Die Situation von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund im deutschen Schulsystem - Alexander Zerfas - E-Book

Die Situation von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund im deutschen Schulsystem E-Book

Alexander Zerfas

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Beschreibung

Im Jahr 2006 inspizierte Vernor Muñoz, der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Bildung, das deutsche Schulsystem. In seinem Abschlussbericht kritisierte er das deutsche Bildungssystem als selektiv, diskriminierend und undemokratisch. Gerade Kinder aus Zuwandererfamilien würden systematisch benachteiligt. Sind diese Anschuldigungen tatsächlich Realität? Um diese Frage zu beantworten soll hier die vorgebrachte Kritik genauer analysiert werden. Nachdem der Begriff Migrationshintergrund kurz definiert wird, erfolgt anhand von Zahlen und Fakten eine Darstellung der aktuellen Situation von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland. In diesem Zusammenhang sollen auch Ergebnisse der Untersuchungen zu Migrantenmilieus vorgestellt werden. Im speziellen wird die Situation von Kindern und Jugendlichen an allgemeinbildenden Schulen untersucht. Zudem wird untersucht, warum eine solche Benachteiligung überhaupt besteht. Dabei werden inner- und außerschulische Ursachen und Erklärungsansätze für die Benachteiligung von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund vorgestellt. Zum Schluss folgt eine Veranschaulichung der bereits bundesweit eingeleiteten Maßnahmen zur Bekämpfung der Bildungsbenachteiligung, wobei auch persönliche Kritik und eigene Vorschläge des Autors mit einfließen werden. Aus dem Inhalt: - Migrationshintergrund; - Bildungsbenachteiligung; - institutionelle Diskriminierung; - Schulleistungen; - Schulsystem

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Seitenzahl: 119

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Situation der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland

2.1 Migrationshintergrund – Definition

2.2 Zahlen und Fakten zur Situation

2.3 Befunde zu Migranten-Milieus

3 Die Situation an allgemeinbildenden Schulen – Befunde zur Bildungsbenachteiligung

3.1 Bildungsungleichheit – Definition

3.2 Verteilung auf die Schulformen

3.3 Bildungsabschlüsse

3.4 Schulleistungen

4 Erklärungsansätze und Ursachen für die Benachteiligung von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund im deutschen Schulsystem

4.1 Innerschulische Erklärungsansätze

4.1.1 Die Erklärung durch Strukturdefizite des deutschen Schulsystems

4.1.2 Die Erklärung durch institutionelle Diskriminierung

4.1.3 Die Bedeutung der Sprachkompetenz als Voraussetzung für Bildungserfolg

4.1.4 Die Überforderung der Lehrkräfte – persönliche Erfahrungen

4.2 Außerschulische Erklärungsansätze

4.2.1 Die Humankapitaltheorie

4.2.2 Die kulturell-defizitäre Erklärung

4.2.3 Primäre und sekundäre Effekte

4.2.4 Bildungsaspirationen von Migranten

4.3 Die „Bildung, Milieu, Migration“ – Studie

4.4 Schlussfolgerungen

5 Intervention und Maßnahmen

5.1 Schulinterne Maßnahmen

5.1.1 Förderung der Sprachkenntnisse

5.1.2 Vorbereitung der Lehrkräfte

5.1.3 Wünsche der Eltern mit Migrationshintergrund

5.1.4 Maßnahmen auf schulstruktureller Ebene

5.2 Außerschulische Maßnahmen

5.3 Schlussfolgerungen

6 Zusammenfassung und abschließende Bemerkungen

7 Literaturverzeichnis

8 Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

Verschiedene internationale Vergleichsuntersuchungen, wie PISA oder auch IGLU, haben dazu beigetragen, dass das deutsche Bildungssystem, aufgrund des schlechten Abschneidens im internationalen Vergleich, kritisch unter die Lupe genommen wurde. Für die schlechten Ergebnisse der Kinder und Jugendlichen an deutschen Schulen in der PISA 2000-Studie wurden in der Öffentlichkeit und der Bildungspolitik Schülerinnen und Schüler aus Migrantenfamilien verantwortlich gemacht. Diese Behauptung lässt sich jedoch nicht belegen. In Ländern wie Kanada oder Australien, die einen deutlich höheren Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund aufweisen als Deutschland, zeigen Migrantenkinder beispielsweise gleich gute Leistungen wie die Einheimischen. Auch Bundesländer wie Sachsen, mit einem extrem geringen Anteil an Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund (0,8%), weisen ebenfalls schlechte Leistungen auf. Fakt ist jedoch, dass die Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund, im Vergleich zu Kindern deutscher Herkunft, in der Fähigkeit literarische, mathematische und wissenschaftliche Texte zu lesen und zu verstehen deutlich schlechter abschnitten, auch wenn sie in Deutschland geboren wurden.[1] Diese Tatsache macht deutlich, dass es offenbar große Missstände im deutschen Bildungssystem gibt, die es den Kindern und Jugendlichen nicht-deutscher Herkunft schwer machen, gleiche Schulleistungen wie ihre Mitschüler ohne Migrationshintergrund zu erzielen. Im Jahr 2006 inspizierte Vernor Muñoz, der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Bildung, im Auftrag der Vereinten Nationen das deutsche Schulsystem. In seinem Abschlussbericht aus dem Jahr 2007 kritisierte er das deutsche Bildungssystem und bezeichnete es dabei als selektiv, diskriminierend und undemokratisch. Gerade in Bezug auf Kinder aus Zuwandererfamilien äußerte er, dass diese systematisch benachteiligt würden.[2] Hierbei stellt sich die Frage, ob diese Anschuldigungen tatsächlich Realität sind. Die vorliegende Arbeit wird diese Kritik genauer analysieren.

Wie bereits im Titel erkennbar, wird im Folgenden die Situation von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund im deutschen Schulsystem geschildert. Dabei sollen Befunde, Erklärungsansätze und Maßnahmen gegen die Bildungsbenachteiligung elaboriert werden. Die Bearbeitung der folgenden Thematik erfolgt neben der bildungspolitischen Relevanz auch aus persönlichem Interesse, da ich selbst einen Migrationshintergrund aufweise und sämtliche Phasen des Bildungssystems in Deutschland mit all seinen Hürden durchlaufen habe.

2 Situation der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland

Seit der Anwerbung von ausländischen Arbeitskräften aufgrund von Fachkräftemangel, den sogenannten Gastarbeitern, hat sich die Bundesrepublik Deutschland ab den 1950er Jahren zunehmend zu einem Einwanderungsland entwickelt. Heute liegt Deutschland im aktuellen OECD-Zuwanderungsranking auf Platz zwei der Länder mit der höchsten Einwanderungsquote direkt hinter den USA und überholt damit klassische Einwanderungsländer wie Großbritannien, Kanada oder Australien.[3]

In diesem Kapitel soll vorwiegend die Situation der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland anhand von Zahlen und Fakten dargestellt werden. Da der Begriff des Migrationshintergrunds im Verlauf der Arbeit fortlaufend aufgegriffen wird, ist es wichtig, diesen zunächst kurz näher zu definieren. Im Anschluss daran werden Zahlen und Fakten zur aktuellen Lage präsentiert und Befunde zu den sogenannten Migranten-Milieus gebracht.

2.1 Migrationshintergrund – Definition

Die Bezeichnungen für Menschen, die nach Deutschland kommen und hier leben, sind vielfältig. Man spricht beispielsweise von "Menschen mit Migrationshintergrund", von "Migranten", oder auch von "Ausländern". Oft werden diese Begriffe jedoch miteinander vermischt oder unkorrekt benutzt. Im Folgenden soll speziell der Begriff „Mensch mit Migrationshintergrund“ näher erläutert und definiert werden.

Der Mikrozensus, die amtliche Repräsentativstatistik über die Bevölkerung und den Arbeitsmarkt in Deutschland, ermittelt seit 1991 in kurzen und regelmäßigen Abständen Eck- und Strukturdaten über Erhebungsinhalte wie die Volkszählung, Bevölkerungsstruktur und die wirtschaftliche und soziale Lage der Bevölkerung sowie deren Veränderung.[4] Der Themenkomplex Migration und Integration wurde im Jahr 2005 neu in das Erhebungsprogramm aufgenommen und ermöglicht es, zwischen der Bevölkerung mit Migrationshintergrund und der ohne Migrationshintergrund zu unterscheiden. Die für nicht besonders aussagekräftig gehaltene Unterscheidung zwischen Deutschen und Ausländern, wurde nun aufgrund der inzwischen großen Zahl von (Spät-) Aussiedlern und Eingebürgerten, durch die Kategorie „Menschen mit- und ohne Migrationshintergrund“ ersetzt.[5]

Nach Aussagen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge zählen zu den Menschen mit Migrationshintergrund

„alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil".[6]

Im Zensus 2011 werden dagegen Menschen mit Migrationshintergrund als alle nach 1955 auf das heutige Gebiet der BRD zugewanderten Deutschen und alle gebürtigen Deutschen mit mindestens einem nach 1955 zugewanderten Elternteil sowie alle zugewanderten und nicht zugewanderten Ausländer/-innen definiert.[7] Die am 29. September 2010 vom Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz in Kraft getretene Verordnung zur Erhebung der Merkmale des Migrationshintergrundes (Migrationshintergrund-Erhebungsverordnung - MighEV) stellt im § 6, speziell für die örtlichen Agenturen für Arbeit, drei Merkmale für die Bestimmung eines Migrationshintergrundes auf. Demnach wird ein Migrationshintergrund wie folgt definiert:

„Ein Migrationshintergrund liegt vor, wenn 1. die Person nicht die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt oder 2. der Geburtsort der Person außerhalb der heutigen Grenzen der Bundesrepublik Deutschland liegt und eine Zuwanderung in das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland nach 1949 erfolgte oder 3. der Geburtsort mindestens eines Elternteiles der Person außerhalb der heutigen Grenzen der Bundesrepublik Deutschland liegt sowie eine Zuwanderung dieses Elternteiles in das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland nach 1949 erfolgte.“[8]

An dem vorangegangenen Zitat ist zu sehen, dass sich diese Definition nicht wesentlich von der des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge unterscheidet. Nach allen offiziellen Definitionen des Begriffs „Migrationshintergrund“ reicht eine Migrationserfahrung eines Elternteils aus, um als Person mit Migrationshintergrund klassifiziert zu werden. Der Migrationsstatus einer Person wird demzufolge nicht nur von der Staatsangehörigkeit, der Einbürgerung und der Migration selbst bestimmt, sondern wird ebenfalls deutlich von den genannten Eigenschaften der Eltern beeinflusst. Dies bedeutet also, dass auch in Deutschland geborene Deutsche durchaus einen Migrationshintergrund aufweisen, wenn diese als Kinder von den sogenannten Spätaussiedlern, ausländischen Eltern oder als Deutsche mit einseitigem Migrationshintergrund zur Welt kommen. Diese wiederum vererben ihren Migrationshintergrund nicht weiter, anders als bei Zugewanderten und in Deutschland geborenen Ausländer/-innen, deren Kinder und Enkel nach ausländerrechtlichen Vorschriften einen Migrationshintergrund besitzen.[9] Der Begriff „Person mit Migrationshintergrund“ ist demnach nicht automatisch mit dem Begriff „Ausländer“ gleichzusetzen.

2.2 Zahlen und Fakten zur Situation

Nach oben genannter Definition lebten Im Jahr 2005, 14,8 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in der BRD, was 17,9% der damaligen Gesamtbevölkerung ausmachte.[10] Durch Zuzug und Geburten ist die Zahl der Personen mit Migrationshintergrund um 1,18 Millionen gestiegen. Dabei ist die Bevölkerung ohne Migrationshintergrund um 1,34 Millionen zurückgegangen.[11] Bei einer momentanen Gesamtbevölkerung von rund 81,2 Millionen Menschen (Stand 2015), beträgt der Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland ca. 16,4 Millionen, was 20,3% der Bevölkerung ausmacht.[12] Der Anteil an Männern und Frauen ist dabei nahezu identisch. Während die Frauen mit rund 8,16 Millionen vertreten sind, liegt die Zahl der Männer nur knapp darüber, mit rund 8,23 Millionen.[13] Das Alter des Großteils der Menschen mit Migrationshintergrund liegt zwischen 25 und 55 Jahren. Das durchschnittliche Alter beträgt laut Statistischem Bundesamt 35,4 Jahre.[14]

Schaut man sich die Herkunftsländer dieser Personen an, zeigt sich, dass die meisten Menschen mit Migrationshintergrund aus der Türkei kommen, gefolgt vom Nahen und Mittleren Osten, Polen und der Russischen Föderation. In Nordamerika, Bosnien und Herzegowina und der Ukraine haben die wenigsten Personen ihre Wurzeln.[15] Regional betrachtet, leben in der BRD die meisten Menschen mit Migrationshintergrund in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg, knapp gefolgt von Bayern. Die wenigsten sind dagegen in Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Sachsen-Anhalt zu finden.[16] Dabei zeigt sich, dass die Größe eines Bundeslandes nicht mit der Anzahl dort lebender Personen mit Migrationshintergrund korreliert.

2.3 Befunde zu Migranten-Milieus

Gemeinsam mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, dem Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen, dem Deutschen Caritasverband und anderen Partnern, hat das Sinus-Institut eine sozialwissenschaftliche Untersuchung, die sogenannte Sinus-Studie, durchgeführt. Dabei wurde im Zeitraum von 2006 bis 2008 eine ethnografische Leitstudie zu den Lebenswelten von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland durchgeführt und repräsentativ in messbare Größen und Zahlenwerte umformuliert. Ziel der Untersuchung war es, die Lebenswelten und Lebensstile von Menschen mit unterschiedlichem Migrationshintergrund zum ersten Mal gesellschaftswissenschaftlich zu untersuchen, um so unverfälschte Daten über die Alltagswelt von Migranten, ihre Wertorientierungen, Lebensziele, Wünsche und Zukunftserwartungen zu erheben und zu verstehen.[17] Hierfür wurden über 100 Tiefeninterviews mit Personen verschiedenster Herkunft durchgeführt und ausgewertet. Das Geschlecht, das Alter und die Bildung der Probanden variierten ebenfalls. „Darauf aufbauend erfolgte eine Befragung von 2.072 Personen, repräsentativ für die definierte Grundgesamtheit ab 14 Jahren, mit dem Ziel einer Validierung und Strukturbeschreibung der in der Leitstudie identifizierten Migranten-Milieus.“[18]

Migranten-Milieus werden hier als „real existierende Teilkulturen in unserer Gesellschaft mit gemeinsamen Sinn- Kommunikationszusammenhängen in ihrer Alltagswelt“ definiert.[19] Sie bezeichnen somit Gruppen von Menschen, die ähnliche Grundorientierungen und Werte, einen ähnlichen Lebensstil und eine ähnliche soziale Lage aufweisen, sich also in Lebensauffassung und Lebensweise ähneln.[20]

Den Ergebnissen der Sinus-Studie nach, stellen Personen mit Migrationshintergrund keine soziokulturell homogene Gruppe dar, sondern leben in einer differenzierten Milieulandschaft. Es ergaben sich hierbei acht verschiedene Migranten-Milieus, die sich nach Lebensweisen, Wertorientierungen, Zukunftserwartungen und Lebenszielen unterscheiden.[21] Dabei bestimmt die Herkunftskultur der Migranten nicht ihre Milieuzugehörigkeit. Ebenfalls kann umgekehrt nicht vom Milieu auf die Herkunftskultur geschlossen werden.[22] Somit verbindet Menschen aus dem gleichen Milieu aber verschiedenem Migrationshintergrund mehr miteinander, als mit ihren Landsleuten aus anderen Milieus.[23] Auf die einzelnen Milieus soll hier, aufgrund des geringen Umfangs der Arbeit, nicht näher eigegangen werden. Zu sagen ist jedoch, dass sich vor allem in den weniger privilegierten Milieus und dem Religiös-verwurzelten Milieu Integrationsdefizite und Barrieren gegenüber kultureller Anpassung zeigen. Nichtsdestotrotz widerlegt die Sinus-Studie vorherrschende negativ behaftete Klischees gegenüber Einwanderern. So werden beispielsweise ihre Anpassungsleistung und ihre Etablierung in der Mitte der Gesellschaft sowie die Ressourcen an kulturellem Kapital meist unterschätzt. Ein oft überschätztes Merkmal ist jedoch der Einfluss religiöser Traditionen. 75% der Befragten zeigten eine deutliche Abneigung gegenüber fundamentalistischen Einstellungen.[24]

3 Die Situation an allgemeinbildenden Schulen – Befunde zur Bildungsbenachteiligung

Nachdem die allgemeine Situation von Personen mit Migrationshintergrund vorgestellt worden ist, soll nun besonders auf die Situation der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund an allgemeinbildenden Schulen eingegangen werden. Hierbei werden erneut wichtige Zahlen und Fakten vorgelegt. Bedeutende Bereiche sind dabei die Verteilung der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund auf die verschiedenen Schulformen der Sekundarstufe I, die erreichten Schulabschlüsse und die allgemeinen Schulleistungen dieser Schülerinnen und Schüler, verglichen mit Kindern und Jugendlichen ohne Migrationshintergrund. Anhand der daraus gewonnenen Erkenntnisse soll der Frage nachgegangen werden, ob eine Bildungsbenachteiligung bzw. Chancenungleichheit von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund im deutschen Schulsystem tatsächlich vorherrscht. Für den weiteren Verlauf muss jedoch zunächst kurz geklärt werden, was genau der Begriff der Bildungsbenachteiligung im Allgemeinen beinhaltet und wann offiziell von einer Bildungsungleichheit gesprochen werden kann.

3.1 Bildungsungleichheit – Definition

In der Literatur wird Bildungsungleichheit als das „Resultat aufeinanderfolgender Bildungsentscheidungen“ verstanden.[26] Die Bildungsforschung zeigt, dass die Übergänge und Schnittstellen in einem Bildungssystem Selektionsschwellen darstellen, die enormen Einfluss auf den weiteren Bildungsverlauf haben. Diese Schnittstellen strukturieren den Bildungsverlauf nicht nur, sondern sind außerdem auch schwer zu revidieren.[27] Als eine der wichtigsten Selektionsschwellen ist hier der Übergang von der Grundschule in die Sekundarstufe I zu nennen, bei dem die teils verbindlichen Lehrerempfehlungen massiv über den weiteren Bildungsverlauf der Kinder entscheiden. Bildungsungleichheit bezieht sich außerdem auch auf die sozialen Bedingungen und familiären Kontexte von Schülerinnen und Schülern und beschreibt den Zusammenhang zwischen dem sozioökonomischen Stand der Eltern und dem damit verbundenen Bildungserfolg der Kinder.[28]