gefallen. Daniel hatte sich ihn immer rücksichtslos und mutig vorgestellt, verwegen. Er hatte losfahren wollen wie Magellan, zu neuen Küsten, zu neuen Sternen, in die Tiefe des Alls, ohne Rückkehr, ohne Zusprache. Jetzt lachte er darüber. Die Wissenschaftler hatten mit ihren Teleskopen in den Weltraum geblickt und hinter den Sternen auch nur Sterne und hinter den Galaxien auch nur Galaxien entdeckt. Was also soll’s, dachte er, wozu all diese Expeditionen? Verdiente nicht der mehr Respekt, der sein Leben den Kleinigkeiten widmete, einer Schmetterlingssammlung, der Herausgabe einer alten Handschrift, dem Studium eines aussterbenden Dialekts? Beruhigend zumindest die Tatsache, dass die anderen hier oben ihn in Ruhe ließen. Manchmal trafen ihn Scotts suchender Blick oder Helens leises Lächeln, selten sprachen ihn Alexander und Walerij an, und wenn, dann war es zumeist nur der Austausch des »Alles in Ordnung, Daniel?« – »Alles in Ordnung.« Beruhigend immerhin schon, wenn sie ihn nicht mit »Danny« anredeten; das hasste er. An zahlreiche Messgeräte war er angeschlossen. Trotzdem hatte er noch genügend Bewegungsfreiheit. Wenn er Hilfe brauchte, war Helen, die Medizinerin, für ihn da. Im All fiel ihm der Umgang mit dem eigenen Körper auch manchmal leichter: kein Nachschleifen des linken Beines, keine Schwere in den Gelenken, eine Leichtigkeit, die auch seine Gedanken anregte.

Nachdem sie die Umlaufbahn erreicht hatten, hatten sie sich aus den Schalensitzen gelöst und waren lachend durch das Raumschiff geschwebt. Das Surren der Aggregate hatte Daniel beruhigt, die etwas modrigen Gerüche. Die Begeisterung, die ständigen Sonnenaufgänge wiederzusehen, hatte er wiedergefunden, auf die Erde hinunterzublicken aus 300 Kilometern Höhe, der Höhe, die Juri Gagarin im April 1961 mit seiner Raumkapsel Wostok 1 als maximale Entfernung von der Erde erreicht hatte, der Höhe, in der sich im Dezember 1965 erstmals zwei Raumschiffe im All trafen und sich bis auf 1,80 m näherten, Gemini 6 und Gemini 7. Daniel hatte zu Beginn ungewöhnlich lange die Zeit in wachem Zustand verbracht, dann aber auch ungewöhnlich lange geschlafen. Schließlich hatte er das Gefühl für die Zeit mehr und mehr verloren. Die Crew musste sich zwar streng an einen Arbeitsplan halten, er aber genoss eine Ausnahmeposition. Etwas störend waren da halt nur die Messungen. Ein mehrtägiger Blindtest, der schon begonnen hatte und bei dem weder er noch Helen wussten, ob er das Schlafhormon Melatonin oder ein Placebo schluckte, sollte die Wirkung der Substanz bei Schlafstörungen im All messen. Körpersensoren zeichneten überdies Gehirnströme, Atemrhythmus und Schlafbewegungen auf. Am Arm trug er während des gesamten Flugs rund um die Uhr einen Katheter, durch den mehrmals täglich Blutproben abgenommen wurden. Während die anderen nach ihren Schlafphasen geweckt wurden und sie sich – immer wieder etwas hilflos – um ihre Körperpflege bemühten, konnte er immerhin noch einmal einnicken, irgendwelchen Traumbildern folgend oder nach einem Gedanken suchend, den er im Halbschlaf verloren hatte.

3

Romanfiguren

Helens Stimme weckte ihn. Sie bat ihn ironisch »zu Tisch«. Festgehakt in den Fußringen lutschten die anderen schon ihren Brei aus den Tuben. Man hatte ihnen die alte Astronautennahrung gegeben; die in der ISS hatten richtiges Essen. Lautlos tastete sich Daniel zu ihnen und saugte nur kurz an einem Fruchtsaftbeutel.

» Keinen Appetit heute?«, fragte ihn Walerij.

Daniel antwortete mit einer Gegenfrage. Er wollte Datum und Uhrzeit wissen, erhielt seinerseits aber auch keine Antwort. Scott brachte das Gespräch wieder auf sein Lieblingsthema: die internationale Raumstation ISS.

» Was machen wir eigentlich hier?«, unterbrach Daniel ihn sofort, nicht nur, weil er es müde war, Scotts Schwärmereien von der Station zuzuhören.

» Wie meinst du das?«, fragte Helen nach.

» Nun«, erklärte sich David, »alle Welt spricht von dieser Station, und während wir hier um die Erde kreisen, hat die nächste Raumfähre schon längst wieder einmal angedockt und fieberhaft wird da oben gearbeitet. Gleichzeitig sind wir hier unterwegs, ihr mit euren armseligen Versuchsreihen und ich als alter Mann, gerade einmal gut genug, dass ich euch nicht im Wege rumhänge. Wieso haben die gleichzeitig Geld für uns ausgegeben? Das ist doch völlig absurd!«

Alle schwiegen. Alexander und Walerij grinsten beide nur vor sich hin und sahen in diesem Augenblick wie ein Zwillingspaar aus.

» Ziemlich viel los im Weltall, meinst du also«, sagte Helen.

» Ganz im Gegenteil: Wenn die Bodenstation sich nicht manchmal nach uns erkundigen würde, könnte man meinen, es gäbe uns gar nicht«, hakte Daniel nach.

» Du willst sagen, es gibt uns gar nicht«, meinte Scott belustigt.

Daniel blieb ernst: »Es ist so, als seien wir nur Romanfiguren, wenn es hoch kommt, billige Kinohelden.«

» Du hast dich schon mal gar nicht zu beschweren. Man spricht von dir«, sagte Scott. »Du bist doch in den Medien. Der alte Mann im Weltall.«

Daniel hörte schon nicht mehr zu. Helen murmelte irgendwelche missbilligende Worte in sich hinein. Daniel entschuldigte sich schließlich und hangelte sich zu einem der Fenster hin. Er sah den blauen Ozean, durchsetzt von grünen Farbtönen: Atolle, wie zufällig ins Wasser geworfen, lustig anzusehen; darüber kleine, zarte, weiße Wolkenwirbel. Gleichzeitig sehnte er sich aber danach, Wind und Regen auf der Haut zu spüren, im Sturm spazieren zu gehen.

4

Auf den Stufen der Kathedrale von Rouen

Wieder einmal zurrte er sich in die Riemen fest, und kaum hatte er die Augen geschlossen, sah er Anna vor sich. Noch einmal öffnete er die Augen, noch einmal gelang es ihm, seinen Blick auf eine Trägerstange im Innern des Raumschiffs zu konzentrieren, dann hing er wieder seinen Gedanken an Anna nach.

Es war kurz nach seiner Rückkehr von seinem ersten Weltraumflug in die Eifel. Anna hatte ihn zur Rede gestellt wegen seines Verhältnisses mit Enie und dann überraschenderweise einen gemeinsamen Kurztrip nach Frankreich und Holland vorgeschlagen. Dass sie sich die holländische Küste ausgesucht hatte, um sich von ihm zu trennen, konnte er auf dem Weg nach Rouen noch nicht wissen. Es traf ihn völlig unerwartet, obwohl es im Nachhinein doch eigentlich klar war. Was für eine absurde Idee aber, mit ihm noch vor der Trennung ein paar Tage zu verbringen, so wie Touristen ihren Urlaub verbringen. Es gab ein Foto von ihnen, wie sie in Rouen auf den Stufen vor der großen Kathedrale saßen, die Kathedrale, die Monet in zahlreichen Bildern zu verschiedenen Tageszeiten festgehalten hat. Daniel konnte sich nicht mehr daran erinnern, wer dieses Foto gemacht hat. Auf dem Foto hat er, Daniel, den linken Arm um Anna gelegt, während seine rechte Hand mit einem Hund balgt, der plötzlich von irgendwoher aufgetaucht war. Anna sah lachend in die Kamera, auffällig dabei ihre blauen Augen, wie sie die Nase leicht hochzog, witzige Falten auf der Stirn. Ein paar Tage später hat Anna ihn verlassen.

5

Erdscholle

Daniel schreckte hoch. Schweiß lief an seinen Schläfen hinunter. Wie blöde blickte er auf die immer blaue Erde. Das, was die Traumbilder ihm entgegenwarfen, war einerseits offensichtlich, andererseits nicht zu verstehen. Allem nachzugehen, allem Vergangenem, allen Hoffnungen, die Geschichte mit Anna zu deuten, ihr Lachen, aber auch ihre Vorwürfe zu erinnern, dazu war einfach nicht mehr genug Zeit vorhanden. Dabei hatte er – 80-jährig – im Grunde genommen nichts mehr zu tun, weder zu Hause und noch nicht einmal bei diesem Flug. Er musste lediglich die Tests erdulden, die sie mit ihm anstellten. Wozu aber auch das Nachdenken, wozu sollte es gut sein? Um nicht wieder einzunicken, um nicht wieder in den Rhythmus von Traum und erstauntem Aufwachen zu fallen, formte er lautlos Wörter auf seinen Lippen. »Ackerfurche« war so ein Wort – und »Baumrinde« – und »Hundegebell«. Er probierte weitere Wörter aus: »Knabenkraut«, »Kuckucksblume«, »Sumpfrohrsänger«, »Perlmuttfalter«.

Dann hatte er den Geruch in der Nase, den vollen Geruch weichen Waldbodens, sah sich auch unter hochstehender Sonne über die Feldwege stolpern, immer in der Gefahr, hinzufallen und seine nackten Beine ein weiteres Mal aufzuschürfen. In seinen kurzen Hosen lief er und dem verblichenen T-Shirt, auf dem ehemals ein buntes, lustiges Bärchen zu sehen gewesen war. Barfuß lief er. Die Wege waren noch nass. Tagelang war leichter, aber beharrlicher Regen gefallen. Als Gernegroß sah er gerade einmal über die satten Weizenfelder hinweg. Dabei fehlten ihm noch die Wörter für das, was er sah. »Erdscholle«, das Wort hatte er einmal gehört und behalten, aber er wusste nicht recht, was es bedeutete. Er schritt jetzt mutiger aus, trat fester auf, aber das konnte wehtun, denn auf dem Weg lagen kleine spitze Steine. Unentschlossen wankte er wieder etwas, schlug den Weg zur ersten Eifelhöhe ein und freute sich schon darauf, auf warmem, weichem Waldboden zu laufen. An träge blinzelnden Kühen ging er vorbei. Manchmal führte der Pfad steil hoch, doch bald hatte er den ersten Hügel erreicht. Ein Holzkreuz stand oben an der Weggabelung. Welche Richtung er einschlug, war gleichgültig. Die Wege zur großen Anhöhe waren gleich lang. »Egal«, sagte Daniel laut, blieb kurz stehen und rannte dann wieder los. Hinter einem Holzgatter blökte ein vergessenes Schaf. Auf dem Boden fand Daniel einen rostigen Schlüssel. Überall schien die Erde aufzubrechen. Das Laufen machte ihm Spaß. Einmal piekste ihn der Buntstift, den er in die Hosentasche gesteckt hatte. Feuchte Baumrinden hob Daniel auf. Kalte, helle Steine nahm er in die Hand und warf sie wieder fort. Eine bunte Kinderrassel fand Daniel in einer Ackerfurche, in dunkle Pfützen tapste er, wenn er nicht richtig aufpasste. All das machte ihm ein wenig Angst, auch der Hund vom Bauernhof des alten Mertes bellte schon aufgeregt, er hörte ihn wohl kommen. Daniel lief unter weißem, geschlossenem Himmel. Die Wolkendecke würde heute nicht mehr aufbrechen. Jetzt zog Kälte unter sein T-Shirt. Er glaubte, von weit her das Meer rauschen zu hören, aber das konnte nicht sein. Plötzlich stiegen große, schwarze Dohlen auf. Daniel sah ins weiße Himmelsgewölbe hinauf und träumte davon, als Astronaut in einer Rakete aufzusteigen und die Wolkendecke zu durchstoßen. Aber die Erde hielt ihn fest. Immerhin stieg er auch hier aufwärts, sah nun unten die große Straße, auf der sich ein Lastwagen hochmühte. Seine Gelenke zitterten. Ein leichtes Ziehen im Hals kündigte hoffentlich keine Erkältung an, dann würde ihn seine Mutter zwingen, zuhause zu bleiben. Die Erde war weich, so seltsam weich. Einmal überquerte Daniel eine kleine Brücke, die über einen Bach führte, der nun, nach dem langen Regen, wütend den Hang hinunterstürzte. Am Hof, der kurz unter der letzten, entscheidenden Anhöhe lag, saß der alte Mertes auf einem klapprigen Stuhl vor seinem rostigen Traktor und begrüßte ihn mit der Bemerkung:

» Na, kleiner Mann, wohin soll’s gehen?«

Daniel murmelte zur Antwort Unverständliches und ging schnell weiter, um nicht in ein Gespräch verwickelt zu werden, in dem er sowieso kaum etwas zu sagen wüsste. Der Hund war weder zu sehen, noch zu hören. Nach einiger Zeit sah sich Daniel noch einmal um und winkte dem alten Mertes heftig zu. Es war windstill. Am Wegrand die Gräser bewegten sich nicht. Daniel rannte den letzten Anstieg hinauf. Seine Füße schlugen hart auf den Boden. Am Waldrand angekommen, warf er sich flach hin, atemlos – und starrte zurück über die ruhenden, schweigenden Eifelhöhen. Schwer keuchte er noch und dachte schon seinen Lieblingsgedanken: Die Erde dreht sich! Wenn man ganz ruhig war und ganz fest daran dachte, dann spürte man, wie die Erde sich drehte. Denn dass sie das tat, das hatte ihm schließlich sein Vater erklärt. Daniel ließ seinen Atem zur Ruhe kommen. Dort in der Nähe des Hofes sah er große Elstern aufgeregt auf- und abhüpfen. Dann dachte er nur noch an die Erde, stellte sich den runden Globus vor und plötzlich – endlich wieder – spürte er, wie sich die Erde – und er mit ihr – ganz, ganz langsam bewegte. Er musste zugeben, dass es ganz langsam, ja beinahe kaum zu merken war, und dennoch fühlte er es. Er war vielleicht der einzige Mensch auf der Erde, der diese Fähigkeit besaß. Glücklich schloss er die Augen.

6

Heimatkunde

A