Die schönsten Märchen aus Kasachstan - Andreas Model - E-Book

Die schönsten Märchen aus Kasachstan E-Book

Andreas Model

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Beschreibung

In diesem Buch finden Sie die schönsten Märchen aus Kasachstan. Sie spiegeln die Vielfalt und Vitalität der dort ansässigen Menschen wieder und vermitteln uns einen Eindruck von der Faszination dieses uns so fremden Landes. Kasachstan ist ein Binnenstaat zwischen dem Kaspischen Meer im Westen und dem Altai-Gebirge im Osten. Gemessen an der Fläche ist Kasachstan der neuntgrößte Staat der Erde. Nach dem Zerfall der Sowjetunion erklärte sich das Land am 16. Dezember 1991 als Republik Kasachstan unabhängig. Seine Landschaft ist sehr vielfältig, wobei allerdings der größte Teil des Territoriums aus Ebenen, niedrigen Bergen und Hügeln besteht. Wegen seiner Größe und der Ausdehnung über viele Naturzonen besitzt Kasachstan eine ausgesprochen reiche Palette von Flora und Fauna. Die vielfältigen Naturschätze werden in 16 kasachischen Nationalparks und Naturschutzgebieten geschützt. Im Norden, wo die Steppen und Waldsteppenvorherrschen, die zusammen 28,5 % der Fläche Kasachstans ausmachen, wachsen viele Getreidepflanzen und Gräser. Über 14 % des Territoriums erstrecken sich Halbwüsten. Hier trifft man auf deutlich geringeren Artenreichtum als in den Steppen. Als Naturraum am weitesten verbreitet sind in Kasachstan die Wüsten. Hier wachsen nur trockene, kleinwüchsige Pflanzen mit langen Wurzeln. In Kasachstan leben Angehörige von mehr als 50 ethnischen Gruppen mit heute jeweils mehr als 1.000 Angehörigen. Die größte Ethnie bilden laut Zensus 2009 mit 63 % der Bevölkerung die turksprachigen Kasachen. Die größte Minderheit bilden die Russen.

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Seitenzahl: 357

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Andreas Model

Die schönsten Märchen aus Kasachstan

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorbemerkung

Das Pferd des Khans Shanibek

Der Esel als Sänger

Der gekaufte Traum

Der Hellseher

Der Khan Sulejmen und der Vogel Baigys

Der Reiche und der Arme

Der Schmied und seine treue Frau

Der tapfere Esel

Der weise Shirensche und die schöne Karaschasch

Der Zaubergarten

Die Brüder wandern durch die Welt

Die Legende von Adak

Die schöne Aislu

Die schöne Mirshan und der Herrscher des Unterwasserreichs

Die Tochter des Holzfällers

Drei Freunde

Drei Jäger

Ein sonderbarer Name

Kadyrs Glück

Nurshans Söhne

Tepen Kok

Vierzig unglaubliche Geschichten

Von dem Guten und dem Bösen

Warum Aldar-Kosse bartlos war

Warum die Schwalbe einen gegabelten Schwanz hat

Wie Aldar-Kosse Alascha-chan ausspielte

Wie Aldar-Kosse bei Alascha-chan in Dienst kam

Wie Aldar-Kosse bei dem Geizhals Schigaibai zu Gast war

Wie Aldar-Kosse das Lied in Schutz nahm

Wie Aldar-Kosse dem Bei einen gelehrten Hasen verkaufte

Wie Aldar-Kosse dem Tod entkam

Wie Aldar-Kosse den Dschinn vertrieb

Wie Aldar-Kosse den Teufel überlistete

Wie Aldar-Kosse der Verfolgung entkam

Wie Aldar-Kosse drei Riesen besiegte

Wie Aldar-Kosse einem Bei beibrachte Esel zu züchten

Wie Aldar-Kosse einen armen Dshigiten verheiratete

Wie Aldar-Kosse einen Bei kurierte

Wie Aldar-Kosse einen geizigen Mullah bestrafte

Wie Aldar-Kosse einen löcherigen Tschapan gegen einen Fuchspelz tauschte

Wie Aldar-Kosse einen Raufbold bändigte

Wie Aldar-Kosse einen Richter um Rat fragte

Wie Aldar-Kosse einen stolzen Mann beschämte

Wie Aldar-Kosse einer Witwe aus der Not half

Wie Aldar-Kosse Knechte bewirtete

Wie Aldar-Kosse seinen Weg begann

Zwei Spitzbuben

Impressum neobooks

Vorbemerkung

Märchen sind Prosatexte, die von wundersamen Begebenheiten erzählen und in allen Kulturkreisen auftreten. Seit jeher sind sie eine wichtige und sehr alte Textgattung in der mündlichen Überlieferung überall auf der Welt. Fast jeder von uns ist mit dieser Erzähltradition aufgewachsen und sie ist ein Teil unserer Menschwerdung.

In diesem Buch finden Sie die schönsten Märchen aus Kasachstan. Sie spiegeln die Vielfalt und Vitalität der dort ansässigen Menschen wieder und vermitteln uns einen Eindruck von der Faszination dieses uns so fremden Landes.

Und jetzt wünsche ich Ihnen, ob jung oder alt, eine unterhaltsame und zuweilen vielleicht auch lehrreiche Lektüre dieser so verschiedenen Märchen aus Kasachstan, die uns auch in besonderer Weise die Eigenheiten dieses Landes und seiner Menschen aufzeigen.

Das Pferd des Khans Shanibek

Der Khan Shanibek hatte einen Rassehengst - ein richtiger Wirbelwind. Er war der ganze Stolz des Khans und ihm das Liebste auf der ganzen Welt.

Eines Tages wurde der Hengst krank. Der Khan wusste nicht ein noch aus vor Kummer. Er ließ alle Staatsgeschäfte ruhen, trank nicht, aß nicht und schlief nicht.

An alle erging eine furchtbare Drohung: »Wenn es einer zu sagen wagt, mein Lieblingspferd sei tot, jage ich ihm einen Pfahl durch die Kehle.« Schrecken verbreitete sich unter den Hofleuten. Die Diener des Khans wagten kaum zu atmen. Die Pferdeknechte ließen das Pferd keine Minute aus den Augen. Das Pferd aber starb schon bald.

Jetzt gab es keine Hoffnung mehr.

Alle erwarteten den Tod. Die Männer sagten ihren Frauen, die Eltern ihren Kindern Lebewohl.

Da begab sich der weise Shirensche-Scheschen zum Khan. Dieser starrte ihn mit erloschenen Augen an. »Du willst von meinem Pferd sprechen?«

»Ja, großer Khan.«

»Was ist mit meinem Pferd? Antworte!«

»Oh, mein Gebieter! Sei ruhig. Mit dem Pferd ist nichts geschehen. Es hat sich nicht verändert, nur will es kein Futter, schlägt die Augen nicht auf, bewegt die Beine nicht und wedelt nicht mit dem Schwanz.«

»Also, ist mein Pferd tot?« rief der Khan. »Ja, so ist es, mein Gebieter! Doch bedenke, dass das verbotene Wort, für das allen eine grausame Strafe drohte, nicht aus meinem, sondern aus deinem Mund kam. Ich glaube nicht, dass du dir selbst den Tod wünschst.«

So wendete der weise Shirensche-Scheschen mit seinen klugen Worten den Zorn des Khans von sich und von den anderen ab.

Der Esel als Sänger

Groß ist die Welt, Menschen gibt es solche und solche, was Wunder, dass irgendwann einmal in einem Aul sorglos der alte Schwätzer Shaksybai lebte. Er besaß einen Esel. Äußerlich unterschied er sich in nichts von anderen Eseln, doch hatte er eine solche Kehle, dass sich sogar die Leute in den Nachbaraulen die Ohren zuhielten, wenn er in seinem Verschlag den Rachen aufriss.

Eines Tages kam Shaksybai in die alte Stadt Turkestan und eilte geradewegs zum Basarplatz. Hier band er seinen Esel an einen Baum und huschte, sein Gewand hochgerafft, in eine Teestube. In einer guten Teestube sind immer viele Leute, und wo viele Leute sind, wird gesprochen, und wo gesprochen wird, wird gestritten, und wo gestritten und gesprochen wird, ist Shaksybai unübertrefflich. Es heißt ja: »Ein Schwätzer hat keinen Verschluss vor dem Mund.«

Lange wartete der Esel vor der Teestube auf seinen Herrn. Die Sonne brannte, die Fliegen summten, die Bremsen stachen schmerzhaft. Der Esel bekam Hunger und Durst. Was tun? Er tat das, was an seiner Stelle jeder aus seiner Sippe getan hätte: Er hob den Schwanz, stellte die Ohren auf, blähte die Nüstern, riss das Maul auf und schrie. Die Leute, die sich in Geschäften und auch einfach müßig auf dem Basar tummelten, erzitterten und drehten sich zu dem Schreihals um. »Na, der hat ja 'ne Stimme!« raunte der ganze Basar. »So eine haben wir in ganz Turkestan noch nie gehört!«

»Das ist mir neu!« freute sich der Esel. »So viele Jahre ziehe ich durch die Welt und erfahre erst jetzt, was ich wirklich wert bin. Ganz Turkestan hat mein Talent anerkannt!«

Fortan glaubte der Esel, er sei tatsächlich als großer Sänger geboren und er überlegte: »Shaksybai will ich nun nicht mehr dienen! Ruhm und Ehre harren meiner. Werden aber dem Ruhm und Ehre zuteil, der auf seinem Rücken Holz schleppt?« In Hitze geraten, zerrte er aus Leibeskräften am Zügel und lief im Galopp aus der Stadt. Ade, alter Schwätzer Shaksybai! Ade, alte Stadt Turkestan!

Der Esel wanderte nun durch die Wüste - die Sonne brannte noch heißer, die Mücken summten noch aufdringlicher, die Bremsen stachen noch schmerzhafter. Der Ausreißer wurde müde, vor Hunger und Durst ganz matt. Weit und breit kein Schatten, kein Grashalm, keine Pfütze. »Schwer ist der Weg zum Ruhm«, seufzte der Esel, »aber Allah hält die schützende Hand über seine Auserwählten.« Und er wanderte weiter.

Plötzlich sah er - zu seinem Glück oder zu seinem Unglück - einen großen eingezäunten Garten. An einer Stelle war die Umzäunung nicht dicht, und durch die Lücke waren schattige Bäume, einladende, mit jungem Gras bedeckte Wiesen und blinkende Wassergräben zu sehen. Die Verlockung war groß, und der Esel zwängte sich in den fremden Garten. Alles auf der Welt vergessend, aß und trank er gierig. Ziemlich lange stampfte er über Wiesen und Blumenbeetebis er endlich bis zum Rülpsen satt war. Dann blieb er stehen, um zu verschnaufen, hob den Kopf und taumelte vor Überraschung.

Aus dem Gebüsch trat eine junge Steppenantilope auf ihn zu, schön wie eine paradiesische Gurija. Auch die Antilope war heimlich in den Garten gedrungen. Seit dem Morgen tummelte sie sich in der Steppe und war bei ihrem ausgelassenen Treiben bis zu der Umzäunung gelangt, hatte sie übersprungen und labte sich nun an dem üppigen Gras. Als sie auf den Esel stieß, wurde sie ebenfalls starr vor Schreck und setzte schon zur Flucht an.

Als der Esel die Antilope sah, verliebte er sich über seine langen Ohren in sie. Sein Herz hüpfte wie eine erschrockene Springmaus. Mit aufgerissenen Augen schaute er die Schöne an und dachte triumphierend: Wahrhaftig, das Schicksal meint es gut mit mir; schenkte mir eine seltene Stimme, rührte mich in den herrlichen Garten und jetzt schickt es mir eine Braut schöner als alle Bräute unter der Sonne! Er wackelte mit den Ohren und knüpfte ein Gespräch an: »Holde Dame! Mit deiner überirdischen Schönheit hast du mich bezaubert, erlaube, dass ich dir ein Lied singe. Wenn du meine süße Stimme hörst, wirst du die Liebe eines großen Sängers gewiss nicht abweisen.« Die Antilope schaute sich nach allen Seiten um und antwortete leise: »Glaubst du nicht, dass es klüger wäre zu schweigen, Esel? Gib Acht, dass uns wegen deiner Dreistigkeit nicht das gleiche Schicksal blüht wie den sieben sorglosen Dieben.«

Und sie erzählte folgende Fabel: »Eines Nachts drangen sieben Diebe in das Haus eines Reichen ein. Sie versteckten sich im Keller zwischen riesigen Fässern mit altem Wein und warteten, bis im Hause alles still wurde, um dann ihrem Diebeshandwerk nachzugehen. Der Weinduft stieg ihnen jedoch in den Kopf, und sie schöpften mit der Hand die edlen Getränke in den Mund. Das endete damit, dass die Diebe in ihrem Rausch vergaßen, wo sie waren, und lauthals lustige Lieder anstimmten. Im Haus hörte man ihr Gegröle, die Wache des Reichen eilte in den Keller und setzte den ungebetenen Gästen arg zu. Wir beide sind doch auch nicht auf Einladung des Herrn in diesen Garten gekommen und laben uns nicht an diesen köstlichen Gräsern, weil er so großzügig ist!« endete die Antilope. »Oh, Antilope, du bist wunderschön«, entgegnete der Esel darauf, »doch bist du in der wilden Steppe aufgewachsen und hast anscheinend wenig schöne Lieder gehört. Ich verbrachte mein ganzes Leben unter Menschen, weilte sogar in Turkestan und darf wohl sagen, dass ich den Gipfel der Kunst erklommen habe. Wenn ich erst einmal mein Lied anstimme, wirst du mich bitten es niemals abzubrechen.«

Die Antilope aber gab zur Antwort: »Wäre es nicht klüger sich in acht zu nehmen und keinen Lärm zu machen? Wer die Vorsicht vergisst, dem ist das Unglück Gewiss so wie jenem unbedachten Holzfäller.« Und die Antilope erzählte diese Fabel: »Ein Holzfäller verspätete sich im Wald, die Nacht brach herein. Plötzlich vernahm er in der Nähe laute Stimmen. Der Holzfäller kletterte hurtig auf einen Baum und versteckte sich in den dichten Ästen. Da kamen drei Dschinnen. Sie setzten sich unter den Baum, stellten ein kostbares Gefäß vor sich und begannen den Schmaus. Als ein Dschinn das Gefäß mit der Hand berührte, füllte es sich bis zum Rand mit wohlriechendem Kumys, den wahrscheinlich niemand außer den Dschinnen je getrunken hat.

Der Morgen dämmerte herauf, die Dschinnen versteckten das Zaubergefäß unter dem Baum und verschwanden in verschiedenen Richtungen. Der Holzfäller kletterte rasch herunter, nahm das Gefäß und rannte aus dem Wald. Zu Hause lud er alle Verwandten und Nachbarn ein und brüstete sich mit dem erbeuteten Schatz. Er berührte das Gefäß mit der Hand, und der duftende Kumys ergoss sich in Strömen in die hingehaltenen Schalen. Der Holzfäller war vor Freude so toll, dass er sich das Gefäß auf den Kopf stellte und mit Gekreisch in der Jurte herumdrehte. Er stolperte, das Zaubergefäß fiel herunter und zerbrach. Pass auf, Esel, dass uns wegen deiner Unvernunft nicht dieses süße Gras entgeht.«

Der Esel seufzte und sagte verdrießlich: »Oh, Antilope, die Natur hat dich über alle Maßen mit Schönheit beschenkt, in deine Brust aber ein hartes Herz gelegt. Aber ich bin sicher, die herrlichen Klänge meines Gesangs erweichen dein grobes Wesen und wecken in dir edle Gefühle.« Die Antilope überredete den Esel weiterhin: »Esel, besinne dich, bevor es zu spät ist, und schone deine Stimme für den Basar in Turkestan. Denn oftmals bringt uns ein einziger Ton, der zu ungelegener Zeit von den Lippen kommt, unwiderrufliches Unheil. Das vergaß der junge Kaufmann, und er musste es bitter bereuen.«

Und die Antilope erzählte noch eine Fabel: »Ein junger Kaufmann, der auf einem Fest gezecht hatte, kehrte um Mitternacht durch die dunklen Straßen einer großen Stadt heim. Seine Taschen waren voller Gold. Was, wenn mich Diebe anfallen und meinen Reichtum rauben? überlegte der Kaufmann erschrocken. Um sich Mut zu machen, begann er laut mit sich selbst zu reden: ›Sollen mir die gemeinen Räuber nur unter die Augen kommen! Ich werde schnell mit ihnen fertig. Fürchte selbst den Teufel nicht!‹ Eine Landstreicherbande lauerte den Nachtschwärmern auf einer Straße nebenan auf. Die Kerle hörten die Worte des Kaufmanns, überfielen ihn, raubten ihm Geld und Gewand und ließen ihn splitternackt durch die Stadt laufen. Esel, es wird nun höchste Zeit, dass wir, wenn wir kein Unglück heraufbeschwören wollen, diese sinnlosen Gespräche beenden und uns vorsichtig aus dem fremden Garten stehlen.«

Da rief der Esel: »Oh, Antilope, grausame Schöne! Wie kannst du fordern, dass ich schweige, wo sich doch das Lied für die Liebste aus der Brust ringt und schon in die Kehle steigt?!« Mit diesen Worten schloss er die Augen, wie es berühmte Sänger tun, riss das Maul auf, wie alle Esel zu einer bestimmten Stunde, und ihm entfuhr ein wilder Schrei. Die Antilope schreckte zurück, war mit einem Satz über dem Zaun und eilte mit dem Wind im Wettlauf in die Steppe. Der Esel, der nichts merkte, schrie weiter. Der Herr des Gartens lief mit einem dicken Knüppel in der Hand herbei und schlug den Esel windelweich, so dass der noch verzweifelter brüllte und halbtot über den Zaun setzte. Langsamen Schritts und mit hängendem Kopf trottete der Esel davon.

Die Nacht brach herein. Der Vollmond stand am Himmel. Da warfen alle Steppenwölfe die Köpfe in den Nacken und heulten, nach dem Brauch ihrer Väter und Urväter, in allen Tonarten. Der Esel hatte nie in seinem Leben Wölfe gesehen und nie ihr Geheul gehört. Er blieb stehen, lauschte und sprach kennerhaft: »Das wollen Sänger sein! Mit meiner Stimme übertöne ich diesen jämmerlichen Chor.« Mit furchtbarem Pfeifen und Quietschen ließ er so viel Luft in die Lungen, wie es nur ging, und brüllte so laut, dass es in seinem eigenen Kopf dröhnte. Die Wölfe wurden vor Staunen sofort still: Woher kam mitten in der Nacht in der Steppe ein Esel? Wie auf ein Zeichen stürzten sie los und entdeckten sofort die Beute und damit endete die Geschichte des Esels.

Wenn ihr unbedingt noch eine Geschichte von Shaksybai hören möchtet, dann lauft, so schnell ihr könnt, in die alte Stadt Turkestan, sucht dort eilends den großen Basar und auf dem Basar die belebteste Teestube und tretet ohne Zögern ein. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Shaksybai, der seinen Esel vergessen hat, dort noch immer auf einer weichen Filzmatte sitzt, eine Schale Tee nach der anderen trinkt und allerlei glaubwürdige und unglaubwürdige Geschichten schwatzt. Der kann euch allerlei von sich selbst erzählen, ihr braucht nur zuzuhören.

Der gekaufte Traum

Sarsembai wuchs als Waisenjunge auf. Er hatte weder Vater noch Mutter. Sein Leben war hart. Er verdingte sich bei einem reichen Bei als Schafhirte. Dafür versprach ihm der Bei im Herbst ein lahmes Schaf. Sogar darüber freute sich der Hirte. So hütete er die Herde, aß die Reste vom Tisch des Beis und wartete auf den Herbst. Wenn der Herbst kommt, erhalte ich das lahme Schaf und werde endlich wissen, wie ein Stück Fleisch schmeckt.

Eines Tages trieb Sarsembai die Schafe auf eine frische Weide. Da sprang auf einmal ein Wolf aus dem Busch und sprach: »Her mit einem Hammel! Tust du es nicht, zerreiße ich zehn von deinen Schafen.«

»Wie kann ich dir einen Hammel geben, die Herde gehört doch nicht mir. Der Bei erschlägt mich dafür.« Der Wolf überlegte eine Weile und sprach: »Ich bin sehr hungrig. Geh zum Bei und bitte bei ihm um einen Hammel für mich.«

Sarsembai ging zu seinem Herren und erzählte alles. Der Bei überlegte: Zehn sind mehr als einer; ein Hammel ist billiger als zehn. Zum Hirten sagte er: »Soll der Wolf einen Hammel haben. Aber er darf ihn nicht aussuchen. Verbinde ihm die Augen. Welchen er greift, der soll ihm gehören.«

Sarsembai tat, wie ihm geheißen. Der Wolf stürzte sich mit verbundenen Augen auf die Hammelherde und biss einem Schaf die Gurgel durch. Es gibt ein Sprichwort: »Ein Stock in der Steppe dringt dem Unglücklichen in die Stirn.« Es kam nämlich so, dass der Wolf jenes lahme Schaf zerriss, das der Herr Sarsembai versprochen hatte. Sarsembai weinte bitterlich. Der Wolf bekam Mitleid. »Nichts zu machen, Hirte«, sagte er. »Das Schicksal will es so. Ich lasse dir das Fell. Vielleicht verkaufst du es günstig.« Sarsembai warf sich das Schaffell über die Schulter und trieb die Herde weiter.

Da kam ihm der Bei auf dem roten Fuchs entgegen. Er stellte sich auf die Steigbügel und zählte die Schafe und die Hammel. Die Herde war vollzählig, nur fehlte das lahme Schaf Sarsembais. Da war auch schon Sarsembai in Sicht. Er lief hinter der Herde her, in der Hand den Hirtenstab, auf der Schulter das Schaffell, Tränen im Gesicht. Da lachte der Bei so laut, dass sogar das Pferd unter ihm zitterte. »Das ist mir ein schöner Hirte! Konnte sein eigenes Schaf nicht hüten. Und er wird auch auf meine nicht aufpassen... Fort aus meinen Augen! Wir sind quitt.«

Nun trottete Sarsembai durch die Steppe, immer dem Schatten seines Hirtenstabes nach. Er geriet in eine ferne Stadt und begab sich auf den Basar. Lange drückte er sich in dem Menschengewimmel herum, doch niemand fragte nach dem Preis des Schaffells. Erst gegen Abend verkaufte er es für drei kleine Münzen. »Für drei Münzen kann ich mir drei Brotfladen kaufen, von drei Brotfladen drei Tage leben. Komme, was da wolle!« Er lief zu den Brotläden, unterwegs begegnete ihm ein kranker Alter, der um ein Almosen bat. Sarsembai gab ihm eine Münze und behielt die zwei übrigen für sich. Der Alte nickte mit dem Kopf, bückte sich und hob eine Handvoll Sand auf, die er dem Jungen hinhielt. »Nimm das als Dank für deine Güte«, sagte er. Sarsembai glaubte, der Bettler hätte den Verstand verloren, wollte den alten Mann aber nicht kränken, nahm deshalb den Sand und schüttete ihn in die Tasche.

Die Nacht brach an. Es wurde dunkel. Wo sollte der heimatlose Hirte sich zur Ruhe legen? In einer Karawanserei bat er um ein Nachtlager. Der Besitzer ließ ihn ein, forderte aber Bezahlung, und Sarsembai gab ihm eine Münze. Alle anderen Mieter ließ der Wirt auf Teppichen und Filzmatten schlafen, nur Sarsembai musste sich auf den blanken Fußboden legen. Der hungrige Bursche schlief schlecht, auf dem kalten harten Boden hatte er schlimme Träume.

Am frühen Morgen wurde es laut in der Karawanserei, im Hof eilten Leute geschäftig hin und her. Fremde Kaufleute, die sich zum Weg rüsteten, bepackten die Kamele. Dabei unterhielten sie sich. Einer sagte: »Ich hatte in dieser Nacht einen wunderschönen Traum: Wie ein Khan lag ich auf einem prunkvollen Ruhebett, die helle Sonne neigte sich über mich, auf meiner Brust aber spielte der klare Mond...« Sarsembai trat an den Kaufmann heran und sprach: »Noch nie habe ich einen schönen Traum gehabt, Onkelchen, verkaufe mir deinen Traum! Es soll mein Traum sein.«

»Den Traum verkaufen?« fragte der Kaufmann spöttisch. »Was gibst du mir dafür?«

»Ich habe nur eine Münze - eine einzige.«

»Her damit!« rief der Kaufmann. »Die Sache ist abgemacht. Nun gehört der Traum dir, mein Junge.« Der Kaufmann lachte noch lauter, und alle anderen fielen in sein Lachen ein. Der Hirte aber, mit seinem Kauf sehr zufrieden, lief hopsend vom Hof.

Viele Wege ging Sarsembai, kam durch viele Aule, aber nirgends fand sich Arbeit für ihn, keiner reichte ihm eine Schale Airan. Es war Winter geworden. In dunkler Nacht irrte Sarsembai durch die Steppe und hauchte sich die Finger warm. Der böse Wind stieß ihn hin und her, der Wirbelsturm drehte ihn im Kreis. Sarsembai weinte und die Tränen froren ihm am Gesicht an. Kraftlos sank er in den Schnee und stammelte verzweifelt: »Weshalb diese Pein, hätten mich doch nur die Wölfe zerfleischt!« Kaum hatte er das gesagt, da stand ein riesiger Wolf vor ihm: das Fell gesträubt, die Augen runkelten! »Endlich Beute!« heulte der Wolf. »Da werden sich meine Kleinen freuen.«

»Töte mich, Wolf«, sagte der Junge still. »Sollen sich deine Kinder freuen. Der Tod ist für mich schöner als das Leben.« Der Wolf rührte sich aber nicht von der Stelle und schaute den Jungen unverwandt an. Endlich stieß er aus: »Bist du nicht Sarsembai, der mir das lahme Schaf gegeben hat? Guten Tag, ich habe dich erkannt. Fürchte dich nicht, ich tue dir nichts zuleide, ich will dir sogar dein Leben retten. Setze dich auf mich und halte dich fest!«

Sarsembai setzte sich auf den Wolf, und der trug ihn durch hohen Schnee bis zum Rand eines tiefen Waldes und sprach: »Siehst du das Lichtlein dort in der Feme? Dort brennt ein Lagerfeuer. Da haben Räuber Rast gemacht. Jetzt sind sie weiter geritten und kommen nicht so bald zurück. Gehe hin und wärme dich an dem Feuer. Am Morgen wird es vielleicht wärmer. Lebe wohl!«

Der Wolf verschwand, und Sarsembai eilte zum Feuer. Er wärmte sich und fand zur Stärkung ein paar Knochen, die die Räuber ins Feuer geworfen hatten.

Vor Glück hätte er am liebsten ein Lied angestimmt. Was braucht ein Armer mehr zum fröhlich sein?

Der Morgen graute, das Feuer brannte nieder und verlosch. Als das Holz verkohlt war, steckte der Junge die Hände in die warme Asche. Das war eine Wohltat! Er grub sie immer tiefer hinein und stieß plötzlich mit den Fingern an etwas Hartes.

Sarsembai zog es aus der Asche, und ein Schrei der Verwunderung kam von seinen Lippen. Ein goldenes Kästchen! Das Herz schlug dem Jungen höher. Was mochte darin sein?

Sarsembai klappte den Deckel auf. Sogleich zeigte sich der Rand der Sonne über der Erde, und der erste Strahl fiel auf das Kästchen. Sarsembai schrie auf und kniff die Augen zu, weil es so glänzte. Das Kästchen war über und über voll mit Edelsteinen. Der Hirte drückte das Kästchen an sich und lief außer sich vor Freude in den Wald. Wenn ich nur bald an ein Haus käme, dachte er. Vorbei die Not! Mein Schatz reicht für hundert Leute.

Der Wald aber wurde immer dichter und dichter. Sarsembai bekam Angst, er bereute schon, dass er so tief ins Dickicht des Waldes gelaufen war. Was fange ich hier mit dem Schatz an?

Da schimmerte zwischen den Baumstämmen Licht, und der Junge trat auf eine große Wiese. In der Mitte stand an einem fließenden Bach eine große weiße Filzjurte. Wer mag hier wohnen, überlegte Sarsembai. Werden sie einem hilflosen armen Teufel nichts zuleide tun? Sarsembai versteckte das goldene Kästchen in der Höhle einer alten Eiche und betrat die Jurte. »Guten Tag!« sagte er.

In der Jurte brannte das Herdfeuer, davor kauerte, den Kopf gesenkt und in Gedanken versunken ein Mädchen. Als es den Fremdling sah, sprang es auf und starrte ihn überrascht und erschrocken an. »Wer bist du Bursche, wo kommst du her?« fragte es schließlich. Sarsembai verschlug es die Sprache. Nie zuvor hatte er ein so schönes Mädchen gesehen, nur in den Liedern der Akynen wird von solchen gesungen. Es musste wohl großen Kummer haben, denn ihr Blick war traurig und das Gesicht schneeweiß.

Sarsembai fasste sich und sprach: »Ich bin der Waisenjunge Sarsembai. Irre durch die Welt und suche Arbeit, ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen, habe mich verirrt und bin auf deine Jurte gestoßen. Und wer bist du, Mädchen?« Das Mädchen trat auf ihn zu und sprach, vor Erregung bebend: »Ich heiße Altyn-kys, ich bin das unglücklichste Mädchen unter der Sonne. Aber was kümmert dich mein Los, Sarsembai? Du schwebst selbst in furchtbarer Gefahr. Lauf, so schnell dich deine Beine tragen, fort von hier, wenn du den Weg aus diesem verwunschenen Ort findest. Weißt du, wohin dich deine Not geführt hat? Das ist die Jurte der blutrünstigen Shalmauys-Kempir. Sie muss jeden Augenblick heimkehren. Dann ergeht es dir schlecht... Rette dich, bevor es zu spät ist...«

Da war draußen auch schon Getöse, Gezische und Gestampfe zu hören. Das Mädchen wurde noch bleicher. »Zu spät!« sagte es entsetzt, fasste Sarsembai bei der Hand, zog ihn vom Feuer weg und deckte ihn mit einer Filzmatte zu. Von seinem Versteck aus sah Sarsembai durch eine kleine Ritze alles, was sich in der Jurte zutrug. Die Tür flog auf und ein rotlippiges Ungeheuer, die schreckliche Shalmauys-Kempir stürzte in die Jurte. Sie hatte eine Hakennase, die Haarzotteln hingen ihr herunter und sie fletschte die Zähne wie eine Wölfin. Mit ihren kurzsichtigen Augen schaute sie sich in der Jurte um, setzte sich ans Feuer, hielt ihre knochigen schwarzen Finger in die Flamme. So saß sie eine Weile da und schnaufte schwer. Altyn-kys stand unbeweglich ein wenig abseits und rührte sich nicht.

Nachdem sich die Hexe gewärmt hatte, krächzte sie: »Komm mal her zu mir, Altyn-kys.« Vor Angst zitternd, machte das Mädchen einen kleinen Schritt zu der alten Hexe, blieb stehen, diese aber packte es mit ihren krummen Fingern und zog es zu sich heran. Altyn-kys stöhnte vor Schmerz. Sarsembai preßte die Fäuste zusammen und war schon drauf und dran, sich auf die Alte zu stürzen, aber in dem Augenblick kreischte diese auf, stieß das Mädchen von sich und schrie: »Du Nichtswürdige! Warum wirst du immer bleicher und magerer?! Weißt du denn nicht, weshalb ich dich in meiner Jurte halte? Ich hätte dich längst essen sollen, aber ich verschiebe es von Tag zu Tag, warte, bis du dich endlich besinnst und dicker wirst. Also höre und merke dir: Wenn du auch morgen noch so mager bist, brate ich dich am lebendigen Leibe auf diesem Feuer!« Damit warf sich die Alte aufs Bett und begann zu schnarchen.

Altyn-kys saß am Feuer und weinte die ganze Nacht. Am Morgen drohte Shalmauys-Kempir dem Mädchen wieder und verließ, auf ihren Krückstock gestützt, die Jurte. Draußen hörte man Getöse, Gezische und Gestampfe, dann wurde es still. Sarsembai trat hinter der Filzmatte hervor und sagte: »Erzähle mir, wie du zur Sklavin dieser blutrünstigen Shalmauys-Kempir geworden bist.« Und Altyn-kys hob an: »In meinem Heimataul lebte ich mit Vater und Mutter in Freude und Zufriedenheit. Eines Tages fuhren die Eltern zu Besuch. Beim Abschied sagte der Vater: ›Liebe Altyn-kys, du bleibst den ganzen Tag allein. Sei ein braves Mädchen, gehe nicht hinaus und lasse niemanden ein.‹ Mir wurde langweilig in der Jurte und ich trat hinaus. Da kamen fröhliche Freundinnen, überredeten mich, mit ihnen in die Steppe zu gehen und Blumen zu pflücken. Und ich Dumme ging mit.

Da kam eine klapprige Alte, auf einen Krückstock gestützt, auf mich zu. ›Ei, was für ein hübsches, was für ein schönes Mädchen!‹ sagte sie. ›Wohnst du weit von hier?‹ - ›Nein, in der Nähe. Dort steht unsere Jurte.‹ - ›Dann bringe mich zu dir und gib mir einen Schluck Wasser.‹ Ich ahnte nichts Böses, führte sie in den Aul und gab ihr Wasser. Sie aber wollte nicht aus der Jurte und schaute mich unverwandt an. ›Ei, was für ein hübsches, was für ein schönes Mädchen! Ich will dir die Haare kämmen.‹ Ich legte ihr den Kopf auf den Schoß, sie zog einen goldenen Kamm heraus und kämmte mich. Da wurde ich furchtbar müde! Ich schloss die Augen und schlief fest ein. Ob ich lange geschlafen habe, weiß ich nicht, jedenfalls wachte ich in dieser Jurte auf. Inzwischen sind viele Tage vergangen. Seitdem habe ich außer der Shalmauys-Kempir niemanden gesehen. So lebe ich nun Tag für Tag in Erwartung des Todes.«

Als Altyn-kys geendet hatte, flehte sie Sarsembai abermals unter Tränen an, er solle weglaufen, ehe Shalmauys-Kempir zurückkommt. Aber Sarsembai lächelte nur zärtlich, dann umarmte er sie wie seine Schwester und sagte: »Ich lasse dich nie allein, Altyn-kys. Wir gehen zusammen fort.«

»Danke für die guten Worte, Sarsembai«, sagte Altyn-kys, »aber das wird sich nie erfüllen. Shalmauys-Kempir holt uns ein, und wenn sie uns nicht einholt, erfrieren wir irgendwo im Schnee.«

»Wir warten den Frühling ab und laufen fort.« Altyn-kys seufzte kummervoll. »Die Tapferen sind oft unbesonnen«, sagte sie. »Du hast wohl vergessen, dass Shalmauys-Kempir mich heute tötet.«

»Nein, Altyn-kys, du wirst nicht sterben!« rief der Junge hitzig. »Ich habe mir alles gut überlegt. Shalmauys-Kempir ist schlau, wir wollen aber versuchen sie zu überlisten. In der Jurte ist es dunkel, ich ziehe dein Kleid an und gehe heute statt deiner zu ihr! Ich bin größer und kräftiger als du. Vielleicht glückt es uns die Alte zu übertölpeln und bis zu den warmen Tagen durchzuhalten.«

Altyn-kys wehrte mit den Armen ab und sagte, dass sie nie und nimmer ein solches Opfer von Sarsembai annehmen könne. Der Hirt aber blieb fest und unbeugsam. »Altyn-kys, wenn du dich widersetzt, gehe ich noch heute in den Kampf gegen Shalmauys-Kempir und sterbe früher als du!« Da gab das Mädchen nach. Sie wechselten ihre Kleidung; Altyn-kys versteckte sich hinter der Filzmatte, Sarsembai setzte sich an ihrer Stelle ans Feuer.

Da war auch hinter der Tür schon das Getöse, Gezische und Gestampfe zu hören und in die Jurte stürzte das rotlippige Ungeheuer - die furchtbare Shalmauys-Kempir. Nachdem sie sich am Feuer die Hände gewärmt hatte, krächzte sie: »Altyn-kys, komm mal zu mir!« Sarsembai näherte sich tapfer der Alten. Sie betrachtete ihn mit kurzsichtigen Augen und murmelte vor sich: »Es sieht so aus, als wärst du heute ein Stückchen gewachsen!« Ohne den Betrug zu ahnen, betastete sie Sarsembai, zwickte ihn und sagte kichernd: »Ach, du listiges Ding! Habe mir ja gleich gedacht, dass du mich zum Narren hältst. Brauchte dir nur gehörig zu drohen, und gleich bist du wie verändert! Wenn es so ist, wollen wir noch ein bisschen warten damit du weiter Fett ansetzen kannst.«

So vergingen die Tage und Nächte - bittere Tage und unruhige Nächte. Endlich hielt der Frühling Einzug. Die Quelle raunte, die Vögel zwitscherten, die Blumen blühten. Da sprach Sarsembai zu seiner Freundin: »Meine liebe Altyn-kys! Jetzt ist es Zeit, dass wir uns zur Flucht rüsten. Shalmauys-Kempir ist noch böser als vorher. Ob sie unsere Absichten ahnt? Wenn die alte Hexe von mir erfährt, ergeht es uns schlecht, dann sind wir beide verloren. Ich will einen Bogen schnitzen, auf Jagd gehen und Beute machen, damit wir unterwegs nicht verhungern. In drei Tagen komme ich heimlich zurück und wir stehlen uns fort.«

»Tue, wie du es für richtig hältst, Sarsembai«, antwortete das Mädchen mit Tränen in den Augen. »Aber gib Acht auf dich bei der Jagd, kehre gesund und heil zurück.«

»Weine nicht, Altyn-kys, betrübe mich nicht«, sagte Sarsembai. »Wenn du Sehnsucht hast, gehe zur Quelle, blicke aufs Wasser. Siehst du Gänsefederchen schwimmen, bin ich am Leben und gesund, und schicke dir aus der Ferne einen Gruß.«

Sie nahmen Abschied. Altyn-kys begleitete den Freund ein kleines Stückchen und lief rasch zurück, sie fürchtete, Shalmauys-Kempir könne unverhofft zurückkommen. Sarsembai ging indessen immer weiter den Bach entlang.

Am ersten Tag erlegte er drei Wildgänse. Er rupfte sie und warf die Gänsefederchen ins Wasser. Am zweiten Tag erlegte er wieder drei Gänse und warf wiederum die Federchen ins Wasser.

Dann am dritten sah Sarsembai ein Hirschlein auf der Wiese stehen, über ihm kreischten schwarze Krähen. Sie wollten dem kleinen Hirsch die Augen auspicken. Der Junge bekam Mitleid mit dem Hirschjungen und verscheuchte die Krähen. Da sprang der alte Hirsch herbei. »Danke, Sarsembai, ich will dir diesen Dienst lohnen!« sagte er.

Sarsembai zog weiter seines Weges. Da hörte er es herzzerreißend blöken. Er schaute in eine Grube, dort lag ein Archar-Lämmchen, zappelte und jammerte, kam aber nicht heraus. Der Junge zog es heraus. Der alte Archar-Bock lief herbei und sprach: »Danke, Sarsembai. Ich will dir deinen Dienst lohnen!« Sarsembai ging weiter. Was war das für ein Gepiepse? Ein nacktes Adlerkücken war aus dem Nest gefallen. Der Junge bekam Mitleid mit ihm, hob es auf und setzte es ins Nest zurück. Da kam der alte Adler geflogen. »Danke, Sarsembai. Ich will dir deinen Dienst lohnen.«

An diesem Tag hatte Sarsembai nichts erjagt. Der Abend rückte näher. Da besann sich der Junge, dass er seit dem Morgen noch kein einziges Federchen ins Wasser geworfen hatte. Sein Herz bebte. Was nur die arme Altyn-kys denken mochte, wenn sie zum Bach ging? Sarsembai lief hastig zurück.

Altyn-kys hatte unterdessen auf ihn gewartet und sich nach ihm gesehnt. Kaum war Shalmauys-Kempir weg, eilte sie zur Quelle. Das Wasser rieselte und trug Gänsefedern mit sich. Das Mädchen lächelte: »Sarsembai lebt!« Nun kam der dritte, der letzte Tag der Trennung. Altyn-kys stand an der Quelle, starrte eine, die zweite, die dritte Stunde aufs Wasser. Der Bach säuselte, das Wasser floss, aber es trug keine Gänsefeder mit sich. Das Mädchen sank am Ufer nieder, hielt die Hände vors Gesicht und weinte bitterlich: »Sarsembai ist nicht mehr am Leben! Der tapfere Bursche ist tot und weiß nicht, dass ich bereit wäre tausendmal zu sterben, wenn er nur am Leben bliebe und glücklich würde.«

Das arme Mädchen weinte und grämte sich, dabei merkte es nicht, dass Shalmauys-Kempir schon ganz nahe war und sich wutschnaubend heranschlich. Die Alte packte ihre Gefangene an der Schulter und schleppte sie in die Jurte, um sich an ihr zu rächen. »Jetzt bin ich dir hinter die Schliche gekommen!« kreischte sie. »Wolltest fortlaufen? Hast einen Beschützer gefunden? Wisse, mir entgehst du nicht, und keiner rettet dich. Dein Ende ist da! Jetzt beiße ich dich tot!«

Plötzlich polterte die Tür und schlug weit auf: An der Schwelle stand Sarsembai. Altyn-kys stürzte zu ihm, warf sich ihm an den Hals, die Alte aber hielt sie fest, ließ sie nicht aus der Hand. »Halt ein, Shalmauys-Kempir!« rief der Junge. »Höre mich an: Lasse Altyn-kys frei, ich verspreche dir viel Lösegeld.«

»Lösegeld? Lösegeld willst du mir geben? So ein frecher Bursche! Was für Lösegeld kannst du mir geben, du Vagabund?« Da holte Sarsembai das goldene Kästchen aus der Baumhöhle und öffnete es vor der Alten. Als Shalmauys-Kempir den Schatz sah, kreischte sie auf vor Gier und ließ das Mädchen frei. Die Habsucht hatte über die Bosheit gesiegt. »Nimm das Mädchen, nimm es! Gib mir deine Steinchen!«

Aber so einfältig war Sarsembai nun auch wieder nicht, dass er der Alten das Kästchen in die Hände gegeben hätte. »Hier sind die Steinchen, du alte Hexe, sammle sie auf!« rief der Junge und verstreute die Edelsteine in alle Richtungen. Sie rollten leuchtend wie Sterne über den Boden. Shalmauys-Kempir sammelte sie gierig in ihre Schürze, Sarsembai packte die Hand des Mädchens und eilte davon. Sie rannten über die Wiese ohne auf den Weg zu achten und liefen durch den Wald ohne sich umzuschauen. Die Äste schlugen ihnen ins Gesicht, Zweige zerrissen ihnen die Haut, Baumstämme und Baumstümpfe versperrten ihnen den Weg. Altyn-kys hatte keine Kraft mehr, sie war ganz zerstochen, ihre Zöpfe waren zerzaust, sie wischte mit dem Ärmel den Schweiß vom Gesicht.

Plötzlich hörten die Fliehenden hinter sich Getöse und Gezische; die Erde bebte, die Bäume stürzten um, Shalmauys-Kempir jagte ihnen nach. »Schneller, schneller, Altyn-kys!« rief Sarsembai. »Jetzt sind unsere Beine die einzige Hoffnung.« Altyn-kys entgegnete: »Ich habe keine Kraft mehr, Sarsembai. Es schwindelt mir, die Beine wollen mich nicht mehr tragen. Laufe allein weiter! Während Shalmauys-Kempir mich verschlingt, entkommst du ihr.«

»Was sagst du da, Altyn-kys? Ich lasse dich nie allein! Du bist mir das Teuerste auf der Welt.«

Und sie liefen weiter. Shalmauys-Kempir kam immer näher... Schon war ihre Stimme zu hören, sie fluchte und drohte: »Ich hole euch doch ein! Ich fresse euch doch auf!« Altyn-kys stürzte, atmete nur noch schwach und flüsterte leise: »Lebe wohl, Sarsembai! lass mich liegen, rette dich. Ich bin verloren.« Da begann der Junge zu weinen: »Wenn wir schon sterben müssen, dann gemeinsam!« Er hob das Mädchen auf, nahm es auf den Rücken und hastete weiter.

Plötzlich sprang, wie aus dem Boden gestampft, der alte Hirsch herbei und sagte: »Ich habe dich nicht vergessen, Sarsembai. Setzt euch auf mich und haltet euch an meinem Hals fest: Mich holt die verdammte Alte nicht ein.« In Windeseile trug der alte Hirsch sie hoch in die Berge. »Hier findet euch Shalmauys-Kempir nie und nimmer.« Die Kinder setzten sich, eng aneinandergedrückt, an den Fuß eines Berges, doch kaum hatten sie ein wenig ausgeruht, da wirbelten Staubwolken auf, und Shalmauys-Kempir jagte ihnen mit Kreischen und Heulen nach. Sarsembai sprang auf, stellte sich schützend vor seine Freundin, nahm einen spitzen Stein in die Hand und rüstete sich zur Schlacht.

Da stand, wie aus dem Boden gestampft, plötzlich der alte Archar-Bock vor ihnen und sprach: »Ich habe dich nicht vergessen, Sarsembai. Setzt euch auf meinen Rücken und haltet euch an meinem Geweih fest, ich rette euch aus der Not.« Shalmauys-Kempir lief bis zum Berg, der Junge und das Mädchen waren schon auf dem Gipfel. Da wurde die alte Hexe fuchsteufelswild und nagte den Berg an, grub ihn mit den Krallen aus. Der Berg geriet ins Schwanken, drohte jeden Augenblick einzustürzen.

Da flog plötzlich der Adler herbei und sprach: »Ich habe dich nicht vergessen, Sarsembai. Setzt euch rasch auf mich. Sarsembai, du hast mein Junges gerettet, also will auch ich euch retten.«

Die Kinder sprangen auf den Adler, der erhob sich in die Lüfte, im selben Augenblick stürzte der Berg ein und begrub die böse Shalmauys-Kempir unter sich.

Der Adler flog einen Tag, der Adler flog eine Nacht. Er flog unter den Wolken, er flog über den Wolken. Dann ließ er sich in einem Steppenaul nieder. Altyn-kys schaute sich um und rief freudig: »Das ist ja mein Heimataul!« Der Vater und die Mutter, die den Ausruf des Mädchens hörten, eilten herbei, umarmten und küssten ihre Tochter. »Wo bist du nur so lange gewesen, Altyn-kys? Was für ein Unglück ist dir zugestoßen. Töchterchen? Wem haben wir deine Rettung zu verdanken?« Das Mädchen erzählte alles und wies auf Sarsembai: »Da steht mein Retter!« Sarsembai schlug vor Scham die Augen nieder. Schmutzig, zerkratzt, barfuss, in zerrissenen Kleidern stand er da. Die Mutter und der Vater fassten ihn bei der Hand, führten ihn in die Jurte, zogen ihm das beste Gewand an und boten ihm den Ehrenplatz an. »Bleib bei uns, lieber Sarsembai, lebe von nun an immer mit uns! Wir wollen dich hegen und pflegen wie ein kleines Kind, werden dich ehren wie einen graubärtigen Greis.«

Die Jahre vergingen. Sarsembai blieb in dem Aul und trennte sich nie von Altyn-kys. Arbeit und Rast, Kummer und Leid - alles teilten sie. Weit und breit fand sich kein Dshigit, der tapferer und würdiger war als Sarsembai; weit und breit fand sich kein Mädchen, das schöner und zärtlicher war als Altyn-kys. Es kam die Zeit, da sie erwachsen und volljährig wurden, heirateten und noch glücklicher waren. Bald schon wurde ihnen ein Sohn, der Stolz des Vaters und die Freude der Mutter, geboren.

Einmal lag Sarsembai nach der Arbeit auf dem würzigen Steppengras, Altyn-kys saß daneben und beugte sich über ihn, den Sohn an der Brust. Sie lachte vor Glück. Und Sarsembai sagte fröhlich: »Nun hat sich jener schöne Traum, den ich in der Kindheit für eine Münze bei einem Kaufmann in der Karawanserei kaufte, erfüllt. Schaut her, Leute: Ich liege auf einem prunkvollen Ruhebett - auf dem geheiligten Boden meiner Heimat; die helle Sonne - du, meine geliebte Altyn-kys - neigt sich über mich; an der Brust spielt mein reiner Mond, unser lieber Sohn, unser Erstgeborener. Welcher Khan würde mich in diesem Augenblick nicht beneiden!«

Sarsembai, der sich an seine traurige Kindheit erinnerte, wollte noch einmal die Lumpen sehen, in denen er einstmals den Bei verlassen, in denen er durch die Welt geirrt, in denen er in der Jurte der blutrünstigen Shalmauys-Kempir seine Altyn-kys getroffen hatte. Seine Frau brachte ihm den zerrissenen Wams. Sarsembai nahm ihn in die Hand und schüttelte nur mit dem Kopf: Ein Loch am anderen, ein Fetzen am anderen. Und zwischen den Löchern eine Tasche und nicht leer. Was war wohl darin? Sarsembai steckte die Hand hinein und holte eine Handvoll Sand heraus. Da erinnerte er sich an den Bettler, dem er auf dem Basar eine kleine Münze gegeben hatte, und ihm fiel das seltsame Geschenk des Alten ein. Seufzend verstreute er den Sand in den Wind. Der Wind verteilte die leichten Sandkörnchen in der ganzen Steppe. Und da standen auf einmal überall Schafherden, Pferdeherden und Kuhherden. Die Sandkörnchen verwandelten sich in mächtige Kamele, wilde Pferde, gute Milchkühe und dicke Hammel.

Die Leute aus dem Aul fragten: »Wem gehören diese unzähligen Herden? Wem gehört dieser märchenhafte Reichtum?« Sarsembai antwortete: »Mir und euch gehören diese unzähligen Herden, mir und euch gehört dieser märchenhafte Reichtum.«

Der Hellseher

In einem Aul war einmal vor langen Zeiten ein armer Mann. All seine Habe bestand aus einer großen Fuchsmütze mit langen Ohrenklappen und einem Pferd. Die Mütze war zerschlissen, doch dafür hatte er ein Pferd, das seinesgleichen suchte. Die Sonne beneidete es um seine Kraft, der Wind beneidete es um seine Schnelligkeit.

In einem anderen Aul lebten zwei Reiche - die älteren Brüder des Armen. Sie besaßen dreißig Pferdeherden, dreißig Schafherden, dreißig Jurten und Teppiche, Geschirr und Waffen im Übermaß. Aber all das brachte ihnen keine Freude. Sie konnten es nicht verwinden, dass der jüngere Bruder ein Pferd besaß, das seinesgleichen suchte, und sannen nur darüber nach, wie sie dem Pferd den Garaus machen könnten.

Eines Tages setzte der Arme seine löchrige Fellmütze auf, sprang aufs Pferd und ritt zu den Brüdern. Als die ihn sahen, wandten sie ihm den Rücken zu, und ihre Gesichter wurden schwarz vor Zorn. Der Arme aber verneigte sich tief vor ihnen und sprach: »Brüder, die Armut ist über mich hereingebrochen, ich will mich als Knecht verdingen, das Pferd aber bindet mich. Könnt ihr es nicht bis zum Herbst in eurer Herde weiden lassen? Euch kostet das nichts, mir aber wird eine Sorge genommen. Im Herbst will ich euren Dienst lohnen.« Die Reichen warfen sich viel sagende Blicke zu, zwinkerten und antworteten dem Armen freundlich und einschmeichelnd: »Lieber Bruder, wir sind immer froh, wenn wir dir helfen können. Lasse dein Pferd bis zum Herbst in unserer Herde. Wir fordern nichts dafür.« Der Arme dankte den Brüdern, führte das Pferd zur Herde und kehrte zufrieden und fröhlich heim.

Der Frühling ging vorüber, der Sommer begann. Der Arme arbeitete als Knecht und war guten Muts: Er war satt und sein Pferd gut aufgehoben. Eines Tages trat ein fremder Mann an ihn heran und erklärte, er wolle ihm unter dem Siegel der Verschwiegenheit eine wichtige Nachricht bringen. Der Arme folgte ihm, und als sie allein waren, gab sich der Fremde als Pferdehirt seiner Brüder zu erkennen und erzählte: »Etwas Furchtbares ist geschehen. Dein Pferd liegt in den letzten Zügen. Deine Brüder haben es zu Tode geritten, es wird wohl kaum noch drei Tage überleben. Ich erbarmte mich deiner und eilte her, um dir das zu sagen. Nur verrate mich nicht bei den Brüdern. Wirst du gefragt, wer dir die Wahrheit sagte, antworte: Ich bin Hellseher, weiß alles, was sich in der Welt tut.« Damit ging der Fremde fort. Der Arme weinte bittere Tränen und begab sich sogleich zu den Brüdern.

Er traf sie unterwegs, beschimpfte und schmähte sie schluchzend: »Habt ihr denn kein Gewissen, dass ihr einem hilflosen Armen so viel Leid zufügt? Was habe ich euch Schlechtes getan, weshalb schindet ihr mein Pferd zu Tode?« Nun wussten die Reichen, dass der Arme alles erfahren hatte, und stritten alles ab. »Du hast anscheinend den Verstand verloren oder bist betrunken! Was faselst du? Dein Pferd lebt, ist gesund und weidet wohlbehalten in unseren Herden.« »Nein, Brüder«, sagte der Arme, »ihr hintergeht mich nicht, ihr habt mein Pferd zu Tode gehetzt, und es überlebt keine drei Tage mehr.«

»Von wem weißt du das?« fragten die Reichen. »Von niemandem. Ich kann jetzt hellsehen und weiß alles, was sich in der Welt tut«, entgegnete er.