Die Söhne der Winde - Gioacchino Criaco - E-Book

Die Söhne der Winde E-Book

Gioacchino Criaco

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Beschreibung

Die berührende Geschichte dreier Jungen und ihrer Mütter in der Mafiahochburg Kalabriens. Nicola, Filippo und Antonio wachsen im Kalabrien der 1960er-Jahre auf – umgeben von Heiligenlegenden und Aberglauben, fern jeder Moderne. In ihrem Dorf Africo herrschen Elend und Arbeitslosigkeit. Ihre Väter arbeiten in Deutschland. Die Mütter versuchen als Tagelöhnerinnen in den Jasminfeldern ihre Kinder sattzubekommen. Alleingelassen vom Staat, ausgebeutet von den Besitzern und gegängelt von der Mafia, proben die Frauen den Aufstand, während die Söhne das schnelle Geld suchen und in die Kriminalität abdriften.

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Seitenzahl: 536

Veröffentlichungsjahr: 2019

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GIOACCHINO CRIACO

DIE SÖHNEDER WINDE

ROMAN

Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl

INHALT

TEIL EINS

Die Söhne des Windes

I. Africo

II. Zephyr

III. Bruschiu

TEIL ZWEI

Auf den Flügeln des Kuckucks

Die Kinder des Schattens

TEIL DREI

Die Erinnerung der Schildkröte

Die Jungs der Aurora

Den wunderbaren kalabrischen Müttern gewidmet,

die Märchen erfanden, um uns vor dem Bösen zu schützen,

auch wenn es ihnen nicht immer gelungen ist, doch sie haben unser

Leben mit Zärtlichkeit erfüllt.

Den kalabrischen Müttern gewidmet, den Jasminmüttern.

Den Söhnen der Revolution des Aspromonte gewidmet,

die die noblen Gesetze der Berge befolgten.

Papula und seiner Familie gewidmet,

Rocco Palamara.

Und all jenen, die für eine bessere Welt alles aufs Spiel gesetzt haben.

TEIL EINS

Die Söhne des Windes

Der Wind zerstört Menschenleben nicht,er bläst sie aber von einem Ort zum anderen.

I.

Africo

Er kommt sanft mit heißem Atem, wie der perfekte Liebhaber überwindet er die Festung des Herzens. Sie ergibt sich der Leidenschaft, die ihr zartes Leben im Schoß einer großen Mutter verwandelt. Und liebevoll kehrt er immer wieder, um seine Kinder in den Bergen zu wärmen und die Beleidigungen des Meeres und die Schmähungen des Sumpfes von ihnen zu wischen.

Das Wunder des hl. Sebastian war der Höhepunkt des Jahres, wenn nicht gar des ganzen Lebens, das Außergewöhnliche schlechthin, das Außergewöhnlichste, was man je zu sehen bekam, nicht einmal bei den Filmvorführungen im Pfarrsaal bekam man so etwas zu sehen, dabei sah man alles Mögliche in den Western, den Kung-Fu- oder den Römerfilmen.

Ich befahl mir, mich zu konzentrieren. „Wir wollen keine Herren, wir nehmen uns, was uns zusteht, wir müssen nicht darum bitten.“ Die Stimme hallte wider, blähte sich auf wie eine gewaltige Kaugummiblase, tönte über die Piazza und lenkte die alte Lupa von ihren Waren ab; deshalb ging Filippo an ihr vorbei, tauchte unter dem Stand durch und hinter ihr wieder auf, schaute sie kurz an, schnappte sich ein Säckchen und warf es uns zu. Eine weiche Wurfparabel, Antonio fing es auf, feixte, zeigte es mir – leider nur geröstete Kichererbsen, die mochten wir nicht so sehr, aber besser als nichts.

Noch ein Blick, noch ein Wurf, ich fing das zweite Säckchen – gute Haselnüsse –, reichte es Antonio und er steckte es in die Plastiktüte, die er hinter sich am Boden versteckte.

So ging es weiter, Lupa starrte den Redner an und Filippo packte wieder ein Säckchen und warf es uns zu; als ich die nzudda, meine bevorzugte Beute, betastete, lief mir das Wasser im Mund zusammen; sie hatte die Form eines Fisches, den ich einmal in einem Schulbuch gesehen hatte, an dessen Namen ich mich jedoch nicht erinnerte, sie hatte einen breiten Schwanz, und auf ihrem Rücken wuchs eine gewellte Flosse, ihre Ohren sahen aus wie die eines Menschen und an gewissen Stellen befand sich blaue und goldene Alufolie. Ich stellte mir vor: Ich werde in ihren Kopf beißen und dabei Honig und Anis schmecken, die man dem Mehl beigemengt hat; dann in den Schwanz, und dabei war mir, als würde ich den harten Teig mit den Zähnen mahlen. „Sie müssen uns Straßen bauen, einen Bahnhof … Sie müssen uns hier bei uns zu Hause Arbeit geben“, sagte die Stimme ins Mikrofon. Filippo warf uns jetzt nichts Essbares, sondern eine Kunststoffpuppe zu, „Bulle“, sagte ich tonlos und drückte sie, ohne sie Antonio weiterzureichen. Ich drehte mich zu der Stimme um: Der Redner war ein junger Mann, er trug einen leuchtend roten Pullover unter einer schwarzen Lederjacke; er stand auf der Bühne, die man mitten auf der Piazza aufgebaut hatte; am Abend würden die muttettari sie erklimmen und zu Ehren des hl. Sebastian Tarantella spielen. Drei Typen neben und hinter ihm rangelten mit ein paar Jungen, die die Hände nach dem Mikrofon ausstreckten, wahrscheinlich wollten sie ihn zum Schweigen bringen, doch es gelang ihnen nicht. „Wir haben die Ketten abgeworfen, mit denen man uns jahrhundertelang gefesselt hat, und werden sie uns nicht mehr anlegen lassen. Freiheit oder Tod, oder besser gesagt, uns die Freiheit und den Unterdrückern und ihren Knechten den Tod!“

Er sprach im Dialekt des Dorfes, doch ich kannte ihn nicht; seine Worte klangen richtig, erregten mich, allmählich fand ich Gefallen an ihm. „Das Dorf gehört uns, wir müssen das Land rundherum in Besitz nehmen, diese Welt gehört uns genauso wie die Piazza. Jeder ist sein eigener Herr, wir sind alle eine große Familie. Gemeinsam haben wir jahrhundertelang gekämpft, wir haben überlebt … Doch sie wollen uns spalten, um uns zu besiegen und uns die Freiheit zu nehmen. Aber wir sind Brüder, in uns fließt ein und dasselbe Blut, das Blut der Unterdrückten. Wir haben uns nie als Sklaven gefühlt, wir haben in den Bergen gekämpft und lassen uns am Meer nicht beugen. Wir sind gleich unter Gleichen, unsereins hat nie einen König gehabt, wir haben nur akzeptiert, von den Besten geführt zu werden, von jenen, die aufgrund ihrer natürlichen Gaben die Besten sind, und nicht aufgrund von Blutschwüren.“

Mein Hirn rauchte vor Anstrengung, ihn zu verstehen – aber wen kümmerte, was er sagen wollte, es war einfach schön, ihm zuzuhören. Lupa starrte ihn ununterbrochen an, Filippo hörte auf, uns Sachen zuzuwerfen, Antonio hatte das Säckchen hinter seinen Beinen vergessen, es war umgefallen und ein Teil der Beute quoll heraus. Die Männer legten die Karten auf den Tisch und die Jungs unterbrachen ihre Spiele. Sogar die, die versucht hatten, ihn zum Schweigen zu bringen, starrten ihn an, fuchtelten nicht mehr herum, sondern hatten die Arme verschränkt.

Die Leute auf der Piazza verharrten still, so aufmerksam wie in der Kirche bei der Predigt für einen zu jung Verstorbenen.

Der junge Mann schwieg plötzlich, blickte sich um, warf einen verwunderten Blick um sich, der in der unbeweglichen Luft hängen blieb, auch sie war so still wie ein schuldbewusstes Kind in Erwartung der Strafe. Er drehte sich um, lief flink zur Treppe und verschwand hinter der Bühne.

„Dieb!“ Ein Ruf wurde laut, die Brustkörbe schwollen an, wir atmeten im Gleichtakt ein und aus. Aufs Neue der Ruf. „Dieb!“ Der Ruf wurde lauter, meine Augen erblickten den Schreihals, nagelten ihn fest – es war Lupas Sohn, er blickte mich wütend an. „Verdammt“, sagte ich, während sein Arm und sein Blick anklagend auf mich zeigten. Ich war der Dieb, denn ich drückte eine Kunststoffpuppe in einem gelben Badeanzug an die Brust. Ich hatte gerade noch Zeit, um zu sehen, wie Filippo sich unter dem Stand zusammenkauerte und Antonio nach hinten austrat, um die Tüte mit dem Beweis seiner Schuld zwischen den Beinen einer Gruppe von Jungs verschwinden zu lassen.

Ich warf die Puppe Lupas Tochter zu, die die Arme sinken ließ und zu Boden blickte, um sie aufzufangen, dann drehte ich mich um, um davonzulaufen, doch etwas packte mich an der Kehle; die Finger eines Mannes legten sich um meinen Hals, es war Lupas zweiter Sohn. „Dieb“, zischte auch er. „Verdammt“, stieß ich zwischen den Zähnen hervor, aber das Schimpfwort galt nicht ihm. „Verdammt“ war der junge Mann auf der Bühne: Er hatte mich zuerst abgelenkt und dann ganz plötzlich zu sprechen aufgehört.

Seit unserer Kindheit spielten wir Lupa und ihren Wachhunden bei jedem der drei Patronatsfeste des Dorfes diesen Streich: im Januar, im Mai und im August. Es war eine Tradition, und diesmal würde es das letzte Mal sein, denn wir waren schon zu erwachsen. Man hatte uns noch nie geschnappt; im Nachhinein wurde der Schaden bestimmt bemerkt; doch man hatte uns noch nie in flagranti erwischt.

Er drückte fester. „Aua, hör auf“, wollte ich zu ihm sagen, „erwürge mich nicht, du Hund“, aber es gelang mir nicht, der Wachhund triumphierte, er näherte sein Gesicht dem meinen, blies mir seinen nach Geifer und Bier stinkenden Atem ins Gesicht. Hilfe, hätte ich am liebsten geschrien. Jemand musste mich retten, aber ich schämte mich auch dafür, ein Dieb zu sein. Filippo warf sich auf den Wachhund, der schubste ihn mit der Schulter weg, lockerte jedoch den Griff. Ich atmete tief ein, die Kraft kehrte zurück, ich trat blind um mich und erwischte ihn an irgendeiner Stelle. „Dieb!“ Da war auch schon der zweite Wachhund und hielt mich am Handgelenk fest.

„Hoho“, protestierten die Jungs rund um uns. „Er hat uns lange bestohlen. Jetzt bezahlt er ein für alle Mal“, sagte einer der Wachhunde herausfordernd. „Lasst ihn los, lasst ihn in Ruhe“, schrien die Jungs. Der Wachhund, der mich am Hals hielt, lockerte den Griff, doch ich hatte keine Zeit, mich darüber zu freuen, denn er packte mich am Ohr und zog mich hoch.

Ich weinte nicht, die Tränen waren mir aus Wut in die Augen getreten. Und dann sah ich hinter dem Tränenschleier einen roten Pullover, zwei Hände zerrten Lupas Söhne weg. „Was erlaubt ihr euch.“ Es war die Stimme des jungen Mannes, der davor auf der Bühne gesprochen hatte.

„Er hat uns bestohlen“, sagte der eine.

„Bestohlen, bestohlen … Du bist nicht von hier und erhebst die Hände trotzdem gegen einen aus dem Dorf. Warum erlaubst du dir das, wer zum Teufel bist du?“

„Wer bist du denn?“, sagte einer der Wachhunde und streckte den Arm über die Schulter meines Beschützers aus, um mich zu packen. Seine Nägel kratzten über mein Gesicht.

„Arschloch“, schrie ich. Der junge Mann mit dem roten Pullover reagierte blitzschnell, Lupas Sohn bemerkte nicht einmal, dass er einen Schlag mitten ins Gesicht bekam – ein trockenes Geräusch, bei dem alle innehielten. Ich war der Erste, der wieder zu sich kam, stürzte mich auf meinen Folterknecht und gab ihm einen heftigen Tritt gegen das Schienbein. In Zeitlupe beugte er sich nach vorne, doch dann setzte es einen Schlag auf den Hals und er krachte zu Boden.

„Es reicht, er hat ja nur ein paar Nüsse gestohlen.“ Nachdem Lupa ihrem älteren Sohn einen Schlag versetzt hatte, wollte sie jetzt dem anderen eine Ohrfeige geben, doch der duckte sich gerade noch rechtzeitig weg. „Komm mit.“ Sie packte mich an der Hand und zog mich zum Stand, betastete ihren Körper, zog eine grüne Tüte hervor und drückte sie mir in die Hand. „Füll sie mit allem, was du willst.“

Ich wollte nur noch weg, mich im Dunkeln auf mein Bett legen. Ich fühlte mich von Blicken durchbohrt, ich war drauf und dran, die Tüte wegzuwerfen und davonzulaufen, doch Filippo kam zu mir und tauchte die Hände in die nzudde auf Lupas Stand, und dann kam auch Antonio und machte dasselbe – im Nu hatten sie die Tüte gefüllt.

Auch der mit dem roten Pullover schnappte sich Säckchen und warf sie den Umstehenden zu. „Esst euch satt“, sagte er, „die Gevatterin ist großzügig.“

Lupa lächelte, offenbar höchst zufrieden, in ihrem aufgerissenen Mund glänzten Schneidezähne aus Stahl: ganz und gar nicht die Hyäne, die für gewöhnlich ihren Besitz verteidigte. Ihre Söhne hingegen konnten ihre Wut nicht unterdrücken, ihre Gesichter waren dunkelrot, kurz vor dem Explodieren, doch alle aus dem Dorf umringten den Stand.

Ich wollte nicht mehr davonlaufen, ich biss in die nzudda, die Filippo mir in den Mund steckte, und auch die Wut verschwand.

Der junge Mann mit dem roten Pullover und der Lederjacke ging weg und die Jungs folgten ihm, er blieb vor einem anderen Stand stehen und warf den Umstehenden Säckchen und Kekse zu. Nach ein paar Schritten blieb er wieder stehen – jetzt herrschte wirklich Feststimmung.

Keiner der Besitzer beschwerte sich; sie würden den Verlust bald ersetzt haben. Sie kamen alle von auswärts, dreimal im Jahr kamen sie ins Dorf, um Geschäfte zu machen: Sie lächelten wie die Lupa, die ihren Stand verlassen hatte und mit uns herumging; freudig forderte sie uns zum Plündern auf; vielleicht war es ein Fehler gewesen, sie immer als Erste aufs Korn zu nehmen.

Als auf der Bühne Ziehharmonikas und Tamburelli spielten, hatten wir Jungs volle Bäuche und unser Mund war mit Kichererbsen, Erdnüssen und nzudde verklebt, wir konnten gar nicht alles runterschlucken. Grüppchenweise stellten wir uns vor den Getränkekiosken an, wer ein paar Münzen in der Tasche hatte, teilte sich eine Limonade mit den anderen. Die Getränke mussten bezahlt werden, die Besitzer der anderen Stände kamen von auswärts, doch nur Dorfbewohner durften Getränke verkaufen – ohne Geld konnte man den Durst nur bei den Brunnen auf der Piazza stillen.

Das Fest dauerte bis in die Morgenstunden, die Jugendlichen und Kinder durften aufbleiben, so lange sie wollten – nach der Pause des Dreikönigsfests wurde nun aufs Neue gefeiert, es dominierten wieder weihnachtliche Farben und Geschmäcker: Krapfen mit Sardinen, Schollen mit Nüssen, Mandeln und Honig.

Die Erwachsenen, vor allem die Alten, schluckten die Vorwürfe runter, und wir Jungs liefen durchs Dorf, wo auf jedem Platz Feuer brannten, mit Betrunkenen rundherum, die nicht ins Bett gehen wollten oder es auch gar nicht mehr dorthin schafften, die nur mehr die Zunge gut bewegen konnten, mit der sie wahre oder erfundene Geschichten über das Dorf und seine Bewohner erzählten: durchgeschnittene Gurgeln und Tragödien, die einem den Schlaf raubten, Geschichten über Verschwender und Betrogene, bei denen man Tränen lachte, und schmutzige Geschichten über sündige Weiber, die wir eigentlich gar nicht hätten hören dürfen, ohne sie dem Pfarrer zu beichten. Schöne Märchen und geheimnisvolle Geschichten, die bei jedem Fest aufs Neue erzählt wurden, um der Vergangenheit zu gedenken.

Filippo, Antonio und ich ergaben uns erst im Morgengrauen dem Schlaf, als silberne Wolken den Himmel bedeckten und eine Kälte wie in den Nächten der weihnachtlichen Novenen herrschte. Am 18., 19. und 20. Januar schwänzten die Schüler die Schule, es nützte nichts, dass Direktoren und Lehrer Jahr für Jahr drohten, uns durchfallen zu lassen oder hart zu bestrafen – gewisse Bräuche gab man nicht auf, „nicht mal wenn die Präsidenten mit der Ehrengarde kommen“, wie die Alten sagten.

Vor dem Haus stand meine Mutter, sie fachte das Feuer im Kohlenbecken an, um meinen Schwestern im Haus etwas Wärme zu bringen, sie hob den Sperrholzfächer, legte ihn sich auf den Kopf und zeigte auf die Tüte in meiner Hand: mein Anteil, Lupas Gaben und das, was wir ihr geklaut hatten.

Ich nahm eine nzudda und reichte sie ihr, mit gesenktem Blick, um dem ihren auszuweichen: „Wo hast du das her, Nì?“

„Die Lupa ist heuer verrückt geworden und hat alle beschenkt.“

„Sie muss wirklich verrückt sein, wenn sie alle mit vollen Tüten nach Hause geschickt hat, wie bei der Firmung.“

„Stell dir vor, Mama, danach haben die Verkäufer an den anderen Ständen auch …“

Ich brach die Erklärung ab, es wäre zu umständlich gewesen.

Mama wiegte den Kopf und lächelte mich halbherzig an, streckte die Hand aus, und ich legte einen Keks auf die von der Kohle geschwärzte Handfläche. Sie riss den Mund auf, steckte ihn zwischen die strahlend weißen Zähne, schnalzte mit der Zunge, ein seltsamer Laut, auf den ein Winseln folgte, sie gab mir eine Art Klaps auf den Nacken. „Los, geh schlafen. Und bete zum hl. Bastian, er möge dir verzeihen.“

Ich legte die Tüte auf den Tisch, zog mich aus und schlüpfte in den Verschlag, den man mir mit einer Stoffbahn am Flur errichtet hatte, darin befanden sich ein Bett, ein Sessel, ein Tisch und ein kleiner Schrank. Alles war still, meine beiden Schwestern kuschelten sich im Schlafzimmer, im Ehebett meiner Eltern, wohl unter die Decken. Mein Vater war ohnehin nicht da, er war in Deutschland, wie der Großteil der Väter und Brüder aus dem Dorf. Er baute Autos in Wolfsburg und diese Autos wurden in der ganzen Welt verkauft. Das letzte Mal war er zu Weihnachten vor zwei Jahren nach Hause gekommen, er hatte meine Schwestern aus dem Ehebett vertrieben, war zwanzig Tage bei uns geblieben, und als er wieder abreiste, hatte er eine fast volle Flasche Rasierwasser und ein weißes Taschentuch mit dunkel- und hellblauen Streifen zurückgelassen, es steckte in der Innentasche seines Hochzeitsanzuges im Schrank und darin befand sich ein neues, fettes Bündel Geldscheine, um die Schulden, die sich in den zwei Jahren zuvor angehäuft hatten, zurückzuzahlen; hin und wieder öffnete ich den Schrank, rollte die Geldscheine aus, atmete den Geruch von Alkohol und Obst ein, den sie verströmten, und betrachtete den bärtigen Mann im weißen, rosa umrandeten Oval.

Gähnend schlüpfte ich in den Pyjama, zog die Socken aus und die Bettsocken aus grober Wolle an, die mir eine Nachbarin gestrickt hatte, und schlüpfte vorsichtig unter die Decke. Die Kälte vertrieb den Gedanken an den alten Mann auf den Geldscheinen, ich atmete aus, die Luft wurde wärmer, die Augen fielen mir zu und in der Dunkelheit zog so schnell wie ein Gewitter der Zauber auf, der im Stall von Don Santoro Motta, dem Helfer des Heiligen, einen wilden Stier in ein zahmes, weißes Lamm verwandeln würde. Wenn der Plan, den ich mit meinen Gefährten ausgeheckt hatte, funktionierte, würde ich dem Geheimnis am nächsten Tag auf den Grund gehen, im Augenblick verwandelte sich die Aufregung allerdings in etwas anderes, das mich immer öfter erwärmte, obwohl es mitten im Winter war.

Meine Mutter weckte mich am frühen Nachmittag und drückte mir eine Tasse dampfender Milch in die Hand, die nach karamellisiertem Zucker duftete. „Ich mache Wasser heiß, damit du dich waschen kannst“, sagte sie sanft. „Nein, lieber morgen“, sagte ich abwehrend. „Was heißt hier morgen, es ist schon fast eine Woche her! Entweder wäschst du dich oder ich übergieße dich mit heißem Wasser, sobald du angezogen bist. Das schwöre ich dir bei allen Wunden des hl. Sebastian“, sagte sie nunmehr drohend; ich wusste, sie würde die Drohung wahr machen, also ließ ich die Decke von den Schultern fallen, trank die Milch und wartete darauf, dass sie mich rief. Als sie das Wasser für heiß genug hielt, kam sie, in eine Dampfwolke gehüllt, mit einem großen Topf zu mir. „Komm“, befahl sie, nun wieder sanft. Ich stand auf, trippelte auf Zehenspitzen über die eiskalten Betonfliesen; im Bad hüpfte ich vor Kälte im Kreis, während Mama das Wasser in eine Zinkbadewanne leerte; dann leerte sie kaltes Wasser dazu, wobei sie die Temperatur immer wieder mit der Hand prüfte. „Los“, befahl sie und zeigte mit dem Kopf zur Wanne, in der sie für gewöhnlich die Wäsche wusch. „Ich mache es schon selbst, Mama.“ „Zieh dich aus und hinein mit dir.“ Ich zog mein Leibchen, die Pyjamahose und die Bettsocken aus und stieg in der Unterhose hinein. „Runter damit“, befahl sie, zog mir die Hose von hinten runter und ich bedeckte mich vorne mit den Händen. „Runter“, wiederholte sie und ich ging in die Knie. „Das ist kalt!“, schrie ich, sobald sie mich mit dem ersten Schöpflöffel Wasser übergoss. „Seife dich ein!“, sagte sie und drückte mir ein Stück Seife in die Hand; ich seifte mit der rechten Hand zuerst die linke Körperhälfte ein, dann mit der linken die rechte. „Hier auch“, sagte sie ungeduldig, seifte meinen Hals und darunter und dann den Spalt zwischen meinen Hinterbacken und zwischen den Beinen ein. „Wasch dir deinen Pimmel“, und während ich gehorchte, legte sie mir die flache Hand auf den Rücken, glitt zärtlich über meine Schultern und fuhr mir durch die Haare. „Wie sieht’s mit den Läusen aus?“ Sie lachte.

„Weißarsch! Weißarsch!“ Meine Schwestern, die Nervensägen, hatten sich den richtigen Augenblick ausgesucht, um ins Bad zu kommen. „Dein Hintern ist wirklich schneeweiß, Nicoletto“, mischte auch meine Mutter sich ein. Ich machte gute Miene zum bösen Spiel, tat, als würde ich mich ärgern. „Das mache ich selbst“, sagte ich und riss meiner Mutter den Topf aus der Hand, aus dem sie gerade Wasser über mich gießen wollte, dabei drehte ich mich jedoch um und stand splitterfasernackt da. „Schaumpimmel“, schrie Teresa, die ältere meiner Schwestern. Ich bespritzte alle drei mit Wasser, sie ergriffen die Flucht. Ich sprang aus der Wanne und sperrte sie aus. „Ich spüle mich selbst ab, lasst mich in Ruhe.“

Ich setzte mich jedoch nicht wieder in die Wanne, sondern stellte mich mit den Füßen in den Zuber; ich füllte den Topf und schüttete mir Wasser über den Kopf; das Wasser tropfte ab und rund um meine Füße bildete sich eine körnige, seifig-graue Lacke. Ich trocknete mich mit dem großen, roten Handtuch aus rauem Leinen ab, das Mama an den Nagel neben der Tür gehängt hatte. Ich öffnete sie vorsichtig. Niemand war zu sehen. Der Stuhl mit den sauberen Kleidern stand an der üblichen Stelle, ich machte die Tür einen Spaltbreit auf, um ihn hereinzuziehen; mit einer Hand hielt ich das Handtuch und mit der anderen zog ich ihn näher. Meine Schwestern kamen gelaufen, aber zu spät, der Stuhl war in Sicherheit und ich schlug ihnen die Tür vor der Nase zu.

„Ihr dummen Weiber, gleich komme ich und verdresche euch“, schrie ich drohend. Doch dann sah ich, wie sie auf meinem Bett saßen und an einem Stück nzudda knabberten, das Lupa mir geschenkt hatte. Selig und unschuldig. Ich brachte es nicht übers Herz, mit ihnen zu schimpfen, außerdem fühlte ich mich prächtig, ich war sauber und meine Kleider dufteten, ich wusste nicht, wie meine Mutter diesen Duft bewerkstelligte. Die selbstgemachte Seife aus Schweinefett und Natron stank nach Bleichmittel; doch die Kleider, die sie wusch, dufteten nach Orangen und Zitronen, keine Ahnung, wo sie dieses Parfüm versteckte. Das war eines ihrer vielen Geheimnisse.

Mama tauchte aus der Küche auf. „Pasta mit Sugo oder mit Kartoffeln?“ „Mit Kartoffeln!“, antwortete ich, beinahe brüllend. Sie zog sich wieder hinter den Vorhang mit den gelben Blumen zurück. Beim Gedanken an Pasta mit Sugo stieg mir der saure Geschmack von Tomatenkonzentrat in die Kehle; in einem halbvollen Wassertopf wurden dafür zwei Löffel einer rotbraunen Paste aufgelöst, damit wurde das sogenannte „falsche Sugo“ zubereitet, eine Imitation von Tomatensauce, die vielmehr an den Geschmack der Tablette erinnerte, die man kauen musste, um den Bandwurm loszuwerden, wääh, das aß ich lieber nicht. „Pasta mit Kartoffeln ist mir tausendmal lieber.“

Die rughe, die Wohnviertel, bestanden aus zwei u-förmigen Wohnblocks, die sich Fuß an Fuß gegenüberstanden. Sechzehn Wohnungen für sechzehn Familien, egal, ob diese aus einer Person oder aus zehn Personen bestanden – jede Wohnung hatte zwei Zimmer, eine kleine Küche und ein Bad. Wenn es windstill war, roch es in den Straßen nach falschem Sugo, der Geruch waberte vor den Häusern – die Mütter hätten lieber Pasta ohne Zutaten kochen und sich eingestehen sollen, dass es keine Sauce gab.

Pasta mit Kartoffeln hingegen schmeckte mir, am liebsten aß ich sie aufgewärmt, wenn der untere Teil am Aluminiumboden eine Kruste gebildet hatte. Mama bereitete sie mit zwei klein geschnittenen Kartoffeln, einer Selleriestaude, einer ganzen verkochten Zwiebel und etwas Petersilie zu, dann fügte sie die zerbrochenen Linguine hinzu, aufgrund eines Tricks schmeckten sie süß, was ich bei anderen Teigwaren gar nicht so sehr mochte. Wenn man noch etwas gesalzenen Ricotta darüber rieb, war das ein wahrer Leckerbissen.

Heute war ein Glückstag, Mama stellte mir einen randvollen Teller hin, in dessen Mitte sich sogar ein Häufchen Ricotta befand. Ich aß allein, denn die anderen hatten schon gegessen; sie öffnete die Tür, „Kommt ja nicht heraus, hier ist es eiskalt“, sagte sie zu meinen Schwestern, die noch immer auf meinem Bett saßen und an der nzudda knabberten; dann trug sie das Kohlenbecken hinaus, in dem mittlerweile nur noch Asche war.

Seelenruhig aß ich meine Pasta mit Kartoffeln auf, stellte den Teller in die Spüle und holte mir das Rasierwasser meines Vaters, das Mama unter der Wäsche in der Truhe neben dem Ehebett versteckte. Ich goss mir einen Tropfen auf den Finger und betupfte damit vorsichtig den Hals, aus Angst, es könne auf der Haut brennen. Dann ging ich schnell an meinen Schwestern vorbei, damit sie das Rasierwasser nicht rochen, und draußen hielt ich mich von meiner Mutter fern, die das Feuer im Kohlenbecken anfachte. Aber ihr konnte ich nichts vormachen, sie hob den Kopf und sog die Luft ein: „Du Dummkopf, warte nur, bis er zurückkommt“, sagte sie drohend, doch ich war schon so weit weg, dass mich der Fächer, den sie nach mir warf, nicht traf.

Ich kam nicht weit, auf der Straße zur Piazza, vor dem benachbarten Wohnblock, stand Antonio, umringt von einer Schar Jungs. Er sprach leise und die Jungs drängten sich zusammen, um ihn zu verstehen. Ich schubste sie weg und ging zu ihm hin. „Sie müssen alle gleichzeitig explodieren“, hörte ich gerade noch.

Das war wieder eine seiner teuflischen Ideen: Er organisierte die Diebstähle an den Ständen während der Patronatsfeste, und es war auch seine Idee gewesen, die Lkws mit den Getränken und dem Speiseeis zu überfallen, die die Läden im Dorf belieferten. Wenn es darum ging, etwas zu tun, was man lieber nicht hätte tun sollen, war er immer zur Stelle.

Dieses Jahr hatte er sich etwas Besonderes einfallen lassen: Durch ein dichtes Gebüsch würden wir zur Rückseite von Don Santoro Mottas Stall vordringen. Bei dem Gedanken, wie wir durch das Loch in der Wand spähen würden, wurde mir heiß; ich hob Pullover und Leibchen, damit die Kälte mir den Bauch kühlte.

Antonio bemerkte mich, zwinkerte mir zu, vielleicht wusste er, woran ich dachte, ich war mir sogar sicher, dass ich es ihm nicht verbergen und er meine Gedanken lesen konnte; er tat jedoch, als ob nichts wäre und sprach leise weiter: „Tut so, als ob ihr frieren würdet, geht zu den Kohlenbecken und reibt euch die Hände … Sobald ihr die ersten Böllerschüsse hört, werft ihr die Kracher ins Feuer, aber auf jeden Fall gleichzeitig. Und jetzt geht“, befahl er und verteilte Papierstreifen mit Dutzenden Krachern, deren Lunten miteinander verbunden waren. „Geht in jeden einzelnen Wohnblock und sagt es allen, gebt jedem einen Streifen“, fuhr er fort. „Wer fängt an?“, fragte einer. „Wir“, beteuerte Antonio, und er sah mich und Filippo an, der gerade gähnend kam und sich die Augen rieb, er wusste noch nichts von dem Plan.

Während die anderen wegliefen, zeigte Antonio auf Filippo und der verstand augenblicklich. „Was soll ich tun?“, fragte er wie immer.

Ich folgte Antonio und ging dabei an Mama vorbei, die sich über das Kohlenbecken beugte und das Feuer anfachte: Die großen Brüste beulten den Pullover aus, am Hals blitzte weiße Haut auf. Neben ihr standen zwei Jungs aus der Gruppe, die davor Antonio umringt hatte, ich begriff, was sie anstarrten – was auch ich angestarrt hätte, wenn sie nicht meine Mutter gewesen wäre –, und ich wusste auch, was sie gleich machen würden. Wieder stieg Hitze aus meinem Bauch auf, erreichte die Gurgel und kühlte in der eiskalten Luft ab. „Gehen wir“, forderte mich Antonio auf, und diesmal stieg Erregung hoch, die Kälte konnte sie nicht kühlen, sie stieg mir zu Kopf.

Wir gelangten auf den Hof des benachbarten Wohnblocks: Es gab nur noch ein freies Kohlenbecken, bei den anderen vor den jeweiligen Wohnungen standen schon die Jungs, die Antonios Anweisungen wortwörtlich befolgten.

Um diese Uhrzeit wurde in den Kohlenbecken Feuer entfacht, um während des Abendessens etwas Wärme abzugeben. Die Hausfrauen legten große Kohlestücke hinein, die man aus der Rinde der Eichen in den Bergen gewann. Das Schicksal hatte uns kein ideales Opfer zugewiesen, es fachte gutgelaunt und zufrieden das Feuer an, die Kohle glühte dunkelrot, gleich würde es bereit sein. Antonio reichte Filippo den Streifen mit den Krachern. „Signora Mela“, fragte ich, um sie abzulenken, „gehen Sie heute nicht auf die Piazza zum Fest?“

„Nein, mein Sohn, nicht bei dieser Kälte. Morgen in der Früh gehe ich bei der Prozession mit, um dem hl. Bastian dafür zu danken, dass er wegen unseres Elends Blut weint“, antwortete sie, und der Kropf unter ihrem Kinn wackelte. Filippo warf die Kracher ins Feuer und die Kohle flog gemeinsam mit einem Haufen Funken in die Luft, es krachte und prasselte. „Ihr Hurensöhne“, fluchte Signora Mela, und der Kropf verwandelte sich in eine verrückt gewordene, bedrohliche Kugel, im ganzen Viertel knallte und knatterte es, und gleich darauf folgten die vulgären Schimpfworte der Frauen, die zusehen mussten, wie die Wärme, die eigentlich für ihre feuchten Wohnungen bestimmt war, auf der Straße verpuffte.

Die Fächer kamen geflogen, ich lief davon, legte mir schützend die Hände auf den Kopf und lief gemeinsam mit einer Gruppe Jungs zur Piazza hinunter. Ich sah meine Mutter: Sie versuchte, ein paar glühende Kohlen zu erhaschen; als sie mich sah, schrie sie, „Das wirst du mir büßen“, mehr verstand ich jedoch nicht, denn im Wohnblock gegenüber explodierten noch immer die Kracher, weitere Jungs kamen schreiend gelaufen, und die Frauen schimpften in allen Tönen. Schimpfworte und Kracher verfolgten uns, bis wir den zweiten und dann den letzten Wohnblock erreicht hatten, dann brachten wir uns auf der Piazza in Sicherheit. Ein paar Frauen, die uns nachgelaufen waren, blieben am Rand stehen und riefen uns letzte Schimpfworte nach, dann kamen noch welche, eine mit einer Feuerschaufel in der Hand durchbrach den Kreis. Ich und Filippo rannten hinter Antonio her, wir gelangten zu einer anderen Straße, auch hier liefen die Frauen fuchsteufelswild auf und ab, und sogar von hier aus strömten ein paar auf die Piazza. Wir versuchten es woanders, auch hier schreiende Frauen. Wir wurden zu einem Kommando im Kreis laufender Jungs – alle Fluchtwege waren versperrt, wir saßen in der Falle.

Die Frauen hatten schnell gehandelt, sie hatten sich organisiert, ein paar von ihnen kontrollierten die Ausgänge, die anderen liefen mit den Besenstielen in der Hand in der Mitte herum. „In die Kirche“, befahl Antonio, rannte los und wir folgten ihm. Inzwischen waren viele Frauen auf der Piazza, man konnte ihnen nicht ausweichen, auf dem Weg in die Kirche fingen sie uns ab und verdroschen uns blindlings mit dem Besenstiel. Zum Glück bekam ich die Schläge nicht direkt ab. Jeder lief, so schnell er konnte, die Kirchentreppe versprach Rettung, doch auf dem Kirchplatz folgte die Enttäuschung – ein Dutzend Frauen vor dem Eingang, die Reihen dicht geschlossen.

Ich blieb gerade noch rechtzeitig stehen, um nicht in die Schusslinie zu geraten, doch das gelang nicht allen, sie wurden von denen hinter ihnen geschubst, landeten in den Armen der Frauen und bekamen die Kehrseite der Schöpflöffel, Schaufeln und Besen zu spüren. Unser Zusammenhalt zerbröselte, jeder dachte nur an sich, nur ich und Filippo blieben bei Antonio, wir liefen ihm nach, doch dann traf mich eine Schaufel am Hintern, und mir entfuhr ein Schrei und alle Luft entwich meiner Lunge.

Wir schlüpften zwischen die Tische bei einem Getränkestand, wo Männer Karten spielten, hierher würden sich die Frauen bestimmt nicht trauen, schade, dass wir nicht früher daran gedacht hatten. Auch andere Jungs waren darauf gekommen, dass das eine sichere Zuflucht war, wir scharten uns hinter den Kartenspielern, die abgegriffene Spielkarten in der Hand hielten. Wegen des Andrangs begannen sie nervös zu flüstern. Die Stände neben dem unseren wurden eingekreist, wie Indianer aus Westernfilmen schlichen die Frauen um uns herum, um den Wagenkreis zu durchbrechen, der die Karawane beschützte. Nach einer Weile begriffen die Männer, worum es ging, und da sie sich unter den giftigen Blicken der Frauen nicht konzentrieren konnten, hörten sie auf zu spielen, fragten uns, was geschehen war, und lachten die Frauen lauthals aus; sie stellten sich vor, wie vor den Wohnblocks die Kohlestücke in die Luft geflogen waren. Es ergab sich ein Wortwechsel: Die Frauen verlangten unsere Herausgabe, die anderen verweigerten sie, uns klopfte das Herz.

Der Wortwechsel verwandelte sich jedoch bald in einen Austausch von Witzen, und darin waren die Frauen unschlagbar, vor allem eine Gruppe von Frauen, die wir als barracote bezeichneten, weil sie in Holzbaracken wohnten, die das Rote Kreuz für sehr bedürftige Familien errichtet hatte. An dem Wettstreit beteiligten sich auch ein Ehemann und seine Frau, und zum Gaudium aller sprachen sie über ihre privaten Angelegenheiten, vielleicht übertrieben sie, doch das, was die Frau sagte, trieb mir die Schamesröte ins Gesicht, ich hoffte nur, dass meine Mutter nicht da war und zuhörte.

Eine Stunde verging, auf der Piazza läuteten die Glocken, alles schien sich in Wohlgefallen aufzulösen, doch die Jungs, die sich von der Stimmung täuschen ließen, fanden sich in den Klauen der Frauen wieder. Sie hatten überhaupt nicht vergessen, was wir ihnen angetan hatten, aufs Neue setzte es Prügel und Ohrfeigen.

Sie waren unerbittlich, alle mussten bestraft werden, und die Jungs ließen sich der Reihe nach erwischen. Ich und Filippo leisteten Widerstand, Antonio hielt uns hinter einem seiner Großonkel, der so breit wie eine Tür war, fest. Dort standen wir, als Einzige unbestraft.

Wie am Abend davor rettete uns wieder die Stimme, sie klang – so pflegten die Betschwestern zu sagen – wie das gesegnete Wort Gottes.

„Revolution bedeutet, alles zu ändern, was uns nicht gefällt, Dinge zu machen, die wir nicht tun dürfen, Rechte zu haben, ohne dass wir dafür zu einem Paten gehen müssen. Revolution besteht darin, die Schläge der Carabinieri nicht einzustecken, nur weil …“

Die Stimme war wie ein Magnet, sie hallte auf der Piazza wider und die Menschen drehten sich um, um zuzuhören; die Männer nahmen die Stühle und verließen die Tische, setzten sich in die Mitte und wir mit ihnen. Vor der Bühne befanden sich bereits zwei Reihen Stühle, die vor allem die Alten von zu Hause mitgebracht hatten. Mitten in der ersten Reihe stach Santoro Motta mit seiner unverwechselbaren schwarzen Krawatte und dem weißen Hemd heraus, seine Schultern nahmen fast zwei Stühle ein, seine Anwesenheit war ein Ereignis. Derselbe junge Mann wie am Abend davor: Er trug noch immer einen roten Pullover und eine schwarze Jacke, er war allein, niemand beschützte ihn und niemand versuchte ihn wegzuzerren. Kaum schwieg er, ertönte aus dem Publikum eine kräftige, tiefe Stimme, sie hallte selbst ohne Mikrofon. Es war die von Don Santoro.

„Die Revolution ist ein Maulbeerstrauch.“

„Aaah“, tönte es zustimmend.

Don Santoro sprach immer in Bildern, die keiner verstand, jedoch immer staunend aufgenommen wurden.

Das Mikrofon verstärkte die Gegenrede auf der Bühne: „Man muss allerdings darin sitzen, um die reifen Beeren zu sehen“, darauf folgte wieder ein staunendes „Ooh“.

„Der hat eine Papel auf der Zunge“, lautete die abschließende Antwort Don Santoros.

„Papula, Papula“, wiederholten wir im Chor. Und Papula akzeptierte seinen Spitznamen mit einem lang anhaltenden, ansteckenden Gelächter. Alle auf der Piazza lachten.

Der junge Mann hörte auf, von der Revolution zu reden, von der nur wenige etwas verstanden, und begann zu erzählen: Wie er als Kind mit seinem Großvater durch die Berge geritten war. Das war eine lustige Geschichte, viele Bekannte kamen darin vor, und die Alten kommentierten die Episoden: „Genau so war es.“

Schließlich sagte er: „Erinnert ihr euch an Mastro Don Giannandria, den Dichter und Metzger?“ „Jaaa“, antwortete das Publikum einstimmig. „Er war völlig blind, trotzdem rezitierte er Gedichte und zerlegte gleichzeitig das Fleisch“, fuhr er fort. „Und erinnert ihr euch an den jungen Herrn, Gott hab ihn selig, der sich von einem fliegenden Händler überreden ließ, zehn Soldi für einen Schirm zu bezahlen, der beim ersten Wind davonflog, sodass er ohne Schirm mitten auf der Piazza stand?“ Bei dieser Erinnerung erhob sich ein Lachsturm. „Und an Bacicu und Mezzaricchi, die immer Hand in Hand gingen?“ „Huhu“, diesmal klang das Flüstern bitter, ich ahnte, dass ihre Geschichte traurig war.

Don Santoro Motta hob die Hand, alle verstummten. „Erzähl.“

„U Bacicu verstand zu träumen“, begann er. „Ahhh“, unterbrachen wir ihn augenblicklich, weil der Satz so schön klang, und Don Santoro musste aufs Neue die Hand heben. „Mithilfe des Träumens hatte er drei schreckliche Kriegsjahre überlebt“, begann Papula von Neuem, „er träumte immer das Gleiche: vom Land, das Richtung Chianu ansteigt, dem Blick auf das endlose Meer, seinem Haus, mit seiner Frau und seinen Kindern davor, man hatte ihn ihren Armen entrissen und nach Afrika, Griechenland und dann nach Frankreich geschickt. Es war in Südfrankreich, am Abend des 7. September 43 lag er mit offenen Augen auf seiner Pritsche und hatte immer denselben Traum. Eine Gruppe von Soldaten marschierte hintereinander vorbei, er hatte keine Ahnung, woher sie kamen. Einer erregte seine Aufmerksamkeit, doch nur ganz kurz, dann umfingen ihn die Arme seiner Frau. Am Abend des 8. sah Bacicu den Soldaten wieder, und er ging ihm die ganze Nacht nicht aus dem Kopf. Kurz vor Morgengrauen hatte er einen Geistesblitz. ‚Mezzaricchi, Mezzaricchi‘, schrie er laut. Und eine Stimme antwortete ihm: ‚Bacicu, Bacicu‘ …“

„Aahh …“, die Unterbrechung war wie das Amen im Gebet, sogar Don Santoro ließ die Hand gesenkt, und ich erinnerte mich plötzlich an die beiden Alten, die seit einigen Jahren tot waren und immer nebeneinander auf der Piazza gesessen hatten.

„Die beiden erkannten einander, sie waren beide aus diesem Dorf. Sie stellten die Pritschen nebeneinander, und am Morgen des 9. September waren sie plötzlich Kriegsgefangene der Deutschen, aufgrund des Waffenstillstandes vom Tag davor waren die Deutschen zu unseren Feinden geworden. Sie wurden in denselben Waggon geladen, stiegen im selben Bahnhof aus, betraten beide den Schlafsaal des Internierungslagers. Sie lagen in demselben Stockbett. Und beide träumten von ihrer Heimat, ihren Ehefrauen, ihren Kindern, den Deutschen zum Trotz, die ihnen unsagbare Qualen zufügten.“

„Als die Deutschen flohen, vertrieben die Russen die Gefangenen mit Gewalt aus den Baracken. Bacicu und Mezzaricchi nahmen sich an der Hand und marschierten schweigend Richtung Süden. Erst als sie das Dorf erreicht hatten, ließen sie einander los. Sie nahmen ihr altes Leben wieder auf, kehrten zu ihren Familien zurück und kämpften ums Überleben, denn in Kalabrien bedeutet Überleben Kampf. Und am Ende ihres Lebens verbrachten sie die heißen Sommernachmittage im Schatten der Robinien und Feigen auf dieser Piazza. Schweigend und Hand in Hand wie früher, als sie zu Fuß von Deutschland bis ins Dorf marschiert waren.“

Papula schwieg, niemand sagte ein Wort.

Irgendjemand zupfte mich am Arm. „Nicolino“, flüsterte mir meine Schwester Teresa zu, zeigte mit der Hand auf meine Mutter, die mit Angela im Arm auf der Piazza stand. Mama lächelte mich an, nickte mir zu und forderte mich so auf, näher zu kommen. Ich ließ mich von Teresa zu ihr ziehen, sie bahnte sich einen Weg zwischen den Dorfbewohnern, zwängte ihren winzigen Körper zwischen ihnen durch. Mama stand zwischen zwei Stühlen, Teresa setzte sich auf einen der beiden und ich wartete auf ein weiteres Lächeln, bevor ich mich auf den anderen setzte. Kaum saß ich, bohrte mir Mama ihre Nägel in den Unterarm, ich biss mir auf die Lippen und wollte schon aufspringen, doch sie lockerte den Griff und küsste mich auf den Hals. Sie duftete nach Zucker, der am Boden des Milchtopfes karamellisiert. Sie legte mir den Arm um die Schultern und drückte mich an sich, ich hörte wieder Papulas Worte und sah die beiden Alten, die Händchen haltend unter der größten Robinie auf der Piazza saßen. Wir hatten sie aus Blasrohren mit Eukalyptussamen beschossen, und die beiden hatten sich ängstlich umgeblickt, uns aber nicht gesehen.

Für uns Kinder waren sie bloß zwei Verrückte.

Plötzlich roch ich starken Milchgeruch. „Nicolino, willst du denn die Prozession versäumen?“

„Die Prozession?“, wiederholte ich und schlug die Augen auf. Obwohl ich unter der Decke lag, konnte ich sehen, dass Tageslicht hereindrang.

Verdutzt sah ich meine Mutter an. „Nico, du bist eingeschlafen, du hast ein schönes langes Schläfchen gemacht.“

Nein, das durfte nicht wahr sein, ich hatte die Musik versäumt, die Tänze auf der Piazza, das Feuerwerk und die Feuer, die bis zum Morgengrauen brannten.

„Mama hat dich auf dem Arm nach Hause getragen, du warst nicht wach zu kriegen.“ Die Worte meiner Schwester trieben mir die Schamesröte ins Gesicht – meine Mutter hatte mich nach Hause getragen wie ein kleines Kind. Ich ahnte schon, wie man mich hänseln würde, sobald ich mich hinauswagte.

Angela lachte, nein, das durfte nicht wahr sein.

„Warum hast du mich nicht aufgeweckt?“

„Ich habe es versucht, aber es war aussichtslos. Du hast mich sogar beschimpft.“

„Hat man mich gesehen?“

„Nein, Nicolino, wer soll dich gesehen haben? Die Piazza war rappelvoll …“

Die Worte meiner Mutter trösteten mich ein wenig. „Stimmt nicht, stimmt nicht“, schrie Angela, „alle haben dich gesehen, und Filippo und Antonio sind uns nachgegangen und haben gelacht, bis wir zu Hause waren.“

„Halt den Mund, Dummkopf!“, schrie ich.

Die Glocken begannen zu läuten. „Ist gut, wir gehen“, sagte Mama und drückte mir die Tasse in die Hand, „und mach die Tür zu“, sagte sie, als sie mit meinen Schwestern im Gefolge hinausging. Ich trank die Milch in ein paar Schlucken aus, fluchte, weil sie kochend heiß war, zog mich blitzschnell an und lief hinaus, ich kam gerade noch rechtzeitig auf die Piazza, um zu sehen, wie der hl. Sebastian über die kleine Kirchentreppe heruntergetragen und dann auf eine Holzplattform gehievt wurde. La vara. Das Schiff.

Die Statue wurde in die Mitte der Plattform gestellt und augenblicklich gesellten sich zwanzig weiß gekleidete kleine Gestalten zu ihr, um ihr auf der Reise Gesellschaft zu leisten. Balken wurden gebracht, um die vara zu heben, die Träger steckten sie in fünf extra dafür angebrachte Löcher, drei vorne und zwei hinten, die Balken tauchten auf der anderen Seite wieder auf und wurden von schwieligen Händen gepackt.

Die Träger aus dem Dorf gingen wie üblich auf der rechten Seite: Das waren die kräftigsten Männer, sie trainierten das ganze Jahr über für diese Gelegenheit. Auf der linken Seite gingen fünf Mannschaften fremder Träger aus Dörfern, mit denen man vor so langer Zeit einen Freundschaftspakt geschlossen hatte, dass sich niemand mehr an das Datum erinnerte, sie hatten die Ehre und die Verantwortung übernommen, die Hälfte des Gewichts des Heiligen und seines Schiffes zu tragen, das die Dorfstraßen pflügte.

Sowohl auf der einen als auch auf der anderen Seite waren es viele, sie würden einander automatisch abwechseln, ohne dass jemand pfeifen oder rufen musste – wie die Betschwestern zu sagen pflegten, wussten sie einfach, wann es an der Zeit war. Von ihren Muskeln hing die Zukunft ab. Der größte Traum von uns Jungs war es, einmal den Heiligen zu tragen, wir wünschten es uns mehr als Milliarden Lire oder tausend Frauen.

Das war der wichtigste Augenblick des Festes: Wenn der hl. Sebastian nicht bereit war, unser Leid auf sich zu nehmen, würde das Schiff sich nicht heben und das Jahr würde Schmerzen bringen. Setzte der Heilige sich hingegen in Bewegung, war er bereit, unsere Pein zu sehen, allerdings entschied er erst im allerletzten Augenblick, ob er sie auf sich nahm oder sie uns ließ.

Es begann mit einem Rauschen, die Träger zogen die Jacken aus – ihre Hemden waren strahlend weiß –, knoteten ein rotes Tuch um den Hals, knieten nieder und packten den jeweiligen Balken, die Trommeln wirbelten, forderten zum Schweigen auf, dann schwiegen auch sie und man hörte nur noch das Jammern der Träger.

Ein unterdrücktes Gejammer, das mit der Anstrengung immer lauter wurde.

Ich schloss die Augen und wusste, dass auch alle anderen auf der Piazza sie schlossen sowie alle, die das Haus nicht hatten verlassen können, und alle, die weit weg waren, in deren Adern jedoch das Blut des Dorfes floss.

Alle gleichzeitig, zu einer einzigen Seele vereint.

Der Kraftakt jedes einzelnen Trägers ließ ihre Muskeln anschwellen, der Schrei aus unserer Kehle wurde immer lauter, wir rissen die Münder auf, er wurde zu glühender Luft, die in den Himmel aufstieg und sich in befreiendes Gebrüll verwandelte.

Der hl. Sebastian hob sich und blickte auf uns herab.

„Verdammt …“, fluchten wir, ein jeder spuckte auf den Boden und stellte den Fuß darauf. La vara bewegte sich durch einen Schlauch, ähnlich einem Darm, der mit faschiertem Schweinefleisch gefüllt und zu Salsiccia wird: Die Frauen mit ihren Töchtern teilten sich in zwei Reihen und bildeten eine Art Kranz; die Männer gingen, in kleinen Grüppchen, davor und rundherum; wir, die Kinder und die Jungs, liefen wild durcheinander. Die Prozession verließ die Piazza, bog auf die Straße ein, die hinunter zum Meer führte, erreichte die letzten Häuser und bog nach rechts ein, um das Dorf zu umrunden.

Wir gingen ganz langsam, der Heilige betrachtete jedes Haustor und kreuzte den Blick derer, die aufgrund ihres Alters, einer Krankheit oder sonst einer Behinderung nicht an der Prozession teilnehmen konnten; auf der Straße ertönten Lobgesänge und Bitten um Gnade, die Stimmen der heiratsfähigen Mädchen übertönten die der anderen. Sie waren so festlich wie möglich gekleidet, und ihr Blick suchte ohne Koketterie einen anderen, willkommenen Blick, bei dem sie innehalten konnten. „Heuchlerinnen“, kreischte ich, es hörte mich ohnehin niemand, ich zündete einen Streifen Kracher an und warf ihn vor die Beine einer Schar Mädchen, die aussahen, als wären sie einem Modejournal entsprungen.

„Los, gehen wir.“ Antonio war plötzlich hinter mir und drückte mich an sich, er hatte mir den Arm um den Hals und den Mund ans Ohr gelegt.

Aufs Neue wurde mir wieder heiß. Warum hast du mich aufgeweckt?, fragte ich insgeheim meine Mutter und verfluchte sie leise, während ich das besorgte Gesicht Filippos vor mir betrachtete. Der Augenblick war gekommen, einen Plan durchzuführen, den Antonio schon vor einigen Jahren ausgeheckt hatte, den wir jedoch aus Angst immer wieder aufgeschoben hatten.

Wir verließen die Prozession, durchquerten das Dorf und erreichten die Straße, über die die Prozession erst in einer Stunde ziehen würde, die letzte Etappe der Runde, auf der der Heilige stille Beichten ab- und große Geldscheine entgegennahm, die stolz auf die Füße der Statue geklebt wurden, Geldscheine, wie man sie sonst nie zu sehen bekam.

Ich hatte dafür gesorgt, dass der hl. Sebastian mir nicht ins Gesicht blickte, dachte ich bedauernd, er hätte erraten, was wir im Schilde führten, und uns sicher davon abgehalten. Insgeheim hoffte ich, dass er es noch tun würde, wenn er in Gedanken alle Dorfbewohner Revue passieren ließ.

Wir gingen über die Straße und bogen auf einen Feldweg ein, dahinter ging das Land sanft in leicht ansteigende Felder über, in ein paar Monaten würden sie grün vor Gerste und Weizen sein und ein paar Meter weiter hinten würden Zikaden und Grillen einen goldenen Zufluchtsort finden. Auf halber Höhe des Hügels befand sich ein vom Menschen geschaffenes Plateau, auf dem irgendwann das Haus von Don Santoro Motta errichtet worden war, und daneben stand ein großer Stall, sie waren durch zwei große Stege verbunden: Einer führte vom Garten hinter dem Haus zum Stall und bestand aus dicken Brettern, die an in den Boden gerammten Holzpfählen befestigt waren. Er war schmal und hoch, ein wilder Stier musste darauf in den Stall gelangen. Der zweite Steg begann bei einer kleinen Tür seitlich neben dem Stall, hatte einen niedrigen Metallzaun, der ebenfalls an in den Boden gerammten Eisenpfählen befestigt war, und mündete in einen Feldweg, der wiederum zu der Straße führte, auf der die Prozession vorbeiziehen würde.

Hier würde das Wunder geschehen, der aufregendste Augenblick des Festes, auf den alle ängstlich warteten: Von ihm hing das ganze kommende Jahr ab.

Der Priester würde wie immer so tun, als würde er mit den Dorfbewohnern schimpfen, das war ja bloß ein dummer Aberglaube, doch er würde zulassen, dass die müden Träger unten bei der Kreuzung Atem schöpften, bis sie sahen, wie der Stier im Stall verschwand und an seiner Stelle das Lamm, das die Sünden auf sich nahm, auftauchte und von den Jungs herausgetrieben wurde.

Wir erreichten das dichte Gebüsch hinter dem Stall – heimlich hatten wir immer wieder Zweige ausgeschnitten und so einen sehr engen, unsichtbaren Gang geschaffen. Beim Gedanken an die Gefahren, die wir dabei auf uns genommen hatten, lief es mir kalt über den Rücken.

Als Erster begab sich Filippo in den Gang, dann Antonio und schließlich kroch auch ich auf allen vieren hinein, drang in eine leise, klebrige und nach Harz duftende Welt ein. Unter meinen Handflächen und Kniescheiben knisterten die Blätter und die trockenen Äste. Mittlerweile konnten wir uns hier sehr schnell bewegen, unser Gang war ein sich windender Durchschlupf, der um die größten Äste herumführte, es dauerte nicht lange und wir hatten die Nische erreicht, die wir gegraben hatten, eine Höhle, in der wir sogar sitzen konnten.

Antonio spähte durch das Loch, das wir in die Mauer gebohrt hatten; jedes Mal, wenn wir gekommen waren und uns einen Weg durch die Mastixsträucher gebahnt hatten, hatten wir auch das Loch größer gemacht. Niemand hatte es bemerkt, wer wäre auch auf die Idee gekommen, dass wir einen derartigen Plan ausgeheckt hatten, um dem Wunder auf den Grund zu gehen, einen Plan, wie ihn nur der teuflische Antonio erfinden konnte?

Antonio trat zur Seite und Filippo spähte eine Weile durch das Loch. Danach wirkten beide sehr zufrieden. Ich wollte fürs Erste gar nicht durchschauen; ich betrachtete den Bretterzaun, durch den der Stier hindurchmusste, gleich dahinter lag der Steg, auf dem das Tier sich in ein Lamm verwandeln würde.

Wir atmeten schwer – wir hatten schon schlimme Streiche gespielt, doch das war auch uns eine Nummer zu groß, plötzlich wollte ich nur noch davonlaufen, der Wunsch wuchs und wurde unbeherrschbar, ich sprang auf, die dichten Äste über der Nische zerkratzten mir das Gesicht, ich schloss noch gerade rechtzeitig die Augen. Als ich sie wieder aufmachte, sah ich Antonios Gesicht dicht vor mir. Er hatte genauso Angst wie ich. Jemand packte mich an der Wade, drückte sie, dann packte er mich am Gürtel und zog mich nach unten. Filippos Ausdruck war triumphierend. Er zog auch Antonio hinunter und lachte höhnisch: „Feiglinge.“

Der Wunsch davonzulaufen verschwand, so schnell wie er gekommen war, verwandelte sich in Wut und Zorn. „Ich hatte einen Krampf“, sagte ich dreist. „Du auch?“ Filippo schaute Antonio an, nach wie vor feixend. „Nein, ich dachte, vielleicht bemerken sie uns“, murmelte er, als ob das eine gute Ausrede wäre. „Bei dem Durcheinander wird keiner auf uns achten“, sagte Filippo und lachte aufs Neue.

Stumm hockten wir uns wieder hin, die Zeit verging langsam im Rhythmus unseres Atems; wir saßen wohl schon eine Stunde da, als plötzlich Schreie, Kracher und an den Heiligen gerichtete Gebete anzeigten, dass die Prozession die Kreuzung erreicht hatte.

Alle verstummten.

Wir hielten den Atem an.

Ein paar Minuten später wurde der Stier lauthals angestachelt: „Stirb, stirb, damit das Lamm aufersteht“; das Tier galoppierte immer lauter, es brachte die Chöre zum Schweigen, die Hufe trommelten auf den Boden, dann wurde der Lärm leiser: Die Bestie war im Stall.

Antonio sprang auf und spähte durchs Loch.

Ein Schuss knallte. „Neeiiin“, schrie Antonio und trat zurück, ich vergaß meine Angst und drängte Filippo weg, der kurz zögerte. Im Stall war es dämmrig, doch Don Santoro war deutlich zu sehen, unbeweglich stand er mir gegenüber auf dem Steg, er hielt ein Gewehr in den Händen und richtete den Lauf auf etwas vor sich. Ein riesiger schwarzer Körper bewegte sich, er füllte mein Blickfeld aus, die Hufe trommelten wieder, der Schritt wurde zum Galopp. Es war der größte Stier aller Zeiten, er hatte mächtige, glänzende Schenkel …

Und dann verschwand alles, denn Filippo stieß mich weg und drängte sich an die Wand, ich hatte keine Zeit zu protestieren, er gab einen freudigen, erlösten Schrei von sich, und gleich darauf folgten weitere Schreie, die Jungs hinter dem Stall kreischten – „der Stier ist gefallen und das Lamm ist auferstanden“ –, gewiss brachten sie das Lamm gerade zum Heiligen.

Ein Trommelwirbel kündigte an, dass uns im kommenden Jahr Glück beschieden war, und gleich darauf explodierte am Gipfel des Hügels das Feuerwerk.

Der hl. Sebastian war auf unserer Seite, er hatte unsere Wunden gesehen und sie auf sich genommen. Das Dorf war wieder rein und leicht.

Wir umarmten einander, verließen unser Versteck in den Mastixsträuchern und liefen sorglos zu den anderen. Das Lamm saß schon in einem Korb und wurde auf das Schiff gehievt, mit arrogantem Blick, als wüsste es, was für eine Bedeutung es für das Dorf hatte. Die Prozession formierte sich wieder unter den vorwurfsvollen Worten des Priesters, der sich wegen der Verspätung beklagte, jeder nahm seinen alten Platz wieder ein, allerdings lose: Es gab keine ordentlichen Reihen und keine Trennung in Männer und Frauen mehr, die jungen, heiratsfähigen Mädchen vermischten sich mit den jungen Männern, die ihnen gefielen. „Nicolino …“ Eine Hand drückte meine Schulter, ich drehte mich um und folgte Antonios ängstlichem Blick: Don Santoro stand allein mitten auf dem Feldweg, ohne Gewehr, doch sein Blick durchbohrte uns. Er blickte uns – Antonio, Filippo und mich – an. Ich wusste nicht, wieso, aber er wusste es. Ich sah die Flanken des Stiers vor mir, den Gewehrlauf und seine Augen, die auf das Loch starrten, durch das ich spähte. Er hatte mich gesehen.

Doch jetzt entspannte sich sein Gesicht, er lächelte, ein paar Menschen gingen zu ihm hin, sie reichten einander die Hand und er schaute weg. Zu meinen Füßen explodierten ein paar Kracher und ich musste zur Seite springen. „Dummkopf, Dummkopf!“, die modisch gekleideten Mädchen hatten sich revanchiert und liefen lachend davon. Und auch der hl. Sebastian rannte jetzt beinahe, das Schiff mit dem Lamm darauf glitt dahin wie im Oktober die Baumstämme im Fluss. Er erhielt Beifall und Danksagungen.

Wir kehrten auf die Piazza zurück, oberhalb des Hügels krachten wieder Böller, die Kirche verschluckte den Heiligen, die Männer und wir Kinder blieben draußen und belagerten die Stände; die Großen gestatteten sich ein Bier und die Kleinen bekamen eine Limonade. Ich und meine Freunde befanden uns mit unseren fünfzehn Jahren an der Schwelle zum Erwachsenenalter, wir hätten noch ein paar Monate und ein paar Barthaare mehr gebraucht, um ein Bier verlangen zu dürfen, ohne dass der Barmann uns zum Teufel jagte oder einen Witz über uns machte, bei dem alle lachten. „Bring mir die schriftliche Erlaubnis deiner Mama!“ Diese Antwort hatte Filippo das letzte Mal erhalten. An diesem Tag versuchten wir es gar nicht, alle kannten uns, und außerdem hatten wir kein Geld für Bier; Filippo zog gerade mal hundertfünfzig Lire aus der Tasche, die für drei Limonaden reichten. Der Barmann bediente uns rasch, denn hinter ihm zerlegte einer gerade den Kiosk, alle hatten es eilig, auch wir nahmen die Getränke und gingen rasch in Richtung Viehmarkt.

Von der Piazza gingen wir in den tiefer gelegenen Teil des Dorfes hinab; das riesige Feld zwischen den letzten Häusern und dem Meer war von Dornenbüschen und Unkraut gesäubert worden; jetzt standen dort kleine Holzgehege mit Tieren darin, die während des Fests des hl. Sebastian den Besitzer wechseln würden, mit dem Viehmarkt ging das Fest zu Ende. Die Luft war von dichtem Rauch erfüllt, der langsam von dem auf den glühenden Kohlen liegenden Bratrosten aufstieg: Darauf lag jede Menge fettes Rind-, Hammel- und Ziegenfleisch. In großen Töpfen wurden Kutteln gekocht, ihr saurer und zugleich süßlicher Geruch stieg aus den Zinkblech-Baracken auf, die jene zusammengezimmert hatten, die dort schliefen, weil sie von weit her kamen und nachts nicht mehr in ihr Dorf zurückkehren konnten, oder von den Händlern, die dort ihre Kunden empfingen.

Es war bereits nach Mittag, unser Abenteuer und der Duft des gegrillten Fleisches hatten uns Hunger gemacht, mein Magen knurrte so laut, dass man es gehört hätte, wenn Menschen und Tiere nicht so einen Lärm gemacht hätten. Ein Blickwechsel mit meinen Freunden genügte, um zu verstehen, dass wir ein und denselben Gedanken hatten: Hunger. Wir mussten uns was zu essen besorgen. Bei solchen Gelegenheiten war das einfach, man musste bloß einen Verwandten, einen engen Freund der Familie oder, besser noch, einen Taufpaten finden. „Gevatter!“ Wir mussten nicht einmal suchen, unser Mittagessen rief uns – aus Tradition war es für die Dorfbewohner eine größere Freude zu geben als zu nehmen.

Ein Onkel Filippos hatte uns gerufen: ein gerade mal einem Meter großer Fettwanst, dessen Bauch den Knien näher war als der Brust. Er stand neben einem Kreis von Feuerstellen, auf denen ein Rost lag, und darauf brutzelte das Fleisch. Mit der Linken nahm er ein Stück Braten und auch die Mütze vom Kopf, und mit der Rechten ergriff er unsere Hand: ein doppelter Kuss auf die Wangen und ein Händedruck, danach waren sowohl unsere Wangen als auch unsere Hände fettig. „Nehmt euch ein Stück“, forderte er uns auf, das ließen wir uns nicht zweimal sagen, wir knieten uns gemeinsam hin und standen mit einem von einer fingerdicken Fettschicht überzogenen Hammelknochen wieder auf.

Beim ersten Bissen verbrannte ich mir die Lippen und saugte etwas Saft zwischen die Zähne; beim zweiten verbrannte ich mir die Zunge, doch ich gab nicht auf, denn das Fett war süß und schmolz am Gaumen. Erst beim dritten Bissen stellte ich fest, dass es zu sehr gesalzen war.

„Und Don Nino Zacco begrüßt ihr nicht?“, sagte unser Wohltäter vorwurfsvoll, nachdem wir wieder zu Atem gekommen waren. Das war ein Befehl. Ich legte den Knochen ab, den ich in der Linken hielt, wischte mir die Hand an der Hose ab und streckte sie Don Nino hin. Er war groß und schlank, seine Mütze saß schief auf dem Kopf, fast auf dem Ohr. Das war ein Erkennungsmal, damit unterschieden sich die Mafiosi von den anderen. Filippo sagte, in ein paar Jahren würde auch er die Mütze so tragen, und ich zweifelte nicht daran, Filippo war clever, cleverer als ich und Antonio.

Dank seines Onkels hatte er gute Chancen, auch seine Eltern waren eng mit der Mafia verbunden. Antonio hingegen hatte keine guten Chancen, seine Mutter hatte ihn und seine zwei Schwestern ledig zur Welt gebracht, und Untreue und enge Bindung passten, zumindest offiziell, nicht zusammen. Auch wenn es genügend Gerüchte über treulose Weiber gewisser Mafiosi gab. Aber Antonio behauptete, er wolle der Gesellschaft gar nicht beitreten, denn man könne auch außerhalb, allein in Gedanken, ohne schief getragene Mütze, ein Mafioso sein, und ich glaubte ihm, denn er war der hellste Kopf von allen Jungs in den Wohnblocks.

Ich hatte noch nicht entschieden, was ich tun würde, unter den Verwandten meines Vaters gab es zwar ein paar Mafiosi, aber keinen einzigen unter den Verwandten meiner Mutter; ich war unentschieden zwischen Filippo und Antonio, und gewiss waren wir drei keine Dummköpfe. Es wäre schön gewesen, ein Mafioso zu werden, denn einem Mafioso konnte man zu den Feiertagen kein Holz stehlen und niemand erlaubte sich, sich über sie lustig zu machen. Wahrscheinlich war auch Don Santoro ein Mafioso, er hatte einige Jahre im Gefängnis verbracht, obwohl er die Mütze nicht schief trug, musste man ihn Don nennen, wie Don Nino Zacco, der ebenfalls ein Don war, obwohl er noch nicht alt war.

„Heuer habt ihr Lupa wieder einen schönen Streich gespielt“, sagte Filippos Onkel, „ich glaube, beim nächsten Fest im Mai stoßen wir mit Bier an“, sagte er und sah Don Nino an, der halbherzig lächelte. „Vielleicht sogar früher“, sagte der überraschenderweise, und ein Feuer wärmte mir die Brust, Antonio wurde rot wie eine Wurst und Filippo zuckte mit den Achseln, als bewegte er Flügel. Zwei Worte und mir wurde schwindlig, denn alle wussten, dass Don Nino äußerst selten mehr als zwei Worte sprach.

Antonio wartete, bis er wieder normale Farbe angenommen hatte, betrachtete seine Hände, schluckte den Bissen runter, den er gerade kaute. „Es ist mir eine Ehre, das erste Bier mit Ihnen zu trinken …“, murmelte er, doch Don Nino hörte ihn nicht, er hatte uns schon den Rücken zugekehrt und ging weg, wobei er den mächtigen Brustkorb vorreckte, und Filippos Onkel und zwei andere folgten ihm, watschelnd wie Truthähne. Verwirrt und zufrieden blieben wir neben dem Feuer stehen, das eine Hitze verströmte, als wäre es August.

Das gesalzene Fleisch belebte uns, das Salz fuhr uns ins Blut, wir stürzten uns ins Getümmel, auf der Suche nach jemandem, der uns ein Getränk spendierte. Aufs Neue kam uns ein Verwandter Filippos zu Hilfe, aber er war weder ein Mafioso noch derart großzügig. „Willst du was trinken?“ Er lud nur Filippo ein und ignorierte mich und Antonio.

„Eine Orangenlimonade“, sagte Filippo. Der Mann an der Bar reichte sie ihm, nachdem er den Kronenkorken mit einem Gabelstiel abgezogen hatte, Filippo bedankte sich bei seinem Verwandten und ging. Wir kamen ihm erst nach, als er die Flasche schon zu einem Drittel ausgetrunken hatte, er reichte sie Antonio und dann mir.

Sobald Hunger und Durst fürs Erste gestillt waren, konnten wir die außergewöhnliche Welt des Viehmarkts genießen. Viele Menschen kamen aus den Dörfern in der Umgebung, manche kamen sogar von weit her, die größte Neugier erweckten allerdings die Zigeuner mit ihren traditionellen Gewändern; Männer in roten Flanellhosen und blauen Jacken mit gelben Bändern und spitzen grüngoldenen Hüten, die Frauen mit wallenden türkisorangen Kleidern, ihre rabenschwarzen Haare waren mit silbernen Bändern zu Rossschwänzen und Zöpfen zusammengebunden. Sie verkauften Tiere und Eisenwaren, hauptsächlich Esel und Schemel; die Baracken, die sie extra für den Viehmarkt errichteten, waren genauso merkwürdig wie die Kleider, die sie trugen – in ihrer Welt wimmelte es von Bändchen, Glöckchen, Decken und allen möglichen Schabracken und Zaumzeugen, und die Erwachsenen schwirrten so aufgeregt um diese Welt herum wie kleine Mädchen, die Kleider für ihre Puppen nähten.