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Vor etwa 2500 Jahren schrieb Platon eine Reihe von Dialogen, die Sokrates im Gespräch mit Schülern darstellen. Seine Gesprächsführung zeichnet sich durch das Bestreben aus, einem Lernenden durch geeignete Fragen zu ermöglichen, seine Irrtümer selbst herauszufinden und so sein Erkenntnispotenzial zu aktivieren. Bekannt als die sokratische Methode, ist sie bis heute eine der berühmtesten Techniken des philosophischen Diskurses. Zugleich ist sie eine Ethik der Geduld, der Untersuchung, der Demut und des Zweifels. Gleichsam Hilfsmittel für besseres Denken und gegen schlechte Denkgewohnheiten, sei es im Recht, in der Politik, in der Ausbildung oder bei der Auseinandersetzung mit den großen Fragen des Lebens am Küchentisch. Ward Farnsworth macht die sokratische Methode für jeden an Philosophie Interessierten leicht zugänglich. Er erklärt anhand zahlreicher Originalzitate, wie sie funktioniert und warum sie in unserer Zeit mehr denn je von Bedeutung ist: nämlich als alltägliche Tätigkeit, um den großen Fragen des Lebens auf den Grund zu gehen, dem Leben einen Sinn zu geben und herauszufinden, wie man es besser leben kann.
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Seitenzahl: 428
Veröffentlichungsjahr: 2022
WARD FARNSWORTH
DIE SOKRATISCHE METHODE
Das Handbuch der praktischen Philosophie
WARD FARNSWORTH
DIE SOKRATISCHE METHODE
Das Handbuch der praktischen Philosophie
FBV
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Für Fragen und Anregungen:
2. Auflage 2024
© 2023 by FinanzBuch Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH,
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Tel.: 089 651285-0
Copyright der Originalausgabe © 2021 by Ward Farnsworth. All rights reserved. Die englische Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel The Socratic Method: A Practioner’s Handbook bei David R. Godine Publisher/Black Sparrow, 15 Court Square, Suite 320, Boston, Massachusetts 02108.
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Übersetzung: Ursula Held
Redaktion: Christiane Otto
Korrektorat: Dr. Manuela Kahle
Umschlaggestaltung: Marc-Torben Fischer
Umschlagabbildung:
Satz: Daniel Förster
eBook by tool-e-byte
ISBN Print 978-3-95972-577-4
ISBN E-Book (PDF) 978-3-98609-091-3
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-98609-092-0
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INHALT
Vorwort
Dank
1 Das sokratische Problem
2 Methode oder Doktrin?
3 Elemente der sokratischen Methode
4 Die Funktion der sokratischen Methode
5 Frage und Antwort
6 Der Elenchus (Gegenbeweis)
7 Folgerichtigkeit
8 Systole und Diastole
9 Analogien
10 Sokratische Regeln für den Dialog
11 Unwissenheit
12 Aporie
13 Sokratisches Gut
14 Sokratische Ethik
15 Sokrates und die Stoiker
16 Sokrates und die Skeptiker
17 Prinzipien entdecken
18 Prinzipien testen
Epilog: Sokratische Regeln der Auseinandersetzung
Übersetzungen
Literatur
Die sokratische Methode ist eine Denkweise. Sie ist ein Mittel, Klugheit zu erlangen und Dummheit zu bekämpfen. Dies sei allem vorangestellt, denn viele Menschen betrachten die sokratische Methode - wenn sie sie denn überhaupt im Blick haben - als eine Lehrmethode. Das ist sie auch, aber sie erweist sich im schulischen Kontext eben dadurch als nützlich, dass sie uns eine Denkweise an die Hand gibt, die jener überlegen ist, mit der wir üblicherweise an Probleme herangehen. Sokrates hat den Leuten keine Fragen gestellt, um uns beizubringen, wie man Leuten Fragen stellt. Er wollte uns das Denken lehren. Und daher ist seine Methode unbedingt von allgemeinem Interesse und nicht nur ein Werkzeug, das Fachleute in Fachkontexten anwenden. Das vorliegende Buch ist ein praktisches Handbuch, und seine erste Lektion lautet, dass jeder, der es möchte, seine Methoden anwenden kann.
Dieses Buch erläutert die sokratische Methode - das heißt die ursprüngliche Methode aus Platons Dialogen - und legt dar, wie man sich ihrer bedienen kann. Es untersucht damit gedankliche Vorgänge, ist aber genauso gut eine praktische Einführung in die sokratische Philosophie. Eine auch heute noch erstaunliche Philosophie, die keine eindeutigen Antworten auf die großen Fragen gibt. Sie ist vielmehr eine Anleitung dazu, wie man große Fragen stellt und ihnen nachgehen kann. Das sokratische Denken ist ein Weg zur Weisheit, nicht aber der Weisheit Schluss - den kann es in ihm nicht geben. Es hilft uns im Umgang mit allen möglichen kleinen und großen Problemen - ob es nun darum geht, wie wir leben sollen oder wer mit dem Hund rausgeht.
Das Buch erzählt auch von den Ursprüngen des Stoizismus, einer antiken Denktradition, die viele Menschen auch heute überzeugend finden. Die noch heute gültigen Lehren der Stoa gründen auf den Lehren des Sokrates: Wer sich für die Ideen der Stoiker interessiert, sollte verstehen, welchen Bezug diese zu Sokrates’ Ideen aufweisen. Und wer sich wiederum für Sokrates interessiert, stößt bei den Stoikern auf Beispiele, wie das sokratische Denken im Alltag Anwendung finden kann.
Die Lehren des Sokrates können unsere Auseinandersetzung mit allen möglichen wichtigen Themen voranbringen. Denn die sokratische Methode verlangt unter anderem, Fragen ohne Angst zu äußern und entgegenzunehmen; sie verlangt, die eigenen Gedanken frei zu äußern und sich nicht zu ereifern, wenn andere sagen, was sie denken; sie verlangt, nach Wahrheit zu streben und nicht etwa hochmütig anzunehmen, man besäße sie bereits. Mit anderen Worten: Sie stellt all die guten Eigenschaften in den Vordergrund, die unserer Gesprächskultur verlorengegangen sind.
* * *
Das war ein kurzer Abriss dessen, worum es in diesem Buch geht - nun folgt ein ausführlicherer.
1. Vor etwa 2500 Jahren schrieb Platon Dialoge nieder, in denen moralische und andere Fragen erörtert werden. Die meisten Dialoge - und insbesondere jene, die heute als die früheren bezeichnet werden - folgen demselben Schema. Platon tritt darin nicht auf, sondern seine Texte geben vielmehr Gespräche wieder, die Sokrates mit anderen führt. Sokrates äußert Fragen, zu denen seine Gesprächspartner die Antwort zu wissen glauben. Sokrates stellt nun aber ihre Aussagen auf den Prüfstand, nimmt ihre Behauptungen auseinander und legt offen, dass die Befragten das Thema eben nicht so gründlich durchschauen, wie sie dachten. Beim Leser der Dialoge stellt sich ein ähnlicher Eindruck ein. Das mag banal klingen, doch dadurch, wie und warum Sokrates Dinge infrage stellt, werden allerhand Einblicke gewonnen. Und um eben diese Art der Gesprächsführung geht es hier: die sokratische Methode.
Die sokratische Methode wird oftmals als die größte Leistung des klassischen Denkens hervorgehoben. Für den amerikanischen Philosoph Gregory Vlastos, den angesehensten Experten des 20. Jahrhunderts auf diesem Gebiet, gehörte die Methode gar zu den »größten Errungenschaften der Menschheit«, denn sie
lässt die Behandlung moralischer Fragen zu einer alltäglichen menschlichen Beschäftigung werden, die allen offensteht. Wer sie anwendet, muss keinem philosophischem System angehören oder eine spezielle Technik beherrschen oder technisches Vokabular erlernen. Es genügen der gesunde Menschenverstand und die Alltagssprache.1
Genauso wertvoll ist die Methode natürlich in Rechtsfragen, in der Politik und in allen Bereichen, die vernünftige Urteile erfordern. John Stuart Mill sah in der sokratischen Methode eine ungemeine Bereicherung und einen wichtigen Einfluss auf sein Denken. In einem Aufsatz über Platon schreibt er, die Menschheit schulde dem Philosophen enorm viel, die Schriften Platons gehörten »zu den kostbarsten intellektuellen Schätzen, welche uns das Altertum vermacht hat«.2
Die sokratische Methode ist also offenbar das wertvollste Vermächtnis des wahrscheinlich berühmtesten Philosophen der westlichen Kultur, und man könnte daher davon ausgehen, dass ihre Grundzüge allgemein bekannt wären. Dem ist aber nicht so, und selbst Intellektuelle können oftmals mit Sokrates’ Lehren nicht viel anfangen. Warum aber besteht eine solche Diskrepanz zwischen dem Ansehen der sokratischen Methode und ihrer Kenntnis?
Ich nehme hierfür drei Gründe an. Zum einen wird die Methode in Platons Dialogen nie ausdrücklich erklärt. Sie spielt sich im Hintergrund der Gespräche ab, die jeweils ganz verschiedene Dinge behandeln. Man muss sie sich aus der Art, wie Sokrates spricht und handelt, und aus seinen Kommentaren erschließen. Wer also direkte Anweisungen in den Dialogen finden will, wird enttäuscht sein.
Zweitens wirken die Gespräche und auch Sokrates selbst wenig mitreißend. Die Beteiligten unterhalten sich oftmals über Themen, die dem Leser nicht gerade unter den Nägeln brennen. Und sie kommen zu keinem Ergebnis, sondern vielmehr zu der Einsicht, dass es eben keine gute Antwort auf das erörterte Problem gibt. Die ausgetauschten Argumente kommen manchmal haarspalterisch daher und hängen stark an bestimmten Formulierungen. Sich durch diese Argumente zu kämpfen, um sich am Ende an der Methode erfreuen zu können, ist keine leichte Aufgabe. Der Genuss stellt sich quasi erst nach langer Übung ein.
Drittens aber erscheint die sokratische Methode wenig attraktiv, da sie uns nichts von dem bietet, was wir vermeintlich so gerne hätten. Die Lehren des Sokrates versprechen uns weder Reichtum noch Berühmtheit und auch keine Pluspunkte im Jenseits. Sie beantworten keine der uns quälenden Fragen, und sie wollen auch nicht bestätigen, dass wir schon immer recht hatten mit dem, was wir denken. Nein, die Lehren des Sokrates versprechen uns Klugheit, die jedoch unbequem erarbeitet werden will. Der Wissensdurst aber und die Bereitschaft, Unannehmlichkeiten zu ertragen, waren unter uns Menschen nie besonders groß, ob nun in der Antike oder im Heute.
Das erklärt, warum die sokratische Methode vielen unbekannt ist und auch in der Schule nicht gelehrt wird. Das sollte sie jedoch. Denn die Methode ist genauso einfach wie wirkungsvoll, sie ist genauso leicht zu verstehen wie kunstvoll zu meistern. Selbst, wer sonst nichts über die Philosophie weiß, kann mit ihr zu Ergebnissen gelangen. Sie hilft, über Dinge nachzudenken und Probleme zu diskutieren, die uns alle aktuell beschäftigen, und geht damit über Platons Welt hinaus. Nicht zuletzt weist sie uns einen Weg zum Glück im antiken Sinne: einem besseren Leben oder genauer gesagt einer besseren Einstellung zum Leben.
Da die Methode in den Dialogen nicht ausdrücklich erklärt wird, nimmt sich dieses Buch dieser Aufgabe an. Es möchte Sokrates’ Ideen und insbesondere seine Art der Gesprächsführung verständlich darstellen.
2. Es gibt bereits viele Bücher über Sokrates und Platon, und so schulde ich an dieser Stelle wohl eine Erklärung, warum ich dennoch ein weiteres für nötig hielt. Diese Bücher sind fast ausnahmslos Werke der akademischen Philosophie. Ihre Verfasser stellen die genaue Lektüre und eine fundierte Interpretation der Texte in den Vordergrund und möchten Studierende anhalten, dasselbe zu tun. Ich habe viele dieser Bücher gelesen und bewundere die Leistung ihrer Autoren. Mich aber interessiert an erster Stelle, wie die sokratische Methode angewandt werden kann, und das nicht nur von Akademikern, sondern von jedem von uns. Ich möchte mich dem Thema also eher aus dem praktischen Blickwinkel nähern. Dabei ist der Unterschied in der Vorgehensweise nicht gewaltig, da auch ich analysiere, was Platon meint, und passende wissenschaftliche Beiträge zitiere. Doch immer liegt der Fokus auf der Anwendung. Dieses Buch ist für all jene gedacht, die sich der Philosophie wie Sokrates nähern - in dem alltäglichen Bemühen, das Leben und wie wir es leben, verstehen zu wollen - und wissen möchten, was er dazu gesagt hat, wie wir dies besser tun können.
Konkret bedeutet das, dass dieses Buch der umfassenden Textanalyse jedes einzelnen erörterten Problems nicht so viel Platz einräumt wie andere Werke. Platon liefert endlos viel Stoff für Debatten, und so benötigt es viel Zeit und Raum, die einzelnen Argumente gegen jeden Einwand und jede Kritik zu verteidigen. Ich möchte jedoch meinen Beitrag zum Thema nicht ausufern lassen, und das ist mir nur möglich, wenn ich nicht jedes besprochene Problem ausführlich beleuchte. Das vorliegende Buch behandelt die aufgeworfenen Fragen daher nicht tiefschürfend, sondern legt sie nur im Kern dar und gibt in den Fußnoten Hinweise für weiterführende Lektüre. Leser, die sich eine genauere Exegese wünschen, können aus Hunderten anderer Veröffentlichungen wählen. Viele dieser Werke werden in der Bibliografie aufgelistet, wobei diese keine aktuelle oder vollständige Leseliste zu unserem Thema ist, sondern vor allem die im Text zitierten Quellen aufführt. Dennoch wird der interessierte Leser hier Einstiegspunkte in die Literatur finden.
3. Vor einigen Jahren habe ich ein Buch mit dem Titel Der praktizierende Stoiker geschrieben. Es behandelt Ideen der antiken Philosophie des Stoizismus, die noch heute von Interesse sind. Dieses Buch ist im Grunde der Vorgänger zum vorigen. Es erläutert die Ursprünge des Stoizismus. Die Stoiker betrachteten sich als Nachfahren und Jünger von Sokrates, sein Einfluss auf ihre lebensphilosophische Schule ist immens. Die Morallehre der Stoa kann tatsächlich als eine Erweiterung und Ausarbeitung des sokratischen Denkens betrachtet werden - auch das wird in diesem Buch erläutert. Zwar ist keine Kenntnis des Stoizismus erforderlich, um das Folgende zu verstehen, doch alle, die sich für das eine Thema interessieren, werden auch an dem anderen Gefallen finden. Viele Leser spricht der Stoizismus an, da er im Vergleich zu anderen Philosophien eher im alltäglichen Leben zur Anwendung kommen kann. Gleiches gilt für die Lehren des Sokrates, denn sie bringen uns in eine geistige Verfassung, die allezeit von Nutzen ist. Wie wir noch sehen werden, wurde diese Haltung entscheidend von Epiktet geprägt: Seine Denkweise hat viele verschiedene stoische Strömungen hervorgerufen.
Ganz Ähnliches ließe sich über den Skeptizimus sagen, eine wiederum andere philosophische Tradition, die viele moderne Anhänger findet (die sich dessen mehr oder weniger bewusst sind). Die Skeptiker der Antike waren Schüler des Sokrates und Rivalen der Stoiker. Auch ihre Haltung wird dieses Buch beleuchten.
4. Ebenso wird es in diesem Buch darum gehen, in welcher Hinsicht man die sokratische Lehre mit unseren derzeitigen kulturellen und politischen Schwierigkeiten in Verbindung bringen kann. Schauen wir zurück: Die Römer der Antike bauten ein ausgeklügeltes Wasserleitungsnetz, um überall dort, wo sie es brauchten, Wasser zur Verfügung zu haben. Das System ist ein Wunder der Baukunst. Doch viele Rohre bestanden aus Blei, und dieses Blei ging offenbar ins Wasser über. Und so lautet eine Annahme, dass es eine fortschreitende Bleivergiftung war, die zum Untergang Roms führte: Viele Römer und vor allem die Führungsschicht verloren dadurch ihr Denk- und Urteilsvermögen, heißt es. Die Theorie wird stark angefochten und hat womöglich weder Hand noch Fuß. Doch als Metapher ist sie unschlagbar. Auch wir haben Netzwerke errichtet, zur Verteilung von Information: das Internet und die sozialen Medien. Auch in diesen Systemen, die ebensolche Wunderleistungen sind, verbreitet sich eine Art Gift. Das Bewusstsein, das sich aus diesen Quellen versorgt, lernt, sich auf vorschnelle Reaktionen, einfache Wahrheiten, Einzeiler und Wut zu beschränken. Es sehnt sich nach Bestätigung und kann Widerspruch nicht leiden. Die Aufmerksamkeitsspanne schrumpft, die Dummheit nimmt zu. Schwachsinniges verbreitet sich, erscheint irgendwann normal und wird am Ende gefeiert. Die Fähigkeit, einen vernünftigen Dialog zu führen, auch wenn man verschiedener Meinung ist, nimmt mehr und mehr ab. Ich kann nur sagen, dass ich die Bleirohr-Theorie mit Blick auf das Internet und seine Auswirkung auf unsere Denkkultur weitaus plausibler finde als in Bezug auf den Verfall Roms.
Die sokratische Methode ist ein Korrektiv. Noch mehr als eine Technik sollten wir sie als eine Schule der Geduld, der Neugierde, der Demut und des Zweifels betrachten - alles vorbildliche Haltungen, die von den sozialen Medien verdrängt werden und aus unserem politischen und kulturellen Miteinander verschwinden. Die sokratische Methode beinhaltet, dass man Fragen ohne Angst stellt und ohne Groll entgegennimmt - ja, die Herausforderung und der Widerspruch durch andere wird hier als Freundschaftspflicht angesehen. Sokrates definiert ein unklares Konzept gerne einmal über die Benennung des Gegenteils, und das ist uns vielleicht auch an dieser Stelle eine Hilfe. Müsste ich das Gegenteil der sokratischen Methode mit einem Wort benennen, so würde ich wahrscheinlich antworten: Twitter.
Es ist inzwischen allen klar, welche Bedrohung solche Technologien für das Niveau unseres Diskurses darstellen und welchen Schaden sie bereits angerichtet haben. Doch der Kampf wird zwischen Kräften ausgefochten, die nicht so scharf umrissen sind, wie es vielleicht nützlich wäre. Fanatische Gruppierungen, Wunschdenken statt Faktentreue, das Bloßstellen von Andersdenkenden, die Zensur oder Selbstzensur diskreditierter Ansichten, fehlende Gesprächs- und Kooperationsbereitschaft - wir alle beobachten, wie diese Phänomene um sich greifen, und die meisten Menschen sehen mit Schrecken, was diese Entwicklungen mit sich bringen. Doch sind diese Tendenzen noch unter keinem schlüssigen Stichwort zusammengefasst worden - außer vielleicht, dass man sie (in ihrem schlimmsten Ausmaß) dem jeweiligen politischen Gegner zuschreibt. Es gibt bisher keine programmatisch formulierte Alternative, die sich all diesen unguten Auswüchsen in ihrer Gesamtheit entgegenstellen könnte. Niemanden gefällt, was passiert, aber die Gegenbewegung hat sich noch nicht eindeutig formiert, kein Programm entworfen und keinen Helden auserkoren.
Dieses Buch will nun Sokrates zu diesem Helden machen und die sokratische Methode zum Programm. Denn sie ist das natürliche Korrektiv zu den oben benannten Untugenden. Man kann das Fehlverhalten unterscheiden und verschiedenen politischen Extremen zuweisen, wie man mag - immer bleibt die sokratische Methode die beste umfassende Gegenmaßnahme. Sie ist ein würdiger Sammelplatz: ein Denksystem, das auf Vernunft gründet, nützliche Werkzeuge an die Hand gibt und eine ehrwürdige Geschichte hat. Wer sich gegen den Niedergang von Denkwillen und Diskursfähigkeit wenden möchte, und zwar an sämtlichen Fronten, ohne Parteinahme, der kann sich als Sokratiker bezeichnen und statt zur Waffe zu greifen den sokratischen Regeln des Miteinanders verschreiben. Dieses Buch führt aus, wie ein solches Engagement aussehen könnte.
Als Universitätsangehöriger liegt mir besonders an einer angemessenen Handlungsweise für das akademische Umfeld. Damit Hochschulen und ähnliche Einrichtungen nicht kranken, sollten sie sokratische Tugenden pflegen, sie sollten an Vernunft und Argumentationskraft festhalten und keinesfalls vor der Diskussion schwieriger Themen zurückschrecken. Idealerweise ist eine Universität ein sokratisches Gymnasium.
5. Dieses Buch behandelt mehrere Bereiche, die mit der sokratischen Methode in Verbindung stehen. Es kann sein, dass Leser sich für bestimmte Teile eher interessieren als für andere. Daher folgt nun ein kurzer Abriss der Kapitel und der in ihnen beleuchteten Themen.
Die ersten beiden Kapitel liefern vor allem Hintergrundwissen. Im ersten Kapitel geht es darum, wer Sokrates war (oder gewesen sein könnte), zudem betrachtet es das Verhältnis zwischen der historischen und literarischen Figur des Sokrates. Das zweite Kapitel erläutert den Unterschied zwischen Platons Ideen und den Methoden des Sokrates, den er in den Dialogen vorstellt.
Die Kapitel drei bis zwölf illustrieren die Funktionsweise der sokratischen Methode. Ihre wesentlichen Eigenschaften werden im dritten Kapitel herausgestellt und in den folgenden Kapiteln detailliert erläutert. Das vierte Kapitel handelt davon, wie sich die Methode im eigenen Denken statt im Gespräch anwenden lässt. Das fünfte Kapitel schaut sich das System von Frage-und-Antwort im Kontext von Verhören an. Die Kapitel sechs und sieben beschreiben den Elenchus beziehungsweise Gegenbeweis - Sokrates’ liebstes Argument - und die Bedeutung der Folgerichtigkeit für das sokratische Denken. Das achte Kapitel erklärt den sokratischen Ansatz für das Aufstellen und Auflösen von Unterschieden, das neunte Kapitel behandelt die Verwendung von Analogien. Im zehnten Kapitel werden Grundregeln des sokratischen Dialogs beschrieben. Das elfte Kapitel behandelt Unwissenheit und insbesondere die doppelte Unwissenheit - also die Unwissenheit über die eigene Unwissenheit. Sie ist das Kernproblem des sokratischen Projekts. Das zwölfte Kapitel widmet sich der Aporie - der Sackgasse, in die der sokratische Dialog oftmals führt, sowie der Geisteshaltung, die daraus folgen kann.
Im dreizehnten Kapitel werden die Vorteile der sokratischen Methode herausgestellt. Die folgenden Kapitel vierzehn bis sechzehn geben Beispiele dafür, was sich mit der Methode erreichen lässt. Das vierzehnte Kapitel fasst die Schlussfolgerungen zusammen, die Sokrates über die Bedeutung der Glückseligkeit und einen möglichen Weg dorthin gezogen hat. Das fünfzehnte Kapitel zeigt, wie die sokratische Methode von den Stoikern genutzt und erweitert wurde, das sechzehnte Kapitel tut dasselbe in Bezug auf die Anhänger des Skeptizismus.
Im 17. und 18. Kapitel werden einfache Möglichkeiten aufgezeigt, eigene sokratische Fragen zu entwickeln. Der Epilog übersetzt die sokratische Methode und die ihr zugrundeliegende Ethik in Regeln für unterschiedlich geartete Gespräche. Er spricht auch über die Bedeutung der sokratischen Ethik für Unterricht und Schule.
6. Dieses Buch verwendet Fußnoten. Manchmal bieten diese einen kurzen wissenschaftlichen Kommentar, der für den Haupttext von Bedeutung ist. Oder aber sie geben dem interessierten Leser Hinweise zu weiterführenden Quellen. Ich ziehe Fußnoten Endnoten vor, da man nicht ständig zum Ende des Buchs blättern muss. Wer keine Fußnoten mag, muss sie nicht beachten: Sie sind an keiner Stelle für das Verständnis notwendig.
Anmerkungen zu den Übersetzungen finden sich am Ende des Buchs. Dabei sind Zitate von Platon nach der Stephanus-Paginierung nummeriert. Dieses System erleichtert das Auffinden derselben Passage in einer beliebigen Ausgabe von Platons Dialogen. Die Nummerierung bezieht sich auf die Seiten einer besonders schönen Ausgabe von Platons Werken, die von Henri Estienne (latinisiert zu Stephanus), einem französischen Drucker des 16. Jahrhunderts, stammt. Er gab die Dialoge in drei Bänden heraus, die jeweils durchgehende Seitenzahlen haben. Jede Seite ist noch einmal in Abschnitte mit den Buchstaben A bis E unterteilt. Es ist üblich, die Stephanus-Paginierung zu verwenden, um auf Passagen in Platons Werken zu verweisen. (Eine ähnliche Nummerierung wird für Plutarchs Werke verwendet, so auch an einigen Stellen in diesem Buch.
Das System ist überaus praktisch. Denn ein Zitat von Sokrates erhält hier zum Beispiel die Angabe »Symposion 221D«. Wenn man nun in einer beliebigen Ausgabe von Platons Symposion nachschaut, wird man bei der Randnotiz »221D« eben diese Textstelle finden. Genauer gesagt bedeutet »221D«, dass das Zitat auf Seite 221 des Bandes der Stephanus-Ausgabe steht, der Platons Symposion enthält (in diesem Fall Band 3). Der praktische Nutzen ist eindeutig: Anhand der Paginierung findet man das entsprechende Zitat in jeder Platon-Ausgabe.
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1 Vlastos, »The Paradox of Socrates«, S. 20.
2 John Stuart Mill, »Plato«, in: Gesammelte Werke, 12. Band, S. 37.
Für ihre Ratschläge und Anmerkungen zu Entwürfen dieses Buchs danke ich Henry Abelove, Philip Bobbitt, Robert Chesney, John Deigh, Alexandra Delp, Victor Ferreres Comella, Stanley Fish, Michael Gagarin, Rebecca Goldstein, David Greenwald, Mark Helprin, Anthony Kennedy, Andrew Kull, Saul Levmore, Anthony Long, Susan Morse, Brian Perez-Daple, Reid Powers, William Powers, David Rabban, Christopher Roberts, Fred Schauer, Nicholas Smith, Geoffrey Stone, Eugene Volokh und Paul Woodruff. Außerdem danke ich den Mitarbeitern der Tarlton Law Library an der University of Texas für ihr großzügige und fachkundige Hilfe.
Wenn wir die Methode und Denkweise des Sokrates betrachten, reden wir dann über eine reale Person oder über eine literarische Figur? Die knappe Antwort lautet: Wir wissen es nicht. Und in vielerlei Hinsicht spielt es auch keine Rolle, obgleich es stellenweise unsere Haltung zu den in den Dialogen besprochenen Themen beeinflusst. Die Argumente, die zum sokratischen Problem formuliert worden sind, sind jedoch so interessant, dass sich dieses Kapitel ihnen näher widmen möchte (und dabei doch nur einen Bruchteil der hierzu existierenden, schier endlosen Literatur behandelt). Leser, die kein Interesse an dieser Frage haben oder die Argumente bereits kennen oder aber lieber gleich die Methode kennenlernen möchten, ohne sich mit Hintergrundinformationen aufzuhalten, können das Kapitel getrost überspringen.
Ich schreibe das Folgende in der Annahme, dass keine Vorkenntnisse vorhanden sind, und stelle also Sokrates und jene, die uns von ihm erzählt haben, kurz vor.
Sokrates. Sokrates lebte circa von 470 bis 399 v. Chr. Über sein Leben wissen wir nur wenig. Antike Biographen berichten, sein Vater sei Steinmetz gewesen und auch Sokrates habe das Handwerk erlernt. Während des Peloponnesischen Kriegs kämpfte Sokrates auf Seiten der Athener gegen Sparta. Da war er schon Mitte 40. Seine Frau hieß Xanthippe und soll ein ziemlicher Drachen gewesen sein, die bei einem Streit gar ihren Nachttopf über dem Kopf ihres Gatten ausleerte.1 Sokrates hatte drei Söhne. Sein Aussehen war offenbar markant und wird durchgehend als hässlich bezeichnet. Er soll einen Schmerbauch, eine Stupsnase und hervortretende Augen gehabt haben.2 Es gibt Witze darüber, dass sein Blick wie beim Krebs zur Seite wandern konnte.3
Sokrates wurde zugutegehalten, dass er das Augenmerk der Philosophie von der Betrachtung der Natur auf konkrete Probleme des Alltagslebens lenkte und sie damit zu einem geeigneten Thema für das persönliche Interesse eines jeden machte.4 Er verfasste keine eigenen Schriften, war in Athen aber eine so bekannte wie umstrittene Persönlichkeit: von seinen Studenten geliebt, auf der Bühne parodiert und mit berühmten Aufrührern in Verbindung gebracht (mehr dazu im Folgenden). Im Alter von etwa 70 Jahren wurde er der Gotteslästerung und der Verführung der Athener Jugend angeklagt und vor Gericht gestellt. Die Geschworenen in dem Fall waren offenbar 500 männliche, über 30-jährige Bürger der Stadt, die man aus 20.000 freien Athener Bürgern im entsprechenden Alter ausloste. Es gab Reden auf Seiten der Anklage und Verteidigung, das Urteil wurde per Mehrheitsbeschluss gefällt. Sokrates wurde für schuldig befunden und mit dem Tode bestraft.
Platon. Platon lebte von etwa 427 bis 347 v. Chr., 80 Jahre also. Er wurde in eine angesehene Athener Familie hineingeboren und hatte zwei Brüder und eine Schwester. In antiken Biographien heißt es, sein eigentlicher Name sei Aristokles gewesen, und »Platon« (platon bedeutet »breit«) sei ein Spitzname, den er aufgrund seiner körperlichen Erscheinung bekommen habe. Aber all das wissen wir nicht sicher. Über Platon persönlich ist uns kaum etwas bekannt.
Die ausführlichste Quelle zu Platons Leben ist ein Brief, den er in hohem Alter verfasst haben soll - der sogenannte Siebente Brief, dessen Echtheit jedoch angezweifelt wird. Das Schreiben ist an die Gefolgsleute des Dion gerichtet, einem ehemaligen Schüler Platons, der in Syrakus Politiker geworden und kurz zuvor einem Attentat zum Opfer gefallen war. Der Brief erzählt davon, wie sich Platon als junger Mann für Politik begeisterte und wie er als älterer Mann auf Reisen ging. Er enthält manche der Ideen, die wir im zwölften Kapitel besprechen werden. Es ist etwas länger her, dass der Altphilologe Guthrie seine Kollegen (»nur so zum Spaß«) zu dem Thema befragte und herausbekam, dass 36 den Siebenten Brief für echt befanden, 14 jedoch nicht (wobei sich manche auch enthielten).5 Der Brief besteht zum größten Teil aus der Schilderung und Diskussion von Ereignissen. Wir erfahren wenig über Platon selbst. Zu diesem Mangel an Informationen sagt uns der amerikanische Schriftsteller und Philosoph Ralph Waldo Emerson:
Der Genius hat die kürzeste Biographie. Seine Vettern können nichts von ihm erzählen. Er lebt in seinen Schriften, deshalb ist sein Haus- und Straßenleben unbedeutend und gemein. Wer seine Empfindungen und Gemütsart kennenlernen will, dem wird sie sein begeistertster Leser am getreuesten widerspiegeln. Plato insbesondere hat keine äußerliche Biographie. Ob er Freunde, Weib oder Kinder hatte, hören wir nicht. Er grundierte sie alle in sein Weltgemälde. Wie ein guter Kamin seinen Rauch verzehrt, so verwebt der Philosoph den Wert all seines Geschicks in seine geistigen Umbildungen.6
Platon stieß wahrscheinlich als Jugendlicher zu Sokrates’ Schülern. (Auch sein Onkel gehörte zu dessen Kreisen.) Und er war Ende 20, als Sokrates starb. Platon ging für mehrere Jahre nach Sizilien und lebte wohl auch an anderen Orten, bis er nach Athen zurückkehrte und seine Philosophenschule, die Akademie gründete. Sein Hauptwerk - und womöglich sein einziges Werk - sind die Dialoge, von denen er etwa 30 verfasst hat. Er kommt darin nie direkt vor, obgleich Sokrates in der Apologie feststellt, dass Platon bei seiner Gerichtsverhandlung anwesend ist. Innerhalb der Forschung wird oftmals angenommen, dass Platons frühere Dialoge vor seinen oben erwähnten Reisen geschrieben wurden, welche sein Denken noch einmal in eine andere Richtung lenkten.7 Ob Platon einen Teil der Dialoge schon vor Sokrates’ Tod geschrieben hat, bleibt fraglich.
Sokrates soll einen Schüler gehabt haben, der ihm noch näherstand als Platon: nämlich Antisthenes, der angeblich 60 Schriften verschiedener Länge verfasste, darunter eigene sokratische Dialoge. (Texte in Dialogform etablierten sich damals als eigenes kleines Genre.) Keines dieser Werke ist erhalten. Wir wissen nur über die Aussagen anderer von Antisthenes’ Texten, was für uns wenig hilfreich ist, um den historischen Sokrates besser zu verstehen. An einer Stelle jedoch berichtet der antike Historiker Diogenes Laertius, dass Antisthenes und Platon sich offenbar nicht sehr gut verstanden. Der Streit der beiden gewährt einen seltenen, wenn auch ungnädigen Blick auf Platons eigensinnigen Charakter.
Es geht auch folgende Erzählung um: Antisthenes wollte eine seiner Schriften vorlesen und lud dazu auch Platon ein. Als dieser fragte, was er vorlesen wolle, sagte er, eine Abhandlung über die Unmöglichkeit des Widersprechens. Da sagte Platon: »Wie kannst du denn über eben dies Thema überhaupt schreiben?«, wobei er ihm auseinandersetzte, dass er mit sich selbst in Widerspruch stehe. Da schrieb Antisthenes einen Dialog gegen Platon, betitelt Sathon. Seitdem waren sie dauernd verfeindet.8
»Sathon«, das Reimwort zu Platon, bedeutet indes »dicker Schwanz«.9
Xenophon(etwa 431-354 v. Chr.) war ein Athener Soldat, ebenso Schüler von Sokrates und Zeitgenosse von Platon. Er hat ausführliche Erinnerungen an Sokrates verfasst, allen voran seine Memorabilia. Es handelt sich dabei größtenteils um Gespräche zwischen Sokrates und anderen. Der von Xenophon porträtierte Sokrates ist ein ernsterer und weniger schillernder Moralist als Platons Sokrates. Hier in kurzes Beispiel:
Wenn er aber darüber Betrachtungen anstellte, was Neid sei, so fand er, dass derselbe eine Art Verstimmung sei, dass er jedoch weder über das Glück von Feinden, noch über das Unglück der Freunde entstehe, sondern nur die, sagte er, seien neidisch, welche über das Glück der Freunde sich ärgern. Wenn aber einige sich wunderten, wie einer, der einen andern liebe, über das Glück desselben verstimmt werden sollte, so erinnerte er daran, dass viele so gegen andere gesinnt seien, dass sie, wenn es jenen schlecht gehe, sich darüber ärgern und ihnen in ihrem Unglücke zu Hilfe kommen, wenn sie aber glücklich seien, darüber verstimmt werden. Einem verständigen Manne könne dies freilich nicht begegnen, den Toren aber ergehe es immer so.10
Xenophon verließ Athen, kurz bevor Sokrates vor Gericht gestellt wurde. Seine Erinnerungen an Sokrates schrieb er später - wahrscheinlich gar Jahrzehnte später. In seinen Texten stützt er sich teilweise auf Platons Dialoge, an anderen Stellen aber erfindet er Dinge dazu. Es ist daher riskant, Xenophons Erinnerungen an Sokrates für bare Münze zu halten - genauso übrigens wie Platons Berichte.11 Ob einer der beiden vertrauenswürdiger ist als der andere, wird im Folgenden Thema sein.
Aristophanes (etwa 446-386 v. Chr.) schrieb Komödien (insbesondere ein Stück namens Die Wolken), in denen Sokrates genannt wird oder als Figur vorkommt und lächerlich gemacht wird. Dieses Zeugnis des historischen Sokrates ist besonders verlockend, da es zu Lebzeiten verfasst wurde, knapp 25 Jahre vor seinem Tod. Es wird deutlich, dass Sokrates’ in Athen sehr bekannt war, außerdem finden wir in Aristophanes’ Porträts Züge, die auch Platons Sokrates trägt.
Dann wiederum ist der Sokrates aus Die Wolken ganz anders als der, den wir aus anderen Quellen kennen. Er wird als Moral- und Rhetoriklehrer dargestellt, der mit seinem Unterricht Geld verdienen will. Manche meinen nun, Aristophanes habe sich Sokrates’ nur bedient, um sich generell über Sophisten12 (Wanderlehrer der Redekunst und Tugend) lustig zu machen, andere dagegen nehmen an, dass Aristophanes gezielt Sokrates’ Morallehre kritisieren wollte.13 Diese Thesen sind für Forscher interessant, die sich dem sokratischen Problem intensiv widmen, doch im Grunde können wir nicht wissen, ob die Darstellung des Sokrates’ in Aristophanes’ Stücken seinem öffentlichen Bild entspricht oder darüber hinausgeht. Auch hier können wir nicht festlegen, wo der historische Sokrates endet und die literarische Figur beginnt.14
Auch die Schriften von Aristoteles (384-322 v. Chr.) enthalten Bemerkungen über Sokrates. Aristoteles wurde 15 Jahre nach Sokrates’ Tod geboren. Aber er war Platons berühmtester Schüler, und so kann man davon ausgehen, dass er nicht nur von seinem Lehrer, sondern auch aus anderen Quellen einiges über Sokrates erfuhr. Wir können zudem sicher sein, dass Aristoteles Platons Dialoge gelesen hat, auf die er sich an manchen Stellen zweifelsfrei beruft. Andererseits sagt er aber auch Dinge über Sokrates, die er nicht den Dialogen entnommen haben kann. Leider wissen wir nicht, wann er sich auf die Dialoge bezieht und wann nicht, daher sind seine Aussagen nicht gefahrlos als Bestätigung der Dialoge aufzufassen.15
Zudem haben sich Aristoteles’ Zeugnisse über andere Philosophen als wenig zuverlässig herausgestellt, und es besteht weiterer Grund für Zweifel.16 Dennoch lassen sich seine Kommentare mancherorts als Hilfsstützen für eine historische Rekonstruktion des Sokrates’ heranziehen.17
Gehen wir nun kurz und direkt darauf ein, ob der »Sokrates« aus den Dialogen dem historischen Sokrates entspricht oder vielmehr ein Produkt Platons ist. Im Folgenden will ich drei einfache Antwortmöglichkeiten zu dieser Frage skizzieren.18
1. Es ist der »echte« Sokrates. Nehmen wir an, Platons Dialoge stellen den Versuch dar, die Gedanken und Worte des Sokrates’ getreu wiederzugeben. Zwar glaubt niemand, dass die Dialoge wörtliche Mitschriften sind, sie sind zumindest in eine fiktionale Erzählung gefasst und ausgearbeitet worden. Dennoch könnte man doch meinen, dass die Schilderung sehr nah am »echten« Sokrates, dem historischen Sokrates »in Aktion« ist. Anhänger dieser Theorie bringen vor, dass Platons Leser sich schließlich an Sokrates und seine Worte erinnern konnten und sich beschwert hätten, wenn Platon etwas falsch dargestellt hätte. Hinzu kommt, dass Platon nicht durchgängig Sokrates als seine Hauptfigur verwendet. Dies zeigt, so die Theorie, dass Platon sehr wohl auswählte, welche Worte er Sokrates in den Mund legte, und sich wahrscheinlich darauf beschränkte, nur Dinge wiederzugeben, die Sokrates wirklich geäußert haben könnte.
Doch die Verfechter der historischen Authentizität finden wenig Unterstützer.19 Ihre Kritiker stellen heraus, dass Sokrates an verschiedenen Stellen der Dialoge widersprüchliche Positionen einnimmt.20 In der Apologie etwa streitet er das Interesse an philosophischen Themen ab, die er in Der Staat und im Phaidon eingehend behandelt. Und während Aristoteles die Ideenlehre ausdrücklich nicht mit Sokrates in Verbindung bringt, ist bei Platon zu lesen, wie Sokrates ausführlich über sie spricht. Man ist sich daher weitgehend einig, dass zumindest ein Teil der Dialoge eher Platons Gedanken wiedergibt, die er seinem Sokrates in den Mund legt.
2. Es stammt alles von Platon. Es könnte auch genau andersherum sein: Alles, was Sokrates in den Dialogen sagt, sind im Grunde Platons Gedanken oder zumindest seine Erfindungen. Sokrates wurde als Hauptfigur der Dialoge ausgewählt, weil Platon seinem Lehrer damit Ehre erweisen wollte. Dabei mag es durchaus Schnittstellen zwischen dem literarischen und dem realen Sokrates geben, so wie jede andere fiktionale Figur ein loses reales Vorbild haben kann. Platon aber wollte ein philosophisches und kein historisches Werk verfassen. Und so schrieb er im Laufe von 50 Jahren eine halbe Million strahlend kluge Worte über die Philosophie, und aus der Weisheit seiner Figuren spricht die seine. Sokrates hat ihn sicher inspiriert und ihn auf bestimmte Ideen gebracht, doch hauptsächlich illustrieren die Dialoge eben doch Platons Vorstellungen. Ein kleiner Teil davon geht auf Sokrates zurück - welcher Teil das ist, vermögen wir aber nicht zu sagen.
Diese Theorie ist absolut plausibel. Platon sagt an keiner Stelle, dass der Sokrates aus seinen Dialogen auf dem realen Sokrates basiert. Er schreibt einfach nur Geschichten, in denen eine Figur namens Sokrates auftaucht. Jede behauptete Ähnlichkeit zur historischen Person ist eine Deutung. Zudem haben wir die Schriften eines weiteren Sokrates-Schülers - Xenophon -, der hier nichts unserer Deutung überlässt, sondern eindeutig klarstellt, dass er über den historischen Sokrates berichtet. Sein Sokrates nun ist ein anderer als Platons. Nicht radikal anders, denn beide Figuren stellen ähnliche Fragen, doch im Stil, im Geistesreichtum und zum Teil auch im Wesen sind sie unterschiedlich. Wenn Xenophon sachlich berichtet, dann hat Platon gewaltig ausgeschmückt, und welche historische »Wahrheit« sein Sokrates auch enthalten mag, ist zu bruchstückhaft und unzuverlässig, als dass es sich lohnte, ihr nachzugehen. Die Dialoge Platons sind nach dieser Sichtweise wie ein Biopic zu behandeln: Man erfreue sich an dem Film, halte ihn aber nicht für einen authentischen Bericht.
3. Mal ist es Sokrates, mal Platon. Die aktuell am meisten geteilte Meinung folgt keinem der beiden oben beschriebenen Extreme. Man nimmt stattdessen an, dass Platons frühen Dialoge Sokrates mehr oder weniger so darstellen, wie er war.21 Dabei gehen manche davon aus, dass Platon Sokrates beschrieb, ohne viel hinzuzufügen, und andere wiederum glauben, dass Platon vermutete, was der echte Sokrates gesagt hätte, aber vor allem wiedergab, woran auch er selbst glaubte.22 In den nachfolgenden Dialogen treten dann immer mehr Platons eigene Ansichten hervor, bis in den letzten Texten nichts mehr vom historischen Sokrates zu finden ist.
Anhänger dieser Theorie üben oftmals Kritik an Xenophon, indem sie sagen, dass sein Sokrates keinesfalls mit dem historischen Sokrates übereinstimmen kann (anders als der Sokrates aus Platons frühen Dialogen). Der Grund, warum Xenophons Sokrates nicht der »echte« sein kann, lautet: Er ist zu langweilig. Ein solcher Sokrates hätte niemals so viele leidenschaftliche Anhänger und Feinde gewonnen, wie es der historische Sokrates offenbar tat.23 Der Kern des Problems liegt (wie manche vermuten) darin, dass Xenophon selbst langweilig und wenig geistreich war. Es fehlte ihm die Gabe, Sokrates in der Tiefe zu verstehen. Da er schwierige und doch so wesentliche Textstellen bei Sokrates nicht verstand, konnte er sie auch nicht entsprechend wiedergeben. Bertrand Russell hat diesen Umstand sehr eindrücklich zusammengefasst:
Der Bericht eines Dummen über das, was ein kluger Mann sagt, ist niemals korrekt, weil er das Gehörte unbewusst in etwas übersetzt, das er verstehen kann. Ich würde lieber von meinem erbittertsten Feind unter den Philosophen einen Bericht über mich erhalten, als dass ein Freund über mich schriebe, der sich mit der Philosophie nicht auskennt. Wir können daher Xenophons Worte nicht einfach glauben, wenn sie etwas philosophisch Schwieriges behandeln oder beweisen wollen, dass Sokrates zu Unrecht verurteilt wurde.24
Russell mag recht haben mit seinem generellen Urteil, doch ist er zu streng mit Xenophon.25 Denn in einer bestimmten Lesart offenbaren seine Erinnerungen an Sokrates eine eigene Klugheit, entweder als Verteidigungen von Sokrates oder als Versuch, Seiten von ihm zu zeigen, die Platon übergangen hat.26 Dennoch stimmt es natürlich, dass Xenophon ein Soldat war und kein Philosoph und dass er den meisten von uns ein wenig langweilig vorkommt. Und doch könnte gerade das sein Vorteil sein. Denn wenn wir Sokrates so sehen möchten, wie er war - wenn wir uns einen nüchternen Bericht wünschen -, dann kann es doch nicht schaden, jemanden zu fragen, der wenig einfallsreich und nüchtern ist. Von den Taten eines Sherlock Holmes würde doch auch besser ein Watson berichten als ein weiterer Sherlock Holmes.
Selbst jene, die annehmen, dass Platons Dialoge dem historischen Sokrates nachgebildet sind, erkennen in ihrer Schreibweise das große Talent Platons. Sie betrachten diese Begabung als hilfreich - doch genauso gut könnte es sie auf der Hut sein lassen, denn ein Genie ist ein unzuverlässiger Berichterstatter.27 Platon war geistreich genug, um einen Sokrates zu erfinden, und womöglich hat er genau das getan.28
Der Prozess gegen Sokrates. Es gibt noch einige Nebenaspekte rund um das sokratische Problem. Wie gehört bringen jene, die glauben, dass Platon den echten Sokrates zeigt, gerne folgendes Argument vor: Ein Großteil von Platons Publikum kannte Sokrates und hätte daher auf Ungenauigkeiten oder Unwahrheiten aufmerksam gemacht. Für den amerikanischen Philosophen Gregory Vlastos zählt dieses Argument vor allem für die Apologie des Sokrates, also seine Verteidigungsrede vor Gericht. Hunderte Athener waren Zeugen der Verhandlung. Platon musste daher die Figur des Sokrates authentisch darstellen. »Wenn wir uns auf diese Annahme einigen«, schreibt Vlastos, »so ist damit das Quellenproblem im Grunde gelöst. Denn dann können wir die Apologie als Maßstab für die Glaubwürdigkeit der Darstellung von Sokrates’ Gedanken und Charakter in Platons anderen frühen Dialogen nehmen.«29 Doch das ist zu kurz gedacht. Die Apologie unterscheidet sich von den anderen Dialogen, denn zum größten Teil handelt es sich gar nicht um einen Dialog, sondern um eine Rede. Leicht vorstellbar also, dass Platon das Ereignis mehr oder weniger treu wiedergegeben und seinen literarischen Sokrates dennoch auf andere, nicht auf diese Weise nachprüfbare Abenteuer geschickt hat.
Aber auch eine von Platon fiktionalisierte Apologie wäre nicht verwunderlich. Xenophon nämlich hat einen eigenen Bericht über einen Teil der Gerichtsverhandlung verfasst, und dieser unterscheidet sich von Platons Schilderung. Womöglich haben sich beide Freiheiten herausgenommen, um den Ruf ihres Lehrers zu verteidigen. Schauen wir uns einmal genauer an, warum das so sein könnte. Manche Forscher meinen, die Anklage gegen Sokrates sei vor allem politisch motiviert gewesen.30 Nachdem Athen 404 v. Chr. den Krieg gegen die Spartaner verloren hatte, geriet es unter die »Herrschaft der Dreißig«, einer Gruppe von Oligarchen, die Sparta wohlgesonnen waren. Ihre Terrorherrschaft dauerte knapp ein Jahr, forderte aber zahlreiche Opfer: Unterstützer der Demokratie wurden verbannt oder hingerichtet. Sokrates blieb und überlebte.31 Der Anführer der Dreißig war Kritias, ein Schüler von Sokrates. Auch mit anderen, die den Tyrannen angehörten, war Sokrates bekannt. Kritias kam bei dem Aufstand ums Leben, der die Herrschaft der Dreißig stürzte. Der Prozess gegen Sokrates fand vier Jahre später statt. Es wurde eine Amnestie beschlossen, die Sokrates davor bewahrte, wegen einer möglichen Beteiligung an der Terrorherrschaft angeklagt zu werden, doch Aufzeichnungen von anderen Prozessen legen nahe, dass politische Anklagen ganz einfach zu Anklagen wegen »gotteslästerlichen« Verhaltens umgedeutet wurden.32 Dies erklärt auch, warum Aischines 50 Jahre später in einer Rede die berühmte Anmerkung machte: »Ihr Athener habt den Sophisten Sokrates getötet, weil er der Lehrer des Kritias war, einem der Dreißig, welche die Demokratie zerstört haben.«33
Die Gründe für Sokrates’ Verurteilung und Hinrichtung sind vielfältig, und ich habe hier nur eine Seite beleuchtet. In der Literatur findet man auch die Ansicht, dass keine politischen Erklärungen infrage kommen und man sich vielmehr an den Bericht in Platons Apologie des Sokrates halten sollte.34 Wir haben wenige unmittelbare Belege, um diese Frage zu lösen, und so haben beide Ansichten ihre Berechtigung. Vielleicht war Sokrates ein weiser und untadeliger Philosoph, zu aufrichtig für seine Zeit. Vielleicht war er aber auch der Anführer eines Kults, der Geringschätzung für die Demokratie lehrte und seinen Schülern eine Neigung für das Tyrannentum mitgab. Die politische Interpretation sollte uns zumindest auf das Risiko aufmerksam machen, dass Sokrates’ Schüler ihn verklärt und reingewaschen haben könnten.
Was kommt zuerst? Dass die Dialoge sich bedeutend voneinander unterscheiden, bezweifelt niemand, und auch darüber, welche von ihnen die sokratische Methode am besten darstellen, besteht weitgehend Einigkeit. Die wahren sokratischen Dialoge, so heißt es, sind die frühen. Aber welche sind die frühen Dialoge, und woher wissen wir das?
Keiner der Dialoge ist datiert. Versuche, sie in eine Reihenfolge zu bringen, sind Thema Hunderter Forschungen - so werden in einer Veröffentlichung ganze 132 verschiedene Vorschläge für eine chronologische Ordnung gezählt.35 Viele Studien nutzen hierfür die Methode der Stilometrie - die Untersuchung kleiner stilistischer Unterschiede in den Dialogen - und stellen auf diese Weise fest, welche Texte wahrscheinlich eine größere zeitliche Nähe aufweisen. Doch diese Bemühungen liefern nur unsichere Ergebnisse, wenn man annimmt, dass Platon die Dialoge nachträglich bearbeitet oder bewusst stilistische Veränderungen vorgenommen hat. Das Verfahren verlangt zudem eine meist thematisch getroffene Festlegung dazu, welche Texte man als Ausgangspunkt nimmt. Die Auseinandersetzung über die Chronologie der Dialoge ist vor allem auch deshalb bemerkenswert, weil sie im Laufe der Jahrhunderte viele Mühen gekostet, aber lediglich einen Konsens über eine grobe Einteilung hervorgebracht hat. Dabei entspricht das Ergebnis ganz dem sokratischen Geist: Der Prozess des Fragens ist bereichernd, auch wenn er uns keine Antworten liefert.
Innerhalb der Wissenschaft wird die grobe Zuordnung der Texte in frühe oder späte Dialoge inzwischen von den meisten als Arbeitshypothese akzeptiert.36 Als frühe Dialoge bezeichnet man (in alphabetischer Reihenfolge): Apologie, Charmides, Euthydemos, Euthyphron, Gorgias, Hippias maior, Hippias minor, Ion, Kriton Laches, Lysis und Protagoras. Viele würden noch Buch 1 von Der Staat hinzufügen, das früher entstanden sein soll als der Rest, sowie den Menexenos. Das vorliegende Buch wird sich vor allem an die Dialoge aus dieser Gruppe halten, wobei gelegentlich auch spätere Texte und insbesondere der Theaitetos konsultiert werden, wo sie zur Klärung dienen. Ein Großteil der Dialoge wird also an der einen oder anderen Stelle erwähnt werden. Ich betrachte Platon als Schöpfer der sokratischen Methode: Dieser können wir uns anhand von Kommentaren annähern, die sich überall in seinem Werk finden.
Einheit oder Entwicklung? Die oben dargelegten Argumente überlappen sich mit einer weiteren Debatte zur Lesart der platonischen Texte. Manche bevorzugen hier die sogenannte »unitarische« Deutung: Man sollte die Dialoge so lesen, als wären sie Kapitel eines Buchs, die alle gleichzeitig fertiggeworden sind.37 Wenn es Unterschiede zwischen ihnen gibt, sollten wir nicht unterstellen, dass Platon eingegriffen hat, sondern vielmehr annehmen, dass diese seinen literarischen Geschmack spiegeln. Damit liegen wir sicher nicht ganz falsch, und außerdem ist es die konstruktivste Annahme, die wir treffen können. Leser, die sich mit dieser Deutung anfreunden, gehen oftmals davon aus, dass Platons Philosophie schon früh festlag und er sie im Anschluss nur weiter ausformuliert und erklärt hat.38 Im Umgang mit den Dialogen findet man auf der anderen Seite die sogenannte Entwicklungstheorie: Sie besagt, dass Platon im Laufe der Zeit sehr wohl neue Gedanken gefasst hat und seine Schriften dies reflektieren. Die Entwicklungstheorie geht oftmals (aber nicht zwingend) mit der Vorstellung einher, dass die frühen Dialoge den historischen Sokrates zeigen, die späten jedoch nicht.
Arbeitshypothesen. Dieses Buch schließt sich weitgehend den in der Forschung am meisten verbreiteten Annahmen an. Denn zum einen lässt sich die sokratische Methode am besten anhand von Dialogen demonstrieren, die wahrscheinlich zu Beginn von Platons Schaffen entstanden sind. Und zum anderen zeigen uns diese »frühen« Dialoge in etwa den »echten« Sokrates, und ich werde also davon sprechen, dass Sokrates dieses gesagt und jenes getan hat. Auch wenn der Sokrates in den frühen Dialogen größtenteils eine von Platon entwickelte Figur ist, unterscheiden sich seine Einstellung und seine Ideen von jenen in den später entstandenen Dialogen. Eine Unterscheidungsmöglichkeit zwischen den Dialogen ist vor allem auch praktisch. Es ist eine hilfreiche Hypothese, dass die frühen Dialoge zeigen, was »Sokrates« (und nicht Platon) gesagt hat, auch wenn unser Vertrauen in diese Annahme nicht allzu groß sein kann.
Meine persönliche Ansicht - die eher unbedeutend ist, hier aber doch erwähnt werden soll, damit meine Leser sie berücksichtigen können - ist die folgende: Der Sokrates aus den frühen Dialogen ist eine Mischung aus Platons Phantasie und Erinnerung, wobei wahrscheinlich mehr Ersteres als Letzteres in ihm steckt. Unabhängig davon, welche Lösung einem für das sokratische Problem am besten erscheint, sollte man sich vor Augen halten, welche Ungewissheit sie immer noch umgibt: Die eine wie die andere Position könnte falsch sein. In diesem Buch werden dennoch die soeben erwähnten Annahmen getroffen, damit wir eine Arbeitsgrundlage haben. Sollten die Annahmen falsch sein (was durchaus der Fall sein kann), so wäre die folgende Diskussion zum größten Teil dieselbe.
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1 Siehe Seneca, Von der Unerschütterlichkeit des Weisen, 18 (6).
2 Siehe etwa Theaitetus 143E. Dort sagt Theodorus zu Sokrates: »Nun aber, werde mir nur ja nicht böse, ist er eben nicht schön, sondern er gleicht dir mit der aufgeworfenen Nase und den heraustretenden Augen, nur hat er diese Züge nicht so stark wie du.«; vgl. auch die Passage aus dem Menon zu Beginn des 12. Kapitels.
3 Xenophon, Symposion, Kap. 5. Mehr über das Leben des Sokrates findet man in Guthrie, History of Greek Philosophy, Bd. 3, Kap. 8.
4 Vgl. Guthrie, Bd. 3, Kap. 14; Annas, »Classical Greek Philosophy«, S. 281-83.
5 Guthrie, History of Greek Philosophy, Bd. 5, S. 401. (Kahn, Plato and the Socratic Dialogue, S. 48.) Julia Annas dagegen betrachtet den Siebenten Brief als unglaubwürdige Quelle und sieht in der Tatsache, dass viele Wissenschaftler ihn für authentisch halten, vor allem ein Anzeichen dafür, dass ein großer Wunsch besteht, jenseits der nüchternen Dialoge auf etwas zu stoßen, für das Platon einstand. (Annas, Classical Greek Philosophy, S. 285.)
6 R. W. Emerson, Repräsentanten des Menschengeschlechts, Leipzig 1895, S. 45. (Übersetzt von Oskar Dähnert)
7 Siehe etwa Guthrie, History of Greek Philosophy, Bd. 4, S. 17ff; Vlastos, Socrates, Ironist and Moral Philosopher, S. 128ff.
8 Diogenes Laertius, Leben und Meinungen berühmter Philosophen, 3.35 (Felix Meiner, Hamburg 2015, übersetzt von Otto Apelt)
9 Der Ausdruck kann auch anders, jedoch ähnlich rüde übersetzt werden. Siehe Kahn, Plato and the Socratic Dialogue, S. 6.
10 Güthling, Xenophons Erinnerungen an Sokrates, Kap. 9.8, Leipzig 1883.
11 Siehe Kahn, Plato and the Socratic Dialogue, S. 75-79, 393-401.
12 Eine gute Darstellung der Sophisten findet man bei Woodruff, »Socrates Among the Sophists«, sowie bei Guthrie, History of Greek Philosophy, Bd. 3, Kap. 3, S. 448f.
13 Siehe Nussbaum, »Aristotle and Socrates«.
14 Überzeugende Analysen zu Aristophanes’ Sokratesbild findet man in Dover, »Socrates in the Clouds«; Lacey, »Our Knowledge of Socrates« und Nussbaum »Aristotle and Socrates«.
15 Siehe Kahn, Plato and the Socratic Dialogue, S. 85ff.; Nehamas, »Voices of Silence«, S. 170.
16 Siehe Kahn, Plato and the Socratic Dialogue, S. 79-86.
17 Siehe Lacey, »Our Knowledge of Socrates«.
18 Nails liefert mit Agora, Academy, and the Conduct of Philosophy, S. 8-31 einen ausgezeichneten Überblick über moderne Positionen zum sokratischen Problem und nennt zusätzliche Quellen. Siehe auch Waterfield, »Quest for the Historical Socrates«; Dorion, »Rise and Fall of the Socratic Problem«; Brickhouse / Smith, Socratic Moral Psychology; Nehamas, »Voices of Silence«. S. 160-65.
19 Vertreten wurde sie vor allem von Burnet und Taylor. Siehe Burnet, Greek Philosophy; A.E. Taylor, Socrates, S. 162.
20 Siehe Ross, Plato’s Theory of Ideas; Popper, Open Society and Its Enemies, n. 56.
21 Einen Überblick zu dieser Ansicht mit entsprechenden Belegen liefern Graham, »Socrates and Plato«; Vlastos, Socrates, Ironist and Moral Philosopher, Kap. 2.
22 Siehe zum Beispiel Guthrie, History of Greek Philosophy, Bd. 4, S. 67: Dort heißt es, in den frühen Dialogen habe sich Platon, was Form und Inhalt betrifft, »phantasievoll« an die Gespräche seines Lehrers erinnert. Vgl. hierzu Vlastos, Socrates, Ironist and Moral Philosopher, 50, S. 117.
23 Siehe Vlastos, »Paradox of Socrates«, S. 2f.: »Xenophons Sokrates, ein frommer Rezitator moralischer Allgemeinplätze, hätte Kritias gerade mal ein Schnauben entlockt, und Alkibiades ein Gähnen, während Platons Sokrates sie furchtbar aufbrachte.« Burnet, Greek Philosophy, S. 149: »Xenophons Verteidigung des Sokrates’ ist zu gelungen. Sokrates wäre niemals zum Tode verurteilt worden, wenn er wirklich so gewesen wäre.«
24 Russell, History of Western Philosophy, S. 82.
25 Siehe Howland, »Xenophon’s Philosophic Odyssey«; Vlastos, Socrates, Ironist and Moral Philosopher, S. 99f; Morrison, »On Professor Vlastos’s Xenophon«.
26 Siehe Cooper, Reason and Emotion: Essays in Ancient Moral Philosophy and Ethical Theory; Morrison, »On Professor Vlastos’s Xenophon«. S. 19: »Es ist Xenophons schriftstellerischer Größe zu verdanken, dass er Professor Vlastos glauben machen konnte, sein Sokrates wäre zu fromm gewesen, um angeklagt zu werden.«
27 Siehe Morrison, »On Professor Vlastos’s Xenophon«. S. 18: »Die Lehre der Freundschaft, die uns Xenophons Sokrates darlegt, ist nicht so langweilig, als dass sie nicht Interesse geweckt hätte. Im Gegenteil: Sie war neu, anregend und weise. Platons Genie hätte eher entsprochen, diese Lehre noch radikaler und noch anregender - und damit unrealistischer, übertrieben und falsch darzustellen.«
28 Russell, History of Western Philosophy, S. 83.
29 Vlastos, Paradox of Socrates, S. 4.
30 Siehe Waterfield, »Xenophon on Socrates’ Trial and Death«; Shorey, What Plato Said, S. 33; vgl. Grote, Plato and the Other Companions of Sokrates, 1:281; Brickhouse / Smith, Socrates on Trial, S. 2-10.
31 In der Apologie bezieht sich Sokrates auf einen Befürworter der Demokratie namens Chairephon, einen Jugendfreund, und merkt an, dass dieser zusammen mit anderen bei »dieser letzten Flucht geflohen, und mit euch auch zurückgekehrt« sei. (Apologie, 21a)
32 Waterfield, »Xenophon on Socrates’ Trial and Death«. S. 282f.
33 Aischines, 1.173 (Rede gegen Timarchos)
34 Siehe Irwin, »Review: Socrates an Athenian Democracy«.
35 Thesleff, Studies in Platonic Chronology.
36 Unsicherheiten in dieser Frage diskutieren etwa Annas, »What Are Plato’s ›Middle‹ Dialogues in the Middle Of?«; Kahn, Plato and the Socratic Dialogue.
37 Die unitarische Deutung wurde ursprünglich von Friedrich Schleiermacher vertreten, der Anfang des 19. Jahrhunderts eine einflussreiche Studie zu Platon veröffentlichte. Im 20. Jahrhundert findet man die Ansicht mehr oder weniger ausgeprägt bei Kahn, Plato and the Socratic Dialogue, S. 38ff; Friedlander, Plato, S. 162; Shorey, Unity of Plato’s Thought, S. 88 (siehe hierzu Sprague, »Platonic Unitarianism, or What Shorey Said«).
38 Siehe Shorey, S. 88: »Insgesamt gehört Platon eher zu der Sorte Denker, deren Philosophie im frühen Erwachsenenalter feststand.«
Das folgende Kapitel erklärt den Unterschied zwischen der sokratischen Methode und den von Platon beschriebenen Ideen. Stellenweise nähern wir uns diesem Thema über die Worte John Stuart Mills an, dem berühmten britischen Philosophen, der zu den größten Verfechtern der sokratischen Methode gehört. Es gibt viele Möglichkeiten, sich mit Sokrates zu beschäftigen und von ihm zu lernen. Dieses Buch versucht, ihn vor allem in dem von Mill vorgestellten Geist zu begreifen.
Text und Fußnoten. Dass Platon unter Philosophiestudenten hohes Ansehen genießt, muss nicht groß betont werden. Bei philosophisch interessierten Personen außerhalb des akademischen Umfelds dagegen beobachtet man sicher einen gewissen Respekt für Platon, dem jedoch kaum Begeisterung oder tiefere Neugier beigemischt sind. Man weiß um Platons Bedeutung und zollt ihm die nötige Anerkennung. Mag sein, dass mancher die Einschätzung von Alfred North Whitehead kennt, nach der die gesamte philosophische Tradition Europas aus »Fußnoten zu Platon« besteht.1 Vielen liegt besonders an diesen Fußnoten. Sie sehen sich nicht als Platoniker, sie lesen Platon nicht besonders gern und bringen ihn nicht mit von ihnen hochgehaltenen Ideen in Verbindung. Wenn ihnen etwas zu Platon einfällt, dann seine Ideenlehre oder die These, dass Lernen ein Erinnern an Gewusstes ist, oder aber das Prinzip der Philosophenherrschaft. Überzeugt sind sie von diesen Dingen aber nicht. Viele Leser reagieren daher ähnlich auf Platon wie Thomas Jefferson, der nach der Lektüre Der Staat an John Adams schrieb:
Während ich mich durch die Launen, Albernheiten und das unverständliche Kauderwelsch kämpfte, legte ich es oft nieder, um mich zu fragen, wie es geschehen konnte, dass die Welt so lange willens war, solchen Unsinn zu verehren. [...] Den Modernen geht es dabei, glaube ich, vornehmlich um Mode und Autorität. Bildung ist hauptsächlich in den Händen von Personen, die von Berufs wegen ein Interesse am Ansehen und an den Vorstellungen Platons haben. Sie geben während der Schulzeit den Ton an, und nur wenige haben in den Jahren danach Gelegenheit, ihre Schulmeinung zu überdenken.2
