Die Schneelöwin - Camilla Läckberg - E-Book
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Beschreibung

Ein junges Mädchen läuft schwerverletzt auf die Landstraße. Sie wird von einem Auto erfasst und stirbt wenig später im Krankenhaus. Ihr Körper zeigt Zeichen schwerster Misshandlungen. Weitere Mädchen werden vermisst. Auf der Suche nach dem Täter bittet Kommissar Patrik Hedström seine Frau, Schriftstellerin Erica Falck, um Hilfe. Für ihr nächstes Buch interviewt sie im Gefängnis regelmäßig eine Frau, die 1975 ihren Mann tötete, einen ehemaligen Löwenbändiger, der mit einem Zirkus nach Fjällbacka gekommen war. Ihr Mordmotiv: Er hatte die gemeinsame, ungewöhnlich wilde Tochter im Keller angekettet, weil er ihrer nicht Herr wurde. Patrik erhofft sich Hinweise auf die Psyche von Menschen, die in der Lage sind, Kindern so etwas anzutun. Doch je länger Erica mit der Verurteilten spricht, um so deutlicher wird, dass die Dinge damals anders gewesen sein müssen. Erica verfolgt der Gedanke, bei ihr irgendetwas übersehen zu haben.

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Seitenzahl:0


Das Buch

Ein junges Mädchen läuft schwerverletzt auf die Landstraße. Sie wird von einem Auto erfasst und stirbt wenig später im Krankenhaus. Ihr Körper zeigt Zeichen schwerster Misshandlungen. Einige Wochen zuvor war sie auf dem Heimweg vom Reitstall verschwunden. Und es werden weitere Mädchen in der Nähe von Fjällbacka vermisst. Auf der Suche nach dem Täter arbeitet Kommissar Patrik Hedström mit seiner Frau, der Schriftstellerin Erica Falck, zusammen. Erica schreibt an einem Buch über Gewalt in Familien. Die Suche nach den Mädchen verläuft dramatisch.

Wird Patrik sie rechtzeitig finden?

Die Autorin

Camilla Läckberg

DIE SCHNEELÖWIN

Kriminalroman

Aus dem Schwedischen

Die Originalausgabe erschien 2014

unter dem Titel Lejontämjarenbei Forum, Stockholm.

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ISBN 978-3-8437-1244-6

© 2014 by Camilla Läckberg

© der deutschsprachigen Ausgabe

2016 by Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin

Noch bevor das Mädchen aus dem Wald gekommen war, roch der Hengst die Angst. Die Reiterin drückte ihm die Fersen in die Flanken, um ihn anzutreiben, aber das wäre gar nicht nötig gewesen. Das Tier begriff auch so, dass die Reiterin es eilig hatte. Die beiden waren perfekt aufeinander eingespielt.

Umgeben von einer Wolke aus pudrigem Schnee, schlugen die Hufe dumpf in der Stille auf und hinterließen eine markante Spur. In der Nacht hatte es geschneit.

Das Mädchen rannte nicht, sondern taumelte unsicher und ruckartig vorwärts. Die Arme hatte sie fest um den Körper geschlungen.

Die Reiterin rief etwas. Ein Schrei. Irgendetwas stimmte nicht. Anstatt zu antworten, wankte das Mädchen weiter.

Sie kamen ihr immer näher. Der Hengst lief noch schneller. Der intensive und strenge Geruch der Angst vermischte sich mit etwas Undefinierbarem, aber so Furchteinflößendem, dass er die Ohren anlegte. Er wollte kehrtmachen und zurück in seine vertraute Box galoppieren. Dies war kein sicherer Ort.

Zwischen ihnen lag die Straße. Vollkommen leer. Nur der Neuschnee stob in sanften Schwaden über den Asphalt.

Das Mädchen kam noch immer auf sie zu. Ihre Füße waren nackt, und ihre roten Arme und Beine hoben sich scharf von dem vielen Weiß ab. Die schneebedeckten Tannen im Hintergrund wirkten wie eine Kulisse. Nur die Fahrbahn trennte sie. Das Pferd hörte die Reiterin etwas rufen. Ihre Stimme kannte es gut, doch klang sie irgendwie fremd.

Plötzlich blieb das Mädchen stehen. Mitten auf der Straße hielt sie inne, so dass ihr der Schnee um die Füße wehte. Etwas war merkwürdig an ihren Augen. In dem weißen Gesicht sahen sie aus wie schwarze Löcher.

Das Auto schien aus dem Nichts zu kommen. Wie eine scharfe Klinge zerriss das Quietschen der Reifen die Stille, dann schlug der Körper auf dem Boden auf. Die Reiterin zog die Zügel fest an und presste dem Pferd die Trensenringe in die Maulwinkel. Gehorsam blieb es stehen. Ihr Wille war seiner. Es war eins mit ihr, hatte es so gelernt.

Das Mädchen rührte sich nicht. Die merkwürdigen Augen waren gen Himmel gerichtet.

Erica Falck blieb vor der Haftanstalt stehen und sah sie sich zum ersten Mal genauer an. Bei ihren vorherigen Besuchen war sie so gespannt auf die Person gewesen, die sie treffen würde, dass sie dem Gebäude und der Umgebung keine Beachtung geschenkt hatte. Doch für ein Buch über Laila Kowalska, die vor vielen Jahren so brutal ihren Ehemann Vladek ermordet hatte, brauchte sie alle Eindrücke.

Sie überlegte, wie sie ihren Lesern die Stimmung vermitteln könnte, die der bunkerartige Bau ausstrahlte. Wie könnte sie die beklemmende Hoffnungslosigkeit wiedergeben? Mit dem Auto brauchte man eine gute halbe Stunde von Fjällbacka bis zu dem Gefängnis, das zwar nicht von den bemannten Wachtürmen umgeben war, die man aus amerikanischen Filmen kannte, aber einsam und isoliert hinter Zäunen und Stacheldraht lag. Das Gebäude war ausschließlich nach funktionalen Gesichtspunkten errichtet worden und diente keinem anderen Zweck, als Menschen hinter Schloss und Riegel zu bringen.

Von außen wirkte die Haftanstalt verlassen, aber Erica Falck wusste, dass das Gegenteil der Fall war. Sparwut und knappe Kassen führten dazu, dass so viele wie möglich hineingezwängt wurden. Kein Kommunalpolitiker hatte ein gesteigertes Interesse daran, Geld in eine neue Haftanstalt zu stecken und sich auf diese Weise um Wählerstimmen zu bringen. Man begnügte sich mit dem Vorhandenen.

Als ihr die Kälte unter die Jacke kroch, ging Erica langsam auf den Eingang zu. Ohne den Kopf zu heben, warf der Wachmann an der Pforte einen müden Blick auf ihren Ausweis und stand auf. Während sie ihm durch den Korridor folgte, dachte sie an das häusliche Theater, das ihr heute Morgen alles abverlangt hatte. Mittlerweile schien es morgens immer so zuzugehen. Zu behaupten, ihre süßen Zwillinge befänden sich in der Trotzphase, war schamlos untertrieben. Sie konnte sich nicht erinnern, dass Maja im Alter von zwei Jahren derart anstrengend gewesen wäre. Oder jemals. Noel war am schlimmsten. Er war immer der Lebhaftere von beiden gewesen, und Anton machte ihm alles nach. Wenn Noel brüllte, brüllte er auch. In Anbetracht des Lärmpegels bei ihnen zu Hause war es ein Wunder, dass Patriks und Ericas Trommelfelle noch intakt waren.

Und diese Plackerei mit den Wintersachen. Diskret schnüffelte sie unter ihrer Achsel. Sie roch jetzt schon nach Schweiß. Wenn es ihnen endlich gelungen war, die Zwillinge in Strumpfhosen und Schneeanzüge zu packen, so dass alle drei Sprösslinge bereit für den Kindergarten waren, hätten sie sich eigentlich selbst noch einmal umziehen müssen, aber dafür blieb natürlich keine Zeit. Doch was sollte es, sie war schließlich nicht auf eine Party eingeladen.

Das Schlüsselbund des Wächters rasselte, als er ihr die Tür öffnete und sie ins Besucherzimmer führte. Es kam ihr seltsam altmodisch vor, dass hier immer noch mit Schlössern und Schlüsseln hantiert wurde, aber natürlich war es einfacher, einen Code zu knacken, als einen Schlüssel zu stehlen. Vielleicht war es doch nicht so verwunderlich, wenn sich herkömmliche Methoden manchmal bewährten.

Laila saß am einzigen Tisch im Raum und hatte das Gesicht zum Fenster gewandt, so dass die hereinscheinende Wintersonne ihr blondes Haar mit einem Lichtkranz umgab. Die Gitter vor den Scheiben überzogen den Fußboden mit einem Muster aus hellen Vierecken, und die tanzenden Staubkörnchen verrieten, dass hier nicht mit der nötigen Gründlichkeit geputzt wurde.

»Hallo.« Erica setzte sich.

Im Grunde war sie erstaunt, dass Laila in ein weiteres Gespräch eingewilligt hatte. Sie sahen sich heute zum dritten Mal, aber Erica hatte noch nichts erreicht. Anfangs hatte Laila sich geweigert, Erica zu treffen. Erica hatte sich die Finger wund geschrieben und unzählige Male angerufen, es hatte alles nichts genützt. Vor einigen Monaten dann hatte Laila plötzlich ja gesagt. Vermutlich bildeten die Besuche eine willkommene Abwechslung im eintönigen Gefängnisalltag, und solange Laila sie empfing, würde Erica kommen. Sie hatte schon lange nicht mehr so darauf gebrannt, eine Geschichte zu erzählen, und das konnte sie nur mit Lailas Hilfe.

»Hallo, Erica.« Laila durchbohrte sie mit ihrem merkwürdigen Blick. Bei ihrer ersten Begegnung hatten Erica die hellblauen Augen an Schlittenhunde erinnert. Zu Hause hatte sie nachgeschlagen, wie die Rasse hieß. Husky. Laila hatte die Augen eines Siberian Husky.

»Warum treffen Sie sich mit mir, wenn Sie nicht über den Fall sprechen wollen?« Erica kam sofort zur Sache, ärgerte sich jedoch über ihre formelle Ausdrucksweise. Für Laila war das, was passiert war, schließlich kein Fall. Es war eine Tragödie, die ihr noch immer keine Ruhe ließ.

Achselzuckend bestätigte Laila Ericas Vermutung.

»Ich bekomme sonst keinen Besuch.«

Erica zog die Mappe mit den Zeitungsartikeln, Fotos und Notizen aus der Tasche.

»Noch habe ich nicht aufgegeben.« Sie tippte auf den Hefter.

»Das ist anscheinend der Preis, den ich für ein wenig Gesellschaft zahlen muss.« Laila hatte schon einige Male Humor erahnen lassen. Das angedeutete Lächeln veränderte ihr ganzes Gesicht. Erica hatte ältere Bilder von ihr gesehen. Aus der Zeit, bevor alles passierte. Laila war keine Schönheit gewesen, aber auf eine eigentümliche und faszinierende Weise hübsch. Die blonden Haare waren damals lang, meist offen und glattgebürstet. Nun waren sie extrem kurz. Der Schnitt war im Grunde gar keine Frisur, sondern demonstrierte nur, dass Laila sich schon lange nicht mehr mit ihrem Äußeren beschäftigte. Wozu auch? Draußen in der wirklichen Welt hatte sie sich seit Jahren nicht bewegt. Für wen sollte sie sich hier drinnen schön machen? Für Besucher, die nie kamen? Die anderen Häftlinge? Die Wächter?

»Sie sehen müde aus.« Laila musterte Erica. »Hatten Sie Stress heute Morgen?«

»Stress? Heute Morgen, gestern Abend … und heute Nachmittag wird es wahrscheinlich auch wieder anstrengend, aber so ist das wohl, wenn man kleine Kinder hat.« Erica gab einen tiefen Seufzer von sich und versuchte, etwas lockerer zu werden. Sie merkte selbst, wie angespannt sie nach den hektischen Morgenstunden war.

»Peter war immer so lieb.« Ein Schleier überzog Lailas hellblaue Augen. »Ich kann mich an keinen einzigen Trotzanfall erinnern.«

»Letztes Mal haben Sie gesagt, er sei recht schweigsam gewesen.«

»Ja. Zu Beginn dachten wir, mit ihm sei etwas nicht in Ordnung. Bevor er drei war, sagte er kein Wort. Ich wollte mit ihm zu einem Spezialisten, aber Vladek war dagegen.« Sie rümpfte die Nase und ballte, offenbar ohne es zu merken, die Hände, die bisher ruhig auf der Tischplatte gelegen hatten, zu Fäusten.

»Was ist passiert, als er drei war?«

»Eines Tages fing er einfach an zu sprechen. In ganzen Sätzen. Er hatte einen enormen Wortschatz. Abgesehen von einem leichten Lispeln schien es, als hätte er schon immer geredet. Das jahrelange Schweigen war wie ausgelöscht.«

»Gab es eine Erklärung dafür?«

»Nein, woher? Vladek wollte ja niemanden um Hilfe bitten. Er sagte immer, Außenstehende sollten sich nicht in die Familie einmischen.«

»Wieso blieb Peter Ihrer Ansicht nach so lange stumm?«

Laila blickte zum Fenster, und wieder umgab das Licht ihren kurzen Schopf mit einer Art Heiligenschein. Unbarmherzig brachte es auch die Falten in ihrem Gesicht zutage. All das Leid, das sie erdulden musste, hatte tiefe Spuren in ihr Gesicht gegraben.

»Wahrscheinlich war ihm bewusst, dass er sich am besten so unsichtbar wie möglich machte und keine Aufmerksamkeit auf sich zog. Peter war ein kluger Junge.«

»Und Louise? Hat sie früh gesprochen?« Erica hielt den Atem an. Bislang hatte Laila die Fragen nach ihrer Tochter geflissentlich überhört.

Auch diesmal.

»Peter sortierte leidenschaftlich gern Sachen. Alles sollte geordnet sein. Wenn er als kleines Kind mit Bauklötzchen spielte, stapelte er sie zu kerzengeraden Türmen und war untröstlich, wenn …« Laila verstummte mitten im Satz und biss die Zähne zusammen.

Erica hoffte inständig, dass Laila weitersprach und endlich offenbarte, was sie in ihrem Innern verbarg. Doch der Augenblick war verstrichen. Genau wie bei ihren vorigen Besuchen. Manchmal hatte sie das Gefühl, Laila stünde an einem Abgrund und sehnte sich insgeheim danach, sich hineinzustürzen. Als wollte sie sich eigentlich fallen lassen, würde aber von stärkeren Mächten daran gehindert, sich aus den schützenden Schatten herauszuwagen.

Es war kein Zufall, dass Erica an Schatten dachte. Schon bei ihrem ersten Treffen hatte sie den Eindruck gehabt, Laila lebe in einer Schattenwelt, ihr Dasein verlaufe parallel zu dem Leben, das eigentlich für sie bestimmt gewesen war und das an diesem Tag vor vielen Jahren in einer endlosen Finsternis versank.

»Haben Sie manchmal Angst, die Geduld mit den Jungs zu verlieren? Kennen Sie das Gefühl, dass Sie kurz davor sind, eine unsichtbare Grenze zu überschreiten?« Laila wirkte ehrlich interessiert, und in ihrer Stimme schwang zugleich ein flehentlicher Unterton mit.

Die Frage war nicht leicht zu beantworten. Vermutlich kamen alle Eltern der Grenze zum Verbotenen manchmal gefährlich nah und zählten stumm bis zehn, während sich vor ihrem geistigen Auge abspielte, was sie auch tun könnten, um Geschrei und nervtötendem Gequengel ein Ende zu bereiten. Es war jedoch ein großer Unterschied, ob man mit solchen Gedanken spielte oder sie in die Tat umsetzte. Daher schüttelte Erica den Kopf.

»Ich könnte ihnen niemals weh tun.«

Zunächst erwiderte Laila nichts darauf, sondern sah Erica mit ihren eisblauen Augen nur an, doch als der Wächter an die Tür klopfte und mitteilte, die Besuchszeit sei zu Ende, sagte sie ihr leise ins Gesicht:

»Das glauben Sie.«

Beim Gedanken an die Fotos in ihrer Tasche erschauerte Erica.

Tyra striegelte Fanta konzentriert. Wie immer ging es ihr bei den Pferden besser. Eigentlich hätte sie sich lieber um Scirocco gekümmert, aber Molly ließ niemanden an ihn heran. Es war so ungerecht. Nur weil Mollys Eltern der Stall gehörte, bekam sie immer ihren Willen.

Sie selbst hatte Scirocco vom ersten Augenblick an heiß und innig geliebt. Er sah sie an, als würde er sie verstehen. Diese Art von stummer Zwiesprache hatte sie noch nie erlebt, weder mit einem Menschen noch mit einem Tier. Mit wem auch? Mutter? Oder Lasse? Allein beim Gedanken an ihn drückte sie fester zu, aber die große weiße Stute hatte nichts dagegen einzuwenden. Fanta schien die kräftigen Bürstenstriche zu genießen. Sie schnaubte und bewegte den Kopf auf und ab wie bei einer Verbeugung. Für einen Moment sah das in Tyras Augen so aus, als würde das Pferd sie zum Tanz auffordern. Lächelnd strich sie Fanta über das graue Maul.

»Du bist auch schön«, sagte sie, als hätte das Tier ihre Gedanken gelesen.

Plötzlich bekam sie ein schlechtes Gewissen. Sie betrachtete ihre Hand auf Fantas Maul und begriff, wie schäbig ihre Eifersucht war.

»Victoria fehlt dir, oder?«, flüsterte sie und schmiegte sich an den Kopf des Pferdes.

Victoria war für Fanta zuständig gewesen. Victoria war seit Monaten verschwunden. Victoria war ihre beste Freundin gewesen – und war es noch.

»Ich vermisse sie auch.« Sie spürte das weiche Fell an ihrer Wange, doch getröstet fühlte sie sich diesmal nicht.

Eigentlich hätte sie jetzt im Matheunterricht sitzen müssen, aber heute Morgen war es ihr nicht gelungen, den Schein zu wahren und ihre Sehnsucht zu verdrängen. Sie hatte so getan, als würde sie sich auf den Weg zum Schulbus machen, war aber stattdessen in den Stall gegangen. Nur hier fand sie manchmal Trost. Die Erwachsenen kapierten überhaupt nichts. Sie hatten nur ihre eigenen Sorgen im Kopf.

Victoria war mehr als eine beste Freundin. Sie war wie eine Schwester. Schon am ersten Tag im Kindergarten hatten sie sich angefreundet und waren seitdem unzertrennlich. Es gab nichts, was sie nicht miteinander geteilt hätten. Oder etwa doch? Tyra war sich nicht mehr so sicher. In den Monaten vor Victorias Verschwinden hatte sich etwas verändert. Zwischen ihnen schien sich eine Mauer gebildet zu haben. Tyra wollte ihre Freundin nicht bedrängen. Irgendwann würde Victoria von sich aus erzählen, was los war, dachte sie. Aber die Zeit war einfach vergangen, und nun war Victoria verschwunden.

»Sie kommt bestimmt zurück«, sagte sie zu Fanta, obwohl sie es insgeheim bezweifelte. Es sprach zwar niemand aus, doch alle wussten, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. Victoria gehörte nicht zu der Sorte von Mädchen, die sich freiwillig aus dem Staub machten, falls es diese Sorte überhaupt gab. Sie war zufrieden mit ihrem Leben und war gar nicht abenteuerlustig. Am liebsten war sie zu Hause oder im Stall. An den Wochenenden wollte sie noch nicht einmal mit nach Strömstad fahren. Und ihre Familie war ganz anders als die von Tyra. Alle waren wahnsinnig lieb, selbst Victorias großer Bruder. Er hatte seine Schwester oft in den Stall gebracht, sogar frühmorgens. Bei Victoria zu Hause hatte sich Tyra immer wohl gefühlt. Sie hatte das Gefühl, zur Familie zu gehören. Manchmal wünschte sie sich sogar, sie wäre wirklich ein Teil dieser ganz normalen Familie.

Fanta stupste sie sanft. Ein paar Tränen waren auf das Maul der Stute getropft. Hastig wischte sich Tyra mit dem Handrücken über die Augen.

Plötzlich hörte sie vor dem Stall ein Geräusch. Auch Fanta horchte auf, spitzte die Ohren und hob den Kopf so hastig, dass sie Tyra einen Kinnhaken versetzte. Bitterer Blutgeschmack füllte deren Mund. Sie stieß einen Fluch aus, presste sich die Hand auf die Lippen und ging nachsehen.

Beim Öffnen der Stalltür wurde sie von der Sonne geblendet, doch als sich ihre Augen ans Licht gewöhnt hatten, sah sie Valiant mit Marta auf dem Rücken in vollem Galopp auf den Hof kommen. Marta brachte ihn so ruckartig zum Stehen, dass der Hengst sich beinahe aufbäumte. Sie rief etwas. Zuerst konnte Tyra sie gar nicht verstehen, doch Marta schrie immer weiter. Und dann war es klar:

»Victoria! Wir haben Victoria gefunden!«

Patrik Hedström saß in der Polizeidienststelle Tanum an seinem Schreibtisch und genoss die Ruhe. Da er früh angefangen hatte, waren ihm das Anziehen der nicht gerade kooperativen Jungs und der Transport zum Kindergarten erspart geblieben. Seit sich die Zwillinge, eben noch niedliche Babys, in zwei Damians aus dem Film »Das Omen« verwandelt hatten, grenzte beides an Folter. Ihm war ein Rätsel, wie einem zwei so kleine Menschen so viel Kraft rauben konnten. Am liebsten waren sie ihm mittlerweile, wenn sie abends schlafend in ihren Bettchen lagen. Wenn er sie dann betrachtete, durchströmte ihn wieder diese überwältigende Liebe, gänzlich ungetrübt durch den riesigen Frust, der manchmal in ihm aufkam, wenn sie brüllten: »NEIN! WILLNICHT!«

Mit Maja war alles viel einfacher. Sogar derart unkompliziert, dass ihn manchmal Schuldgefühle beschlichen, weil er und Erica den Zwillingen so viel Aufmerksamkeit schenkten. Maja geriet oft ein wenig in den Hintergrund. Da sie brav war und sich wunderbar selbst beschäftigen konnte, gingen sie davon aus, dass es ihr gut ging. Außerdem besaß sie, klein, wie sie war, die magische Fähigkeit, ihre Brüder auch nach heftigsten Wutausbrüchen wieder auf den Teppich zu holen. Gerecht war das allerdings nicht. Patrik nahm sich vor, es sich am Abend eine Weile mit Maja ganz allein gemütlich zu machen und ihr ein Märchen vorzulesen.

Im selben Moment klingelte das Telefon. Er meldete sich zerstreut, weil seine Gedanken noch um Maja kreisten, war jedoch kurz darauf ganz bei der Sache und setzte sich kerzengerade hin.

»Wie bitte?« Er lauschte. »Wir kommen sofort.«

Er schlüpfte im Gehen in seine Jacke und brüllte in den Flur:

»Gösta! Mellberg! Martin!«

»Was ist denn los? Brennt es?«, grunzte Mellberg, der erstaunlicherweise als Erster aus seinem Zimmer kam. Kurz darauf gesellten sich Martin Molin, Gösta Flygare und die Dienststellensekretärin Annika dazu, die wie immer an der Rezeption am anderen Ende des Ganges gesessen hatte.

»Victoria Hallberg ist wieder aufgetaucht. Sie ist auf der östlichen Zufahrtsstraße nach Fjällbacka angefahren worden und wird mit einem Krankenwagen nach Uddevalla gebracht. Gösta, wir beide fahren dahin.«

»Mist!« Gösta rannte in sein Zimmer, um sich ebenfalls eine Jacke überzuziehen. In diesem Winter wagte sich auch im größten Notfall niemand ohne warme Sachen vor die Tür.

»Martin, du fährst mit Bertil zum Unfallort und sprichst mit dem Fahrer«, fuhr Patrik fort. »Ruf die Techniker an, um dich dort mit ihnen zu verabreden.«

»Mann, spielst du dich wieder auf«, brummte Mellberg. »Aber du hast natürlich recht, als Chef dieser Dienststelle muss ich mich persönlich an den Unfallort begeben. Der richtige Mann am richtigen Ort.«

Patrik seufzte innerlich, sagte aber nichts. Mit Gösta im Schlepptau stieg er in eins der beiden Dienstfahrzeuge und ließ den Motor an.

Scheißglatt, dachte er, als das Auto in der ersten Kurve ins Rutschen kam. Er traute sich nicht, so schnell zu fahren wie sonst. Es hatte wieder angefangen zu schneien, und er wollte nicht riskieren, von der Fahrbahn abzukommen. Ungeduldig schlug er mit der Faust aufs Lenkrad. Es war erst Januar, und in Anbetracht der langen schwedischen Winter standen ihnen noch mindestens zwei scheußliche Monate bevor.

»Ganz ruhig.« Gösta hielt sich am Griff über der Tür fest. »Was haben sie am Telefon gesagt?« Als der Wagen erneut schlingerte, schnappte er nach Luft.

»Nicht viel. Da ist ein Verkehrsunfall passiert, und bei dem angefahrenen Mädchen handelt es sich um Victoria. Offenbar gab es vor Ort eine Zeugin, die sie erkannt hat. Leider scheint Victorias Zustand äußerst besorgniserregend zu sein. Sie hatte schon vor dem Zusammenstoß Verletzungen.«

»Was für Verletzungen?«

»Weiß ich nicht. Das werden wir sehen, wenn wir dort sind.«

Eine knappe Stunde später stellten sie den Wagen vor dem Krankenhaus in Uddevalla ab. Sie hasteten zur Notaufnahme und konnten nach kurzer Zeit einen Arzt sprechen, der laut Namensschild Strandberg hieß.

»Gut, dass Sie da sind. Das Mädchen wird gleich operiert, es ist aber nicht klar, ob sie durchkommt. Wir haben gehört, dass sie bei Ihnen als vermisst gemeldet wurde. In Anbetracht der besonderen Umstände halten wir es für besser, wenn Sie die Familie unterrichten. Ich nehme an, Sie stehen bereits in engem Kontakt?«

Gösta nickte. »Ich rufe gleich an.«

»Können Sie schon etwas über den Unfallhergang sagen?«, fragte Patrik.

»Nur, dass sie angefahren wurde. Sie hat starke innere Blutungen und eine Schädelverletzung, deren Umfang wir noch nicht einschätzen können. Wir werden sie nach der Operation eine Zeitlang in ein künstliches Koma versetzen, um das Risiko eines Hirnschadens zu reduzieren. Das heißt, falls sie überlebt.«

»Es hieß, sie sei bereits vor dem Unfall verletzt gewesen?«

»Ja …«, antwortete Strandberg gedehnt. »Wir wissen natürlich nicht genau, welche Verletzungen von dem Verkehrsunfall stammen und welche sie schon vorher hatte, aber …« Er holte tief Luft und schien nach der richtigen Formulierung zu suchen. »Beide Augen sind weg. Die Zunge auch.«

»Weg?« Patrik sah ihn ungläubig an. Im Augenwinkel bemerkte er Göstas fragenden Gesichtsausdruck.

»Ja. Die Zunge ist abgeschnitten worden, und die Augen wurden irgendwie … entfernt.«

Gösta schlug sich die Hand vor den Mund. Seine Haut hatte einen grünlichen Ton angenommen.

Patrik schluckte. Einen Moment lang überlegte er, ob dies ein Albtraum war, aus dem er in Kürze erwachen würde, um sich dann erleichtert auf die Seite zu drehen und wieder einzuschlafen. Doch es war die Wirklichkeit. Eine grauenhafte Wirklichkeit.

»Wie lange wird die Operation voraussichtlich dauern?«

Strandberg schüttelte den Kopf. »Schwer zu sagen. Sie hat, wie gesagt, starke innere Blutungen. Zwei, drei Stunden. Mindestens. Sie können hier warten.« Er deutete mit dem Kopf auf einen großen Warteraum.

»Dann rufe ich jetzt die Familie an.« Gösta ging ein Stück den Flur hinunter.

Patrik beneidete ihn nicht um diese Aufgabe. Die erste Freude und die Erleichterung darüber, dass Victoria gefunden worden war, würden bald wieder der verzweifelten Angst weichen, mit der Familie Hallberg seit vier Monaten lebte.

Er setzte sich auf einen der harten Stühle, und vor seinem geistigen Auge blitzten Victorias Verletzungen auf. Plötzlich riss eine Krankenschwester völlig außer Atem die Tür auf und rief nach Strandberg. Bevor Patrik reagieren konnte, war sie wieder verschwunden. Draußen im Flur hörte er Gösta telefonieren. Welche Nachricht die Familie von Victoria wohl nun erhalten würde?

Gespannt betrachtete Ricky das Gesicht seiner Mutter, während sie telefonierte. Er versuchte, jedes Zucken und jedes Wort zu deuten. Das Herzklopfen schnürte ihm fast die Luft ab. Neben ihm saß sein Vater, dessen Herz genauso wild pochte wie sein eigenes. Die Zeit schien schlagartig stillzustehen. Seine Sinne waren merkwürdig geschärft. Obwohl er seine gesamte Aufmerksamkeit auf das Telefongespräch richtete, hörte er alle anderen Geräusche überdeutlich, spürte die Wachstuchdecke unter den geballten Fäusten, den juckenden Haaransatz und das Linoleum unter den Füßen.

Die Polizei hatte Victoria gefunden. Das hatten sie als Erstes begriffen, nachdem es geklingelt hatte. Seine Mutter hatte sofort das Telefon an sich gerissen, als sie die Nummer erkannte. Ricky und sein Vater hatten ihre lustlose Mahlzeit unterbrochen, als sie ohne Umschweife fragte: »Was ist passiert?«

Keine Höflichkeitsfloskeln, kein Hallo und nicht der Vorname, mit dem sie sich sonst meldete. In der letzten Zeit waren all diese Dinge – Höflichkeit, soziale Normen, was man tat, und was man lieber bleiben ließ – vollkommen unwichtig geworden. Sie gehörten in das Leben vor Victorias Verschwinden.

Ständig kamen Nachbarn und Freunde vorbei, brachten etwas zu essen und stammelten hilflose Worte. Sie blieben jedoch nicht lange. Seine Eltern konnten mit den Fragen, der Freundlichkeit, der Anteilnahme und der Sorge in den Augen der anderen nicht umgehen. Vor allem nicht mit der Erleichterung. Immer dieses Aufatmen, weil sie nicht betroffen waren. Die eigenen Kinder waren zu Hause, in Sicherheit.

»Wir kommen.«

Seine Mutter legte ihr Handy auf die altmodische Spüle aus Stahl. Jahrelang hatte sie sich etwas Moderneres gewünscht, aber sein Vater hatte immer gebrummt, man wechsle doch nichts aus, was noch tipptopp und voll funktionstüchtig sei. Mama hatte nicht darauf beharrt, sondern das Thema nur hin und wieder in der Hoffnung zur Sprache gebracht, Papa könnte seine Meinung plötzlich ändern.

Ricky glaubte nicht, dass die Arbeitsfläche noch irgendeine Bedeutung für seine Mutter hatte. Seltsam, wie schnell alles so sinnlos wurde. Es zählte nur noch, dass Victoria gefunden wurde.

»Was haben sie gesagt?«, fragte sein Vater. Im Gegensatz zu Ricky, der sitzen geblieben war und auf seine verkrampften Hände starrte, war er aufgestanden. Der Gesichtsausdruck seiner Mutter verriet, dass die Neuigkeiten nicht positiv waren.

»Sie haben sie gefunden, aber sie ist schwer verletzt und liegt in Uddevalla im Krankenhaus. Wir sollen schnell dorthin kommen, hat Gösta gesagt. Mehr weiß ich auch nicht.«

Sie schluchzte auf und klappte zusammen, als wären die Beine unter ihr weggeknickt. Sein Vater konnte sie gerade noch auffangen, strich ihr übers Haar und sprach leise beruhigend auf sie ein, aber die Tränen flossen nun auch über sein Gesicht.

»Wir müssen los, Liebling. Wenn du deine Jacke anhast, fahren wir. Ricky, du gehst Mama zur Hand. Ich lasse schon mal den Motor warm laufen.«

Ricky nickte, legte ihr behutsam den Arm um die Schultern und dirigierte sie in den Flur. Dort reichte er ihr den roten Daunenmantel und half ihr wie einem Kind, ihn anzuziehen. Erst den einen Arm, dann den anderen. Anschließend zog er vorsichtig den Reißverschluss hoch.

»So.« Er ging in die Hocke, stellte die Stiefel vor sie hin, nahm ihre Füße und steckte sie hinein. Nachdem er sich hastig selbst angezogen hatte, öffnete er die Haustür. Sein Vater hatte den Motor in Gang bekommen und kratzte wie ein Verrückter an den Scheiben herum. Eiskristalle umwehten ihn und vermischten sich mit seiner dampfenden Atemluft.

»Scheißwinter!«, brüllte sein Vater und bearbeitete die Frontscheibe mit Gewalt. »Dieser verfluchte Scheißwinter!«

»Setz dich ins Auto, Papa, ich mach das schon.« Nachdem er seine Mutter auf die Rückbank bugsiert hatte, nahm Ricky seinem Vater den Eiskratzer aus der Hand. Sein Vater ließ es ohne Widerworte geschehen. Sie hatten ihn immer in dem Glauben gelassen, er würde in der Familie die Entscheidungen treffen. Alle drei – er selbst, Mama und Victoria – waren schweigend übereingekommen, so zu tun, als gäbe Papa Markus die Marschrichtung vor. Dabei wusste jeder, dass er viel zu nett war, um sich auch nur zaghaft durchzusetzen. Stattdessen hatte seine patente Frau Helena stets dafür gesorgt, dass alles funktionierte. Doch seit Victorias Verschwinden war sie nicht mehr sie selbst. Manchmal fragte sich Ricky, ob sie früher wirklich eine tatkräftige Frau oder schon immer dieses in sich zusammengesunkene Häuflein Elend gewesen war, das auf der Rückbank vor sich hin starrte. Seit dem Telefonat mit der Polizei blitzte allerdings zum ersten Mal seit langem etwas in ihren Augen auf: eine Mischung aus Ungeduld und Panik.

Ricky setzte sich ans Steuer. Es war eigenartig, wie die Lücken in einer Familie automatisch gefüllt wurden. Instinktiv hatte er Mamas Platz eingenommen. Als würde er über eine Kraft verfügen, von der er gar nichts geahnt hatte.

Victoria hatte immer zu ihm gesagt, er sei wie Ferdinand, der Stier. Auf den ersten Blick nachgiebig und träge, aber kämpferisch, wenn es drauf ankam. Für »nachgiebig« und »träge« hatte er ihr scherzhaft mit der Faust gedroht, doch insgeheim gefiel ihm diese Beschreibung. Er wollte gern wie der Stier Ferdinand aus dem Kinderbuch sein. In aller Ruhe an den Blümchen schnuppern konnte er allerdings erst wieder, wenn Victoria zurück war.

Er wischte sich mit dem Jackenärmel die Tränen vom Gesicht. Den Gedanken, dass sie nicht wieder nach Hause kommen würde, hatte er sich verboten. Sonst wäre alles zusammengebrochen.

Nun war Victoria gefunden worden, aber die Eltern und er wussten noch nicht, was sie im Krankenhaus erwartete. Er ahnte, dass sie es vielleicht nicht wissen wollten.

Helga Persson sah aus dem Küchenfenster. Vorhin hatte sie Marta in vollem Galopp auf den Hof reiten sehen, aber nun war alles still. Sie wohnte schon so lange hier, dass der Blick ihr vertraut war, obwohl sich mit den Jahren einiges verändert hatte. Die alte Scheune gab es noch, doch der Kuhstall, in dem sie gemolken hatte, war abgerissen worden. Dort stand jetzt der Pferdestall, den Jonas und Marta für ihre Reitschule gebaut hatten.

Sie hatte sich gefreut, als sich ihr Sohn in der unmittelbaren Nachbarschaft niederließ. Ihre Häuser waren nur hundert Meter voneinander entfernt. Da er seine Tierarztpraxis zu Hause betrieb, kam er oft bei ihr vorbei. Jeder Besuch war ein Lichtblick, und davon konnte es in ihrem tristen Alltag gar nicht genug geben.

»Helga! Heeelgaaa!«

Sie stand mit geschlossenen Augen an der Spüle. Einars Stimme drang in jeden Winkel des Hauses und peinigte sie. Sie ballte die Fäuste, doch der Wille zur Flucht war versiegt. Den hatte er ihr schon vor vielen Jahren ausgetrieben. Mittlerweile war er zwar hilflos und vollkommen auf sie angewiesen, aber sie war unfähig, von hier wegzugehen. Sie kam gar nicht mehr auf den Gedanken. Wo hätte sie denn hingesollt?

»HEEELGAAA!«

Nur seine Stimme hatte sich die frühere Kraft bewahrt. Die Krankheiten und die Amputation beider Beine infolge des vernachlässigten Zuckers hatten ihn seiner körperlichen Kraft beraubt. Doch die Stimme war noch so fordernd wie früher. Sie zwang Helga mit der gleichen Unerbittlichkeit wie eh und je, sich ihm zu unterwerfen, wie es einst seine Fäuste getan hatten. Die Erinnerung an die Schläge, die blauen Flecken und das Gefühl, wenn eine Rippe brach, waren derart lebendig, dass allein seine Stimme das Entsetzen und die Angst in ihr wachriefen, beim nächsten Mal würde sie nicht überleben.

Sie streckte sich, holte tief Luft und antwortete laut:

»Ich komme!«

Eilig ging sie die Treppe hinunter. Einar hatte nie gern gewartet, aber warum alles so furchtbar schnell gehen musste, begriff sie nicht. Er hatte doch nichts zu tun, außer dazusitzen und über das Wetter, die Regierung und Gott weiß was zu schimpfen.

»Hier läuft was aus«, sagte er, als sie bei ihm war.

Anstatt zu antworten, krempelte sie die Ärmel ihrer Bluse hoch und nahm den Schaden in Augenschein. Sie wusste, dass er das Malheur genoss. Er hielt sie nicht mehr mit Gewalt gefangen, sondern weil er betreut werden musste wie ein Kind. Ihre Fürsorge hätte eigentlich den Kindern gehört, die er ihr aus dem Leib geprügelt hatte. Nur eins überlebte, aber manchmal fragte sie sich, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn auch dieses Kind in einem Schwall von Blut aus ihr herausgeströmt wäre. Andererseits wusste sie nicht, was sie ohne ihn gemacht hätte. Jonas war ihr Leben, ihr Ein und Alles.

Einar hatte recht. Der Stomabeutel war ausgelaufen, und zwar nicht zu knapp. Das Hemd war vorne durchweicht und beschmiert.

»Warum bist du nicht sofort gekommen?«, fragte er. »Hast du mich nicht gehört? Du hast doch sonst nichts zu tun.« Er starrte sie mit seinen wässrigen Augen an.

»Ich war auf der Toilette und bin gekommen, so schnell ich konnte.« Sie knöpfte sein Hemd auf. Vorsichtig zupfte sie an den Ärmeln, um es ihm auszuziehen, ohne ihn noch mehr zu beschmutzen.

»Mir ist kalt.«

»Wenn ich dich gewaschen habe, bekommst du ein frisches Hemd«, sagte sie so geduldig, wie sie nur konnte.

»Ich hole mir ja eine Lungenentzündung.«

»Keine Sorge, ich beeile mich. So schnell wirst du dich schon nicht erkälten.«

»Ach, eine ausgebildete Krankenschwester bist du wohl auch? Vielleicht kennst du dich sogar besser aus als die Ärzte.«

Sie schwieg. Er versuchte, sie aus der Fassung zu bringen. Am besten ging es ihm, wenn sie weinte und ihn anflehte, endlich aufzuhören. Dann leuchteten seine Augen zufrieden. Doch heute würde sie ihm dieses Vergnügen nicht gönnen. Mittlerweile gelang es ihr meistens, Tränen zu unterdrücken. Wahrscheinlich hatte sie sich im Laufe der Jahre leer geweint.

Helga holte eine Waschschüssel aus dem Bad neben dem Schlafzimmer. Inzwischen hatte sie Übung darin. Sie tauchte den Waschlappen ins Seifenwasser, reinigte seinen besudelten Körper und zog ihm ein frisches Hemd über. Insgeheim hatte sie den Verdacht, dass Einar für die undichten Beutel verantwortlich war. Sie hatte mit seinem Arzt darüber gesprochen, der es für ausgeschlossen hielt, dass die Beutel so oft ausliefen, aber sie liefen immer wieder aus. Und sie machte den Dreck weg.

»Das Wasser ist zu kalt.« Einar zuckte zusammen, als der Waschlappen seinen Bauch berührte.

»Ich gieße heißes Wasser dazu.« Helga stand auf, ging ins Badezimmer, stellte die Schüssel unter den Hahn und drehte das heiße Wasser auf.

»Aua! Das ist ja kochend heiß! Willst du mich verbrühen, du Miststück?« Einar brüllte so laut, dass sie zusammenfuhr, aber sie sagte nichts, sondern trug die Schüssel erneut ins Bad, ließ mehr kaltes Wasser hineinlaufen, bis das Wasser nur noch einen Tick wärmer als Körpertemperatur war, und schleppte die Wanne zurück. Diesmal sagte er nichts, als sie mit dem Lappen über seine Haut strich.

»Wann kommt Jonas?«, fragte er, als sie den Lappen auswrang und das Wasser sich hellbraun färbte.

»Ich weiß nicht. Er arbeitet. Er ist bei Anderssons. Sie haben eine Kuh, die bald kalbt, aber das Kalb liegt nicht richtig.«

»Schick ihn hoch zu mir, wenn er kommt.« Einar schloss die Augen.

»Ja«, sagte Helga leise und wrang erneut den Waschlappen aus.

Als Gösta sie im Krankenhausflur schnell auf sich zukommen sah, musste er sich zwingen, nicht wegzulaufen. Er ahnte, dass ihm die traurige Mitteilung ins Gesicht geschrieben stand. Und so war es. Kaum hatte ihm Helena in die Augen gesehen, da tastete sie schon nach Markus’ Arm und sank zu Boden. Ihr Schrei hallte durch die Flure, dann herrschte Stille.

Ricky stand wie versteinert da. Kreidebleich hatte er sich hinter seiner Mutter gehalten, während sich Markus auf Gösta zubewegte. Der schluckte mit Mühe und ging seinerseits weiter auf sie zu. Markus lief blindlings an ihm vorbei, als hätte er nichts begriffen und nicht die Nachricht wahrgenommen, die seine Frau in Göstas Augen gelesen hatte. Scheinbar ziellos lief er weiter den Flur entlang.

Anstatt ihn aufzuhalten, ging Gösta zu Helena, half ihr behutsam auf und legte die Arme um sie. Das war sonst nicht seine Art. Nur zwei Menschen hatte er wirklich an sich herangelassen: seine Ehefrau und die kleine Ebba, die in ihrer frühesten Kindheit für kurze Zeit bei ihnen gewesen war und nun auf verschlungenen Pfaden wieder in sein Leben getreten war. Es war daher etwas ungewohnt für ihn, hier mit einer Frau im Arm zu stehen, die er noch nicht lange kannte, aber seit Victorias Verschwinden hatte Helena ihn täglich angerufen und oft hoffnungsvoll und manchmal resigniert, wütend oder traurig nach ihrer Tochter gefragt. Außer weiteren Fragen und noch größeren Sorgen konnte er ihr nichts bieten. Und hatte nun ihr letztes bisschen Hoffnung erstickt. Sie in die Arme zu nehmen und an seiner Schulter weinen zu lassen war das Mindeste, was er tun konnte.

Über Helenas Kopf hinweg sah er Ricky an. Der Junge hatte etwas ganz Besonderes an sich. Er war das Rückgrat von Victorias Familie gewesen, das sie in den vergangenen Monaten aufrecht gehalten hatte. Doch als er da nun weiß wie die Wand und mit leerem Blick vor Gösta stand, ähnelte er wieder dem Jungen, der er in Wirklichkeit war. Gösta wusste, dass Ricky seine kindliche Unschuld und den Glauben, am Ende würde immer alles gut, endgültig verloren hatte.

»Können wir sie sehen?«, fragte Ricky mit belegter Stimme. Gösta spürte, dass Helena erstarrte. Sie entzog sich ihm, wischte Tränen und Rotz am Ärmel ab und warf ihm einen flehentlichen Blick zu.

Gösta fixierte einen Punkt weit hinter ihnen. Wie sollte er ihnen begreiflich machen, dass es besser wäre, wenn sie Victoria nicht sähen?

Im ganzen Arbeitszimmer türmte sich Papier. Notizen in Reinschrift, Klebezettel, Artikel und kopierte Fotos. Das Ganze wirkte total chaotisch, aber Erica arbeitete am liebsten so. Wenn sie ein Buch schrieb, umgab sie sich gern mit allen Fakten und allen Überlegungen, die sie zu einem Fall angestellt hatte.

Diesmal drohte ihr die Sache jedoch über den Kopf zu wachsen. Sie hatte unheimlich viel Material gesammelt, aber es stammte alles aus zweiter Hand. Wie gut ihre Bücher wurden, wie anschaulich sie einen Mordfall wiedergeben und alle damit zusammenhängenden Fragen beantworten konnte, hing davon ab, ob sie an Informationen aus erster Hand kam oder nicht. Bis jetzt war ihr das immer gelungen. Manchmal ließen sich die Betroffenen nicht lange bitten. Einige waren regelrecht erpicht darauf, ihre Sicht der Dinge zu schildern, um ein bisschen mediale Aufmerksamkeit zu bekommen und eine Weile im Rampenlicht zu stehen. Mitunter brauchte es Zeit. Dann musste Erica erst Vertrauen schaffen und erklären, wozu sie die Vergangenheit wieder herauskramen und wie sie die Geschichte überhaupt erzählen wollte. Am Ende war es ihr immer geglückt. Bis jetzt. An Laila biss sie sich die Zähne aus. Bei ihren Besuchen hatte sie mit allen Mitteln versucht, sie dazu zu bringen, zum ersten Mal über die Ereignisse zu sprechen, aber ohne Erfolg. Laila redete gern, aber nicht über dieses Thema.

Frustriert legte Erica die Füße auf den Schreibtisch und ließ die Gedanken schweifen. Vielleicht sollte sie Anna anrufen. Die hatte oft eine gute Idee oder betrachtete das Ganze zumindest aus einem anderen Blickwinkel. Allerdings war Anna nicht mehr die Alte. Sie hatten in den vergangenen Jahren so viel durchgemacht, und das Elend schien nicht enden zu wollen. Zum Teil hatte sie sich das sicherlich selbst zuzuschreiben, aber Erica machte ihrer kleinen Schwester keine Vorwürfe. Sie konnte verstehen, warum es so gekommen war. Die Frage war nur, ob auch Dan es irgendwann nachvollziehen und ihr verzeihen konnte. Erica musste zugeben, dass sie ihre Zweifel hatte. Sie kannte ihn schon ihr Leben lang – als Teenager waren sie sogar mal ein Paar gewesen – und wusste, wie stur er sein konnte. Doch diesmal schadete er mit seinem Starrsinn und seinem Stolz am meisten sich selbst. Infolgedessen waren alle unglücklich: Anna, Dan, die Kinder und sogar sie selbst. Sie hatte gehofft, ihrer Schwester wäre nach der Hölle, die sie mit Lucas, dem Vater ihrer Kinder, durchlebt hatte, endlich ein bisschen Glück vergönnt.

Es war sehr ungerecht, dachte sie, dass ihre Lebenswege so unterschiedlich verlaufen waren. Sie selbst lebte in einer guten und liebevollen Ehe, hatte drei gesunde Kinder und wurde als Autorin immer erfolgreicher. Anna dagegen hatte einen Schicksalsschlag nach dem anderen erlitten. Erica wusste nicht, wie sie ihr helfen sollte. Dabei war das immer ihre Rolle gewesen: Sie war die Beschützerin, die sich um die andere kümmerte. Anna dagegen war die Lebenslustige, die Wilde. Doch all das hatte ihr das Leben ausgetrieben, und nun war nur noch eine schweigsame und ratlose Hülle von ihr übrig. Erica vermisste die Anna von früher.

Ich rufe sie heute Abend an, sagte sie sich und griff nach einem Stoß Zeitungsartikel und begann darin zu blättern. Die Stille war herrlich. Erica war dankbar, dass ihr Beruf ihr ermöglichte, zu Hause zu arbeiten. Ein Büro mit Kollegen hatte sie nie vermisst. Dafür war sie viel zu gern allein.

Absurderweise sehnte sie sich bereits danach, die Zwillinge und Maja vom Kindergarten abzuholen. Wie war es möglich, dass der Alltag mit den Kindern so widersprüchliche Gefühle in einem auslöste? Das Auf und Ab machte sie ganz müde. Im einen Moment ballte man die Faust in der Tasche, im nächsten hätte man die Kinder am liebsten abgeknutscht, bis sie um Gnade winselten. Patrik ging es genauso, das wusste sie.

Der Gedanke an Patrik und die Kinder erinnerte sie unvermutet wieder an das Gespräch mit Laila. Es war unfassbar. Wie konnte man diese unsichtbare, aber scharfe Grenze überschreiten und etwas tun, das man sich eigentlich selbst verboten hatte? Mussten Menschen ihren primitiven Instinkten nicht Schranken auferlegen und sich im Rahmen des gesellschaftlich Akzeptierten und als richtig Erkannten bewegen? Die Gesellschaft funktionierte, weil sich alle an bestimmte Gesetze und Regeln hielten.

Erica blätterte weiter. Was sie heute zu Laila gesagt hatte, stimmte. Sie könnte ihren Kindern niemals weh tun. Nicht einmal in ihren dunkelsten Stunden, als sie nach Majas Geburt an einer Wochenbettdepression litt, in der chaotischen ersten Zeit mit den Zwillingen, in schlaflosen Nächten oder während der scheinbar endlosen Wutausbrüche, und nicht einmal, wenn die Kinder mit jedem Atemzug »Nein!« brüllten, war sie auch nur annähernd in die Versuchung gekommen, ihnen weh zu tun. Der Papierstapel in ihrem Schoß, die Fotos auf ihrem Schreibtisch und ihre Aufzeichnungen bewiesen jedoch, dass es möglich war, diese Grenze zu überschreiten.

Sie wusste, dass die Leute in der Gegend das Gebäude auf den Bildern als Haus des Schreckens bezeichneten. Der Name war zwar nicht besonders originell, aber passend. Da niemand nach der Tragöde das Haus kaufen wollte, war es allmählich verfallen. Erica nahm ein altes Foto davon zur Hand. Nichts verriet, was darin vor sich ging. Es war ein ganz normales Haus, weiß mit grauen Fensterrahmen, das umgeben von ein paar Bäumen einsam auf einem Hügel stand. Sie fragte sich, wie viel davon noch übrig war.

Sie setzte sich kerzengerade hin und legte das Foto auf den Schreibtisch. Warum war sie noch nicht hingefahren? Sie suchte doch sonst immer den Tatort auf. Das hatte sie bei allen anderen Büchern getan, aber diesmal nicht. Irgendetwas hatte sie von dort ferngehalten. Die Entscheidung, nicht den Ort des Geschehens aufzusuchen, war nicht einmal bewusst gefallen. Es hatte sich einfach nicht ergeben.

Doch damit musste sie bis morgen warten. Es war an der Zeit, die kleinen Wilden abzuholen. In ihrem Bauch grummelte eine Mischung aus Vorfreude und Erschöpfung.

Die Kuh kämpfte tapfer. Nachdem er über Stunden immer wieder versucht hatte, das Kalb in die richtige Position zu drehen, war Jonas vollkommen verschwitzt. Das Muttertier wehrte sich nach Kräften, weil es nicht begriff, dass sie ihm helfen wollten.

»Bella ist unser bestes Stück«, sagte Britt Andersson. Der Hof, der einige Kilometer von seinem und Martas Grundstück entfernt lag, gehörte ihr und ihrem Mann Otto. Der Betrieb war nicht groß, aber bislang überlebensfähig, Milchkühe stellten die wichtigste Einkommensquelle dar. Britt war rührig und besserte den Erlös aus den Milchlieferungen an die Molkerei Arla mit Hilfe eines kleinen Hofladens auf, in dem sie ihren eigenen Käse verkaufte. Sorgenvoll stand sie neben der Kuh.

»Ja, unsere Bella ist eine Gute.« Otto kratzte sich bekümmert am Kopf. Es war ihr viertes Kalb, dreimal war alles gutgegangen, doch dieses hatte sich quer gelegt und weigerte sich beharrlich, ans Licht der Welt zu kommen. Bella wirkte immer kraftloser.

Jonas wischte sich den Schweiß von der Stirn und bereitete sich innerlich auf einen erneuten Versuch vor, das Kalb in die richtige Position zu bringen, damit es klebrig und mit wackligen Beinen im Stroh landen konnte. Beruhigend strich er Bella über das weiche Fell. Sie war kurzatmig und hatte die Augen weit aufgerissen.

»So, meine Liebe, jetzt werden wir mal schauen, ob wir dein Kälbchen nicht doch rauskriegen.« Er streifte die langen Gummihandschuhe über. Langsam, aber entschlossen führte er die Hand in den engen Kanal ein und ertastete das Kalb. Er musste ein Bein zu fassen bekommen und kräftig, aber behutsam daran ziehen, damit er das Tier beim Wenden nicht verletzte.

»Ich habe einen der Hufe.« Aus dem Augenwinkel sah er Britt und Otto die Hälse recken. »Bleib ganz ruhig, meine Liebe.«

Während er vorsichtig zog, redete er mit sanfter Stimme leise auf die Kuh ein. Nichts geschah. Er zog etwas fester, konnte das Kalb aber noch immer nicht bewegen.

»Und? Dreht es sich?«, fragte Otto. Er kratzte sich jetzt so heftig am Hinterkopf, dass Jonas vermutete, es würde eine kahle Stelle zurückbleiben.

»Noch nicht.« Jonas biss die Zähne zusammen. Schweiß lief ihm übers Gesicht, und eine Haarsträhne klebte über einem Auge, so dass er die ganze Zeit zwinkern musste, aber nun konnte er an nichts anderes mehr denken als an das Kalb, das endlich heraussollte. Bella keuchte und legte den Kopf ins Stroh, als wäre sie kurz davor aufzugeben.

»Ich habe Angst, etwas kaputtzumachen.« Er wagte, etwas fester zuzupacken. Da! Er zog noch ein wenig, hielt die Luft an und hoffte, dass ihm das Geräusch eines splitternden Knochens erspart bleiben würde. Schließlich spürte er, wie das Kalb sich aus der schwierigen Lage löste. Einige behutsame Handgriffe später lag es mitgenommen, aber lebendig auf dem Boden. Britt stürzte sich darauf und rubbelte es mit Stroh ab. Während sie es ebenso kräftig wie liebevoll massierte, wurde das Kalb zusehends munterer.

Bella dagegen lag still neben ihm. Sie reagierte nicht auf das Kalb, das gut neun Monate in ihr gewachsen war. Jonas hockte sich neben ihren Kopf und zupfte ihr ein paar Halme aus dem Auge.

»Es ist vorbei. Du warst unheimlich tapfer, meine Liebe.«

Er strich ihr über das weiche schwarze Fell und redete weiter auf sie ein, wie er es während der gesamten Entbindung getan hatte. Zuerst zeigte sie keinerlei Regung, doch dann hob sie mühsam den Kopf und betrachtete das Kalb.

»Du hast eine wunderschöne Tochter bekommen. Guck mal, Bella.« Jonas tätschelte sie. Allmählich ging ihr Puls herunter. Das Kalb würde durchkommen, und Bella wahrscheinlich auch. Er stand auf, strich sich endlich die irritierenden Haare aus dem Auge und nickte Britt und Otto zu.

»Das sieht nach einem hübschen Kälbchen aus.«

»Danke, Jonas.« Britt nahm ihn fest in den Arm.

Otto reichte ihm verlegen seine schwielige Pranke. »Danke, danke, das hast du prima gemacht.« Er wollte gar nicht aufhören, Jonas die Hand zu schütteln.

»Das ist mein Job.« Jonas strahlte übers ganze Gesicht. Es war immer befriedigend, wenn am Ende alles gut wurde. Probleme, die sich nicht lösen ließen, mochte er gar nicht, weder beruflich noch privat.

Zufrieden zog er sein Handy aus der Jackentasche. Einen Augenblick lang starrte er auf das Display. Dann raste er zum Auto.

Fjällbacka 1964

D

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