Beschreibung

Wiesbaden / Mainz 1242 Die Schwestern Jonata und Roberta leben auf Burg Sunneck, einem kleinen Anwesen in der Nähe von Wiesbaden. Ihr Vater hält sich aus allen Streitigkeiten und politischen Machenschaften zwischen Anhängern des Kaisers und des Papstes heraus. So wird die kleine Burg im Rambachtal von der großen Politik übersehen und ihre Bewohner führen ein friedliches Leben - bis ein Heer marodierender Ritter die Burg überfällt. Der Burgherr wird getötet, die Frauen gefangen genommen. Ihre einzige Hoffnung ist Lorentz, Herold des Mainzer Erzbischofs und Jonatas Verlobter. Mit ihm werden die Schwestern in einen Strudel aus politischen Intrigen gezogen und müssen kämpfen - um ihr Leben, ihre Freiheit und die Liebe. Die korrigierte Neuausgabe ist im acabus Verlag erschienen.

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Seitenzahl: 493


Martina Frey

Die Schwestern von Sunneck

Historischer Roman

Frey, Martina : Die Schwestern von Sunneck. Hamburg, acabus Verlag 2019

überarbeitete Neuauflage

ePub-eBook: ISBN 978-3-86282-753-4

PDF-eBook: ISBN 978-3-86282-752-7

Print: ISBN 978-3-86282-751-0

Korrektorat: Hannah Göing, acabus Verlag

Satz: Ann-Kathrin Szodruch, acabus Verlag

Cover: © Annelie Lamers, acabus Verlag

Covermotiv: © pixabay.com

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Der acabus Verlag ist ein Imprint der Bedey Media GmbH,

Hermannstal 119k, 22119 Hamburg.

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© Dryas Verlag, Hamburg 2011

Alle Rechte vorbehalten.

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Einleitung

So wie in all den Jahrhunderten streiten sich auch in dieser Geschichte die großen und kleinen Herrscher um Land und Macht. Und wie immer trifft ein solcher Streit Unschuldige. Meist jene, die damit nichts zu tun haben. Menschen, die sich mit ihren alltäglichen Sorgen beschäftigen, mit Missernten, der Familie, Streitereien, Verpflichtung ihrem Lehnsherrn gegenüber.

Der Konflikt, um den es in dieser Geschichte geht, hat seinen Ursprung in höheren Kreisen. Ich möchte in diesem Vorwort die politischen Verhältnisse kurz erklären, um den Einstieg in die Geschichte zu erleichtern. Ich beschränke mich dabei aber auf das Nötigste.

Die Grafen von Nassau und die Herren von Eppstein kämpften viele Jahre gegeneinander. Immer ging es dabei um Land. Und doch brachte eine Vielzahl von Umständen diese beiden Häuser zusammen. Eine Heirat und ein Bündnis mit dem Erzbischof von Mainz unterbrachen den Streit.

Heinrich von Nassau war bis zum Jahre 1232 oft im Gefolge des deutschen Königs Heinrich VII. zu sehen. Dann trübte etwas das gute Verhältnis. Vermutlich hatte es mit der Städtepolitik des jungen Königs zu tun, der die Lehnsrechte der deutschen Fürsten einzuschränken versuchte, um sie enger an sein Reich zu binden. Das missfiel nicht nur Graf Heinrich von Nassau, auch Kaiser Friedrich II. war mit der harten Vorgehensweise seines Sohnes nicht einverstanden. Das ging so weit, dass im Jahre 1235 in Worms der Vater über seinen Sohn zu Gericht saß und ihn absetzte.

Waren sich bis zu diesem Zeitpunkt Kaiser und Papst noch einig, änderte sich dies kurze Zeit später. Papst Gregor IX. und Kaiser Friedrich II. gerieten durch Ansprüche auf Ländereien in Streit.

Inzwischen, 1237, wurde Friedrichs zweitgeborener Sohn Konrad IV. mit neun Jahren zum deutschen König gewählt. Sein Vormund und Reichsgubernator (so wurden in Abwesenheit des Kaisers dessen Vertreter genannt) wurde Siegfried III., der Erzbischof von Mainz. Da sind wir wieder in Mainz angelangt, und damit auch bei Heinrich von Nassau. Dieser bemühte sich noch immer um gute Stimmung in Mainz, besaß er doch Lehen des Erzstifts. Ach, hatte ich erwähnt, dass Siegfried III. aus dem Hause Eppstein stammte? Er verstand es übrigens gut, seine Ländereien zu verwalten und zu vergrößern. Vermutlich war es ihm sehr wichtig, seinen Besitz zu vermehren.

Auch mit den Brüdern auf Burg Eppstein versuchte Heinrich von Nassau Frieden zu schließen. Als Zeichen der Aussöhnung hatte er seine Tochter Elisabeth einem der Söhne, Gerhard II. von Eppstein, übergeben.

Das angespannte Verhältnis beruhigte sich, was man von den politisch höchsten Stellen nicht behaupten konnte. Im Jahre 1239 wurde Kaiser Friedrich II. das zweite Mal vom Papst gebannt. Die Vermittlungsversuche der Fürsten scheiterten. Und somit führten diese beiden Mächte einen Krieg, fernab von Mainz und Wiesbaden.

Obwohl der Erzbischof von Mainz Vormund für den minderjährigen Konrad IV. und Reichsgubernator war, verbündete er sich plötzlich mit dem Erzbischof von Köln gegen den Kaiser. Aus welchem Grund er sich gegen die Staufer stellte, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Auch welche tatsächlichen Ziele Siegfried III. im Laufe dieser Geschichte verfolgte, ist nicht eindeutig; Theorien gibt es viele. Wie gesagt waren die Erzbischöfe sehr daran interessiert, ihre Besitzungen zu vergrößern und ihre Machtstellung zu erhalten.

Heinrich von Nassau, die Herren von Eppstein und die Erzbischöfe bezogen nun Stellung in der Auseinandersetzung zwischen Kaiser und Papst. Da es kaum Überlieferungen gibt, lassen sich ihre Gründe heute nicht mehr feststellen.

Doch eines ist klar: Was folgte, traf viele Unschuldige.

Personenverzeichnis

Historische Personen:

Heinrich II. der Reiche, Graf von Nassau

Geboren 1198, gestorben 25. Januar 1251

War mit Mathilde von Geldern verheiratet, einer Tochter von Otto I,. Graf von Geldern und Zütphen.

Walram II. von Nassau

Geboren um 1220, gestorben am 24. Januar 1276.

Er war der älteste Sohn von Heinrich II. und teilte sich Ende 1255 die nassauischen Besitztümer mit seinem Bruder Otto. Walram bekam die Gebiete südlich der Lahn.

Er war mit Adelheid verheiratet und hatte unter anderem einen Sohn, Adolf, der später römisch-deutscher König wurde.

Die Herren von Eppstein

Das Adelsgeschlecht stammt aus dem Haus der Herren von Hainhausen. Zwischen den Jahren 1183 und 1190 gelangten sie an die Burg Eppstein und benannten sich nach ihr.

Als Stammvater der Eppsteiner Herren gilt Gerhard II. von Hainhausen und dessen Sohn Gerhard III. von Hainhausen. Er nannte sich als erster nach der neuen Stammburg, also Gerhard I. von Eppstein.

Siegfried III., Erzbischof von Mainz (1230-1249)

Geburtsjahr ist nicht bekannt, wahrscheinlich um 1194, gestorben am 9. März 1249.

Um 1220 wurde er Domherr von Mainz. Er war der Neffe von Siegfried II., der vor ihm Erzbischof war. 1237 wurde Siegfried III. zum procurator imperii (Verwalter der Regierung) ernannt. Am 4. Juli 1239 weihte er den Dom in Mainz.

1241 ging er ein Bündnis mit dem Erzbischof von Köln ein und kehrte somit Kaiser und König den Rücken.

Friedrich II., römischer Kaiser (1220-1250) aus dem Geschlecht der Staufer

Geboren am 26. Dezember 1194 und gestorben 13. Dezember 1250 in Italien. Er war sehr gebildet und beherrschte mehrere Sprachen.

Er wurde am 22. November 1220 in Rom zum Kaiser gekrönt.

Heinrich VII., römisch -deutscher König, stammt aus dem

Geschlecht der Staufer

Geboren um 1211 in Sizilien, gestorben im Februar 1242 in Kalabrien.

Er wurde im Jahr 1220 von deutschen Fürsten zum König gewählt und wurde in der Folge für seine harte Städtepolitik bekannt.

Nach einem Zerwürfnis mit dem Vater entthronte Friedrich II. seinen Sohn und hielt in Worms im Jahre 1235 über Heinrich Gericht.

Konrad IV., römisch-deutscher König, stammt aus dem Geschlecht der Staufer

Geboren am 25. April 1228 in Apulien, gestorben am 21. Mai 1254 bei Lavello.

Er wurde in Wien 1237 zum römisch -deutschen König gewählt. Da er minderjährig war, stand ihm zunächst der Erzbischof von Mainz, Siegfried III., als Reichsprokurator zur Seite, später der Landgraf Heinrich Raspe und König Wenzel I. von Böhmen.

Konrad I. von Hochstadten, Erzbischof von Köln (1238-1261)

Geboren um 1205, gestorben am 28. September 1261.

Er wurde Domprobst, indem er den rechtmäßigen Dompropst, Konrad von Bueren, mit allen Mitteln von seinem Posten vertrieb.

Konrad I. übernahm das verschuldetete Erzbistum und erhielt wohl vom Papst einen Zuschuss für seine Treue Rom gegenüber. Er war treibende Kraft im Kampf gegen den Kaiser. In der Schlacht bei Lechenich 1242 geriet er in Gefangenschaft und musste auf der Jülicher Burg Nideggen einige Monate verbringen.

Freiherr von Stein

Der Name taucht erstmals in einer Urkunde aus dem Jahre 1158 auf. Der Ritter erhielt die Burg Stein als Lehen von Heinrich II. von Nassau und war somit Teil der Gefolgschaft des Grafen.

Die Brüder Metz

Burkhard, 1225-1249 Propst von Weilburg und Domherr zu Worms. Er führte selbst bewaffnet den Angriff auf Wiesbaden an. Er ist wohl auch jener Weilburger Propst, der nach der Zerstörung von Wiesbaden von Oppenheimer Bürgern gefangen genommen wurde.

Sein älterer Bruder, Berthold von Metz, ein Adeliger, der ihm wohl bei dem Angriff zur Seite stand und noch schlimmer gewütet haben muss.

Erfundene Personen:

Gundrich von Sunneck , Ritter und Vasall von Siegfried III. von Mainz

Jonata und Roberta, Gundrichs Töchter

Lorentz von Marbach , Untertan von Siegfried III. von Mainz

Ulrich und Simon von Mechtheim, Brüder aus einer armen Adelsfamilie, die sich mit Hilfe einer alten Fehde ihres Vaters als Räuber durchschlagen.

Hermine, Kinderfrau von Jonata und Roberta

Luidwig, Burgvogt von Sonnenberg

Ritter Johannes von Aubach, einer der ältesten Gefolgsmänner von Ritter Gundrich

Linus, ebenfalls Gefolgsmann Ritter Gundrichs

Martin und Kilian, Edelknechte im Dienst von Ritter

Gundrich

Rupert von Eppstein, Handlanger und Verwandter der Herren von Eppstein

Am Mittelrhein auf den Ländereien des Grafen Heinrich von Nassau im Jahre 1241

Die Reiter näherten sich langsam dem Dorf. Ihnen folgten Männer mit Lanzen und Schilden. Und obwohl alle bereits einen beachtlichen Fußmarsch hinter sich hatten, schienen sie nicht erschöpft zu sein. Einer der Männer an der Spitze der Reiter drehte sich im Sattel um und musterte die Soldaten hinter sich.

»Sag Bescheid, dass sie sich bereit halten sollen«, raunte ihm sein Nachbar zu. Simon nickte und ließ sich zurückfallen, bis er neben dem Anführer der Fußsoldaten ritt.

»Gunnar, wir sind da. Haltet Euch bereit.«

Der Angesprochene nickte stumm.

Simon verlor kein weiteres Wort. Jeder dieser Männer wusste, was zu tun war. Lange genug hatten sie den Brüdern gedient und davor deren Vater. Niemand musste Fragen stellen, daher spornte Simon sein Pferd an, um wieder an die Spitze zu gelangen, wo sein Bruder Ulrich den Reitern Befehle gab.

»Die Kaufleute sind tatsächlich hier«, informierte er Simon grinsend, als dieser an seinen Platz neben Ulrich zurückkehrte. »Wir machen heute einen guten Fang, Bruder.«

»Und Heinrich von Nassau wird’s schaden.« Simon war nicht zum ersten Mal froh darüber, dass sein Bruder die Fehde fortführte, die der Vater begonnen hatte. Auch wenn es Unrecht war, eine Fehde aus Eigennutz zu führen, so füllten doch die Überfälle ihre Kassen. Und das hatten sie dringend nötig.

Die Brüder von Mechtheim erreichten das Dorf und ihr Erscheinen rief Misstrauen und Furcht hervor. Einige Bewohner rannten los, um in ihren Hütten Schutz zu suchen, denn sie ahnten bereits, dass es zum Kampf kommen würde.

Simon nahm die furchtsamen Blicke einiger Frauen wahr, die ihre Kinder hinter sich herzogen, um sie vor den Soldaten in Sicherheit zu bringen. Er presste seine Lippen zusammen, während er darüber nachdachte, wie wenig es diesen Geschöpfen half, sich in ihren Hütten zu verstecken. Ulrich würde sie trotzdem finden.

Es bedurfte nur eines Handzeichens des Anführers, da traten die Männer hervor und verteilten sich. Die Reiter stürmten an Ulrich und Simon vorbei, auf die Karren zu, die vor einem Wirtshaus standen.

Männer eilten aus dem Haus. Bestürzt starrten sie die Soldaten an. Der folgende Kampf war aussichtslos für die Kaufleute, die ihre Waren beschützen wollten. Bereits beim ersten Schwertstreich war klar, wer gewinnen würde. Sie waren Kaufmänner, keine Soldaten, und gegen die Gegner konnten sie nichts ausrichten.

Simon überwachte den Diebstahl der Karren, während Ulrich den Kampf führte. Einige Männer aus dem Dorf stürzten mit Mistgabeln und Sensen auf sie zu. Ahnungslose Bauern. Ein fast grotesker Anblick, fand Simon. Da sah er Frauen und Kinder auf die Kirche zueilen, um dort Schutz zu finden. Es dauerte nicht lange, bis Ulrich den Befehl gab, im Dorf nach weiteren Kostbarkeiten zu suchen und die Hütten anzuzünden. Die Mechtheimer Soldaten drangen in jede Hütte ein und durchwühlten die fremden Habseligkeiten, bis sie mit Diebesgut zurückkehrten oder alles anzündeten. Nach kurzer Zeit brannten die Strohdächer und dicke Rauchschwaden zogen in den Himmel. Das Feuer breitete sich rasch aus und ein schwarzer Dunst legte sich über das Dorf.

»Plündert die Kirche und steckt sie an«, befahl Ulrich. »Dann sind wir hier fertig.« Er ging zu seinem Pferd. Simon jedoch hielt Gunnar zurück, der den Befehl ausführen sollte. »Lass die Kirche in Ruhe. Dort halten sich Menschen auf.«

Ulrich warf seinem Bruder einen ungehaltenen Blick zu. Er mochte es nicht, wenn seine Befehle missachtet wurden, und noch mehr hasste er es, wenn sein jüngerer Bruder sich einmischte. »Ich sagte, zündet sie an!«

Simon wollte nicht nachgeben, auch wenn er einen Streit heraufbeschwor. »Ulrich, wir haben schon genug für heute. Lass gut sein. Da drinnen sind Frauen und Kinder.«

»Du verdammter Dummkopf bist zu weichmütig.« Ulrich blickte zur Kirche. Er schien nachzugeben, was Simon verwunderte, da er sich auf einen längeren Streit vorbereitet hatte. »Ich werde sie rausholen, ehe wir die Kirche anzünden, aber ich will dieses verdammte Gotteshaus in Flammen aufgehen sehen.«

»Aus welchem Grund? Haben wir nicht genug Schaden angerichtet?«

»Es macht mir Spaß.« Ulrichs Grinsen wurde breiter, als er die Zügel seines Pferdes losließ und sich auf den Weg zur Kirche machte.

Simon sah wie Ulrich zwischen den Rauchschwaden verschwand, die durch das Dorf zogen. In Ulrichs Nähe standen Männer mit Fackeln bereit und warteten auf einen Befehl. Als Ulrich aus dem rauchigen Dunst wieder auftauchte, hob er eine Hand und die Männer rannten los. Das Gotteshaus war aus Holz und Strohgeflecht gebaut und brannte nach kurzer Zeit.

»Mach dir keine Sorgen, weicher Bruder«, murmelte Ulrich spöttisch nach seiner Rückkehr und zog sich seinen Waffenrock glatt. »Dein Seelenheil ist gerettet.« Er gab den Befehl zum Rückzug und die Männer verließen das Dorf, während der Qualm des Feuers wie das Zeichen einer zerstörerischen Macht in den Himmel stieg.

»Für Graf Heinrich ist es heute kein guter Tag«, murmelte Simon und warf einen letzten Blick auf die Kirche, deren Umrisse nur schwer im Feuer zu erkennen war. Er war zufrieden mit ihrem Ausflug. Die Karren der Kaufmänner waren voll beladen mit Waren, von feinen Stoffen bis hin zu Gewürzen.

Simon lenkte sein Pferd aus dem Dorf. Hinter sich hörte er ein Bersten. Das Dach der Kirche brach ein. In diesem Augenblick glaubte Simon Schreie zu hören, doch er war schon mit den anderen in den Wald geritten. Er fragte sich, ob er sich die Schreie nur eingebildet hatte und wagte einen Seitenblick auf seinen Bruder, der ebenfalls zufrieden wirkte.

Erzbistum Mainz, Ende September 1241

Der Reiter zügelte sein Pferd und überließ sich für einen Moment dem vertrauten Bild, das sich ihm bot. Von hier aus hatte er einen guten Blick auf die Stadt. Die Klosterkirche St. Alban vor der Stadtmauer war bis zum Bau des Doms vor zwei Jahrhunderten die bedeutendste Kirche des Erzbistums gewesen. Dort hatten alle wichtigen Synoden und Versammlungen stattgefunden. Sein Blick fiel auf die Mauer um Mainz. Sie stammte teilweise aus der Zeit der Römer und in all den Jahrhunderten hatte man sie zu einer mächtigen Wehr mit vielen Zinnen und Türmen ausgebaut. Selten hatte ein Angreifer diese Stadtmauer bezwungen. Lorentz von Marbach erinnerte sich daran, was ihm sein Vater erzählt hatte. Im Jahre 1160 hatten die Mainzer ihren Erzbischof getötet. Drei Jahre später ließ Kaiser Friedrich I. zur Strafe die Mainzer Stadtmauer zerstören. So waren die Menschen den Wölfen und Räubern schutzlos ausgeliefert gewesen. Heute schützte eine neue Mauer die Bewohner der Stadt.

Lorentz setzte sich in seinem Sattel zurecht. Sein Rücken schmerzte und er war froh, nach diesem langen Ritt endlich am Ziel angekommen zu sein. Rheinaufwärts lag eine Siedlung, Selenhofen, die vor einigen Jahrzehnten in den Schutz der Mauer aufgenommen worden war. Hier stand auch der eindrucksvolle Herrenhof, wo Lorentz übernachten würde. Und so sehr er sich danach sehnte, endlich den schweren Harnisch abzulegen und den Dreck der letzten Tage abzuwaschen, erst musste er seine Aufgabe erfüllen.

Lorentz blickte über die dicht gedrängten Dächer und die grünen Wiesen innerhalb der Stadtmauer. Die Bleichwiese, die vom Zaybach umschlossen wurde, war ein unbebautes, sumpfiges Stück Land. Hier wurden zwischen den Obstbäumen Hühner gehalten.

Doch das eindrucksvollste Gebäude der Stadt, ihr Herz, war der Dom. Er war nicht nur für die Gläubigen errichtet worden, sondern auch ein Symbol für die Macht des Mainzer Erzbischofs. Ein Bauwerk, das Stärke ausstrahlte, wie eine zweite Peterskirche. Der Reiter trieb sein Pferd an, ohne das eindrucksvolle Gotteshaus aus den Augen zu lassen. Dort lag sein Ziel. Lorentz erreichte das Ufer des Rheins und passierte das Portal des Eisenturmes, wie das Stadttor genannt wurde. Er lenkte sein Pferd zwischen all den Karren und Menschen hindurch, die Gassen entlang, die ihn zum Marktplatz führten. An der Nordseite des Doms passierte er die St. Gotthardkapelle. Sie war dem Schutzpatron Godehard von Hildesheim geweiht und nach dem Vorbild der Pfalzkappelle von Karl dem Großen in Aachen erbaut worden. Sie bestand aus hellem Muschelkalkstein, der farblich vom roten Sandstein des Doms abstach. Westlich von ihr lag der erzbischöfliche Palast. Hier zügelte Lorentz von Marbach sein Pferd, er hatte sein Ziel erreicht.

Ein Stallbursche rannte herbei und grüßte ihn ehrfürchtig. Lorentz streckte sich kurz, um seine Knochen zu lockern. Der lange Ritt hatte ihn müde gemacht. Mit einer Hand fuhr er sich über sein schwarzes Haar, das wirr von seinem Kopf abstand. Es war ihm klar, wie ungepflegt er wirken musste. Der Haubert, ein Panzerhemd aus vernieteten Eisenringen, lag schwer auf seinen Schultern. Darüber trug Lorentz einen Waffenrock in den Farben des Mainzer Erzbischofs, der jedoch voller Dreck war. Zum Schutz seiner Beine hatte er eiserne Beinlinge umgeschnallt, die aus dem gleichen Ringgeflecht bestanden wie der Harnisch. Sein Schwert hing am Sattel, er hatte es nicht umgegürtet. Der Umhang, der auf seinen Schultern lag, war zerrissen und auf seinem Gesicht schimmerte ein rötlicher Schnitt im Sonnenlicht. Doch Lorentz hatte nach den Kämpfen keine Zeit gefunden, um sich respektabel für den Besuch beim Erzbischof von Mainz herzurichten.

Er sah seinem Pferd nach und beneidete es. Es würde jetzt abgerieben werden, frisches Wasser bekommen und vor allem Futter und Ruhe. Lorentz musste auf ein Bad und eine Mahlzeit noch warten.

Er hob seinen Kopf und betrachtete das Gebäude. Die Residenz des Erzbischofs war ihm vertraut. Der imposante Bau mit Rundbogen, Pfeilern und Säulen glich dem danebenliegenden Dom. Der Innenhof des Palas’ mit seinem verzierten Rundbogengang, den dicken festen Mauern und kleinen Fenstern, die wie die Türen mit Rundbogen überwölbt waren, beeindruckten jeden Eintretenden. Im Herzen des Palastes befand sich ein Brunnen, umgeben von einer Blumenwiese. Der Hof strahlte eine idyllische Ruhe aus. Doch Lorentz achtete nicht weiter darauf und ging durch den Palast, ohne sich umzusehen. Schließlich erreichte er den Saal, in dem er auf den Erzbischof warten sollte. Er schritt über glänzende Steinfliesen. Die Decke war mit flachen Kassetten aus Holz ausgestattet. Ein Steinmetz hatte vor langer Zeit diesen Saal verziert, und so waren fast in jedem Winkel des Gemäuers steinerne Blumenranken zu finden.

Als Lorentz vor drei Jahren den Dienst beim Erzbischof von Mainz angetreten hatte, war ihm nicht bewusst gewesen, welche Aufgaben ihm bevorstanden. Die Letzte war wohl eine seiner schwersten gewesen. Er hatte nach dem Kampf eine Liste der Toten erstellen und viele Freunde aufschreiben müssen. Vor einigen Tagen, am 10. September, hatten der Erzbischof von Köln, Konrad von Hochstaden, und der Mainzer Erzbischof, Siegfried III., ein Bündnis gegen das staufische Kaiserhaus geschlossen. Sie riefen kurz darauf zu den Waffen, um gegen den Kaiser und den König zu ziehen. Das Land des Stauferkönigs und seiner Anhänger waren ihr Ziel. In der Wetterau begann der Überfall und alles war verwüstet worden. Doch auch der König hatte zu den Waffen gerufen und seine Verbündeten marschierten durch das Land, um ebenfalls Zerstörung zu bringen. Lorentz seufzte. Es herrschte Krieg.

Dafür war er ausgebildet worden. Mit sieben Jahren hatte er seine Ausbildung beim Grafen von Nassau begonnen. Mit vierzehn diente er als Knappe, hatte gelernt zu kämpfen, zu reiten und die Gesetze der Ritterschaft zu ehren. Das alles hatte er gelernt, um selbst Ritter werden zu können. Den Dienst beim Erzbischof erbrachte er mit Eifer, um eines Tages die Ritterwürde zu erlangen und zur Belohnung Land zu erhalten. Lorentz’ Gedanken schweiften ab, über die Dächer der Häuser, bis hin zum Rhein, hinüber zu den Wäldern am Horizont. Dort irgendwo lag eine kleine Burg. Sunneck. Es war nicht der Gedanke an das Gemäuer, das sein Inneres erwärmte, sondern das Bild einer jungen Frau, die er liebevoll in seinen Erinnerungen behielt, wie einen Schatz. Wenn er an Jonata dachte, brannte sein Herz vor Sehnsucht. Eines Tages würde sie seine Frau werden, und die Zeit bis dahin erschien ihm wie eine Ewigkeit. Doch da wurde er in seinen Gedanken gestört. Eine Tür öffnete sich und Lorentz wusste, dass der Erzbischof ihn nun empfing, um die Neuigkeiten zu hören.

Siegfried war nicht sehr groß, doch von kräftiger Statur gebaut. Trotz seiner knapp fünfzig Jahre wirkte er jung. Aus seinem runden Gesicht stach ein dunkles Augenpaar hervor, der Blick war stählern. Sein Haar war kurz und an der obersten Stelle des Kopfes lichtete es sich bereits. Als Siegfried vor seinem Herold stehen blieb und ihn aufmerksam musterte, strich sein Gewand über den Marmorboden.

Lorentz wusste, welche Ehrerbietung er diesem Mann zollen musste und verbeugte sich tief.

»Was ist geschehen?«, fragte der Kirchenmann ohne weitere Begrüßung. »Ihr seht aus, als wärt Ihr die Nacht durchgeritten.«

»Das bin ich, Eminenz. Ich kehre zurück, um Euch mitzuteilen, dass die Ländereien in der Wetterau wie befohlen verwüstet wurden.«

»Sehr gut.« Siegfried wirkte zufrieden.

Vor zweiunddreißig Jahren hatte das Domkapitel Siegfried III. zum Erzbischof von Mainz gewählt. Kaiser Friedrich II. hatte ihn einst zum Vormund seines minderjährigen Sohnes Konrad IV. ernannt. Als Stellvertreter im römisch-deutschen Reich regierte er, wenn der Kaiser abwesend war. Doch jetzt war er ein Feind Konrads und dessen Vater Kaiser Friedrich. Und Lorentz hatte noch immer nicht begriffen, wie es dazu gekommen war. Zwischen Kaiser und Papst herrschte Krieg. Die Auseinandersetzung spitze sich zu und viele Fürsten entschlossen sich, Partei zu ergreifen. Einige waren den Staufern zugetan und andere wandten sich von ihnen ab. So wie der Erzbischof von Mainz. Einst treuer Vertrauter, einst Reichsverweser, stellte er sich nun auf die Seite des Papstes und kehrte dem Kaiser den Rücken zu. Wie Lorentz vermutete, lag das nicht an der Sympathie zum Papst, sondern an den Machtverhältnissen, die er selbst nicht durchschaute.

»Ihr bringt mir gute Nachrichten, doch mir kamen auch schlechte zu Ohren. Ich kann Euch nicht viel Ruhe gönnen, Lorentz, denn ich habe einen weiteren Auftrag für Euch.«

Lorentz unterdrückte einen Seufzer. Er wusste, dass er sich dem Willen dieses mächtigen Mannes nicht entziehen durfte, auch wenn er sich gerne einige Tage ausgeruht hätte. Die letzten Nächte waren kurz, die Tage hart gewesen.

»Durch einige meiner Treuen wurde mir zugetragen, dass es auch hierzulande zu Unruhen kommt. Ist Euch ein gewisser Gerhard von Sinzig bekannt?«

Lorentz horchte auf. »Er ist der Burggraf der Feste Landskron.«

»Ihm wurde vom König die Kriegsführung am Mittelrhein übertragen. Mir kam ein Schreiben des Königs zu Gesicht. Darin musste ich lesen, dass dem Burggrafen von Hammerstein und seinen Soldaten befohlen wird, seine Feinde anzugreifen. Darunter unsere Verbündeten, den Grafen von Nassau und die Herren von Isenburg.«

Das klang nach weiteren Kämpfen, dachte Lorentz. Einerseits fühlte er sich unwohl bei dem Gedanken, andererseits freute sich. Kämpfen war ein Teil seines Lebens. Der Ritterstand war sein Ziel, seit er Knappe geworden war. Durch Kämpfe konnte er sein Können und die Treue zu seinem Dienstherren unter Beweis stellen. Nur hatte bisher der Erzbischof mit keinem Wort erwähnt, wann er Lorentz mit dem Ritterschlag belohnen würde.

»Ich gebe Euch den Befehl, mit einem Trupp meiner Männer zum Lager des Grafen von Nassau zu reiten und unseren Verbündeten beizustehen.« Es war die eiserne Stimme eines Kriegsmannes, die zu Lorentz sprach, nicht die eines Mannes, der in Gottes Namen dessen Gesetze auf Erden vertrat.

Lorentz verbeugte sich. Ein Bad wäre angenehm gewesen und frische Kleidung, dachte er versonnen. Und ein kurzer Besuch auf Sunneck. »Wann soll ich aufbrechen?«

»So bald wie möglich.«

Burg Sunneck, Lehnsgut des Mainzer Erzbischofs zwischen Rambach und Sonnenberg, nahe Wiesbaden

Dunkle Tannen und kahler werdende Buchen füllten das Tal. Zwischen den nackten Baumkronen auf der Anhöhe versteckt, verriet das Dach den Standort einer Burg. Eine Wehrmauer aus Stein schützte den mächtigen weiß verputzten Wohnturm vor Eindringlingen und wilden Tieren. Die Turmburg war zwar strategisch unwichtig für politische Streitigkeiten, lag jedoch inmitten eines gespaltenen Landes, am Ende der mächtigen Grafschaft Nassau und am Anfang des starken Herrschaftshauses Eppstein. Vom höchsten Punkt des Turmes aus konnte man das Rambachtal überblicken, durch das sich der gleichnamige Bach schlängelte. Der Herbst zeigte sich von seiner besten Seite, denn die Sonne strahlte noch immer kräftig vom wolkenlosen Himmel.

Ein befestigter Weg führte durch das Tal, an Burg Sunneck vorbei. Kurz vor Wiesbaden, einem kleinen Städtchen, das vor vielen Jahren zur Reichsstadt ernannt worden war, stand Burg Sonnenberg. Eine Festung, die einst die Grafen von Nassau erbauen ließen, um ihr Territorium vor einfallenden Eppsteinern zu schützen, besonders Wiesbaden. Einst war diese Stadt Lehen der Nassauer gewesen, doch das war, bevor sich Heinrich von Nassau gegen die Staufer gewandt hatte. Der staufische Kaiser und dessen Sohn waren darüber so erbost, dass sie ihren verräterischen Untertan bestrafen wollten. Sie hatten ihm das Lehen Wiesbaden entzogen. Die politischen Streitigkeiten zerrütteten das Land, aber die Bewohner von Burg Sunneck hatten sich bisher davor schützen können.

Sie war sehr alt, diese Burg, stand seit fast zwei Jahrhunderten auf dem Felsen und überragte das Rambachtal, noch bevor es die Eppsteiner und Nassauer gegeben hatte. Wer sie erbaut hatte, war längst vergessen. Sie unterschied sich kaum von all den anderen Burgen. Es war eng, zugig und oft kalt. Kein Wunder, denn die Sonne besaß nicht genug Kraft, ihre Wärme durch die dicken Mauern zu schicken, und ihre Strahlen fanden nur enge Wege durch die glaslosen Fensteröffnungen.

Heute herrschte reges Treiben im Hof hinter der widerstandsfähigen Wehr. Bauern trieben Ochsen an, die Karren zogen. Hühner und Hunde liefen herum, Mägde schleppten Kübel, Knechte Säcke mit Mehl oder Hafer. In der Nähe des Stalls ging ein Schmied seiner Arbeit nach und in der Nähe der Hütten des Gesindes übten sich Männer und Jungen im Schwertkampf.

Jonata schloss ein Auge, um das Ziel besser sehen zu können und spürte die Muskeln in ihrem Arm, die unter der Anstrengung brannten. Den Bogen mit aufgelegtem Pfeil auszuziehen erforderte Kraft, und je länger sie wartete, desto schmerzhafter wurde der Zug in ihrem Arm. Das Zittern verstärkte sich.

»Haltet die Sehne gespannt, aber nicht zu lang«, sagte der junge Mann neben ihr mit ruhiger Stimme. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie seinen kritischen Blick. »Je länger Ihr die Sehne spannt, desto langsamer wird der Pfeil. Das Holz des Bogens passt sich schnell der Form an und die Sehne verliert an Kraft.«

Die beiden konzentrierten sich auf den Pfeil, dessen Spitze auf das welke Ahornblatt gerichtet war, das an der Hüttenwand steckte. Kilian schob rasch mit einer Hand einige braune Strähnen aus seinem Gesicht. Heute trug er bequeme Kleidung, nicht den Harnisch, in dem er sonst steckte. Unter dem knielangen Gewand lugten Leinenbeinlinge hervor. Seine Augen folgten aufmerksam der Richtung des Pfeils.

»Tut nicht so, als hätte ich noch nie einen Pfeil abgeschossen«, murrte Jonata leise, ohne das Blatt aus den Augen zu lassen.

»Ihr benehmt Euch gerade so«, entgegnete Kilian mürrisch.

Sie ließ den Pfeil los, der zitternd durch die Luft surrte und sich neben das Blatt in die Holzwand des Gesindehauses bohrte. Enttäuscht ließ sie den Bogen sinken. »Es ist ein neuer Bogen, ich muss mich erst daran gewöhnen.«

»Das ist albern. In einem Kampf hat man keine Zeit sich an einen anderen Bogen zu gewöhnen. Ach, was rede ich da eigentlich von Kampf?« Er fasste sich an die Stirn, als wäre ihm etwas eingefallen. »Ihr seid die Tochter eines Ritters und wenn Euer Vater Euch hier sehen würde … Na, ich muss Euch nicht sagen, was dann passieren würde.«

»Das sagt Ihr nur, weil ich meine Ziele sicherer treffe als Ihr«, konterte Jonata. Sie wollte Kilian herausfordern, und das gelang ihr auch.

Spöttisch schnaubte er über ihre absurde Feststellung. »Ihr schmeichelt Eurem Anfängertalent, mehr nicht. So, und jetzt versucht es noch einmal. Beobachtet Euer Ziel genauer.«

Eine ihrer Haarsträhnen hatte sich aus dem einfachen Zopf gelöst und kitzelte Jonata im Gesicht, der Wind ließ sie über ihre Wangen fahren. Sie fröstelte und wickelte die zu den Händen hin enger werdenden Ärmel ihres Kleides herunter. Sie trug ein Unterkleid aus Leinen. Die Cotte war aus Wolle, reichte bis zum Boden und wärmte gut. Für die tägliche Arbeit trug sie ein ausgewaschenes Obergewand, auf dem Flecken zu sehen war. An dem Ledergürtel hingen ein Beutel und ein Messer.

Erneut spannte Jonata den Bogen, hob ihn an und wusste, dass es ihrem Vater nicht behagte, würde er herausfinden, was sie hier tat. Es stand einer Frau nicht zu, mit Pfeil und Bogen umzugehen. Doch Jonata machte es nicht nur Spaß, sich mit dieser Waffe zu beschäftigen, sondern sie tat es aus einem weiteren Grund, den sie niemandem anvertraute. Sie wusste, wenn sie davon erzählte, würde sie nur Spott ernten. Doch für sie war es ein guter Grund, denn wenn diese Burg angegriffen würde, musste Jonata nicht hilflos dastehen. Hier war ihr zu Hause. Sie wurde auf dieser Burg geboren, hatte all die engen, zugigen Räume, all die schmalen Stufen des Wohnturmes und jede Mauerecke lieben gelernt. Sie wollte ihr Heim verteidigen können und nicht hilflos herumstehen, während ihre Freunde kämpften. Und ja, sie war sich durchaus bewusst, dass sie in einer gefährlichen Zeit lebte. Sie lauschte verbotenerweise den Gesprächen der Männer und wusste um die politischen Ereignisse im Land.

So hatte sie erfahren, dass König Konrad, der Herrscher dieses Landes, erzürnt darüber war, dass sich einige Adelige gegen ihn gewendet hatten und auf Seiten des Papstes standen. Darunter waren mächtige Männer wie der Erzbischof von Mainz und Graf Heinrich von Nassau. Die bisherigen Verhandlungen zwischen den Mächtigen waren gescheitert und niemand wusste, ob überhaupt noch versucht wurde, eine Einigung zu schaffen. So waren Gerüchte aufgekommen, dass der König seine Truppen ausgesandt hatte, um die Fürsprecher des Papstes anzugreifen.

»Ist es wahr, was jeder erzählt? Wird es zu einem Krieg kommen?«, fragte sie zaghaft.

»Nun, das Mainzer Altmünsterkloster musste von seinem Erbenheimer Gut eine Geldsumme an Wiesbaden entrichten, eine beträchtliche Summe für notwendige Verbesserungen in der Stadt, so wird gesagt. Schultheiß Dietrich hat die Stadtmauern verstärken lassen, er rechnet also wohl mit einem Krieg. Eure Gedanken lenken Euch ab, Jonata. Ich habe das Gefühl, Ihr seht nicht zum Blatt.«

Sie lockerte plötzlich die Sehne. »Also ist es wahr?«

Kilian seufzte, als wollte er zunächst nicht mit ihr darüber sprechen, dann gab er nach und sagte: »Es wird immer Unruhen geben, Jonata. Erst die ständigen Streitereien zwischen den Nassauern und den Eppsteinern, jetzt sind die beiden Verbündete und bekriegen gemeinsam den König. Ich wette, wenn diese Sache beigelegt ist, fangen die Eppsteiner wieder Streitereien mit den Nassauern an.«

Kilian hatte einen scharfen Verstand und konnte mit Schwert und Schild geschickt umgehen, genau wie mit seinen Worten. Obwohl gemunkelt wurde, er habe der Kirche den Rücken gekehrt, galt er als zuverlässiger Dienstmann. Kilian besaß weder genug Vermögen noch die Tugend der Gottesfurcht, um je die Ritterwürde zu erlangen. So diente er dem Herrn von Sunneck als Edelknecht und war damit zufrieden.

Jonata blies die Strähne aus ihrem Gesicht. Sie spannte die Sehne und ließ den Pfeil los, der das Ahornblatt knapp verfehlte. »Mit einer Armbrust wäre es einfacher.«

»Eine Waffe, die aber weit mehr Schaden an ihrem Opfer anrichtet«, erklärte Kilian.

Sie bemerkten nicht wie sich ihnen jemand näherte. Jonata nahm einen Pfeil aus dem Köcher und setzte erneut an.

»Das sage ich Vater!«

Erschrocken zuckte Jonata zusammen und ließ vor lauter Schreck den Pfeil los, der ziellos durch die Luft surrte, aber niemanden traf.

»Du weißt genau, wie Vater sich aufregt, wenn du mit dem Bogen schießt«, schimpfte das Mädchen mit hochmütiger Stimme und freute sich sichtlich darüber, ihre ältere Schwester bei etwas Verbotenem erwischt zu haben. »Es gehört sich nicht, was du da tust. Und wenn das Lorentz erfährt, will er dich nicht mehr heiraten. Ihm sag’ ich es auch.«

»Lorentz weiß sehr gut, was ich tue, und er verurteilt mich deswegen nicht«, ließ sich Jonata zu einer Erwiderung hinreißen.

Roberta verschränkte die Arme vor ihrer Brust und maß ihre Schwester mit abschätzendem Blick. »Ich werde Vater erst einmal nichts sagen. Ich hebe es mir lieber auf.«

Jonata wischte sich mit den Handrücken über ihr Gesicht. Sie legte den Bogen fort und blickte über den Hof auf die Männer, die ihre Übungen abhielten. Der Edelknecht Martin stand einem Jungen gegenüber und übte mit ihm einige Schläge. Ähnlich wie Kilian erging es auch Martin. Er war der jüngste Sohn einer Adelsfamilie aus Wiesbaden. Sein Bruder war zum Ritter geschlagen worden, daher gab es für die jüngeren Kinder kein Geld mehr. Selbst seine Schwester durfte mit keiner großen Mitgift rechnen. Martin diente Ritter Gundrich und wusste, dass er sich niemals ein Streitross und die Ausrüstung eines Ritters würde leisten können. Johannes, ein Ritter mit grauem Haar, kümmerte sich um seinen Knappen Markus, der noch etwas ungelenk einen Schild hielt. Zwei weitere Gefolgsleute von Sunneck übten. Jedes Gesicht war ihr vertraut. Kein Wunder, wenn man auf solch engem Raum zusammenlebte. Sie waren eine große Familie, ob verwandt oder nicht, ob unfrei oder frei.

All diese Menschen bereiteten sich auf einen Kampf vor, der ungewiss in der Ferne lag.

Irgendwo am Mittelrhein

Der Wind fegte als kühler Atem über seine Stirn, zerrte fest an seinen Haaren. Es war ein eisiger Hauch, der ankündigte, was bald über das Land hereinbrechen würde. Lorentz fröstelte und fragte sich, ob der Wind ahnte, welches Schicksal sie erwartete. War es nur der Winter, den er verhieß oder gar eine unbarmherige Zeit des Krieges und des Elends? Lorentz fürchtete sich nicht davor. Er war kein Bauer, der jedes Jahr das Feld bestellte und seine Ernte auf dem Markt verkaufte. Er brauchte das unstete Leben. Jeden Tag an einem anderen Ort zu sein und neuen Herausforderungen entgegenzutreten. Ihm lag nicht das langweilige triste Leben, das seine Familie in der Stadt verbrachte. Er hielt sein Pferd an und blickte zur Seite. Bald würden sie das Lager der Nassauer erreichen, die sich zum Kampf rüsteten. Doch noch war es nicht soweit, sich mit dem nächsten Kampf zu befassen. Da war ein anderer Gedanke, der sein Inneres mit Wärme erfüllte. Was Jonata wohl gerade tat? Dachte sie auch an ihn?. Er hatte sich vorgenommen, so bald wie möglich nach Sunneck zu reiten, um sie wiederzusehen, doch bisher war die Möglichkeit nicht gegeben gewesen. Empfand sie ähnlich? Er kannte die Antwort und das machte ihn glücklich. Seit vielen Jahren waren sie befreundet und einander versprochen. Ihre Väter hatten dieses Bündnis geschlossen, als Jonata geboren wurde. Seine Gedanken verweilten so lange bei ihr, bis er das Lager der Nassauer erreicht hatte.

Die Begrüßung zwischen Walram, dem ältesten Sohn Heinrichs von Nassau, und Lorentz fiel freundschaftlich aus. Sie hatten sich in der Zeit von Lorentz’ Aufenthalt in Nassau kennengelernt und manches Mal Seite an Seite gekämpft.

»Sei gegrüßt, Lorentz. Ich hatte gehofft, der Erzbischof schickt mir einen tapferen Krieger … und dann muss ich dich erblicken«, witzelte Walram und klopfte dem Herold Siegfrieds auf die Schulter.

»Du wirst noch froh sein, mich hier zu haben«, gab Lorentz lachend zurück. »Wo ist dein Vater?«

»Er hatte versucht zu verhandeln, doch das ist gescheitert. Er ruft nun einige Männer zusammen. Graf Gerhard von Sinzig soll die Führung unserer Gegner übernommen haben, habe ich gehört.«

»Ist er schon gesehen worden?«

»Noch nicht, doch ich zweifle nicht daran, dass er kommen wird.«

Lorentz ballte die Fäuste. »Soll er nur. Wir werden sie empfangen.«

»Schon seltsam«, sagte Walram und überblickte das mit Soldaten gefüllte Lager. Schwerter und Schilde blitzten im Schein der Herbstsonne auf, von irgendwoher ertönte das Scheppern von Waffen. »Früher war mein Vater ein Begleiter des Königs. Heute bekämpfen wir ihn.«

»Die Politik ist nicht zu durchschauen. Versuch es gar nicht erst zu begreifen. Heute sind wir Freunde, morgen schon können wir uns auf dem Schlachtfeld gegenüberstehen.« Bei seinen eigenen Worten fuhr Lorentz ein Schauer über den Rücken. Ein unangenehmes Gefühl, das ihn nur selten überkam. Er hoffte, seine Äußerung würde nicht eines Tages Wahrheit werden.

»Zu verdanken haben wir die Freundschaft zwischen meinem Vater und dem Erzbischof nur einem entfernten Verwandten von uns«, erklärte Walram. »Dem Erzbischof von Köln.«

»Gefährlicher Mann, habe ich gehört. Er soll damals Konrad von Bueren die Dompropstei streitig gemacht haben.«

»Ja, ein gefährlicher Mann. Mein Vater hat von ihm Ländereien in den Nordgebieten erhalten. Ob es meinem Vater gefällt, weiß ich nicht. Er spricht selten darüber, aber ich glaube, er ist immer noch königstreu.«

Lorentz runzelte die Stirn. »Sprich das lieber nicht zu laut aus.«

»Ich spreche zu einem Freund.« Walram blickte ihn eindringlich an. »Mein Vater gehört zu den ersten Adeligen, die von den Staufern abgefallen sind. Dadurch hat er Wiesbaden und viel Ansehen verloren.«

»Euer Vater verbrachte noch vor einigen Jahren das Osterfest mit dem kaiserlichen Gefolge in Aquileja«, erinnerte sich Lorentz.

»Und danach hat er sich vom Kaiser losgesagt. Die Städtepolitik von Friedrichs Sohn Heinrich hat ihm nicht gefallen. Heinrich wollte einige Städte, auch Wiesbaden, fester ans Reich binden und hat damit in das Lehnsrecht meines Vaters eingegriffen. Mein Vater hatte danach dringend Verbündete gebraucht.«

»Ich erinnere mich noch daran. Ich war damals auf Sunneck, als sich dein Vater mit den Eppsteinern ausgesöhnt hat.«

Walram grinste. »Eine fadenscheinige Sache, wenn du mich fragst. Ich hätte gerne die Fehde weitergeführt. Die Eppsteiner sind mir zu gierig. Stattdessen haben sie meine Schwester als Pfand bekommen. Sie und Gerhard mussten heiraten. Arme Elisabeth.«

»Die Aussöhnung zwischen Nassau und Eppstein war eine gute Entscheidung, zumindest für die Menschen des Landes.«

»Mag sein. Wir führen noch genug andere Kämpfe. Die Mechtheimer Brüder sind unsere größte Sorge.«

»Wüten die noch immer auf euren Ländereien?«

»Dieser Ulrich ist ein gerissener Kerl. Er überfällt Händler in den Dörfern meines Vaters und plündert sie aus. Und all das wegen einer alten Fehde, die unsere Väter begonnen haben.«

»Habt ihr ihnen einen Sühnevertrag angeboten?«

»Ja, aber die Mechtheimer wollen keinen Sühnevertrag. Sie überfallen und rauben lieber.«

»Wenn dieser Krieg zwischen dem Papst und dem Kaiser zu Ende ist, kümmern wir uns um die Mechtheimer«, versprach Lorentz.

»Ein wahres Wort.« Walram lachte vergnügt und rieb sich die Hände. »Ach, und da du eben von Sunneck gesprochen hast. Wie geht es der wunderschönen Jonata?«

Lorentz presste erst die Lippen aufeinander, dann antwortete er mit trüber Miene. »Ich gehe davon aus, dass es ihr gut geht. Seitdem ich wieder in Mainz bin, hatte ich noch keine Gelegenheit sie wiederzusehen.«

»Sicher schmachtet sie nach dir.«

»Ich hoffe es.« Lorentz grinste.

Sunneck, Ende Februar 1242

Von Sonnenberg her ritt ein Besucher auf dem schmalen Pfad zur Burg hinauf. Einer der Torwächter kündigt sein Nahen dem Burgherrn an. Luidwig, der Burgvogt von Sonnenberg, war ein gern gesehener Gast und bat um Einlass, was ihm ohne Zögern gewährt wurde.

Jonata hörte von dem Besuch und beschloss, sich umzukleiden. Sie raffte ihren Rock und eilte die Außentreppe hinauf ins Innere der Burg, hoch in das Stockwerk, wo die beheizten Wohnräume lagen. Die Kemenaten waren stickig und voller Qualm, vor allem wenn das Feuer im Kamin nicht richtig abzog. Und so konnten die Bewohner nur wählen, ob sie frieren wollten oder in stickigen Räumen kaum Luft bekommen.

Ein Lachen ertönte, daraufhin folgte ein dunkles Bellen, das durch die Kemenaten hallte.

Jonata zog sich rasch ein sauberes Obergewand über. Es war an den Seiten mit Schnürungen versehen, so dass ihre weiblichen Formen besser zur Geltung kamen. Den Halsausschnitt verzierte eine breite Borde. Um den Rock weiter fallen zu lassen, waren lange Stoffkeile in den Rockteil eingesetzt worden. Jonata verbrachte viel Zeit damit, die Kleider trotz ihrer schlichten Art etwas der Mode anzupassen. Da es teuer war, den Stoff zu färben, ging sie sparsam damit um, aber man sollte die Töchter des Ritters von den Mägden unterscheiden können. Jonatas Fingerfertigkeit wurde geschätzt. Ihre Tante, die in Wiesbaden lebte, verkaufte Stoffe auf dem Markt und bot nebenher Jonatas Handarbeiten an, bestickte Tücher und Decken von bester Qualität. Eine gute Einnahmequelle, denn Jonatas Familie war nicht vermögend. Wenngleich ihr Vater durch den Kaiser in den Ritterstand erhoben worden war und einige Ländereien am Rhein zum Lehen hatte, bedeutete das nicht gleich Wohlstand. Sie waren abhängig von der Ernte und dem Fleiß der Bauern, und der letzte Sommer war trocken gewesen.

Die Tür zur Kemenate öffnete sich und Roberta kam mit einem großen Hund herein. Dicke Zöpfe wirbelten durch die Luft, als sie sich zu dem Bracken, dem Jagdhund, umdrehte.

»Komm endlich, Odin«, feuerte sie ihn an, weil er wenig Lust zeigte, hinter ihr her zu springen. Er schaute in die Richtung einer Ecke, als wollte er sich lieber dorthin zum Schlafen legen, doch das Mädchen ließ nicht von ihm ab. Odin gehörte zum Rudel der Jagdhunde, den Wildbodenhunden. Ritter Gundrich hatte von den Grafen von Eppstein die Erlaubnis, im benachbarten Wald zu jagen, und so geschah es nicht selten, dass er mit den Hunden und einigen seiner Gefolgsleute Richtung Wald zog. Odin zählte zu den größeren Bracken und ähnelte mehr einem Wolf als den üblichen Jagdhunden. Wenngleich es der Burgherr nicht gerne sah, dass seine jüngste Tochter einen seiner Hunde verhätschelte, ließ er es zu. Nicht nur im Umgang mit Hunden zeigte Roberta ihre Unbekümmertheit..

Vereinzelte Sonnenstrahlen verirrten sich durch die Ritzen der Bretter und schimmerten in ihrem goldenen Haar, als Roberta schnaufend und lachend stehen blieb und auf ihre Schenkel klopfte, um den Hund anzulocken.

»Du meine Güte«, erklang ein entrüsteter Ausruf. Eine Frau erschien in der noch offen stehenden Tür. Graue Strähnen hatten sich im Laufe der letzten Jahre in das dunkle Haar geschlichen und zeigten sich nun immer zahlreicher. Ihre schmale Gestalt wurde von einem Unterkleid eingehüllt, während das Obergewand durch einen Gürtel um die Taille zusammengehalten wurde. Es reichte bis zum Boden und musste aufgerafft werden, wollte sie laufen, ohne zu stolpern. Genau das tat Hermine jetzt. Sie nahm die Stoffhülle in die Hände und schritt eilig auf das Mädchen zu.

Roberta kümmerte der Ausruf wenig, sie kniete vor dem Hund und streichelte ihn.

»Hast du schon wieder diesen Köter bei dir?«, schimpfte Hermine und bedachte das Tier mit deutlichem Missfallen. Der Gesichtsausdruck verriet Abneigung und einen Hauch von Verunsicherung, als die Frau zu dem Hund schielte, der neben dem Mädchen hockte und seine lange Zunge aus dem Maul hängen ließ.

Hermine war die einzige Frau, der die Kinder des Ritters gehorchten. Nach dem Tod seiner Gemahlin, gehörte Hermine als Ersatzmutter zur Familie.

»Du musst nicht bleiben, wenn du dich vor Odin fürchtest«, bemerkte Roberta keck und erhob sich.

»So schnell lasse ich mich nicht von einem Köter einschüchtern, auch wenn er Odin heißt. Ich mag es nur nicht, wenn er hier herumläuft. Er sabbert, legt stinkende Haufen in die Ecken und bringt Ungeziefer mit. Hunde sind eine Plage und sollten im Stall eingesperrt werden.«

Jonata blieb vor den beiden stehen und schenkte ihrer Schwester ein geduldiges Lächeln. »Zieh dich bitte um. Vater erwartet uns, damit wir Luidwig begrüßen.«

»Muss ich dabei sein?« Roberta zog einen Schmollmund, den sie gerne zu bestimmten Anlässen einsetzte und der bei ihrem Vater ein schlechtes Gewissen hervorrief.

Hermine schien unbeeindruckt. Bei ihr löste die Gebärde keinerlei Wohlwollen aus, und wenn der Schmollmund ein Gefühl in ihr weckte, dann nur den Wunsch, nicht nach dem Willen des Mädchens zu handeln. »Es ziemt sich, einen Gast zu begrüßen. Also tu, was deine Schwester sagt.«

»Luidwig wird mich in die Wangen kneifen und mir sagen, wie groß ich geworden bin, das macht er immer, wenn er mich sieht, und dann redet er mit Vater über Politik. Das ist langweilig.«

»Du musst dich nicht drum kümmern, was die Männer reden, das ist für eine Frau nicht von Belang.«

Roberta hob den Kopf und sah zu ihrer Schwester. »Jonata kümmert sich darum und sie ist auch eine Frau. Überhaupt tut sie Dinge, die sich nicht für eine Frau gehören.« Vorwurf lag in ihrer Stimme, doch Jonata achtete nicht darauf, sondern zog sich weiter um.

»Neugier ist für eine junge Dame wenig tugendhaft, das gilt auch für Jonata«, erklärte die Kinderfrau tadelnd und hob einen Finger in die Richtung ihres älteren Schützlings. Jonata wühlte, die Geste missachtend, in einer Truhe herum und zog ein besticktes Überkleid heraus, das für ihre Schwester gedacht war.

Als der Bracke plötzlich aufsprang und schnüffelnd herumlief, wich die Kinderfrau zwei Schritte zurück. »Jetzt sucht er eine Stelle um sich seiner Stinkereien zu entledigen. Schaff ihn hier raus! Dieses Vieh soll Wild aufspüren und nicht hier herumlungern.«

Roberta zog ihre Augenbrauen zusammen und blickte finster drein, doch sie widersprach nicht. Wortlos lockte sie den Hund zur Tür und sperrte ihn aus.

Hermine atmete tief durch, als müsste sie um Fassung ringen. »Jetzt sei ein liebes Mädchen. Zieh dir eine gute Cotte über«, sagte sie seufzend. »Demut, Keuschheit und Schweigsamkeit machen ein sittsames Mädchen aus. Jonata, dir fehlt Letzteres und Roberta fehlt von allem etwas.«

Der Burgvogt war von Ritter Gundrich und dessen ältestem Lehnsmann, Johannes von Aubach, begrüßt worden. Sie waren gerade auf dem Weg zum Rittersaal, als hastige Schritte erklangen.

Ehe die Männer ausweichen konnten, sprang von der oberen Treppe ein Mädchen hinunter und prallte direkt gegen Johannes, der es erstaunt auffing. »Wohin so stürmisch, Mädchen?«, rief er lachend.

»Meine liebe Tochter«, begann Ritter Gundrich tadelnd und rang mit seiner Beherrschung. »Was rennst du herum wie eine Dienstmagd?«

»Verzeih, Vater.« Roberta lächelte den Mann beschämt an. Dieser wollte zunächst zu einem Tadel ansetzen und öffnete den Mund, dann schien ihn ihr Lächeln zu besänftigen.

»Geh, hol Jonata und begrüßt unseren Gast.« Ritter Gundrich blickte kopfschüttelnd seiner Tochter nach, die wieder die Stufen hinaufsprang. »Weißt du was das Schlimmste ist, Johannes? Die eine ist ein Wildfang, die andere viel zu ernst. Ich glaube, ich habe als Vater alles falsch gemacht.«

Der Angesprochene lachte und klopfte dem Ritter auf die Schultern. »Roberta ist ein Kind, unbekümmert und froh.«

»Ich mag es mir selbst kaum eingestehen, doch Roberta ist kein Kind mehr. Sie kommt in das heiratsfähige Alter. Bei Gott, Jonata ist schon weit drüber. Ich habe sie völlig vernachlässigt. Ich müsste sie endlich Lorentz übergeben … « Gundrich rieb sich mit einer Hand über sein bärtiges Gesicht und lächelte versonnen. »Es fällt mir schwer sie gehen zu lassen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, die Burg ohne ihre Hilfe zu verwalten.«

Luidwig trat zwischen die beiden Männer. »Sie fühlt sich nach dem Tod deiner Frau verantwortlich für die alltäglichen Aufgaben. Jonata ist eine gute Burgherrin geworden. Lorentz kann sich glücklich schätzen, er wird einen geordneten Haushalt haben.«

»Sicher, Jonata sorgt sich um alles. In der Küche herrscht Ordnung, die Dielen in den Kaminzimmern sind sauber, es gibt kaum Ungeziefer und der Wein ist gut gewürzt. Ich kann mich nicht beklagen. Doch sie ist stur wie ein Esel, keine besonders vorteilhafte Tugend. Lorentz wird kein ruhiges Leben mit ihr führen können.«

»Die Zeiten sind unruhig und du musst jemandem vertrauen, wenn es eines Tages zum Kampf kommt«, sagte Johannes und fuhr sich mit einer Hand durch sein ergrautes Haar.

»Ich muss einem Mann trauen, keiner Frau. Was hilft mir ein wehrloses Mädchen, selbst wenn es meine Tochter ist?«, widersprach Ritter Gundrich resolut.

»Du weißt, dass Jonata nicht wehrlos ist. Wenn es sein muss, kämpft sie.«

Der Ritter blickte seinen Lehnsmann entgeistert an. »Wer will eine Frau, die kämpfen kann wie ein Mann?«

Der Burgvogt von Sonnenberg lachte vergnügt. »Wäre ich ein paar Jahre jünger, mein Freund, ich schwöre dir, ich würd’ sie haben wollen. Und wenn ich mich nicht irre, dann liebt Lorentz sie, mit all ihren Fehlern oder vielleicht gerade deshalb.«

Jonata strich hastig über ihren Rock, ehe sie in den Rittersaal eintrat und ihre Schwester ein letztes Mal ermahnte, sich ordentlich zu benehmen. Mit einem herzlichen Lächeln ging sie Luidwig entgegen.

Der Burgvogt war kein junger Mann mehr, was man an den silbernen Strähnen in seinem dunklen Haar und in seinem Bart erkennen konnte. Ein breiter Ledergürtel spannte sich über seinen gewölbten Bauch, der eindeutig den Hang zum Genuss verriet. Luidwig begrüßte sie in seiner vertrauten Art und Weise. Robertas Wangen wurden gekniffen, bis sie ganz rot waren.

»Bei der heiligen Jungfrau, jedes Mal, wenn ich deine Jüngste sehe, ist sie gewachsen.«

Roberta warf dem Mann ein gütliches Lächeln zu, das recht gezwungen wirkte.

»Und deine Älteste wird immer schöner.« Sein dunkles Lachen vibrierte in Jonatas Ohren. »Ich beneide Lorentz um sein Glück.«

Die Männer versammelten sich vor dem Kamin, in dem neue Holzscheite aufgelegt worden waren. Das Feuer verbreitete eine wohltuende Wärme.

Jonata lauschte dem Gespräch ohne sich zu beteiligen. Es stand ihr nicht zu, sich einzumischen, obwohl sie gerne einige Fragen gestellt hätte. Der Nachdruck in den Stimmen der Männer machte ihr klar, dass sie nicht über Belangloses sprachen. Sie nahmen die Lage sehr ernst, vor allem, wenn es um die Eppsteiner Grafen ging. Jonata fragte sich zum ersten Mal, ob die bisherige Sorglosigkeit ihres Vaters nur vorgetäuscht war.

»Mir dünkt, Ihr mögt die Eppsteiner nicht besonders«, stellte Jonata zum Burgvogt gewandt fest.

Luidwig spuckte neben sich auf den Boden. »Pah, früher habe ich Ausschau nach ihnen gehalten, weil ich ihren Angriff fürchtete. Jetzt muss ich ihnen das Tor öffnen und sie als Gäste begrüßen.« Der Burgvogt trank einen Schluck aus seinem Becher und fuhr fort: »Machen dir die Mechtheimer Probleme?«

Gundrich machte ein düsteres Gesicht. »Sie verwüsten unten am Rhein regelmäßig Dörfer und überfallen Kaufleute. Meist tun sie es auf den Ländereien der Nassauer, aber in zweien meiner Dörfer waren sie auch schon.«

»Das sind keine ehrbaren Männer.«

»Sie selbst fühlen sich im Recht, denn sie rauben und morden im Namen einer uralten Fehde mit den Nassauern, die niemals beigelegt wurde.«

Jonata schüttelte sich angewidert. »Diese Mechtheimer sind Gott sei Dank weit fort von Sunneck.«

Der Burgvogt winkte ab. »Sie sollten Euch im Augenblick keine Sorgen machen, sondern mehr das, was ich zu berichten habe. Es geht um den Erzbischof von Köln. Der Graf von Jülich soll ihn gefangen genommen und auf seine Burg Nideggen gebracht haben. Dort schmachtet er erst einmal vor sich hin.« Es war als freute ihn der Gedanke. »Und Graf Friedrich von Eberstein versucht gemeinsam mit dem Stauferkönig Konrad, Anhänger am Mittelrhein zu finden«, berichtete Luidwig weiter. »Graf Friedrich war auch bei meinem Herrn. Er hat Heinrich von Nassau viele Vergünstigungen und Belohnungen für dessen Unterstützung versprochen. Ich vermute, vieles davon sind Lügen.«

Gundrich sagte: »Heinrich von Nassau wird kaum den Papst gegen sich aufbringen wollen.«

»Ehrlich gesagt fürchte ich nicht den Papst. Ich fürchte den Erzbischof von Mainz und seinen Bruder in Eppstein. Wenn sich Heinrich von Nassau wieder zu den Staufern bekennt, wird das Siegfried nicht gefallen.« Der Burgvogt rieb sich am Kinn. »Ich habe meine Wachen verstärkt. Wir haben unsere Kammern mit Proviant aufgefüllt, falls wir belagert werden. Und dir, Gundrich, kann ich nur raten, das Gleiche zu tun.«

»Ich will mit diesem Streit nichts zu tun haben.«

»Du bist ein Vasall des Erzbischofs. Ich muss dich nicht an die Pflichten eines Vasallen erinnern. Du musst für ihn kämpfen, wenn er es verlangt. Deine Treue gilt ihm, sonst verlierst du Sunneck und vielleicht noch mehr.« Der Blick des Burgvogtes fiel auf Jonata, die abseits verharrte und sich nicht zu bewegen wagte. Seine nächsten Worte sprach er leise. Jonata hörte sie trotzdem. »Schicke deine Töchter zu mir nach Sonnenberg. Dort sind sie sicher, hier nicht.«

Mainz, März 1242

Er lungerte förmlich in der Residenz des Mainzer Erzbischofs herum. Diese Tatenlosigkeit war nervenaufreibender als jede Schlacht, in die er bisher gezogen war. Lorentz beobachtete eine Dienstmagd, die unbemerkt an ihm vorbeihuschen wollte. Sie hatte blondes Haar und aufreizende Rundungen. Er erinnerte sich an das Gesicht einer anderen Frau und überlegte, welche Ausreden er vor dem Erzbischof vorbringen könnte, um sich für kurze Zeit nach Sunneck zu stehlen. Er wollte Jonata wiedersehen, ihr sagen, dass er sie nicht vergessen hatte. An Weihnachten hatten sie sich in Wiesbaden getroffen, zur Messe. Es war ihnen nicht viel Zeit geblieben, miteinander zu reden, und nun war schon März und er hatte sie nicht wiedersehen können.

Lorentz warf einen Blick auf seinen Nachbarn, Rupert von Eppstein, der im Halbschlaf der Magd nachblickte. Als ein Lächeln um dessen Lippen zuckte, deutete Lorentz diese anzügliche Geste, interessierte sich jedoch nicht dafür, wen Rupert in sein Lager holte.

Der Eppsteiner war hager, nein, mehr noch, dürr und sein Gesicht eingefallen. Die Wangenknochen standen hervor, ließen das Gesicht noch kantiger erscheinen, während die Nase und die kleinen Augen an den Ausdruck eines Habichts erinnerten. Seine Lippen, um die stets ein spöttischer Zug lag, glichen zwei aufgeplatzten Würsten. Das dunkle Haar lag auf seinem Kopf, als sei es nachträglich angeklebt worden.

»Ich ziehe lieber in den nächsten Kampf, als hier tatenlos herumzusitzen«, murrte Rupert.

Lorentz erwiderte: »Ihr tut das doch erst seit heute Morgen. Ich sitze hier seit Tagen.«

»Es macht einen träge, wenn man nichts zu tun bekommt.«

»Ich muss Euch Recht geben.« Obwohl er es nicht gerne tat. Lorentz mochte den jungen Mann nicht sonderlich. Vielleicht lag das an dessen Überheblichkeit oder der Art, wie er mit anderen Menschen umging. Rupert galt als zielstrebiger Lehnsmann seiner beiden Onkel, Gottfried von Eppstein und Erzbischof Siegfried.

»Aber wir werden Arbeit bekommen.« Seine Stimme klang dunkel, fast grollend.

Lorentz warf einen Blick zur Seite. »Wisst Ihr etwas, was mir entgangen ist?«

»Wenn Ihr von den Unternehmungen des Domkustos noch nichts gehört habt, dann ja.«

»Welcher Domkustos und was treibt er denn?«

Rupert richtete sich auf und beugte sich geheimnisvoll zu seinem Nachbarn. »Graf Friedrich von Eberstein sucht Anhänger für König Konrad und war bei Heinrich von Nassau. Der König soll ihm versprochen haben, seine Rechte und noch weitere Befugnisse über Wiesbaden zu erhalten, sollte Heinrich auf die Seite der Staufer zurückkehren.«

»Woher wisst Ihr das?«

»Spitzel des Erzbischofs«, antwortete Rupert.

Lorentz vermutete, Rupert selbst war dieser Spitzel, da er einige Zeit verschwunden war und niemand gewusst hatte, wo er sich aufhielt. Lorentz hatte nicht herausfinden können, was den Erzbischof im Augenblick beschäftigte, doch dass etwas vor sich ging, seitdem der Erzbischof von Köln gefangengenommen worden war, ahnte er.

»Der Domkustos Graf Friedrich? Weiß Erzbischof Siegfried davon?«, fragte Lorentz.

»Er ist außer sich vor Zorn.«

»Ich habe Heinrich von Nassau seit langer Zeit nicht in Mainz gesehen«, überlegte Lorentz laut.

Auch hierauf wusste Rupert eine Antwort: »Er war bisher in der nördlichen Region seiner Grafschaft unterwegs, um gegen die Adeligen zu kämpfen, die auf der Seite des Königs stehen.«

Das Warten hatte ein Ende, als die beiden Männer in den Saal zum Erzbischof gerufen wurden.

Siegfried stand an einem Tisch, zusammen mit einigen anderen Männern, die Lorentz kannte, darunter auch Gottfried von Eppstein. Sein Gesicht wirkte ernst und war rötlich, so als stünde er kurz davor auseinanderzuplatzen. Gottfried sah seinem geistlichen Bruder in diesem Augenblick sehr ähnlich, denn einen derartigen Ausdruck hatte auch Siegfrieds Gesicht angenommen.

Einst war Siegfried neben dem König der wichtigste Mann in diesem Reich. Er hatte damals dem staufischen Kaiser auch nach dessen Exkommunikation im Jahre 1239 die Treue gehalten. Erst als Papst Gregor IX. zwei Jahre später gestorben war, hatte sich Siegfried gegen die Staufer gestellt. Seine Gründe waren nicht bekannt und er hatte niemals darüber gesprochen.

Mainz selbst schien sich nicht entscheiden zu wollen. Lorentz kam es manchmal vor, als nutzten die Bürger der Stadt diesen Konflikt. Viele aus der Mainzer Bürgerschaft waren den Staufern zugetan, doch niemand bezog eindeutig Stellung. Sie ließen sich von beiden Seiten umwerben, als warteten sie darauf, wer ihnen am meisten bot. Mainz war eine gut befestigte Stadt, und eine solche auf seiner Seite zu haben, konnte strategisch von Vorteil sein. Lorentz machte sich nicht die Mühe, über die politischen Ereignisse nachzudenken. Im Grunde musste er Befehle ausführen, egal welcher Art. Ein Urteil abzugeben, stand ihm nicht zu.

»Die Zeit des Friedens ist vorbei.« Siegfried sprach mit grollender Stimme.

Nach den Worten schien etwas in Lorentz zu jubeln. Endlich konnte er wieder etwas tun.

»Mein Verbündeter Konrad von Hochstaden ist gefangengenommen worden. Er hatte großen Einfluss auf viele Fürsten. Er wird diesen Einfluss nicht mehr ausüben können. Wir verlieren Verbündete … nein, ich drücke es anders aus … « Siegfried machte eine Pause, als müsste er sich sammeln oder gar die Bedeutung seiner nächsten Worte noch einmal überdenken. »Wir haben Verbündete verloren.« Er ballte eine Hand zur Faust. »Heinrich von Nassau. Er wagt es zu den Staufern zurückzukehren. Dieser Verräter. Kaum ist sein Verwandter fort, wechselt er die Seiten.« Er brüllte die letzten Worte durch den Raum und seine Stimme hallte in Lorentz Ohren.

»Wir müssen unsere nächsten Schritte überdenken. Wir dürfen nicht im Zorn handeln«, sagte Siegfried nun, wahrscheinlich mehr zu sich selbst als zu den anderen. Er schien mit seiner Gemütsregung zu kämpfen und siegte schließlich über seine Wut.

Gottfried schlug eine Hand auf den Tisch und schien sich nicht beruhigen zu wollen. »Zorn ist ein gutes Wort. Ich will meinen Zorn in das Gesicht dieses Nassauer Verräters schlagen. Krieg ist das bessere Wort. Ich schlage vor, wir vernichten diesen Nassauer Grafen, seine Burgen, seine Ländereien … alles.«

Siegfried betrachtete seinen jüngeren Bruder und lächelte versonnen. »Ich verstehe dich. Glaube mir, Heinrich von Nassau und seine staufischen Freunde werden unseren Zorn noch zu spüren bekommen.«

Lorentz beobachtete die beiden Brüder. Noch wusste er nicht, welche Aufgabe ihm zufallen würde.

»Mir ist ganz gleich, was es kosten wird, dieser nassauische Verräter wird es büßen und wir werden ihn und die Staufer zerschlagen.«

»Wir benötigen dafür Verbündete«, überlegte Gottfried laut. »Lass uns vorgehen, wie besprochen. Ich kehre nach Eppstein zurück und werde alle waffenfähigen Männer zusammenrufen.«

Siegfried schien zunächst nachzudenken, dann nickte er seinem Bruder zu. Schließlich wandte er sich Rupert und Lorentz zu.

»Verrat ist ein schwerwiegender Fehler. Dies soll jeder wissen. Heinrich von Nassau wird es bereuen, dass er sich gegen mich gestellt hat. Ich gebe Euch den Befehl, all unsere Anhänger aufzusuchen, und ihnen zu sagen, dass es bald zu einem Kampf kommen wird. Lasst Euch ihre Unterstützung garantieren. Reitet auch nach Sunneck. Ich benötige die Zusage von Ritter Gundrich.«

Sunneck

Die Wege waren wegen der Schneeschmelze noch schwer zu bereisen. Und so kamen die Reiter, die sich der Burg näherten, nur langsam voran.

Alarmiert vom Ruf der Wachen rannte Kilian zum Tor, hinter dem sich einige Krieger versammelt hatten und sich kampfbereit aufstellten. Auch Ritter Gundrich eilte herbei. Es dauerte nicht lange, da hörte man Pferde, die sich näherten. Einer der Männer verlangte mit seinen Begleitern Einlass.

Jonata beobachtete das finstere Gesicht ihres Vaters, als er den Befehl gab, dem Gast das Tor zu öffnen. Sie warf einen Blick auf die Ankömmlinge und erkannte die Schilde und das Wappen darauf.

Rotweiße Zacken verrieten die Herkunft der Männer. Eppsteiner.

Doch ein vertrautes Gesicht war unter ihnen. Jonata spürte ein Prickeln in sich, als sie Lorentz erkannte. Er sah eindrucksvoll aus, fand sie. Er trug einen feinen Waffenrock über dem Harnisch und sein schwarzes Haar glänzte in der Sonne.

Freudig begrüßte sie den Mann, dem sie versprochen war. Sie kannten sich seit vielen Jahren, wussten von ihren Schwächen und Stärken und hatten gelernt, sich zu lieben. Seit Weihnachten hatte sie oft an Lorentz denken müssen. Vielleicht würden sie jetzt etwas Zeit finden, um die vertraute Zweisamkeit zu genießen, nach der sie sich sehnte. Doch Rupert, ein Verwandter der Brüder von Eppstein, war nicht unbedingt jemand, den Jonata gerne bewirtete. Jung und strebsam, dem Erzbischof von Mainz ergeben und dem Grafen Gottfried von Eppstein zu Diensten, gehörte er zu jenen Menschen, die ihre eigenen Belange verfolgten und in ihrem Eifer alles andere vergaßen. Sie vermutete, er würde über Leichen gehen, nur um an sein Ziel zu gelangen.

Stimmen und Lachen erfüllten den Rittersaal. Der Raum war klein und düster, beengt wie die ganze Burg. Schmale Fensteröffnungen ließen nur wenig Licht herein. An den verputzten Steinwänden hingen Teppiche, die nicht nur der Dekoration, sondern auch als Kälteschutz dienten. Zwischen einigen dieser Teppiche hingen Schilde und Gemälde von den einst hier lebenden Burgherren. In dem Saal fanden sich jeden Tag Menschen ein, meist zum geselligen Essen oder zur Klärung von Streitigkeiten, seltener verirrten sich Händler hierher. Heute wurden die Gäste aus Mainz empfangen.