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Die letzten überlebenden Elfen Dawens landen in einem kleinen Dorf der Menschen des Reiches Doraniens. Dort erfährt Lirah, dass der goldene Schein ein Zeichen des Segens der Lichtschöpfer, den göttlichen Errichtern des Universums sei. Auf der Reise in die Menschenhauptstadt Gardindel, schwört Lirah, jeden Ork zu töten, den sie finden kann, um ihre Eltern zu rächen. Sie findet sich in einem Blutrausch wieder, der zutiefst der elfischen Lebensweise widerspricht und sie auf dunkle Pfade führt. Sie lechzt nach dem Blut der Orks. Dieser Blutdurst könnte reichlich Nahrung finden, denn die gewaltige Armee des Herrschers der Schatten taucht kurz nach ihrer Ankunft auch vor den Mauern Gardindels auf. Wird Lirah den Schatten der Toten anheimfallen oder wird sie zurück ins Licht finden? Tauche ein in den 2. Band von Lirahs Geschichte. Teil 3 erscheint am 27.01.2023.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhalt
Über dieses Buch
Über die Autorin
Impressum
Die Fremden
Gestrandet
Die Wolken des Krieges
Die Stadt Gardindel
Totenlied
Vorbereitungen
Der Schatten senkt sich
Magie der Toten
Schatten im Schatten
Das Tor
Feuer und Reiter
Kriegskunst
Aufbruch
Licht der tausend Blätter
Weitere Titel von Audrey Morgan
Audrey Morgan
HERRSCHER
DER
SCHATTEN
Die Schatten der Toten
Über dieses Buch
Die letzten überlebenden Elfen Dawens landen in einem kleinen Dorf der Menschen des Reiches Doraniens. Dort erfährt Lirah, dass der goldene Schein ein Zeichen des Segens der Lichtschöpfer, den göttlichen Errichtern des Universums sei. Auf der Reise in die Menschenhauptstadt Gardindel, schwört Lirah, jeden Ork zu töten, den sie finden kann, um ihre Eltern zu rächen. Sie findet sich in einem Blutrausch wieder, der zutiefst der elfischen Lebensweise widerspricht und sie auf dunkle Pfade führt. Sie lechzt nach dem Blut der Orks. Dieser Blutdurst könnte reichlich Nahrung finden, denn die gewaltige Armee des Herrschers der Schatten taucht kurz nach ihrer Ankunft auch vor den Mauern Gardindels auf. Wird Lirah den Schatten der Toten anheimfallen oder wird sie zurück ins Licht finden?
Über die Autorin
Audrey Morgan, 1993 als einziges Kind eines Deutschen und eines Walisers geboren, lebt auf der sagenumwobenen Insel Anglesey. Schon früh hat sie es sich mit Büchern über die Legenden ihrer Heimat bequem gemacht. Zunächst hat Audrey sich malend und zeichnend künstlerisch betätigt. Bis ihr eines Nachts die Elfe Lirah im Traum erschien und Audrey ihre Geschichte erzählte. Am nächsten Morgen stand Audrey auf und begann zu schreiben.
Impressum
Originalausgabe
Copyright © 2022 by Audrey Morgan
Lektorat: Texterei Andreas Zinßer, Hochdorf
Covergestaltung: Texterei Andreas Zinßer, Hochdorf
unter Verwendung eines Bildes von Warm_Tail/Shutterstock.com
E-Book-Erstellung: Texterei Andreas Zinßer, Hochdorf
Audrey Morgan
c/o Fakriro GbR / Impressumsservice
Bodenfeldstr. 9
91438 Bad Windsheim
ISBN 978-3-9824894-2-1
www.magischewelten.com
Die Fremden
Die Schöpfer erschufen, nachdem sie aus ihrer Welt ausgesperrt wurden, außerhalb Velorias mit den Kräften des Kosmos die Gethlungs, die Menschen. Sie sollten als Boten zu uns gelangen, um uns zu unterstützen. Auch wenn ihre dunklen Geschwister eingesperrt waren, würde das Gefängnis nicht ewig währen. Ohne die Lichtschöpfer, die die Fesseln der Gefangenschaft erneuerten, würde niemand sich ihnen in den Weg stellen können. So gaben die Schöpfer den Gethlungs den Antrieb und den Mut, in ihrer kurzen Zeit auf Erden Großes zu vollbringen und vielleicht konnten Aedals, Rentwas und Gethlungs den dunkelsten Wesen gemeinsam Einhalt gebieten. Auf geheimen Wegen betraten die Gethlungs die Gestade der Welt und so waren sie nicht mit ihr verbunden, denn sie wurden aus keinem Stoff Velorias erschaffen.
Die Gethlungs waren am Anfang ihres Daseins stark und besaßen ein inneres Feuer, das dem unseren sehr ähnlich war. Sie lernten schnell und ihr Einfallsreichtum wuchs mit ihren Lebensjahren. Die Welt jedoch, in die sie geschickt worden waren, machte ihnen zu schaffen und so verwelkten sie nach nur wenigen Jahrzehnten. Sie wurden nach ihrem Tod kein Teil von ihr, sondern gingen zurück in die Leere, aus der sie stammten. Wir gaben ihnen viele Namen. Wir nannten sie „die Besucher“, „die Kurzlebigen“ oder „die Gesandten“.
Die Gethlungs hatten nur wenig Liebe für Bäume, Tiere, die anderen Völker und ihr Drang, sich alles in einer ihnen fremden und unbekannten Welt zu unterwerfen, würde mit den Jahrtausenden wachsen. Sie mussten sich ihr Zuhause selbst erschaffen und so würden sie Veloria ihren Stempel aufdrücken, der für alle Zeit andauern würde.
Altes Pergament aus der Großen Bibliothek von Saneria,
verfasst von Kilian in „Aus den Anfängen der Gethlungs“
Gestrandet
Die Elfen waren benommen, als sie sich vom Boden erhoben. Lirah blickte auf. Der Unterschied hätte nicht größer sein können, vom gefallenen Dawen zu einem Dorf, das ganz normal weiterlebte. Nach dem Grauen, das ihr und den anderen Einwohnern Dawens widerfahren war, wünschte sich Lirah, die Welt würde für einen Moment den Atem anhalten. Wenigstens für eine Sekunde, um all der Toten zu gedenken, die bei der Verteidigung ihrer Heimat gefallen waren. Aber dem war nicht so. Tiefste Trauer und höchstes Glück bestanden nebeneinander und schienen nichts aneinander ändern zu können. Die Häuser vor ihnen waren aus dunklem Holz erbaut und die Dächer mit Stroh bedeckt. Es war ein ziemlich einfaches Dorf. Einfache Menschen mussten hier leben, denn nichts stand im Vergleich zu den Bauten der Menschen aus Wyran. Sie standen neben einer breiten Straße, die wohl die Hauptstraße sein musste. Man sah Wagenradspuren auf dem Weg und tiefe Furchen. Lirah half Lani neben sich auf und entdeckte Naren vor sich. Eine Woge von Erleichterung durchflutete ihre tiefe Trauer, als sie Naren erblickte. Wenigsten er hatte überlebt. In all den Monaten war er ihr ans Herz gewachsen und sie hatte in ihm einen Freund gefunden und wenn Naren ehrlich zu sich selbst war, dann glaubte Lirah, dass auch er so für sie und Lani empfand. Er hatte immer noch eine eher schroffe Art, aber hin und wieder hatte er in den letzten Wochen gelächelt. Lirah hatte gelernt, hinter seinen Tadeln und Korrekturen, zu erkennen, dass er stolz auf ihre Leistungen war und ebenso gern mit ihnen Zeit verbrachte wie sie. Er half gerade einer Elfe auf und blickte sich um. Als er sie sah, trat er zu den beiden und nahm sie stürmisch in die Arme. Lirah war zu verdutzt um etwas zu sagen. In Narens Augen sah sie ebenfalls Tränen. Er drückte ihre Schulter: „Es tut gut, euch beide am Leben zu sehen!“
Lirahs Mundwinkel zuckten kaum merklich. Was spielte das noch für eine Rolle, dass sie lebte? Ihre Eltern und ihre Heimat waren vergangen.
Mit schwacher Stimme versuchte sie sich auf ihre Umgebung zu konzentrieren: „Wo sind wir?“
Naren sah sich um: „Ich glaube, wir befinden uns am Rand von Sila. Einem kleinen Dorf, von Menschen aus Doranien erbaut.“
Eine Elfe mit einem Verband am Arm fragte mit zitternder Stimme: „Der Aedal-Baum hat uns hierher geschickt? Aber wieso nach Sila und nicht zum Schattenwald? Wieso zu den Menschen und nicht zu unseren Brüdern und Schwestern des Waldes?“
Vielen der Elfen stand die Trauer ins Gesicht geschrieben über den Verlust ihrer Heimat.
Naren rieb sich die Stirn, dachte nach und sagte: „Die dunklen Wolken. Es war ein Zauber, der uns vom Schattenwald abgehalten hat. Ich denke, der Aedal-Baum hat versucht, uns in Sicherheit zu bringen und da der Schattenwald verschlossen für uns war, hat er uns zu den Menschen geschickt.“
Lirah sah sich zweifelnd um. Dieses Dorf würde beim ersten Angriff der Orks fallen.
„Aber wo sollen wir nun hin?“
Die Elfen berieten sich. Einige waren immer noch für den Schattenwald, doch die Hauptstadt Doraniens war näher und man musste die Menschen warnen. Sie könnten Nachrichten schicken, aber wer wusste schon, ob diese ihre Ziele erreichen würden. Da der Zauber, der sie zum Schattenwald hätte bringen sollen, unterbrochen worden war, war es wahrscheinlich, dass sie auf der Reise dorthin noch mehr Feinden begegnen würden. In ihrem jetzigen Zustand würden sie gegen eine größere Übermacht nicht bestehen. Das Beste, das sie machen konnten, war, nach Gardindel zu reisen und von dort aus Kontakt zu den Elfen im Schattenwald aufzunehmen.
„Wir sollten nach Gardindel gehen. Die Menschen müssen erfahren, was gesehen ist. Ich bezweifle, das auch nur ein Bewohner Wyrans überlebt hat und dies sind wir unseren menschlichen Freunden schuldig. Ihr Volk muss vor der Gefahr gewarnt werden.“
In der Zwischenzeit hatten sich die Einwohner von Sila an der Straße eingefunden. Sie sahen die Elfen misstrauisch an. Ein paar Kinder versteckten sich hinter den Beinen der Mütter und die Männer waren mit Schwertern bewaffnet. Einige sogar mit Heugabeln. Keiner von den Menschen sagte etwas.
Ihre Kleidung war abgenutzt und ihre Gesichter wettergegerbt von der Arbeit auf den Feldern. Daran, wie sie ihre Waffen hielten, erkannte Lirah, dass nur wenige von ihnen wussten, wie man kämpfte. Wahrscheinlich mussten sie sich hier draußen in der Steppe nicht vieler Gefahren erwehren. Keiner der Menschen war wohlgenährt, alle waren eher zu dünn. Das Leben in der Steppe verlangte einem viel ab und nichts wurde einem hier geschenkt. Dass die Menschen bewaffnet waren, konnte man ihnen nicht verdenken. Die Elfen waren vom Himmel gestürzt wie aus einer Schaudergeschichte, zum größten Teil bewaffnet und blutverschmiert.
Endlich durchbrach Naren die Stille und sprach in der Menschensprache zu ihnen. Lirah erkannte Fürst Cyan unter den Überlebenden. Er war anscheinend der letzte Fürst Dawens, doch er schien über das Geschehene genauso fassungslos zu sein wie sie alle und schien nicht in der Lage zu sein, zu den Menschen zu sprechen.
„Verzeiht uns, dass wir euch so erschreckt haben, doch keine guten Nachrichten haben uns vor eure Türen verschlagen. Mein Name ist Naren und hier seht ihr die letzten Elfen Dawens.“
Einer der Männer trat vor. Er trug als Einziger sein Schwert wie ein erfahrener Krieger und es war auch das einzige, welches in perfekten Zustand gehalten worden war. Er trug eine dunkelbraune Hose mit genagelten Stiefeln und über seinem Wams eine mit Metallgliedern verstärkte Weste.
Er blickte die Elfen der Reihe nach an, bis sein Blick schließlich bei Naren hängen blieb.
„Was wollt ihr?“
Naren antwortete: „Wir wollen euch warnen. Es fällt mir schwer das zu sagen, aber eine Armee von Shrigs hat Dawen überrannt. Wahrscheinlich ist auch Wyran gefallen.“ Die Menschen stöhnten erschrocken auf.
„Ihr müsst fliehen. Sie werden nicht nach Dawen halt machen.“
Eine Frau fragte: „Seid ihr sicher?“
Naren nickte.
Ein Elf, der eine lange Schnittwunde am Bein hatte antwortete mit zischender Stimme: „Sehen wir danach aus, als ob wir euch anlügen würden?“
„Ich glaube euch nicht. Woher wissen wir, dass ihr uns nicht anlügt und nur unsere Stadt haben wollt? Ihr seid Elfen und denen kann man nicht trauen. Sie träumen nur den ganzen Tag in ihren seltsamen Städten. Singen und Tanzen, ohne einmal richtig gearbeitet zu haben. Vielleicht reicht euch eure Stadt nicht mehr und jetzt wollt ihr unsere?“
Lirah konnte es nicht fassen. Dieser Mensch glaubte ihnen nicht? Bisher hatte sie hauptsächlich gute Erfahrungen mit den Menschen gemacht. In ihr kochte Wut auf, denn dieser Mensch hatte damit auch ihre Eltern beleidigt. Doch bevor sie etwas sagen konnte, schrie Lani: „Seid ihr so naiv? Erkennt ihr nicht die Wahrheit? Diese Scheusale werden bald hier sein und ihr glaubt uns nicht? Soll ich euch zeigen, was geschehen ist?“
Die Menschen wichen erschrocken zurück. Nicht nur Lani war außer sich vor Zorn. Einige der Elfen hatten ihre Waffen gepackt, aber noch konnten sie ihre Wut im Zaum halten. Ihr heißes Blut war noch lange nicht abgekühlt und das sollten die Menschen nicht herausfordern.
Naren legte die Hand auf Lanis Schulter und sagte zu ihm: „Beruhig dich, sie haben ...“
Doch Lani stieß Narens Hand weg.
„Ich werde es euch zeigen.“
Lani sprach: „Onlitha garmah!“
Es entstand eine weiße Fläche vor den Dorfbewohnern, die sich eintrübte und schwarz wurde. Dann tauchte Dawen auf, wie es nicht mehr wieder zu erkennen war.
Die Stadt brannte lichterloh und um sie herum sah man überall die Scheusale der Gebirge. Ein paar der Menschen schrien auf, man konnte das Brüllen der Orks und Nirals durch den Spiegel hören.
Der Phondan lag im Hafen und riss ganze Stadtteile in die Bucht. Es war der Untergang einer Welt. Der Welt der größten Seefahrer der bekannten Meere.
Lani liefen erneut Tränen herunter. Lirah trat zu ihm und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Der Elfenspiegel verschwand und die Menschen sprachen aufgeregt miteinander. Lani wischte sich wütend die Tränen aus den Augen.
Naren sprach zu den Dorfbewohnern von Sila: „Ihr habt gesehen, dass wir die Wahrheit sagen. Wir werden Schutz hinter den Mauern Gardindels suchen. Wenn ihr leben wollt, solltet ihr mit uns kommen. Es ist viel verlangt, das wissen wir, aber gewährt uns Unterkunft für eine Nacht. Ihr könnt morgen mit uns kommen oder hier bleiben, es liegt in eurem Ermessen.“ Die Dorfbewohner zögerten.
„Wir müssen diese Angelegenheit erst mit dem Rat des Dorfes besprechen. Wartet hier.“
Der Krieger verschwand zwischen den Häusern. Auch, wenn sie die Elfen immer noch misstrauisch beäugten, hatten einige von ihnen Mitleid mit den Elfen und brachten ihnen Wasser, das die Elfen dankend annahmen. Einige Elfen machten sich daran, die Wunden der anderen zu versorgen. Die Menschen sahen ihnen fasziniert, aber auch ängstlich zu, als offene Wunden sich schlossen und gebrochene Knochen sich wieder richteten. Einige machten sogar Zeichen und murmelten irgendetwas, wahrscheinlich irgendwelche Schutzzeichen, vermutete Lirah. Sie schüttelte den Kopf. Naren war zu Fürst Cyan getreten und redete auf ihn ein. Dieser schien ihn nicht richtig wahrzunehmen, er starrte einfach ins Leere. Nach mehreren Versuchen gab Naren es auf. Schließlich erschien der Krieger wieder.
Er deutete auf die Häuser: „Kommt hinein. Der Rat gewährt euch Unterschlupf für eine Nacht.“
Die Menschen gingen zwischen den Häusern entlang und berichteten den restlichen Dorfbewohnern die schreckliche Neuigkeit. Die Elfen folgten ihnen. Als sie zwischen den Häusern entlanggingen, sah Lirah viele der Dorfbewohner hektisch zwischen den Häusern umherrennen. Sie gingen zum Dorfkern, wo sie den Menschen sahen, der am härtesten gegen sie protestiert hatte.
Er erblickte sie und trat zu ihnen.
„Verzeiht meine harschen Worte vorhin. Ich hätte euch trauen sollen. Verzeiht mir meinen Zweifel, bitte.“
Lirah sah Lani an. Dieser rang sichtlich mit sich, doch schließlich neigte er den Kopf: „Es sei Euch verziehen.“
Der Mensch neigte sichtlich erleichtert ebenso den Kopf und stellte sich ihnen vor.
„Mein Name ist Eofahn und als Wiedergutmachung lade ich euch ein, bei mir die Nacht zu verbringen. Ich besitze nicht viel, aber was ich habe, will ich mit euch teilen.“
Sie dankten ihm. Eofahn führte sie in den südlichen Teil von Sila, in dem sein Haus lag. Einige Elfen gingen zum Rat des Dorfes, um ihnen zu berichten, was geschehen war. Noch waren die Menschen nicht bereit, ihre Heimat zu verlassen.
Die Elfen bekamen Unterschlupf bei den Dorfbewohnern, aber die Häuser reichten nicht für die Elfen und so nahmen sie dankend auch die Ställe und Werkstätten an. Alles war ihnen recht und sie wussten es zu schätzen, dass die Menschen ihre Heimat mit ihnen teilten. Das hektische Treiben der Dorfbewohner ließ nur langsam nach und trotz der Flut an Elfen war es bedenklich still.
Naren, Lirah und Lani bogen in eine Seitenstraße ein. Der Boden bestand nur aus glatt getretener Erde, nicht aus behauenen Steinen wie Lirah es bereits in Wyran gesehen hatte. Sila war kein reiches Dorf und doch sah man an Kleinigkeiten, dass die Menschen ihr Dorf liebten. Nirgends hingen Läden schief in den Fenstern. Hübsche Pflanzen, die in der Steppe wuchsen, wurden zwischen den Häusern gepflegt, um etwas Grün in das Dorf zu bringen. Kleine Windspiele hingen über den Eingängen und erschufen helle Töne, die durch die Straßen wehten. Die Häuser waren knapp vier Schritte auseinander gebaut und so fiel noch genügend Licht in die Gassen, um sie nicht ins Zwielicht zu tauchen. Sie blieben vor dem dritten Haus an der rechten Seite stehen.
Eofahns Haus sah genauso wie die anderen Häuser aus. Es war aus dunklem Holz erbaut worden und hatte zwei Fenster an der Vorderseite. Die Tür war heller als der Rest des Holzes und stach hervor. Das Dach war mit Stroh bedeckt. Eofahn holte einen alten Schlüssel aus seiner Hosentasche und schloss die Tür auf. Die Tür schwang knarrend nach innen. Lirah trat ein und fand sich im Wohnzimmer des kleinen Hauses wieder. Es gab einen Tisch mit vier Stühlen und einen Kamin an der Wand. Davor lag das Fell einer erlegten Antilope. Lirah sah das Fell und schauderte. Sie würde es nie verstehen, wie die Menschen das Fell von Tieren benutzen konnten, um ihr Heim zu verschönern. Für sie war so etwas abstoßend. Lani verzog ebenfalls das Gesicht, als er das Fell sah. Es führten zwei Türen aus dem Wohnzimmer und Eofahn ging zum Kamin, in dem ein Kessel stand.
„Setzt euch.“
Die drei Elfen zogen ihre Umhänge aus und legten sie über die Stühle. Ihre Köcher, Bögen und Schwerter stellten sie an die Wand. Dann nahm sich jeder einen Stuhl und setzte sich an den Tisch. Lani saß links von Lirah und Naren setzte sich rechts neben sie.
Lirah fragte: „Lebt Ihr allein hier?“
„Ja. Irgendwie hat es keine Frau lange mit mir ausgehalten.“ Der Mann lächelte und bereitete das Essen vor. Lirah sah ihm geistesabwesend zu.
Sie schwiegen mehrere Minuten, bis Naren sich erhob.
„Ich gehe kurz nach draußen.“
„Können wir mit?“, fragte Lani ihn.
Naren zögerte, doch dann nickte er. Eofahn bereitete das Essen weiter vor und die drei gingen hinaus.
Sie traten vor das Haus und Naren schloss die Tür hinter sich.
Naren lehnte sich an die Hauswand, die noch warm von der Mittagssonne war: „Ich werde der Königin eine Nachricht senden. Sie muss erfahren, was in Dawen geschehen ist und unser Volk für den Kampf rüsten.“
„Aber dies haben wir doch schon versucht! Keine unserer Nachrichten aus Dawen hat den Schattenwald erreicht. Sonst hätten wir doch Antwort erhalten“, wunderte sich Lirah.
Er stimmte ihr zu: „Ich weiß, aber hier spüre ich noch keine dunkle Magie. Vielleicht erreichen unsere Nachrichten von hier aus ihr Ziel. Wir müssen es versuchen.“
Lirah nickte. Naren schloss die Augen und bewegte lautlos die Lippen. Er öffnete die Hand und eine rote Lichtkugel entstand auf seiner Handfläche. Dann sprach er: „Velodasgel!“
Die Lichtkugel leuchtete hell auf und verschwand.
„Hoffentlich wird diese Nachricht unser Volk erreichen.“
Sie hingen schweigend ihren eigenen Gedanken nach. Doch je länger die Stille anhielt, desto heftiger wurden der Schmerz und die Leere in Lirah. Sie musste sich ablenken, sonst würde sie ertrinken in der Schwärze, die in ihrem Herzen Einzug gehalten hatte.
„Wie lange wird die Königin brauchen, bis sie die Elfen mobilisiert hat?“
„Ich kann es euch nicht sagen. Hoffen wir, dass sie bereits vom Untergang Dawens Nachricht erhalten hat und die Elfen sich bereits rüsten. Unsere vordringlichste Aufgabe ist es nun, Gardindel zu erreichen und die Menschen zu warnen, wenn sie es nicht schon wissen.“
Lani hob leicht den Kopf und beteiligte sich an ihrem Gespräch: „Bestimmt wissen sie es. Wie kann man unwissend bleiben, wenn die eigenen Städte angegriffen werden? Der König hat doch sicher Magier, die regelmäßig den Elfenspiegel benutzen, um sein Reich im Auge zu behalten.“
„Das wird er sicher machen. Aber manchmal handeln die Menschen und auch wir Elfen nicht so, wie man es eigentlich erwarten würde. Es ist auch uns Elfen entgangen, dass der Feind sich für unsere Vernichtung gesammelt hat.“
Lani zuckte nur mit den Schultern. Auch seine Trauer saß tief und nistete dort, wo vor ein paar Stunden noch Hoffnung und Liebe gelebt hatten.
„Wie lange brauchen wir von hier bis nach Gardindel?“
„Wir würden es innerhalb von wenigen Tagen schaffen. Aber sollten die Dorfbewohner mit uns gehen, werden wir mindestens eine Woche, wenn nicht noch länger, benötigen.“
„So lange?“
Naren nickte.
„Lirah, was ist mit dir geschehen, als unsere Eltern…“, weiter konnte Lani nicht sprechen. Er konnte es immer noch nicht begreifen, dass seine Familie tot war. Als er es nun erwähnte, erinnerte sich Lirah daran, dass sie beim Tod ihrer Eltern von einem goldenen Schein umgeben war.
Naren sah Lani fragend an: „Was meinst du?“
Lani erzählte von dem Geschehenen. Naren hörte aufmerksam zu und musterte dann Lirah.
„Was bedeutet das? Ich war noch nie von einem goldenen Licht erfüllt. Es hat mir neue Kraft geschenkt, als ich schon am Ende meiner Kräfte war.“
Naren sah nachdenklich zum Himmel. „In einer unseren Legenden werden Elfen erwähnt, die von den Lichtschöpfern gesegnet sind. Im Moment größten Schmerzens wandeln sie im Schein unserer Schöpfer und sind von ihrem Licht erfüllt. Ich habe jedoch noch keinen Elfen getroffen, dem dies widerfahren ist. Aber etwas anderes kann ich mir nicht erklären. In allen Legenden steckt ein Funken Wahrheit.“
Lirah konnte sich schwer vorstellen von den Schöpfern gesegnet zu sein. Ihre Heimat war zerstört, was war das für ein Segen? Sie hatte wie alle Elfen die Geschichten und Legenden der Schöpfer mit Eifer verfolgt, doch es schützte einen anscheinend nicht vor dem größten Schmerz, den man erleiden konnte, wenn man von ihnen auserwählt war.
„Es hat mir jedoch nicht geholfen, meine Heimat zu retten“, sprach Lirah mit unterdrückter Wut. „Was bringt es mir da, von den Schöpfern gesegnet zu sein?“
Naren sah sie mitfühlend an.
„Das kann auch ich dir nicht beantworten, doch die Gedanken unserer Schöpfer sind nicht immer klar erkennbar. Die Zeit wird zeigen, was sie mit dir vorhaben.“
Erneut baute sich wieder Stille zwischen den dreien auf. Es war noch nicht die Zeit für lange Gespräche. Jeder musste den Verlust verarbeiten. Das Lirah gesegnet sei, kümmerte sie nicht weiter. Ihre ganze Welt war verloren, was brachte ihr das dann noch?
Als die Sonne hinter den Häusern verschwand und der Geruch von Essen aus Eofahns Haus drang, gingen sie wieder hinein und setzten sich an den Tisch. Eofahn hatte das Essen bereits auf den Tisch gestellt.
Lirah nahm sich einen Löffel. Die Suppe war klar und in ihr schwammen Gemüse und ein paar dunkle Brocken. Lirah roch an der Suppe, sie roch komisch, irgendwie tierisch. Lani sah seine Suppe ebenfalls skeptisch an und Eofahn fragte: „Stimmt was nicht?“
Lirah sagte: „Was sind das für braune Klumpen in der Suppe?“
Eofahn sah sie stirnrunzelnd an und sagte dann: „Fleisch. Von einer Antilope, die ich gestern erlegt habe.“
Lirah starrte die Suppe an und schob sie von sich weg. Eofahn fragte: „Ist das ein Problem? Ihr Elfen esst doch auch Fleisch.“
Lani sah ihn entsetzt an: „Nein, wir Elfen essen kein Fleisch!“
Eofahn sah sie ungläubig an.
Naren antwortete auf Eofahns verdutzten Gesichtsausdruck: „Wir essen kein Fleisch, weil wir keinen anderen Lebewesen Schaden zufügen wollen, nur damit wir mehr Speisen haben.“
Eofahn sagte: „Aber jeder isst doch Fleisch. Es sind doch nur Tiere.“
Lirah sah in wütend an. Eofahn zuckte zusammen, als er ihr Gesicht sah und Naren griff ein, bevor Lirah etwas sagte, das sie vielleicht später bereuen würde.
„Für uns eben nicht. Es sind Geschöpfe wie wir, die das gleiche Recht auf das Leben haben. Sie wollen auch nicht leiden - wie wir.“
Eofahn runzelte die Stirn und rieb sich das Kinn: „Wenn das so ist. Ich hätte dann noch etwas Brot und Käse.“
Naren nickte und Eofahn ging in die Vorratskammer, um einen Laib Brot und Käse zu holen.
Als Eofahn in der Vorratskammer kurz verschwand, wandte er sich an Lirah und Lani: „Seid dankbarer! Er lässt uns bei sich wohnen und gibt uns zu essen.“
Lirah antwortete bissig: „Ja, wirklich, ein hilfsbereiter Mörder. Ein seltenes Phänomen in einer so kalten und selbstsüchtigen Welt, in der es nicht schon genug Tod gibt.“
Naren sagte nicht, sah sie aber ausdruckslos an.
Lani legte ihr eine Hand auf die Schulter und drückte sie. Lirah holte tief Luft und murmelte: „Verzeih.“
Eofahn kam zurück und reichte ihnen das Brot und den Käse. Naren und Lani dankten ihm, Lirah nickte nur in seine Richtung.
Sie aßen schweigend. Naren sprach mit Eofahn über Belangloses und versuchte die Stille, die den Raum erfüllte, zu vertreiben. Es gelang ihm nur mäßig, oft hörten sie nur das Klappern des Geschirrs. Lirah schmeckte kaum das Essen, sie hätte genauso auch Erde essen können. Alle ihre Sinne waren wie stumpf und nur der Schmerz war stechend in ihrer Brust.
