Die Schändung des Oliver S. - Frank Reise - E-Book

Die Schändung des Oliver S. E-Book

Frank Reise

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Beschreibung

Der Yuppie Oliver Schwarze wird durch einen Akt sexueller Gewalt an ihm völlig aus der Bahn geworfen. Sein Jugendfreund und eine Sozialarbeiterin helfen ihm, das Erlebnis zu überwinden und sein Leben in eine neue Richtung zu lenken. Dabei klärt er das Verbrechen an ihm auf und erfährt in der Liebe zu der Sozialarbeiterin seine Erfüllung.

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Seitenzahl: 161

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Frank Reise

Die Schändung des Oliver S.

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

- I -

-II-

-III-

-IV-

-V-

-VI-

-VII-

-VIII-

-IX -

-X-

-XI-

-XII-

-XIII-

-XIV-

-XV-

-XVI-

-XVII-

-XVIII-

-XIX-

Epilog

Impressum neobooks

- I -

„Scheiße, wo bin ich“, schießt es ihm durch den Kopf. Als nächstes ist da Schmerz, er hat das Gefühl, sein ganzer Körper würde brennen, in seinem Kopf hämmert es. Langsam öffnet er seine Augen, benommen vom Schlaf, noch nicht ganz Herr seiner Sinne. Unkraut, eine verbeulte leere Cola-Flasche, irgendwie versteht er nicht, was er da sieht. Er versucht sich aufzurichten, wieder Schmerz, kaum zu ertragen, überall, nicht zu lokalisieren, er gibt den Versuch auf. „Was ist hier los“, seine Gedanken rasen, das hämmern in seinem Kopf macht ihn fast wahnsinnig, er versteht gar nichts. Vögel singen, er hört das sanfte Wehen des Windes durch Bäume, es riecht nach Erde, Gras, er spürt kühle Feuchtigkeit auf seiner Haut, ihm ist kalt, sein Körper schmerzt und ihm ist extrem kalt, was er nicht versteht. Das kann nur ein böser Traum sein, aber so einen Alptraum hatte er noch nie, wach auf, denkt er, aber die Schmerzen und die Kälte verschwinden nicht. „Ich muss aufstehen“, mit all seiner Kraft überwindet er den Wunsch seines Körpers unbeweglich das Ende des Martyriums abzuwarten, er liegt auf dem Bauch, stützt sich mit den Armen ab um auf die Knie zu kommen. Nackt, erst jetzt, da er an sich runter sehen kann, sieht er, dass er vollkommen nackt im Dreck, wohl einem Straßengraben, liegt. Er verharrt in dieser knienden gebückten Stellung, noch immer auf den Armen abgestützt und wartet darauf, neue Kraft für die nächste Bewegung zu finden. Sein Verstand ist benebelt, wie nach einer durchsoffenen Nacht. Mühsam hebt er erst das eine Knie und zieht das Bein näher an seinen Brustkorb, dann das zweite, er drückt sich mit den Armen nach oben und beginnt seinen Körper zu strecken, bis er aufrecht steht, die Zähne hat er dabei zusammengebissen um nicht laute Schreie der Pein aus zu stoßen. Sein Blick erfasst Hügel, Felder, einige Bäume in der Nähe und links neben sich einen Feldweg. Wie vorher erahnt, steht er in einem Art Abflussgraben, der sich entlang des Weges schlängelt, die Gegend ist ihm völlig unbekannt, Menschen kann er nirgendwo erblicken. Nachdem er sich umgesehen hat, beginnt er nach den Ursachen der Schmerzen seines Körpers zu suchen. Seine Handgelenke weisen Fesselspuren auf, blaue Flecken überdecken die Arme, die Beine, seine Brust, seinen Bauchraum, irgendwie ist alles an ihm blau oder rot, blutverkrustete Wunden, selbst seine Eier tun ihm höllisch weh. Er tastet sie vorsichtig ab und bemerkt Schwellungen. „Was um Gottes Willen ist mir passiert“, geht es ihm durch den Kopf. Er tastet sein Gesicht ab, ganz sachte, denn auch dieses verträgt keine starken Berührungen, wahrscheinlich ist es auch von Blutergüssen entstellt. „Meine Haare“, seine Panik verstärkt sich. Beim abtasten seines Gesichtes findet er keinen Haaransatz, sein Kopf ist kahlgeschoren. Jetzt erst wird ihm bewusst, dass auch der Rest seines geschundenen Körpers haarlos ist. Tränen füllen seine Augen, vor Schmerz oder Entsetzen, sicher aus beiden Gründen, er ist der Verzweiflung nahe.

„Ich bin Oliver Schwarze“, beginnt er sein bisheriges Leben zu durchforsten, „ich bin 24 Jahre alt, arbeite in der Kreditabteilung der Dresdener Bank in Nürnberg, ich bewohne eine stylische Maisonettwohnung in der Stadt, habe viele Freunde, unzählige Frauengeschichten, halte mich im Studio fit, fahre einen Audi TT, trage nur die neusten Markenklamotten, ich bin nicht der Typ, dem so was hier passiert. Was überhaupt?“ Oli überlegt krampfhaft, welches seine letzten Erinnerungen sind, was hat er getan, wo war er gewesen, mit wem? Die Firmenparty? „Ja, die Firmenparty am Freitag nach Dienstschluss, einer der Vorstandsmitglieder hatte seinen Geburtstag gefeiert, kaltes Buffet und jede menge Alkohol, wobei er sich zurückgehalten hat, auf der Arbeit kommt es nicht so gut, wenn man besoffen ist“, ihm fällt nicht ein, wie er von da nach Hause gekommen ist. „Überhaupt, was für ein Tag ist heute?“, er ist ratlos, das Pochen in seinen Schläfen und die stetige Erinnerung seines Körpers an seinen Zustand machen ein geordnetes Denken unmöglich.

„Erstmal aus dem Graben raus“, sagt ihm sein Verstand, aber die Durchsetzung dieses Gedankens lässt ihn verharren. Normalerweise würde er die leichte Steigung mit einem Satz nehmen, jedoch ist er barfuß, der Untergrund ist feucht und er befürchtet, eine koordinierte Bewegungsfolge wird ihm in seinem Zustand nicht gelingen, so dass sein im Ruhezustand schon schmerzender Körper mehr davon ertragen müsste, aber es half nichts, er hat keine andere Wahl. Seine Oberschenkelmuskeln brennen wie Feuer, seine Fußsohlen spüren jedes Steinchen, er zwingt sich, trotzdem Schritt für Schritt zu machen, aus dem Graben ist er mühsam draußen, hält auf dem Feldweg kurz an, um zu überprüfen, ob es einen Anhaltspunkt dafür gibt, welche Richtung er einschlagen soll, entscheidet sich dann Richtung des Waldes zu gehen, den er links sieht, weil er in der rechten Richtung nur Hügel und Felder erblickt hat. Schritt für Schritt, Meter für Meter kommt er langsam voran, sich an den kontinuierlichen Schmerz gewöhnend. Als er dem Wald näher kommt, vernimmt er ab und an Motorengeräusche, da muss eine Straße sein. Oli überlegt, ob er so, wie er aussieht, ein Fahrzeug anhalten kann, auf seinem Weg entdeckt er aber nichts, womit er seine Blöße bedecken könnte, kein Stofffetzen, keine Zeitung, nichts was sich eignet, andererseits ist es ihm auch ziemlich egal, er will nur in Sicherheit sein und Linderung seiner Qualen. Nachdem er schätzungsweise 100 Meter in den Wald gegangen ist, alles schleppend langsam, nimmt er erneut ein Motorengeräusch war, lauter als vorher, näher kommend, Hoffnung keimt in ihm auf, doch dann wird es auch schon wieder leiser, die Straße kann aber nicht mehr weit entfernt sein, tröstet er sich. Er behält recht, die Stelle wo der Feldweg, den er beschreitet, von der asphaltieren Straße abbiegt, kommt in Sicht. Eine Art Hochstimmung flammt in Oli auf, bald, ja bald...

Oli bleibt an der Einmündung stehen, plant, so kann er einem anhaltenden Wagen genügend Parkmöglichkeit geben. „Da kommt ein Auto“, vernimmt er, mit der linken Hand verdeckt er schamvoll sein Geschlecht, die rechte hebt er, den körperlichen Schmerz überwindend, in die Höhe um den Fahrer auf sich aufmerksam zu machen und zum anhalten zu bewegen.“ Bitte, bitte“, fleht er innerlich. Ein dunkler Van nähert sich, Oli erkennt eine Frau am Steuer, „Oh je“, schießt es durch seine schmerzenden Gehirnwindungen, er winkt trotzdem, so gut es ihm möglich ist, seinen Blick auf die Fahrerin fixiert und er bemerkt, dass auch sie ihm in die Augen sieht, erschreckt, geschockt, aber keine Anstalten macht, anzuhalten. Oli sieht im vorbeifahren zwei Kinder auf der Rückbank und auf dem Heck des Wagens die allseits bekannten Aufkleber „Maximilian on Tour“ und „Lisa on Tour“. Vermutlich hat sie Angst, aber warum hat sie nicht wenigstens kurz in Rufweite angehalten, Wut und Enttäuschung steigen in ihm auf, gefolgt von Einsicht,er als Mann hätte in dieser Situation auch nicht bei einem nackten Mann angehalten. Irgendwer wird anhalten, ist seine Hoffnung. Noch zwei Fahrzeuge in einem Zeitraum von schätzungsweise 20-25 Minuten kommen und fahren vorbei, langsamer werdend, aber nicht haltend, dann hört Oli wieder etwas. Ein Polizeiwagen nähert sich, die Farbe des Gefährts und der Lichtaufbau auf dem Dach sind unverkennbar. Ein tiefer Atemzug der Erleichterung entweicht seinen Lungen, endlich Hilfe, ein Gefühl der Ruhe durchfährt ihn.

„Die Polizei, dein Freund und Helfer“, der Slogan kommt ihm in dem Moment in den Sinn. Normalerweise fühlt er sich nicht wohl, wenn er diese Freunde und Helfer sieht, insbesondere wenn er in seinem Auto fährt; automatisch schweift sein Blick dann auf den Tacho und sein rechter Fuß auf die Bremse, obwohl er eigentlich nie sehr schnell fährt, halt immer etwas über der erlaubten Geschwindigkeit. Einen Strafzettel hat er deswegen noch nie ausgestellt bekommen, trotzdem ist da jedes mal dieses ungute Gefühl. Aber er denkt, so geht es den meisten Autofahrern. Ansonsten hatte er noch nie was mit der Polizei zu tun, heute, jetzt ist er aber mehr als erleichtert das Fahrzeug zu sehen.

Der Wagen fährt in den Feldweg und hält, die beiden Vordertüren öffnen sich fast gleichzeitig, zwei Männer steigen zackig aus und setzen ihre Mützen ordnungsgemäß auf. Für Oli geht das alles zu langsam, er ist ungeduldig, gestresst und will nur hier weg.

„Polizeiobermeister Schiller, das ist mein Kollege, Polizeimeisteranwärter Krause, können wir Ihnen helfen?“, stellt sich der Fahrer vor. Er ist nach Oli´s Einschätzung Mitte 40, hat eine stämmige Figur mit Bauchansatz, sein strenges Gesicht spiegelt die beginnende Dickleibigkeit wieder, seine Augen sind irgendwie gefühllos, als hätten sie resigniert. Sein Kollege ist jünger, sportlich schlank und im Gegensatz zu dem Älteren, sieht man in seinen Augen Entsetzen und Mitleid.

„Oliver, Oliver Schwarze“, stellt er sich vor, „ich weiß nicht, was mir passiert ist, ich bin da hinten in diesem Zustand aufgewacht und hab keine Ahnung, wie ich dahin kam“, dabei deutet er den Weg entlang, „können Sie mich in ein Krankenhaus bringen,mir geht es gar nicht gut“.

„Eine junge Frau hat uns alarmiert“, erklärt Schiller das Erscheinen hier im Wald.

Wahrscheinlich die Frau aus dem ersten Wagen, überlegt Oli, ich sollte ihr danken, irgendwie.

Der Jüngere der Beamten hat zwischenzeitlich den Kofferraum des Dienstfahrzeuges geöffnet und kommt mit einer Decke auf Oliver zu.

„Warte“, hört Oli Polizeiobermeister Schiller zu seinem Kollegen sagen, „bei den Wunden nimm lieber eine Brandschutzdecke, es könnten sich Fasern in ihnen absetzen“, er ist inzwischen um Oli herum gegangen und steht nun vor ihm, hat sich wohl ein Bild von den Verletzungen gemacht.

„Sehe ich so schrecklich aus, wie ich mich fühle?“, Oli kann anhand dessen, was er von seinem Körper sieht, nur erahnen, wie sein Rücken aussehen wird.

„Sie sind schon ziemlich verwundet, aber lassen Sie uns erst mal in ein Krankenhaus fahren, die werden Sie da näher untersuchen“, bekommt er zur Antwort.

Der andere Polizist reicht ihm eine silberne Folie, hilft ihm vorsichtig, sich diese umzulegen, nachdem er bemerkt hat, wie qualvoll jede Bewegung für Oli ist, dann setzt sich Oli mit schmerzverzerrtem Gesicht auf den Rücksitz, alles brennt, seine Beine, sein Po, sein Rücken, er versucht, nicht zu stark an die Rückenlehne zu kommen, aus Angst, die Sinne könnten ihm durch die Pein schwinden. Die Tür wird geschlossen, die beiden Beamten nehmen ihre Plätze im vorderen Bereich des Wagens ein und der Wagen startet. Oli ist so auf sich und das Überwinden seiner Empfindungen konzentriert, dass es das Geschehen um ihn herum kaum mitbekommt.

„Bitte anschnallen“, vernimmt er aus weiter Ferne.

„Kann ich darauf nicht verzichten“, fast bettelnd ringt er die Worte hervor.

Die Beamten sehen sich ratlos an, „können sie sich in die Mitte setzen, da ist nur ein Beckengurt zur Sicherung“, regt der höhergestellte der Beiden an.

Oli rutscht mühsam in die Mitte der Sitzbank, vorsichtig und langsam um die Schmerzen nicht noch zu steigern, legt den Gurt um seine Hüfte, wobei ihm ein Zischen durch die aufeinander gebissenen Zähne entweicht.

„Woher kommen Sie?“, versucht der rechts vor ihm sitzende ihn abzulenken.

„Woher kommen Sie?“, wie aus weiter Ferne vernimmt Oli abermals die Frage.

„Nürnberg“, presst er hervor, „ich lebe und arbeite in Nürnberg.“

Der Wagen setzt sich in Bewegung, seine linke Hand umfasst die Kopfstütze des Fahrersitzes, mit der rechten drückt er sich so gut es geht vom Sitz ab, die Schmerzen durch das sitzen sind fast unerträglich, sein Körper sendet von überall Alarmsignale an sein Hirn.

Ein Schlagloch bringt das Ende, Oli´s Körper wird durch die Fremdeinwirkung gegen den Sitz gepresst, wie ein Blitz durchfährt es ihn und in dem Bewusstsein, in sicheren Händen zu sein, wird er Ohnmächtig.

-II-

Es war das Erste, was er nach der morgendlichen Begrüßungszeremonie im Büro erfuhr,

Oliver Schwarze ist schwer verletzt aufgefunden worden.

Ohne sich an den Gesprächen und Spekulationen seiner Kollegen zu beteiligen, eilte er, innerlich aufgewühlt, in sein Büro. Hastig schloss er die Tür hinter sich. „Gott sei Dank, er lebt“, Erleichterung macht sich in ihm breit, andererseits aber auch Sorge, „Hoffentlich kann er sich wirklich an nichts erinnern“

„Wieso hatte er diese Neigung? Wieso hatte er bloß diesen Film gesehen? Warum war ihm danach Oliver nicht mehr aus dem Kopf gegangen und er hatte ihn als Akteur des Streifens vor sich?“ Er dachte an die Zeit zurück, besonders den letzten Abend. Er hatte sich nicht mehr in der Gewalt, alles war eskaliert und die beiden Typen, die er engagiert hatte, hielten ihn nicht zurück, sie ließen den Dingen ihren Lauf, erklärten danach nur, ohne eine Gefühlsregung, sie würden sich darum kümmern, Oliver, bzw. den geschundenen Körper zu entsorgen.

Er hatte es geschehen lassen, aus Angst vor Entdeckung, aus Angst vor den Konsequenzen, aus Angst, sein Leben könnte aus den Fugen geraten. Jetzt aber war er erleichtert darüber, dass er kein Leben auf dem Gewissen hatte.

Ein regelmäßiges piepsendes Geräusch weckt ihn, blinzelnd öffnet er langsam die Augen, er liegt auf seiner linken Seite, „Ist das alles doch nur ein böser Traum gewesen?“, doch dann sieht er seinen Arm, und in den Arm führt ein Schlauch, dem er mit seinen Augen zu einer Infusionsflasche folgt, die an so einer fahrbaren Stange hängt, die neben den ihm aus Filmen bekannten Krankenhausmonitoren steht. „Ich bin im Krankenhaus“, denkt er, und bei weiterem umher sehen bestätigt sich dieses. Stimmen kommen näher, eine erkennt er überglücklich, „Mama?“, leise kommt das Wort aus seinem Mund, „Mama?“

„Oli, mein Gott, bist du wach, Oli, mein Schatz“, sie klingt freudig erregt und kommt um das Bett gelaufen.

„Oh Mama, wo bin ich, wie kommst du her, was ist mit mir?“, tausend Fragen gehen ihm durch den Kopf, Tränen beginnen ihm über die Backen zu laufen, „Mama, ich habe keine Ahnung was los ist, war das Wirklichkeit?, sehe ich schlimm aus?“

„Oli, Oli, langsam, du musst dich schonen“, sie hat seine Hand mit ihrer rechten umklammert, mit der linken streichelt sie ihm sanft übers Gesicht, auch ihr laufen Tränen über die Wangen.

„Ich würde mich gern aufsetzen, kannst du das Kopfteil etwas höher machen“, bittet er seine Mutter.

„Warte noch einen Moment, die Krankenschwester, mit der ich eben gesprochen habe, ist los um einen Arzt zu holen, du liegst hier ja schon 5 Tage, da muss man das langsam angehen“, erwidert sie mit beruhigender Stimme.

„5 Tage, ich habe 5 Tage geschlafen?“, fragt er ungläubig.

„Warte bis der Arzt da ist, er wird dir alles erklären“.

Glücklich das vertraute, wenn auch sorgenvolle Gesicht seiner Mutter betrachtend gibt sich Oli damit erst mal zufrieden und gemeinsam mit ihr erwartet er die Ankunft des Arztes. Ihre Hand in seiner, die Andere sein Gesicht immer noch liebkosend, stellt sich ein wenig Frieden in seinen Gedanken ein.

Immer noch auf der Seite liegend und seine Mutter betrachtend, deren Gesicht ihm um Jahre gealtert vorkommt, hört er Schritte sich nähernd.

„Guten Tag, Herr Schwarze, ich bin Doktor Kleinschmidt, der Stationsarzt, neben mir die junge Dame ist Schwester Angelika“.

Doktor Kleinschmidt steht in seinen weißen Arztkittel und Hosen sowie den obligatorischen weißen Krankenhausclocks neben dem Stuhl, auf dem Oli´s Mama sitzt. Oli schätzt ihn auf Mitte 40, er ist von großer stattlicher Figur, hat leicht angegraute kurze Haare, die Brille auf seiner Nase verdeckt mit ihren Bügeln etwas die sich bildenden Fältchen um die Augen, ansonsten sieht er weder besonders gut noch schlecht aus, normal halt. Mit dem Ausdruck „junge Dame“ hat Doktor Kleinschmidt nicht gelogen, Schwester Angelika ist wohl in Oli´s Alter und eine wahre Augenweide, schlank mit schönen Proportionen, blonde, zu einem Pferdeschwanz zusammengebundene, lange Haare, grüne strahlende Augen und ein Lächeln zum dahinschmelzen, die würde er direkt flachgelegen, geht es Oli durch den Kopf.

„Wir hatten schon damit gerechnet, dass sie Heute wach werden, wir hatten sie auf Grund der Zustandes, in dem sie hier eingeliefert wurden, in ein künstliches Koma gelegt, Gestern aber das Mittel abgesetzt“, führt Doktor Kleinschmidt fort.

„Ich würde mich gern aufsetzen“, Oli nutzt eine Sprechpause, um seinen Wunsch zu äußern, „Zudem habe ich großen Durst“.

„Gut“, Doktor Kleinschmidt ist wohl etwas aus seinem Konzept gebracht, „dann werden wir jetzt erst sehen, dass wir Sie in eine halb sitzende Position bekommen. Allerdings sind die Verletzungen auf Ihrem Rücken noch nicht vollständig abgeheilt, aber Sie haben so viel Schmerzmittel bekommen, dass es wohl erträglich für Sie sein wird. Wir müssen nur etwas auf Ihren Kreislauf achten, Sie haben schließlich alleine hier 5 Tage nur gelegen. Danach werden wir Heute noch den gesetzten Blasenkatheter entfernen und die künstliche Ernährung einstellen. Sie bekommen heute Abend dann noch eine klare Brühe zum essen und versuchen bitte so viel wie möglich zu trinken. Schwester Angelika wird Ihnen gleich Wasser und Tee bringen. Vielleicht versuchen wir auch schon, ob Sie kurz aufstehen können, aber bitte nicht alleine, Ihre Muskeln müssen sich erst wieder erholen“.

„Gut“, Oli nickt alles ab, die Informationen muss er erst mal auf sich wirken lassen, künstliches Koma, Katheter, künstliche Ernährung, fährt es ihm durch den Kopf, „wann erfahre ich mehr über meine Verletzungen, meinen Zustand insgesamt?“

„Wir werden sehen, wie es Ihnen morgen geht. Die Polizei will auch mit Ihnen reden, vielleicht können wir die Gespräche verbinden“, damit dreht Doktor Kleinschmidt sich um und verlässt den Raum, während Schwester Angelika eine Kollegin ruft um mit ihr zusammen die Anordnungen durchzuführen, sprich den Katheter zu entfernen, das Bett in eine andere Position zu bringen und Oli beim drehen auf den Rücken zu helfen. Obwohl sein Kopf schmerzt, hätte er nun doch gern mehr erfahren, aber der Arzt ist schon lange außer Sichtweite.

Seine Mutter hatte sich kurz verabschiedet, sie wollte wohl nicht zusehen, wie aus seinem Penis der Katheter entfernt wird. Kurz darauf steht sie wieder in der Tür. Sie war immer eine adrette Frau gewesen, modisch gekleidet, natürlich bedingt durch ihren Job in einer Modeboutique, für ihre 45 Jahre hat sie, im Vergleich mit anderen Frauen ihres Alters, eine tolle Figur, braune mittellange Haare mit natürlichen Locken, braune leuchtende Augen, darunter eine zierliche Nase und ein sinnlicher Mund mit strahlend weisen Zähnen. Oli ist immer stolz auf seine schöne Mutter gewesen, insbesondere dann, wenn seine Kumpel bewundernd von ihr sprachen. Die Frau, die jetzt wieder neben ihm auf dem Stuhl sitzt, wirkte älter, das Gesicht von Sorgen gezeichnet.

„Du siehst nicht gut aus, Mama“, sie haben ein eher freundschaftliches, offenes Verhältnis zueinander, weswegen er das auch so deutlich sagen kann.

„Das musst du gerade sagen“, erwidert sie.

Gleichzeitig fangen Beide an zu lachen, es ist ein befreiendes Lachen, wie nach dem Ende einer langen schweren Zeit, wenn endlich wieder alles gut war. Sie steht unvermittelt auf und umarmte Oli im lachen.

„Die letzten zwei Monate waren nicht gerade leicht“, rechtfertigt sie sich.

Oli überlegt, hatte es in den letzten Monaten Probleme gegeben, von denen er nichts wusste?

„Was war in den letzten zwei Monaten?“, hakt er nach.

Die Arme vorsichtig auf seinen Schultern legend und ihm direkt ernst ins Gesicht blickend beginnt sie zögerlich zu sprechen, „Oli, du warst seit knapp zwei Monaten spurlos verschwunden, kein Lebenszeichen, nichts, wir haben uns solche Sorgen gemacht, wir hatten sogar mit dem schlimmsten gerechnet“, ihre Stimme versagt fast, bei diesen Worten.

„Zwei Monate, ich war zwei Monate verschwunden?“, er lässt den Kopf fallen, zieht sich in sich zurück, frustriert, nachdenkend, unsicher.

Seine Mutter gibt ihm die Zeit, die Nachricht zu erfassen und zu verdauen, sie setzt sich in den Stuhl und wartet ab.