Die Schönheit des Evangeliums - Bradley Jersak - E-Book

Die Schönheit des Evangeliums E-Book

Bradley Jersak

0,0

Beschreibung

Vergibt Gott nur, wenn Blut fließt? Straft Gott mit Naturkatastrophen? Und wie steht er eigentlich zum Thema Krieg? - Ein herausforderndes Werk über das Wesen Gottes, das mit verbreiteten falschen Vorstellungen aufräumt. Unerschrocken und nah am Leser werden dessen (vielleicht uneingestandene) Fragen auch für theologische Laien verständlich beantwortet.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 504

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



© Copyright 2015 by Plain Truth Ministries, Pasadena, CA, USA, www.ptm.org.

All rights reserved.

© Copyright der deutschen Ausgabe 2018 by Fontis Media GmbH, Asaph-Verlag

1. Auflage 2018

Titel der amerikanischen Originalausgabe: A More Christlike God

Aus dem Englischen übersetzt von Dorothea Appel

Bibelzitate wurden im Allgemeinen der Übersetzung Hoffnung für alle © 1983, 1996, 2002, 2015 Biblica, Inc.®, hrsg. von Fontis – Brunnen Basel entnommen, ggf. der in Fußnoten dargestellten wörtlichen Übersetzung, ansonsten den folgendermaßen gekennzeichneten Übersetzungen: E: Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift © 1980 Katholische Bibelanstalt, Stuttgart

M: Menge Bibel, Public Domain

L: Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung, revidiert 2017, © 2016 Deutsche

Bibelgesellschaft, Stuttgart

S: Bibeltext der Schlachter Übersetzung Copyright © Genfer Bibelgesellschaft, CH-1204 Genf

Hervorhebungen durch Kursivstellung in Zitaten sind sämtlich vom Verfasser.

Umschlaggestaltung: Pink Sky Design (www.pinkskydesign.com)

Satz: Fontis Media, Jens Wirth

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH

ISBN 978-3-95459-026-1

Bestellnummer 148026

Für kostenlose Informationen über unser umfangreiches Lieferprogramm an christlicher Literatur, Musik und vielem mehr wenden Sie sich bitte an:

Fontis Media GmbH, Postfach 2889, D-58478 Lüdenscheid

[email protected] – www.fontis-shop.de

Für Vladika Lazar Puhalo

weil er mir Christus gezeigt hat, „den guten und barmherzigen Gott, den Menschenfreund“.

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Vorwort von Brian Zahnd

Einleitung: Die Absicht dieses Buches

Teil I – Was ist Gott? Konkurrierende Bilder von Wille und Liebe

1. Wie ist Gott wirklich?

2. Gottesbilder, die Christus nicht entsprechen

3. Freiheit oder Liebe? Konkurrierende Werte in der westlichen Kultur

4. Gott des Willens oder Gott der Liebe? Der willkürliche Gott der biblischen Religion

5. Das fleischgewordene Wort: Der Gott, der sich in Christus zeigt

Teil II – Der „Kreuz“-Gott

6. Von Löwen, Lämmern und Eseln: Kenosis – „Kreuz“-Stärke

7. Das Kreuz als göttliche Zustimmung

8. Das Kreuz als göttliche Teilhabe

9. Gott ist gut und Shit Happens: Eine Anti-Theodizee des Kreuzes

Teil III – „Zorn Gottes“ umdeuten

10. Liebe und Zorn als Zustimmung

11. Göttlicher Zorn als „Überlassen“

12. Den „Zorn“ des Kreuzes umdeuten, Teil 1: Metaphern in den Evangelien

13. Den „Zorn“ des Kreuzes umdeuten, Teil 2: Metaphern bei Paulus

14. Eine Botschaft, die Christus mehr entspricht: Das schöne Evangelium

15. Epilog – Ein Weg, der Christus mehr entspricht: Zur Vertiefung

Anhang – Weitere Stimmen, die Christus mehr entsprechen: Ausgewählte Kostbarkeiten über die Kenosis

Anmerkungen

Glossar

Danksagungen

Über den Autor

Stimmen zum Buch

Anmerkung der Übersetzerin:

In diesem Buch verwendet Brad Jersak einige Ausdrücke, die nicht so ins Deutsche übersetzt werden können, dass sie sowohl dem Sinn nach korrekt als auch sprachlich in Ordnung sind. Damit der Leser weiß, was er unter diesen ungewöhnlichen, etwas sperrigen Ausdrücken jeweils zu verstehen hat, folgende zusätzliche Erklärungen (natürlich erschließt sich der Sinn aus dem Text des Buchs):

consent: „Zustimmung, Einwilligung, Ja, Einverständnis, Bewilligung …“ Ich habe mich auf „Zustimmung“ bzw. manchmal „Ja“ beschränkt.

cruciform: eigentlich „kreuzförmig“, „in Form des Kreuzes“; für den übertragenen Sinn kann man unterstellen: „vom Kreuz ge(kenn) zeichnet“, „nach Art des Kreuzes“. „Cruciform God“ übersetze ich mit „Kreuz“-Gott.

wrath: „Zorn“; es geht hier meist um den „Zorn Gottes“ (God’s wrath), aber auch um Katastrophen/Leid, Elend, also das, was die Menschen oft für eine Auswirkung von Gottes Zorn halten. In diesen Fällen passt die Übersetzung „Zorn“ nicht mehr gut; ich habe das Wort dann in Anführungszeichen gesetzt.

VorwortBrian Zahnd

Wie ist Gott? Welch eine kolossale Frage! Für den, der Gott ganz am Grund von Existenz, Bedeutung und Selbstverständnis sucht, ist es eine überaus wichtige Frage. Wie also sollen wir antworten? Möglichkeiten gibt es ohne Ende. Die menschliche Frage nach dem Göttlichen brachte ein riesiges Pantheon von Göttern hervor, von Ares bis Zeus. Der Christ sucht eine Definition von Gott natürlich instinktiv in der Bibel. Ich verstehe diesen Instinkt und er ist in einem bestimmten Sinn auch richtig; aber er bringt nicht unbedingt eine ganz so eindeutige Antwort, wie man meinen möchte. Selbst wenn wir von „dem Gott der Bibel“ sprechen, flicken wir vielleicht nur alle möglichen Anschauungen von Gott zusammen, die wir aus den unterschiedlichen Bildern auswählen. Dass das meistens unbewusst geschieht, ist nicht gerade hilfreich.

Selbst wenn wir uns mit unserer Frage nach dem Wesen Gottes nur an die Bibel wenden, werden wir wahrscheinlich genau den Gott finden, den wir finden wollen. Wollen wir einen Gott des Friedens – er ist da. Wollen wir einen Gott des Krieges – er ist da. Wollen wir einen barmherzigen und mitleidenden Gott – er ist da. Wollen wir einen Rachegott – er ist da. Wollen wir einen Gleichheit verfechtenden Gott – er ist da. Wollen wir einen ethnozentrischen Gott – er ist da. Wollen wir einen Gott, der nach Blutopfer verlangt – er ist da. Wollen wir einen Gott, der Blutopfer abschafft – er ist da. Manchmal ist die Bibel wie ein Rorschachtest: Sie offenbart mehr über den Leser als über den ewigen ICH BIN.

Was sollen wir machen? Wie sollen wir Gott finden, so wie er ist? Als Christ, Pastor und Prediger möchte ich gerne empfehlen, dass wir dafür auf Jesus sehen. Oder sagen wir so: Was, wenn Gott wie Jesus ist? Was, wenn die Persönlichkeit Gottes mit der Persönlichkeit des Mannes übereinstimmt, den man Jesus von Nazareth nennt und der in den Evangelien dargestellt ist? Jesus stellte die gewagte Behauptung auf: „Wer mich sieht, sieht den Vater.“ Was, wenn das stimmte? Wäre das nicht toll? Aber das ist ja die gute Nachricht: Gott ist wie Jesus! Das ist Christentum, nicht zu verwechseln mit „Biblizismus“. Als Christen beten wir Christus an, nicht die Bibel. Die Bibel ist das inspirierte Zeugnis von dem wahren Wort Gottes, welches Jesus ist. Was die Bibel auf jeden Fall tut: Sie nimmt uns mit auf eine Reise, die in Christus ihren Höhepunkt findet – aber es ist Christus, der Gott ganz offenbart. Wir können es auch so sagen: Die Heilige Schrift bezeugt letztlich Christus und Christus bezeugt vollkommen Gott. Wo wir auf der Suche nach dem Wesen Gottes die Bibel durchforsten, weist uns die Bibel stets entschieden auf Jesus hin. Die Offenbarung Gottes ließ sich nicht in ein Buch packen, aber in einem menschlichen Leben konnte sie enthalten sein – in dem Leben Jesu Christi.

Gott ist wie Jesus. Jesus ist die Botschaft von Gott. Jesus ist, was Gott zu sagen hat. Jesus ist der vollständige und treue Zeuge dessen, wie Gott zu verstehen ist. Jesus ist nicht gekommen, um uns von Gott zu erretten (wie manche unselige Theorien uns glauben machen wollen) – Jesus kam, um uns Gott als den Retter zu offenbaren. Jesus kam nicht, damit Gott uns lieben könnte – Jesus kam, um Gott als die Liebe zu offenbaren. Jesus kam nicht, um Gott mit der Welt zu versöhnen – Jesus kam, um die Welt mit Gott zu versöhnen. Wenn Jesu Leben die Definition Gottes ist, ist das Kreuz der bestimmende Moment seines Lebens. Wie John Cihak sagt: „Unter dem Schleier der Entstellung durch die hässliche Kreuzigung und den Tod ist die Christusgestalt am Kreuz die klarste Offenbarung dessen, wer Gott ist.“ Als Evangelist kann ich nichts Besseres tun, als auf Jesus am Kreuz zu zeigen und zu sagen: „Da! So ist Gott.“ Gott ist nicht wie Kaiphas – er braucht keinen Sündenbock, der die Schuld trägt. Gott ist nicht wie Pilatus – er verlangt keine Hinrichtung, um der Gerechtigkeit Genüge zu tun. Gott ist wie Jesus: Er trägt die Sünden der Welt, vergibt sie und nimmt sie hinweg.

Die Rückkehr zu der Erkenntnis, dass Gott in Christus offenbart ist, könnte zu keinem besseren Zeitpunkt erfolgen. Die westliche Christenheit steckt in einer Krise. Allein auf der Grundlage von Tradition kann ihre Glaubwürdigkeit nicht aufrechterhalten und an nachfolgende Generationen weitergegeben werden. Es werden kritische Fragen gestellt, und die christliche Religion muss sich ihre Anhänger aufgrund eigener Verdienste suchen. Zum Glück ist sie dieser Aufgabe gewachsen. Aber nicht einfach irgendwie; dieser Aufgabe ist nur das Christentum gewachsen, das sich auf das Bekenntnis zu Christus als dem Bild des unsichtbaren Gottes gründet.

Ich bin mit denen ganz einer Meinung, die eine christliche Religion nach der Vorstellung „Sünder in der Hand eines zornigen Gottes“ abstoßend finden und nichts damit zu tun haben wollen. Auch ich habe die Theologien einer zornigen, vergeltenden Gottheit ins dunkle Meer des Heidentums zurückgeworfen. Die gute Nachricht ist: Vergraben unter Jahrhunderten von fehlgedeuteter Christlichkeit gibt es ein wunderschönes Evangelium, das nur darauf wartet, entdeckt zu werden.

Brad Jersak kennt diese gute Nachricht. Mit Die Schönheit des Evangeliums leitet er uns weise und geduldig zu diesem Evangelium hin und schreckt dabei vor schwierigen Fragen nie zurück. Mit dem scharfen Verstand eines Theologen und dem mitfühlenden Herzen eines Pastors spricht Brad mit Suchenden, die an einen Gott glauben möchten, der Christus entspricht, ohne auf billige Klischees oder Wunschdenken zurückzugreifen. Es ist kein „Pop-Christentum“, das Brad Jersak verbreitet. Er leistet die schwere Arbeit echter Theologie. Er steigt in die Minen der Kirchenväter hinab und fördert Gold zutage. Er tauscht sich mit den besten Theologen unserer Zeit aus und macht ihre Werke zugänglich. Er hat mit seiner eigenen dunklen Nacht der Seele gerungen und kommt nun mit der Lampe in der Hand zu uns. Ich bin froh, in Brad Jersak einen Anleiter zu haben. Er kennt den Weg über die hässlichen Parodien des Christentums hinaus in das wunderschöne Evangelium von dem Gott, der Christus entspricht. Machen wir uns auf den Weg!

Brian Zahnd

Pastor der Gemeinde Word of Life, St. Joseph, Missouri

Autor von „Beauty Will Save the World“ und „A Farewell To Mars“

EinleitungDie Absicht dieses Buches

„Wer mich gesehen hat, der hat auch den Vater gesehen.“

Jesus (Johannes 14,9)

Die Absicht dieses Buches ist es, in einfachen Begriffen ein Gottesbild vorzustellen, das sich mehr an Christus orientiert.

Dazu werde ich einige der Herzensschrei-, Glauben-und-zweifeln-Fragen stellen, die ich als Pastor von normalen Menschen auf Kirchenbänken und in Cafés gehört habe. Und ich werde auch frische (jedoch uralte) Einsichten über Gott und das Leben, und wie beides in Christus zusammenkommt, weitergeben, welche zu unserem Erstaunen von Top-Theologen formuliert wurden. Leider sind ihre hilfreichen Vorstellungen oft in dicken Sachbüchern vergraben, werden von komplizierter Sprache erstickt oder von nervösen Pastoren verschwiegen. Entgegen ihrem Ruf sind nicht alle theologischen Seminare Elfenbeintürme, in denen Gelehrte darüber disputieren, wie viele Engel auf einem Stecknadelkopf tanzen können. In Wahrheit handelt es sich bei Gottes Denkern um echte Menschen, die mit Gott ringen und denen es so wichtig ist, auf unsere Herzensfragen Antworten zu finden, dass sie die Vorarbeit dafür leisten. An den Schätzen, die sie zutage fördern, sollst du teilhaben!

In den folgenden Kapiteln werde ich einige der Goldstücke hervorholen, die Profis und Propheten aus den tiefen Minen betender und bedächtiger Meditation ausgegraben haben. Ich hoffe, das vorliegende Buch dient als bescheidenes Display, an dem diese Reichtümer dem durchschnittlichen, es ernst meinenden Wahrheitssucher (Christ oder nicht) leicht zugänglich sind. Aus dem Grund werde ich so schreiben, wie man sich bei einer Tasse Kaffee unterhält, ohne massenhaft unterstützende Fußnoten, sorgfältig ausgearbeitete Argumente und mysteriöse Ausdrücke. Wenn ich einen Fachbegriff verwende, will ich versuchen, ihn einfach und sorgfältig im Text, in den abgesetzten Erklärungen und hinten im Glossar zu erklären. Peinlich, aber wahr: Ein Autor kann sich hinter großen Wörtern verstecken, während der Leser noch damit zu tun hat, sich durch das Rohmaterial seiner ersten Eindrücke und seiner der Endlichkeit unterworfenen Wahrnehmung hindurchzuarbeiten. Ich hoffe, du wirst mir leicht folgen können.

Natürlich lassen die Antworten, die ich vorschlage, möglicherweise viele Fragen unbeantwortet – „Und dies? Und jenes?“ Ich will dir nichts vormachen: Es wird keine hübsch in Geschenkpapier eingeschlagenen Päckchen mit Schleifenband geben. Lieber möchte ich zum Denken anregen und provozieren, als mich als der aktuelle Experte mit Indoktrinierungsabsicht darzustellen. Ich spreche als ein Zeuge für das, was ich gesehen und gehört habe – nicht als Richter mit abschließendem Urteil oder als Anwalt, der seinen Fall gewinnen will, und auch nicht als ein Angeklagter vor Gericht. Der Leser, der tiefer vordringen will, der die Wahrheit dieser Anregungen prüfen und abwägen will, findet woanders gründlichere akademische Studien über die hier angesprochenen Punkte. All die Problemstellungen, die wir uns ansehen wollen, werden von soliden, christuszentrierten Theologen behandelt. Gelegentlich werde ich den Leser auf ihre Werke verweisen. Aber denjenigen, die keine Zeit haben, dicke Meisterwerke zu wälzen, sagt diese zusammenfassende Momentaufnahme: „Wir hören deine Fragen. Nein, du bist nicht verrückt. Deine Fragen machen dich nicht zum Ketzer. Wir arbeiten daran.“ Den aktuellen Stand dieser Arbeit möchte ich hier darstellen.

Ich gebe zu, dass es beim Schreiben über unsere immens ermutigenden Entdeckungen einen echten Wermutstropfen gab. Wenn wir die allerbeste Nachricht hören, auf die wir alle immer gehofft hatten – wenn unsere kühnsten Hoffnungen in Bezug auf Gott sich bestätigen –, dann geschieht etwas Merkwürdiges. Statt Erleichterung und Befreiung von alten Annahmen zu bewirken, die uns Angst vor Gott machten, entsteht eine Mauer des Widerstands aus bestimmten Ecken des amerikanischen Christentums.* Warum? Die Möglichkeit, dass Gott so gut ist – so freundlich und liebevoll und gnädig wie Jesus –, löst vielleicht Panik aus, denn mit diesem Gott sind wir nicht vertraut. Bedingt durch ihre eigenen Ängste oder den unnachgiebigen Widerstand von ihresgleichen oder ihren Leitern ziehen sich möglicherweise genau die Menschen, die Hoffnung suchen, auf den unterdrückenden „Gott“ zurück, den sie seit vielen Jahren kennen. Vielleicht stellen sie sich vor, ihre alte Gewissheit gäbe ihnen ein bestimmtes Maß an Kontrolle. Wenn man etwas „weiß“, dann sind Fragen schlecht. Wer lehrmäßige Gewissheiten infrage stellt, gilt als gefährlich. Die Wachhunde, die sich fälschlicherweise für Wächter halten, fangen an zu bellen und zu bloggen.

Christentum

bezeichnet die Gesamtsumme der christlichen Kultur, besonders dort, wo die christliche Religion oder die Kirche als Institution quasi ein eigenes Reich bilden. In der Geschichte umfasste „das Christentum“ tatsächlich geopolitische Reiche; der Begriff kann aber auch für jegliche kulturelle Dominanz stehen, die Christen genießen oder ausüben, wenn sie als eine Mehrheit oder einflussreiche Minderheit Macht haben.

Das verstehe ich schon. Wer will schließlich verführt werden? Ich nicht! Aber Angst vor Verführung ist nicht das Gleiche wie Weisheit oder Einsicht. Tatsächlich öffnet Angst der Verführung nur noch die Tür. Die Frucht dieser Angst ist widerlich. Vorwürfe von Ketzerei und Liberalismus schwirren durch die Luft. Ein bekannter, einflussreicher Christ, der von vielen für seine langjährige Treue respektiert wird, rief mich kürzlich an und sagte, dass sogar er überrascht sei. „Brad“, fragte er, „warum sind diese Menschen so gemein?“ Ja, wirklich.

Aber offen gesagt, ist es uns zu wichtig, Gott nachzufolgen, als dass wir die Diskussion einfach aufgeben würden. Gott hat uns in einen weiten Raum gestellt und wir können nicht zurück. Gott wird auch nicht zurückgehen. Er wird sich den Begrenzungen unserer Lehr-Zwinger nicht unterwerfen. Der Neo-Sanhedrin mag die Zähne fletschen wie in den Tagen Jesu. Wieder wird dem Geist Jesu böse gelästert, aber jetzt ist die Zeit gekommen, in der er die Dinge klarstellt. Der echte Gott, der eine, wahre Gott, möchte dich wissen lassen, wie er wirklich ist. Was auch immer dir von dem vorliegenden Buch in Erinnerung bleibt, ich hoffe, dass dies Eine immer in deinem Herzen nachklingt:

Gott ist gut. Gott ist Liebe. Das Leben ist, wie es ist, aber die Erlösung kommt. „Denn die Finsternis schwindet und das wahre Licht strahlt schon auf“ (1. Joh. 2,8).

Teil I

Was ist Gott?

Konkurrierende Bilder von Wille und Liebe

Wir befassen uns mit konkurrierenden Bildern und Projektionen von Gott.

Ist dein Bild von Gott richtig?

Ist es angemessen?

Oder wird Gott in deinen eigenen Überlegungen durch abgegriffene und ausgelaugte Auffassungen verdunkelt?

Ist Gott frei, alles zu tun, was ihm gefällt?

Oder wird Gottes Freiheit von seiner Güte definiert?

Ist Gott in erster Linie willkürlich oder tatsächlich bereitwillig?

Was zeigt uns die Inkarnation über Gott?

Was, wenn Gott wie Jesus ist?

1

Wie ist Gott wirklich?

„Ich bin genügend Romantiker, um zu glauben: Was grober Bemerkungen wert ist, ist auch wert, gut verstanden zu werden.“

David Bentley Hart („The Experience of God“)

Wenn es einen Gott gibt …

Wenn es einen Gott gibt – sicherlich eine Glaubensaussage1 –, können wir ihn nicht erfinden. Ein echter Gott sollte und kann nicht nur eine Reflexion meiner Vorstellung sein. Die Existenz eines realen und lebenden Gottes muss mein eigenes kümmerliches Verständnis übersteigen, er muss größer sein als jegliche Schublade, in die ich ihn stecken will – er oder sie oder welches Pronomen auch immer wir für dieses Wesen verwenden. Selbst das einfache Fürwort „er“ ist unbeholfen und nicht ganz zutreffend für Gott. Ich werde es verwenden, aber nur mit Bauchschmerzen. Gott ist nicht „er“ oder „sie“. Jesus sagt: „Gott ist Geist“ (Joh. 4,24). Gott ist jedoch weitaus persönlicher als ein „es“. Und so tendieren wir seit jeher zu der sprachlichen Form „er“, denn als Gott im Fleisch kam, kam „er“ als ein Mann, Jesus (Gottes „Sohn“). Darüber hinaus spricht die Heilige Schrift von Gott meist als vom Vater und beschreibt Gott mit männlichen Bildern, z. B. als König. Auf der anderen Seite ist das hebräische Pronomen für den Geist „sie“. Tatsächlich werden die Attribute Gottes, die die Fürsorge betreffen, z. B. Mitleid und Barmherzigkeit, meist mit weiblichen Eigenschaften assoziiert.

Manche Denker meinen, dass es sogar zu kurz greift, Gott als „Wesen“ zu bezeichnen, dass die Behauptung, „Gott existiert“, zu wenig aussagt: Gott sei vielmehr der eigentliche Seinsgrund, die Existenz selbst, was immer das bedeuten mag. Die so reden, behaupten, dass beinahe alles, was wir über Gott behaupten, bereits unseren verborgenen Wunsch ausdrückt, über ihm zu stehen, ihn in eine Schublade zu stecken und zu beherrschen. Sprache, Worte, Lehre, Theologie – sind sie nicht weniger als Gott? Haben sie nicht dennoch oft die Funktion, den Schöpfer des Alls zu einem handlichen Anschauungsobjekt für unsere Lehrmeinung zusammenzuschrumpfen, das wir aufspießen und sezieren können? Ist es nicht bequemer, ihn in unserem winzigen, allzu selbstbewussten Denken einzusperren, wo er unsere eigenen hochfliegenden Gedanken nachplappern muss? Ja, es ist nun einmal so: Alles, was wir voller Überzeugung über oder für Gott sagen, geht durch das dichte Sieb unserer religiösen Traditionen, kulturell bedingten Annahmen und persönlichen Interpretationen. Skeptiker und Agnostiker fragen: „Was kann man über diesen Gott denn wirklich mit Sicherheit sagen?“ Sie stellen diese Frage zu Recht.

Es scheint so viele Versionen von Gott zu geben, wie es Menschen gibt, selbst innerhalb eines bestimmten Glaubens, egal, wie eifrig die Religion uns zu belehren versucht. Wir brauchen noch nicht einmal Hindus mit Buddhisten oder Moslems mit Juden zu vergleichen. Das ist auch unter Christen so: Später werden wir sehen, wie John Wesley sagte, Johannes Calvins Gott wäre schlimmer als der Teufel! Auch heute: Der Gottesbegriff der protestantischen Prediger Mark Driscoll und John Piper – deren Predigten in Nordamerika am häufigsten aus dem Internet heruntergeladen werden – ist Welten entfernt von dem von Gregory Boyd oder Brian McLaren. Ich möchte doch denken, dass wir immer noch demselben Herrn dienen, aber manchmal frage ich mich, ob wir nicht zwei (oder mehr) unterschiedliche Religionen haben, die um dasselbe Etikett „christlich“ wetteifern! Der Apostel Paulus sprach zu seiner Zeit von verschiedenen Evangelien und anderen Christussen (Gal. 1,6-8).

Wir brauchen aber gar nicht so weit entfernt zu suchen. Ohne dass wir uns dessen bewusst sind, haben wahrscheinlich selbst unsere Liebsten und Nächsten drastisch andere Vorstellungen von Gott, als wir meinen. Und noch näher dran: Vielleicht bete ich zu demselben Gott wie immer, mache mir aber keine Gedanken darüber, wie sehr sich „der Gott, wie ich ihn verstehe“ (nach dem Sprachgebrauch der Alltagspsychologie) im Verlauf meiner eigenen geistlichen Entwicklung gewandelt hat. Nun verändert sich ja Gott nicht. Aber mein Bild von Gott macht vielleicht im Lauf der Zeit so große Fortschritte (oder Rückschritte), dass ich unter demselben Namen praktisch einen anderen Gott anbete. Das könnte übrigens durchaus gut, vielleicht sogar nötig sein.

Negative Theologie

Auch Via negativa oder apophatische Theologie. „Apophatisch“ kommt von dem Wort für „verneinen“. Diese Theologie definiert Gott durch Verneinung unserer Definitionen von Gott.

Was ich hier sagen will: Diejenigen unter uns, die behaupten, an „den Gott der Bibel“ zu glauben, müssen sich klarmachen, dass wir die Bibel durch die dicke Brille unserer eigenen unbewussten Voreingenommenheit lesen. Mit diesen verzerrenden Filtern neigen wir dazu, ein Abbild von Gott in unserem eigenen Bild zu konstruieren. Dazu hören wir den verzweifelten Ausruf des umstrittenen deutschen Predigers Meister Eckhart: „Gott! Rette mich vor ‚Gott‘!“2 Das heißt: Rette mich vor jeder verzerrten Vorstellung von Gott, die ich selber erschaffe und anbete, wo ich mich selber zu der Täuschung überrede, dies wäre der eine wahre Gott! Nein, sage ich: Wenn es einen Gott gibt, kann ich ihn nicht einfach aus dem Ton meiner eigenen Vorstellung töpfern. Er selbst muss sich mir auf verständliche Weise offenbaren.

Was Gott nicht ist …

Eine christliche Denkströmung, die sogenannte negative Theologie*, legt nahe, dass wir nichts Besseres tun können als zu beschreiben, was Gott nicht ist. Man kann jedes Attribut Gottes nennen – jedes Bild von Gott, das sich findet, auch in der Bibel – und dann fragen: „Okay. Gott ist ein Vater, aber wo ist er nicht Vater? Gott ist ein König, aber wo ist er nicht König? Gott ist ein Hirte, aber wo ist er nicht Hirte?“ Das ist zunächst einmal eine gute Übung, denn sie warnt uns davor, diese menschlichen Metaphern zu weit zu führen. Sie erinnert uns daran, dass unser Bild von Gott genau das ist: ein Bild, ein Symbol, eine Vorstellung. Wir haben diese Bilder, aber Gott ist größer als sie alle. Gott ist weit mehr als Feuer oder Licht oder Wasser, obwohl er mithilfe dieser Elemente beschrieben wird. Die Glucke, der Adler, der Löwe und das Lamm stehen für bestimmte Aspekte seines Charakters, doch ist Gott natürlich nicht ein Vogel oder sonstiges Tier. Die negative Theologie warnt uns davor, eines dieser Symbole zu einem Götzenbild zu verallgemeinern, mit dem wir Gott ersetzen.

In 4. Mose 21 lesen wir zum Beispiel die Geschichte, in der die Israeliten in der Wüste unter einer Giftschlangenplage litten. Gott befahl Mose, eine „Feuerschlange“ aus Bronze anzufertigen und an einer Stange aufzuhängen. Alle Gebissenen, die auf diese Bronzeschlange blickten, wurden sofort geheilt. Das Bild stand für die heilende Liebe Gottes und wird bis zum heutigen Tag als Erkennungszeichen in der Medizin verwendet.

Leider wurde der Schlangenstatue später ein anderer, götzendienerischer Zweck zugeordnet. Als Hiskia König war, hatte das Volk der Bronzeschlange mittlerweile den Namen „Nehuschtan“ gegeben und betete sie nun an. So musste der König sie im Rahmen seiner gegen den Götzendienst gerichteten Kultreformen zerstören (2. Kön. 18,4). Die Lektion daraus ist dennoch nicht, einfach jegliches Symbol für Gott aufzugeben, sondern, es zu reinigen und wieder neu auf Christus auszurichten. Jesus selbst zeigte, wie man mit der göttlichen Metaphorik umgeht, als er während seiner Mondscheinunterhaltung mit Nikodemus an die Bronzeschlange erinnerte: „Du weißt doch, wie Mose in der Wüste eine Schlange aus Bronze an einer Stange aufrichtete, damit jeder, der sie ansah, am Leben blieb. Genauso muss auch der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der glaubt, durch ihn das ewige Leben hat“ (Joh. 3,14-15).

Und so drängt uns eine negative Theologie, immer wieder die Sowohl-als-auch-Fragen zu stellen. Wir sagen, Gott ist gegenwärtig. Wir beten, dass wir diese Gegenwart erfahren dürfen: „Lass dein Angesicht leuchten über mir!“ Aber wir fragen auch: „Warum ist er nicht da?“ Und in echten Krisen, in denen wir Gottes Anwesenheit nicht spüren, beten wir: „Verbirg nicht dein Angesicht von mir!“ Mit dem Wort „Angesicht“ als Bild für Gott überlegen wir: „Inwiefern ist die jeweilige Aussage wahr und inwiefern ist sie nicht wahr?“

Oder wir behaupten: „Gott ist nah“, und fragen danach: „In welcher Hinsicht ist Gott weit weg?“ Paulus sagt, Gott wohnt in unzugänglichem Licht, aber der Hebräerbrief lädt uns ein, voll Zuversicht ins Heiligtum zu treten und Gott nahezukommen! Wie kann Gott sowohl nah als auch fern sein? Wenn wir über Entweder-oder-Annahmen und Behauptungen, die Gott in eine Schublade stecken, hinausgelangen können, werden wir in der Lage sein, uns an unsere persönlichen Sowohl-als-auch-Erfahrungen mit Gott zu erinnern und von ihnen zu erzählen.

Grundsätzlich gilt: Von jeder Eigenschaft Gottes, die wir hochhalten, können wir noch mehr über ihn lernen, wenn wir fragen: „In welcher Hinsicht ist Gott nicht so? Und stimmt das Gegenteil auch irgendwie?“

Was Gott ist …

Die negative Theologie sucht zu verhindern, dass wir Gott in Schubladen stecken, aber tatsächlich brauchen wir auch eine positive Theologie. Damit Gott Gott ist und nicht reiner Unsinn, erklären wir durch den Glauben einige Wahrheiten, deren Gegenteil niemals wahr ist:

Gott ist gut und er ist nie böse. Er ist die Perfektion all dessen, was wir Güte nennen.

Gott ist Liebe; jeder andere Aspekt Gottes muss mit seiner Liebe übereinstimmen.

Gott ist Licht; in ihm ist keine wie auch immer geartete Finsternis (1. Joh. 1,9).

Gott ist vollkommene Schönheit; in ihm ist keinerlei Hässlichkeit.

Gott ist vollkommene Wahrheit; niemand nenne ihn einen Lügner.

Gott ist vollkommene Gerechtigkeit; in ihm ist keinerlei Ungerechtigkeit.

Theologische Texte nennen Gottes Güte, Liebe und Gerechtigkeit manchmal „Attribute“ und widmen ganze Kapitel der – fast wissenschaftlichen – Beschreibung Gottes entsprechend diesen Attributen. Diese Beschreibungen sind manchmal trocken und steril und schreiben Gott auf ziemlich philosophische und, offen gesagt, einschränkende Weise menschliche Vorstellungen, Konzepte und Analogien zu. Dies ist es, was die negative Theologie ursprünglich zu überwinden hoffte. Die negative Theologie wollte Gottes Majestät und sein Mysterium jenseits unserer Leitfäden und Kategorien bewahren.

Der Apostel Paulus und seine späteren Theologen begegnen dieser Sterilität durch die Einführung eines anderen, dynamischeren Ausdrucks: göttliche Energien*(energeia).

Energeia wird im Neuen Testament auch als „Kraft“, „Stärke“ oder „Wirken seiner Macht“ übersetzt (Eph. 1,19, Kol. 1,29, Eph. 3,7, 4,16, Phil. 3,21, Kol. 2,12). Wir sehen Gottes Energien am Werk, wenn Paulus sagt: „Diese Energie ist Gottes Energie, eine Energie tief in euch, Gott selbst, der durch seinen Willen das wirkt, was ihm die größte Freude bereitet“ (Phil. 2,13 nach der Übertragung „The Message“).

Göttliche Energien

sind Gott selbst am Werk. Sie sind nicht nur Attribute Gottes, sondern Gott selbst in seinem Handeln, in seiner Tätigkeit, in seiner Selbstoffenbarung an uns. Wir werden niemals die unendlichen Tiefen von Gottes Wesen durchdringen, Gottes Energien jedoch durchdringen unser Leben und unsere Welt. Ein weiterer Begriff, den wir für diese Energien verwenden, ist „die Gnade des Heiligen Geistes“.

Beachte, dass die Energien nicht nur als Attribute Gottes gelten. Die Energien sind Gott selbst in Aktion. Spätere Theologen präzisierten dies und sprachen von „unerschaffener Energie“. Mit anderen Worten, wenn wir sagen: „Gott ist Liebe“ oder „Gott ist gut“ oder „Gott ist Licht“, beschreiben wir nicht nur seine Eigenschaften. Wir sagen, Gott ist Liebe, Güte und Licht in seiner Energie, genau wie wir sagen, Gott ist Vater, Sohn und Heiliger Geist in seinen Personen.

Warum „Energien“? Weil sie beschreiben, wer Gott in seinen Aktionen, in seiner Tätigkeit, in seiner Selbstoffenbarung ist. Gott ist erfahrene Liebe; Gott ist offenbarte Güte. Gott ist Schönheit, Wahrheit und Gerechtigkeit – er kommt zu uns und manifestiert sich in unserem Leben. Die unerschaffenen Energien sind Gott selbst, der uns anrührt, uns erfüllt und uns verwandelt. Wir werden die unendlichen Tiefen von Gottes Wesen niemals durchdringen, aber Gottes unerschaffene Energien durchdringen unsere Welt und unser Leben. Dieses Phänomen wird auch mit einem anderen Ausdruck beschrieben: „Gnade des Heiligen Geistes“!

Inkarnation (Menschwerdung)

bezeichnet die große Wahrheit, dass in Christus Gott Mensch wurde. Wie Johannes 1,14 sagt: „Das Wort wurde Mensch.“ Den Begriff Menschwerdung/Inkarnation reduzieren manche irrtümlich auf das Anfangsereignis, die Geburt Jesu. Aber die Menschwerdung bezieht sich sowohl auf das ganze Leben Jesu als auch auf Jesus selbst. Das heißt, Jesus ist die Inkarnation Gottes.

Während nun also die negative Theologie eine Art der Fragestellung ist, die anzusehen sich lohnt – und wir werden sie ansehen –, kann sie unsere Sehnsucht nicht stillen, den lebendigen Gott zu kennen. Zeigt uns die Bibel nicht einen Gott, der erkannt werden möchte und immer bereit ist, das geschehen zu lassen? In der negativen Theologie fehlt etwas, sogar über die erwähnten Energien hinaus. Oder vielmehr: jemand! Ich meine natürlich Jesus. Um das einzige vollkommene Bild von „dem Guten“ in aller Fülle zu sehen, von Liebe, Licht, Schönheit, Wahrheit und Gerechtigkeit – wie im Himmel, so auf Erden –, wenden wir uns der Inkarnation* (wörtlich „Fleischwerdung“) Gottes zu. Wir verkünden als Wahrheit die gute Nachricht, dass Gott seinen Charakter und sein Wesen in der Person Jesus von Nazareth offenbart hat. Durch Christus können wir Gott kennen.

Gott ist wie Jesus

Im Kern ist der christliche Glaube die Aussage des Evangeliums, dass Gott – der ewige Geist, der das Universum erschuf, erfüllt und erhält – uns gezeigt hat, wer er ist und wie er ist – ganz genau, wie er ist –, und zwar in dem Menschen aus Fleisch und Blut, den wir auch Immanuel nennen, „Gott mit uns“. Im Gegenzug glauben wir, dass Jesus uns durch sein ganzes Leben auf Erden, wie es uns in Augenzeugenberichten von seiner Geburt, seinem Dienst, seinem Tod und seiner Auferstehung offenbart ist, Gottes Angesicht und Herz gezeigt hat. Wir sehen in diesem Leben die entscheidende Offenbarung und Handlung Gottes in Raum und Zeit. Das ist immer noch eine Glaubensaussage, aber für uns Christen ist es der Ausgangspunkt. Jesus anzusehen – besonders den Gekreuzigten, sagt 1. Korinther – heißt, die deutlichste Darstellung des Gottes anzusehen, der Liebe ist (1. Joh. 4,8). Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass Jesus allein die vollkommene Theologie ist.

Wenn ich sage, dass Gott ganz genau wie Jesus ist, meine ich nicht, dass wir all das, was Gott ist, auf einen männlichen Juden des ersten Jahrhunderts reduzieren können. Ebenso wenig würden wir behaupten, dass jeder, der Jesus Christus begegnet ist, alles wissen könnte, was es über Gott in seinem transzendenten Sein zu wissen gibt. Aber wie wir sehen werden, ist Jesus Christus die vervollkommnete und vollkommene Offenbarung von Gottes Wesen, weil er Gott ist. Es gibt keine Offenbarung außerhalb von ihm.

Ich scheue nicht vor dem Begriff „ganz genau“ zurück, denn die Schrift behauptet, Christus sei „ganz und gar Gottes Ebenbild“ (Hebr. 1,3). Paulus versichert, Gott habe „beschlossen, mit seiner ganzen Fülle in ihm zu wohnen“ (Kol. 1,19; 2,9). Und wir werden immer wieder zu der Wahrheit zurückkehren, dass Jesus zu sehen heißt, Gott, das ewige Wort, zu sehen, der Mensch wurde, ohne je aufzuhören, vollkommen Gott zu sein.

Den Gott ablehnen, der Christus gar nicht ähnlich ist

Ich bin auch angenehm überrascht, wie diese Aussage – die Botschaft, dass Jesus uns zeigt, wie Gott ist – oft von jenen gut aufgenommen wird, die sich nicht zum christlichen Glauben bekennen. Wenn ich sage: „Gott ist Liebe und Jesus war Mensch gewordene Liebe“, kein Problem! Jesus ist selten das Problem, nicht einmal für einen schonungslosen, selbsternannten „Nichtchristen“ wie den Satiriker Bill Maher. Seine Attacken richten sich in erster Linie überhaupt nicht gegen Jesus, sondern gegen Christen, deren Religion im Namen des Friedefürsten Gewalt ausübt. Bill Maher kritisiert:

Wenn Sie Christ sind und das Töten von Feinden und Folter unterstützen, müssen Sie sich eine neue Bezeichnung für sich ausdenken. … „Den Feind abmurksen“ ist nicht gerade das, was Jesus tun würde. Seit fast zweitausend Jahren verdrehen Christen die Bibel, damit „Liebe deinen Nächsten“ irgendwie dann doch „Hasse deinen Nächsten“ bedeutet. …

Evangelikal

bezeichnet die Bewegung, die mit der protestantischen Christenheit in der westlichen Welt, besonders in ihren konservativen und erweckungsorientierten Formen, in Verbindung gebracht wird. Der Begriff „evangelisch“ bezieht sich allgemein auf den christlichen Glauben an das Evangelium Jesu Christi als Retter der Welt.

Martin Luther King kann sich Christ nennen, weil er die Feindesliebe tatsächlich praktizierte. Gandhi war total christlich – aber ein Hindu. Doch wenn Sie für Rache, Folter oder Krieg sind, … können Sie sich nicht als Nachfolger von dem Typ bezeichnen, der ausdrücklich gesagt hat: „Liebt eure Feinde“ und „Tut Gutes denen, die euch hassen.“ …

Ich will ja nicht mehr als nötig darauf herumreiten, aber Gewaltlosigkeit war doch so eine Art Markenzeichen von Jesus – das war ja wohl genau sein Ding, oder? Ausgerechnet an dem Punkt nicht nachzufolgen ist so ähnlich, wie wenn einer, der Wale hasst, Greenpeace-Mitglied wird. Es gibt Interpretation und es gibt auch einfach Ignoranz. Wenn Sie für Folter sind – was auf mehr evangelikale*Christen zutrifft als auf Angehörige irgendeiner anderen Religion –, ist das schlichtweg ignorant. Sie sollten die Christusgestalt am Kreuz anschauen und sich fragen: „Wie konnte ein Mensch so leiden und dennoch vergeben?“ …

Ich bin Nichtchrist. Genau wie die meisten Christen.

Wenn Sie alles ignorieren, was Jesus Ihnen zu tun geboten hat, dann sind Sie kein Christ – dann sind Sie nur Gasthörer. Sie sind kein Nachfolger Christi, Sie sind bloß ein Fan. Und wenn Sie glauben, die Erde wäre Ihnen gegeben, damit Sie andere großkotzig zur Schnecke machen und sich damit noch brüsten können, dann sind Sie kein Christ – dann sind Sie Texaner.3

Bill Mahers Unglaube ist in Wirklichkeit ein erbitterter Hass auf Perversionen Gottes, die Christus nicht entsprechen, auf die Projektionen religiöser Fundamentalisten. Das Publikum findet diese Kommentare so witzig, weil ihre Ironie tragisch zutreffend und lachhaft widersprüchlich ist. Statt nun aus der Defensive zu reagieren oder in stummer Scham den Kopf hängen zu lassen, sollten wir seine Anklage lieber als Weckruf hören und uns wieder auf wirkliches Christsein – Christusähnlichkeit – besinnen.

„Kreuz“- oder „im Zeichen des Kreuzes“

steht für die wörtliche Bedeutung „kreuzförmig“ oder „in Form der Kreuzigung“. Der „Kreuz“-Gott ist also der Gott, dessen Wesen (Liebe) durch „Jesus Christus, den Gekreuzigten“ (1. Kor. 2,2) offenbart ist.

Bei anderer Gelegenheit ist Atheismus durch irgendeine Kränkung selbst verursacht. Wir verzweifeln am Glauben, wenn der Gott, den wir ererbt oder uns vorgestellt haben, durch eine Tragödie oder Enttäuschung absurd wird. Tief bewegt von einem Verlust, kann uns unsere falsche Wahrnehmung dessen, wer Gott ist, hätte sein sollen oder für uns einfach nicht war, von bloßem Zweifel zu einer aktiven Ablehnung des Glaubens führen.

Ein Beispiel für diese Erfahrung ist Charles Darwin. Seine Entdeckungen zum Thema natürliche Auslese und Evolutionsprozess minderten mit Sicherheit seinen Glauben an die „Special Creation“4, aber für ihn hieß es damit nicht völlig: „Gott ist tot“. Tatsächlich wurden Darwins Theorien von den einflussreichsten Christen seiner Tage generell nicht als problematisch angesehen (die große Schlacht kam später in Amerika). Gegen Ende seines Lebens schrieb Darwin: „Es scheint mir absurd zu bezweifeln, dass ein Mann glühender Theist und Evolutionist sein kann.“5

Es war der Tod seiner geliebten Tochter Annie, die 1851 im Alter von zehn Jahren starb, der ihm das Herz brach und seinen Glauben zerstörte. Darwin konnte Gottes gute Absichten und das Leiden, das mit dem natürlichen Leben einhergeht, so lange in einem gesunden Spannungsverhältnis sehen, bis er das schreckliche Leiden seines eigenen kleinen Mädchens ertragen musste. Das war zu viel. Was immer Darwin über Gott geglaubt hatte – seinen Schmerz konnte dieser Glaube nicht überleben.

Ich frage mich, ob im Fall des sarkastischen Bill Maher oder des gebrochenen Charles Darwin die Schuld nicht eigentlich an einem Bild von Gott liegen könnte, das Christus nicht entspricht – also überhaupt nicht Gott ist. In dem Fall möchte ich Walter Wink zustimmen, der einen solchen Atheismus als ersten Schritt zur wahren Anbetung bezeichnet, weil er die Ablehnung eines Götzen darstellt. Das heißt, Leute wie Maher und Darwin vollziehen möglicherweise eine Abwendung – also Buße. Der nächste Schritt, von dem ich nicht behaupte, dass diese beiden ihn gegangen sind, ist die Hinwendung – also Glauben. Ich sage: Die Hinwendung zu einem Gott, der wie Christus ist, lohnt sich.

Fragen, die etwas auslösen

Als ich persönlich meinen Blick auf den Gott richtete, der genau wie Christus ist, wurde ich damit konfrontiert, wie unchristlich der „Kirchengott“ oder sogar der „Bibelgott“ sein kann. Wenn wir Jesus zum Maßstab für eine vollkommene Theologie setzen, können natürlich viele unserer gängigen Überzeugungen und Praktiken als Christen einer Prüfung nicht standhalten. Selbst weite Teile der bedeutenden Literatur zur Bibel passen nicht gut zum Christus der Evangelien. Die Behauptung, dass Gott in Jesus vollkommen offenbart ist, löst schwierige Fragen über den Gott aus, den ich mir früher vorgestellt und gepredigt habe. Leben und Wesen Jesu fordern meine religiösen Klischees und Redewendungen heraus, besonders Aussagen über höchste Macht und unbezwingbare Kraft. So offenbart Christus Gott nie in seinen Lehren und erst recht nicht in seinem Leiden (nämlich Gefangennahme, Gericht, Folter und Tod). Ja, er ist der Sieger, besonders in seiner Auferstehung, aber vergessen wir nicht, dass Paulus entschlossen war, Christus, „und zwar als den Gekreuzigten“, zu predigen (1. Kor. 2,2). Man konnte sich ihm widersetzen, man konnte ihn verspotten und verprügeln. Man konnte ihn umbringen. Und das taten wir. Unser Gott ist der „Kreuz“*-Christus. Eben das, „was bei ihm wie Schwäche aussieht“ (1. Kor. 1,25), ist es, was alle menschliche Stärke übertrifft. Warum? Weil er durch überwindende Liebe wirkt, nicht durch überwältigende Stärke.

Dieser Blick auf Gott löst unvermeidlich eine Flut schwieriger Glaubensfragen aus – einen Dominoeffekt von Einwänden, die wir ganz aufrichtig machen müssen.

Apologetik

ist die Lehre von der Verteidigung des Glaubens gegenüber Einwänden. Der Apostel Petrus schrieb: „Seid immer bereit, Rede und Antwort zu stehen, wenn euch andere nach der Hoffnung fragen, die euch erfüllt. Begegnet ihnen freundlich und mit Respekt“ (1. Petr. 3,15-16). Aus Mangel an Vertrauen auf die Kraft des Evangeliums, Glauben hervorzubringen, passiert es leider immer wieder, dass wir auf die Apologetik verfallen, um Menschen vom Glauben überzeugen zu wollen.

Zum Beispiel: Wenn Gott „alles unter Kontrolle hat“, warum gibt es so viel Chaos in dieser Welt? Wenn Gott der liebende Vater ist, wie Jesus es verkündet, was ist dann mit Leid und Elend? Warum lässt Gott böse Menschen gewähren? Warum bewahrt oder schützt Gott uns nicht vor Naturkatastrophen? Und was ist das für eine Geschichte mit dem Tod Jesu? Hat Gott Jesus wirklich für unsere Sünden gestraft? Und Gottes Zorn? Warum vermittelt die Bibel oft den Eindruck, als würde Gott überreagieren und enorme Gewalt ausüben? Und dann gibt es die Kriege und gnadenlosen Völkermorde, die von Gott und im Namen Gottes ausgeübt werden! Hat Gott diese Gräuel nicht sogar veranlasst? Die Bibel sagt: Ja. Wie passt das zu Christus? Hat Jesus derartiges Handeln nicht als unmoralisch verurteilt? Oder steht Gott jenseits von Moral und ist nicht gebunden an seine eigenen Ansprüche an Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit? „Du sollst nicht töten, außer wenn ich es sage.“ Tödliche Gewalt ist aber noch gar nicht das Schlimmste. Was ist mit der Hölle? „Ich liebe dich, aber wenn du mich nicht wiederliebst, werde ich dich in Ewigkeit mit Feuer foltern!“ Gut? Liebend? Was sollen wir denken, wenn der „Gott der Bibel“ so anders wirkt als Christus? Manchmal scheint sogar Jesus diese Art Gott zu beschreiben. Es reicht auch nicht, einfach nur das Alte Testament über Bord zu werfen: In mehreren Gleichnissen Jesu kommt Gott als der rächende König vor. Wirklich schwierig!

Manche Menschen sehen in diesen Fragen keine echten Überlegungen, sondern rhetorische Vorwürfe, die Glauben zerstören und Gespräche abtöten sollen. Und allzu oft stellen sich Christen nicht ehrlich diesen Dilemmas – oft reagieren wir ausweichend, abwehrend oder aggressiv. Wir feuern zurück gegen „den Feind“ (oder Strohmänner) und geben damit ein schäbiges und gleichzeitig lächerliches Bild ab. Dass wir uns so wenig Mühe geben zu denken, führt zu der unter Christen weit verbreiteten Seichtigkeit, es treibt die Abwanderung aus unseren Gemeinden voran und verdunkelt vielen von Vornherein den Zugang zum Glauben. Auch gegen unsere eigenen Leute wenden wir uns und machen denen das Leben schwer, die ernsthaft mit diesen schwierigen Fragen ringen. Sind die Fragen selbst zu gefährlich? Muss man dem, der sie stellt, Ketzerei vorwerfen? Warum haben wir solche Angst?

Und wenn Christus dieser Herausforderung gewachsen wäre? Und wenn wir, statt schulterzuckend Binsenweisheiten von uns zu geben, das Risiko eingehen würden, uns der verheerenden Stärke dieser Fragen zu stellen? Und wenn wir dann, nachdem wir die reinigende Kraft unserer eigenen atheistischen Zweifel ausgehalten haben, entdeckten, dass wir auf einem festen Fundament stehen? Wenn Christus die Wahrheit ist, dann wird uns die entschlossene Suche nach der Wahrheit doch direkt in seine Arme führen, nicht wahr?

Und was, wenn uns das Leben gar keine Wahl lässt? Die ganze Pilgerreise des Menschen durch das Leben, den Tod und das Leben nach dem Tod ist ein reinigendes Feuer, durch das wir alle hindurchgehen. Alles, was brennbar ist, wird verzehrt werden; alles was nicht fest ist, wird erschüttert werden. Und was kann nicht erschüttert werden? Jesus, der lebendige Fels, auf dem das wahre Haus des Glaubens stehen bleibt.

Steine aus dem Weg räumen

Am Boden, im Leben realer Menschen, sind diese Fragen nicht nur Gedankenexperimente für den Feierabend. Sie sind von wesentlicher Bedeutung, es geht um Leben und Tod. Sie sind zutiefst relevant. Sie sind ganz persönlich. Und diese Menschen sind nicht allzu sehr interessiert an einer ausgefeilten Apologetik*-Debatte.

Letztes Jahr hielt ich eine Reihe von Vorträgen an einer privaten christlichen Highschool. Ich sagte: Wenn Gott real ist, dann muss er, damit wir ihn Gott nennen können, gut sein, und die Perfektion dieser Güte ist in Jesus zu sehen. Dann sprach ich über „Das schöne Evangelium“, das Thema von Kapitel 14.

Nach der Stunde kam eine Schülerin zu mir und bat mich um zehn Minuten für ein Gespräch. Nennen wir sie Amy. Sie begann:

„Ich bin 15. Mit zwölf habe ich aufgehört, Christ zu sein. Was Sie sagen, leuchtet mir ein. Aber ich habe Fragen. Viele Fragen.“ Ihre Augen waren ernst, sie wartete darauf, dass ich zusammenzuckte.

„Gut“, meinte ich. „Fragen sind gut. Schieß los.“

Die Fragen dieses Teenagers waren genau die, die ich seit Jahren immer wieder höre. Ich hatte sie auch für mich selbst klären müssen. Normalerweise beantworte ich diese Fragen ausführlich und bibelfundiert. Aber hier stand ein junges Mädchen, das zehn Minuten hatte und einen großen Schmerz in sich trug. Hinter ihren Fragen steckten Geschichten, die gehört werden wollten. Vielleicht erschreckt dich meine Offenheit und der Inhalt meiner Antworten, aber wegen der Dringlichkeit ihrer Situation musste ich so reden. Ich hoffe, du bleibst dabei, wenn ich im Verlauf dieses Buchs erkläre, wie um alles in der Welt ich diese Dinge sagen konnte. Hier also ein kleiner Auszug aus unserem Gespräch.

Amy:

Warum wirkt Jesus so liebevoll und Gott so gemein?

Brad:

Gott ist nicht gemein. Er ist ganz genau wie Jesus. Und Jesus ist nicht gemein.

Amy:

Warum lässt Gott dann Leute in die Hölle kommen und für immer und ewig brennen?

Brad:

Das tut er nicht. Das wäre doch blöd. Der Gott, der Liebe ist, der wie Jesus ist, würde das doch nie tun, nicht wahr? Das würde doch gar keinen Sinn ergeben, oder?

Amy:

Nein. Aber meine Oma war kein Christ. Sie ist gestorben, und jetzt weinen sich manche aus meiner Familie die Augen aus, weil sie sagen, Oma ist jetzt in der Hölle. [Ah, da kommt die Geschichte heraus.]

Brad:

Also, ich kann mir vielleicht vorstellen, dass jemand ins Verderben geht, der wirklich böse ist. Wie Hitler. Aber würdest du sagen, dass deine Oma wirklich böse war?

Amy:

[Tränen] Nein.

Brad:

Jesus zeigt uns doch ganz genau, wie Gott ist. Denkst du, du könntest deine Oma seinen sorgenden Händen überlassen?

Amy:

[Keinerlei Zögern] Ja. [Im Gebet legt sie Jesus ihre Oma in die Hände. Friede.]

Amy:

[Aufwallender Zorn] Aber warum befiehlt Gott im Alten Testament, ganze Völker auszulöschen? Warum ließ er alle diese Menschen umbringen, auch ihre Kinder? Und dann die 32 Jungfrauen, die die Priester für sich behielten: Was meinen Sie wohl, was die mit denen angestellt haben?! [O weh, sie hat 4. Mose 31 gelesen!]

Brad:

Sexsklavinnen?

Amy:

Na klar!

Brad:

Wenn Gott wie Jesus wäre, würde er das tun?

Amy:

Nein.

Brad:

Nein, natürlich nicht. Denn Gott ist genau wie Jesus.

Amy:

Warum steht dann da, dass er es getan hat?

Brad:

Sag du es mir.

Amy:

Weil man nicht wusste, wie Gott wirklich ist? Man hat ihn einfach so beschrieben, wie man ihn sich dachte?

Brad:

Sicher. Aber kannst du dir vorstellen, dass der Vater in der Geschichte vom verlorenen Sohn oder der Vater, zu dem Jesus betete, so etwas befehlen würde?

Amy:

Nein.

Brad:

Deshalb denke ich, dass er es nicht gemacht hat. [Friede.]

Amy:

[Mehr Tränen] Ich immer noch viele Fragen. Gott ist der Schöpfer von allem und er hat alles unter Kontrolle und macht, dass alles aus irgendeinem Grund geschieht, also …

Brad:

Nein.

Amy:

Was?

Brad:

Zum Beispiel Vergewaltigung? Gott macht, dass Vergewaltigungen geschehen? Aus einem bestimmten Grund?

Amy:

Nein!

Brad:

Nein! Vergewaltigung ist einfach böse. Da gibt es keine Lektion zu lernen. So lehrt Gott keine Lektionen. Und er kontrolliert auch nicht. Darum geschehen furchtbare Dinge. Aber wir würden doch nicht wollen, dass er uns kontrolliert. Du etwa?

Amy:

[Schüttelt verneinend den Kopf.]

Brad:

Also, er veranlasst niemals etwas Böses, und er hält uns nicht gewaltsam vom Bösestun ab. Und doch kümmert er sich wirklich. Er liebt und kümmert sich und will kommen und die heilen, die vom Bösen verletzt worden sind.

Amy:

In meiner Verwandtschaft sind drei Leute sexuell missbraucht worden (ich nicht). Ich konnte das nicht verstehen, weil alle immer sagen, Gott hat alles unter Kontrolle und alles geschieht aus einem bestimmten Grund. [Ah, da ist die Geschichte wieder.]

Brad:

Nein, nein, Gott hat auf keinen Fall gemacht, dass das passiert. Aber Gott ist wie Jesus: Könntest du deine Verwandten seiner Fürsorge überlassen? So wie du es mit deiner Oma gemacht hast?

Amy:

Ja. [Keinerlei Zögern. Sie macht es. Friede. Mehr Tränen.]

Brad:

Kannst du sie da sehen? [Sie nickt.] Wie geht es ihnen? [Sie nickt weiter.]

Brad:

Warum diese Tränen? Warum weinst du?

Amy:

Weil ich Ihnen glaube.

Brad:

Wenn also Gott wie Jesus ist, kannst du dich selbst seinen Händen anvertrauen, wie du es mit deiner Oma und deinen Verwandten getan hast?

Amy:

Ja. [Keinerlei Zögern. Und sie tut es.]

Wenn ich dieses Gespräch noch einmal durchlese, bin ich von Neuem bestürzt, wie viele riesige Steine auf Amys Weg zum Glauben lagen. Innerhalb weniger Minuten hatte sie mich mit verheerenden Fragestellungen bombardiert, unter anderem über Hölle, Tod und ihre Oma, das Alte Testament und Gewalt, Schöpfung und Kontrolle, und dann warf sie auch noch Kinderschändung in den Ring. Aber nach zwanzig Jahren als Pastor kann ich dir versichern, dass Amy absolut keine Ausnahme ist. Sie repräsentiert ziemlich gut den wachen Verstand und das gebrochene Herz von bis zu zehn Millionen Menschen, die seit dem Jahrtausendwechsel allein in Amerika aus der Kirche ausgetreten sind.

Mich beunruhigt auch, wie vereinfachend und eindimensional meine Antworten klingen. Ich habe noch nicht einmal ein Plädoyer dafür ausgearbeitet. Aber ich riskiere es, mich mit der Veröffentlichung dieses realen Gesprächs verletzlich zu machen, um ein wichtigeres Plädoyer zu halten: für die dringende Notwendigkeit einer durchdachten Pastoraltheologie, für Auskunft über die Hoffnung, die uns erfüllt (1. Petr. 3,15).

Hoffentlich können wir auf eine schönere Antwort hinarbeiten als: „Ja, Gott kontrolliert alles; ja, er befiehlt Genozide; ja, deine Oma schmort in der Hölle, genau wie all die Vergewaltiger und wahrscheinlich eines Tages auch du.“

Die Liebesoffenbarung des Vaters

Auch hier ist die alles überspannende Frage, die die Botschaft dieses Buchs zusammenfasst: „Wie ist Gott wirklich?“ Ich glaube, es hat mehrere Gründe, dass wir diese uralte Frage von Neuem stellen, und zwar negative wie positive. Vielleicht ist der beste Grund der, dass Gott unser Nachfragen initiiert. Wie er ist, offenbart er auf eine neue, in Wirklichkeit jedoch sehr alte Art: auf die Jesus-Art.

Kirche

Der Begriff Kirche wird verwendet für (a) eine vage universelle Idee, (b) das sichtbare Reich Gottes auf Erden, (c) eine allgemeine Organisation, Institution oder Bewegung, (d) einzelne Ortsgemeinden oder überörtliche Gemeinschaften, (e) Gebäude und/oder Gottesdienstaktivitäten. Ich benutze den Begriff „Kirche“ normalerweise, um (a) das gesamte „Volk Gottes“ (1. Petr. 2,10) zu bezeichnen, „in Christus“ (2. Kor. 5,17), erlöst durch Gnade „durch den Glauben an seinen Namen“ (Joh. 1,12; Eph. 2,8). Wenn ich mich auf bestimmte Gemeinschaften oder Institutionen beziehe, verwende ich auch Adjektive wie „alt“, „westlich“, „örtlich“ und „sichtbar“.

Damit meine ich, wie Christus unsere Vorstellung von seinem liebenden Vater besonders in den letzten dreißig Jahren neu belebt hat. Eine stetig wachsende Zahl von Gläubigen kennt das, was wir als Gottes „Vaterherz“ bezeichnen. Sie predigen darüber, singen davon und machen direkte Erfahrungen mit Gottes Vaterherzen. Das geschieht so oft, dass viele fast vergessen, wie bedrohlich, richtend und verurteilend der Gott unserer Kindheit wirken konnte. Wir sind wirklich weitergekommen. Manchmal vergessen wir die Massen, die vor Jahrzehnten durch Austritte aus der Ortsgemeinde geflohen sind und den „Bonus“ noch nicht erhalten haben, den wir jetzt für selbstverständlich halten. Oder sind sie genau deshalb geflohen, weil Gott in ihrem eigenen Geist bereits das Bild, das sie von ihm hatten, rehabilitierte, während ihre Gemeinden dafür noch nicht bereit waren?

Natürlich duckten wir uns nicht alle vor dem furchterregenden, strafenden Gott, dem „mächtigen Vergelter“ – aber viele Leser werden sich an die Höllenfeuerbotschaften und moralisierenden Aufrufe umherziehender Erweckungsprediger und Möchtegern-Propheten erinnern. Was diese von sich gaben, klang früher plausibel. Jetzt, nach der Vaterherz-Erfahrung, klingt es eher albern als furchterregend, mehr für Witzchen geeignet. Mancher wird sich an die erstickenden Maßstäbe der „Keinesfalls-in-Jeans-Frömmigkeit“ erinnern, die viele Freuden des Lebens verboten. Man brachte uns bei, alle möglichen „Sünden“ mit Empörung zu bedenken – auch solche, die nirgends in der Bibel stehen. Nach Erzbischof Lazar Puhalo gibt moralische Entrüstung über die Sünden anderer häufig Aufschluss über eigene, tief unterdrückte Sehnsüchte. Brauchen wir die Hölle, um unseren Neid auf Sünder im Zaum zu halten? Ein Pastor in meiner Stadt bekannte sogar, dass er ohne drohende Hölle kein Christ wäre. Die Gnade und Barmherzigkeit Christi reichte ihm und, wie er meinte, seiner Gemeinde nicht. Nimm noch die eine oder andere Hexenjagd hinzu und wir haben einen wiedererweckten Power-Puritanismus. Aber die Angst vor einem strafenden Gott brachte nicht etwa Gerechtigkeit hervor, sondern provozierte vielmehr eine katastrophale Hedonismus-Gegenrevolution. „Ich komme ja sowieso in die Hölle. Dann kann ich auch richtig auf den Putz hauen.“

Hinter all dieser vergiftenden Theologie stand ein zerbrochenes oder verzerrtes Gottesbild – von einem gewalttätigen Gott, dem die Hand ziemlich locker sitzt. Tu Buße, und alles ist vergeben. Aber geh und sündige nicht mehr, damit nicht etwas noch etwas Schlimmeres passiert! Der Gott, der so wahrgenommen wurde, war hart und launisch (unter Angabe von Kapitel und Vers).

Dann kam eine neue und wunderbare Erkenntnis. „Neu“ wenigstens für viele moderne Evangelikale, die Moralismus und Höllenfeuer-Erweckung mit der Muttermilch aufgesogen hatten – genau wie sie für viele der ersten Fans von Jesus neu gewesen war. Viele entdeckten die „uralte Geschichte“ ganz neu, ebenso wie viele vorherige Generationen, die Erneuerung erfahren haben.

Jeder von uns musste diese gute Nachricht für sich erfahren. Zu dieser Offenbarung gehörte:

eine neue Betonung auf Gott als dem barmherzigen und menschenfreundlichen Vater,

der uns durch Liebe gewinnt und nicht durch Drohungen,

der uns auch dann schon akzeptiert und durch und durch liebt, wenn wir noch in einem schlimmen Zustand sind,

der uns sieht, wie wir sind, und uns mit Umarmungen heilt statt mit Schlägen.

Endlich lernten wir, dass es Gottes Güte ist, die uns zur Umkehr treibt (Röm. 2,4), und dass nur die Gnade Gottes uns lehrt, zur Gottlosigkeit Nein zu sagen (Tit. 2,11-12).

Was die Kirche* im Ganzen mehr als alles brauchte – und wofür die Welt mehr als bereit war –, war ein Gott, der Christus ähnlicher ist, und daraus folgend eine Kirche, die Christus ähnlicher ist (denn man ahmt das nach, was man anbetet).

Mein Eindruck ist, dass sich diese neue Wahrnehmung der Vaterliebe weit verbreitet und in vielen Ländern die Herzen der Menschen berührt hat. Ich selber bin dem „Vaterherzen“ persönlich durch Lehrer bei YWAM (Youth with a Mission/Jugend mit einer Mission) und auf Vineyard-Konferenzen begegnet. Ich begann es in populärer Anbetungsmusik zu hören, z. B. auf Brian Doerksens Album Father’s House. Ich las es in Büchern wie Kind in seinen Armen von Brennan Manning und Philip Yanceys Gnade ist nicht nur ein Wort

Am wichtigsten war jedoch, dass die Botschaft von der Vaterliebe nicht nur gepredigt, geschrieben und gesungen wurde; viele Christen begannen, sie auf der Herzensebene zu erfassen, und sie erneuerte ihren Glauben und verwandelte ihr Leben.

Kirche (Fortsetzung)

Die Kirche ist mehr als eine Institution. Lehrer wie Ignatius von Antiochien und Justin der Märtyrer sahen die Kirche als Rasse oder Geschlecht: als die Nachkommenschaft Christi an Stelle der Nachkommenschaft Adams. Paulus sah die Gemeinde als den Leib Christi, in den wir durch die Taufe aufgenommen werden (1. Kor. 12,13). Die Kirche ist auch eine Glaubensfamilie, in die hinein wir als geliebte Kinder Gottes angenommen oder wiedergeboren werden. Ferner ist die Kirche der Tisch des Herrn, an dem wir durch das gemeinsame Abendmahl (Leib und Blut Christi) vereint sind.

Mein eigener Freundeskreis bemerkte schließlich, dass Jesu Lieblingsbild von Gott der Vater ist (70 Mal in den Evangelien!). Jesus zeigte uns in den Evangelien, was Vaterschaft für ihn bedeutete: außerordentliche, großherzige Liebe, Bestätigung, Zuneigung und Zugehörigkeit. Sie bedeutete skandalöse Vergebung und Inklusion. Jesus zeigte uns diese übernatürlich gewisse, willkommen heißende Vaterliebe, die kaputten Menschen galt, bevor sie Buße taten und bevor sie Glauben hatten. Oder besser, Buße und Glauben wurden von ihm tatsächlich umdefiniert zu „mit allen Lasten einfach zu ihm kommen und seine Güte und Barmherzigkeit schmecken“. Von unserer Selbstverachtung schien er nicht viel zu halten. Die Buße, die er wollte, bestand darin, dass wir seine Freundlichkeit in unsere tiefsten Nöte und Wunden eindringen ließen.

Theologen wie James Alison und Anthony Bartlett lehrten mich, wie das Jesus-Ereignis Gott selbst völlig neu definierte! Wir in unserer Generation sind dabei, Jesu revolutionäre Vision von Abba ganz neu wiederzuentdecken. Gott Abba zu nennen war die Einführung eines Wandels in Bezug auf die Nähe und Intimität, die wir mit Gott haben können, der die Religion erschütterte.

Füge Jesu Darstellung Gottes als Vater noch seine erschütternde Bemerkung beim letzten Abendmahl hinzu: „Wer mich gesehen hat, der hat auch den Vater gesehen“ (Joh. 14,9). Irgendwie müssen wir uns von seinen Worten wieder irritieren lassen. Vielleicht haben wir uns zu sehr an diesen Satz gewöhnt, aber das ist es, worauf ich mit dem Untertitel hinweise. Zu unserem eigenen Wohl sollten wir aufhören, uns selbst überzeugen zu wollen, dass Jesus Gott war und ist, und dieses 21. Jahrhundert mit dem Meditieren über der Wahrheit zubringen, dass Gott wie Jesus ist. Genau wie Jesus. Als der Vorhang, der Gott verdunkelte, entzweiriss, was offenbarte er da? Einen leidenden Diener, der am Kreuz hängt (Sach. 12,10)! So wird jegliche menschliche Vorstellung, die wir bis dahin mit Gott assoziierten, mit Stumpf und Stiel ausgerissen!

Wir beginnen zunächst damit, falsche Bilder umzustoßen – in der Tradition von Jeremia 1 Götzenbilder abzureißen –, bevor wir mit dem Werk des Aufbaus anfangen. Diesem anfänglichen Abriss wenden wir uns nun zu.

Innehalten und nachdenken

Welche Gottesbilder gibt es in unserer Gesamtkultur? Wie stellen sich wohl die Menschen Gott vor, die sich als nicht gläubig bezeichnen? Wie wenig entspricht das deiner Meinung nach dem, wie Gott wirklich ist? Wie könnten die Leute ein solches Bild von Gott entwickelt haben?

Vergleiche das kulturelle Gottesbild verschiedener Kirchen und christlicher Bewegungen. Stelle die Gottesbilder in verschiedenen Religionen nebeneinander. Wie könnten diese unterschiedlichen Sichtweisen die Anhänger dieser Denominationen und Religionen selbst widerspiegeln?

Welche Vermutungen hast du über den Gott deiner Tradition? Über deine persönliche Auffassung? Wenn Gott größer und besser wäre als diese Schubladen, was könnte Gott dir offenbaren wollen?

Wenn wir zu verzerrten oder begrenzten Bildern von Gott neigen, wie könnten wir, um eine klarere Sicht zu gewinnen, daraus ausbrechen? Wie könnte Gott bei uns eindringen, um uns die Wahrheit zu zeigen?

Was wollte Jesus uns von Gott erfahren lassen? Inwiefern war seine Sicht von Gott anders als alles andere je zuvor? Wie könnte seine Sicht von Gott noch einmal ganz anders sein als deine?

Innehalten und beten

Gott, wer bist du? Ich möchte dich erkennen, aber meine Sicht ist so verzerrt, mein Verstand so klein, mein Herz so eng. Wie kannst du nur in so winzigen Schubladen leben? Ach, das tust du ja gar nicht! Das bin ja ich! Rette mich aus dem Gefängnis meines engen Denkens. Mach es hell, damit ich einen Blick auf genau die ewige Liebe werfen kann, die Jesus offenbart hat. Schenke mir die Sicht Jesu, die den Nebel, welcher mich für die reine Güte blind machen will, durchdringt. Herr, lass es geschehen!

2

Gottesbilder, die Christus nicht entsprechen

Schöpfer oder Geschöpf?„Wir werden zu dem, was wir anbeten.“

G. K. Beale

Projektionen und Reflexionen

In den nächsten beiden Kapiteln werden wir darüber nachdenken, wie unsere Vorstellungen von Gott vielleicht glorifizierte Projektionen unserer selbst sind, und wie wir anders herum unweigerlich dem Gott ähnlich werden, den wir anbeten. Nach der Fragestellung mit einer überraschenden Gaststimme werde ich einige Beispiele für weit verbreitete falsche Gottesbilder in unserer Zeit besprechen: den altersmilden Opa, den strafenden Richter, den seinen Verpflichtungen nicht nachkommenden Vater und die merkwürdige Mischung aus Nikolaus und Weihnachtsmann.

Dann werden wir zwei Vorstellungen von Gott analysieren, die schon in der gesamten christlichen Geschichte miteinander konkurrieren und tatsächlich in der Bibel stehen. Schließlich werde ich vorschlagen, dass wir unsere falschen Gottesbilder überwinden, indem wir uns vom biblischen Buchstabenglauben abwenden und stattdessen wieder Christus selbst als letzte Autorität gelten lassen – ein Schritt, der die Christus unähnlichen religiösen Gottesbilder hinterfragt, die so häufig von frei herausgepickten Schriftversen untermauert werden.

Wer hat wen gemacht?

Ich erinnere mich an den Refrain in einem Lied von ACDC aus dem Jahr 1986, in dem die Frage „Schöpfer oder Geschöpf?“ anklingt.

Das Lied war ursprünglich für den Film Maximum Overdrive von Stephen King geschrieben worden, in dem die Maschinen der Welt sich gegen ihre menschlichen Erschaffer wenden. Aber als der Song herauskam, regte er mich an, die Frage mit Blick auf den Gott zu stellen, den ich anbete. Hat mich Gott nach seinem Bild geschaffen? Oder habe ich Gott nach meinem Bild geschaffen? Wer hat in Wirklichkeit wen gemacht?

Angesichts meiner soliden baptistischen Indoktrination kann ich mir keinerlei neue Erfindung auf die Fahnen schreiben, ganz besonders nicht von Gott. Ein guter Junge zu sein – etwas, was ich unbedingt wollte – bedeutete, alles das als wahr anzunehmen und zu bestätigen, was mir von meinen geliebten Eltern und der speziellen Kirchenkultur, in die wir vollkommen eingebunden waren, vermittelt wurde. War der Glaube, den ich übernommen hatte, real? Oder war unsere einfach nur die neueste Version vieler Projekte, die über Generationen und Jahrhunderte hinweg aufgebaut worden waren? Unsere Religion hatte sich ganz offensichtlich im Laufe der Zeit entwickelt. Hatte sich unser Gott auch entwickelt?

Wenn ich im ländlichen Afghanistan oder Indien geboren worden wäre, hätte ich nicht einfach und mit vollem Ernst mit der Religion dort übereingestimmt und an einen deutlich anderen selbstgemachten Gott geglaubt? Wenn ich irrtümlich glaubte, mein Gott habe einen anderen Namen und zusätzlich andere Eigenschaften, würde er mich in irgendeiner Weise weniger lieben? Wenn ich zu diesem fremden Gott beten würde, wäre es ein falscher Gott? Wer war ich, dass ich sagen dürfte, mein Gott sei das authentischere Modell? Warum sollte ich davon ausgehen, dass der Gott anderer böse und der meine gut ist? Oder dass mein Gott meine Gebete erhört, die Götter der anderen aber taub sind? Warum sollte ich glauben, dass mein Gott sich so über meine Anbetung freut, dass er mir den Himmel gibt? Ist er so gekränkt von den anderen Kindern und ihren anderen Göttern, dass er ihr Opfer so ablehnen würde, wie er Kains Opfer abgelehnt hat? Würde ich entrinnen, weil ich zufällig hier und nicht dort geboren worden war, während Gott sie in den Feuersee warf?

Waren diese Fragen ein Zeichen von Ketzerei oder von gesundem Menschenverstand? „Wer ist Gott?“, fragte ich mich. Und was ist Gott?

Was ist Gott?

Kommen wir zu unserem Überraschungsgast. In einer Ansprache vor Hindus mit dem Thema „Was ist Gott?“1 zog der indische Yogi und Mystiker Sadhguru seine Zuhörer damit auf, wie der Gott, den wir uns vorstellen, ein verstärkter Spiegel unseres Selbst sein kann.