Die Scheidungspapiere - Susan Rieger - E-Book

Die Scheidungspapiere E-Book

Susan Rieger

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9,99 €

Beschreibung

Die 29-jährige Anwältin Sophie ist eigentlich auf Strafrecht spezialisiert. Doch eines Tages bittet sie ihr Chef, bei einem ganz anderen Termin einzuspringen: Die Tochter eines wichtigen Mandanten, Mia Durkheim, möchte sich beraten lassen, nachdem ihr Mann völlig überraschend die Scheidung eingereicht hat. Nach dem Gespräch ist Mia so von Sophie hingerissen, dass sie unbedingt von ihr vertreten werden möchte – trotz Sophies Warnungen. Aber schließlich ist es auch Mias erste Scheidung ... Und so stürzen sich die beiden Frauen gemeinsam in einen Rosenkrieg, der am Ende auch Sophies Leben gehörig auf den Kopf stellt.

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EPUB

Seitenzahl: 559

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Buch

Sophie Diehl arbeitet in einer Anwaltskanzlei, ihr Spezialgebiet ist Strafrecht. Als eines Tages ihre Kollegen alle außer Haus sind, bittet sie ihr Chef, bei einem Termin einzuspringen: Die Tochter eines wichtigen Mandanten der Kanzlei, Mia Durkheim, möchte sich beraten lassen. Ihr Mann will sich nach achtzehn Jahren Ehe völlig überraschend von ihr scheiden lassen. Mitgeteilt hat er ihr das in einem Restaurant. Mia kann es kaum fassen, aber das Wichtigste für sie ist nun, das Sorgerecht für ihre kleine Tochter Jane zu bekommen. Sophies Warnungen, dass sie nicht auf Scheidungen spezialisiert ist, überhört Mia geflissentlich. Sie ist so von Sophie hingerissen, dass sie unbedingt von ihr vertreten werden möchte. Schließlich ist es auch ihre erste Scheidung … Und so stürzen sich Mia und Sophie gemeinsam in einen Rosenkrieg, der am Ende auch Sophies Leben gehörig auf den Kopf stellt.

Autor

Susan Rieger ist Absolventin der Columbia Law School, wo sie später auch als Provost arbeitete. Außerdem war sie Dekanin in Yale und unterrichtete an beiden Schulen Jura. Sie hat diverse juristische Artikel für Zeitungen und Magazine geschrieben. »Die Scheidungspapiere« ist ihr erster Roman. Susan Rieger lebt mit ihrem Mann in New York City.

Susan Rieger

_________________________

Die Scheidungs-papiere

Roman

Aus dem Amerikanischen von Annette Hahn

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Die Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel »The Divorce Papers« bei Crown Publishing Group, a division of Random House LLC, a Penguin Random House Company, New York.

Zitat aus Bram Stokers »Dracula«: Abdruck mit freundlicher Genehmigung © Aufbau Media Betreuungsgesellschaft mbH (für die Bearbeitung)

1. AuflageTaschenbuchausgabe Oktober 2015Copyright © der Originalausgabe 2014 by Susan Rieger Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2015by Wilhelm Goldmann Verlag, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München.Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur MünchenUmschlagmotiv: © Fredrik BrodenRedaktion: Annekatrin HeuerAG · Herstellung: Str.Satz: Uhl + Massopust, AalenISBN 978-3-641-15411-0V004www.goldmann-verlag.deBesuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz

Für Maggie Pouncey,kein Autor könnte sich eine bessere Leserin wünschen,keine Mutter eine bessere Tochter.

»Wie diese Blätter angeordnet sind, ergibt sich aus ihrer Lektüre. Alles Überflüssige ist in ihnen ausgelassen worden, auf dass die Geschichte als […] unabhängige historische Tatsache überliefert werde. Es handelt sich nicht um nachträglich entstandene Aufzeichnungen, bei denen die Erinnerung immer trügen kann, vielmehr stellen alle ausgewählten Dokumente authentische Zeugnisse dar, die die Meinungen und den Wissensstand der jeweils schreibenden Personen zum Zeitpunkt der Aufzeichnung treu wiedergeben.«

Bram Stoker, Dracula (1897)

Kanzlei-Notizblock Sophie Diehl

01.01.1999

Die Akte Durkheim

TRAYNOR, HAND, WYZANSKI

222 CHURCH STREET, NEW SALEM, NARRAGANSETT 06555 (393) 876-5678

I. FALLAUFNAHME

FROHES NEUES JAHR

DANIEL, MARIA& JANE DURKHEIM

Lieber Poppa,

ich wünschte, Du wärst hier. Mommy und Daddy sind echt mies drauf. Wird 1999 ein gutes Jahr? Was ist ein Millennium? Und was ist Montezumas Rache? Daddy hat das. Mommy sagt, ich hätte einen eisernen Magen.

xoxoxoxoxoxoxoxoxo

Jane

MARIA DURKHEIM

404 ST. CLOUD STREET

NEW SALEM, NA 06556

Dr. Stephanie Roth

211 Central Park West

New York, NY 10024

1. Februar 1999

Liebe Stephanie,

ich brauche Deine Hilfe. Hier bricht alles auseinander. Ich bin sicher, Du hast die Neuigkeit schon gehört: Daniel will sich scheiden lassen. Das ist so falsch, für ihn, für mich, für Tom, am meisten aber für Jane. Unsere Ehe hat weiß Gott ihre Probleme, aber sie ist immer noch intakt, und ich kann die Vorstellung nicht ertragen, dass wir unserer Tochter eine Scheidung zumuten. Du bist seit dem Studium gut mit Daniel befreundet; er hört auf Dich und vertraut Deinem Urteil. Würdest Du ihn wohl bitten, die Sache langsamer anzugehen, das Ganze noch einmal zu besprechen, es vielleicht mit einer Eheberatung zu versuchen? Wir sind seit achtzehn Jahren zusammen; er sollte das nicht einfach wegwerfen.

Für alles, was Du in dieser Hinsicht tun könntest, wäre ich Dir wirklich dankbar.

Mia

Stephanie Roth, M.D., P.C.

THE BERESFORD

211 Central Park West

New York, NY 10024

Maria Durkheim

404 St. Cloud Street

New Salem, NA 06556

6. Februar 1999

Liebe Mia,

dass Du das mit der Scheidung so schwernimmst, tut mir furchtbar leid, aber leider kann ich Dir nicht helfen. Daniels Entscheidung kam nicht aus einer Laune heraus. Er ist in Eurer Ehe schon seit Jahren nicht mehr glücklich – und Du auch nicht, wenn Du ganz ehrlich bist. Natürlich ist er traurig, wenn Jane daran leidet, aber er vertraut darauf, dass es auf lange Sicht auch für sie besser ist. In einem Zuhause aufzuwachsen, in dem die Eltern sich nicht lieben und nicht mehr verstehen, tut einem Kind nicht gut. Ich bin zutiefst überzeugt, dass er die richtige Entscheidung getroffen hat, zu jedermanns Bestem, einschließlich Dir.

Du solltest an die Zukunft denken, mit all ihren vielfältigen Möglichkeiten. Klammere Dich nicht an die Vergangenheit. Lass die schlechten Zeiten hinter Dir, und sieh nach vorn. Im Ernst, es ist das Beste, was Dir passieren konnte. Du wirst schon sehen.

Ich wünsche Dir für Deine Zukunft alles Gute.

Viele Grüße,

Stephanie

MARIA DURKHEIM

404 ST. CLOUD STREET

NEW SALEM, NA 06556

11. Februar 1999

Liebe Stephanie,

Du mich auch!

Mia

MARIA DURKHEIM

404 ST. CLOUD STREET

NEW SALEM, NA 06556

15. Februar 1999

Dan,

Du bist ein absolut totales Arschloch. Wer ist denn auf die tolle Idee mit Golightly’s gekommen? Du oder dieser Mistkerl von Anwalt, den Du angeheuert hast?

Du solltest keine solchen Spielchen mit mir treiben; darin bin ich besser als Du. Der aktuelle Plan lautet: Ich werde Dir meine Antwort (um einen toten Fisch gewickelt) nächsten Monat auf dem jährlichen Päd-Onk-Kongress vom High Sheriff des Bundesstaates Massachusetts überbringen lassen, der sich dafür extra in seine weiße Paradeuniform werfen wird. (Mein Vater hat über viele Jahre seine Kampagnen unterstützt.) Ich habe nachgesehen: Der Kongress findet am 11. März in Boston im Ritz-Carlton statt, und Du hältst Deinen Vortrag um 14 Uhr im Großen Ballsaal.

M.

BERUFUNGSGERICHT DER VEREINIGTEN STAATEN

DREIZEHNTER GERICHTSBEZIRK

BÜRO VON

185 CHURCH STREET

RICHTERIN

ANNE HOWARD

ANNE HOWARD

NEW SALEM, NA 06555

(393) 875-5511

David Greaves

Traynor, Hand, Wyzanski

222 Church Street

New Salem, NA 06555

28. Februar 1999

Lieber David,

danke, dass Du das Abendessen anlässlich meiner kleinen Feier zum »Teilruhestand« bei Dir abgehalten hast. Ich freue mich immer, wenn ich meine ehemaligen Referendare wiedersehe. (Ich wollte schon meine »alten« Referendare schreiben, aber zu Sophie passt das ja wohl kaum). Ihr seid ein so interessanter, kluger und liebenswerter Haufen. Und ich habe mich unglaublich gefreut, dass Jared extra aus Washington angereist kam.

Der Vorteil meiner Arbeit als Teilzeitrichterin ist die kürzere Prozessliste, was mir sehr entgegenkommt; der Nachteil wird die nachlassende Qualität meiner Referendare sein. Ich muss mich wohl damit abfinden (natürlich klaglos), dass ich nicht mehr die allerbesten bekomme. Und das wird mir fehlen. Ich habe ausgesprochen gern mit Dir gearbeitet – dem Original sozusagen, das einen Standard gesetzt hat – und auch mit all Deinen Nachfolgern bis hin zu Sophie, und ich war äußerst stolz auf meine Rolle als »Zulieferin« für den Obersten Gerichtshof. Als ich das letzte Mal gezählt habe (und ich zähle tatsächlich), waren es zehn Referendare, die dort Fuß fassen konnten. Ruth wird weiterhin auf meine Anfragen reagieren, da habe ich keinen Zweifel, aber die anderen werden wahrscheinlich auf grüneren Weiden grasen wollen. Ich nehme es ihnen nicht übel. Ich hatte einen tollen Lauf.

Sophie scheint mir ziemlich durcheinander. Sie und ich gehen einmal im Monat essen – wir laden uns abwechselnd ins Golightly’s ein. Es war ihre Idee. »Ich bin so etwas wie Ihr Stärkungsmittel«, sagte sie, als sie das erste Mal anrief. »Referendare sind immer so voller Ehrfurcht, und wenn nicht, dann geben sie es zumindest vor, weil sie sich einschmeicheln wollen. Anwälte sind eben Schleimer. Was wiederum erklärt, warum Richter Tyrannen sind, die auf jeden im Saal buchstäblich herabsehen. Sie brauchen es doch, dass hin und wieder mal jemand Klartext mit Ihnen redet und Ihnen den Kopf wäscht.« Spricht sie immer so unverblümt aus, was sie denkt?

Ich frage mich, wo sie am Ende landen wird. Ich dachte ja, sie wollte Professorin werden wie ihr Vater, aber als ich das einmal erwähnte, sah sie mich entgeistert an: »Können Sie sich etwas Schlimmeres vorstellen, als den ganzen Tag zu lesen und zu schreiben und nur rausgelassen zu werden, um einen Kurs voller eingebildeter, grünschnäbliger Gordon Gekkos zu unterrichten, die nur fürs Erscheinen eine Eins erwarten? Deren Eltern dann anrufen, wenn sie keine kriegen? Da verteidige ich lieber Drogensüchtige. Was ich ja auch tue.« Ich bin froh, dass sie unter Deiner Obhut steht, während sie herauszufinden versucht, was sie will. Sie ist sehr aufgeweckt und sehr lebendig. Aber auch ein wenig bissig. Sie sagte mir, am Ende des Tages gehe sie regelmäßig in Dein Büro, um »die Schuhe auszuziehen und das Haar zu lösen – metaphorisch gesprochen«. Es war gut, dass ich Euch zusammengebracht habe – für Euch beide. Neben Deinen großartigen, gutaussehenden, klugen Söhnen – und nun auch dem Enkel – fehlt Dir eine Tochter. Und ihr fehlt … tja, das wirst Du sicher merken, falls Du es nicht schon längst herausgefunden hast.

Die Austern waren wunderbar, vor allem zum Champagner. »Warum jemals etwas anderes essen?«, wie Isak Dinesen es formulierte. Ein in jeder Hinsicht wunderbarer Abend!

Herzlich

und mit besten Grüßen an Mary

Anhaltende Missstimmung

3/1/99 1:30 AM

Von: Sophie Diehl

An: Maggie Pfeiffer <[email protected]>

Datum: Montag, 1. März 1999, 1:30:07

Betreff: Anhaltende Missstimmung

Liebe Mags,

in sechs Monaten werde ich dreißig, und ich weiß nicht, was ich will. Du weißt, was Du willst; Matt weiß, was er will; meine Geschwister wissen, was sie wollen, außer natürlich Françoise, die einfach nur gern durch die Welt reist. Aber selbst das ist etwas. Ich trete auf der Stelle. Kannst Du Dich an unseren Schwimmunterricht in Brearley erinnern? Das halbstündige Überlebenstraining ohne Schwimmbewegungen, als könnten wir uns irgendwann mal in dunkler Nacht mit Leonardo DiCaprio auf einer Mahagoniplanke im Atlantik wiederfinden?

Ich weiß, ich sollte nach Mitternacht keine Mails mehr schreiben, aber ich kann nicht schlafen; ich hab zu viel getrunken und versinke in Selbstmitleid. (Bevor ich mich an den Computer setzte, hatte ich mir versprochen, Dich nicht vollzujammern, aber wie Du vermutlich besser weißt als jeder andere, kann ich eine ausgesprochen selbstmitleidige Betrunkene sein, was immerhin besser ist als eine bösartige Betrunkene, aber nicht viel. Bitte entschuldige.) Ich werde mich in guter Diehl-Manier zusammenreißen und versuchen, den Silberstreif am Horizont zu finden. Eine Neuigkeit gibt es: Am Freitag habe ich Andrew Bellow auf der Straße gesehen, mit dieser Tussi, die er aufgerissen hat, und er wirkte müde und unglücklich. Auch Tussi sah nicht gerade gut aus. Sichtbar nachgewachsener Haaransatz, schwarze Strumpfhose mit Laufmasche. Ich kann zwar nicht behaupten, ihr Anblick hätte meine Laune gebessert (Andrew strahlte mich an und grüßte im Vorbeigehen – ich hab nur genickt), aber möglicherweise waren meine Schritte hinterher doch etwas beschwingter. Vorhin habe ich meine Fiese-feste-Freunde-Liste auf den neuesten Stand gebracht: Andrew ist der fünfte.

Ich hatte heute einen wunderbaren Abend, auch wenn er letztlich all diese Ängste in mir auslöste. David hat eine Dinnerparty für Richterin Howard und ihre ehemaligen Referendare ausgerichtet. Sie geht als Senior Judge in den »Teilruhestand«. Tolle Geschichten, tolle Trinksprüche, tolles Essen (Austern, Hummer … das beste unkoschere Essen im ganzen Land). Die Richterin war sehr zufrieden mit dem Abend und mit uns. Alle in der Gruppe scheinen sehr zufrieden zu sein – mit ihrem Leben und ihrer Arbeit. Und sie sind auch alle sehr beeindruckend: ein stellvertretender Generalstaatsanwalt ist unter ihnen, der Generalstaatsanwalt von New York, die Dekane der juristischen Fakultäten an der Mather und der Narragansett, ein geschäftsführender Partner von Traynor, Hand, Wyzanski (und das waren nur die von hier). David hatte T-Shirts für uns bedrucken lassen, mit dem wunderbaren Spruch der Richterin aus Ernest vs. Farago: »Was ist aus uns geworden? Wann haben wir angefangen, Einhörner einzusperren und Wölfe zu füttern?« Richterin Howard ist in jeder Hinsicht hinreißend. Ich verehre sie. Um die Wahrheit zu sagen: Ich will Bundesrichterin werden (»Décroche la lune«, wie Maman immer sagt), aber das kann ich niemandem erzählen (außer Dir, natürlich), und ich wüsste auch nicht, wie ich das schaffen sollte. (Eine Unsumme an die demokratische Partei von Narragansett spenden?) Du meine Güte, es ist 1 Uhr 30! Ich werde mir einstweilen vornehmen, es wenigstens ins Bett zu schaffen.

Liebe GrüßeSophie

TRAYNOR, HAND, WYZANSKI

222 CHURCH STREET

NEW SALEM, NARRAGANSETT 06555

(393) 876-5678

AKTENNOTIZ

Unterliegt der anwaltlichen Schweigepflicht

Von:

David Greaves

An:

Sophie Diehl

Betr.:

Mrs Maria Durkheim

Datum:

15. März 1999

Anhänge:

Ich möchte, dass Sie diesen Mittwoch das Erstgespräch mit einer potenziellen Mandantin für einen Scheidungsfall führen. Ich weiß, Sie haben noch keine Ehesache verhandelt, aber die Situation erfordert viel Fingerspitzengefühl, und an dem Tag ist niemand sonst verfügbar. Fiona ist die ganze Woche außer Haus, Felix wird im Gericht sein, und ich versuche, den Pericles-Deal abzuschließen. Das ist der Nachteil in einer kleinen Kanzlei. Aber auch ein Vorteil, da wir quasi alle zu Liberos werden.

Die Frau heißt Maria Durkheim und ist die Tochter von Bruce Meiklejohn. Sie kommt um 10:30 Uhr. Ihr Vater hat mich gestern Abend um einen Termin für sie gebeten, weil er gern hätte, dass wir den Fall übernehmen. Er ist überzeugt, man müsse für seine Tochter »schweres Geschütz« auffahren. Ich weiß, was er meint, aber ich weiß nicht, was sie will. Der Ehemann ist eine Koryphäe an der Mather University, ein Onkologe, Professor mit Lehrstuhl, Fakultätsvorsitzender, Träger des Freeman Prize. Meiklejohn kann ihn nicht ausstehen und hat keinen Hehl daraus gemacht, dass er froh über die Trennung ist. Er meint, die Ehe sei von Anfang an ein Fehler gewesen – »Feuer und Wasser«, wie er sagte, was aus der Meiklejohn-Sprache übersetzt allerdings so viel heißt wie »Jude und Heidenchrist«. Er beschreibt Dr. Durkheim als »einen dieser Leute, Sie wissen schon … übermäßig aggressiv und ehrgeizig, streberisch, jemand, der zu sehr versucht, sich anzupassen«. Der gute Bruce Meiklejohn könnte ohne Weiteres aus diesem Ort in Tabu der Gerechten stammen. Wie hat er einmal gesagt? »Nach dem Wiedereingliederungsgesetz für die Kriegsveteranen war das Mather College nicht mehr dasselbe.« Zu viele Ärzte? Wie auch immer – ich wollte Sie nur vorwarnen. Ich habe keinen Grund anzunehmen, dass die Tochter seine Ansichten teilt, aber Meiklejohn meint, die Scheidung könnte eine Schlammschlacht werden. Es gibt ein Kind, ein zehnjähriges Mädchen namens Jane. Meiklejohn denkt vor allem an sie. »Hören Sie, Greaves, geben Sie ja gut auf meine Enkelin Jane acht!« Ich weiß nicht, ob sich die Schlammschlacht um Geld oder um Jane drehen wird oder um das Paar persönlich. Wenn ich nach meiner Erfahrung gehe, vermutlich um alles drei.

Lassen Sie mich wissen, ob Sie den Termin am Mittwochmorgen wahrnehmen können. Es kostet Sie nur ein paar Stunden Ihrer Zeit, und vielleicht gefällt es Ihnen sogar. In Scheidung lebende Paare hegen oft Mordgedanken; sie können ihre Impulse nur besser kontrollieren als Ihre üblichen Mandanten.

TRAYNOR, HAND, WYZANSKI

222 CHURCH STREET

NEW SALEM, NARRAGANSETT 06555

(393) 876-5678

AKTENNOTIZ

Unterliegt der anwaltlichen Schweigepflicht

Von:

Sophie Diehl

An:

David Greaves

Betr.:

Mrs Maria Durkheim

Datum:

15. März 1999

Anhänge:

Natürlich werde ich den Termin wahrnehmen, wenn Sie das möchten, aber ich kann nicht glauben, dass es keine bessere Wahl gibt. Proctor? Virginia? Ich weise zwei erhebliche Mängel auf, die mich als lausige Kandidatin für diesen Job ausweisen.

Erstens: Bei meiner völligen Unerfahrenheit als Anwältin, die noch nie einen Zivilprozess geführt hat, geschweige denn eine Scheidung, sollten Sie sich die Sache lieber noch mal überlegen. Lassen Sie mich als Beweisstück Sophie Diehls »Lebenslauf« vorlegen, die Kurzfassung:

1969:Sophie wird geboren

1987–91:Sophie geht aufs College

1991–92:Sophie verbringt ein Jahr als juristische Hilfskraft im Southern Center for Human Rights, der großen Anwaltskanzlei in Atlanta, die für alle Entrechteten in diesem Land eintritt

1992–95:Sophie studiert Jura

1995–97:Sophie absolviert ihr Referendariat im 13. Gerichtsbezirk

1997–Sophie arbeitet als Strafrechtlerin bei THW (seit eineinhalb Jahren! Das war’s!)

Zweitens: Falls Sie trotz dieses anschaulichen und plausiblen Beweismaterials auf Ihrer Anfrage bestehen, würde ich Sie bitten, mich unbedingt von allen weiteren Maßnahmen außerhalb des Erstgesprächs zu befreien. Ich kann keine Scheidung übernehmen. Nicht nur, dass ich dafür juristisch schlecht ausgebildet bin – ich bin auch wesensmäßig schlecht dafür gerüstet, denn a) mag ich keinen direkten Kontakt mit Mandanten – ich vermute mal, dass ich mich deshalb für den Bereich Strafrecht entschieden habe. Es kommt mir entgegen, wenn die meisten meiner Mandanten im Gefängnis sitzen; ich komme auf sie zu, wann ich es will, und sie kommen mir nicht zu nahe. Und b) mag ich keine Eltern, die sich scheiden lassen. Davon hatte ich selbst ein Paar, und sie haben sich so schlecht benommen, dass Ihnen das kalte Grausen käme.

Wie wäre es mit folgender Neufassung von Anna Karenina: »Jede in Scheidung lebende Familie ist auf ihre eigene Art unangenehm«? Arme Anna K. – so herzerweichend neunzehntes Jahrhundert! Heute stirbt niemand mehr aus Liebe; nur die Liebe stirbt, und dann lässt man sich scheiden. Vielleicht werde ich eine Neufassung von Anna schreiben; sie lässt sich scheiden und verliert das Sorgerecht, darf die Kinder aber jedes zweite Wochenende sehen. Dann geht sie wieder zur Schule, studiert Sozialarbeit und kümmert sich um Problemkinder. Sie wirft sich nicht vor den Zug, sie nimmt einfach die U-Bahn. (Ein Taxi kann sie sich wegen der schlechten Scheidungsvereinbarung nicht leisten …) Könnte das Mrs Durkheims Geschichte sein? Gibt es einen Wronski? Muss ich solche Dinge herausfinden, zur Schadensbegrenzung? Was soll ich sonst noch in Erfahrung bringen? Gibt es eine Checkliste? Stelle ich Fragen, oder höre ich einfach zu? Was muss ich tun? (Hören Sie die steigende Nervosität in meiner Stimme, während ich schreibe? Sie klingt fast schon schrill …)

Tabu der Gerechten?

TRAYNOR, HAND, WYZANSKI

222 CHURCH STREET

NEW SALEM, NARRAGANSETT 06555

(393) 876-5678

AKTENNOTIZ

Unterliegt der anwaltlichen Schweigepflicht

Von:

David Greaves

An:

Sophie Diehl

Betr.:

Maria Durkheim

Datum:

16. März 1999

Anhänge:

Arbeitsblatt Ehescheidung

Landesgesetz von Narragansett zum Thema »Auflösung der Ehe, Annullierung und gerichtlich angeordnete Trennung«, Artikel 33, Absatz 801 ff.

Artikel aus Scheidung Heute USA

Unterlagen: Es gibt ein Arbeitsblatt Ehescheidung – einen Auszug davon füge ich der Aktennotiz bei. Da geht es um Einkommen, Abzüge, Vermögen, Schulden und monatliche Ausgaben. Wenn Sie meinen, Mrs Durkheim kommt damit zurecht, geben Sie es ihr zum Ausfüllen mit nach Hause. Es ist lang – vier dicht beschriebene Seiten –, aber bei einer Scheidung muss man über all diese Dinge nachdenken, vor allem, wenn er oder sie kein eigenes Einkommen oder Ersparnisse hat, was ich in diesem Fall vermute. Die erste Seite »Einkommen & Abzüge/Vermögen & Schulden« gibt einen Überblick über das Gesamtkapital der Ehe, das zwischen den Ehegatten aufgeteilt werden muss. Die nachfolgenden drei Seiten schlüsseln die monatlichen Aufwendungen auf und liefern eine Grundlage für Unterhaltszahlungen an Frau und Kind. Was Sie sonst noch vorbereiten müssen:

1.Holen Sie sich aus unserer Handbibliothek Kopien des Arbeitsblatts Kurzbiographie bei Scheidungen und füllen Sie während des Gesprächs jeweils eines für beide Durkheims aus.

2.Sehen Sie sich eine abgeschlossene Scheidungsvereinbarung an – ich empfehle den Fall Haberman. Sie bekommen dann eine Vorstellung davon, wie man die Beute in der oberen Mittelschicht üblicherweise aufteilt.

3.Werfen Sie einen Blick auf Artikel 33 des Landesgesetzes von Narragansett, der das Scheidungs- und Sorgerecht betrifft – ich habe eine Liste der wichtigsten Absätze (801 ff.) zusammengestellt. Ich nehme doch an, dass Sie im Studium einen Kurs in Familienrecht belegt haben? Und Zivilprozessrecht müssten Sie auch gehabt haben.

Erstgespräch: Frauen, die verlassen oder betrogen wurden (und ich spreche hier nicht als Sexist, sondern als reiner Beobachter), verbringen meiner Erfahrung nach diese erste Stunde damit, Dampf abzulassen – er ist der egoistischste Mann der ganzen Welt (oder von ganz New Salem) und so weiter. Oder sie weinen. Bei Frauen, die ihren Mann verlassen, ist es anders: Die sind meist von Schuldgefühlen geplagt und werden anbieten, alles aufzugeben, nur nicht die Kinder. Ich habe noch einen Textauszug aus einem Artikel der Broschüre Scheidung Heute USA beigelegt (was für ein schrecklicher Titel!), den Fiona ihren Mandanten gerne mitgibt, um sie über die psychologische Seite einer Scheidung aufzuklären. Es steht viel Grundsätzliches darin, ist aber sehr treffend. (Ich habe geschworen, mich nie scheiden zu lassen, egal, wie schlimm es auch werden sollte; lieber erschieße ich mich – oder Mary. Ich will nie herausfinden, wie ekelhaft ich werden kann. Beziehungsweise Mary.)

Ihre Aufgabe ist es, zu denken und zuzuhören wie eine Anwältin, aber zu reden wie eine wohlmeinende Bekannte, wie jemand, der die Mandantin nicht gut kennt, ihr aber dennoch herzlich zugetan ist. (Das skeptische Gebaren eines Strafrechtlers müssten Sie fallenlassen.) Ermuntern Sie Mrs Durkheim, Ihre Fragen zu beantworten, aber drängen Sie sie nicht. Es kann eine Stunde dauern, lassen Sie es aber nicht viel länger werden, denn danach wird normalerweise nichts Neues mehr gesagt. (Ich vermute, dass Psychiater aus genau diesem Grund ihre Sitzungen nach fünfundvierzig Minuten beenden, und sie tun das mit einer Rücksichtslosigkeit, bei der Berufungsrichter neidisch werden können.) Sie müssen sich natürlich Notizen machen, sonst gehen Ihnen die Details verloren (in denen ja bekanntlich der Teufel steckt). Danach schreiben Sie alles auf oder sprechen es auf Band. Damit ist die Sache für Sie erledigt.

Honorar: Anders als bei Ihren Mandanten müssen Sie mit Mrs Durkheim über die Kosten sprechen. Der übliche Anwaltsvorschuss für eine Scheidung mit Kindern beträgt 6.000 Dollar, was dann die ersten 40 Stunden abdeckt (bei 150 Dollar pro Stunde), allerdings ohne Auslagen. Vielleicht möchte Mrs Durkheim nur diese eine Beratung – in dem Fall berechnen Sie ihr 150 Dollar pro Stunde für die Zeit, die Sie tatsächlich mit ihr verbringen. Wenn sie beschließt, sich von uns vertreten zu lassen, schlagen wir den schriftlichen Bericht auf die Rechnung drauf. Sollte sie nur bei uns »reinschnuppern«, bleiben wir auf diesen Kosten sitzen.

Details zur Mandantin: Ja, finden Sie heraus, ob es einen anderen oder eine andere gibt, für beide. Unser Bundesstaat hat das Schuldprinzip zwar abgeschafft, aber wenn der Fall vor Gericht geht, kann der Richter trotzdem eine Schuld berücksichtigen, und bei Sorgerechtskämpfen zählt jedes noch so kleine Detail. Es ist also immer besser, wenn man weiß, was los ist – auch wenn die Leute einen natürlich immer anlügen.

Klären Sie, ob Mrs Durkheim in irgendeiner Weise überreagiert hat. Es ist nicht ungewöhnlich, dass eine oder beide Beteiligte sich danebenbenehmen – in der Öffentlichkeit eine Szene machen, gigantische Einkäufe mit der gemeinsamen Kreditkarte tätigen, Reifen aufschlitzen, Telefone oder Schlafzimmer verwanzen, kurzum: Dinge tun, die sie im normalen Leben nie tun würden. Richter mögen es nicht, wenn sich jemand erheblich danebenbenimmt, und falls im Moment etwas in dieser Art bei den Durkheims laufen sollte, wäre es gut, es (wenn möglich) schnell zu unterbinden.

Ein letzter Hinweis noch, der genau genommen nicht bedeutsam ist, aber dennoch interessant: Finden Sie heraus, ob Dr. D.s Eltern verstorben sind. Meiner Erfahrung nach sind Menschen weitaus eher zu einer Scheidung bereit – noch dazu weitaus kaltblütiger –, wenn ihre Eltern nicht mehr leben. Ich habe den Eindruck, dass Dr. D. die Scheidung will. Meiklejohn hat es nicht ausdrücklich gesagt, aber er hat erwähnt, dass seine Tochter eigentlich noch keinen Anwalt aufsuchen wollte. Sie hält es für zu früh.

Promi-Mandanten: Sowohl die Meiklejohns als auch die Mathers (ihre Verwandtschaft) vertreten wir schon seit langer Zeit. Proctors Großvater war der Testamentsvollstrecker von Mrs D.s Urgroßvater, und Proctor selbst ist der ihrer Mutter. Mrs D.s Mutter Maria (geborene Mather) ist vor über zwanzig Jahren gestorben. Zehn Monate später heiratete ihr Vater erneut. Die aktuelle Mrs Meiklejohn – Cindy – gehört, wie Sie wissen, zur höheren Gesellschaft (sofern man in New Salem überhaupt von höherer Gesellschaft sprechen kann. Heutzutage gehört eigentlich jeder – außer Ihnen, natürlich – zum Cricket Club: Es gibt keine ererbte Mitgliedschaft mehr. Cindy ist erheblich jünger als ihr Mann, aber älter als nach der ominösen Formel »halbes Alter des Mannes plus 7«. Ich vermute, ihr ist es ziemlich egal, was mit den Durkheims passiert – insofern die Sache ihren Mann nicht aufregt. Sie will nicht, dass er unglücklich ist. Darin kann ich ihr nur beipflichten. Viel Glück – und nochmals vielen Dank!

Verschiedenes:Tabu der Gerechten ist ein Film aus den späten Vierzigern über Antisemitismus, in dem Gregory Peck vorgibt, ein Jude zu sein. Sie müssen Ihre Filmliste erweitern, Sophie. Haben Sie schon Der dritte Mann gesehen?

TRAYNOR, HAND, WYZANSKI

222 CHURCH STREET

NEW SALEM, NARRAGANSETT 06555

(393) 876-5678

Arbeitsblatt Ehescheidung: Einkommen & Abzüge/Vermögen & Schulden

Unterliegt der anwaltlichen Schweigepflicht

EINKOMMEN & ABZÜGE

Einkünfte (brutto)

Gehalt

Arbeitgeber 1

Arbeitgeber 2

Andere Einnahmequellen

Einkünfte aus selbstständiger Tätigkeit

Boni

Zinsen

Dividenden

Tantiemen

Schenkungen

Zahlungen aus Treuhandfonds

Ehegattenunterhalt

Andere

SUMME DER EINKÜNFTE

Abzüge

Bundessteuern

Landessteuern

Sozialversicherung

Krankenversicherung

Andere

SUMME DER ABZÜGE

VERMÖGEN & SCHULDEN

Vermögenswerte (realer Marktwert)

Grundstücke

Fahrzeuge

Hausstand

Altersvorsorge

Pensionen/Renten

Private Rentenversicherung/Steuerlich begünstigte Vorsorgepläne, z. B. 401(k)-Plan

Andere

Bankkonten

Wertpapiere, Pfandbriefe, Anlagefonds

Andere

SUMME DES VERMÖGENS

Schulden

Hypothekendarlehen

Kredite

Fahrzeug

Eigenheim

Persönlich

Kreditkarten

Ausbildungskredite

Andere

SUMME DER SCHULDEN

Arbeitsblatt Ehescheidung: Monatliche Lebenshaltungskosten

Unterliegt der anwaltlichen Schweigepflicht

HAUS/WOHNUNG

HypothekendarlehenGrundbetragZinsen

Grundsteuer

Miete/Pacht (oder bei Eigentümergemeinschaft: Mindestzahlung für Instandhaltungskosten)

Versicherung

Instandhaltungskosten inklusive Rücklagen für größere Reparaturarbeiten

Grundstückspflege (Gartenarbeit, Schneeräumen, Rasenmähen, Baumbeschnitt)

Telefon

Haushaltshilfe

Einrichtung

Andere

LEBENSMITTEL

Einkäufe

Schulessen der Kinder

Andere

BEKLEIDUNG

Kleidung & Schuhe

Reinigung & Wäscherei

Andere

KÖRPERPFLEGE

Friseur

Kosmetik-/Hygieneprodukte

Andere

Arbeitsblatt Ehescheidung: Monatliche Lebenshaltungskosten (Fortsetzung)

Unterliegt der anwaltlichen Schweigepflicht

TRANSPORTMITTEL

FahrzeugeLeasing-/KreditratenBenzinkostenInstandhaltung & ReparaturenVersicherungenSteuernParkgebühren

Andere Transportmittel

AUSBILDUNG/SCHULE

Schul-/Studiengebühren

Rückzahlung Ausbildungskredit

Andere

KINDERBETREUUNG

Tagesmutter

Kindesunterhalt

Andere

MEDIZINISCHE BETREUUNG UND VERSORGUNG

Krankenversicherung

Allgemeinarzt/Kinderarzt

Gynäkologe

Psychologische/Psychiatrische Behandlung

Physiotherapie

Zahnarzt/Kieferorthopäde

Sehhilfen

Verschreibungspflichtige Medikamente

Andere

SCHULDEN UND ANDERE FINANZIELLE VERPFLICHTUNGEN

Kreditkarte

Persönliche Kredite

Ehegattenunterhalt

Andere

Arbeitsblatt Ehescheidung: Monatliche Lebenshaltungskosten (Fortsetzung)

Unterliegt der anwaltlichen Schweigeflicht

SPARVERTRÄGE

Pensionen & Rentenkonten

Weitere Altersvorsorge (private Versicherung, steuerlich begünstigte Vorsorgepläne wie 401(k) u. a.)

Sparkonten und Investmentfonds

Andere

VERSICHERUNGEN

Lebensversicherungen

Unfall-/Arbeitsunfähigkeitsversicherungen

Andere

UNTERHALTUNG, FREIZEIT UND HOBBYS

Kino, Theater, Konzerte, Sportveranstaltungen usw.

Sportliche AktivitätenGebühren für Unterricht, Kurse, VereineKleidung & Ausrüstung

Essen im Restaurant

Partys & andere Privatveranstaltungen

Urlaubsreisen

Bücher, Zeitschriften, Zeitungen

Geschenke

Unterhaltungselektronik (TV, PC, DVD usw.)

HaustiereFutter & AusstattungTierarztkosten

Andere

GEMEINNÜTZIGE SPENDEN

VERSCHIEDENE AUSGABEN (bitte auflisten)

SUMME DER MONATLICHEN AUSGABEN

Narragansett Statutes

Landesgesetz. Artikel 33, Absatz 801ff.

Auflösung der Ehe, Annullierung und gerichtlich angeordnete Trennung

Inhaltsverzeichnis [relevante Absätze]

Abs. 801Gründe für die Auflösung der Ehe, gerichtlich angeordnete Trennung und Annullierung

Abs. 804Zustellung und Einreichung des Antrags

Abs. 805Übereinkommen der Ehegatten, Scheitern der Ehe

Abs. 806Vaterschaftsvermutung

Abs. 807Sorgerecht und Unterhaltszahlungen für minderjährige Kinder

Abs. 808Rechtsbeistand minderjähriger Kinder; Pflichten

Abs. 809Elterliche Erziehungsfähigkeit

Abs. 810Kindeswohlprinzip

Abs. 811Psychiatrische oder psychologische Beurteilung des Kindes

Abs. 812Gemeinsame elterliche Sorge; Definition; Vermutung

Abs. 813Kindeswohlvermutung zugunsten der elterlichen Sorge

Abs. 823Elternberatungskurs (verpflichtend)

Abs. 830Aufteilung des ehelichen Vermögens

Abs. 832Unterhalt des geschiedenen Ehegatten

Abs. 833Trennungsunterhalt und Nutzung der ehelichen oder anderer Wohnungen

Abs. 834Elterliche Unterhaltspflicht gegenüber minderjährigen Kindern

Trennung – Aufbruch ohne Zusammenbruch: Psychologisches Porträt einer Scheidung

Patricia Lahey

April 1997

Ausschnitte, Seite 37–39

Menschen, die sich scheiden lassen, sind trotzdem noch miteinander verbunden. Eine Trennung ist schwer, selbst wenn Mann und Frau sich einig sind, dass es die richtige Entscheidung ist. Und normalerweise sind sie sich darüber ebenso wenig einig wie über das Sorgerecht oder Unterhaltszahlungen. Sie müssen einander hassen, um die Scheidung zu bewältigen, sonst haben sie nicht die Kraft dazu. Sie dämonisieren den jeweils anderen, um ihre Versäumnisse und ihren Egoismus rechtfertigen zu können. Und jede Partei fühlt sich gleichermaßen verletzt. Wer die Scheidung in die Wege leitet, ist häufig der wütendere, selbstgerechtere, rachsüchtigere. Auch Schuldgefühle spielen eine Rolle, allerdings nur in der Frühphase. Jeder Mensch ist gern im Recht, doch am meisten gilt das, wenn er sich scheiden lässt …

Meiner Erfahrung nach trennen sich Männer eher selten, egal, wie unglücklich sie sind – es sei denn, es gibt »eine andere«. Finden sie eine andere Frau, gehen sie. Sie sind nicht gern allein, sie kommen damit nicht gut zurecht. Die andere muss nicht zwingend eine Frau sein, die sie heiraten möchten; sie kann auch eine Übergangslösung sein, eine Frau, die ihnen über die schwere Zeit hinweghilft. Andersherum gilt dies eher weniger. Wenn die Frau die Trennung will, muss nicht zwangsläufig ein anderer Mann im Spiel sein. Viele Frauen wollen einfach »raus«; sie träumen davon, allein zu sein … und in einem weißen Raum ohne Telefon zu sitzen.

TRAYNOR, HAND, WYZANSKI

222 CHURCH STREET

NEW SALEM, NARRAGANSETT 06555

(393) 876-5678

AKTENNOTIZ

Unterliegt der anwaltlichen Schweigepflicht

Von:

Sophie Diehl, Scheidungsanwältin für einen Tag

An:

David Greaves

Betr.:

Angelegenheit Durkheim: Erstgespräch

Datum:

17. März 1999

Anhänge:

Honorarvereinbarung

Protokoll des Erstgesprächs

Arbeitsblatt Scheidung:

Kurzbiographie Maria Meiklejohn Durkheim

Arbeitsblatt Scheidung:

Kurzbiographie Daniel Edward Durkheim

Familiengerichtliche Anordnung

Scheidungsantrag

Sie werden es nicht glauben: Die Anwälte von Mrs Durkheims Ehemann (K&B – machen Sie sich auf etwas gefasst!) haben seiner Frau den Scheidungsantrag zugestellt, während sie mit einer Freundin beim Mittagessen im Golightly’s saß. Ich wäre fast vom Stuhl gefallen. Hätte einer meiner Mandanten mir erzählt, er hätte jemanden beim Mittagessen im Golightly’s abgemurkst, wäre ich weniger überrascht gewesen.

Aber zum Thema. Ich habe Mrs Durkheim heute Morgen um 10:30 Uhr empfangen. Ich glaube, es lief ganz gut; zumindest habe ich es nicht vermasselt, was angesichts meiner Defizite – sowohl juristisch wie auch menschlich – durchaus hätte passieren können. Mrs Maria (Mia) Mather Meiklejohn Durkheim beauftragt unsere Kanzlei (aber nicht mich, wie ich ihr ausdrücklich erklärt habe) mit der rechtlichen Vertretung im Scheidungsverfahren gegen ihren Ehemann, Dr. Daniel E. Durkheim. Sie hat die Honorarvereinbarung ohne Zögern unterschrieben und kaum auf die Bedingungen geachtet. Ich hatte sie zwar gewarnt, aber sie ließ sich nicht davon abbringen. Das Gespräch selbst dauerte eine Stunde, die Erläuterungen zu den bestehenden Gesetzen und dem Anwaltsvorschuss eine weitere Stunde und das Ausfüllen der Formulare eine halbe. (Ich habe ihr 375 Dollar für 2,5 Stunden berechnet, für mich ein Novum – nicht meine üblichen 50 Dollar plus Spesen.) Das Gespräch habe ich aufgezeichnet und Hannah um eine Abschrift gebeten, damit Fiona (Felix? Oder Sie, David?) nicht wieder von vorn anfangen muss. So habe ich einen Vorgeschmack darauf bekommen, wie Ihre Generation von Anwälten arbeitet: in ein Gerät diktieren und es dann von einer Sekretärin aufschreiben lassen. Wir angestellten Rechtsanwälte schreiben unsere Aktennotizen und alle Schriftsätze selbst und müssen das alles sogar selbst formatieren. (Ich beschwere mich nicht, sondern stelle nur fest.)

Meine Großpackung Taschentücher blieb unbenutzt. Mrs Durkheim musste keinen Dampf ablassen. Sie war ruhig, gefasst und redegewandt. Sie antwortete bereitwillig und ohne Umstände auf meine Fragen, erwartete jedoch, dass ich das Gespräch leite. Sie bat mich, ihr die Gesetze zu erklären, und wollte wissen, welche Möglichkeiten ihr zur Verfügung stünden. Ich war von Anfang an ehrlich und sagte, ich würde nur für die Top-Scheidungsanwältin der Kanzlei einspringen, die gerade nicht in der Stadt sei. Damit schien sie zufrieden.

Ich stellte Fragen zu ihrer Ehe, den Finanzen, der Tochter. Sie wusste gut Bescheid – ist also keinesfalls ein Heimchen am Herd. Ich konnte eine grobe Chronologie aufstellen und die Gehaltsentwicklung mit der Entwicklung der Ehe abgleichen (siehe Kurzbiographien der Durkheims). Ich erklärte ihr die Gesetzeslage in Narragansett zu verschuldensunabhängigen Scheidungen sowie zu Vermögensaufteilung und Sorgerecht. Ich sagte, sie könne der Scheidung nicht widersprechen oder ihre Einwilligung verweigern, da sich die Parteien über eine Scheidung nicht einig sein müssten: Sobald eine Partei rauswill, kommt sie raus. (»Nicht wie beim jüdischen Get«, bemerkte sie dazu.) Ich meinte, es sei in ihrem eigenen Interesse mitzuarbeiten. Eine Scheidung sei lediglich ein Zivilprozess, bei dem eine Lebensgemeinschaft aufgehoben und Vermögen, Schulden sowie Nachkommen aufgeteilt würden; sie liefere keinen »Abschluss« oder erfülle irgendeine »reinigende Funktion«. (»Ich verstehe«, antwortete sie. »Es geht – nur! – um Geld.«) Ich habe ihr einen Überblick über die Bestimmungen zum Sorgerecht (Stichwort Kindeswohl) verschafft und ihr den Unterschied zwischen gemeinsamem und alleinigem Sorgerecht und zwischen Aufenthaltsbestimmungs- und Umgangsrecht erklärt. Ich sagte ihr, die meisten Scheidungen würden durch eine außergerichtliche Einigung geregelt, ohne Prozess, und dass die Parteien alle Abmachungen treffen könnten, die sie wollten, solange sie nicht gegen die öffentliche Ordnung verstießen. Ich habe alle erforderlichen Informationen dazu gelesen, aber Lesen ersetzt nicht die Erfahrung. (Meine zwei Stunden »Hausaufgaben« gestern Abend habe ich übrigens nicht berechnet; es schien mir nicht recht. Ein echter Scheidungsanwalt hätte ja alles gewusst.) Falls irgendetwas von dem, was ich ihr gesagt habe, nicht stimmt, müsste Fiona es richtigstellen.

Anschließend erklärte ich ihr, sie hätte zwei Möglichkeiten: Sie kann warten, bis ihr Mann ihr ein Angebot macht, oder sie macht ihm ein Angebot. Ich habe ihr eine Kopie des Arbeitsblatts Ehescheidung gegeben und sie gebeten, sie solle versuchen, ein voraussichtliches Jahresbudget für sich und ihre Tochter für die Zeit nach der Scheidung zu errechnen. Sie meinte, sie werde alles tun, was nötig sei.

Die ganze Zeit über war sie ausgesprochen vernünftig. Sie ist sehr klug und versteht, was zu tun ist. Sie hatte vor unserem Treffen sogar schon einen Makler bestellt, um den Wert ihres Eigenheims schätzen zu lassen. Was für eine Geistesgegenwart! Bei reichen Leuten ist tatsächlich alles anders, und das weiß sie. Sie ist wütend auf ihren Mann, aber ihre Wut vernebelt nicht ihr Urteilsvermögen. Sie will ihn nicht schröpfen. Zum einen hat sie, wenn nicht eigenes Geld, dann zumindest Zugriff darauf; zum anderen ist ihrem Mann Geld zwar nicht unwichtig, Erfolg aber wichtiger. Und in diesem Punkt ist sie ihm nicht zwingend wohlgesinnt. Sie hat ihn gewissermaßen mit einem sizilianischen Fluch belegt.

Mrs Durkheim hat tatsächlich »überreagiert«, wenn auch nicht extrem. Sie hatte einen kurzen, unerfreulichen Schriftwechsel mit der Frau, die sie für die Geliebte ihres Mannes hält. Kopien davon habe ich in die Akte gelegt, zusammen mit der Nachricht an ihren Mann, die sie nach der Zustellung des Scheidungsantrags im Golightly’s verfasst hat. Wie Sie sehen werden, ist ihr Schreibstil sehr pointiert.

Mrs Durkheim ist einundvierzig Jahre alt, sieht aber jünger aus. Sie ist groß (etwa wie ich), hat blonde Haare, dunkle, gerade Brauen und Augen, die fast schwarz wirken. Obwohl sie Maria heißt, nennen sie alle Mia, schon immer. Sie wurde nach der Mutter genannt, die jedoch bei vollem Namen gerufen wurde. Seit dem Tod ihrer Mutter sagt der Vater manchmal Maria zu ihr – aber nicht aus sentimentalen Gründen, wie sie meint, sondern aus Nachlässigkeit.

Die Frau gefällt mir. Sie hat immer noch Sinn für Humor (was das Erste war, das der Scheidung meiner Eltern zum Opfer fiel), und sie liebt ihr Kind. In unserem Gespräch klingt sie vermutlich härter, als sie ist. Allerdings glaube ich nicht, dass ihre Forschheit aufgesetzt ist – vielleicht zur Hälfte. Sie ist entschlossen, nicht in Selbstmitleid zu verfallen, zumindest nicht öffentlich. Gut für sie. Dr. Durkheims Vater starb 1992, seine Mutter im September 1998. Er hat etwas Geld geerbt sowie ein zehn Jahre altes Auto.

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RECHTSANWÄLTE

HONORARVEREINBARUNG

Ich, Maria Durkheim, wohnhaft 404 St. Cloud Street, New Salem, NA, im Folgenden »Mandantin« genannt, beauftrage hiermit die Kanzlei Traynor, Hand, Wyzanski, im Folgenden »Anwälte« genannt, mit der Übernahme meines Mandats in der Angelegenheit: Ehescheidung sowie mit der Ausführung weiterer Arbeiten, sofern erforderlich.

1.Die Mandantin zahlt den Anwälten einen Anwaltsvorschuss in Höhe von 6.000,00 Dollar, die Anwälte erklären sich im Gegenzug bereit, die unten aufgeführten Leistungen zu verrichten.

2.Der von der Mandantin gezahlte Vorschuss wird auf die von den Anwälten (sowie jeglichen in ihrem Auftrag arbeitenden Anwälten) im Namen der Mandantin tatsächlich erbrachten Leistungen angerechnet. Es gibt kein Mindesthonorar. Die Leistungen werden zu einem Stundensatz von 150,00 Dollar abgerechnet.

3.Der Stundensatz für juristische Dienste beinhaltet insbesondere: Gerichtstermine, Bürokonferenzen, Telefonkonferenzen, juristische Recherchen, Abnahme schriftlicher Zeugenaussagen, Durchsicht und Überprüfung von erhaltenen und verschickten Schriftsätzen und Dokumenten; die Vorbereitung auf Verhandlungen, Anhörungen und Gesprächskonferenzen; das Aufsetzen von Schriftsätzen, Anträgen sowie Aktennotizen.

4.Die Mandantin bezahlt zusätzlich alle für diesen Auftrag anfallenden Auslagen, die insbesondere Folgendes beinhalten können: Gerichtsgebühren, Zeugengelder, Fahrtkosten, Polizeigebühren, Ferngespräche und Faxe, Ermittlungskosten. Die Anwälte erklären sich bereit, die Zustimmung der Mandantin einzuholen, bevor die Ausgaben den Stundensatz von 150,00 Dollar übersteigen.

5.Der Anwaltsvorschuss ist zum 1. April 1999 fällig. Die Anwälte erstellen eine genaue Auflistung ihrer Dienste und Auslagen, diese ist der Mandantin zum 1. Juli 1999 und danach erneut im Abstand von jeweils drei Monaten auszuhändigen. Für den Fall, dass das Arbeitsstundenhonorar und/oder die Auslagen der Anwälte den ursprünglichen Anwaltsvorschuss übersteigen, erstellen die Anwälte zum jeweils ersten Werktag eines neuen Monats eine zusätzliche detaillierte Rechnung, die binnen dreißig Tagen nach Rechnungsdatum fällig ist.

6.Auf nicht bezahlte Rechnungsbeträge fallen ab Fälligkeitsdatum Zinsen in Höhe von 1,5 Prozent pro Monat an. Werden Rechnungen nicht fristgemäß bezahlt, sind die Anwälte berechtigt, nach Benachrichtigung der Mandantin das Mandat niederzulegen und die Rücknahme aller anhängigen Anträge zu erklären.

7.Erreichen die Kosten der erbrachten Dienste der Anwälte nicht die Höhe des von der Mandantin gezahlten Vorschusses, wird der Mandantin die Differenz erstattet.

8.Das Gericht kann einen der Ehegatten von Anwaltskosten freistellen und diese dem anderen Ehegatten auferlegen. Alternativ können die Ehegatten, um einen Gerichtsstreit zu vermeiden, im Wege des Vergleichs vereinbaren, dass einer der Ehegatten sich in bestimmter Höhe an den Anwaltskosten des anderen beteiligt.

a) Mit dieser Vereinbarung wird in keiner Weise zugesichert, dass die Mandantin seitens der anderen Partei eine Beteiligung an ihren Anwaltskosten erhält.

b) Für den Fall, dass vom anderen Ehegatten eine Beteiligung zugunsten der Mandantin gezahlt wird, wird diese Summe mit den in der Endrechnung aufgelisteten Gesamtkosten der Anwälte verrechnet.

9.Diese Vereinbarung stellt die zwischen den Anwälten und der Mandantin vereinbarten Bedingungen hinsichtlich der rechtlichen Vertretung der Mandantin durch die Anwälte in oben genannter Angelegenheit in vollem Umfang dar. Es gibt keine Ausnahmen.

DIES IST EIN RECHTLICH BINDENDER VERTRAG. SOLLTE DIE MANDANTIN DIE BEDINGUNGEN UND KONDITIONEN DIESES VERTRAGS NICHT VERSTEHEN, WIRD DIE MANDANTIN DRINGEND GEBETEN, EINE UNABHÄNGIGE BERATUNG IN ANSPRUCH ZU NEHMEN.

Wir, Mandantin und Anwälte, haben die vorstehende Honorarvereinbarung gelesen und verstanden und akzeptieren die aufgeführten Konditionen. Wir unterzeichnen aus eigenem und freiem Willen. Die Mandantin erhält eine Kopie der Vereinbarung.

Unterzeichnet am heutigen 17. März 1999

Traynor, Hand, Wyzanski

Mia Durkheim

Mandantin Maria M. Durkheim

Anne Sophie Diehl

Anwältin Anne Sophie Diehl

Traynor, Hand, Wyzanski

222 Church Street

New Salem, Narragansett 06555

(393) 876-5678

Erstgespräch

Mandantin:

Maria Meiklejohn Durkheim (MD)

Gesprächsführung:

Anne Sophie Diehl (ASD)

Datum:

17. März 1999

Betreff:

gerichtlich angeordnete Trennung und Ehescheidung

Abschrift:

Hannah Smith

Datum:

18. März 1999

ASD:Guten Morgen. Ich bin Sophie Diehl. David Greaves, der Anwalt Ihres Vaters, hat mich gebeten, Sie heute Morgen zu empfangen. Ich bin angestellte Anwältin dieser Kanzlei.

MD:Hallo, ich bin Maria … Mia … Durkheim, geborene Meiklejohn. Danke, dass Sie so kurzfristig Zeit für mich haben.

ASD:Aber gern. Wenn es Ihnen recht ist, würde ich dieses Gespräch gern aufzeichnen, um einen genauen Bericht zu erstellen.

MD:Das ist in Ordnung.

ASD:Wie kann ich Ihnen helfen?

MD:Am 15. Februar hat mir mein Ehemann Daniel Durkheim, Dr. Daniel Durkheim, durch seine Anwälte, diese Mistkerle von Kahn & Boyle, ein Scheidungsgesuch überbringen lassen – so wird das, glaube ich, genannt –, während ich im Golightly’s an der Cromwell zu Mittag aß. Hier sind die Papiere. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das in dieser Form üblich ist, oder? Im Universitätsclub, vielleicht, im Plimouth oder im New Salem Cricket Club, aber im Golightly’s? Diesem Oma-Restaurant? Mit den gemütlichen Leinentischdecken, den gepolsterten Sitznischen und dem Hotelsilber? Ich war mit einer Kollegin dort, nicht einmal einer Freundin, als sich dieser schmierige Typ anschlich und mich fragte, ob ich Maria Meiklejohn Durkheim sei. Ich sagte: »Ja, die bin ich.« Er überreichte mir den Scheidungsantrag und verzog sich wieder. Zuerst dachte ich blödsinnigerweise, es wäre die Weinkarte. Als ich dann merkte, was es war, wäre ich fast vornüber in meinen Salat gekippt. Ich dachte, ich werde ohnmächtig. Dann fiel mir auf, wie mich meine Kollegin anstarrte. Andere Leute ebenfalls. Also nahm ich mich zusammen, setzte mich gerade hin, winkte dem Kellner und bestellte eine Flasche Pouilly-Fuissé. »Ich glaube, ich habe was zu feiern«, sagte ich zu meiner Kollegin. »Ich lade dich ein.« Es war ein Extremtest für meine Umgangsformen. Mir bleibt jetzt noch die Luft weg, wenn ich daran denke. Können Sie sich das vorstellen?

ASD:Ich kann. Ich bin Strafrechtlerin. Schlechtes Benehmen überrascht mich nicht. Aber ich habe noch nie gehört, dass jemand die Scheidung in einem Restaurant serviert bekam.

MD:Ha! Abserviert in einem Restaurant. Ich schätze, ich sollte mich dafür in einem Squash-Court revanchieren. Im Cricket Club. Ich hätte keine Skrupel, ihm meine Antwort um die Ohren zu hauen – oder diesen Dreckskerlen von Anwälten. Was soll ich jetzt machen? Es ist mindestens einen Monat her. Ein paar Tage lang habe ich überhaupt nicht mit meinem Mann geredet, dann habe ich einen bissigen Brief geschrieben, in dem ich androhte, ihm meine Antwort während seines Vortrags auf dem jährlichen Päd-Onk-Kongress in Boston überbringen zu lassen. Eine Kopie hab ich hier. Wollen Sie sie behalten?

ASD:Ja, gern. Haben Sie die Drohung wahr gemacht?

[Notiz an Hannah: Ich lege den Brief zu den Akten.]

MD:Oh, nein. Meiner Erfahrung nach ist es bei Männern aus der oberen Mittelschicht nicht nötig, eine wohl durchdachte Drohung wahr zu machen. Der Zweck besteht darin, sie aus dem Gleichgewicht zu bringen, ihren Blutdruck zu erhöhen, ihre Nervosität zu steigern. Ich habe mir vorgestellt, wie Daniel während des Vortrags immer wieder hochschaut, um zu sehen, ob ein Sheriff auf ihn zukommt. Ich dachte, es besteht eine gute Chance, dass ich ihm den Kongress verderbe. Womöglich habe ich das auch. Natürlich hat er nie etwas gesagt. Und ich auch nicht.

ASD:Ist das nur bei der oberen Mittelschicht so, dass Drohungen allein ausreichen?

MD:Ich kann nicht für alle sprechen, aber bei den ganz Reichen muss man so etwas schon zu Ende führen, sonst nehmen sie einen nicht ernst. Das würde Ihnen jedenfalls mein Vater sagen.

ASD:Abgesehen von der Drohung – haben Sie sonst irgendetwas unternommen?

MD:Was meinen Sie mit »unternommen«?

ASD:Haben Sie formell geantwortet?

MD:Nein. Deswegen bin ich ja heute hier. Ich nehme an, ich muss irgendeine Antwort geben. Was soll ich tun?

ASD:Ah. Der nächste Schritt besteht üblicherweise darin, dass Sie einen Anwalt einschalten, der Sie vertritt. Vielleicht möchten Sie mehr als einen aufsuchen, um zu sehen, wer Ihnen genau das bietet, was Sie brauchen. Schließlich möchten Sie ja eine Summe erzielen, die Sie als angemessen erachten.

MD:Was Anwälte betrifft, vertraue ich meinem Vater, und der sagt, Traynor, Hand sind die besten, die es gibt. Betrachten Sie sich als engagiert. Sagen Sie mir Ihr Honorar, und ich zahle es.

ASD:Oh, ich bin nicht die Anwältin, die Sie engagieren wollen. David hat mich gebeten, Fiona McGregor zu vertreten, die gerade Urlaub hat. Wir haben ausgezeichnete Scheidungsanwälte in dieser Kanzlei. Neben Ms McGregor noch Felix Landau, der heute im Gericht ist, und auch David, weil der einfach alles kann. Ich selbst habe noch nie eine Scheidung verhandelt.

MD:Irgendwie finde ich das beruhigend. Es ist auch meine erste Scheidung.

ASD:Aber ich bin Strafrechtlerin.

MD:Genau das, was ich für diesen Ray Kahn brauche.

ASD:Machen Sie sich um den keine Sorgen. Der besteht zu neunzig Prozent aus heißer Luft. Sehen wir uns mal diesen Teil des Arbeitsblatts Ehescheidung an: die Kurzbiographien. Am besten gehen wir die Seiten zusammen durch, und dann werde ich Ihnen, so gut ich kann, das Scheidungsrecht von Narragansett erklären. Warum beginnen wir nicht einfach damit, dass ich Ihnen ein paar Fragen stelle – zu Ihnen, Ihrem Mann, Ihrer Ehe und Ihrer Tochter, ja?

MD:Schießen Sie los.

ASD:Wie alt sind Sie? Wie alt ist Ihr Ehemann? Wie lange sind Sie verheiratet?

MD:Ich bin 41, Daniel ist 52. Wir sind seit 16 Jahren verheiratet, seit 1982. Vorher haben wir aber schon 2 Jahre zusammengelebt. Daniel war verheiratet, als ich ihn kennenlernte, mit Helen Fincher, seit 1974. 1980 trennten sich die beiden – ich fürchte, da gab es eine kleine Überschneidung mit Helen und mir, ein bisschen schäbig, ich weiß. 1982 ließen sie sich scheiden, das müsste in New York beurkundet sein. Helens Familie hat so viel Geld, dass das alles überhaupt kein Thema war, und sie konnte ihn nicht mehr ausstehen. Damals habe ich das nicht verstanden; ich hielt ihn für den wunderbarsten Menschen, den ich je getroffen hatte. Mittlerweile dürften sich unsere Sichtweisen etwas angeglichen haben.

ASD:Gibt es Kinder aus der ersten Ehe?

MD:Oh, tut mir leid … Ja, einen Sohn, Thomas Maxwell Durkheim. Tom. Er ist jetzt 22, geboren 1976. Hat auf dem Amhurst College studiert. Lieber Junge, viel lockerer, sanfter, netter als sein Vater – oder seine Mutter, wo wir schon dabei sind. Er hat schlimmes Asthma, eine schlechte Lunge seit der Geburt. Frühgeburt. Inzwischen arbeitet er an der Wall Street, bei Fincher & Morgan, der Firma seines Großvaters. Daniel hat Helen keinen Unterhalt gezahlt, nur für das Kind, 15.000 Dollar pro Jahr, bis Tom 18 war. Immer diesen Betrag. Dann hat er das College bezahlt. Theoretisch. Die Mather University zahlt den Kindern ihrer Mitarbeiter 50 Prozent der College-Gebühren. Am Amhurst sind das 24.000 Dollar, also musste Daniel nur 12.000 Dollar zahlen. Dazu Unterkunft und Verpflegung, also noch mal 8.000 Dollar pro Jahr. Nicht viel für einen Mann, der im Jahr über 300.000 Dollar verdient. [Pause] Ich klinge verbittert – und gewöhnlich. Ich werde mich jetzt zusammenreißen.

ASD:Hat Thomas bei seiner Mutter gelebt? Oder bei Ihnen und Ihrem Mann?

MD:Er ist in New York City aufgewachsen, bei seiner Mutter. Solange wir noch dort wohnten, haben wir ihn oft gesehen. Aber dann, 91, als Daniel die Stelle als Leiter der Pädiatrischen Onkologie an der Mather-Uniklinik angeboten bekam, sind wir nach Salem gezogen. Nach unserem Umzug haben wir Tom weniger gesehen. Er war 14 damals. Daniel ist ziemlich streng mit ihm. Tom will seine Anerkennung, findet aber auch, dass Daniel ein ganz schöner Drecksack sein kann. Darf ich hier so etwas sagen? Das macht Ihnen doch nichts aus, oder? Sie haben sicher schon Schlimmeres gehört. Ich glaube nicht, dass sie sich seit Weihnachten wieder gesehen haben. Ich weiß nicht, was Daniel ihm über die Trennung erzählt hat. Letzte Woche habe ich ihn gefragt, wie Tom damit klarkommt. »Klarkommt?«, hat er nachgefragt. »Du bist doch nicht seine Mutter. Was für einen Unterschied sollte das also für ihn machen?« Achtzehn Jahre, seit er drei war, und sein Vater denkt, es bedeutet ihm nichts. [Pause] Ich weiß nicht, was Tom denkt. Ich habe zweimal mit ihm gesprochen, aber er lässt sich nichts anmerken. Er will nichts von sich erzählen, fragt nur, wie es Jane und mir geht. Er ist ziemlich abgeklärt und erwartet nicht viel von seinen Eltern. Helen ist Daniel gegenüber im Vorsprung – sie ist bereits mit dem dritten Ehemann verheiratet.

ASD:Können Sie mir etwas über die finanzielle Entwicklung in Ihrer Ehe erzählen?

MD:Als wir uns 1980 kennenlernten, habe ich als Redakteurin bei der Zeitschrift Femina gearbeitet. Können Sie sich an die noch erinnern? Es ging hauptsächlich um gute Kleidung, gute Frisuren und gute Bücher. Ich verdiente 28.000 Dollar im Jahr, was für einen solchen Job gar nicht schlecht war. Daniel war mit dem Studium fertig; er hatte seinen M. D./Ph. D. an der Columbia gemacht, Doktortitel mit Lehrberechtigung, verdiente aber als Assistenzarzt mit einer 90-Stunden-Woche am Presbyterian Hospital nur 23.000 Dollar. Sein gesamtes Nettogehalt ging für den Kindesunterhalt drauf. Immerhin hatte er keine Studienschulden – wenn man in Medizin promovieren will, erhält man eine Vollfinanzierung. Unsere Miete betrug 325 Dollar; wir wohnten in einer Personalwohnung der Columbia, unten an der Claremont Avenue. Das war für ihn schon ein ziemlicher Abstieg. Als er noch mit Helen verheiratet gewesen war, wohnten sie westlich vom Central Park, an der 69. Aber er war sowieso kaum zu Hause, und mir machte es nichts aus. Mein Vater hätte sicher etwas beigesteuert, aber er knüpft an seine Geldgeschenke immer Bedingungen, und das war es nicht wert, fand ich. Allerdings schenkte er jedem von uns 10.000 Dollar pro Jahr, von der Hochzeit an. Und unserer Tochter Jane auch jedes Jahr 10.000 Dollar, seit ihrer Geburt.

ASD:Erzählen Sie mir von Jane.

MD:Sie ist perfekt. Sie ist 10 Jahre alt, fast 11, und geht auf die Peabody, wo ich auch war und jeder aus meiner Familie bis hin zu unseren Urahnen. Meine Mutter war Kuratorin der Schule, wie ihre Mutter und Großmutter. Wir sind ein ganz alter New-Salem-Clan. Meine Mutter war eine Mather und Granny eine Peabody. Aus welcher Familie meine Urgroßmutter stammte, weiß ich nicht mehr – ich habe sie nie kennengelernt –, aber ihr Name war Maria. Wir heißen alle Maria, von Mutter zu Tochter, bis hin zu meiner Urururgroßmutter, deren Mutter mit Vornamen Humility hieß. Die Familie war … ist … hier extrem tief verwurzelt. Bis in die Generation meiner Mutter durfte man nicht außerhalb des magischen Kreises heiraten. Mein Vater gehörte nicht wirklich dazu; seine Familie ist erst später eingewandert, im 19. Jahrhundert. Sie waren neureiche schottische Kaufleute, aber auf den richtigen Schulen und nicht katholisch. Meine Mutter hieß mit vollem Namen Maria Maple Mather Meiklejohn – ihr Spitzname in der Familie war »4M«. Mein voller Name lautet Maria Mather Meiklejohn. [Pause] Durkheim. Den muss ich loswerden. In der Schule wurde ich »3M« genannt oder »Scotch« für »Scotch Tape« … also wegen der Firma, die dieses Klebeband herstellt, 3M. Daniel hat immer gesagt, meine Familie gehe auf die Mayflower zurück und seine auf die Arche Noah. Nie hätte ich mir vorgestellt, dass ich wieder nach New Salem zurückziehe. Ich dachte, ich wäre dem allen hier entkommen. Ich hatte darauf hingearbeitet – und das ziemlich erfolgreich, wie ich fand –, eine jüdische New Yorker Intellektuelle zu werden. Hier dagegen gelte ich als Mitglied der Hautevolee.

ASD:Arbeiten Sie?

MD:Ich unterrichte wissenschaftliches Schreiben an der Mather. Als wir herzogen, beschloss ich, meinen Doktor in Amerikanistik zu machen. Der einzige Verlag in der Stadt ist Mather Press, und ich hatte kein Interesse daran, Übersetzungen zu veröffentlichen, was deren Hauptgebiet ist. Ihr derzeitiges Großprojekt ist die vollständige Übersetzung von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit; ein französisch-amerikanisches Ehepaar arbeitet daran. Wussten Sie, dass niemand je alle sieben Bände übersetzt hat? Alle Übersetzer sind vorher irgendwann gestorben – als wäre es ein Fluch. Haben Sie Proust gelesen?

ASD:Nein. Meine Mutter ist Französin, und wenn ich seine Bücher auf Englisch anstatt auf Französisch lesen würde – was ich auf keinen Fall schaffen würde –, wäre sie sehr enttäuscht. Also lese ich ihn gar nicht. Und Sie?

MD:Ich habe sein drittes Buch gelesen, Die Welt der Guermantes. Bill Pritchard, Toms Englischlehrer am Amhurst, meinte, man solle erst damit anfangen und dann mit dem ersten Buch weitermachen. Aber das habe ich nicht geschafft.

ASD:Kommen Sie mit der Promotion voran?

MD:Meine Kurse habe ich 1996 abgeschlossen. Für die Doktorarbeit beschäftige ich mich hauptsächlich mit Jacob Riis, aber auch mit anderen amerikanischen Journalisten, Fotoreportern und Skandalmachern des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Diese Scheidungssache hat mich ganz aus dem Konzept gebracht. Ich denke nicht, dass ich in diesem Jahr großartige Fortschritte machen werde. Manchmal ist schon das morgendliche Aufstehen eine ernsthafte Herausforderung. Ich schaffe es, meine Kurse zu halten, aber es kostet mich sehr viel Mühe, und dabei sind es nur vier Nachmittage bzw. Abende pro Woche, insgesamt sechzehn Stunden.

ASD:Könnten Sie von Ihrem Gehalt leben?

MD:Oh, nein. Ich verdiene 14.000 Dollar im Jahr, was gerade mal 1.000 Dollar mehr sind als Janes Schulgeld. Daniel hat letztes Jahr 370.000 Dollar verdient, 25-mal mehr als ich. Das sind die Dinge, die mir durch den Kopf gehen, wenn ich an Scheidung denke. Meine mangelnden Rücklagen. Ich mache mir zwar keine allzu großen Sorgen – mein Vater würde Jane und mich schon nicht verhungern lassen –, aber es wäre mir schrecklich unangenehm, ihn oder Daniel um Geld zu bitten. Es wäre zu erniedrigend, immer wieder an den einstigen Futtertrog zurückkehren zu müssen.

ASD:Ihr Mann ist Onkologe, sagten Sie?

MD:Er ist Leiter der Abteilung für Pädiatrische Onkologie, eine der bedeutendsten Abteilungen an der Mather-Uniklinik. Außerdem ist er Inhaber der Dowling-Professur. Er ist eine Koryphäe, als Mediziner wie als Forscher, und er ist sehr ehrgeizig. Er hat den Freeman Prize gewonnen und war für den Lasker Award nominiert. Ich schätze, er hat jetzt den McArthur im Visier und träumt spätnachts vom Nobelpreis. Sein Spezialgebiet sind Hirntumore. Er ist der Beste auf dem Gebiet, auch wenn die meisten seiner Patienten es nicht schaffen. Zumindest leben sie länger als die Patienten anderer Ärzte. Der Erfolg hat Daniel einen Jesus-Komplex beschert. Er ist so daran gewöhnt, dass man ihn bewundert, angefangen bei seinen Eltern, dass er es von jedem erwartet, selbst von Jane und mir. Mather hat ihn sehr umworben, genau wie Harvard, Stanford und Yale. Die letzten dreizehn Jahre hat er großzügige Fördermittel von den Nationalen Gesundheitsinstituten erhalten, die derzeitige Förderung läuft über vier Jahre. Als er die Columbia verließ, nahm er seine Zuschüsse und sein Labor mit, einschließlich der vier Wissenschaftler. Ich habe unter der Entscheidung furchtbar gelitten. Welcher vernünftige Mensch geht nach New Salem, wenn er in New York wohnen kann? Ich hatte gute Freunde, viele Kontakte, einen guten Job. Ich wollte nicht die Frau eines Lehrstuhlinhabers sein. Ich wollte nicht ohne Anstellung sein, ich wollte nicht zurück nach New Salem. 1988 war ich von Femina weggegangen, um als Sachbuchlektorin bei Monk’s House anzufangen, und ich liebte meine Arbeit. Ich habe Daniel gebeten, das Angebot auszuschlagen, aber er meinte, es sei ein Angebot, das er nicht ablehnen könne, und ich dachte, wenn ich nicht mitkäme, würde er mir das nie verzeihen. Wie sich herausstellt, hat er mir auch so nicht verziehen. Auch wenn er es nie offen ausgesprochen hat – er ist an der Mather nicht glücklich. Zu viel Verwaltungsarbeit und keine große Bandbreite an Fällen wie in New York. Meine Unzufriedenheit ist folglich nicht zu ertragen, sie ist wie ein Vorwurf.

ASD:Wer kümmert sich hauptsächlich um Jane?

MD:Ich mache das. Das ist einer der Gründe, weshalb ich Dozentin bin. Ich arbeite halbtags. Nach der Schule und in den Ferien kann ich bei Jane zu Hause sein. Aber wir haben auch eine Haushälterin, Luz Garcia. Sie kommt jeden Tag. Wir brauchen jemanden in Vollzeit; sie arbeitet vierzig Stunden die Woche bei uns, aber nicht acht Stunden täglich, und wir zahlen Sozialversicherung für sie – für den Fall, dass Daniel eines Tages Leiter der Nationalen Gesundheitsinstitute werden will. Nein, das war nur Spaß; ich würde das in jedem Fall zahlen. Das hier wird aufgezeichnet, richtig? Luz hat eine Aufenthaltsgenehmigung. Wir haben ihr geholfen, eine Green Card zu bekommen. Sie ist wunderbar. Ich habe eine jüngere Schwester, Cordelia, mit Down-Syndrom, die in Philadelphia lebt, in einem Haus mit betreutem Wohnen. Ich besuche sie zweimal im Monat, manchmal öfter. Dann übernachte ich in Philly, Dienstag auf Mittwoch – so kann ich sie bei jedem Besuch zwei Tage lang sehen –, und Luz bleibt über Nacht bei Jane. Es wäre zu kompliziert, sich auf Daniel zu verlassen, obwohl er sich sehr bemüht, jeden Abend mit ihr zu essen, besonders an den Dienstagen, wo ich weg bin. Er arbeitet neunzig bis hundert Stunden pro Woche, Chefarztzeiten eben. An Wochenenden, die für ihn wie Arbeitstage sind, unternimmt er samstags oder sonntags immer, oder fast immer, etwas Sportliches mit Jane. Im Moment bringt er ihr Squash bei. Jane ist ausgesprochen sportlich, und Daniel ungemein verbissen. Sehr auf Konkurrenz bedacht, versteht sich. Er wird mir das Sorgerecht nicht entziehen wollen – falls Sie darauf anspielten. Dafür hat er gar keine Zeit, und ich glaube, er hält mich für eine ganz gute Mutter, zumindest für sehr engagiert. Ich liebe Jane mehr als sonst jemanden auf der Welt, schon seit ihrer Geburt. [Pause] Tja, das sagt eigentlich alles, oder? Na ja, vielleicht nicht alles. In mancher Hinsicht ist das auch ein Selbstschutz. Daniel hat immer »seine Kinder« gebraucht, diese furchtbar kranken, sterbenden Kinder, mehr als mich oder Jane. [Pause] Aber das ist vielleicht nicht ganz fair von mir. Er vergöttert Jane. Er nennt uns die drei Musketiere – zumindest hat er das früher getan. Wenn wir mal irgendwo hinfuhren, zum Essen oder ins Kino, absolvierten die beiden so ein albernes Abschiedszeremoniell, eine Art Wachablösung à la Monty Python. Ich war das Publikum. Es fing an, als Jane etwa drei Jahre alt war. Er stellte sich an die Tür und rief: »Musketiere aufs Vorschiff!« Wenn sie das hörte, stürzte Jane, wo auch immer sie gerade war, die Treppe hinunter und lief zu ihm. Dann streckte er seine rechte Hand aus und sagte mit ernstem Gesicht: »Alle für einen.« Jane gab ihm einen High Five und antwortete mit ebenso ernstem Gesicht: »Und einer für alle.« Dann hob er sie hoch, warf sie sich über die Schulter und trug sie zum Auto. In solchen Momenten fühlte sie sich bestimmt wie im Himmel – und er, glaube ich, auch. [Pause] Die Musketiere haben sich aufgelöst.

ASD:Hat Sie das Scheidungsgesuch Ihres Mannes überrascht?

MD:Nein. Ja. Am 3. Januar, gerade mal drei Tage nach Silvester, teilte er mir mit, dass er sich scheiden lassen will. Das hat mich völlig aus der Bahn geworfen. Ich dachte, wir leben glücklich zusammen bis an unser Lebensende. Nie hätte ich mir vorstellen können, dass er sich eine zweite Scheidung antut. Ich fragte, ob er eine andere hätte. Er sagte Nein, aber ich glaube ihm nicht. Immerhin kenne ich seine Vorgehensweise. Ich glaube, er hat etwas mit Dr. Stephanie Roth – eine Dermatologin mit eigener Praxis in New York. Sie haben zusammen studiert und seitdem immer mal wieder Kontakt gehabt.

Anscheinend ist sie die Ärztin in New York City, zu der man geht, wenn man Falten hat. Mit der Verjüngung – Botox, Dermabrasion und solche Sachen – verdient sie ihren Lebensunterhalt. In Harper’s Bazaar stand mal ein Artikel über sie. Ihr Gesicht sieht aus wie glattgebügelt. [Pause] Erinnern Sie sich an die Szene in Ein Mann zu jeder Jahreszeit, wo Morus dem jungen Richard Rich vorwirft, er habe ihn an Cromwell verraten, nur um Kanzler von Wales zu werden? Morus sagt: »Dass ein Mann seine Seele für die Welt aufgibt, kann ich ja verstehen, Richard, aber für Wales?« So fühle ich mich. Ich verstehe, dass Daniel mich verlässt, aber für Stephanie Roth?

ASD:Sie wirken sehr gefasst.

MD:Xanax. Bevor ich herkam, habe ich 3 Milligramm geschluckt. Ich bin seit sechs Jahren bei einer Therapeutin an der Northeastern Clinic. Isabel Stokes. Sie hat mir im Lauf der Zeit verschiedene Antidepressiva verschrieben. Im Moment nehme ich Wellbutrin. Ich leide an Depressionen, seit ich zehn bin. Sie sind zwar sehr schwach ausgeprägt, dennoch sind es Depressionen. Daniel hasst es, er nimmt die Krankheit persönlich. Und ich kann es ihm noch nicht einmal verübeln. Depressive Menschen sind Spielverderber. Im Januar hat Dr. Stokes mir Xanax verschrieben. Ich war so aufgewühlt, dass ich nicht lesen konnte, nicht schlafen, nicht essen. Im Januar und Februar hab ich es ziemlich regelmäßig genommen, aber jetzt nur noch im Notfall. Wie heute. Als ich im Golightly’s die Scheidungspapiere bekam, bin ich fast ohnmächtig geworden. Seitdem habe ich das Xanax ständig bei mir. Ich bin immer noch nicht darüber hinweg. Ich kann nicht fassen, dass Daniel dem zugestimmt hat, aber vielleicht bin ich zu naiv. Zu seiner Verteidigung könnte er anführen, ich hätte es herausgefordert. Es sei ganz allein meine Schuld, so wie alles andere auch.

ASD:Was meinen Sie mit »herausgefordert«?

MD:Ich hatte einen kurzen Briefwechsel mit Dr. Stephanie, was die Sache möglicherweise ins Rollen gebracht hat.

ASD:Könnten Sie das genauer erklären?

MD:Ich habe Kopien mitgebracht. Ich habe ihr geschrieben, sie hat zurückgeschrieben, ich habe wieder geschrieben. Hier, bitte.

[Längere Pause. Notiz an Hannah: Ich lege die drei Briefe in die Akte.]

ASD:Ich verstehe. Sonst noch etwas?

MD