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In diesem Buch beschäftige ich mich mit der unterbliebenen Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit - und dieses in doppelter Hinsicht: Einerseits über die schlimmen Verbrechen gegen die Menschlichkeit Nazi-Deutschlands bis zum Untergang im Mai 1945, und andererseits über die schuldhafte Renazifizierung Westdeutschlands kurz nach Beendigung des zweiten Weltkrieges, die in der neugegründeten Bundesrepublik Deutschland ab dem 23. Mai 1949 uneingeschränkt fortgesetzt wurde. Somit gibt es eine „doppelte Schuld“, die das bundesdeutsche Volk und seine Institutionen auf sich geladen haben - eine Schuld die bisher nicht aufgearbeitet und getilgt wurde. Die behauptete Aufarbeitung der Vergangenheit Nazi-Deutschlands durch die bundesdeutschen Institutionen ist nur vorgetäuscht - Parlamente, Bundesregierung, Landesregierungen und Justiz haben die Vorgaben der Siegermächte, festgehalten u. a, im Potsdamer Abkommen vom 2. August 1945, teilweise schlichtweg ignoriert. - Und das bundesdeutsche Volk hat dieses Treiben, diese Schuld, widerspruchslos hingenommen! Ehemalige Angehörige der NSDAP incl. SS und Gestapo, der Wehrmacht, überzeugte Nazis ohne Parteibuch, die sich nach Jahren der Entnazifizierung, der Internierung und des Lagerlebens sozial und wirtschaftlich deklassiert fühlten, den Untergang des Nationalsozialismus als schweren Sinnverlust erlebten, wurden schon teilweise ab dem Jahr 1946 zum Wiederaufbau Westdeutschlands reaktiviert. Die westdeutsche Politik begegnete dieser Lage, indem sie von der Entnazifizierung (Umerziehung) zur Integration überging. Sogar an der Ausarbeitung unseres Grundgesetzes ab 1948 waren etliche alte Nazis und sonstige politisch belastete Personen beteiligt. Somit kam, was kommen musste…, ehemalige NSDAP Mitglieder und sonstige Altnazis besetzten binnen kurzer Zeit wieder viele Schlüsselpositionen in Politik, Staat, Wirtschaft und Gesellschaft - vom Bundeskanzler, Bundespräsidenten, vielen Ministern in Bund und Ländern, Landräte, Oberbürgermeister und Bürgermeister; vom Bundestag bis zum kleinsten Ortsrat; in der Justiz, vom Bundesverfassungsgericht bis zum kleinsten Amtsgericht. Für die Behörden gab es sogar ein Sondergesetz der Bundesregierung welches vorsah, dass 20 % aller Stellen mit Nazis besetzt werden mussten (auch mit Mitgliedern der ehemaligen Gestapo und der SS). - Es waren die Parteien CDU, CSU, FDP, DP und BHE die für diese Renazifizierung verantwortlich zeichneten. Und das Volk hat dazu geschwiegen!
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Seitenzahl: 665
Veröffentlichungsjahr: 2015
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„Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht“
aus den Nachtgedanken von Heinrich Heine (1844)
Prolog
Die Weimarer Republik - eine Demokratie, die so recht keiner wollte
Adenauers gefährliches Spiel mit der Macht während der Weimarer Republik
Konservative deutsche Jugendbewegung: Der Helden Heimat
Fazit zur Weimarer Republik
Deutschland und der Nationalsozialismus
Gutachten belegen: „Es gab keine unfreiwilligen NSDAP Mitglieder“!
Ermächtigungsgesetz vom 23. März 1933
Das Ermächtigungsgesetz und deren Folgen
Die SS
Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD
Die Gestapo
Reichspogromnacht
Euthanasiemorde
Der Holocaust – das Deutsche Verbrechen
Weitere Deutsche Massenmorde im Drittem Reich an Zivilisten
20. Juli 1944
Die wirklichen Widerstandskämpfer gegen Hitler-Deutschland
Deutschlands verbrecherischer Krieg
Kollektivschuld der Deutschen an den Verbrechen des „Dritten Reiches“!
Die falsche Theorie der Schuldfrage des Karl Jaspers
Doch damit ist die Schuldfrage des Deutschen Volkes noch nicht erledigt
Die Verbrechen der Deutschen Wehrmacht
Die Stunde Null
Die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs und das Völkerrecht
Das Potsdamer Abkommen vom 2. August 1945
Auszug aus der Mitteilung über die Dreimächtekonferenz von Berlin („Potsdamer Abkommen") vom 2. August 1945
Anmerkung zum Potsdamer Abkommen (zu Ziffer 6 der politischen Grundsätze
)
Kontrollratsgesetze und Kontrollratsdirektiven
Die Psyche eines Nazis
Aus den Fehlern der Vergangenheit nichts gelernt
Die Entnazifizierung
Vor Gründung der Bundesrepublik war eine neue Verfassung zu verabschieden
Das schwer belastete NS-Berufsbeamtentum wird in das neue Grundgesetz (Verfassung) für die Bundesrepublik Deutschland aufgenommen
.
Theodor Maunz der NS-Edel-Beamte, Nazi und CSU Politiker
Die Bundesregierungen setzen ab 1949 dem Beamtenrecht noch die Krone auf
„Eine neue Demokratie in alten deutschen Gewändern“
Auszüge aus der Biographie des Hans Maria Globke, Nazi und Adenauers engster Berater und Intimus
Fritz Bauer der Generalstaatsanwalt mit Courage
Vergangenheitsbewältigung in der neu zu gründenden Bundesrepublik Deutschland
Adenauer der unbelehrbare Machtpolitiker
Das Entnazifizierungsschlussgesetz
Die Folgen dieser Adenauerschen Machtpolitik
Die Renazifizierung der neuen bundesdeutschen Parlamente als Folge der Adenauerschen Politik (Nazi-Biographien
)
Die bundesdeutsche Schande und ihre geistig-moralische Vernichtung der neu aufzubauenden bundesdeutschen Demokratie
Die Folgen von Adenauers Politik der Renazifizierung
Es gab nach 1945 keine geistig-moralische Wende in Westdeutschland
Wer trägt jetzt die Verantwortung, die Hauptschuld für die Integration ehemaliger teils schwer belasteter NSDAP Mitglieder
War Westdeutschland 1949 reif für die freiheitliche Demokratie und den demokratischen Parlamentarismus?
Und das „aufgeklärte“ bundesdeutsche Volk?
Und wie hielt es die SPD mit den ehemaligen Nazis?
„Es sei nun an der Zeit, „mit der Naziriecherei Schluss zu machen“ - so Konrad Adenauer in einer Rede im Deutschen Bundestag aus dem Jahre 1952
Die unterbliebene „NS - Vergangenheitsbewältigung“ durch die unionsgeführten Bundesregierungen
Adenauers Verzicht auf West-Berlin als Bundesland
Adenauer und die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik
Die katholische Rattenlinie
Rote Roben gegen braunen Mief
Der Zeitenwandel und die deutsche Justiz
Zur Nachkriegssituation in Westdeutschland von Herr Prof. Dr. Eike Wolgast, Historiker
Adenauer-Regierung und CIA deckten Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann
Und was ist nun mit den Mitgliedern der CDU, CSU und FDP die vor dem 8. Mai 1945 nicht der NSDAP und deren Gliederungen angehörten? Und was ist mit den Mitgliedern der CDU, CSU und FDP, die auf Grund der späten Geburt keine NSDAP Mitglieder mehr werden konnten bzw. erst nach dem 8. Mai 1945 geboren sind?
… und die Wählerschaft?
Was mir in vielen Jahren der Beobachtung bei CDU, CSU und FDP noch so auffiel
Die Schuldigen
Hat Deutschland keine Verfassung und keinen Friedensvertrag nach den verheerenden Folgen des zweiten Weltkriegs?
Schlussbemerkungen
Zu meiner Person
Die unbewältigte Vergangenheit der Deutschen nach dem Untergang des „Tausendjährigen Reiches“ ist ein vom Deutschen Volk und seinen Institutionen schuldhaft verdrängtes Problem. Meines Erachtens ist es bis in die Gegenwart die Gleichgültigkeit, die Unlust oder die Unfähigkeit der Deutschen Schuld zu empfinden. In dieser Ausarbeitung wird von mir dieses schuldbeladene Phänomen nach bestem Wissen und Gewissen aufgearbeitet.
Doch vorab möchte ich einmal die zuvorgenannten Begrifflichkeiten näher definieren (gefunden im Internet bei Wikipedia und im Duden):
Vergangenheitsbewältigung hat individuelle und kollektive Bedeutung. Bewältigt werden müssen Negatives, Verdrängtes und Belastendes, seelische Verletzungen und Schuldgefühle. Manchmal werden dabei Tabus gebrochen; zum Beispiel war es in der Nachkriegszeit in vielen Familien verpönt, die aus dem Krieg heimgekehrten Soldaten nach ihren Erlebnissen zu fragen. Weil Vergangenheit nicht „bewältigt“ – also endgültig erledigt - werden kann, wird inzwischen mehrheitlich der Begriff Vergangenheitsaufarbeitung oder Aufarbeitung der Vergangenheit vorgezogen. (Quelle: Wikipedia)
Gleichgültigkeit bezeichnet einen Wesenszug (ein Wesensmerkmal) des Menschen, welcher Gegebenheiten und Ereignisse hinnimmt, ohne diese zu werten, sich dafür zu interessieren, sich ein moralisches Urteil darüber zu bilden oder handelnd aktiv zu werden, um diese zu ändern. Ein gleichgültiger Mensch hat keine oder versagt sich eine eigene Meinung, bildet sich kein Urteil, bewertet nichts und unternimmt keine Handlungen, um offensichtlich ungerechte oder unethische Zustände zu ändern. Er zeigt weder positive noch negative Gefühle zu bestimmten Dingen oder Vorkommnissen. Sein Denken ist gewissermaßen egozentrisch, jedoch nicht aus Bosheit, sondern aus Desinteresse und einer gewissen Abgestumpftheit. Vereinfacht ausgedrückt kann man feststellen: Der gleichgültige Mensch bekommt nur wenig mit und bemerkt nur das, was ihn direkt interessiert und persönlich tangiert. Alles andere geht an ihm vorbei. (Quelle: Wikipedia)
Unlust (Bedeutung): Mangel an Lust, an innerem Antrieb; Widerwille. (Quelle: Duden)
Unfähigkeit (Bedeutung): Das Unfähigsein; Mangel an Kompetenz, und an Handlungsmöglichkeiten. (Quelle: Duden)
Ich setze voraus, dass die schlimme Deutsche Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bekannt ist, sodass ich mich hier in dieser Ausarbeitung nur noch mit deren wesentlichen Merkmalen zu beschäftigen habe.
Diese Ausarbeitung setzt sich aus Texten zusammen, die ich durch eigene Recherche in vielen Jahren zusammengetragen habe (die auch teilweise im Internet zu finden sind) bzw. aus überlassenen Dokumenten meines verstorbenen Vaters.
Da dieses Buch im engeren Sinne keine wissenschaftliche Arbeit darstellt, verzichte ich weitgehend auf eine detaillierte Quellenangabe.
Der Autor
Gerhard Keller
Der erste Weltkrieg, deren Geschichte ich als bekannt voraussetzte, endete mit dem Waffenstillstand von Compiegne am 11. November 1918. Im Zuge der Novemberrevolution 1918 entstand die Weimarer Republik. Diese hoffnungsvolle Phase begann mit der Ausrufung der Republik am 9. November 1918 durch Philipp Scheidemann (SPD) und endete mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933. Diese Weimarer Republik war eine parlamentarische Demokratie.
Die Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung vom 19. Januar 1919 hatte folgendes Ergebnis;
Die Wahlbeteiligung betrug 83 %
Die Wahlergebnisse für die weiteren Reichstagswahlen in der Weimarer Republik (insgesamt 9 Wahlen!) kann man im Internet nachlesen.
Nach den Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung am 19. Januar 1919 trat die Weimarer Nationalversammlung am 6. Februar 1919 im Nationaltheater in Weimar zu ihrer ersten Sitzung zusammen. Der Verfassungsentwurf löste jedoch heftig geführte Diskussionen zwischen den verschiedenen politischen Lagern aus, vor allen Dingen bei der katholischen konservativen Zentrumspartei (die sich gerne auch als „bürgerliche Partei“ bezeichnet) und den deutschnationalistischen Rechtsparteien, da der Entwurf eine tiefe Zäsur gegenüber der politischen Ordnung des Kaiserreichs darstellte, und somit nach Meinung der genannten Parteienblöcke viel zu linkslastig war.
Durch die Weimarer Verfassung wurde das Deutsche Reich erstmals eine parlamentarische Demokratie mit in der Verfassung verankerten liberalen und sozialen Grundrechten. Auf der Ebene des Gesamtstaates wurden die Reichsgesetze vom auf vier Jahre gewählten Reichstag beschlossen, bei dem auch das Budgetrecht lag und der den Reichskanzler und jeden Minister durch ein destruktives Misstrauensvotum absetzen konnte. Außer vom Reichstag war der Reichskanzler auch noch vom Reichspräsidenten abhängig, der ihn einsetzt und auch absetzen konnte (ein Geburtsfehler der Weimarer Verfassung - den deutschnationalen und christlichen Parteien geschuldet). Da der Reichspräsident eine herausgehobene und machtpolitisch potenziell einflussreiche Position innehatte, wird er in der Literatur oftmals dem Kaiser gleichgestellt, man spricht auch vom „Ersatzkaiser“. Er wurde auf sieben Jahre vom Volk gewählt und konnte im Einvernehmen mit dem Reichskanzler Notverordnungen erlassen, durch die sogar Grundrechte zeitweilig außer Kraft gesetzt werden konnten.
Im dritten Abschnitt der Weimarer Verfassung wurde unter anderem auf eine Staatskirche verzichtet; damit war das bis dahin noch geltende „landesherrliche Kirchenregiment“ abgeschafft.
Am 31. Juli 1919 wurde die Weimarer Verfassung schließlich in ihrer endgültigen Form von der Nationalversammlung angenommen und vom Reichspräsidenten Friedrich Ebert am 11. August in Schwarzburg ausgefertigt Zum Gedenken an die „Geburtsstunde der Demokratie“ wurde dieser Tag zum Nationalfeiertag bestimmt.
Der Reichspräsident
Friedrich Ebert (SPD), der erste Reichspräsident der Weimarer Republik, amtierte von 1919 bis zu seinem Tode am 28. Februar 1925. Er war zunächst von der Nationalversammlung eingesetzt worden, danach wurde sein Mandat mehrmals verlängert. Die erste verfassungsmäßige Wahl zum Reichspräsidenten fand 1925 statt, gewählt wurde der parteilose konservativ nationalistischer Weltkriegsfeldmarschall Paul von Hindenburg. Mit Hindenburgs Wahl deutete sich schon 1925 an, dass die Weltkriegsrevanchisten so langsam die Oberhand in Deutschland bekamen. 1932 wurde Hindenburg wiedergewählt. Hindenburg verstarb 1934. Sein Nachfolger wurde Adolf Hitler.
Hier einige Anmerkungen zur DVP (der Partei Gustav Stresemanns), um dieser angeblichen nationalliberalen Partei den ihr angedichteten Heiligenschein zu nehmen:
Bereits in den 1920er Jahren gab es eine interne Opposition gegen Stresemann, vor allem um den Großindustriellen Hugo Stinnes. Sie strebte eine wesentlich engere Kooperation mit der DNVP an, konnten sich angesichts der Konsolidierung von Partei und Republik aber zunächst nicht durchsetzen. Der frühere Reichswirtschaftsminister Johann Becker zog mit weiteren Vertretern des rechten Flügels, wie dem Unternehmer Albert Vögler, 1924 die Konsequenzen und gründete die Nationalliberale Reichspartei, die sich 1925 der DNVP anschloss. Nach dem Tode Stresemanns im Oktober 1929 wurde Ernst Scholz Parteivorsitzender; die DVP tendierte stärker nach rechts. In Thüringen beteiligte sie sich beispielsweise mit der Baum-Frick-Regierung an der ersten Landesregierung mit NSDAP-Beteiligung.
Zwar war die DVP auch noch im ersten Kabinett Brüning vertreten, aber der Abschwung hatte begonnen. Die Reichstagswahl vom 14. September 1930 hatte die DVP auf den niedrigen Stand von 1919 zurückgeworfen. Der gemäßigte Parteichef Scholz, auch gesundheitlich schwer angeschlagen, musste schließlich zurücktreten und im November 1930 den Platz für den Hessen Eduard Dingeldey frei machen. Dieser, ein Vertreter der jüngeren Generation, versuchte zwischen den Parteiflügeln zu vermitteln, um mit einer geeinten DVP den politischen Wiederaufstieg zu schaffen.
Spätestens die Wahlen des Jahres 1932 zeigten allerdings, dass die DVP bezüglich des betonten Nationalbewusstseins die DNVP und die NSDAP nicht ausstechen konnte. Sie sank zur Bedeutungslosigkeit herab, was auch eine Listenverbindung mit der DNVP für die Reichstagswahl im November nicht mehr verhinderte. Im Gegenteil: Viele Vertreter des liberalen Flügels, aber auch ein Großteil der Mitglieder des Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verbandes, die sich aus Ablehnung der Person Alfred Hugenbergs bisher bewusst für die DVP entschieden hatten, verließen die Partei.
Während der stellvertretende DVP-Vorsitzender Otto Hugo bereits im Frühjahr 1933 forderte, die Partei komplett in die NSDAP zu überführen, lehnte Dingeldey dies noch bis zum Juni ab. Erst als die Nationalsozialisten ihm selbst mit persönlichen Folgen gedroht hatten, gab er den vom Reichsvorstand am 27. Juni 1933 gefassten Selbstauflösungsbeschluss am 4. Juli 1933 bekannt.
Reichsregierungen ohne parlamentarischen Rückhalt
Die meisten Regierungen der Weimarer Zeit hatten keine parlamentarische Mehrheit hinter sich. Ausnahmen waren die Regierungen bis zur Wahl von 1920 und die Große Koalition von 1923. Typisch für die damalige Zeit waren hingegen Minderheitskabinette von Zentrum, DDP und DVP unter Beteiligung (Koalition oder Tolerierung) der SPD oder der DNVP. Im Kabinett Müller II von 1928–30 befanden sich zwar Angehörige von Parteien, die zusammen eine absolute Mehrheit im Parlament hatten, doch die Parteien sahen die Minister zum Teil nicht als ihre Vertreter an, und sie sahen sich nicht verpflichtet, die Regierung zu unterstützen. Seit dem Kabinett Papen im Jahre 1932 unterstützte nur die DNVP die Regierung. Auch das Kabinett Hitler vom 30. Januar 1933 hatte zunächst, bis zum Beschluss des Ermächtigungsgesetzes nach die Wahl im März, keine Mehrheit im Parlament.
Der Artikel 31 der Preußischen Verfassung von 1920 besagte: „Zur Vertretung der Provinzen bei der Gesetzgebung und Verwaltung des Staates wird ein Staatsrat gebildet“. Der Staatsratspräsident, Konrad Adenauer (Zentrumspartei), der dieses Amt von 1921 bis 27. April 1933 bekleidete, dem hinsichtlich des Rheinlands separatistische Bestrebungen nachgesagt wurden und der als Zentrumspolitiker gegenüber der Preußischen Landesregierung beträchtliche Vorbehalte hatte, vertrat gegenüber dem Preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun (SPD) stets die Auffassung, der Umgang der Staatsregierung mit dem Staatsrat trage dessen verfassungsrechtlicher Stellung nicht genügend Rechnung. Da Braun und das gesamte Staatsministerium anderer Ansicht waren (Braun begriff Preußen als ein starkes zentralisiertes Bollwerk der Demokratie und fürchtete Eingriffe in seine Richtlinienkompetenz als Ministerpräsident, die übrigen Minister, auch die des Zentrums, befürchteten eine mögliche Verwässerung der demokratischen Reformen durch die konservativen ostelbischen Provinzen), entwickelte sich eine Rivalität zwischen beiden Politikern und ihren Staatsorganen, die bis in die frühen 1930er-Jahre zu einer Blockadehaltung des Staatsrats führte. Adenauer brachte seine Sache schon 1922 vor den Staatsgerichtshof für das Deutsche Reich. Dieser führte 1923 schließlich einen Vergleich herbei, nachdem Adenauer einen Großteil seiner Forderungen zurückgenommen hatte.
Der „Kleinkrieg“ Adenauers gegen Braun, der trotz des gerichtlichen Vergleichs weiterging, dürfte der preußischen Staatsregierung schweren Schaden zugefügt haben.
Am 4. Februar 1932 beantragte Landtagspräsident Hanns Kerrl (NSDAP) aus machtpolitischem Interesse an einer vorgezogenen Landtagswahl eine Selbstauflösung des Preußischen Landtages, die von den verbleibenden demokratischen Mandatsträgern (SPD, Zentrumspartei, DStP) jedoch verweigert wurde und mangels Mehrheit nicht zustande kam. Das für die Auflösung notwendige Dreimännerkollegium aus Landtags-, Minister- und Staatsratspräsident fasste verständlicherweise ebenfalls keinen solchen Beschluss, da eine Neuwahl Braun und langfristig auch Adenauer mit größter Wahrscheinlichkeit ihrer Ämter beraubt hätte und Kerrl deswegen keine Mehrheit für seinen Antrag zustande brachte. Kerrl wandte sich daraufhin an Reichspräsident Hindenburg, der mit einer Notverordnung am 6. Februar 1932 rechtswidrig Braun seiner verbliebenen Kompetenzen beraubte und durch den Reichskommissar für Preußen, Franz von Papen, ersetzte.
Adenauer blieb als Präsident des Staatsrats im Amt. Als das Dreimännerkollegium am 6. Februar 1932 erneut zusammen trat, verließ Adenauer den Raum vor der Abstimmung, wohl in der (falschen!) Überzeugung, damit eine Beschlussfassung juristisch unmöglich gemacht zu haben. Papen und Kerrl dagegen interpretierten im Interesse ihrer Zielsetzung Adenauers Aktion als Enthaltung und beschlossen die Auflösung des Landtags (die Rechtmäßigkeit dieses Verfahrens ist weit mehr als nur zweifelhaft!). Damit hatte Adenauer mit vorstehender politischer Fehleinschätzung entscheidend dazu beigetragen, dass die NSDAP in Preußen durch Neuwahl des Landtages die Macht legal erlangen konnte!
Die Landtagswahl vom 24. April 1932, die keine Regierungsmehrheit erbrachte, nahm auch dem Staatsrat weitgehend seine Wirkungsmöglichkeit. Gesetzes- und Haushaltsbeschlüsse konnten nicht mehr durchgeführt werden. Der „Preußenschlag“ vom 20. Juli 1932, bei dem die Reichsregierung – auf eine Notverordnung des Reichspräsidenten gestützt (der ein klarer Gegner von Otto Brauns Politik war) – das Exekutivrecht in Preußen übernahm, ließ auch dem Staatsrat kaum noch Aktionsraum. Nach der Klage der Staatsregierung und zweier Landtagsfraktionen vor dem Staatsgerichtshof für das Deutsche Reich entschied dieser: „Die Notverordnung hätte der von Otto Braun geführten Landesregierung zwar nicht die Vertretung Preußens im Reichsrat oder sonst gegenüber Reich oder Preußischem Landtag entziehen dürfen, sei aber verfassungsgemäß, soweit sie den Reichskanzler zum Reichskommissar für Preußen bestellte und diesen ermächtigte, preußischen Landesministern vorübergehend Amtsbefugnisse zu entziehen und diese Befugnisse selbst zu übernehmen oder anderen Reichskommissaren zu übertragen“.
Bei der parallel zur Reichstagswahl stattfindenden Neuwahl am 5. März 1933 erreichte die NSDAP die notwendige Mehrheit, um ein preußisches Ermächtigungsgesetz zu verabschieden, das dem Reichskanzler jedwede Vollmacht über das Land gab. Damit waren dem Staatsrat seine kolegislative und seine koexekutive Funktion endgültig genommen. Bei den im selben Monat stattfindenden Wahlen zu den Provinziallandtagen konnte sich die NSDAP ebenfalls die Mehrheit der Sitze im Staatsrat sichern. Am 27. April 1933 wählte das Gremium Robert Ley, den Reichsorganisationsleiter der NSDAP, zum Nachfolger von Adenauer. Mit dem preußischen „Gesetz über den Staatsrat" vom 8. Juli 1933 wurde der Staatsrat in seiner bisherigen Funktion aufgelöst.
Historiker gehen davon aus, dass Konrad Adenauer mit seiner Nichtteilnahme an der Abstimmung des Dreimännerkollegiums vom 6. Februar 1932 den Preußenschlags vom 20. Juli 1932 nicht nur begünstigt, sondern erst ermöglicht hat. Adenauer hätte bei kühler Abwägung der Interessen am 6. Februar 1932 wissen müssen, dass von Papen und Kerrl sich nicht an demokratische und verfassungsrechtliche Spielregeln halten, dass beide seine Nichtteilnahme an der Abstimmung über die Auflösung des Preußischen Landtags als Enthaltung bewerten würden. Nur mit Adenauers „Nein Votum“ wäre der NSDAP Antrag auf Neuwahl gescheitert. Da Adenauer jedoch ein kühler Parteistratege war, ist davon auszugehen, dass er mit seinem Verhalten andere strategische Parteiziele verfolgte (z. B. die Retourkutschen gegen seinen langjährigen Widersacher Otto Braun, und die Schwächung der SPD!). Dieses wird noch damit belegt, dass Franz von Papen, damals noch Mitglied der Zentrumspartei, am 1. Juni 1932 mit Duldung der NSDAP Reichskanzler eines Minderheitenkabinetts wurde (Kabinett der Barone). Im Gegenzug wurde am 20. Juli 1932 die Preußische Landesregierung unter Leitung des Ministerpräsidenten Otto Braun (SPD) per Notverordnung abgesetzt. Von Januar 1933 bis Juni 1934 war dieser Franz von Papen (zwischenzeitlich parteilos) Vizekanzler Hitlers.
Mit dem Preußenschlag (auch als Staatsstreich in Preußen bezeichnet) wurde am 20. Juli 1932 die geschäftsführende, aber nicht mehr durch eigene parlamentarische Mehrheit gestützte Regierung des Freistaats Preußen durch einen Reichskommissar ersetzt. So ging die Staatsgewalt im größten Land des Deutschen Reiches auf die Reichsregierung über, die föderalistische und republikanische Verfassung der Weimarer Republik wurde geschwächt und die spätere Zentralisierung des Reiches unter Adolf Hitler entscheidend erleichtert.
Mit seinen egoistischen „Machtspielen“ hat Konrad Adenauer entscheidend daran mitgewirkt, dass die Weimarer Republik dem Untergang geweiht war. Somit darf mit Fug und Recht festgestellt werden, dass Adenauer einer der „Totengräber“ der ersten Deutschen Demokratie -der Weimarer Republikwar, und somit indirekt einer der „Steigbügelhalter“ Adolf Hitlers wurde.
Aufsatz von Gunther Latsch - „Spiegel Ressortleiter“
Die konservative deutsche Jugendbewegung politisierte sich nach dem Ersten Weltkrieg. Den Keim der Diktatur trug sie in sich: Sie pflegte einen Führerkult und beschwor die Volksgemeinschaft.
Am Sarg des Dichters fand sich noch vereint, was bald in Feindschaft enden würde. Junge Männer „in Opposition zur Vermassung des Lebens", wie der Philosoph Max Scheler einst schwärmte, eine elitäre Sekte, die sich als „neuer Adel" verstand. Es waren Nationalisten und Nihilisten, Schwärmer und Schwule, die im Dezember 1933 ins schweizerische Minusio reisten, um dem Dichter Stefan George die letzte Ehre zu erweisen. Zu jenen, die dort Totenwache hielten, gehörten auch der spätere Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg und sein Bruder Berthold.
Als ein Kranz der deutschen Regierung eintraf, brach in der Trauergemeinde ein Streit los: Den letzten Gruß des Reiches zierte ein Hakenkreuz - das machte das Gebinde zum Politikum und den Toten zum Hitler-Freund.
War George tatsächlich ein Wegbereiter und Gesinnungsgenosse der Nazis? Oder war sein mystisch-romantisches „Geheimes Deutschland", das Stauffenberg noch in der Stunde seiner Hinrichtung beschworen haben soll, ein rein ästhetischer, am hellenischen Ideal orientierter Gegenentwurf zum politischen Hitler-Deutschland?
Der Dichter selbst, der wie kaum ein anderer das Denken der bürgerlichen Jugend in der Weimarer Republik prägte, hat sich Vereinnahmungsversuchen der NS-Herrscher stets entzogen. Seinen 65. Geburtstag im Juli 1933 verbrachte er bereits außerhalb des Deutschen Reiches, in der Schweiz. Auch das Angebot, Präsident der Sektion für Dichtkunst in der Preußischen Akademie der Künste zu werden, wies er zurück. Allerdings mit einem vieldeutigen Satz in einem Brief an seinen Freund Ernst Morwitz: „Die Ahnherrschaft der neuen nationalen Bewegung leugne ich durchaus nicht ab und schiebe auch meine geistige Mitwirkung nicht beiseite."
Tatsächlich schwärmte die geistig-seelische Aristokratie, die Führungsschicht seines „neuen Reiches", von einem Führer, „der seine Gefolgschaft durch Sturm und grausige Signale ins neue Reich leitet", schrieb der US-Historiker Walter Laqueur.
Solch geistige Verwandtschaft trifft auch für große Teile der bürgerlich-konservativen Jugendbewegung in der Weimarer Republik zu. Ob die Neupfadfinder, die vergleichsweise liberal-pragmatisch ausgerichtete Deutsche Freischar oder paramilitärische Verbände wie der Jungdeutsche Orden - sie alle trugen dazu bei, der wachsenden NS-Bewegung den Weg zu ebnen. Die linksgerichteten Gruppen der Arbeiterjugend hatten trotz ihrer vielen Mitglieder keine vergleichbare Wirkung.
Was die mehr als 1200 Bünde und Organisationen, deren Mitgliederzahl zwischen einigen Dutzend und 60.000 (Jungdeutscher Orden) schwankte, über alle Grenzen und Differenzen hinweg einte, war ihre Sehnsucht nach „Gemeinschaft", die sie als Gegenwelt einer als kalt und unpersönlich empfundenen „Industriegesellschaft" definierten.
Hinzu kam ein Hang zum Militärischen, dem sich selbst linke Jugendorganisationen nicht entziehen konnten. Auch beim sozialdemokratischen „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold" oder dem kommunistischen „Roten Frontkämpferbund" gab es Geländelauf, Gepäckmarsch und Kleinkaliberschießen.
Dies entsprach - zumindest formal - ganz jener geistigen und seelischen Rüstung der wehrhaften Jugend, die der rechtsnationalistische Jungdeutsche Orden in seinem Manifest beschworen hatte. Diese Wiederaufrichtung des durch die Zeitläufe tief verunsicherten Individuums als Kämpfer wurde zum Leitbild einer ganzen Generation.
Als „Hunger nach Ganzheit" hat der amerikanische Historiker Peter Gay den sozialpsychologischen Gemütszustand der jungen Generation von Weimar beschrieben. Wer davon geplagt wurde, fühlte sich bedroht von der Industrialisierung: der Macht der Maschinen, der zunehmenden Arbeitsteilung, dem gottlosen Rationalismus, der Unüberschaubarkeit menschlicher Beziehungen, der angeblich ihrer Wurzeln beraubten Gesellschaft, die im Moloch Großstadt ihre hässliche Fratze offenbarte.
All diese Ängste hatten auch schon die um die Jahrhundertwende entstandenen Wandervogel- und Naturfreundebewegungen umgetrieben - wenn auch in einem eher unpolitischen Sinne. Die Opposition gegen den schnöden Materialismus der Gesellschaft manifestierte sich zunächst nur in einer romantisch überhöhten Rückkehr zur Natur.
Das Streben nach dem einfachen, unverfälschten Leben gehörte ebenso dazu wie die Wiederentdeckung alter Volkslieder. Kulturelles Leitbild waren die Scholaren des Mittelalters, fahrende Schüler und Studenten, die in den geistigen Wolkenkuckucksheimen der Wandervögel als Garanten poetischer Liebe, echten Glaubens und wahrer Treue wiederauferstanden waren.
Doch bei aller Kritik an den herrschenden Verhältnissen: Der Gedanke, die politischen Verhältnisse zu verändern, war den Wandervögeln vor dem Ersten Weltkrieg nicht gekommen. Erst das Leiden in „Stahlgewittern", das der Schriftsteller Ernst Jünger für seine Generation beschrieb, machte aus individueller Gesellschaftskritik kollektive Systemfeindschaft.
Mehr als zwei Millionen deutsche Soldaten hatten auf den Schlachtfeldern ihr Leben verloren - viele von ihnen waren kaum älter als 20. Diese Erfahrung prägte auch die Sicht auf die Weimarer Demokratie entscheidend. Als „neue stählerne Romantik" beschrieb ein Referent aus Goebbels Propagandaministerium 1935 die „Vermählung eines jungen Soldatentums mit dem Fahrtengeist des alten Wandervogels".
Es war eine Romantik, die der ersten Republik auf deutschem Boden nichts abgewinnen konnte. „Wahre und echte Demokratie", schrieb der Erziehungswissenschaftler Hermann Giesecke schon 1981 in seiner Studie „Vom Wandervogel bis zur Hitlerjugend", war für die Kriegsheimkehrer das, „was sich in den Schützengräben abgespielt hatte, als es nicht mehr aufs militärische Ritual ankam, sondern auf die Gemeinschaft zwischen Führern und Geführten".
Die lyrische Romantik der Wandervögel mutierte zur Verklärung des Soldatischen. „Freiheit und Zwanglosigkeit waren der Pflicht und dem Dienst in freiwilliger Unterwerfung unter ein größeres Ganzes gewichen", analysierte der aus Breslau stammende Lacqueur.
Nicht mehr der fahrende Scholar war fortan das Leitbild, sondern eine Rittergestalt. Der protestantische Pfarrer und Führer der Neupfadfinderbewegung, Martin Voelkel, sorgte in der Zeitschrift „Der Weiße Ritter" für den ideologischen Unterbau.
Seine Aufsatzsammlung „Hie Ritter und Reich!" war, so Laqueur, „ein recht genaues Abbild der Geistesverfassung des deutschen Bürgertums in den Zwanzigerjahren" und prägte die Jugendbewegung der Zeit weit über die in der Mitgliederzahl eher marginale Gruppe der Neupfadfinder hinaus.
Für Voelkel, der von Thomas Manns „Betrachtungen eines Unpolitischen" ebenso beeindruckt war wie von Stefan Georges „Stern des Bundes" und dessen Visionen eines neuen Reiches, war die Idee des Bundes seit je Teil der deutschen Seele. Vielleicht, fabulierte Voelkel, habe es etwas mit dem nordischen Himmel zu tun, dass die Jugendbewegung nur bei germanischen Völkern zu finden sei: „Wo deutsches Blut rauscht, da ist der Helden Heimat."
Voelkel und seine Anhänger glaubten, dass „zwischen Tod und Teufel das Reich der Deutschen“ entsteht. Die Konsequenz: „Die deutsche Jugend und der deutsche Staat müssen sich zur letzten Schlacht rüsten" - koste es, was es wolle. „So stürmen sie zur Schlacht / das Beten ist vorbei / Sieg oder Tod / es macht uns beides frei."
Auch wenn die Nähe zur NS-Ideologie in solchen Sätzen offensichtlich ist, und im Weißen Ritter den Juden ein entsetzliches Schicksal prophezeit wurde, wenn sie nicht aus freien Stücken Deutschland verließen, hielten Voelkel und seine Anhänger Distanz zur NSDAP und ihren Untergliederungen.
Die Hitlerjugend und andere paramilitärische Organisationen überzogen sie sogar mit dünkelhaftem Hohn und Spott: Man habe nichts übrig für Friseurlehrlinge, die sonntags mit stolz geschwellter Brust Seit' an Seit' mit ihren Kunden marschierten.
Dass Voelkel sich ab 1935 zur Bekennenden Kirche und später zum Widerstand gegen Hitler bekannte und Hakenkreuzfahnen aus seiner Berliner Kirche entfernte, belegt einmal mehr den Grad der Verwirrung, den der „Hunger nach Ganzheit" auslösen konnte, wenn man das Heil im Völkischen suchte.
Der Schriftsteller und Wandervogel Werner Helwig hat das Elend der Jugendbewegung in einem Satz zusammengefasst : „Dass man rechts stand und links empfand, dass man links stand und 'völkische' Ideale haben konnte, trug viel zur Vermischung aller Tendenzen bei."
Aus diesem Grund hatten auch eher gemäßigte Gruppen wie die Deutsche Freischar dem immer stärker werdenden Nationalsozialismus wenig entgegenzusetzen. Schlimmer noch: Mit Ideen wie der eines nationalen Arbeitsdienstes, die den Vorrang der Gemeinschaft vor einer als kalt und unpersönlich denunzierten Gesellschaft untermauerten, spielten sie den Nazis in die Hände.
Von solchen Positionen war der Schritt zur rassisch definierten Volksgemeinschaft nicht weit. Die Erfolge Hitlers und seiner Partei bei der Reichstagswahl 1933 taten ihr Übriges. Der Großteil der Bünde wollte in der Stunde des Sieges dabei sein.
Im März verkündeten die Führer der Freischar, dass sie sich der nationalsozialistischen Bewegung anschließen wollten. Wer damit nicht einverstanden sei oder aus anderen Gründen nicht zum NSDAP-Mitglied tauge, solle aus dem Bund austreten.
Auch der evangelische Neulandbund mochte da nicht abseits stehen. In der Bundeszeitschrift stellte ein weibliches Mitglied schon mal ihre Führerqualitäten unter Beweis: „Wie haben wir Frauen immer dagestanden und um uns geschaut, ob sich denn die Männer diese Schlammflut von Ehrlosigkeit, Niedrigkeit, Gier, Selbstsucht und Klassenhass gefallen ließen. Und dann haben wir es mit Erschaudern gefühlt, dass das Gotteswunder geschah und dass wirklich ein Retter aufstand, der es vermochte, die Seele des Volkes zu wecken. Da haben wir uns jubelnd dem großen Deutschland erwache angeschlossen und haben gewusst: Hier schreitet Gott durch die Weltgeschichte, hier erweckt er sich selbst das Werkzeug."
Die willigen Heerscharen standen da schon bereit - darunter der „Deutsche Frauenkampfbund gegen Entartung im Volksleben", den die Mitbegründerin des Neulandbundes, die Lehrerin Guida Diehl, bereits 1926 ins Leben gerufen hatte.
Anmerkungen zum vorhergehenden Aufsatz:
Deutschland hatte den ersten Weltkrieg verloren. Der Kaiser und sein Hofstaat wurden 1918 im Zuge der Novemberrevolution in die Wüste gejagt – er ging nach Holland ins Exil. Ebenfalls wurde der Adel politisch kalt gestellt. Der Versailler Friedensvertrag, der nach der Ratifizierung und dem Austausch von Urkunden am 10. Januar 1920 in Kraft trat, konstatierte die alleinige Verantwortung des Deutschen Reichs und seiner Verbündeten für den Ausbruch des Weltkriegs und verpflichtete es daher zu Gebietsabtretungen, Abrüstung und Reparationszahlungen an die Siegermächte. Die Delegation des Deutschen Reiches wurde zu den langwierigen mündlichen Verhandlungen über den Vertragsinhalt nicht zugelassen, sondern konnte erst am Schluss durch schriftliche Eingaben und wenige Nachbesserungen erwirken. Nach ultimativer Aufforderung unterzeichneten die Deutschen unter Protest am 28. Juni 1919 im Spiegelsaal von Versailles den Vertrag. Somit befand sich die erste demokratisch gewählte Regierung in Deutschland, die Weimarer Republik, von Beginn an in seinen Handlungen in eine viel zu enge Zwangsjacke gepresst, die einen Start in ein besseres und gerechteres Deutschland schier unmöglich machten.
Hinzu kamen die tiefen und unüberbrückbaren politischen Grabenkämpfe um den richtigen Weg in der Weimarer Republik. Menschenrechte, liberale und soziale Gerechtigkeit auf der einen Seite - Revanchismus, Nationalismus und Konservatismus auf der anderen Seite (wobei die Kaiser- und Weltkriegsgetreuen in deren Reihen eine nicht unerhebliche Rolle spielten). Somit blieb die junge Demokratie durch Blockadepolitik in den Anfängen stecken. Wer als Kind oder Jugendlicher in ein solches deutsches Gebilde auf- bzw. hineinwächst, dem fehlt jede moralische Orientierung an Sitte, Anstand, Gerechtigkeit und Rechtstaatlichkeit. Somit wundert es nicht, dass die konservativen deutschen Jugendbewegungen von Beginn an den Keim der Diktatur in sich trugen - diese elitären Sekten, die sich als „neuer Adel“ verstanden, wurden -im Gegensatz zu den linken und liberalen Jugendbewegungen- auf einen Führer- und Führungskult getrimmt.
Nach dem verlorenen Krieg versinkt Deutschland in Armut und tiefer Depression. Das einfache Bürgertum erleidet Hunger und Kälte. Die Arbeitslosigkeit erreicht nie geahnte Rekorde, und das Geld ist praktisch nichts mehr wert.
Die Weimarer Republik hatte keine Chance in ruhiges Fahrwasser zu kommen, um demokratische Grundsätze und den Parlamentarismus zu festigen. Diese Demokratiebemühungen scheiterten einerseits an den schlimmen (und wie wir heute wissen) ungerechten Bedingungen des Versailler Vertrages, dass Deutschland von den Siegermächten aufgezwungen wurde, und andererseits nach parlamentarischen Machtkämpfen im Reichstag (bis hin zur parlamentarischen Blockade) zwischen den linken und liberalen Parteien (wie z. B. SPD, USPD und DDP) und den rechten erzkonservativen und nationalistischen Parteien (wie z. B. die katholische Zentrumspartei, die sich auch gerne als bürgerlich-christliche Partei selbst tituliert, DVP, DNVP und ab 1920 der BVP – Bayerische Volkspartei). In diesem rechten Lager waren hauptsächlich bei der DNVP auch die Weltkriegsrevanchisten, große Teile der ehem. Reichswehr und des Hochadels beheimatet. Das sogenannte konservativ-bürgerlich-christliche Lager verhinderte aus ideologischen Gründen die weitergehende Demokratisierung des Landes.
Mitte der 1920iger Jahre ging es einigen wenigen Deutschen wirtschaftlich etwas besser, was auf die erzielten Lockerungen des Versailler Vertrages zurückzuführen war - betroffen hiervon waren jedoch nicht die Arbeitnehmer und die kleinen Familienbetriebe. In den Augen der großen Mehrheit der Arbeitnehmerschaft hatte es den Anschein, als ob die „oberen Zehntausend“ aus Überschwang in einem dekadenten Lebenswandel verfielen (die sogenannten „goldenen zwanziger Jahre“ hinterließen nachhaltige Spuren, die sich bitter rächen sollten). Unten wurde großteils auch weiterhin gehungert und gefroren, während oben täglich „die Sau rausgelassen wurde“. Das konnte nicht gut gehen. Der Pöbel, der Straßenmob, sammelte sich links bei den Kommunisten und rechts bei den Nazis mit ihrer Schlägertruppe SA, und so kam es immer häufiger zu blutigen Saal- und Straßenschlachten. Die letzten gutwilligen Demokraten standen mitten zwischen beiden Lagern - konnten das Land nach dem Börsencrash 1929 nur noch mit Notverordnungen regieren, was nun wahrlich nicht zur Stimmungsaufhellung in der Republik diente. Mit einem Satz gesagt, die Demokratie und der demokratische Parlamentarismus war von der Mehrheit des Volkes nicht gewollt - wobei das Bürgertum und die Kirchen durch ihr Schweigen und Wegsehen die Hauptschuld für dieses Versagen der Weimarer Republik hatten.
Die damaligen Reichsregierungen der Weimarer Republik hatten somit keine Chance, und waren auch nicht in der Lage, die o. a. geschichtlich rivalisierenden Kräfte „vaterländisch“ zu bündeln, um die „Straße“ und „das Land“ zu befrieden.
Zudem gab es in Bayern ernsthafte monarchistische und erzkonservative Bestrebungen sich von Berlin und somit von Deutschland loszulösen. Ähnliche Bestrebungen gab es auch im Rheinland, wo die katholische Zentrumspartei mit Unterstützung Frankreichs einen eigenen Staat wollte - der spätere Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland Konrad Adenauer war einer dieser Initiatoren (wie auch die britischen und amerikanischen Siegermächte bescheinigten) - wenn auch nicht der Wortführer. Profiteure dieser schwachen und von Eifersucht geprägten Politik waren letztlich einzig und allein die Nazis um Adolf Hitler. Die monarchistischen und die erzkonservativen Kreise wurden somit durch ihre politische Abneigung gegen die Weimarer Republik und durch ihre Eifersucht gegen das linke Lager Hitlers „Steigbügelhalter“. Nicht zu vergessen, wie geschildert, Adenauers gefährliches „Spiel mit der Macht“ und seine fahrlässige (vorsätzliche?) Fehleinschätzung hinsichtlich seiner Nichtteilnahme an der Abstimmung des Dreimännerkollegiums zur Auflösung des Preußischen Landtages und Ansetzung von Neuwahlen auf Antrag des Landtagspräsidenten Kerrl (NSDAP).
Deutsche Tugenden (die schon mal 1914 in den Abgrund führten) waren im Januar 1933 wieder mal der Grund für den Weg in das so vorprogrammierte Deutsche Chaos.
Hier die Reichstagswahlergebnisse der NSDAP während der Zeit der Weimarer Republik:
Reichstagswahl vom 04.05.1924=6,6 %
Reichstagswahl vom 07.12.1924=3,0 %
Reichstagswahl vom 20.05.1928=2,6 %
Reichstagswahl vom 14.09.1930=18,3 %
Reichstagswahl vom 31.07.1932=37,4 %
Reichstagswahl vom 06.11.1932=33,1 %
Reichstagswahl vom 05.03.1933=43,9 %
Wo war die Mehrheit des Deutschen Volkes, wo waren die Kirchen, als es darum ging die ersten deutschen Demokratiebemühungen erfolgreich zu verteidigen? Sie waren nicht da! Die überwiegende Mehrheit des deutschen Volkes und der deutschen Institutionen sehnten sich nach der Schmach der Kriegsniederlage nach dem „starken Mann“ und nach der Tilgung des Versailler Vertrages. Die deutschen Demokratiebemühungen waren da nur hinderlich und somit von der Mehrheit des deutschen Volkes nicht ernsthaft gewollt!
Diese Schuld für das Zerbrechen der ersten Deutschen Demokratie muss das Deutsche Volk - und hier vor allen Dingen das sogenannte bürgerliche Lager sich anrechnen lassen - aus dieser Schuld können die damaligen Generationen Deutschlands nicht entlassen werden!
Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) ging aus der Deutschen Arbeiterpartei (DAP) durch deren Umbenennung am 24.02.1920 hervor. Die Gründung erfolgte im Münchener Hofbräuhaus. Die allgemeinen Voraussetzungen für das Aufkommen und den späteren Sieg des Nationalsozialismus in Deutschland waren die Kriegsniederlage von 1918, der Versailler Friedensvertrag, verschärften Spannungen und Klassengegensätze im deutschen Volk, die durch die Inflation hervorgerufene Zerrüttung des deutschen Sozialgefüges, die innen- und außenpolitischen Belastungen der Weimarer Republik und die Auswirkungen der Welt- wirtschaftskrise von 1929 auf Deutschland.
Darüber hinaus war der Nationalsozialismus als typische Massenbewegung eine Erscheinung der damaligen Zeit, gestützt aus dem Faschismus, die als nationalistisch-militante Reaktion auf den internationalen Sozialismus und Kommunismus und als Sonderform der auch in anderen Ländern praktizierten totalitären Herrschaft verstanden werden muss. Obgleich der Nationalsozialismus im Lauf seiner Entwicklung auch Teile der Arbeiterschaft und andere Schichten an sich zog, war er doch in seinem Kern eine Bewegung des Bürgertums, dem das Wesen der Demokratie fremd war und das im Nationalsozialismus seine letzte Hoffnung auf Überwindung seiner wirtschaftlichen Probleme, der inneren Schwierigkeiten und auf Wiedergewinnung der äußeren Machtstellung Deutschlands sah und mehr nach einer starken autoritären Führung als nach Sicherung der individuellen Freiheit verlangte. Ihm kam der Nationalsozialismus mit der Forderung nach Aufgehen des einzelnen in der Volksgemeinschaft, die sich dem Willen eines Führers unterordnet, entgegen
Die Anfänge der nationalsozialistischen Bestrebungen, die schon antisemitischen Charakter hatten, lagen auf bayerisch-tschechisch-österreichischem Gebiet. Geistige Wegbereiter und Quellen seiner Entwicklung in Deutschland waren die mehr oder minder vergröberten und missverstandenen Ideen Johann Gottlieb Fichtes (Der geschlossene Handelsstaat), Ernst Moritz Arndts und Friedrich Ludwig Jahns (Volkstum), und dann besonders Joseph Arthur de Gobineaus und Houston Stewart Chamberlains Rassenlehre und die antisemitischen, antiklerikalen und großdeutschen Forderungen Georg Heinrich Ritter von Schönerers und der deutschvölkischen Bewegung, von der auch das Hakenkreuz als politisches Symbol übernommen wurde. Dazu kamen Bruchstücke der Philosophie Nietzsches (Wille zur Macht, Herrenmenschentum und Wendung gegen das Christentum), außerdem vieles aus dem antiliberalen Schrifttum der Zeit von Möller van der Bruck bis zu Ernst Jünger (Totale Mobilmachung und andere). Reichsgedanke und Preußentum wurden innerlich umgedeutet, aber nicht wahrhaft aufgenommen.
Staatspolitisches Vorbild war in vielen das faschistische Italien. Von ihm sind Äußerlichkeiten, wie das einfarbige Hemd als Parteiuniform, der römische (deutsche) Gruß, ferner das Modell der Parteimiliz (der SA) und des politischen Kampfes übernommen.
In Deutschland knüpfte die Entwicklung des Nationalsozialismus an die belanglose Splitterpartei an, die 1919 in München von dem Schriftsteller Harrer und andere als „Deutsche Arbeiterpartei“ (ursprünglich Deutscher Arbeiterverein) gegründet wurde. Sie erhielt erst durch Adolf Hitler Auftrieb. Auf ihrer ersten Massenversammlung in München am 24. Februar 1920 verkündete Hitler die 25 Thesen des Parteiprogramms, die mit ihrer verschwommenen, in sich nicht widerspruchsfreien Forderungen vielen etwas boten, unter anderem der Zusammenschluss aller Deutschen im Großdeutschen Reich, Aufhebung der Friedensverträge von Versailles und St.-Germain, Rückgewinnung der Kolonien, ein deutsches Staatsbürgerrecht, dass alle Juden ausschloss und das allein zur Bekleidung öffentlicher Ämter befähigte.
Recht und Pflicht zur Arbeit, Abschaffung des arbeitslosen Einkommens, Brechung der Zinsknechtschaft, Einziehung der Kriegsgewinne, Bodenreform, Verstaatlichung der Trusts, Gewinnbeteiligung der Arbeitnehmer, Beseitigung des römischen Rechts, gleiche Aufstiegsmöglichkeiten für alle, Maßnahmen zum Schutz der Volksgesundheit, allgemeine Wehrpflicht, Bekämpfung und Verbot zersetzender Kunst- und Literaturrichtungen sowie Schaffung einer starken Zentralgewalt.
Die wirtschafts- und sozialpolitischen Forderungen dieses Programms wurden später beiseite geschoben und nach 1933 nicht verwirklicht.
Nachdem Hitler 1921 die Parteiführung in seine Hand gebracht hatte, verschaffte er sich mit der Einführung des Führerprinzips die für ihre Entwicklung entscheidenden diktatorischen Vollmachten. Einer seiner ersten Maßnahmen war die Gründung der SA als Saalschutz- und Propagandatruppe. 1922 wurde der Jugendbund der NSDAP (Keimzelle der Hitlerjugend) gebildet. Die NSDAP konnte in den ersten Jahren vor allem in Bayern größeren Anhang gewinnen. So kam es nicht von ungefähr, dass nach der seinerzeitigen desolaten Lage in Deutschland, Hitler München für den Ort eines Staatsstreiches auswählte. Adolf Hitler wurde in seiner Münchener Zeit sowohl als Person als auch als NSDAP-Führer vom Bayerischen Bürgertum mit „braver katholischer Konfession“ finanziert und gesponsert.
Adolf Hitler und General Erich Ludendorff versuchten am 9. November 1923 mit einem Marsch von bis zu 4000 teilweise bewaffneten NSDAP-Anhängern zur Münchener Feldherrnhalle den Umsturz in Deutschland zu erzwingen. Die Landespolizei stoppte diesen Marsch nahe der Feldherrnhalle. In einem kurzen Feuergefecht starben 16 Putschisten und vier Polizisten. Der bei einem Sturz verletzte Hitler floh zu Freunden in der Stadt, und wurde dort am 11. November 1923 verhaftet. Die schon in neun deutschen Ländern verbotene NSDAP wurde nun auch in Bayern und am 23. November reichsweit verboten.
Der Prozess gegen Hitler wegen Hochverrats und Landfriedensbruchs begann am 26. Februar 1924 vor dem bayerischen Volksgericht, statt wie in solchen Fällen üblich, vor dem Reichsgericht in Leipzig. Ludendorff, der den Putsch monatelang aktiv mit vorbereitet hatte, wurde durch ein Verhörprotokoll entlastet, wonach er angeblich nichts vom Putschplan gewusst habe. Hitler nutzte den Prozess als Bühne und stellte sich von Beginn an als treibende Kraft des Putschplans dar. Er bestritt den Vorwurf des Hochverrats und behauptete stattdessen, die „Novemberverbrecher“ von 1918 seien die eigentlichen Verräter. Dieses scheinbar mutige Auftreten fiel ihm umso leichter, da der Vorsitzende Richter mit ihm sympathisierte und ihm ein mildes Urteil angeboten hatte. Die Tötung der vier Polizisten wurde nicht angeklagt und somit auch nicht verhandelt. Diese „bayerische Justizkomödie“ endete mit einem Freispruch für Ludendorff. Hitler, der schon 1922 wegen schweren Landfriedensbruchs zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden war, erhielt trotz laufender Bewährungsfrist widerrechtlich nur die Mindeststrafe von fünf Jahren Festungshaft und musste eine Geldbuße von 200 Goldmark zahlen.
Obwohl das Republikschutzgesetz vorsah, straffällig gewordene Ausländer (Hitler war Österreichischer Staatsbürger) auszuweisen, lehnte das Gericht dies ab, weil Hitler eine „ehrenhafte Gesinnung“ habe, deutsch denke und fühle, viereinhalb Jahre freiwillig im deutschen Heer Soldat gewesen und dabei verwundet worden sei. Hitler wurde wegen angeblich guter Führung schon am 20. Dezember 1924 aus der Festungshaft Landsberg entlassen, sodass er weniger als neun Monate absitzen musste.
Übrigens: In den 1920iger Jahren war Bayern ein beliebter Rückzugsort für kriminelle rechtsradikale Straftäter und braune Spinner, die in den anderen Ländern des Reiches von der Polizei und der Justiz gesucht wurden - in Bayern war die Justiz nun mal auf dem rechten Auge blind - doch nicht nur die Justiz (und nach 1945 gab es da ja noch die CSU als Kontinuität). Ja, so waren sie halt die erzkonservativen, katholischen und tiefbraunen Bayern.
Anmerkung: Hitlers Festungshaft fand unter Bedingungen statt, die einer fürstlichen Residenz gleichkam, nur mit dem Unterschied, dass die Fenster vergittert und seine Türen verschlossen waren. Es wurde Hitler sogar gestattet, zusammen mit seinem persönlichen „Sekretär“ Rudolf Hess, an seinem rassistischen Machtwerk „Mein Kampf“ zu arbeiten.
Nach seiner Haftentlassung am 20. Dezember 1924 versprach Hitler Bayerns Ministerpräsidenten Heinrich Held am 4. Januar 1925, er wolle künftig nur noch auf legale Weise Politik machen und der Regierung im Kampf gegen den Kommunismus helfen. Das NSDAP-Verbot wurde somit zum 16. Februar 1925 wieder aufgehoben.
Mit der Aufstellung der SS seit 1925, der Bildung der Hitler-Jugend (HJ) 1926, der Errichtung einer Reihe berufsständischer Gliederungen wurde die Parteiorganisation in den nächsten Jahren immer weiter ausgebaut. Presse und Propaganda wurden 1929 Joseph Goebbels als Reichpropagandaleiter unterstellt. Zwischen 1925 und Anfang 1929 kletterte die Mitgliederzahl der Nazis von ca. 25.000 auf ca. 130.000. Besonders Jugendliche und junge Männer traten in die Hitler-Jugend (HJ) und in die SA ein. Bei den Reichstagswahlen im Jahre 1928 erreichte die Partei jedoch nur 2,6 % der abgegebenen Stimmen. Auf Grund dessen erging die Parteiweisung den antisemitischen Propagandafeldzug zurückzuschrauben, da diese vor allen Dingen auf bürgerliche Kreise abschreckend wirke. Von nun an setzte die NSDAP vermehrt auf den Straßenterror gegen das linke Lager durch die SA (incl. Mord und Totschlag) und auf außenpolitische Themen. Außerdem nutzte die Partei diese Phase, um sich um andere Mitglieder zu bemühen (man rückte davon ab, vor allen Dingen Arbeiter für sich zu gewinnen). Von da an erhielt die NSDAP immer mehr Unterstützung von Bauern (wegen des Preisverfalls deren Produkte), Handwerkern und Einzelhändler (Angst vor der jüdischen Konkurrenz) sowie aus den Reihen der Studenten- und Beamtenschaft (Furcht vor einer Proletarisierung des akademischen Bürgertums). Bei den Reichstagswahlen am 14.09.1930 wurde die NSDAP mit 18,3 % der abgegebenen Stimmen zweitstärkste Partei hinter der SPD (24,5 %). Die Forderungen der Eliten in der Wirtschaft nach Abbau des Sozialstaates, im Militär nach Wiederaufrüstung und Bedeutungsgewinn sowie in der Beamten- und Richterschaft nach Absicherung ihrer Pensionen und ihrer Stellung in einem starken nationalen und autoritären Staat liefen somit auf die Beseitigung des „Gewerkschaftsstaates“ und damit letztlich auf die Beseitigung der demokratischen Weimarer Republik hinaus. Diese Forderungen schrieben Adolf Hitler und seine NSDAP zusätzlich ins Parteiprogramm. Für die extrem national gesonnenen Teile dieser Eliten wurde Adolf Hitler somit immer mehr zu einer möglichen politischen Alternative.
Doch konnte sich die Partei in den Wahlkämpfen dieser Jahre nur langsam durchsetzen. Erst seit der Weltwirtschaftskrise 1929 und der zunehmenden Arbeitslosigkeit begannen ihr die Massen zuzuströmen. In der Atmosphäre steigender politischer Spannungen, in der sich die Macht immer mehr auf die beiden extremen Flügel der Kommunisten und der Nationalsozialisten verlagerte, stieg die NSDAP mit dem Beginn der 1930iger Jahre rasch zur Macht empor (mit Hilfe der Knüppelorgien und Saalschlachten der SA, wobei aus Sicht der Nazis Tötungen und Verletzungen nur Kollateralschäden waren). In den Reichstagswahlen von 1930 gewann die NSDAP 107 von 577 Sitzen. Auf Drängen von Hitler und Hugenberg verbanden sich im Oktober 1931 die NSDAP und die DNVP mit anderen nationalistischen Verbänden zur Harzburger Front als Gegner der Weimarer Republik. Bei den Reichstagswahlen am 31.07.1932 wurde die NSDAP mit 39,5 % der abgegebenen Stimmen zur stärksten Partei im Reichstag gewählt. Bei der Reichstagswahl Ende 1932 erlitt die NSDAP jedoch einen herben Rückschlag (blieb mit 33,1 % aber stärkste Partei im Reichstag).
Auf die NSDAP entfielen jeweils etwa ein Drittel der Sitze. In einzelnen Ländern errang sie jetzt bereits die absolute Mehrheit, in den meisten Ländern wurde sie stärkste Parlamentspartei. Bei der Reichspräsidentenwahl 1932 erhielt Hitler 30 % der abgegebenen Stimmen, und zwang somit Hindenburg in den zweiten Wahlgang, den Hindenburg dann für sich entscheiden konnte.
Reichspräsident Hindenburg übergab die Kanzlerschaft Anfang 1933 zuerst an von Papen und anschließend an von Schleicher. Der ehem. Reichskanzler Franz von Papen bot Hitler in einem Geheimtreffen die Kanzlerschaft in einem national-konservativen Kabinett an (bestehend aus NSDAP und DNVP und anderen kleinen konservativen Parteien). Hindenburg schlug nach vorstehender Einigung Hitler als Reichskanzler vor. Am 30.01.1933 führte dies formal zur legalen Machtübernahme der NSDAP. Nachdem Hitler seine Koalitionspartner sehr rasch überspielt hatte, machte er die NSDAP zur alleinigen Beherrscherin des politischen Lebens in Deutschland. Anzumerken ist, dass die NSDAP im Januar 1933 schon 850.000 Mitglieder zählte.
In der letzten Reichstagswahl unter demokratischen Gesichtspunkten vom 05.03.1933 erzielte die NSDAP mit 43,9 % der abgegebenen Stimmen ihr bestes Reichstagswahlergebnis, und kassierte dafür 288 Sitze (von insgesamt 647). Die Koalitionsregierung mit der DNVP, die 8 % der Stimmen erzielten, wurde vorübergehend fortgesetzt. Danach gab es im „Dritten Reich“ keine demokratischen Reichstagswahlen mehr.
Wesen und Ziele des Nationalsozialismus, sowie die Mittel und Methoden ihrer Verwirklichung haben im Parteiprogramm von 1920, in Hitlers „Mein Kampf“, in Rosenbergs „Mythos des 20. Jahrhunderts“ und in zahlreichen anderen Parteischriften ihren Niederschlag gefunden. Jedermann im damaligen Deutschland hätte aus den genannten Schriften wissen können, so man denn wollte, wie und mit welchem Tyrannenregime Hitler sein Machtwerk vollenden wollte!
Die Nationalsozialisten lebten vor allem aus emotionalen Kräften und nicht aus einem klar durchdachten Programm oder System. Daher auch sein dauernder Appell an Instinkt und Gefühl und seine betonte Verachtung des Intellekts und der Intellektuellen. Höchstwerte der Nazis waren nicht der einzelne Mensch, sondern Volk und Rasse, vorwiegend das eigene Volk arischer Abstammung. Alle nichtarischen, besonders jüdischen Bestandteile, wurden grundsätzlich und mit erbarmungsloser Konsequenz durch Massenmord ausgemerzt (Endlösung), „rassisch Minderwertige“ durch Unfruchtbarkeitsmachung ausgeschaltet und planmäßig ermordet (Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, „Euthanasie“). Die Volksgesundheit sollte durch eugenische, hygienische und soziale Maßnahmen geschützt und gesichert werden. Der sogenannten „Volksgemeinschaft“ wurde alles andere nach- und untergeordnet (Gemeinnutz geht vor Eigennutz, Recht ist was dem Volke nutzt, „Du bist nichts, das Volk ist alles“).
„Staatsfeinde“ wurden daher ohne Rücksicht auf Recht und Gesetz verfolgt und vielfach auch ermordet. Alle anderen Parteien und Gewerkschaften wurden verboten und deren Vermögen eingezogen. Die Rechtsordnung wurde auf den Kopf gestellt durch die Ausrichtung der Justiz auf den unbeschränkt rechtsnormensetzenden Führerwillen. Auch im außenpolitischen Handeln heiligte der Zweck die Mittel.
Als angebliche Repräsentation des „gesunden Volksempfindens“ war die NSDAP die neue Führungsschicht und in ihr wieder die Parteiführung, letztlich der „Führer“ selbst, dessen Entscheidungen als unfehlbar und unanfechtbar durchgeführt wurden. Der Staatsapparat war nunmehr Organ des in der NSDAP verkörperten „Volkswillens“ (die Partei befiehlt dem Staat). Er und seine Einrichtungen wurden daher nach der Machtergreifung „gleichgeschaltet“, häufig ausgeschaltet. Im Interesse einer möglichst straffen Konzentration und Steigerung der so gelenkten staatlichen Macht wurde das Reich als zentralistischer Einheitsstaat durchorganisiert, wobei alle eigenständigen Organisationen entfielen (Beseitigung der Länderparlamente, der Selbstverwaltung der Gemeinden).
Die NSDAP durchdrang aber nicht nur den Staatsapparat, sondern alle Gebiete des öffentlichen, wirtschaftlichen, geistigen und privaten Lebens, durch ein System von oben gesteuerter Organisation (z. B. NS-Frauenschaft, NS-Dozentenbund und ähnliche). Ihr besonderes Augenmerk widmete die NSDAP der Gewinnung der Jugend (HJ mit dem Bund Deutscher Mädel – BDM) zusammengefasst und im Sinn der Partei geschult wurde. Sie war die einzige staatlich anerkannte Jugendorganisation.
Der Anspruch der NSDAP war totalitär bis zur letzten Konsequenz. Sie bekämpfte daher alle individualistische, liberalen Bestrebungen. An die Stelle der Meinungsbildung durch öffentliche Diskussion trat die Meinungsformung durch einen gewaltigen Propagandaapparat. Die Pressefreiheit wurde völlig unterdrückt, oppositionelle Zeitungen verboten oder gleichgeschaltet, das gesamte Pressewesen vom Reichpropagandaministerium uniformiert. Auch wissenschaftliche Lehre und Forschung wurde kontrolliert.
Der Nationalsozialismus geriet auf diese Weise in notwendigen Konflikt mit allen Strömungen, die sich seinem geistigen Herrschaftsanspruch nicht unterwarfen, so besonders mit den Kirchen aller Konfessionen, zumal da er auf alle christlichen und humanitären Ordnungsprinzipien glaubte verzichten zu können. Sie sollten durch das Ethos der „Volksgemeinschaft“ ersetzt werden, und von hier aus sollten alle konfessionellen und sozialen Gegensätze beseitigt, besonders auch die Lehre vom Klassenkampf überwunden werden. Anzumerken ist, dass auch in der katholischen Kirche sich viele führende Geistliche mit der NSDAP gleichschalten ließen.
Das soziale Gefüge des nationalsozialistischen Staates war daher nicht klassenmäßig, sondern stark ständisch bestimmt (Arbeitsfront, Reichsnährstand, Kammern und ähnlich), ohne dass aber diesen Organen ein echtes korporatives Dasein eingeräumt wurde. Auch die Wirtschaft wurde völlig vom Staat her geleitet. Sie wurde mehr und mehr in den Dienst der Wiederaufrüstung und der kriegswirtschaftlichen Maßnahmen gestellt und durch planwirtschaftliche Regelung, Devisenkontrolle, Ein- und Ausfuhrsteuern u. a. gelenkt. Das freie Spiel der gesellschaftlichen Kräfte innerhalb der Wirtschaft wurde durch autoritäre Organisation der Deutschen Arbeitsfront (DAF) unterbunden. Erholung und zugleich politische Ablenkung des Arbeitertums übernahm die Organisation „Kraft durch Freude“ (KDF). Den Zwecken der staatlichen Wirtschaftspolitik und zugleich auch der Wiederaufrüstung diente besonders auch der „Reichsarbeitsdienst“ (RAD), der nach und nach zu einer paramilitärischen Organisation wurde. Seine Einrichtung war der Auftakt zur Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht, in der der Nationalsozialismus von Anfang an eines seiner Hauptziele gesehen hatte.
Auch die Wehrmacht, die ursprünglich als politisch neutraler Waffenträger der Nation proklamiert worden war, geriet mehr und mehr in den Sog der Nationalsozialisten. Sie wurde trotz starker innerer Reserven, besonders mit ihrem schnell fortschreitenden Ausbau, geistig und personell immer mehr vom Nationalsozialismus durchsetzt. Schon nach Reichspräsident Hindenburgs Tod im Jahre 1934 wurde die Wehrmacht auf Adolf Hitler eingeschworen (und nicht mehr auf die Verfassung der Weimarer Republik). Somit war es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Wehrmacht mit den Nationalsozialisten gleichgeschaltet wurde.
Der Aufrichtung und Erhaltung dieses Systems im inneren diente die Durchdringung des Staatsapparates mit unbedingt zuverlässigen Parteibeamten, mit denen auch sonst alle Kommandostellen im geistigen, sozialen und wirtschaftlichen Leben besetzt wurden. Beherrschender und bezeichnender Faktor des nationalsozialistischen Staates wurde immer mehr die SS und ihre Organe (Sicherheitsdienst und Gestapo), vor deren Zugriff und Spitzelsystem schließlich niemand mehr sicher war und die durch willkürliche Verhaftungen und Terror jeder Art bei Untersuchungen und Vernehmungen einen lähmenden Schrecken verbreiteten.
Solange die vom Nationalsozialismus hochgepeitschten und straff organisierten Energien der Nation zur Erreichung von Forderungen eingesetzt wurden, die Wunsch und Wahn großer Teile des Volkes entsprachen, erreichte er außenpolitisch eine Reihe von Erfolgen, die manche Zweifel erstickten und ihm neue Anhänger gewannen, zumal da auch innenpolitisch mit der Beseitigung der Massenarbeitslosigkeit und andere Leistungen erzielt wurden, die viele beeindruckten, dass somit die Gräuel in den Konzentrationslagern und andere Ausschreitungen, die nicht zu verbergen und somit im Volk bekannt waren, schlichtweg widerspruchslos hingenommen bzw. verdrängt wurden. Doch verstärkten die Erfolge nur noch die Maßlosigkeit und die selbstherrliche Überheblichkeit des Nationalsozialismus; sie bestärkten ihn in seiner immer schon angelegten Verachtung rechtsstaatlicher und völkerrechtlicher Normen. Mit der Besetzung der Tschechoslowakei im Frühjahr 1939 wurde der Weg einer imperialistischen Expansionspolitik beschritten, die schließlich am 8. Mai 1945 zum Zusammenbruch Deutschlands führte.
Ende 1944 hatte die NSDAP über 10 Millionen eingeschriebene Mitglieder (ohne die Mitgliederzahlen in den NSDAP-Gliederungen). Die NSDAP hatte ab 1933 eine solche Flut an Aufnahmeanträgen zu bewältigen, dass -um diesen Berg abzuarbeiten- mehrfach ein Aufnahmestopp für Neumitglieder erlassen wurde. Somit war die NSDAP in der glücklichen Lage, sich genau anzuschauen wen man als Mitglied wollte, und wen nicht. Stellt man hier jetzt eine Hochrechnung an, unter Berücksichtigung, dass alle Beitrittswilligen Volksgenossen auch tatsächlich in die NSDAP aufgenommen worden wären, dürfte die Mitgliedszahl für die NSDAP noch um einige Millionen höher ausfallen. Tatsache ist, dass auch die Volksgenossen, die in der NSDAP nicht aufgenommen wurden ebenfalls echte Nazis waren, denn ansonsten hätte man keine Aufnahmeantrag bei der Partei gestellt! Hierfür gibt es im Schrifttum der NSDAP auch namhafte Belege, die in der sich anschließenden neuen Bundesrepublik Karriere machten, und stets behaupteten, niemals Nazi gewesen zu sein.
Wer durfte in die Partei? Nur wer für würdig befunden wurde und unterschrieb - sagen die Historiker. Es gab keine unfreiwilligen NSDAP-Mitglieder. Nur wer das Antragsformular eigenhändig unterschrieben hatte (bis Kriegsende über 10 Millionen Deutsche), bekam nach Prüfung durch die Partei eine Mitgliedskarte ausgehändigt. Die Deutschen waren auch in der Pflege der NSDAP Mitgliederkartei akribisch genau. Sie ist zum Großteil im Bundesarchiv Berlin erhalten. Im Internationalen Germanistenlexikon sind die Mitgliedschaften in politischen Parteien aufgeführt. Einige betroffene Germanisten haben gegen diese Einträge Einspruch erhoben. Sie behaupten, von der Mitgliedschaft in der NSDAP nichts gewusst zu haben (wie auch z. B. die späteren FDP Politiker Hans Diedrich Genscher und Walter Scheel). Der Herausgeber des Lexikons beauftragte daraufhin das Institut für Zeitgeschichte, zu klären, ob man ohne eigenes Zutun und Wissen Mitglied der NSDAP werden konnte. Der Historiker Dr. Michael Buddrus (Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte) antwortete: „Nein“!
Bei der „Aufnahmeaktion" handelte es sich jedoch keinesfalls um eine automatische Parteiaufnahme ganzer Jahrgänge. Der Parteienforscher Michael Buddrus stellte 2003 in einem Gutachten fest, dass es keine automatischen korporativen Parteiaufnahmen von Angehörigen einzelner Geburtsjahrgänge oder NS-Verbände gab. Alles andere seien „Legenden, die ihren Ausgangspunkt in Entlastungsbemühungen der unmittelbaren Nachkriegszeit hatten".
Auch der Historiker Armin Nolzen hält das Argument von Kollektivaufnahmen für eine Schutzbehauptung der Nachkriegszeit. Zwischen 1937 und 1944 habe es für keinen einzigen HJ-Jahrgang automatische Parteiaufnahmeverfahren gegeben. Für eigenmächtige Anmeldungen durch HJ-Führer, resümiert Nolzen im aktuellen Sammelband „Wie wurde man Parteigenosse?“ Für NSDAP und ihre Mitglieder gebe es laut Forschungsstand „bislang keinen einzigen empirischen Beweis" für eine Kollektiv- bzw. Zwangsaufnahme. Auch sei aus keiner Quelle eine gefälschte Unterschrift eines HJ-Führers bekannt. Zwar waren sie es, die letztlich entschieden, wer in die Partei durfte. Voraussetzung gewesen seien aber „die eigenhändig unterschriebenen Aufnahmeanträge derjenigen Jugendlichen, die sie für den Parteieintritt als 'würdig' erachteten" – das waren 1944 im Durchschnitt weniger als 20 Prozent aller Hitlerjungen eines Jahrgangs. Anmerkung: Das Buch „Hitlerjunge Salomon“ von Sally Perel widerspricht ebenfalls einer Zwangsaufnahmetaktik der Nazis.
2003, 14 Jahre nach dem Tod des Historikers Martin Broszat enthüllten Archivfunde, dass ausgerechnet der einflussreiche Holocaust-Forscher als 18-Jähriger in die NSDAP aufgenommen worden war. Auch die Germanisten Walter Jens, Walter Höllerer und Peter Wapnewski waren auf Karteikarten erfasst, außerdem weitere Intellektuelle, linke wie konservative, der Jahrgänge 1925 bis 1927, Auch von den Wortführern der jungen Bundesrepublik, Martin Walser, Dieter Wellershoff, Günter Grass, Dieter Hildebrandt, Siegfried Lenz, Horst Ehmke, Erhard Eppler, Hermann Lübbe, Tankred Dorst, Peter Boenisch, Wolfgang Iser, Hans Werner Henze, abgesehen von Erhard Eppler, wollte sich keiner erinnern können, je einen Aufnahmeantrag unterschrieben zu haben. Die NSDAP – ein Verein von Zufallsmitgliedern? - Eindeutig Nein!
Als die NSDAP-Karteikarten bundesrepublikanischer Idole auftauchten, haben einige Publizisten versucht, deren demokratisches Lebenswerk gegen die vermaledeiten Karten in Schutz zu nehmen – aus einem simplen Grund: Eine jüngere Generation möchte selbst leise Zweifel an der biografischen Geradlinigkeit ihrer Helden tilgen. Eine Schwarz-Weiß-Welt, in der es die bösen Nazis gab und die guten Bundesrepublikaner, die mit ihnen aufräumten.
Auch Wellershoff hat, nach den Enthüllungen über Walser, Grass und andere, die Aufregung um die NSDAP-Mitgliedschaften in einem Spiegel- Essay als „journalistisches Sommertheater" bagatellisiert. Die SS-Mitgliedschaft des jungen Grass allein sei „kein kritikwürdiger Tatbestand". Er nannte es aber einen Skandal, dass Grass „es 60 Jahre lang nicht gewagt hat, darüber zu sprechen, und stattdessen harmlose Geschichten über seine Existenz als Flakhelfer in Umlauf gebracht hat".
Nein, es gab keine unfreiwilligen NSDAP-Mitglieder! Es gab nach 1945 leider zu viele Bürger mit großen Erinnerungslücken und ohne Rückgrat - die nicht zu ihrer Vergangenheit standen!
Zwei Tage nach dem vom Reichspropagandaminister Joseph Goebbels erfolgreich inszenierten „Tag von Potsdam“ stimmte der Reichstag am 23. März 1933 über das von Reichskanzler Adolf Hitler vorgelegte „Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich“ ab. Mit dem Gesetz sollte die Regierung die Ermächtigung erlangen, ohne Zustimmung von Reichstag und Reichsrat sowie ohne Gegenzeichnung des Reichspräsidenten Gesetze zu erlassen.
Für ein solches, die Weimarer Verfassung änderndes Ermächtigungsgesetz bedurfte es einer Zweidrittelmehrheit des Parlaments. Da Hitler mit seiner Koalitionsregierung aus NSDAP, DNVP und weiteren kleinen konservativen Parteien keine Zweidrittelmehrheit im Reichstag besaß, konnte Hitler durch taktisch bedingter Zusicherung einer kontrollierten Anwendung des Gesetzes sowie der Zusage, die Rechte der Verfassungsorgane, der Länder und der Kirche bewahren zu wollen, die Parteien der bürgerlich-liberalen Mitte für ihre Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz gewinnen.
Rede von Otto Wels (SPD)zur Begründung der Ablehnung des ErmächtigungsgesetzesReichstagssitzung vom 23. März 1933 in der Berliner Krolloper:
„Meine Damen und Herren! Der außenpolitischen Forderung deutscher Gleichberechtigung, die der Herr Reichskanzler erhoben hat, stimmen wir Sozialdemokraten umso nachdrücklicher zu, als wir sie bereits von jeher grundsätzlich verfochten haben.
Ich darf mir wohl in diesem Zusammenhang die persönliche Bemerkung gestatten, dass ich als erster Deutscher vor einem internationalen Forum, auf der Bremer Konferenz am 3. Februar des Jahres 1919, der Unwahrheit von der Schuld Deutschlands am Ausbruch des Weltkrieges entgegengetreten bin.
Nie hat uns irgendein Grundsatz unserer Partei daran hindern können oder gehindert, die gerechten Forderungen der deutschen Nation gegenüber den anderen Völkern der Welt zu vertreten.
Der Herr Reichskanzler hat auch vorgestern in Potsdam einen Satz gesprochen, den wir unterschreiben. Er lautet: „Aus dem Aberwitz der Theorie von ewigen Siegern und Besiegten kam der Wahnwitz der Reparationen und in der Folge die Katastrophe der Weltwirtschaft“. Dieser Satz gilt für die Außenpolitik; für die Innenpolitik gilt er nicht minder.
Auch hier ist die Theorie von ewigen Siegern und Besiegten, wie der Herr Reichskanzler sagte, ein Aberwitz. Das Wort des Herrn Reichskanzlers erinnert uns aber auch an ein anderes, das am 23. Juli 1919 in der Nationalversammlung gesprochen wurde. Da wurde gesagt: »Wir sind wehrlos, wehrlos ist aber nicht ehrlos.
Gewiss, die Gegner wollen uns an die Ehre, daran ist kein Zweifel. Aber dass dieser Versuch der Ehrabschneidung einmal auf die Urheber selbst zurückfallen wird, da es nicht unsere Ehre ist die bei dieser Welttragödie zugrunde geht, das ist unser Glaube bis zum letzten Atemzug.
Das steht in einer Erklärung, die eine sozialdemokratisch geführte Regierung damals im Namen des deutschen Volkes vor der ganzen Welt abgegeben hat, vier Stunden bevor der Waffenstillstand abgelaufen war, um den Weitervormarsch der Feinde zu verhindern. Zu dem Ausspruch des Herrn Reichskanzlers bildet jene Erklärung eine wertvolle Ergänzung.
Aus einem Gewaltfrieden kommt kein Segen; im Innern erst recht nicht.
Eine wirkliche Volksgemeinschaft lässt sich auf ihn nicht gründen. Ihre erste Voraussetzung ist gleiches Recht. Mag sich die Regierung gegen rohe Ausschreitungen der Polemik schützen, mögen Sie Aufforderungen zu Gewalttaten und Gewalttaten selbst mit Strenge verhindern. Das mag geschehen, wenn es nach allen Seiten gleichmäßig und unparteiisch geschieht, und wenn man es unterlässt, besiegte Gegner zu behandeln, als seien sie vogelfrei. Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht.
Nach den Verfolgungen, die die Sozialdemokratische Partei in der letzten Zeit erfahren hat, wird billigerweise niemand von ihr verlangen oder erwarten können, dass sie für das hier eingebrachte Ermächtigungsgesetz stimmt. Die Wahlen vom 5. März haben den Regierungsparteien die Mehrheit gebracht und damit die Möglichkeit gegeben, streng nach Wortlaut und Sinn der Verfassung zu regieren. Wo diese Möglichkeit besteht, besteht auch die Pflicht.
Kritik ist heilsam und notwendig. Noch niemals, seit es einen Deutschen Reichstag gibt, ist die Kontrolle der öffentlichen Angelegenheiten durch die gewählten Vertreter des Volkes in solchem Maße ausgeschaltet worden, wie es jetzt geschieht, und wie es durch das neue Ermächtigungsgesetz noch mehr geschehen soll. Eine solche Allmacht der Regierung muss sich umso schwerer auswirken, als auch die Presse jeder Bewegungsfreiheit entbehrt.
Meine Damen und Herren! Die Zustände, die heute in Deutschland herrschen, werden vielfach in krassen Farben geschildert. Wie immer in solchen Fällen fehlt es auch nicht an Übertreibungen. Was meine Partei betrifft, so erkläre ich hier: wir haben weder in Paris um Intervention gebeten, noch Millionen nach Prag verschoben, noch übertreibende Nachrichten ins Ausland gebracht.
Solchen Übertreibungen entgegenzutreten wäre leichter, wenn im Inlande eine Berichterstattung möglich wäre, die Wahres vom Falschen scheidet. Noch besser wäre es, wenn wir mit gutem Gewissen bezeugen könnten, dass die volle Rechtssicherheit für alle wiederhergestellt sei.
Das, meine Herren, liegt bei Ihnen. Die Herren von der Nationalsozialistischen Partei nennen die von ihnen entfesselte Bewegung eine nationale Revolution, nicht eine nationalsozialistische. Das Verhältnis ihrer Revolution zum Sozialismus beschränkt sich bisher auf den Versuch, die sozialdemokratische Bewegung zu vernichten, die seit mehr als zwei Menschenaltern die Trägerin sozialistischen Gedankengutes gewesen ist und auch bleiben wird. Wollten die Herren von der Nationalsozialistischen Partei sozialistische Taten verrichten, sie brauchten kein Ermächtigungsgesetz.
Eine erdrückende Mehrheit wäre Ihnen in diesem Hause gewiss. Jeder von Ihnen im Interesse der Arbeiter, der Bauern, der Angestellten, der Beamten oder des Mittelstandes gestellte Antrag könnte auf Annahme rechnen, wenn nicht einstimmig, so doch mit gewaltiger Majorität.
Aber dennoch wollen Sie vorerst den Reichstag ausschalten, um Ihre Revolution fortzusetzen. Zerstörung von Bestehendem ist aber noch keine Revolution. Das Volk erwartet positive Leistungen. Es wartet auf durchgreifende Maßnahmen gegen das furchtbare Wirtschaftselend, das nicht nur in Deutschland, sondern in aller Welt herrscht.
Wir Sozialdemokraten haben in schwerster Zeit Mitverantwortung getragen und sind dafür mit Steinen beworfen worden. Unsere Leistungen für den Wiederaufbau von Staat und Wirtschaft, für die Befreiung der besetzten Gebiete werden vor der Geschichte bestehen.
Wir haben gleiches Recht für alle und ein soziales Arbeitsrecht geschaffen. Wir haben geholfen, Deutschland zu schaffen, in dem nicht nur Fürsten und Baronen, sondern auch Männern aus der Arbeiterklasse der Weg zur Führung des Staates offensteht. Davor können Sie nicht zurück, ohne Ihren eigenen Führer preiszugeben.
Vergeblich wird der Versuch bleiben, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Wir Sozialdemokraten wissen, dass man machtpolitische Tatsachen durch bloße Rechtsverwahrungen nicht beseitigen kann. Wir sehen die machtpolitische Tatsache ihrer augenblicklichen Herrschaft. Aber auch das Rechtsbewusstsein des Volkes ist eine politische Macht, und wir werden nicht aufhören, an dieses Rechtsbewusstsein zu appellieren.
