Verlag: Penguin Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Die Schokoladenvilla E-Book

Maria Nikolai  

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E-Book-Beschreibung Die Schokoladenvilla - Maria Nikolai

Das Schicksal zweier Frauen. Das Erbe einer Familie. Die Geschichte einer Leidenschaft. Stuttgart, 1903: Als Tochter eines Schokoladenfabrikanten führt Judith Rothmann ein privilegiertes Leben im Degerlocher Villenviertel. Doch die perfekte Fassade täuscht. Judiths Leidenschaft gehört der Herstellung von Schokolade, jede freie Minute verbringt sie in der Fabrik und entwickelt Ideen für neue Leckereien. Unbedingt möchte sie einmal das Unternehmen leiten. Doch ihr Vater hat andere Pläne und fädelt eine vorteilhafte Heirat für sie ein – noch dazu mit einem Mann, den sie niemals lieben könnte. Da kreuzt ihr Weg den des charismatischen Victor Rheinberger, der sich in Stuttgart eine neue Existenz aufbauen will ...Die neue große Familiensaga in hochwertiger, liebevoller Winter-Romance-Ausstattung.

Meinungen über das E-Book Die Schokoladenvilla - Maria Nikolai

E-Book-Leseprobe Die Schokoladenvilla - Maria Nikolai

Maria Nikolai

DIE

SCHOKOLADEN

VILLA

Roman

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von Penguin Books Limited und werden

hier unter Lizenz benutzt.

1. Auflage 2018

Copyright © 2018 Penguin Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlag: Favoritbuero, München

Umschlagmotiv: © Yolande de Kort/Trevillion Images; © Kindra Clinaft/getty Images; © Yolande de Kort/www.arcangel.com;

© Ciro Orabona Creative, Pipochka, Mosay Tlay und DJ Srki/www.shutterstock.com

Redaktion: Friederike Achilles

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-23541-3V001

www.penguin-verlag.de

DEN VERFÜHRUNGEN DIESER WELT

1. KAPITEL

Die Bonbon- und Schokoladenfabrik Rothmann in Stuttgart, Ende Januar 1903

Das Glöckchen der Eingangstür gab sein vertrautes, helles Bimmeln von sich, als Judith Rothmann das Ladengeschäft der Zuckerwarenfabrikation ihres Vaters betrat. Sorgfältig schloss sie die Tür hinter sich und streifte ihre nassen Stiefel flüchtig auf dem dafür vorgesehenen Teppich ab. Das Wetter war wirklich furchtbar. Wind und Nebel, dazu kam der Regen, und das seit Tagen.

Doch kaum war die unwirtliche Außenwelt ausgesperrt, versöhnte sie der unverwechselbare Duft von Schokolade und Zuckerwerk, der sie im Laden umfing. Ihre Laune stieg. Mit raschen Schritten durchmaß sie den mit Spiegeln, Goldleisten und reichlich Stuck ausgestatteten Raum und ließ ihren Blick routiniert über die Auslagen schweifen.

Unzählige feine Köstlichkeiten präsentierten sich auf der blank polierten Verkaufstheke und in den weiß lackierten Vitrinen entlang der Wände. Wo man auch hinsah, standen Schalen und Etageren, gläserne Bonbonnieren und kunstvoll gestaltete Dosen mit verführerischem Inhalt. Schokoladeumhülltes Konfekt aus getrockneten Früchten oder Marzipan fand sich neben schokoladeüberzogenen Zuckerstäbchen, verschiedenste Sorten Tafelschokolade neben allerlei Arten von Bonbons. Eine exklusive Auswahl Rothmann’scher Leckereien wartete, sorgsam auf heller Spitze in hübsch bemalten Holzkästchen arrangiert, auf die gebotene Aufmerksamkeit.

An diesem Donnerstagnachmittag war der Laden gut besucht. Während Judith umherging und hier und da einige Schalen neu arrangierte, steckte sie sich heimlich ein Stückchen ihres Lieblingskonfekts in den Mund und genoss die herbe Süße der zart schmelzenden, dunklen Schokolade mit Beerenfüllung. Nebenbei taxierte sie unauffällig die Kundschaft.

Ein Herr im vornehmen Anzug hatte seinen Hut abgenommen und suchte offensichtlich ein passendes Präsent für eine nachmittägliche Visite. Möglicherweise wollte er seine Angebetete entzücken, denn er entschied sich für eine Mischung feiner Pralinés und einige filigrane, rot gefärbte Zuckerröschen. Neben ihm standen zwei Mädchen im Backfischalter und beugten sich kichernd über eine Silberschale mit bunt gemischten Dragees. Einen Tresen weiter ließen sich drei in teure Seidenkostüme gekleidete Damen eine Auswahl des Besten zeigen, was das Haus zu bieten hatte, während eine Mutter Mühe hatte, trotz der tatkräftigen Hilfe ihrer Gouvernante die lautstark geäußerten, überbordenden Wünsche ihrer vier Kinder zu zügeln.

Kommenden Sommer sollten wir Gefrorenes verkaufen, dachte Judith beim Anblick der stürmischen Rasselbande und beschloss, ihren Vater darauf anzusprechen. Sie hatte kürzlich ein gebrauchtes Rezeptbuch von Agnes Marshall erstanden und fasziniert von der darin beschriebenen Eismaschine gelesen, mit deren Hilfe Milch, Rahm, Zucker und Aromen zu einer kühlen Creme verarbeitet wurden. Die zahlreichen Zubereitungsideen der Engländerin hatte sie in ihrer Fantasie längst weiterentwickelt und sah die Firma Wilhelm Rothmann bereits als ersten Hersteller von Quitten-, Ananas-, Vanille- und vor allem Schokoladeneis in Stuttgart. Vielleicht würde ihr Vater gar zum Hoflieferanten bestellt?

Judith war stolz auf das, was ihre Familie erreicht hatte. Und es war ihr ureigenes Metier. Sobald sie in die Welt der Schokolade eintauchte, sprudelte sie vor Eifer und Einfällen. Insgeheim hoffte sie darauf, eines Tages die Geschicke der Rothmann’schen Fabrik mitbestimmen zu dürfen, auch wenn ihr Vater sämtliche dahin gehende Andeutungen stets als unsinniges Weibergeschwätz abtat. Seiner Meinung nach hatten Frauen ihren Platz im Hintergrund, sollten den Haushalt führen und die Kinder erziehen. Doch Judith war nicht entgangen, dass dies keineswegs eine unumstößliche Einstellung sein musste. In Städten wie München oder Berlin drängten Frauen mehr und mehr in kaufmännische Geschäfte. Warum sollte das nicht auch in Stuttgart möglich sein?

Unterdessen hatte sie ihren Rundgang fortgesetzt und wandte sich schließlich an eine der drei Verkäuferinnen, welche in schwarzen Kleidern und frisch gestärkten weißen Schürzen die Kunden bedienten.

»Fräulein Antonia, empfehlen Sie den Kunden heute unbedingt auch die frischen Pfefferminzplätzchen. Am besten legen Sie die Schächtelchen direkt auf den Verkaufstischen aus.«

»Sehr wohl, gnädiges Fräulein«, antwortete das Mädchen und machte sich sofort daran, den Auftrag auszuführen.

Unterdessen hatte die Mutter samt Gouvernante und Kinderschar ihren Einkauf beendet und schickte sich an, den Laden zu verlassen. In der Eingangstür kam es zu einer kleinen Rangelei, da jedes der Kinder als erstes hinauswollte. Die Gouvernante, beladen mit unzähligen kleinen Päckchen, wurde dabei unsanft gestoßen und ließ im Taumeln einen Teil ihrer Last fallen. Während sie versuchte, sich zu fangen, stolperte das kleinste der Geschwister über eine der Schachteln, schlug der Länge nach auf den gefliesten Boden und brach sofort in heftiges Geschrei aus.

»Willst du wohl still sein!«, entfuhr es der Gouvernante, während die Mutter lediglich über die Schulter sah und ungerührt den Rest ihres Trosses ins Freie schob. Das Heulen wurde lauter, der Junge lag noch immer auf dem Boden, die Gouvernante zischte eine weitere Ermahnung, rappelte sich auf und machte sich daran, die Päckchen einzusammeln.

Damit die Situation nicht weiter eskalierte, schnappte sich Judith ein Quittenbonbon, gab es dem weinenden Buben und half ihm auf. Gleichzeitig wies sie die Verkäuferin Trude an, der Gouvernante mit den am Boden liegenden Geschenkkartons zu helfen, und schloss schließlich erleichtert die Tür, als alle hinaus waren.

Die übrigen Kunden hatten das Malheur teils pikiert, überwiegend aber amüsiert verfolgt und widmeten sich nun wieder ihren eigenen Wünschen. Mit einem kurzen Nicken verabschiedete sich Judith von den Angestellten und trat durch eine Verbindungstür in ein geräumiges Treppenhaus, welches das Ladengeschäft mit der Fabrik verband.

Hier begann das pulsierende Innenleben des Unternehmens, ein Zauberreich aus Kakao, Zucker und Gewürzen, das Judith liebte, seit sie als Kind zum ersten Mal mit fasziniertem Staunen die Schokoladenfabrik betreten hatte. Zugleich spürte sie ein ungewohntes Unbehagen in der Magengegend.

Bereits beim Frühstück hatte ihr Vater anklingen lassen, am Abend etwas Wichtiges mit ihr besprechen zu müssen, und Judith fragte sich seither, worum es sich wohl handeln könnte. Derart vage Andeutungen waren untypisch für ihn, und weil ihre unruhige Neugier ständig größer wurde, hatte sie beschlossen, ihn gleich im Comptoir der Firma aufzusuchen. Vielleicht gab er ja schon etwas preis, auch wenn sie wusste, dass er private Visiten zu Geschäftszeiten nicht schätzte.

Die mahnende Stimme in ihrem Inneren ignorierend, stieg sie entschlossen die Stufen in den oberen Stock des Verkaufsgebäudes hinauf, wo sich die Büroräume des Unternehmens befanden.

Geschäftige Stille begrüßte Judith, als sie das Comptoir betrat. An Schreibpulten aus lackiertem Eichenholz arbeiteten über ein Dutzend Herren in Anzug und Krawatte. Konzentriert führten sie Buch über die Geschäfte und Waren der Schokoladenfabrik. Hier roch es nach Tinte und Papier, nach Politur, Bohnerwachs und dem Eau de Cologne der Angestellten. Als diese Judiths Anwesenheit bemerkten, eilte einer von ihnen auf sie zu.

»Was kann ich für Sie tun, Fräulein Rothmann?«

»Ist mein Vater in seinem Bureau?«

»Gewiss. Ich gebe ihm Bescheid.«

»Das ist nicht nötig. Ist er allein?«

»Im Augenblick ist niemand bei ihm, gnädiges Fräulein.«

Judith nickte. Während der Herr an seinen Platz zurückkehrte, ging sie zu einem abgeteilten Raum, der am gegenüberliegenden Ende des Comptoirs lag, klopfte an die mit buntem Glas filigran verzierte Tür und trat ein.

Ihr Vater stand am Fenster und sah hinaus auf die Straße vor der Fabrik. Als er Judith bemerkte, drehte er sich abrupt um, so, als hätte sie ihn bei etwas Verbotenem ertappt.

»Judith!« Er klang unwirsch. »Was willst du hier?« Rasch kehrte er hinter seinen imposanten, akkurat aufgeräumten Schreibtisch zurück, auf dessen Platte ein aufgeschlagenes Kontobuch lag. »Haben deine Brüder wieder etwas angestellt?«

»Nein, Herr Vater«, begann Judith, vorsichtig lächelnd. »Diesmal nicht.«

»Dann wäre es gut, du würdest nach ihnen sehen, bevor etwas passiert.«

»Keine Sorge, Robert hat ein Auge auf sie, Herr Vater.« Der Hausknecht der Familie hatte ihre achtjährigen, umtriebigen Zwillingsbrüder mit auf einen Botengang genommen. »Ich bin hier, weil ich Ihnen einen Vorschlag machen möchte«, setzte Judith an. Sie hoffte, ihm durch ein unbefangenes Gespräch entlocken zu können, was er ihr denn so Wichtiges zu sagen hatte.

»Ich habe jetzt keine Zeit«, erwiderte ihr Vater und nahm einen Bleistift zur Hand. »Am besten gehst du gleich nach Hause. Oder hilfst beim Vorbereiten der Musterpäckchen für die Reisenden. Wir reden dann heute Abend.«

»Aber ich halte es für wichtig.« Judith ließ sich nicht so leicht abwimmeln. »Sie sind doch immer auf der Suche nach neuen Verkaufsartikeln, nicht wahr?«

»Und dazu hast du wieder einmal etwas beizutragen?«

Judith überhörte seinen gereizten Unterton. »Ja, wenn Sie erlauben. Es ist zwar noch ein bisschen früh im Jahr, aber manche Dinge müssen gut geplant werden. Das sagen Sie uns doch immer wieder, Herr Vater. Und deshalb habe ich mir überlegt, ob es nicht gut wäre, im Sommer Gefrorenes anzubieten.«

Ihr Vater lachte spöttisch. »Das verstehst du unter wichtig? Sei so gut, Judith, und lass mich meine Arbeit machen. Hier läuft es drunter und drüber. Da kann ich mir nicht über Gefrorenes Gedanken machen.«

»Manche Ideen kann man nicht aufschieben«, beharrte Judith. »Gerade waren Kinder im Laden, die würden so etwas mögen. Man müsste natürlich vieles bedenken, die Kühlmöglichkeiten und den Transport, aber …«

»Ach, sei doch bitte still.« Ihr Vater wurde ungeduldig. »Sie mag überlegenswert sein, deine Idee, aber mir steht hier das Wasser bis zum Hals. Mach dich auf den Weg nach Hause. Am besten, ich lasse Theo kommen, er soll dich fahren. Und über den Sommer wirst du ohnehin anderes zu tun haben, als dich um die Herstellung von Gefrorenem zu kümmern.«

Judith horchte auf. »Wie darf ich Sie verstehen, Herr Vater?«

»Da gibt es nichts zu verstehen.« Er trommelte mit den Fingerspitzen auf die Tischplatte. »Du weißt wohl selbst am besten, was ein Vater von seiner erwachsenen Tochter erwarten kann. Deshalb wirst du bald damit beschäftigt sein, deine Aussteuer zu vervollständigen.«

Einen Augenblick lang herrschte angespannte Stille im Raum, und Judith versuchte, das Gesagte zu begreifen. Schließlich fand sie stammelnd ihre Sprache wieder.

»Heißt das, ich soll …«

»Du wirst heiraten. Exakt das heißt es. Mit einundzwanzig Jahren bist du wirklich alt genug dafür. Eigentlich wollte ich es dir heute Abend mitteilen, doch sei es drum. Nun weißt du es.«

Er wandte sich wieder seiner Arbeit zu.

»Aber wen soll ich denn heiraten?«, fragte Judith entsetzt. Sie konnte kaum glauben, was ihr gerade verkündet worden war, auch wenn sie seit geraumer Zeit eine leise Ahnung gehabt hatte. »Es gibt doch niemanden, oder?«

»Noch nicht, aber das wird nicht mehr lange dauern«, meinte ihr Vater nur und begann, eine Seite des Kontobuchs mit Anmerkungen zu versehen. »Ich werde dich rechtzeitig in Kenntnis setzen. Du solltest mir ein bisschen vertrauen.«

Judith zitterten die Knie. Ihr ungutes Gefühl hatte sie nicht getrogen. Das also hatte er ihr kundtun wollen. Sie sollte verheiratet werden, und das ohne jedes Mitspracherecht.

Mühsam unterdrückte sie den Impuls, etwas Unangebrachtes zu erwidern. Eine spitze Antwort würde alles nur noch schlimmer machen. So ballte sie nur die Hände zu Fäusten, drehte sich auf dem Absatz um und verließ fluchtartig das Comptoir. Mit laut klappernden Stiefeln eilte sie die Treppe hinunter, über ihr Gesicht liefen Tränen, die sie eigentlich gar nicht weinen wollte.

War es denn zu viel verlangt, mit der Ehe noch ein wenig abzuwarten? Bis sie sich selbst für jemanden entschied? Einen Mann, den sie mochte. Und der akzeptierte, vielleicht sogar schätzte, dass sie die Arbeit in der Schokoladenfabrik liebte und nicht zu Hause verkümmern wollte, so wie ihre Mutter.

Judith zog ihren Mantel enger um sich und trat hinaus in den feuchten Nachmittag. Sie spürte weder Regen noch Kälte, als sie ziellos durch Stuttgarts Straßen lief und sich schließlich vor der Station der Zahnradbahn am Marienplatz wiederfand. Sie bestieg einen der Wagen nach Degerloch, dem der Residenzstadt vorgelagerten Luftkurort, wo sie mit ihrer Familie in einem Anwesen innerhalb der neu erbauten Villenkolonie wohnte. Auf der Fahrt nach Hause wandelte sich ihre Verzweiflung in vertrauten Kampfesgeist. So leicht durfte niemand über ihr Leben und ihre Zukunft entscheiden. Auch nicht ihr Vater.

2. KAPITEL

Die preußische Festung Ehrenbreitstein bei Coblenz, Ende Februar 1903

Aus einem dunstigen Morgenhimmel fiel fahles Licht, ohne die Erde wirklich zu berühren. Weder vertrieb es die Kälte der vergangenen Nacht noch ihre Schatten. In der nebligen, mit dem Rauch zahlreicher Schornsteine geschwängerten Luft verloren sich Farben und Stimmen, verschwammen die Umrisse der Zitadelle, schien selbst der große Strom verstummt, der seit Urzeiten am Fuße des steil aufragenden Felssporns mit den Wassern der Mosel zusammenfloss.

Das vertraute Zurückschnappen der Querriegel seiner Zellentür durchbrach die morgendliche Stille. Victor, der am vergitterten Fenster gestanden hatte, das den kargen Raum mit Tageslicht versorgte, wandte sich um und nickte dem eintretenden Aufseher zu.

Es war Zeit.

Ein letztes Mal flog sein Blick über die Stube mit ihrer schlichten Holzmöblierung und dem eisernen Bettgestell, dessen blau-weiß karierte Decke er sorgfältig zusammengelegt hatte. Dann schlüpfte er in seinen abgetragenen Mantel, hob seinen schäbigen Koffer auf, nahm seinen Hut und folgte dem Wärter aus der Landbastion hinaus in diesen abweisenden Morgen. Sie querten den Oberen Schlosshof und erreichten die Hohe Ostfront. Vor den vier Säulen des Portikus blieben sie einen Augenblick stehen und Victor ließ noch einmal die hellgelben Fassaden der Gebäude ringsherum auf sich wirken, deren klassizistische Architektur in einem geradezu spektakulären Gegensatz zur martialischen Erscheinung der übrigen Festung stand. Schließlich wurde er in das Dienstzimmer des Festungskommandanten im ersten Stock über der Hauptwache geführt.

Als er eine halbe Stunde später wieder ins Freie trat, bat er den Aufseher um einen kurzen Moment für sich. Dieser nickte und blieb stehen, während Victor an einer Gruppe exerzierender Soldaten vorbei über den weitläufigen Hof ging und an die halbhohe Außenmauer trat. Ruhig setzte er sein Gepäck ab und beugte sich über die massive Begrenzung.

Nur andeutungsweise ließ sich der grandiose Ausblick erahnen, der sich an klaren Tagen von hier oben auf Coblenz und die beiden Flüsse bot, die sich an dieser Stelle in einer lang gezogenen Schleife auf ihre gemeinsame Reise gen Norden begaben. Lediglich Schemen von Häusern, Wiesen und Feldern deuteten sich an. Von den fernen Gipfeln der Vulkaneifel mit ihren stillen Seen und den dunklen Wäldern war überhaupt nichts zu sehen.

Victor seufzte.

Diesen ersten Augenblick nach seiner Haftentlassung hatte er sich anders vorgestellt. Unzählige Male hatte er in Gedanken an dieser Mauer gestanden, wie ein Vogel, der seine Flügel ausspannt. Er hatte diese schiere Weite in sich aufnehmen wollen, die Welt von einer höheren Warte aus betrachten, bevor er sie neu in Besitz nahm – und sie ihn.

Die neblige Unbill des feuchten Februartages minderte den Genuss dieses Moments, aber er wollte nicht hadern. Nach den bitteren Lektionen der letzten Jahre musste ein fehlender Ausblick zu verschmerzen sein. Es war vorbei und das war alles, was zählte. Brüsk drehte er sich weg, nahm seinen Koffer und ließ sich die letzten Meter eskortieren.

Der Weg in die Freiheit führte durch die Felsentorwache zum vorgelagerten Fort Helfenstein, und von dort aus abwärts, an etlichen Wachposten und weiteren Toren vorbei bis in den Ort Ehrenbreitstein.

Mit jedem Schritt entlang des schroffen, bewachsenen Felsgesteins schaffte Victor Abstand zwischen sich und der weitläufigen, als uneinnehmbar geltenden Festung über ihm. Auf dem matschigen Untergrund verloren seine dünnen Sohlen mehr als einmal den Halt. Dass es ihm jedes Mal gelang, sich abzufangen, erfüllte ihn mit übertriebenem Stolz. Vereinzelte Windböen wehten kalte Feuchte in seinen Nacken und ließen ihn frösteln. Als er endlich in der Residenzstadt ankam, zitterten ihm vor Anstrengung die Knie.

An der Schiffbrücke musste er warten, bis sich die ausgefahrenen Joche hinter einem kleinen Dampfer wieder geschlossen hatten, dann überquerte er den Rhein, entrichtete die zwei Pfennige Brückengeld und erreichte schließlich die Coblenzer Rheinanlagen.

Die Wolkendecke hatte sich gelichtet.

Victor zögerte.

Dann blickte er ein letztes Mal zurück auf das trutzige Monument hoch oben auf der Felsnase, dessen grobe, unverputzte Mauern im heraufziehenden Tag allmählich Konturen annahmen.

Zwei Jahre lang war der Ehrenbreitstein sein Gefängnis gewesen; dieses kantige Zeugnis preußischer Macht im Westen des Reichs, mit seinem weitläufigen Gewirr aus Gängen, Brücken und Versorgungswegen, den Soldatenstuben, Wohnquartieren, Arbeitsstätten und Geschützkasematten, den meterdicken Mauern, Gräben und Toren. Dort hatte er gebüßt für ein Duell, welches er gerne vermieden hätte, und dessen unglücklicher Ausgang ihn überdies in den Rang eines verurteilten Straftäters katapultiert hatte. Wenigstens war er in den Vorzug einer Ehrenhaft auf der Festungs-Stubengefangenen-Anstalt bei Coblenz gekommen, weit weg von Berlin und den erdrückenden Erinnerungen, die Victor mit dieser seiner Heimatstadt verband.

Er vernahm Rufe und Lachen, ein Schiffshorn, das Bellen eines Hundes. Die Welt hatte ihre Sprache wiedergefunden und selbst die winterlich trübe Luft empfand er als belebend.

Er schritt kräftig aus. Immer schneller schienen ihn seine Beine zu tragen, und ein jähes Glücksgefühl durchströmte Kopf und Glieder. Doch bei aller aufkeimenden Euphorie war ihm sehr wohl bewusst, dass seiner neu gewonnenen Freiheit nicht nur unendliche Möglichkeiten, sondern auch eine vage Gefahr innewohnte. Und mit demselben Willen, mit dem er seine Zukunft beginnen wollte, würde er mit seiner Vergangenheit Frieden schließen müssen.

Er erreichte das zweigeschossige, massive Steingebäude des Coblenzer Bahnhofs. Beim Laufen war ihm warm geworden, auch wenn jeder Atemzug eine neblige Wolke bildete, kaum dass er die Lippen verlassen hatte. Victor kaufte ein Billett und setzte sich auf eine Bank im Wartesaal. Bis sein Zug kam, dauerte es noch gut eine Stunde.

In einer Ecke des großen Gebäudes entdeckte er einen Automaten, an dem zwei Kinder, vermutlich Bruder und Schwester, hantierten. Eine Gouvernante saß gelangweilt daneben, die Nase in ein Buch vergraben. Derweil schienen die Geschwister einen regelrechten Kampf um den Inhalt des Automaten auszufechten, wobei das Mädchen ihrem Bruder in nichts nachstand. Schließlich hielt sie triumphierend ein kleines Täfelchen in der Hand. Schokolade, wie Victor amüsiert feststellte. Mit ihrem Schatz in der Hand lief sie dem Jungen davon, der erst ein langes Gesicht zog, dann aber entschlossen die Verfolgung aufnahm.

Victor konnte seine Neugierde nicht zügeln. Automaten hatten ihn schon immer fasziniert und dieser hier war ziemlich neu. Er stand auf und besah sich unauffällig das Gerät. Stollwerck. Das Kölner Unternehmen war seit Jahren sehr erfinderisch beim Vertrieb seiner Schokoladen und lieferte inzwischen selbst entwickelte Automaten in alle Welt. Diese boten unter anderem Seife an, aber auch Fahrkarten an den Bahnhöfen.

Der Apparat aus graublau bemaltem Gusseisen mit aufwendigen goldenen Verzierungen reichte ihm etwa bis zum Kinn. Hinter einem arkadenartig eingefassten Fenster befanden sich, gut sichtbar, mehrere Warenschächte mit Schokoladentafeln. Darüber gab es einen Schlitz für den Münzeinwurf, und auf einem emaillierten Schild wurde der Mechanismus erklärt. Zehn Pfennig kostete eine Tafel. Rasch überschlug Victor den Wert der darin befindlichen Schokoladentäfelchen und stellte fest, dass es sich hier um ein lohnendes Geschäft für Stollwerck handelte. Zwar verzichtete er darauf, sich eine Schokolade zu ziehen, aber sein Erfindergeist war geweckt. Während er an seinen Platz zurückkehrte, feilte er imaginär bereits an einer ähnlichen Konstruktion.

Sobald er sich in seiner neuen Heimat etabliert und eine Bleibe gefunden hatte, würde er sich an einem Entwurf versuchen. Bei diesem Gedanken zog er einen zerknitterten Zettel aus seiner Hosentasche, auf dem eine Adresse stand: Edgar Nold, Silberburgstraße, Stuttgart.

Victor wäre es nicht in den Sinn gekommen, nach seiner Haftentlassung ausgerechnet in Stuttgart sein Glück zu versuchen, aber als ein Mithäftling die süddeutsche Residenzstadt ernsthaft empfohlen hatte, war sie ihm nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Stuttgart schien aufstrebend zu sein, bot deshalb vermutlich gute Arbeitsmöglichkeiten und war weit genug entfernt von Berlin, um einen unbelasteten Anfang zu ermöglichen. Jedenfalls würde ihn dort wohl keiner vermuten.

Vor wenigen Tagen hatte ihm der Mitgefangene schließlich noch die Anschrift eines entfernten Verwandten gegeben, eben jenes Edgar Nold, bei dem er sich nach seiner Ankunft melden könne. So sollte es ihm leichter fallen, in der fremden Umgebung Fuß zu fassen.

Schließlich fuhr laut pfeifend Victors Zug ein und kam mit kreischenden Bremsen zum Stehen; ein stählerner Koloss, umgeben von Dampf und Rauchschwaden. Reisende entstiegen den Coupés der ersten Klasse. Sie waren eingehüllt in wärmendes Tuch oder lange Mäntel, die Herren zogen ihre Hüte tief ins Gesicht. Einige Damen trugen wertvollen Pelz und hatten ihre Hände in fellbesetzten Muffs vergraben, während Bedienstete sich um ihr Gepäck kümmerten und eilig Schirme aufspannten, um ihre Herrschaft vor der ungemütlichen Witterung zu schützen. Aus den restlichen Waggons stiegen die weniger Begüterten, die ihre Taschen und Koffer mit klammen Fingern selbst schleppten. Eilig strebten sie dem Ausgang zu.

Victor verließ das Bahnhofsgebäude und betrat den Bahnsteig. Er wartete geduldig, bis sich die Traube der Fahrgäste auf die Waggons verteilt hatte. In einem Abteil der dritten Klasse verstaute er sein Gepäck, setzte sich auf die hölzerne Bank und beobachtete durch das beschlagene Fenster das Kommen und Gehen auf dem Bahnsteig.

Schließlich schlugen die Türen. Mit einem schrillen Pfiff setzte sich der Zug schwerfällig in Bewegung.

Sein neues Leben hatte begonnen.

3. KAPITEL

Stuttgart, die Stadtvilla der von Brauns, an einem Märzabend 1903

Die grüne Flüssigkeit schimmerte verlockend. In jedem der drei kelchförmigen Kristallgläser auf dem Tisch verfingen sich die Reflexionen des Absinths und erzeugten im schummrigen Licht der herunterbrennenden Kerzen die einzigartige Stimmung einer französischen heure verte.

Entsprechend gelöst war daher die Laune der drei jungen Männer, die sich an diesem frühen Abend zusammengefunden hatten, um ein aufwendiges Ritual zu pflegen, welches sie seit Langem verband.

Es war der schlanke Edgar Nold gewesen, der die erste Flasche des Wermutgetränks von einer Reise nach Paris mitgebracht hatte; schwer beeindruckt von der gepflegten Nachlässigkeit, mit der die intellektuellen Franzosen ihre Grüne Stunde zelebrierten. Seither erlag seine sensible Künstlerseele allzu gern dem Charme des Kräutertrunks, dessen Genuss nicht nur einen gehörigen Rausch versprach. Stets ergriff ihn das Gefühl, auf eigenartige Weise über den Dingen zu schweben, frei von Ärger und Verdruss. Und den gab es wahrlich, dachte er nur an den ausbleibenden Erfolg seiner Malerei. Fiele es ihm nur nicht so schwer, naturgetreue Landschaften auf Leinwände zu bannen oder auch Porträts zu malen. Beides wurde von den angesehenen Familien Stuttgarts nachgefragt und gut bezahlt, doch sein Talent lag weder im bloßen Abbilden der Wirklichkeit noch in der Herstellung schmeichelhafter Spiegelbilder einer selbstgefälligen Oberschicht. Stattdessen hatte er eine Zeitlang mit filigranen Mustern und verspielten Blumenmotiven gearbeitet, die lebensfroh und leicht wirkten statt schwerfällig und überladen. Geld freilich hatte er damit kaum verdient, doch Edgar glaubte an sein Talent. Einige Male war er in München gewesen, wo sich gerade eine neue Künstlergeneration erfand, hatte Gleichgesinnte getroffen und versucht, sich bei der Jugend als Illustrator zu verdingen. Das Blatt erschien bereits seit sieben Jahren und gab der ästhetischen Kunst ein populäres Forum. Es hatte ihn hart getroffen, als er eine freundliche, doch unmissverständliche Absage erhalten hatte: Seine Bilder seien zu althergebracht. Edgar verstand die Welt nicht mehr. Für Stuttgart war er zu modern, für München zu konservativ.

Dann, vor wenigen Monaten, hatte es ihn noch einmal in die französische Hauptstadt gezogen. Widerwillig hatte sein Vater die Fahrkarte spendiert und Edgar beleidigend vorgehalten, mit beinahe achtundzwanzig Jahren noch von seinen Zuwendungen abhängig zu sein. Doch genau diese Reise war das entscheidende Mosaiksteinchen gewesen; endlich sah Edgar seine Zukunft deutlich vor Augen. Denn auf seinen ausgiebigen Spaziergängen durch Paris hatte er die Reklameplakate studiert, welche überall an Mauern und Plakatsäulen hingen und für alles Mögliche warben – Zigarren oder Likör, einen Herrenausstatter, eine Buchhandlung, Oper, Theater oder die Etablissements der leichten Unterhaltung wie das Moulin Rouge. In Kunsthandlungen hatte er sich Plakate vergangener Jahre zeigen lassen, fasziniert von der reduzierten Formensprache des verstorbenen Henri de Toulouse-Lautrec und den farbgewaltigen Entwürfen eines Jules Chéret.

Als er nach einigen anstrengenden Tagen und Nächten wieder zu Hause angekommen war, hatte er eine Entscheidung getroffen. Sein Metier würde das der Plakatkunst und Verpackungsgestaltung werden. Inzwischen war ihm ein Exemplar von Bruno Volgers Lehrbuch der modernen Geschäftspropaganda in die Hände gefallen. Seither versuchte er, die Illustrationen darin nachzuarbeiten und einen eigenen Stil zu entwickeln, in der Hoffnung, auf dem Gebiet der Reklame Fuß zu fassen und endlich seine monetäre Misere zu beenden. Irgendwann musste der Durchbruch einfach gelingen.

Ein leises Klirren unterbrach seine trüben Gedanken und holte ihn in die Wirklichkeit zurück.

Rasch fuhr er sich mit der Hand durch seine hellbraunen Locken und sah zu Max neben ihm, der einen geschlitzten Silberlöffel über eines der Gläser gelegt hatte und nun ein Stück in Würfelform gepressten Zuckers darauf platzierte.

Sie kannten sich von Kindesbeinen an, Söhne wohlhabender Unternehmer, deren Familien einander seit jeher freundschaftlich verbunden waren. Max, Erbe des erfolgreichen Maschinenfabrikanten Ebinger, Albrecht von Braun, Sprössling des derzeit einflussreichsten Bankiers in Stuttgart, und er selbst, der Maler und Bohemien, dessen Vater eine Seifenfabrik besaß, die in letzter Zeit nicht mehr so gut lief – und der den künstlerischen Ambitionen seines Sohnes mit demütigendem Unverständnis begegnete.

Max zwinkerte ihm zu.

Edgar zog ebenfalls Glas und Absinthlöffel heran und griff nach einem Zuckerstück. Zeit für ein paar entspannende Frotzeleien unter Männern.

»So, Ebinger. Ich hab gehört, du darfst bald deinen alten Kerl beerben?«, fragte er seinen Freund und präparierte den Silberlöffel auf die gleiche Weise wie dieser kurz zuvor.

»Nicht in hundert Jahren!«

»Das nicht, aber vielleicht in einem halben?«

»Lass es gut sein, Nold«, meldete sich der joviale Albrecht zu Wort, ebenfalls mit seinen Absinth-Requisiten beschäftigt. »Wir wissen, dass Max keinen Sinn für Strickmaschinen besitzt. Und dass sein alter Herr die Fabrik ohnehin erst im Sarg verlassen wird.«

»Du könntest es dir bequem machen, Ebinger«, fuhr Edgar fort. »Lass dir einen Schreibtisch einrichten und deinen alten Herrn weiterschaffen. Derweil vögelst du dich munter durch die Stuttgarter Dienstmädchenschaft.«

»Da ist er doch schon durch«, gab Albrecht zu bedenken und schob sein präpariertes Glas unter einen der vier Metallhähne der gläsernen Absinthfontäne, die in der Mitte des Tisches stand.

»Schon lange!«, entgegnete Max ironisch.

»Dann solltest du darüber nachdenken, in Berlin oder München dein Glück zu versuchen«, riet Edgar. »Ich empfehle dir München. Dort sind die Mädchen drall, derb und willig.«

»Ich werde nach Italien gehen«, meinte Max.

»Wegen der Mädle?«, fragte Albrecht ernsthaft erstaunt.

»Natürlich wegen der Mädchen!«, gab Max sarkastisch zurück.

»Das ist wirklich interessant, Ebinger«, sagte Edgar. »Italien. Lässt dich dein alter Herr denn gehen?«

»Das ist meine Entscheidung, nicht seine.«

»Wie lange wirst du unterwegs sein?«

»Ich weiß nicht. Mehrere Wochen, einige Monate.«

Edgar pfiff anerkennend. »Sieh an, das wusste ich nicht. Dein Vater erzählt doch gerade jedem, dass du in die Geschäftsführung sollst. Von einer längeren Reise war nicht die Rede.«

»Er weiß es noch gar nicht.«

Albrecht gab einen erstaunten Laut von sich, während Max sein Glas ebenfalls unter die Absinthfontäne schob und vorsichtig einen der kleinen Hähne öffnete.

Gemächlich tröpfelte eiskaltes Wasser auf das Zuckerstück und rann durch die Aussparungen des Silberlöffels in den darunter stehenden Kelch mit dem hochprozentigen Absinth. Kurz darauf setzte der Louche ein und verwandelte die grünliche Ausgangsfarbe des Kräutertrunks in eine milchig-weiße Flüssigkeit.

»Die Grüne Fee erwacht!«, rief Albrecht fasziniert. »Sie ist eindeutig sehr hübsch und sie ist eindeutig weiblich, Ebinger. Das ist halt deine Welt!«

Damit öffnete auch er den Hahn über seinem Glas und beobachtete genüsslich, wie darin die Grüne Fee lebendig wurde. »Aber glaubt nicht, dass ich die Hoffnung auf ein Weib aufgegeben habe«, setzte er bedeutungsvoll hinzu. »Ganz im Gegenteil.«

Er blickte in die Runde.

»Nur zu, erzähl!«, ermunterte ihn Edgar, der gerade seinen Hahn zudrehte.

»Kennt man die Dame?«, fragte Max, der erleichtert schien, dass sich das Gespräch nun nicht mehr um seine Zukunftspläne drehte.

»Rothmanns Tochter«, erklärte Albrecht mit einem triumphierenden Unterton.

»Judith Rothmann? Allen Ernstes?« Max sah Albrecht verblüfft an und schüttelte ungläubig den Kopf. »Wer hätte das gedacht.«

Albrecht nippte zufrieden an seinem Glas.

»Hübsches Ding«, stellte Edgar fest. »Goldblonde Locken und klarblaue Augen. Eine Mischung aus Kobalt und Ultramarin. Und ihre Figur ist beachtenswert …« Er deutete eine wellenförmige Handbewegung an, während Max sich einen Seitenhieb auf den wenig attraktiven Albrecht nicht verkneifen konnte: »Wenn’s um Geld geht, sind die Weiber nicht wählerisch.«

»Ihr Vater ist selbst vermögend, darum geht es nicht«, erwiderte Albrecht gekränkt.

»Darum geht es immer«, entgegnete Max.

»Hör nicht auf den Ebinger«, meinte Edgar versöhnlich und hob sein Glas. »Darf man auf diese Kunde mit Absinth anstoßen?«

»Mit Absinth trinken wir auf unser Junggesellendasein, Freunde«, sagte Max mit Nachdruck.

»Ja, für dich ist die Ehe nichts, Ebinger«, entgegnete Albrecht, noch immer leicht beleidigt. »Eine Dame allein würde dir höchstens eine Woche lang reichen.«

»Na, die kleine Rothmann vielleicht auch zwei«, konterte Max grinsend.

Albrecht schnaubte.

»Wann ist es denn soweit?«, fragte Edgar, um die Lage zu beruhigen.

»Das wurde noch nicht festgelegt.« Albrecht stürzte den Inhalt seines Glases hinunter.

»Aber du hast doch schon um sie angehalten, oder?«, hakte Edgar nach.

»Nicht persönlich. Mein Vater hat mit ihrem Vater gesprochen. Und damit ist es beschlossen.«

»Na, dann sollte dem Ganzen nichts mehr entgegenstehen. Wir sind dabei!« Edgar freute sich aufrichtig für den Freund.

»Hat die Braut in dieser Angelegenheit überhaupt etwas zu sagen gehabt?« Max’ Stimme hatte plötzlich einen beißenden Unterton.

»Du bist doch nicht etwa eifersüchtig, Ebinger?«, fragte Edgar erstaunt und sah zwischen dem dunklen, athletischen Max und dem farblosen, dicklichen Albrecht hin und her.

Max hob lediglich eine Augenbraue.

»Wisst ihr«, konstatierte Albrecht, »solch wichtige Dinge regeln die Männer. Und das schon zu allen Zeiten. Eine Frau überblickt das nicht, ihr Geist ist nicht gemacht für so … so weitreichende Entscheidungen.«

»Da wäre ich mir nicht so sicher«, erwiderte Max.

»Judith Rothmann gilt als eigensinnig und anspruchsvoll. Da ist das letzte Wort vielleicht wirklich noch nicht gesprochen«, gab nun auch Edgar zu bedenken.

Albrecht, dem das zweite Glas Absinth allmählich zu Kopfe stieg, fing unvermittelt an zu lachen. »Ach, Freunde. Diesmal bin ich dran, auch wenn ihr mir nicht zutraut, die kleine Rothmann heimzuführen! Ihr Alter wird seine Tochter schon den nötigen Gehorsam gelehrt haben. Und euch bleiben ja noch die anderen Stuttgarter Damen. Dir, Max, gar eine rassige Italienerin, wenn aus deinen Reiseplänen etwas wird.«

Max rührte noch in seinem Glas und tat, als habe er die Bemerkung nicht gehört.

»Ist schon gut, Albrecht. Judith Rothmann lässt den Max sicher kalt, der hat andere Möglichkeiten«, versuchte Edgar das Gespräch zu befrieden. »So dumm wäre er doch gar nicht, einer Jungfer zu nahe zu kommen. Da würde er riskieren, im Handumdrehen verheiratet zu sein. Und das ist für dich der Vorhof zur Hölle, nicht wahr, Ebinger?«

»Allerdings«, antwortete Max lakonisch, während er den Löffel abtropfen ließ und zur Seite legte.

»Übrigens, ich habe seit Neuestem einen Mitbewohner«, erzählte Edgar, um das Thema zu wechseln. »Einen ehemaligen Häftling vom Ehrenbreitstein.«

»Wo soll denn das sein?«, fragte Albrecht, den neuen Gesprächsgegenstand neugierig aufnehmend.

»Bei Coblenz am Rhein«, antwortete Edgar. »Man hatte ihn wegen eines Duells dort eingesperrt, aber so genau weiß ich es nicht. Viel hat er nicht erzählt.«

»Wenn man ihn wegen eines Duells inhaftiert hat, dann war er vermutlich beim Militär«, meinte Max. »Sonst gibt es Duelle kaum mehr, jedenfalls soweit ich weiß.«

»Das kann sein. Er stammt irgendwo aus dem Preußischen, hat er gemeint«, sagte Edgar nachdenklich. »Meine Adresse hat er von einem meiner Onkel bekommen, der zeitgleich auf dem Ehrenbreitstein einsaß. Das kann nur der verrückte Poet sein, ein Bruder meiner Mutter aus Coblenz. Der hat sich schon immer um Kopf und Kragen gedichtet. Meine Mutter ist, glaube ich, die Einzige, die ihm noch ab und zu schreibt.«

»Also hast du einfach so einen ehemaligen Strafgefangenen bei dir aufgenommen«, stellte Albrecht fest. »Du hast Mut.«

»Er kam mir vertrauenswürdig vor. Und er hat schon Arbeit gefunden bei der Brauerei Dinkelacker. Ich denke nicht, dass er lange bei mir wohnen wird«, gab Edgar zurück.

»Wie dem auch sei«, erklärte Albrecht gutmütig. »Ich für meinen Teil hab jetzt Hunger. Sollen wir nach Degerloch rauffahren und im Löwen etwas essen?«

»Und bei den Rothmanns vorbeischauen?«, scherzte Edgar.

Albrecht grinste.

Max leerte sein Glas. »Wir könnten doch auch hier etwas essen.«

»Ja, bleiben wir besser hier unten im Kessel. Aber ein paar Schritte an der Luft sollten uns nicht schaden. Was haltet ihr vom Adler?«, schlug Edgar vor.

»Meinetwegen.« Max stand auf.

»Auf das Essen, das Duell und die Weiber«, feixte Edgar, als sie die Bankiersvilla verließen und sich auf den Weg machten.

4. KAPITEL

Die Villa der Familie Rothmann in Degerloch bei Stuttgart, Anfang Juli 1903

Ein warmer Sommer hatte sich über das Land gelegt. Eigentlich mochte Judith diese Jahreszeit ganz besonders, doch mit den langen Tagen war ihre Sorge zurückgekehrt, dass ihr Vater sein Vorhaben, sie zu verheiraten, bald in die Tat umsetzen könnte. Denn nachdem dieses Thema in den letzten Monaten kaum mehr erwähnt worden war, hatte er kürzlich beim Abendessen ausführlich von der Hochzeit einer entfernten Verwandten erzählt und Judith dabei bedeutungsvoll angesehen.

»Warum müssen wir Frauen eigentlich unbedingt heiraten?«, seufzte sie und verfolgte im Spiegel des Frisiertisches aufmerksam die Handbewegungen ihrer Zofe, die sich an diesem Sonntagmorgen wie üblich um ihr Haar kümmerte. Das durchs Fenster hereinströmende Sonnenlicht kitzelte sie in der Nase. Mühsam unterdrückte sie einen Niesreiz, um das entstehende Werk auf ihrem Kopf nicht zu gefährden.

»Am Heiraten ist ja eigentlich nichts Schlechtes, gnädiges Fräulein«, antwortete Dora und nahm die erhitzte Brennschere vom Ofen. »Viele von uns Dienstmädchen träumen davon, eines Tages einen eigenen Hausstand gründen zu können.«

»Viele von euch? Du auch, Dora?«, fragte Judith und spielte mit einem Cremetiegel, der vor ihr auf der Ablage stand.

»Ich weiß nicht so recht, wovon ich träumen soll, Fräulein Judith. Das ist nämlich so ein Problem mit den Träumen. Sie gehen meistens nicht in Erfüllung.« Vorsichtig teilte Dora eine Strähne von Judiths hüftlangem Haar ab, klemmte die Spitzen zwischen die runden Brennstäbe und wickelte sie auf. Auf diese Weise hatte sie bereits die Hälfte von Judiths Haar in gleichmäßige Wellen gelegt, eine Prozedur, die aufwendig und glücklicherweise nicht jeden Tag notwendig war. Doch immer dann, wenn Judith ihr Haar am Vorabend mit Seife und einer Essigspülung gewaschen hatte, musste das Brenneisen die verloren gegangene Pracht wiederherstellen. Ganz glatt war Judiths Haar allerdings nie. Ließ man der Natur freien Lauf, formte es sich zu eigenwilligen Locken.

»Aber angenommen, sie würden in Erfüllung gehen. Was würdest du dir wünschen, Dora?«

»Ich würde sehr gerne reisen, gnädiges Fräulein.«

Diese Antwort überraschte Judith. »Gefällt es dir nicht bei uns?«

»Doch, natürlich gefällt es mir hier. Aber mal was ganz anderes zu sehen, das wär schon was.«

Judith dachte einen Augenblick nach und legte dabei ihren Zeigefinger an die Unterlippe, eine Angewohnheit aus ihrer Kindheit. »Also, das verstehe ich gut! Ich würde gerne meine Mutter am Gardasee besuchen. Das, was sie von dort schreibt, hört sich so bezaubernd an. Der riesige See und die Berge dort, das möchte ich unbedingt einmal selbst anschauen.« Judith schloss einen Moment die Augen. »Aber am meisten würde ich mich darüber freuen, Maman wiederzusehen.« Eine leise Traurigkeit hatte sich in ihre Stimme geschlichen.

»Ja, es ist bestimmt wunderschön dort«, meinte Dora tröstend. »Und die gnädige Frau wird sicher bald gut erholt nach Stuttgart zurückkehren.«

»Hoffentlich«, meinte Judith. »Sie ist nun schon so lange fort.«

Dora bedeutete Judith, den Kopf ein wenig zu drehen, und setzte erneut die Brennschere an. »Sie muss sich eben richtig ausruhen. Der Arzt dort wird schon wissen, wann er sie wieder nach Hause fahren lässt.«

Judith wechselte das Thema. »Wie viele Jahre bist du jetzt schon in unserem Haus, Dora?«

»Vier, gnädiges Fräulein.«

»Und davor? Wo warst du da?«

Dora zögerte. »Och, es gab so einige Stellen, aber da musste ich noch lernen«, erklärte sie schließlich vage.

Mit einem Mal wurde Judith bewusst, wie wenig sie von den Dienstboten im Haus wusste, obwohl sie mit den meisten von ihnen unter einem Dach wohnte. »Wie alt warst du denn, als du von zu Hause weggegangen bist?«, fragte sie vorsichtig weiter, obwohl sie spürte, dass Dora das Thema nicht behagte.

»Ich war fünfzehn Jahre alt. Also nicht mehr ganz so jung. Die Babette, die musste schon mit zwölf Jahren in Stellung gehen.«

Dora hatte Judiths Haar fertig onduliert und machte sich daran, eine schlichte Promenadenfrisur aufzustecken. Dazu fasste sie einige Strähnen am Hinterkopf zu einem Zopf zusammen, toupierte die übrig gebliebenen Haare auf und wand sie locker ein, sodass sie Judiths Gesicht in einer weichen Welle umrahmten. Anschließend verflocht sie den Zopf zu einem Knoten und steckte ihn mit Haarnadeln fest.

Zufrieden betrachtete Judith das Ergebnis im Spiegel. »Das hast du wieder wunderbar gemacht, Dora.«

»Danke, gnädiges Fräulein.« Dora lächelte zufrieden. Dann wurde ihr Gesichtsausdruck nachdenklich. »Darf ich fragen, warum Sie nicht für die Ehe sind, Fräulein Rothmann? Ich meine, für eine Frau ist es doch gut, wenn sie einen Mann hat, der für sie sorgt.«

»Ach, wie soll ich dir das erklären. Ich glaube, mich stört daran vor allem, dass wir Frauen nicht gefragt werden. Irgendjemand entscheidet, dass man genau jetzt heiraten muss und am besten auch noch, wen.«

»Aber«, erwiderte Dora, »vielleicht wissen es bei den jungen Frauen Ihres Standes wirklich die Väter besser, wer zur Familie passt und Ihnen das Leben bieten kann, das Sie gewohnt sind.«

»Das mag in dem einen oder anderen Fall schon so sein, Dora. Dennoch möchte ich selbst entscheiden, ob und wann und vor allem wen ich heirate. Schließlich geht es um mich und nicht nur um die Familie und das Geld. Außerdem fürchte ich nichts mehr als einen Ehegatten, der mir vorschreibt, was ich tun darf und was nicht.«

»Das muss ja gar nicht so sein«, meinte Dora. »Der Mann hat seinen Bereich, da ist er derjenige, der das Sagen hat. Aber das Haus, das ist dann Ihre Aufgabe als Frau. Dort können Sie alles so ausrichten, wie Sie es sich wünschen.«

»Aus deiner Sicht, Dora, mag das stimmen. Und für viele Frauen ist das bestimmt auch erstrebenswert. Ich dagegen finde es gar nicht so reizvoll, mich tagaus, tagein um ein Haus und Kinder zu kümmern. Jedenfalls nicht nur. Irgendwie stelle ich mir vor, dass ich …«

In diesem Augenblick klopfte es an ihre Zimmertür.

Judith und Dora sahen sich einen Moment an.

»Ja, bitte?«, rief Judith und Margarete, die Haushälterin, trat ein.

Judith bemerkte sofort ihren besorgten Gesichtsausdruck.

»Entschuldigung, gnädiges Fräulein. Ich muss die Dora mitnehmen. Der gnädige Herr hat uns alle in die Eingangshalle rufen lassen.«

Das bedeutete nichts Gutes. Wenn die Dienstboten an einem ganz normalen Sonntagmorgen noch vor dem Kirchgang in der Eingangshalle anzutreten hatten, dann musste etwas vorgefallen sein.

»Selbstverständlich«, antwortete Judith und nickte Dora zu, die rasch knickste und mit der Haushälterin den Raum verließ.

Judith ließ diese Sache keine Ruhe. Neugierde war eine Untugend, das wusste sie sehr wohl, doch sie besänftigte ihr schlechtes Gewissen rasch mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit, sich um das Wohlbefinden ihrer Zofe kümmern zu müssen, die ihr fast wie eine Freundin war. Und dafür musste sie Bescheid wissen, was im Haus vor sich ging.

Im Morgenrock schlich sie vorsichtig auf den Flur und spähte durch das Treppenauge in die Eingangshalle hinunter. Normalerweise war es von hier oben nicht ganz einfach, zu hören, was unten gesprochen wurde, aber die sonore Stimme ihres Vaters hatte sich markant erhoben und einen derart durchdringenden Klang angenommen, dass seine Worte über zwei Stockwerke bis zu ihr hinaufgetragen wurden.

»Diebstahl ist ein ernstes Vergehen«, referierte er. »Manch einer von Ihnen mag denken, dass es keinen armen Mann trifft. Dass genügend Geld da ist, um den Schaden problemlos zu ersetzen.«

Judith ging vorsichtig ein paar Stufen hinunter, um die Situation genauer überblicken zu können. Ihr Vater hatte sich vor der Dienerschaft aufgebaut, aber sein Blick richtete sich auf Robert, den Laufburschen. Also hatte er bereits einen konkreten Verdacht.

»Doch seien Sie gewiss«, fuhr er fort, Robert weiterhin fixierend. »Eine solch verwerfliche Tat wird im Hause Rothmann nicht geduldet und mit aller Härte bestraft. Weder rechtlich noch moralisch gibt es hier irgendeinen Spielraum!«

Normalerweise bedeutete ein überführter Diebstahl die sofortige Entlassung des Täters ohne Zeugnis, das wusste Judith aus Erfahrung, denn so etwas kam hin und wieder vor. Oftmals erstattete die betroffene Herrschaft sogar Anzeige. Und bei aller Kritik an der rigiden Art ihres Vaters, so hatte sie in diesem Fall volles Verständnis für seine Wut und seine harte Reaktion. Es war ein absolutes Tabu, Dinge zu entwenden, die einem nicht gehörten. Auch wenn die Verlockung manchmal groß sein mochte.

Doch wem war ein Diebstahl wirklich zuzutrauen? Auch ihr fiel nur Robert ein. Dora tat so etwas ganz gewiss nicht. Ihr Chauffeur Theo und die Köchin Gerti arbeiteten schon viele Jahre bei ihnen, sodass Judith sich nicht vorstellen konnte, weshalb sie plötzlich stehlen sollten. Das Dienstmädchen Babette war zwar noch nicht allzu lange da, aber ihre zurückhaltende Art machte es Judith schwer, sie zu verdächtigen.

»Ich war es nicht!«, verteidigte sich nun Robert in einem ähnlich lauten Ton, wie ihr Vater ihn zuvor angeschlagen hatte.

»Ach so?«, entgegnete der Hausherr mit Hohn in der Stimme. »Dann werden wir zunächst Ihre Sachen nach den fehlenden Manschettenknöpfen durchsuchen, Robert. Wer sich als Erster meldet, ist auch als Erster dran.« Er packte den Laufburschen am Kragen.

Judith hatte genug gehört und wollte sich eben wieder in ihr Zimmer zurückziehen, als sie hinter sich ein aufgeregtes Flüstern vernahm. Sie drehte sich um, huschte rasch die Stufen wieder nach oben und scheuchte ihre Zwillingsbrüder von der Treppe weg.

»Das ist nichts für eure Ohren!«, raunte sie energisch. »Macht, dass ihr wieder in euer Zimmer kommt!«

»Aber Judith«, wisperte Karl, der etwas Ältere der beiden. »Wir müssen dir was sagen.«

»Ja, das müssen wir«, echote Anton, der zweite Blondschopf. »Es ist wichtig! Schau!«

Anton hielt Judith seine geschlossene Faust unter die Nase.

»Was hast du da, Anton?«

Anstelle einer Antwort öffnete Anton die Hand.

»Anton!« Judith hatte Mühe, ihre Stimme zu dämpfen. »Was hast du dir dabei gedacht!?«

»Das war ich nicht …«, rechtfertigte sich der Junge und Judith schob die beiden rasch zu sich ins Zimmer, bevor in der Halle jemand bemerkte, dass sie gelauscht hatten.

»So«, sagte sie streng, als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte. »Was ist hier los?«

»Also, der Karl …«, setzte Anton an, wurde aber von seinem Bruder sofort unterbrochen.

»Also, der Anton fand es gut, wenn wir Soldaten spielen«, erklärte Karl wichtigtuerisch. »Und weil Soldaten immer Orden bekommen …«

»… fand Karl es gut, wenn wir uns etwas suchen, das wie ein Orden aussieht«, fiel ihm Anton ins Wort.

Dann waren beide still.

»Nun«, fasste Judith zusammen. »Ihr habt Soldaten gespielt und euch dafür etwas gesucht, das wie ein Orden aussieht. Und wie um Himmels willen seid ihr auf die Manschettenknöpfe unseres Herrn Vaters gekommen?«

»Also, er war in seinem Arbeitszimmer. Und wir haben gedacht, wenn jemand irgendwo einen Orden hat, dann sicher er«, sagte Anton.

»Ja, genau«, ergänzte Karl, während er eine Amsel beobachtete, die vor Judiths Zimmerfenster hin und her flatterte, »aber in sein Arbeitszimmer konnten wir nicht, da war er ja drin, also sind wir in sein Schlafzimmer gegangen. Und weil die Knöpfe so schön gefunkelt haben«, er blickte jetzt zu Judith und deutete auf die Schmuckstücke aus Gold und Perlmutt in Antons Hand, »haben wir gedacht, das wäre auch gut geeignet.«

»Du hast das gedacht«, stellte Anton richtig.

»Sie lassen sich gut durch unsere Knopflöcher stecken und halten auch. Deshalb.« Karl wurde trotzig.

»Wisst ihr, dass da unten gerade jemand unschuldig verdächtigt wird?«, fragte Judith eindringlich.

Beide starrten betreten zu Boden.

»Jetzt machen wir Folgendes: Ich bringe die Manschettenknöpfe ins Schlafzimmer zurück. Ihr behaltet derweil die Eingangshalle im Auge. Falls die Versammlung aufgelöst wird, kommst du, Anton, sofort und gibst mir Bescheid. Ich lege die Dinger so hin, dass Vater sie sehen muss, wenn er sein Jackett für die Kirche holt. Aber eben nicht an ihren gewohnten Platz. Wenn wir Glück haben, denkt er, er hat sie selbst verlegt.«

Beide Buben nickten dankbar und Judith schickte sie auf ihren Posten. Dann setzte sie ihr Vorhaben eilig in die Tat um. Eigentlich, dachte sie dabei, hätten die beiden bestraft gehört. Aber sie wollte diesen Sonntag nicht schon am Morgen verdorben wissen. Deshalb ließ sie Nachsicht walten.

Eine Stunde später stand sie fertig angezogen für den Kirchgang mit Karl und Anton in der Eingangshalle. Als ihr Vater zu ihnen stieß, wanderten die Blicke aller drei sofort zu den weißen Manschetten, die aus den Ärmeln des Jacketts hervorlugten.

Und tatsächlich. Die verschwundenen Manschettenknöpfe prangten an dem für sie vorgesehenen Platz. Das Gesicht des Vaters aber war sichtlich umwölkt und Judith wusste, dass ihm das Ganze äußerst peinlich war.

»Judith!«, sprach er sie schroff an.

»Ja, Herr Vater?«

»Heute Morgen gab es«, er räusperte sich, »einen Vorfall. Ich möchte, dass du nach dem Gottesdienst zu Frau Margarete gehst und ihr mitteilst, dass sich das Problem erledigt hat.«

»Selbstverständlich«, antwortete Judith gehorsam, konnte es sich aber nicht verkneifen zu fragen: »Soll ich sonst noch etwas ausrichten?«

5. KAPITEL

Am Nachmittag desselben Tages nahm im Garten der Rothmann-Villa die Umsetzung eines weiteren ehrgeizigen Bubenplans ihren Lauf.

»Hast du die Zündhölzer?«

»Au, nee, die hab ich vergessen!«

»Mensch, Anton, du bist so ein Idiot.«

»Ich hol sie gleich!«

Anton drehte sich um und schlich durch die Kellertür ins Haus zurück. Kurze Zeit später war er wieder da und präsentierte seinem Zwillingsbruder eine rechteckige Schachtel. »Gib her!« Karl riss ihm die Schachtel aus der Hand und steckte sie in seine Hosentasche.

»Aber ich hab sie geholt!«, protestierte Anton.

Karl blieb unbeeindruckt. »Ich bin der Ältere! Und du lässt sie bestimmt irgendwo fallen und dann finden wir sie nicht mehr!«

»Das stimmt doch gar nicht. Und überhaupt bist du bloß zehn Minuten vor mir auf die Welt gekommen!«, nörgelte Anton.

»Zwölf Minuten!« Karl nahm das Leinenbündel auf, in dem er einige dünne Holzscheite versteckt hatte. »Jetzt komm, Anton! Sonst wird es heute nichts mehr mit dem Lagerfeuer! Hast du die Gewehre?«

»Klar!«

Anton schulterte demonstrativ die beiden Holzgewehre, ein Geschenk des Vaters zu ihrem Geburtstag vor gut einem Monat, das ihre Ausrüstung eindrucksvoll vervollständigte. Bestens ausgerüstet, machten sie sich auf den Weg ins Dorf.

Beide waren für ihr Alter recht groß gewachsen und kräftig. Sie wurden selten krank und wenn doch, dann erholten sie sich rasch. Aus den üblichen Reibereien mit den Nachbarsjungen gingen sie meistens als Sieger hervor. Sorge hingegen bereitete ihrem Vater zum einen der dauerhaft ausbleibende Erfolg in der Schule. Und zum anderen die mangelnde Disziplin in derselben. Dabei gab er sich alle Mühe, Verbesserungen herbeizuführen. Schelte, Ohrfeigen, der Entzug des Abendbrotes oder die Verbannung aufs Zimmer, in schlimmeren Fällen in den Keller – keine Variante der Bestrafung war den Zwillingen fremd. Doch die väterlichen Sanktionen verpufften genauso wirkungslos wie die Züchtigungen und Appelle des Schulmeisters.

In seiner Verzweiflung hatte ihr Vater vor Kurzem zu einer geradezu revolutionären neuen Methode gegriffen und ihnen ein Buch des Schriftstellers Karl May besorgt. Er hegte die Hoffnung, dass die Faszination dieser Geschichte dazu führte, dass die beiden wenigstens mehr lesen würden. Was er allerdings nicht ahnte: Winnetou, der »rote Gentleman«, bewog die beiden nicht nur dazu, ihre Lesekompetenz zu schulen, sondern erwies sich als unerschöpfliche Fundgrube für Abenteuerideen aller Art.

Heute hatte Karl beschlossen, die auf dem Buchdeckel illustrierte Szene nachzustellen und dabei ein Feuer zu entfachen, welches der Zeichnung mindestens entsprach, wenn nicht noch etwas höher loderte. Anton, der eher vorsichtig war, sich von seinem Bruder aber meistens mitreißen ließ, hatte für Proviant gesorgt, und so freuten sie sich schon auf dem Weg auf kross gebackene Brotscheiben, die sie dick mit Butter bestreichen würden. Beides war auf nicht ganz ehrliche Art in ihren Rucksack gewandert, doch das kümmerte keinen der beiden. Wozu hatte die Familie eine Köchin?

Es war ein warmer Sonntagnachmittag. Sie streiften die Bahnhofstraße entlang und erreichten den Umsteigebahnhof der Zahnradbahn, einen breit gezogenen Bau, der gemeinhin recht respektlos als Hundehütte bezeichnet wurde.

»Wir haben nichts zu trinken dabei«, stellte Anton fest, als sie die Gleise der Zahnradbahn erreichten. »Und ich hab Durst.«

»Selber schuld. War ja klar, dass du was vergisst«, erwiderte Karl und ließ das Bündel mit dem Holz auf den Boden gleiten. Anton legte die Gewehre und den Rucksack ab, den er getragen hatte. Sie sahen sich um.

»Ich glaub, wir gehen besser ein Stück hinter die Hundehütte«, schlug Karl nach einer Weile vor. »Sind doch ein paar Leute unterwegs.«

»Willst du das Feuer hier machen? Wir sollten lieber ans Steigeloch gehen«, sagte Anton. »Nicht, dass die noch die Feuerwehr rufen und unser Feuer gleich wieder gelöscht wird.«

»Ach, da ist es langweilig. Außerdem sind da immer die Böpple-Buben und auf die hab ich heute keine Lust.«

Auf die rauflustigen Böpple-Buben hatte auch Anton keine Lust und so gab er seinen Widerstand schnell wieder auf.

»Gleich kommt der Wagen von Stuttgart rauf«, meinte Karl. »Beeil dich ein bissle!«

Sie sammelten ihre Sachen wieder ein und stapften um die Empfangshalle herum, bis sie sich außer Sichtweite von Fahrgästen und anderen Passanten wähnten. Etwas abseits, beim Abort, machten sie sich ans Werk.

Victor war am Talbahnhof an der Filderstraße in die Zacke eingestiegen und freute sich auf die Fahrt aus dem rauchgeschwängerten Stuttgarter Talkessel hinauf nach Degerloch. Der Luftkurort war in aller Munde und so hatte er beschlossen, seinen Sonntag dort oben zu verbringen und sich selbst ein Bild von der heimeligen Weite der Filderebene zu verschaffen.

Er lehnte sich zurück und ließ die Landschaft an sich vorbeiziehen, während eine Dampflok schnaubend die beiden Sommerwagen in die Höhe schob. Die Bäume entlang der steilen Trasse leuchteten in sattem Sommergrün. Die Luft im Inneren des Wagens hingegen war trotz der fehlenden Fensterscheiben stickig und die Ausdünstungen der zahlreichen Fahrgäste machten es nicht besser. Victor hätte die Fahrt lieber auf einer der offenen Plattformen verbracht, doch dort war kein Plätzchen mehr zu ergattern gewesen. Zu viele Stuttgarter wollten den Sonntagnachmittag dazu nutzen, dem Gewächshausklima der Stadt zu entkommen und im Degerlocher Wald ein wenig Höhenluft zu schnuppern. Diese wurde als geradezu »balsamisch« gepriesen, geeignet, allerlei Leiden zu lindern oder gar zu heilen. Er würde sich überraschen lassen.

Einige einheitlich gekleidete junge Burschen, offensichtlich Mitglieder eines Vereins, stimmten ein sommerliches Lied an. Vermutlich nicht das letzte heute, dachte Victor. Er hatte gehört, dass es in Degerloch unzählige Gaststuben geben solle, die zur Einkehr luden und von Ausflüglern gerne und gründlich frequentiert wurden. Glaubte man dem allgemeinen Geschwätz, so würden die letzten Zecher erst spät am Abend in reichlich angeheiterter Stimmung ihren Weg zurück nach Stuttgart finden.

Er lockerte seinen Kragen. Sie passierten die Brücke über den Wassergraben am Pfaffenweg und bogen auf die Alte Weinsteige ein, und mit jedem Meter wuchs seine Begeisterung über die Ausblicke, die sich immer wieder boten. Gut vier Monate war er nun in der Stadt und begann allmählich, sich auf eine befremdliche Art heimisch zu fühlen. Maßgeblich dazu beigetragen hatte das zunehmend bessere Verständnis der schwäbischen Mundart. War ihm der Dialekt zu Beginn nicht nur unverständlich gewesen, sondern geradezu primitiv erschienen, hatte er inzwischen festgestellt, dass die nasalen Vokale, gepaart mit einer zuweilen gestelzten Ausdrucksweise, perfekt zur Mentalität der Menschen hier passte. Diszipliniert, zurückhaltend und mit einem Hang zur religiösen Strenge. Doch geradeso, als ob damit die fehlende Weltläufigkeit wettgemacht werden könnte, vibrierte unterschwellig ein Erfindergeist, der fast im Widerspruch zu den oft verschlossen wirkenden Gesichtern auf den Straßen stand. Zweifellos war Stuttgart dabei, den wirtschaftlichen Rückstand zu anderen Metropolen im Reich aufzuholen. Dieser war vor allem der verkehrsungünstigen Lage geschuldet, die eine durchgehende Anbindung an Straßennetz und Eisenbahn verzögert hatte. Auch ein schiffbarer Fluss fehlte, man nutzte den einige Kilometer entfernt liegenden Neckar, was wiederum einen zusätzlichen Aufwand für An- und Abtransport von und nach Cannstatt bedeutete. Aber wenn sie weiterhin so stur und strebsam auftraten, würden die Schwaben irgendwann die industrielle Produktion dominieren und sich kaum mehr aus ihrer Vorreiterrolle drängen lassen, dessen war sich Victor sicher.

Er nahm seinen Hut ab und fuhr sich mit der Hand durchs kurz geschnittene dunkle Haar. Wäre ihm zu Jahresbeginn prophezeit worden, dass er sich im Sommer in der württembergischen Residenzstadt wiederfände, hätte er gelacht. Aber nun, da es so war, gefiel es ihm von Tag zu Tag besser.

Kurz vor der Restauration zur Wielandshöhe bot sich ein besonders schönes Panorama auf Stuttgart und seine zahlreichen Türme. Die Lok pfiff geradezu vergnügt und Victor empfand großen Respekt vor der Leistung, welche Konstrukteure und Bauunternehmen hier vollbracht hatten. Immerhin mussten auf dem Weg vom Talbahnhof bis hinauf auf die Filder fast zweihundert Meter Höhenunterschied überwunden werden, und die steile Trasse entlang satter Obstgärten und rebenbestandener Hänge war anspruchsvoll, mit Steigungen von schätzungsweise bis zu fünfzehn Prozent. Die Elektrifizierung war augenscheinlich vorbereitet worden, doch die Umstellung auf den modernen Antrieb noch nicht erfolgt.

Schließlich, der Berg war fast erklommen, ratterten sie über eine Eisengitterbrücke, und Victor fielen einige prächtige Villen ins Auge, zwischen denen ein schlanker, filigran gebauter Aussichtsturm aus Backstein in den Himmel strebte. Zahlreiche Fahrgäste verließen die Wagen an der nächsten Haltestelle. Victor blieb sitzen, ebenso wie die Vereinsmitglieder, welche ihre musikalische Darbietung in Scherz und Gelächter ausklingen ließen. Kurz darauf verkündete der Schaffner in routiniertem Ton das Erreichen der Endstation. Victor erhob sich und stieg hinter den Burschen aus, die sich wie vermutet geradewegs in den nächstgelegenen Gasthof begaben.

Interessiert sah er sich um. Doch das Erste, was er wahrnahm, war keineswegs die erwartete frische und klare Luft, sondern ein strenger Rauchgeruch. Außer ihm schien das niemand zu bemerken, doch Victors Sinne waren seit den Festungstagen geschärft, und so blieb er stehen, um die Ursache festzustellen. Während sich die Menschen rasch verstreuten, verließ er langsam den Umsteigebahnhof und musterte aufmerksam die Gegend. Zunächst fiel ihm nichts Ungewöhnliches auf. Er umrundete den niedrigen Fachwerkbau mit dem flachen Satteldach, grüßte beiläufig die vorbeiflanierenden Menschen in ihrem Sonntagsstaat und behielt dabei die Umgebung im Auge.

Eine helle Bubenstimme erregte seine Aufmerksamkeit.

»Oh je, Karl! Mach schnell was!«

Ein zweites Kind antwortete, unüberhörbar verärgert. »Mensch, Anton, du kriegst aber auch gar nichts hin!«

»Mach es aus! Los, das brennt sonst alles!«

»Blödsinn, so schnell brennt der Schuppen auch wieder nicht ab. Jetzt hilf mir mal!«

Victor beschleunigte seinen Schritt.

»Doch, Karl! Der brennt! Und wie der brennt, der ist ja aus Holz!«

Die Panik in diesen Worten war deutlich zu hören, und als Victor die Wagenhalle umrundet hatte und die Rückseite des Gebäudes erreichte, sah er dort zwei junge Burschen stehen, die sich redlich bemühten, ein außer Kontrolle geratenes Lagerfeuer zu löschen. Während der eine mit einem Rucksack auf die Flammen eindrosch, versuchte der andere, sie unter einem Tuch zu ersticken. Allen Anstrengungen zum Trotz leckte das Feuer weiter an seiner hölzernen Nahrung.

»Weg da, alle beide!«, rief Victor den Buben zu, die verdutzt zu ihm hersahen.

Er riss einem der Jungen das Tuch aus der Hand und schlug kräftig auf die Flammen ein. Einige kleinere Brandnester am Boden trat er mit den Schuhen aus. Dann packte er den Rucksack und warf ihn auf die provisorische Feuerstelle, um auch diese zu löschen.

»Was habt ihr euch denn dabei gedacht?«, fragte Victor unwirsch, als die Gefahr gebannt war.

Die beiden standen betreten nebeneinander und Victor musste trotz seines Ärgers schmunzeln. Ein unternehmungslustiges Zwillingspärchen. Als er sie eingehender musterte, erkannte Victor sofort die unterschiedlichen Charaktere hinter dem einheitlichen Äußeren. Der eine sah ihn mit vorgeschobener Unterlippe herausfordernd an, aus dem Gesicht des anderen sprach Erleichterung und Dankbarkeit.

»Wir haben ein Feuer gemacht.« Widerwillig begann der Forschere mit einer Erklärung.

»Das habe ich bemerkt«, meinte Victor etwas freundlicher. »Hieltet ihr das für ratsam? Holz brennt nun einmal wie Zunder!«

»Ja, Herr, ähm, nein, natürlich nicht, das ist …«, stammelte sein Bruder.

»Halt die Klappe, Anton«, fuhr ihm der Frechere über den Mund. »In der Prärie ist überall trockenes Gras und die Indianer machen trotzdem Feuer!«

Victor begann, sich trotz der ernsten Lage zu amüsieren. »Aha. Ihr habt Indianer gespielt. Und hier ist die Stuttgarter Prärie.«

»Genau!« Dieser Bengel war um keine Antwort verlegen.

»Was, glaubt ihr, hätte der Sheriff dieses Ortes mit euch gemacht, wenn seine Wagenhalle abgebrannt wäre?« Victor versuchte es mit Einsicht, und der Ruhigere, Anton, zeigte sich gesprächsbereit.

»Er hätte uns eingesperrt wie Banditen«, murmelte er.

»Und er hätte alles unserem Vater gepetzt«, knurrte der andere.

»Und was wäre schlimmer gewesen?«, fragte Victor.

»Der Vater!«, riefen beide wie aus der Pistole geschossen.

»Aber es ist ja nichts abgebrannt«, insistierte der Trotzige sofort.

Victor verzichtete auf eine Antwort. »Wie heißt ihr denn?«

Karl knuffte Anton in die Seite, um ihn am Reden zu hindern, aber dieser sagte im selben Moment: »Karl und Anton Rothmann.«

»Rothmann? Gehört eurem Vater etwa die Schokoladenfabrik Rothmann?«

»Ja, genau.«

Das klang interessant. Rothmann-Schokolade war Victor ein Begriff gewesen, schon bevor er nach Stuttgart gekommen war.

»Wohnt ihr hier in der Nähe?«

»Ja, es sind nur …«, sagte Anton.

»Nicht direkt«, fuhr Karl dazwischen.

»Was heißt das, nicht direkt?«

»Na ja, ein Stückle muss man schon laufen.«

»Ich denke, ihr packt eure Sachen und wir gehen gemeinsam zu euch nach Hause. Vielleicht kann ich ja ein gutes Wort bei eurem Vater einlegen. Ich habe als Bub auch so manchen Unsinn angestellt«, meinte Victor.

Die beiden Jungen starrten ihn verblüfft an und sagten ausnahmsweise nichts mehr.

Victor besah sich noch einmal die Wand des Schuppens. Viel war nicht passiert. Aber man musste den Schaden melden, daran bestand kein Zweifel. Für Rothmann dürfte die Übernahme der Kosten kein nennenswertes Problem darstellen, der Fabrikant galt als vermögend. Den Buben hingegen würde wohl eine saftige Strafe ins Haus stehen.

Kleinlaut sammelten die beiden ihre Sachen ein und folgten ihm.

Als sie gemeinsam den Bereich der Zahnradbahnstation verließen und auf die Straße traten, hörte Victor plötzlich Rufe und ein heftiges Rasseln. Gewarnt sah er sich um, während der Lärm weiter anschwoll – aufgeregte Schreie mischten sich in lautes Ächzen, Klappern und Rattern.

Nur Sekundenbruchteile später raste mit hoher Geschwindigkeit eine Kutsche auf sie zu. Der Kutscher hielt sich nur mit Mühe auf dem Bock, während er mit aller Kraft an den Zügeln zerrte und versuchte, die beiden durchgehenden Pferde zum Stehen zu bringen. Instinktiv breitete Victor die Arme vor den Zwillingen aus, um sie zu schützen. Doch während Anton zur Seite wich, stolperte Karl auf die Straße. Ohne nachzudenken stürzte Victor hinterher und bekam ihn genau in dem Moment zu fassen, als die Kutsche an ihnen vorbeischlingerte. Er zog Karl zurück, konnte aber nicht verhindern, dass eines der panischen Pferde das Kind mit dem Huf am Bein traf.

Das knackende Geräusch und Karls gellender Schrei ließen Victor zusammenzucken. Sekundenbruchteile später sackte der Junge in seinen Armen zusammen. Mit einem Ruck zog er ihn aus der Gefahrenzone, während die Kutsche einige Meter weiter allmählich zum Stehen kam.

Für einen Moment herrschte Totenstille.

Anton stand verstört am Straßenrand und hatte die Hände vor den Mund geschlagen. Um sie herum hatten sich einige Sonntagsausflügler versammelt, denen eine Mischung aus Schreck und Schaulust ins Gesicht geschrieben stand. Der Kutscher bemühte sich, die nass geschwitzten, schnaubenden Pferde zu beruhigen und blickte besorgt zu ihnen herüber.

Victor sah auf den Jungen in seinen Armen. Er war kreideweiß und rührte sich nicht, sein Unterschenkel stand in einem unnatürlichen Winkel ab, in der offenen Wunde erkannte man den gebrochenen Knochen.

Langsam löste sich die allgemeine Schockstarre. Irgendjemand rief nach einem Arzt, ein anderer nach einem Karren, woraufhin einer der Anwohner einen Leiterwagen brachte. Vorsichtig legte Victor den verletzten Karl hinein, der langsam zu sich kam und vor Schmerz zu schreien begann. Victor sprach beruhigend auf ihn ein, zog seine Jacke aus und legte sie unter das verwundete Bein.

Die Gruppe der Zuschauer wich zurück, als Victor die Deichsel aufnahm.

»Warten Sie doch, bis der Doktor kommt«, rügte einer der Umstehenden.

Victor ging nicht darauf ein. »Du musst mir zeigen, wo ihr wohnt«, raunte er stattdessen Anton zu.