Die schönsten Märchen aus Zentralafrika - Andreas Model - E-Book

Die schönsten Märchen aus Zentralafrika E-Book

Andreas Model

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Beschreibung

Märchen sind Prosatexte, die von wundersamen Begebenheiten erzählen und in allen Kulturkreisen auftreten. Seit jeher sind sie eine wichtige und sehr alte Textgattung in der mündlichen Überlieferung überall auf der Welt. Fast jeder von uns ist mit dieser Erzähltradition aufgewachsen und sie ist ein Teil unserer Menschwerdung. In diesem Buch finden Sie die schönsten Märchen aus Zentralafrika. Sie spiegeln die Vielfalt und Vitalität der dort ansässigen und so unterschiedlichen Völker und Stämme wieder und vermitteln uns einen Eindruck von der Faszination dieses uns zuweilen so fremden Kontinents.

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Seitenzahl: 325

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Andreas Model

Die schönsten Märchen aus Zentralafrika

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorbemerkung

Ada, der Waldgeist

Akulenzame, der Mann mit dem Sack

Amaranga

Angonzing und Ndongmba

Bingo

Chamäleon und Gecko

Das Bußgeld des Stachelschweins

Das Erdhörnchen als Richter

Das Mädchen in der Trommel

Das Mädchen und die bösen Liebhaber

Das Mädchen und die Kröten

Das Ohrenschmalz und der Moskito

Der dankbare Affe

Der Eifersüchtige und der Menschenfresser

Der gutmütige Junge und die zahnlose Alte

Der Hund als Retter

Der Junge und das Zaubervögelchen

Der kluge Enkel

Der Mann Gottes als Meisterdieb

Der Mann und die Büffelfrau

Der Mann, die Frau und der Edimo

Der pfiffige Schuldner

Der Schuster und die vierzig Räuber

Der Topf auf Tangas Kopf

Der Tukur und der Falke oder Lügen haben kurze Beine

Der verdoppelte Vater

Die böse Schwiegermutter

Die bösen Schwestern

Die Brüder Mongwäd und Tengwäd

Die drei Freier

Die drei Söhne Adas

Die Elefantenfrau

Die Frau aus der Mpondofrucht

Die gesattelte Hyäne

Die Pflanzentöchter

Die Rohrratte und der Breibaum

Die Schildkröte als Schnellläufer

Die Schildkröte und Uantu bei den Geistern

Die schöne Meküküi

Die verlorene Mahlzeit

Die Zauberschachteln

Die zwei Hörner

Fang keinen Streit an

Kolibri und Elefantenkalb

Kolibri und Webervogel

Limunges Heirat

Mangama und Otetek

Ndangschum und seine Musik

Sieben Jahre im Mutterleib

Sonne, Mond und Sterne

Uantu und der Büffeljäger

Vom Blitz und seinen Söhnen

Vom Mädchen, das einen Leoparden heiratete

Vom Mann, der die Sprache der Hühner verstand

Vom Papagei, der die Kinder des Turakos stahl

Vom Topf, der auf dem Kopf festsitzt

Vom zauberkundigen Zwilling

Von den zwei Brautleuten

Von Nsambe und seinen sieben Söhnen

Warum das Schaf mit dem Kopf nickt

Warum der Leopard Ziegen frisst

Warum der Osingbaum nur noch durch Zauber spricht

Warum die Fliegen keinen Schwanz haben

Warum die Menschen so oft krank werden

Warum ein Mörder auf die gleiche Weise wie sein Opfer sterben soll

Warum Hunde Stachelschweine jagen

Warum man Fremden nicht trauen soll

Warum man Nkundakfedern trägt

Warum Sonne und Mond einander meiden

Was Tausendfüßer und Spinne über die Menschen denken

Wie Bäume und Tiere auf die Erde kamen

Wie das Haar sich rächte

Wie der Kantschil durch List eine Braut erwarb und sie wieder verlor

Wie der Regenbogen entstand

Wie der Sporenkuckuck den Löwen beschämte

Wie der Tukur den Frosch um seine Beute bringen wollte

Wie der Tukur den Leoparden überlistete

Wie die Antilope Ndip Elefantenzahn heiratete

Wie die Krankheiten zu den Menschen kamen

Wie die Schildkröte Nsambes Tochter rettete

Wie die Schildkröte zu ihrer schönen Frau kam

Wie es dem Leoparden erging

Wie Jaadumdono den Büffel Gbatungbala erlegte

Wie man Tuba Mbange beim Pflaumenstehlen erschoss und er wieder lebendig wurde

Wie sich die Vögel einen König wählten

Wie Tuba Mbange geboren wurde und schon als Säugling seiner Mutter Fleisch heimbrachte

Wie Tuba Mbange in die Himmelsstadt ging und dort getötet wurde

Wie Uantus List fehlschlug

Zwei listige Freunde

Zwei Mütter und ein Kind

Impressum neobooks

Vorbemerkung

Märchen sind Prosatexte, die von wundersamen Begebenheiten erzählen und in allen Kulturkreisen auftreten. Seit jeher sind sie eine wichtige und sehr alte Textgattung in der mündlichen Überlieferung überall auf der Welt. Fast jeder von uns ist mit dieser Erzähltradition aufgewachsen und sie ist ein Teil unserer Menschwerdung.

In diesem Buch finden Sie die schönsten Märchen aus Zentralafrika. Sie spiegeln die Vielfalt und Vitalität der dort ansässigen und so unterschiedlichen Völker und Stämme wieder und vermitteln uns einen Eindruck von der Faszination dieses uns zuweilen so fremden Kontinents.

Und jetzt wünsche ich Ihnen, ob jung oder alt, eine unterhaltsame und zuweilen vielleicht auch lehrreiche Lektüre dieser so verschiedenen Märchen aus Zentralafrika, die uns auch in besonderer Weise die Eigenheiten dieses Landes und seiner Menschen aufzeigen.

Ada, der Waldgeist

Awsang Atikawt war ein großer Jäger und so geschickt, dass er die Jagd nie aufgab, wenn er dem Schwanz eines Tieres erst einmal folgte. Eines Tages klagten die Freunde, mit denen er beisammen saß, wie sehr ihre Felder von Elefanten zerstört worden wären. Atikawt fragte, warum sie die Tiere denn nicht getötet hätten. Aus Furcht, dabei ein Opfer der Elefanten zu werden, erhielt er zur Antwort. Atikawt nannte die Männer Feiglinge. Er würde nicht eher ruhen, bis jeder Elefant erlegt wäre, der es wagen sollte, auf seinen Feldern ein Zeichen zu hinterlassen.

Unter den Anwesenden befanden sich aber auch zwei Elefantenmenschen. Einer der beiden erhob sich nun und sprach zu Atikawt: "Hör auf, dich zu brüsten! Die Elefanten werden auch deine Felder leer fressen und ungehindert davonziehen." Da erwiderte Atikawt entschlossen: "Sie sollen es nur versuchen, dann bekommen sie es mit mir zu tun!"

Die Elefantenmenschen blickten einander scharf an. Dann kamen sie überein, die Felder des Jägers zu zerstören und abzuwarten, was geschähe. Bald darauf brachten Atikawts Frauen die Nachricht, Elefanten hätten die Felder verwüstet. Der Jäger packte einen Mundvorrat für unterwegs ein, und nachdem sein Jagdbeutel mit allem versehen war, machte er sich gut bewaffnet auf den Weg.

Bis in die Dunkelheit folgte Atikawt der Elefantenspur. Während der Nacht ruhte er, an einen Baumstamm gelehnt, aber kaum begann es zu dämmern, nahm er die Verfolgung wieder auf. Er lief und lief, bis es dunkel wurde, dann kletterte er auf einen hohen Baum und verbrachte dort die Nacht. Am folgenden Tag holte er die Elefanten an einem breiten Fluss ein.

Als die Elefanten Atikawt mit dem geladenen Gewehr erblickten, nahmen sie sofort wieder menschliche Gestalt an und baten um Schonung. Der Jäger erkannte seine Freunde, die beiden Elefantenmenschen, mit denen er wenige Tage zuvor gestritten hatte, und führte ihnen vor, wie er auf den Stamm eines sehr hohen Baumes schoss. Nachdem die beiden nun gesehen hatten, was für ein großes Stück Holz von dem Schuss weggerissen worden war, flehten sie noch ängstlicher, er möge ihnen nichts antun. Alle Zerstörungen, die sie auf seinen Feldern angerichtet hatten, versprachen sie zu ersetzen. Damit war der Jäger zufrieden, er wandte sich um und kehrte auf dem Weg, den er gekommen war, zurück.

Kaum aber war Atikawt außer Sicht, verwandelten sich die Männer wieder in Elefanten und wandten einen großen Zauber an. Sie ließen einen so heftigen Regenguss hernieder gehen, dass der Weg überschwemmt war und der Jäger nicht nach Hause finden konnte. Er lief durch den Wald und hatte sich schließlich verirrt. Nach vielen Stunden befand er sich in einem Teil des Waldes, in dem er vorher nie gewesen war. Als es aufhörte zu regnen, entdeckte er ganz in seiner Nähe ein so prächtiges Haus, wie er noch nie eins gesehen hatte. Es gehörte der Beherrscherin des Waldes, und rings um das Haus lagen Haufen von menschlichen Schädeln und Knochen.

Der Jäger glaubte sich schon verloren, da hörte er den Ruf: "Awsang Atikawt!" Er antwortete und sah aus einer schmalen Seitentür ein kleines lahmes Mädchen schlüpfen. Es kam auf ihn zu und erklärte, wie leid es ihr tue, dass er an diesen Unglücksort geraten sei. Ihre Herrin, ein Ungeheuer, verschlinge jeden, der sich in der Nähe ihrer Behausung befände. Mit Hilfe der Zaubermittel, über die sie verfüge, könne sie jeden einholen, der zu fliehen versuche. "Und trotzdem", fuhr das Mädchen fort, "wenn du tust, was ich dir sage, werde ich dich retten und sicher nach Hause bringen. Du darfst aber nichts von dem Essen zu dir nehmen, das meine Herrin dir geben wird."

Atikawt dankte dem Mädchen und versprach, nicht ohne ihre Erlaubnis zu essen. "Gut", antwortete die Kleine, "dann nimm das hier", und gab ihm ein Stück essbaren Ton. "Iß davon, und was du von meiner Herrin bekommst, wirf irgendeinem Tier vor. Aber achte darauf, dass sie nichts merkt. In der Nacht wird sie dich mit zu sich nehmen. Sei auch da vorsichtig und hör genau hin, wenn sie zu schlafen scheint. Schnarcht sie laut wie ein Sturm, bleib ganz still liegen, dann ist sie nämlich noch wach. Erst wenn ihr Schnarchen das Haus wie ein Donnerschlag erschüttert, weißt du, dass sie schläft. Dann schleich dich hinaus und komm zu mir. Ich werde dir zwei verschiedene Zauberpflanzen geben, die du auf der Flucht brauchen wirst. Presst du den Saft der ersten auf das Tor, tut es sich auf, und du kannst hindurchgehen. Den Saft der zweiten lass in den Fluss tropfen, er wird austrocknen, und du gelangst an das andere Ufer. Dort darfst du dich aber auf keinen Fall umdrehen, sondern musst die Zauberblätter über deine Schulter ins Wasser werfen. Es wird steigen und die Furt überschwemmen. So kannst du nicht verfolgt und eingefangen werden."

In dem Augenblick erklangen Trommeln, erschallten Hörner und alle mögliche Musik war im Abendwind zu hören. Das kleine Mädchen erklärte, dass sich nun ihre Herrin nähere, all die Töne kämen aus ihrem Leib. "Bleib ganz ruhig", sagte das Mädchen noch, dann eilte sie in ihr Versteck. Atikawt wartete, bebend vor Furcht. Als die Waldbeherrscherin angelangt war, brach die Musik ab. Sie trat ganz freundlich auf den Jäger zu und bedeutete ihm, er brauche sich nicht zu fürchten, sie wolle ihn zum Mann nehmen, weil sie schon so lange allein lebe. In ihrem prachtvollen Haus bot sie ihm einen Platz an, und Atikawt setzte sich zitternd, seine Angst war nicht geringer geworden. Ada, so war der Name des Waldgeistes, rief nun nach dem lahmen Mädchen. Es schlenderte herbei und gab vor, geschlafen zu haben. In ihrer Waldgeistsprache sagte Ada und wies dabei auf den Gast: "Morgen haben wir eine gute Fleischmahlzeit!" - "So ist es", antwortete das Mädchen.

Am Abend träufelte Ada Zaubersaft in das Essen des Jägers. Er aber erklärte, in seinem Land sei einem Mann wie ihm nur im Ziegenstall erlaubt, etwas zu essen. Da durfte er sich dorthin zurückziehen. Atikawt warf das Essen den Ziegen vor, und in dem Augenblick, als etwas davon den Boden berührte, loderte eine Flamme auf. Der Jäger blieb ruhig und beobachtete, wie das Feuer wieder erlosch und die Ziegen alles auffraßen. Anschließend kehrte er zu Ada zurück. Sie unterhielten sich noch eine Weile und gingen dann schlafen. Vorher hatte Ada aber noch ein scharf zugespitztes Eisen ins Feuer gelegt. Damit wollte sie Atikawt durchbohren, sobald er eingeschlafen war. Nach einer Weile begann sie zu schnarchen, laut wie ein Sturm, wie das lahme Mädchen es beschrieben hatte. Der Jäger verhielt sich ganz still. Aber als sie kurz darauf schnarchte, dass wie von einem Donnerschlag das ganze Haus erbebte, erhob er sich.

Auf sein Lager packte er Kissen, breitete eine Decke darüber und verließ den Raum, um das kleine lahme Mädchen zu suchen. Von ihr erhielt er die versprochenen Zauberpflanzen. Nachdem die ersten Tropfen aus der Zauberpflanze auf das Tor gefallen waren, hatte es sich vor Atikawt geöffnet, und auch der Saft aus der anderen Pflanze war kaum mit dem Wasser in Berührung gekommen, da hielt der Fluss sein Wasser zurück und erlaubte ihm, hindurch zu schreiten. Atikawt hatte das andere Ufer noch nicht erreicht, da hörte er Donnergetöse aus dem Haus, das er verlassen hatte. 'Jetzt kommt die Waldbeherrscherin', dachte er. Am anderen Ufer fühlte er sich erst sicher, als er, ohne sich umzublicken, die Zauberpflanze über seine Schulter geworfen hatte. Danach wandte er sich um, weil er sehen wollte, was geschah.

Augenblicklich stieg das Wasser, und bald überschwemmten schäumende Fluten die Furt, so dass Atikawt seinen Weg ohne Angst vor Verfolgung fort­setzen konnte.

Gegen Mitternacht erwachte Ada, zog das spitze, inzwischen rot glühende Eisen aus dem Feuer und stieß es durch die Kissen, die Atikawt auf seinen Platz gelegt hatte. Sie fingen sofort Feuer. Nun ratet, ob Ada jetzt wohl wütend war! Wie rasend griffen die Flammen um sich, und der Mann, den sie verschlingen wollte, war entflohen. In heißer Erregung nahm sie die Verfolgung auf, vergaß in ihrer Hast aber die Zauberpflanzen, mit denen sie das Wasser hätte zum Stehen bringen können, und musste so am Ufer des reißenden Flusses aufgeben. Dem Mann auf der anderen Flussseite rief sie zu: "Was wirst du dort erzählen, Awsang Atikawt, wo du hingehst?" - "Erzählen werde ich", antwortete der Jäger, "dass ich einer Frau begegnet bin, die allein im Wald lebt und die alle verschlingt, die sie eingefangen hat, einer Frau, die in ihrem Leib Trommeln, blasende Hörner und sogar große Waffen hat, einer Frau, die eine Gefahr ist für jedes menschliche Wesen. Je eher sie getötet wird, desto besser ist es für alle Jäger!" Voller Wut machte Ada kehrt. Atikawt aber setzte seinen Weg fort und wurde zu Hause mit großem Jubel empfangen.

Einige Tage später näherte sich eine wunderschöne Frau der Stadt, in der er lebte. Sie war so kostbar gekleidet, wie man es noch nie gesehen hatte. Auf dem Kopf trug sie eine Kalebasse voller Fleisch. Atikawt trat heraus, um den Gast zu begrüßen und nach seinen Wünschen zu fragen. Da erzählte ihm die Schöne, sie käme aus einer Stadt in der Nähe, die er vor einiger Zeit besucht habe. Sie hätte sich, kaum dass sie seiner ansichtig geworden, sogleich in ihn verliebt. Erst heute sei es ihr gelungen, ihn zu finden, obwohl sie überall nach seinem Namen und seinem Wohnort geforscht habe. Awsang Atikawt lauschte ihrer Schmeichelrede und bezweifelte nicht eines ihrer Worte.

Eine von Atikawts Frauen aber war eine Zauberin. Sie fand heraus, dass es sich bei der Besucherin um keine andere handelte als Ada, die Beherrscherin des Waldes, und rief ihren Mann zu sich, um ihn zu warnen. So deutlich es ihr möglich war, gab sie ihm zu verstehen, die schöne Fremde sei in Wirklichkeit jene böse Frau, der er vor kurzem erst entkommen konnte, die mit den Trommeln, den Hörnern, Waffen und allen möglichen Gewaltmitteln im Leib. Atikawt aber lachte nur und meinte, wenn seine Frau den Waldgeist Ada gesehen hätte, wüsste sie, dass die Besucherin überhaupt nicht mit diesem Ungeheuer zu vergleichen wäre.

Gegen Abend versuchte Atikawts Frau noch einmal, ihren Mann zu bewegen, die Fremde fortzuschicken, denn sie sei tatsächlich jenes böse Wesen, dessen Grausamkeiten er erst vor wenigen Tagen so eindrucksvoll geschildert hatte. Aber statt ihr zuzuhören, lachte Atikawt noch mehr und hielt seiner Frau vor, sie sei zu eifersüchtig. Einen dritten Versuch unternahm die Frau, als sich Atikawt in der Nacht zu der schönen Fremden legen wollte. Sie nahm ihn beiseite und erklärte ihm, dass er sein Leben verlöre, falls er nicht von seinem Vorhaben abließe, die schöne Besucherin, in Wahrheit Ada, der Waldgeist, würde ihn töten. Aber Atikawt blieb hartnäckig, und die Frau sah, alle Warnungen waren zwecklos. Dennoch beschloss sie, alles zu tun, was in ihrer Macht stand, denn sie war viel zu besorgt, um ihn unbewacht schlafen zu lassen. An dem Platz, wo die Jagdhunde ihres Mannes waren, tat sie, als suche sie etwas, und wählte indessen zwei von den wildesten Hunden aus. Während sie die beiden streichelte und liebkoste, wisperte sie ihnen zu, dass sie in dieser Nacht ihren Herrn bewachen müssten, die Fremde wolle ihm ans Leben. Es waren Zauberhunde, wie die Frau wohl wusste. Als sie nun traurig ins Haus gegangen war, nicht etwa, um zu schlafen - bewahre -, da erhoben sich die Hunde und schlichen dorthin, wo Atikawt an der Seite der Fremden lag.

Einige Stunden verstrichen, und alles blieb still. Ada, denn sie war es ja, nur verwandelt in eine schöne Frau, Ada war sicher, dass es ihr jetzt glücken würde, Atikawt zu töten. Sie schlug sich auf den Leib, da sprang das rot glühende spitze Eisen heraus. Ada holte aus, um den Mann an ihrer Seite im Schlaf zu töten, aber schon bei der ersten Bewegung sprangen die Hunde auf und warfen sich mit fürchterlichem Gebell auf sie. Der Jäger schrak auf, und Ada, voller Zorn, schlug noch einmal auf ihren Leib, das rot glühende Eisen sprang hinein und war verborgen. Dann tat sie so, als wäre auch sie von den Hunden geweckt worden, und sagte, dass sie mit den Hunden in einem Raum nicht schlafen könne. Also erhob sich Atikawt, schlug die Hunde, die ihm doch das Leben gerettet hatten, und kettete sie auf der Veranda an. Während er sich beeilte, zu seinem Gast zurückzukommen, schlich sich Atikawts zauberkundige Frau aus ihrem Raum, befreite die Hunde und flüsterte ihnen zu, dass sie wachen sollten wie bisher.

Als Ada den Jäger wieder schlafend wusste, erhob sie sich erneut, schlug auf ihren Leib, und das rot glühende Eisen erschien ein zweites Mal. Da sprangen die Hunde durchs Fenster, packten sie und bellten so laut wie zuvor. Von dem Lärm erwachte Atikawt, und in dem Augenblick krähte der Hahn. Dieser Laut versetzte Ada in höchste Erregung, sie sagte zu Atikawt, dass sie sich unverzüglich auf den Weg machen müsse, er möge doch die Hunde einsperren und sie begleiten.

Der Mann war so einfältig, dass er nicht nur alles tat, was sie sagte, sondern auch noch den Raum, in dem er die Hunde gelassen hatte, so fest verschloss, dass niemand an sie herankam, solange er fort war. Unterwegs forderte die Fremde Atikawt auf, voranzugehen, sie wollte ihm folgen. Aber dem widersetzte er sich, und dies war die erste und sehr nötige Weigerung gegenüber der Fremden, der nun, weil Atikawt hinter ihr ging und sehen konnte, was sie vorhatte, die Hände gebunden waren. Aber bald hatte sie sich einen Plan ausgedacht.

Nahe am Weg stand ein Baum, an dem viele Früchte wuchsen. Ada bat den Jäger, hinaufzuklettern und ihr Früchte zu pflücken. Aber kaum war Atikawt ihrem Wunsch gefolgt, ließ sie den Baum durch Zauberkraft wachsen und wachsen, bis er höher war als jeder Baum auf der Welt. Dann schlug sie wieder auf ihren Bauch. Ungefähr zwanzig bewaffnete Männer sprangen heraus, umringten den Baum und schrieen zu dem Jäger hinauf: "Nun, flieg doch!" Auch Ada fing an zu prahlen und rief ihm zu: "Du kannst schauen und schauen, wohin du willst, du siehst nur Schlimmes!"

Als Atikawt das alles sah und hörte, fielen ihm die Warnungen seiner Frau wieder ein, und er verstand nun auch, warum die Hunde in der Nacht so sehr gebellt hatten. Von der Spitze des Baumes aus, wo er sich festgeklammert hatte, sah er seine Stadt und dachte daran, dass er die Hunde auch noch eingesperrt hatte. Er rief nach ihnen und weinte bitterlich über seine Dummheit. Inzwischen befahl Ada ihren Männern, den Baum zu fällen. Da nahmen die Männer ihre Äxte und schlugen auf den Baum ein. Als die Schläge einer nach dem anderen fielen, flog ein Papagei vorüber, sah, was da vorging, und brachte die Kunde eilends in Atikawts Haus. Sie sollten sofort die Hunde loslassen, riet er, sonst würde der, der am Morgen das Haus verlassen hätte, niemals wiederkehren.

Andere hätten verzweifelt aufgegeben, als es einfach nicht gelingen wollte, die Hunde frei zu bekommen, aber Atikawts zauberkundige Frau, die nur zu gut wusste, dass ihr Mann verloren war, wenn die Tiere ihren Herrn nicht rechtzeitig erreichten, nahm einen Stein, schlug auf die Ketten ein, bis sie zerbrachen, und schickte die Hunde dann in die Richtung des Baumes.

Sie hatten kaum die Hälfte des Weges geschafft, da fiel der Baum, prallte aber glücklicherweise gegen einen anderen und schlug nicht auf der Erde auf. Ada erteilte den Befehl, auch den zweiten Baum zu fällen, damit Atikawt endlich in ihre Macht geriete. Wieder machten sich die Männer an die Arbeit, und als auch dieser Baum fiel, hatten die Hunde den Platz erreicht. Der wildeste von allen, er hieß Oro Njaw, warf sich sofort auf Ada, die anderen stürzten sich auf die Männer und zwangen sie zur Flucht. Viele wurden getötet, nur wenige vermochten zu entkommen. Ada selbst wurde in Stücke gerissen.

So endet die Geschichte von Awsang Atikawt, dem berühmten Jäger, und Ada, der schrecklichen Beherrscherin des Waldes, die in ihrem Leib alle Musik der Welt trug und auch alle Waffen, die je geschmiedet wurden. Und wir sehen, die Verschwörung der zwei Elefantenmenschen, die Felder des Jägers zu zerstören, hat uns einen großen Dienst erwiesen: den Tod von Ada, der Beherrscherin des Waldes, hat sie herbeigeführt. Atikawt muss tatsächlich ein großer Jäger gewesen sein, denn er hat den Wald von einem so grausamen Ungeheuer befreit.

Akulenzame, der Mann mit dem Sack

Eines Tages ging eine junge Frau in den Wald Obafrüchte pflücken, um Öl zu bereiten. Als sie mit einem Korb voller Früchte auf dem Heimweg war, traf sie Otutuma, den Geist der Wälder. Kaum war sie in ihrer Hütte angekommen, brachte sie ihr erstes Kind zur Welt, einen Sohn. Ihr Vater setzte ihn auf ein Bananenblatt, erkannte den Jungen als sein Kind an und nannte ihn Akulenzame, das heißt 'der Verrückte'. So kam Akulenzame zur Welt.

Akulenzame wuchs auf wie alle anderen Kinder aus dem Dorf, ohne das etwas Besonderes an ihm zu bemerken war. Er wurde zum Jüngling und wollte heiraten. Weil er klein und hässlich war, konnten ihn die jungen Mädchen aber nicht leiden, keine wollte sich mit ihm einlassen, als er in den Dörfern umherwanderte und die eine oder andere mit Geschenken bedachte.

Seine Mutter zu Hause war verzweifelt, denn sie war alt, ihre Arme ermüdeten rasch, und es fiel ihr immer schwerer, Akulenzames Hunger zu stillen. Denn ich muss euch sagen, dieser Akulenzame aß ungeheuer viel. Trotz seiner kleinen Gestalt war das, was zehn Menschen wie du und ich in zehn Tagen essen, für ihn kaum an einem Tag genug. Wohin steckte er denn diese Menge Essen? Ihr glaubt in seinen Mund? O nein, er steckte es in einen Sack, den er immer mit sich herumtrug. Seine Mutter machte eine Mahlzeit zurecht, kyo, kyo, war sie schon im Sack, sie bereitete eine andere, kyo, kyo, war auch sie im Sack, und so ging es weiter. Sobald eine Mahlzeit zubereitet war, öffnete sich der Sack, und sie verschwand darin. Anschließend forderte Akulenzame derart eindringlich nach mehr, schlug solchen Lärm und drohte so schlimm, dass seine Mutter wieder auf die Felder eilte, gebückt von der Last zurückkam, und wieder neue Mahlzeiten kochte.

Die arme Frau schrumpfte richtig zusammen. Sie wurde magerer und magerer, und ihre Brüste hingen wie leere Schläuche. Es war wirklich eine schreckliche Sache, Akulenzame zum Sohn zu haben, einen solchen Vielfraß.

Eines Tages begegnete Akulenzame auf seinen Streifzügen einem Mädchen, das mit Ketten und Perlen geschmückt und wunderschön mit Rotholzfarbe bemalt war. Er traf sie am Fluss, wo sie ihre Kupferketten mit Sand putzte. Sofort beschloss er, sie zu heiraten. Es war die Tochter eines mächtigen Häuptlings.

Dieser Akulenzame hatte eigenartige Gewohnheiten. Zunächst den Sack, der ihm über die Schultern hing. Den legte er um nichts in der Welt ab, nicht bei Tag und nicht bei Nacht. Niemals hängte er ihn an einen Haken, niemals erlaubte er einem Menschen, wer es auch sei, ihn zu öffnen oder auch nur einen Blick hineinzutun. "Eki", sagte er, "das ist verboten, das ist heilig." Und noch eine andere Gewohnheit hatte er. Wenn im Dorf oder im Nachbardorf jemand starb, ein junger Mann etwa, der als Krieger oder Jäger berühmt war, eine junge Frau, die wegen ihres Fleißes oder ihrer körperlichen Kräfte bekannt war, versäumte es Akulenzame niemals, sich in das Haus des Verstorbenen zu begeben, an der Trauerfeier teilzunehmen und sich am Totentanz zu beteiligen. Warum er dies tat, wusste niemand, und er hütete sich, es zu sagen. 

Der Grund war: Er hatte von seinem Vater, dem Geist der Wälder, gelernt, sich der Seelen der Toten zu bemächtigen. Wenn eine Seele den Körper verließ, war Akulenzame zur Stelle, und während die Seele unsichtbar den Körper umschwebte, den sie soeben verlassen hatte, und noch unsicher in der wiedergewonnenen Freiheit war, fing Akulenzame sie ein und setzte sie rasch tief in seinen Sack. Von dort konnte sie nicht mehr entkommen, weil sie durch die Kraft eines Fetischs gebunden war. Darum also brauchte Akulenzame so viel Essen, er musste die Seelen gut ernähren.

Akulenzame traf also eines Tages am Fluss ein junges, mit Perlen und Halsketten geschmücktes Mädchen, das dabei war, seine Kupferketten mit Sand zu putzen. Er war gleich entschlossen, sie zu heiraten. Akulenzame ging darum zu ihrem Vater und erklärte ihm: "Ich will deine Tochter heiraten." Der Vater rief seine Tochter und sagte: "Hier ist Akulenzame. Er will dich zur Frau nehmen." Sofort erwiderte die Tochter: "Niemals werde ich so einen hässlichen Menschen lieben können." Da wandte sich der Vater wieder an Akulenzame: "Du hast die Antwort meiner Tochter gehört." Aber Akulenzame sprach: "Das Herz der Frau ist ein Bananenbaum. Was meint der Vater?" - "Wenn du reich und mächtig bist und mir viele Geschenke machst, so will ich dich als Schwiegersohn annehmen. Alles hängt von dem Preis ab, den du für meine Tochter zahlst." Akulenzame verkündete: "Fordere was du willst, ich werde es zahlen, denn ich liebe deine Tochter." - "Ist das ein Junge!" dachte der Häuptling. "Das scheint ja ein ganz Schlauer zu sein." Zu seinem zukünftigen Schwiegersohn aber sprach er: "Zunächst will ich deine Kraft erproben. Seit langem möchte ich mit meinen Leuten an einen anderen Platz übersiedeln. Morgen will ich dir die Stelle zeigen, wo das Dorf errichtet werden soll." - "Gut", sagte Akulenzame, "zeig sie mir." An diesem Abend steckte er kein Essen in den Sack. Die Seelen mussten hungern.

Am anderen Morgen gingen der Häuptling und Akulenzame los. Sie kamen schließlich an einen Platz im Wald, wo der Boden schön eben war, doch von hohen Bäumen bestanden. Der Häuptling sagte: "Hier ist die Stelle. Du wirst mir helfen, die Bäume zu fällen." - "Das will ich ganz allein tun." - "Oho, das ist eine große Sache. Ein Jahr würde nicht ausreichen." - "Ich habe Zeit. Außerdem werde ich rasch fertig sein. Kehren wir ins Dorf zurück." Sie kehrten in das Dorf zurück. Kaum ist Akulenzame in seiner Hütte, lässt er die Seelen aus dem Sack, zeigt ihnen jenen Platz und gibt den Befehl, sofort die Bäume zu fällen und abzubrennen. "Ihr werdet so lange fasten, bis alles geschafft ist." Sofort ziehen die Seelen los, beginnen mit der Arbeit, sie fällen, schneiden Stämme zurecht, schlagen Holz ab und legen Feuer. Die Männer des Dorfes hatten noch nicht die Nachtwache beendet, da brannten die gefällten Bäume, und die vertrockneten Blätter wurden vom Wind ins Dorf getrieben. Die Leute sahen den Feuerschein über dem Wald aufleuchten und sprachen zueinander: "Wer will da so nahe bei uns seine Pflanzungen anlegen? Bei Tagesanbruch wollen wir gegen die Eindringlinge kämpfen. Wir lassen uns unser Land nicht wegnehmen."

Im Schein des Morgenrots erklang das Tamtam, geschlagen von der geübten Hand des Häuptlings. Alle Männer eilten zusammen. Der Wald brannte noch. Gut bewaffnet schleichen sie leise auf verborgenen Pfaden zur Brandstelle. Sie kommen an und schauen nach allen Seiten. Mitten im Wald müht sich ein kleiner Mann. Mit zahllosen Hieben schlägt er auf den letzten Baum ein, mehr als hundert liegen auf dem Boden. Als der letzte Baum gefallen ist, wischt sich Akulenzame, denn er war es, die Stirn und spricht: "Das wäre getan." Er wirft die Axt über die Schulter, als wollte er ins Dorf zurückkehren. Im gleichen Augenblick umringen ihn die Männer, und der Häuptling spricht ihn an: "Wie kannst du denn einfach diese Bäume hier fällen?" - "Traust du mir denn gar nichts zu?" - "Wie, du bist es, Akulenzame, du hast den Wald gefällt?" - "Ja, ich, Akulenzame. Hast du mir denn nicht gestern gesagt, du wolltest hier ein neues Dorf errichten? Sieh, alles ist vorbereitet. Gehen wir zusammen zurück."

Der Häuptling betritt sein Haus und sagt zu seiner Tochter: "Akulenzame ist ein ganzer Kerl." Die Tochter erwidert: "Ach, wenn er doch ein wenig hübscher wäre!"

Das war die Arbeitsprobe Akulenzames. Keiner hatte die Seelen bei der Arbeit gesehen, einmal, weil Akulenzame sich gehütet hatte, davon zu sprechen, denn der sofortiger Tod wäre die Folge gewesen, zum anderen, weil er sich allein in den Wald begeben hatte. Sobald die Arbeit beendet war, hatte er seine Geister unverzüglich wieder in den Sack beordert. Noch am gleichen Abend sagte Akulenzame zum Häuptling: "Gib mir jetzt deine Tochter. Ich will sie mit in mein Dorf nehmen." Aber der Häuptling erwiderte: "Ich habe gesehen, dass du in der Lage bist, Pflanzungen anzulegen. Bäume zu fällen und neue Dörfer zu errichten. Deine Arme sind stark, aber sind sie auch geschickt? Meine Tochter isst furchtbar gern Fisch. Wirst du ihren Wünschen nachkommen können?" Akulenzame antwortete nur: "Das kann ich." Er kehrte in seine Hütte zurück und befahl allen seinen Geistern, Bambus zu schneiden und im Fluss ein mächtiges Wehr zu errichten, durch das kein Fisch hindurch zu schlüpfen vermöchte. Dann sollten sie alle Fische zusammentreiben und eine zweite Sperre bauen. "Geht", sagte er ihnen, "beeilt euch, denn bis ihr wiederkommt, gibt es nichts zu essen - Hungerzeit!" Die Geister beeilten sich, den Auftrag auszuführen.

Als die Frauen am anderen Tag zum Fluss kamen, errichtete Akulenzame das letzte Gitter. "So", sagt er und wischt sich die Stirn, "fertig, man kann jetzt die Fische herausholen." Wer staunte nun? - Die Frauen, denn niemals zuvor hatten sie in dieser Gegend ein Wehr gesehen. Sie eilen zum Dorf. "Kommt rasch", rufen sie den Männern zu, "kommt rasch, Akulenzame hat den Fluss gestaut." Akulenzame stand am Lan­dungsplatz. Sobald er sie kommen sieht, ruft er: "Alles fertig, man braucht die Fische nur noch herauszuholen!" - "Was ist denn los?" -

"Sieh hin, der Fluss ist durch ein Wehr abgesperrt." Der Häuptling betrachtet das Werk mit großem Staunen. Das war verständlich, denn der Fluss war breiter als ein Dorf. "Das ist noch nicht alles", bemerkt nun Akulenzame, "kommt mit!" Der Häuptling, alle Frauen, alle Männer, alle Kinder folgen ihm. Man geht stromaufwärts, ein wenig weiter oben - ein zweites Wehr. Die Augen des Häuptlings quollen vor Verwunderung hervor, ebenso die der anderen. Zwischen den beiden Wehren glänzte es von Fischen. Man sah Karpfen springen, Sardinen, Barben, große, kleine und mittlere Fische. Man warf eine Harpune - zehn Fische waren aufgespießt. Die Dorfleute stürzten drauflos. Mehr als fünfzehn Tage fing man Fische, trocknete Fische für die Regenzeit, um sie zu verkaufen oder zu verschenken. Man aß so viel Fisch, dass keiner im Dorf mehr die Füße sah, wenn er zur Erde blickte, so dick waren die Bäuche geworden Doch wie Akulenzame essen konnte, so gab es keinen zweiten. Unaufhörlich kochte, buk und briet es in seiner Hütte Die Speisen standen auf dem Feuer, und sobald sie gar waren, kyo, kyo, kyo, verschwanden sie im Sack. Akulenzame war nicht bloß ein starker Esser, er war ein gewaltiger Fresser.

Eines Tages besuchte er wieder den Häuptling. "Ich will deine Tochter heiraten, das Mädchen mit den Kupferketten. Du weißt jetzt, ich kann ihr Verlangen nach Fisch erfüllen." - "Ich weiß bei dir wird meine Tochter gut versorgt sein. Aber wenn sie ein Kind kommt, wird sie keinen Fisch mehr essen wollen, sondern Fleisch. Bist du auch ein so geschickter Jäger, wie du ein guter Fischer bist?" Akulenzame antwortete: "Ja, das werde ich sein." Nun suchte der Häuptling seine Tochter auf. "Dieser Akulenzame wird dir ein ausgezeichneter Mann sein." - "Man könnte einen schlechteren erwischen", antwortete sie. "Ja", setzte der Vater hinzu, "man darf nicht nach der Schale des Manioks gehen." Am gleichen Abend öffnete Akulenzame, als er allein in seiner Hütte war, den Sack, befahl seinen Geistern herauszufahren und sagte ihnen: "Seit fünfzehn Tagen lebt ihr im Überfluss. Ihr esst unaufhörlich. Nun ist Schluss damit. Ihr werdet in den Wald gehen, eine Palisade errichten und zehn Elefanten darin einsperren." Kui, kui! Die Seelen ließen sich das nicht zweimal sagen. Sofort schlüpften sie durch die Tür, kui kui, durch das Fenster. Schon waren sie am Werk.

Zwei Tage später begaben die Jäger des Dorfes sich auf Elefantenjagd. Fern im Wald hörten sie einen Mann singen. Sie näherten sich - der Mann war Akulenzame. Er knüpfte Lianen und wickelte sie fest um die Bäume. "Fertig", sagte er, als er die Männer sieht, und reibt sich die Stirn. "Was hast du denn fertig Akulenzame?" Der legt den Finger auf den Mund, fordert sie auf still zu bleiben, und führt sie auf vielen Umwegen durch den Wald bis zu einer großen runden Palisade. Dahinter standen zehn wundervolle Elefanten. Jeder ihrer Stoßzähne war länger als ich. Die Jäger erholten sich nicht wieder vom Staunen Sie liefen zum Dorf: "Schnell, schnell, kommt mit", rufen sie den Kriegern zu. "Akulenzame hat eine Palisade gebaut und zehn Elefanten darin gefangen!" Die Krieger, der Häuptling voran, kommen gelaufen, um das Wunder zu sehen. Sie steigen in die Bäume und schießen ihre Pfeile auf die Elefanten ab. Da liegen die zehn Tiere tot. Man stürzt sich auf sie, die Äxte hauen, die Messer schneiden und zerhacken das Fleisch. Die Frauen kommen mit großen Körben. Die Fleischstücke türmen sich auf ihren Rücken. Die Nachbardörfer werden benachrichtigt, von überall eilt man herbei, überall ist Fleischzeit, man isst, man isst, man isst immer noch. Ach, die glücklichen Leute! Aber keiner fraß wie Akulenzame: unaufhörlich kochte, buk, briet Fleisch in seiner Hütte. Das Essen stand auf dem Feuer, und wenn das Fleisch gar war, kyo, kyo, kyo, verschwand alles, wie durch einen Zauber. Die Frauen brachten ihm ungeheure Batzen Fleisch als Geschenk. Was für ein wüster Fresser war der Sack Akulenzames!

Eines Tages besuchte er erneut den Häuptling. "Ich will deine Tochter heiraten, das Mädchen mit den Kupferketten. Du sollst dafür die zehn Paar Elefantenzähne bekommen." Der Vater antwortete: "Morgen soll die Hochzeit stattfinden." - "Gut so", sagte Akulenzame. Der Vater suchte nun die Tochter auf. "Morgen soll die Hochzeit stattfinden." - "Gut", sagte das Mädchen, "mein Herz ist zufrieden. Aber eine Sache will ich von meinem zukünftigen Mann erbitten." - "Welche denn?" fragte der Vater. "Zwischen dir und dem benachbarten Häuptling steht, wie du weißt, der Tod einiger Krieger. Um den Kampf zu beenden, sollte er mich heiraten. Hört er nun von meiner Heirat mit Akulenzame, gerät er in Zorn, und ich muss seine Rache fürchten." - "Das ist wahr, man findet mitunter sogar bei der Antilope Schläue!" Damit ging der Vater, um die Sache Akulenzame zu erzählen. "Ich werde das schon in Ordnung bringen", antwortete der.

Gleich am Abend öffnete er seinen Sack und rief die Seelen. "Seit längerem habe ich euch besser gefüttert als je zuvor. Doch nun ist Schluss, bis ihr meinen neuen Auftrag ausgeführt habt!" - "Wie lautet der?" - "Ihr geht ins Nachbardorf und bringt den Häuptling hierher, gebunden an Händen und Füßen." - "Das ist leicht", antworteten sie. Schon sind sie weg, kui, kui, durch die Tür, kui, kui, durch das Fenster. Noch vor Tagesanbruch war der Häuptling ein Gefangener und befand sich in der Hütte Akulenzames, gut gefesselt an den Füßen, gut gefesselt an den Händen, einen großen Holzklotz hinter sich herschleppend und über all das sehr verwundert und halbtot vor Angst.

Am Morgen rief Akulenzame den Häuptling in die Hütte. "Du hast deinen Feind gefordert. - Hier!" Der Häuptling war außer sich vor Staunen. Er rief seine Männer. "Seht", sagt er ihnen, "Akulenzame hat ganz allein den Feind gefangen und hierher geführt. Er ist ein großer Krieger!" Und alle schrieen "Yo, yo!" Dann nahm man sich den feindlichen Häuptling vor. Die Frauen zerrten ihn am Kopf, streuten ihm gestoßenen Pfeffer in Nase und Augen. Er wurde in die Mitte des Dorfes geführt, um dem Fest beizuwohnen. Als es beendet war, schnitt man ihm die Kehle durch.

Der Abend kam, und Akulenzame kehrte diesmal mit der Frau in seine Hütte zurück. Am anderen Tag kam der Häuptling, das versprochene Hochzeitsgeschenk zu fordern. Ein kümmerlicher Schwiegervater, dachte Akulenzame bei sich. Der alte Häuptling sprach: "Akulenzame, du bist jetzt mein Sohn. Nur noch eine Sache erbitte ich von dir. Ich sehe, wie mächtig du bist. Bringe mich in Sicherheit vor dem Tod." - "Gut", erwiderte Akulenzame, "wenn du deinen Wunsch vor allen Leuten wiederholst." Das tat der Häuptling.

Als es Nacht war, öffnete Akulenzame den Sack, gab dabei Acht, dass keiner zusah, und befahl den Geis­tern, hervorzukommen. "Ihr habt mir gut gedient", sagte er zu ihnen. "Ich bin mit euch zufrieden. Zum Lohn sollt ihr eure Freiheit haben. Nur eines ist noch zu tun." - "Und was ist das?" fragten die Geister hocherfreut. "Ihr sollt meinen Schwiegervater mit euch nehmen." - "Das ist leicht", antworteten alle. Akulenzame ging hinaus in den Raum, wo der Schwiegervater sich wärmte. "Mein Versprechen soll erfüllt werden. Du wirst vor dem Tod in Sicherheit gebracht", sagte Akulenzame. "Ich brenne darauf! Wie wird das geschehen?" Im gleichen Augenblick erschienen die Geister. Alle wollten sich retten. Schon waren sie wieder verschwunden und schleppten den alten Häuptling mit. Seitdem hat man ihn nie wieder gesehen. Akulenzame aber sagte: "Nun ist er für immer sicher vor der Todesfurcht, denn man stirbt nur einmal. Er war ein großer Krieger!" Alle stimmten ihm bei. Akulenzame richtete eine riesige Totenfeier aus. Einen ganzen Monat lang erklang die Trommel, und man tanzte den Tanz der Toten. Danach wurde Akulenzame als Nachfolger seines Schwiegervaters Häuptling.

Amaranga

Es war einmal ein Mann, der heiratete eine Frau, und sie gebar zwei Kinder. Das eine war ein Junge, aber er war lahm, das andere ein Mädchen mit Namen Amaranga. Als der Mann nun noch eine Frau heiratete, forderte die zweite: "Wenn du Amaranga nicht tötest, magst du mir geben, was du willst, Essen oder etwas anderes, ich werde nichts anrühren." Eines Tages ging die Mutter Amarangas aufs Feld. Da tötete ihr Mann das Mädchen und gab es seiner Nebenfrau, damit sie es verzehre. Der Lahme bekam eine Hand, die nahm er und sagte zu seinem Vater: "Vater, ich muss austreten. Trag mich hinaus." Der Vater trug ihn hinaus. Auf dem Rückweg versteckte der Junge die Hand unbemerkt im Gebüsch. Nachdem Amaranga getötet worden war, flog ein Vogel zu dem Feld, auf dem Amarangas Mutter Maniokknollen häufelte, setzte sich auf einen Baum und fing an zu singen:

"O Amaranga, Amaranga. Sie haben das Fett der Amaranga ausgelassen, Amaranga.

Sie haben Amaranga gebraten, ja gebraten, Amaranga.

Sie haben sie einer anderen Frau gegeben, Amaranga."

Amarangas Mutter hörte den Gesang und sprach zu dem Vogel: "Kleiner Vogel, wenn du mir etwas zu sagen hast, so komm herunter und setze dich auf meinen Kopf." Da setzte sich der Vogel auf ihren Kopf. Die Frau aber fuhr fort: "Kleiner Vogel, wenn du mir etwas Wahres zu berichten hast, komm her und setze dich auf meine Hand." Da kam der Vogel, setzte sich auf ihre Hand und sang wieder das Lied. Als Amarangas Mutter ihn angehört hatte, erschrak sie sehr. Sie verließ das Feld und kehrte heim. Zu Hause bat der lahme Junge sie: "Mutter, ich muss austreten. Trag mich hinaus." Seine Mutter trug ihn hinaus, und er zeigte ihr Amarangas Hand. Auch erzählte er ihr alles über seinen Vater und die Nebenfrau. Da wusste die Mutter, dass Amaranga wirklich getötet worden war und stimmte eine große Totenklage an.