Die Spionin des Winterkönigs - Tereza Vanek - E-Book
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Die Spionin des Winterkönigs E-Book

Tereza Vanek

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Beschreibung

Als alles verloren scheint, könnte ihr Mut die letzte Hoffnung sein … Heidelberg, 17. Jahrhundert. Die junge Fronicka von Odenwald wächst zusammen mit dem zukünftigen Kürfürsten Friedrich am protestantischen Heidelberger Hof auf. Mit den Jahren lernt sie ihren Kindheitsfreund immer besser kennen und schließlich auch lieben – doch als dieser die englische Prinzessin Elisabeth Stuart heiratet, muss Froni ihr gebrochenes Herz verbergen. Als Hofdame begleitet sie das Paar nach Prag, wo Friedrich zum böhmischen König gewählt wird. Aber seine Herrschaft in der goldenen Stadt steht unter keinem guten Stern und Aufstände zwingen das Königspaar schließlich zur Flucht. Fest entschlossen, Friedrichs Krone zu bewahren, versucht Froni, die Protestanten in Prag zum Widerstand zu bewegen. Aber kann die Hoffnung und Liebe einer jungen Frau wirklich das Schicksal eines Königreichs verändern? Ein mitreißender historischer Roman für alle Fans von Rebecca Gablé und Sabine Ebert.

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Seitenzahl: 604

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über dieses Buch:

 

Heidelberg, 17. Jahrhundert. Die junge Fronicka von Odenwald wächst zusammen mit dem zukünftigen Kürfürsten Friedrich am protestantischen Heidelberger Hof auf. Mit den Jahren lernt sie ihren Kindheitsfreund immer besser kennen und schließlich auch lieben – doch als dieser die englische Prinzessin Elisabeth Stuart heiratet, muss Froni ihr gebrochenes Herz verbergen. Als Hofdame begleitet sie das Paar nach Prag, wo Friedrich zum böhmischen König gewählt wird. Aber seine Herrschaft in der goldenen Stadt steht unter keinem guten Stern und Aufstände zwingen das Königspaar schließlich zur Flucht. Fest entschlossen, Friedrichs Krone zu bewahren, versucht Froni, die Protestanten in Prag zum Widerstand zu bewegen. Aber kann die Hoffnung und Liebe einer jungen Frau wirklich das Schicksal eines Königreichs verändern?

eBook-Neuausgabe Dezember 2025

Copyright © der Originalausgabe 2018 Tereza Vanek

Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von Shutterstock/Lukasz Szwai, Vlad Sokolovsky, Kuihaman, NATALIA-P und firefly/Nele Schütz Design

eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (ma)

 

ISBN 978-3-69076-279-3

 

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Tereza Vanek

Die Spionin des Winterkönigs

Historischer Roman

 

Besser als streiten, wie ein Feuer entstand, ist, es zu löschen.

Johann Amos Comenius

Wichtige Daten

 

Februar 1613

Heirat von Friedrich von der Pfalz und Elizabeth Stuart

 

Mai 1618

zweiter Prager Fenstersturz

 

November 1619

Krönung Friedrichs zum böhmischen König

 

November 1620

Schlacht am Weißen Berg

 

April 1622

Schlacht von Mingolsheim

Prolog

 

Heidelberg, 1610

 

»Los, komm, hab keine Angst!«

Froni stemmte ihren Fuß auf die Astgabel und vertraute sich Friedrichs Händen an, die sie aufwärtszogen. Das Geäst der hohen Eiche zerkratzte ihr Gesicht, ihr einziges schönes Haarnetz blieb an einem Zweig hängen und auf einmal vernahm sie zu ihrem Entsetzen das scharfe Geräusch von Stoff, der zerriss. Ihre Mutter würde ihr niemals verzeihen, wenn sie nun ihr Kleid ruinierte. Aber für einen Rückzug war es bereits zu spät.

»Hier verstecke ich mich immer, wenn ich eine Weile meine Ruhe haben will«, sagte Friedrich und zog sie weiter in das Reich von Ästen und Blättern empor. Froni meinte, die prachtvolle, aber enge Welt des Heidelberger Schlosses mit einem Mal verlassen zu haben, und hätte sich nicht gewundert, wenn plötzlich auf einem der Äste ein Gnom oder eine Elfe aufgetaucht wäre. Doch sie war allein mit Friedrich, als sie nebeneinander auf einem breiten Ast Platz fanden. Unter ihnen lag der Schlossgarten und hinter einem Scherenschnitt aus Blättern und Zweigen war das graue Gemäuer des fürstlichen Gebäudes zu erkennen. Froni verstand auf der Stelle, warum Friedrich so gern hierherkam. Es war, als könne man über der vertrauten Wirklichkeit schweben, sich sicher und doch gleichzeitig frei von allen Verpflichtungen fühlen, die das Leben an einem Fürstenhof mit sich brachte. Auf Friedrich, der nach dem frühen Tod seines Vaters bereits mit vierzehn Jahren Kurfürst von der Pfalz geworden war, lastete noch weitaus mehr Verantwortung als auf der Tochter einer unbedeutenden Hofdame.

»Es ist schön hier«, sagte Froni spontan. »Es freut mich sehr, dass du mir diesen Ort gezeigt hast.«

Sie freute sich tatsächlich so sehr, dass sie spürte, wie ihre Wangen glühten, doch lag dies nicht einfach daran, dass sie den Mut gehabt hatte, auf einen Baum zu klettern. Auf der Burg ihres Vaters, wo das Leben weniger streng reglementiert war, hatte sie oft mit den Kindern der Bediensteten herumgetollt und dabei so einige Dinge angestellt, von denen ihre Mutter zum Glück nie erfahren hatte. Was Froni wirklich mit Glück und Stolz erfüllte, war der Umstand, dass Friedrich ihr soeben sein größtes Geheimnis anvertraut hatte, jenes Versteck, das nur ihm allein gehörte.

Im Frühjahr letzten Jahres war Froni mit ihrer Mutter nach Heidelberg gekommen. Ihr Vater war gestorben, sodass der Familienbesitz in die Hände ihres ältesten Bruders übergegangen war. Leider vertrug die verwitwete Frau von Odenwald sich nicht mit ihrer Schwiegertochter, die sich nun als Hausherrin zu gebärden begann, sodass sie mit Froni, ihrem jüngsten Kind, die Flucht ergriffen hatte. Als junges Mädchen hatte Frau von Odenwald in den Diensten von Friedrichs Mutter, der Prinzessin Louise Juliana von Oranien-Nassau, gestanden und wurde von dieser großzügig am Heidelberger Hof aufgenommen. Für Froni wäre das nur von Vorteil, hatte die Mutter unterwegs gemeint, denn es war an der Zeit, dass ihre reichlich verwilderte Tochter zu einer jungen Dame erzogen wurde. Immerhin war sie schon zwölf.

Froni hatte die heimatliche Burg zunächst fürchterlich vermisst. Sie hatte es gehasst, jeden Tag steife, schwere Kleider zu tragen und sich ständig nach einem für sie völlig undurchschaubaren Geflecht von Vorschriften richten zu müssen, denen selbst Dinge wie das tägliche Aufstehen, Si- chankleiden und der Verzehr von Mahlzeiten hier unterlagen. Die zahlreichen Ohrfeigen, die sie sich immer wieder von älteren Hofdamen einflng, wenn sie irgendetwas falsch machte, hatten dazu beigetragen, dass sie sich Nacht für Nacht in den Schlaf geweint hatte.

Aber dann war der junge Pfalzgraf von seiner Erziehung am Hof von Sedan heimgekehrt und alles hatte sich verändert. Froni konnte nicht genau sagen, woran es lag, dass er sie zu seiner auserwählten Gefährtin gemacht hatte. Vielleicht hatte er etwas von ihrer Einsamkeit und ihrem Unglück in ihrem Gesicht lesen können und so eine verwandte Seele erkannt. Denn trotz seines strahlenden Aussehens und all der gewinnenden Manieren, die der junge Pfalzgraf an den Tag legen konnte, neigte er tief in seinem Inneren zur Schwermut.

»In Sedan gab es keinen solchen Baum«, erzählte er nun. »Da wurde ich tagaus, tagein von meinen Lehrern drangsaliert, die mich für meine verantwortungsvolle Aufgabe als Fürst und Beschützer der deutschen Protestanten vorbereiten sollten. Doch wenn ich hier oben sitze, da scheint es plötzlich nicht einmal mehr wichtig, ob irgendwo wieder die Katholiken das Sagen haben könnten und welcher Herrscher welches Bündnis mit wem eingeht. Da ist man einfach froh, leben und Gottes Schöpfung bewundern zu können.«

Er sah Froni an und sie bemerkte, wie ernst, fast traurig sein Gesicht wieder einmal geworden war. Sie legte ihre Hand auf die seine und war überglücklich, als er sie nicht gleich wegzog, wie Jungen es allgemein taten, wenn ihnen weibliche Zuneigung zu aufdringlich wurde.

»Eure Hoheit!«, drang eine Männerstimme in ihr heimliches Reich. »Wo seid Ihr? Es gibt wichtige Dinge zu besprechen!«

»Das ist Johann von Zweibrücken, mein Vormund und Lehrmeister«, stellte Friedrich mit betrübter Stimme fest. Froni hatte dies bereits selbst erkannt. Der Calvinist war von Friedrichs Mutter entsprechend den Wünschen ihres verstorbenen Gemahls an den Hof geholt worden. Eigentlich wäre die Rolle des Vormunds dem nächsten männlichen Verwandten, Wolfgang Wilhelm von Neuburg, zugefallen, aber der war Katholik und daher nicht erwünscht. Der ebenfalls katholische Kaiser hatte die Entscheidung stillschweigend geduldet, sodass der befürchtete Konflikt zunächst einmal ausgeblieben war.

»Manchmal«, begann Friedrich leise, »da überlege ich, dass ich einfach hier oben versteckt bleiben könnte. Niemand würde mich finden.«

»Aber wie willst du auf einem Baum überleben?«, fragte Froni erstaunt.

»Nun, ich könnte nachts herunterklettern und nach etwas Essbarem in den Vorratskammern suchen, so, wie Ratten oder streunende Katzen es tun. Vielleicht könnte ich mich sogar für ein paar Stunden in irgendeiner dunklen Ecke hinlegen, bevor ich in der ersten Morgendämmerung wieder in mein Versteck klettere.«

Froni musterte ihn mit einer gewissen Verwirrung, denn er hatte todernst geklungen. Zog er tatsächlich einen derart närrischen Plan in Erwägung? Sein Gesicht, das ein Bildhauer nicht edler und klassischer hätte schaffen können, sah weiter melancholisch aus, ein Eindruck, der durch die leicht zerzausten braunen Locken verstärkt wurde.

»Ich würde dir das Essen bringen«, versprach Froni, ohne weiter zu überlegen, »und dich rechtzeitig wecken, damit du nicht im Schlaf entdeckt wirst.«

Nun blitzte der Schalk in seinen großen, dunklen Augen auf und Froni fürchtete, vor Scham auf den Boden zu stürzen, weil sie seine Albernheiten nicht sogleich durchschaut hatte. Ihre älteren Brüder hatten sie oft wegen ihrer Gutgläubigkeit gehänselt, die angeblich Mädchen eigen war, da sie von der harten Wirklichkeit viel zu wenig Ahnung hatten. Doch Friedrich drückte plötzlich von selbst ihre Hand.

»Du wärest für jeden Unsinn zu haben«, meinte er anerkennend. »Aber ich fürchte, jetzt müssen wir wieder runterklettern, sonst fällt mein armer Vormund noch vor lauter Angst über mein Wohlergehen und die politischen Konsequenzen meines plötzlichen Verschwindens in Ohnmacht.«

Froni nickte brav. Im Grunde war sie erleichtert, dass Friedrich nicht völlig den Sinn für die Notwendigkeiten des täglichen Lebens verloren hatte, obwohl die Vorstellung, seine einzige heimliche Verbündete zu sein, ihr durchaus gefallen hatte. Sie schob sich ein wenig vorwärts und versuchte, mit ihren Füßen einen tieferliegenden Ast zu erreichen. Gern hätte sie Friedrich dadurch imponiert, dass sie selbst herunterklettern konnte.

»Nicht so übereifrig, Froni. Wir warten, bis der edle Johann von Zweibrücken sich weit genug entfernt hat, denn er soll mich ja nicht vom Baum fallen sehen wie einen überreifen Apfel.«

Froni kicherte und war gleichzeitig beeindruckt von Friedrichs Weitblick. Darüber hinaus gefiel es ihr, noch eine Weile neben ihm sitzen bleiben zu können, verborgen hinter dichtem Geäst, als seien sie zwei heimliche Verschwörer.

»Wenn ich ein einfacher Ritter wäre ...«, begann er plötzlich und wandte sein Gesicht ab, was Froni verstörte. »Also dann würde ich auf die Burg deines Vaters reiten und ihn fragen, ob er sich eine Verbindung zwischen meinem Haus und dem seinen vorstellen kann.«

»Aber mein Vater ist doch schon tot«, meinte Froni kleinlaut.

»Oh, das hatte ich leider vergessen. Dann eben deinen Bruder, aber den magst du ja nicht gut leiden, nicht wahr?«

Froni nickte stumm. Das Herz hüpfte wie ein unruhiger Ball in ihrer Brust und sie war dankbar, dass dichtes Geäst das Tageslicht filterte, denn wieder brannten ihre Wangen. Aber das Gefühl, das sie dabei durchflutete, war durchaus angenehm. Sie kannte es aus ihrer frühen Jugendzeit, wenn der Vater sie anstatt all ihrer Brüder auf seinen Schoß gesetzt und sein Herzenskind genannt hatte.

»Aber du bist kein einfacher Ritter«, fiel ihr ein und das Gefühl wurde wie ein Windhauch ins Geäst geblasen. »Sonst wäre ich mit dir davongerannt, wenn mein Bruder dein Angebot abgelehnt hätte.«

Sie erschrak, weil sie sehr laut gesprochen hatte. Friedrich zog seine linke Augenbraue hoch. Wieder sah sie den Schalk in seinen Augen blitzen und fragte sich, ob sie ihn ernster genommen hatte, als angebracht war.

»Ich bin der Kurfürst von der Pfalz, der Beschützer aller deutschen Protestanten. So auch deiner.«

Leider gab es sehr viele andere junge Frauen, deren Beschützer er ebenso war. Froni wurde wieder bewusst, wie unwichtig sie eigentlich war.

»Sobald ich mündig bin und keinen Vormund mehr habe, kann ich tun, was mir gefällt«, verkündete Friedrich stolz. Dann griff er in den kleinen Lederbeutel, der an seinem Gürtel hing, und zog eine Schnur heraus. Eine kleine Holzschnitzerei baumelte daran.

»Das ist ein Eulenküken«, sagte er. Diese Erklärung war auch notwendig, denn Froni konnte nichts weiter als eine Art verwachsenen Gnom erkennen. Holzschnitzerei gehörte leider nicht zu Friedrichs Stärken.

»Als ich dich das erste Mal sah, in der Gefolgschaft meiner Mutter, und du dich hinter den Röcken der älteren Hofdamen versteckt hattest, aber gleichzeitig versuchtest, so viel wie möglich zu sehen zu bekommen, da kamst du mir vor wie eine aus dem Nest gefallene kleine Eule.«

Froni schluckte. Sie wusste nicht, ob sie diese Beschreibung schmeichelhaft finden sollte.

»Ich war eben neugierig«, erklärte sie verlegen.

»Und gleichzeitig schüchtern. Aber auch frech und neunmalklug. Ich habe gleich geahnt, dass du ein Mädchen bist, mit dem ein Mann Unsinn anstellen kann, ohne dass es gleich von Sünde und ewiger Verdammnis spricht oder einfach entsetzt davonläuft. Deshalb möchte ich dir diese Kette schenken.«

Froni stieß ein nervöses Kichern aus. Zwar sah die missglückte Schnitzerei weiterhin nicht wie eine Eule aus, aber was machte das schon? Sie hätte über ein kostbares Juwel nicht glücklicher sein können. Vermutlich war dies der Augenblick, um einen geistreichen Scherz zu machen, denn Friedrich schätzte wortgewandte Menschen. Aber ihr wollte einfach nichts einfallen als ein schlichtes Wort des Dankes. Glücklicherweise sah Friedrich nicht enttäuscht aus.

»Wir gehören zusammen, Froni. Ganz gleich, was noch geschehen mag«, versprach er. Zwar tanzte immer noch sanfter Spott in seinen wunderschönen Augen, aber seine Stimme klang ernst.

»Zusammen für immer«, plapperte sie munter drauflos und neigte ihr Gesicht zu dem seinen. Er zögerte einen winzigen Augenblick, dann streiften seine Lippen ihre Wange. Froni schloss die Augen. Eine merkwürdige Unruhe fuhr durch ihren Körper, als krabbelten aufgebrachte Ameisen darin herum. Vielleicht würde Friedrich sie jetzt auch noch umarmen, wie ihr Vater es manchmal getan hatte.

Aber er wandte sich ab.

»Es ist Zeit, nach unten zu klettern, kleine Eule. Sonst löst mein vermeintliches Verschwinden noch den nächsten Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken aus.«

Mit einem geschickten Sprung gelangte Friedrich auf den Ast unmittelbar unter ihnen, doch geriet er gleich darauf ins Schwanken. Froni streckte ihre Hände aus, um seinen Absturz zu verhindern.

Teil 1

 

Kapitel 1

 

»Fronicka, was trödelst du denn wieder?«, nörgelte die Stimme der Frau von Zwergenstein in ihrem Rücken. Froni, die sich aus dem Fenster gelehnt hatte, um die uralte, mächtige Eiche im Schlossgarten zu betrachten, wandte sich widerwillig um. Die Pfalzgräfin Louise Juliana brauchte stets die Hilfe mehrerer Hofdamen, um sich morgens anzukleiden. Leider kränkelte Fronis Mutter seit dem letzten Winter ständig, sodass sie nun ihre Aufgaben übernehmen musste. Im Geiste zählte sie alle Dinge auf, die vonnöten waren, um eine alte Frau in eine Pfalzgräfin zu verwandeln: Strümpfe und ein Reifrock, ein Mieder, danach mehrere Unterröcke und schließlich jene Robe, die Ihre Hoheit heute ausgewählt hatte. Allein das Frisieren konnte bis zur Mittagsstunde dauern. Sie hatte niemals geahnt, wie aufwendig es sein konnte, dünnes graues Frauenhaar zu einem mit Juwelen geschmückten, turmartigen Gebilde aufzurichten. Missmutig gesellte sie sich in die Reihe der Hofdamen, um ihren Aufgaben entgegenzugehen. Seit Friedrich nach England aufgebrochen war, schien ihr das Heidelberger Schloss wieder ein so freudloser, kalter Ort wie unmittelbar nach ihrer Ankunft, doch hoffte sie auf seine baldige Rückkehr. Noch am Tag seiner Abreise hatten sie sich kurz heimlich treffen können und er hatte ihr versichert, dass er diese hochnäsige englische Prinzessin nicht wollte, ganz gleich, wie vorteilhaft eine solche Verbindung für die protestantische Sache wäre. Zudem würde man ihn, einen gewöhnlichen Pfalzgrafen, auch niemals als königlichen Schwiegersohn akzeptieren, da ver- stieg sein Vormund Johann von Zweibrücken sich in unrea- Hstische Träumereien, weil er auf Friedrichs Charme und sein blendendes Aussehen vertraute. »Aber ich werde mich von meiner unausstehlichsten Seite zeigen, damit sie mich gleich wieder nach Hause schicken!«, hatte Friedrich lachend versprochen und Froni noch einmal an sich gedrückt, während die Stimme Johann von Zweibrückens vor der Tür zum Aufbruch drängte.

 

Die fünf Hofdamen betraten das Gemach der Pfalzgräfin, die bereits aufrecht im Bett saß, und sanken in eine tiefe Reverenz. Dann begannen sie alle zu tun, was sie jeden Morgen taten. Eine stellte der Gräfin die Pantoffeln hin, die nächste brachte Reifrock und Unterröcke, während Froni ein Paar Strümpfe über grauweiße, von blauen Adern durchzogene Beine rollte.

»Ich habe gestern Abend noch eine Nachricht von meinem Sohn erhalten«, erzählte Louise Juliana mit glücklich strahlenden Augen. Froni ließ den zweiten Strumpf fallen, was zum Glück niemand bemerkte.

»Ich bin mir sicher, dass der junge Herr die Herzen der Engländer im Sturm erobert hat«, zwitscherte sogleich die Frau von Zwergenstein, während sie die Schmuckkassette der Pfalzgräfin öffnete, um ein Collier mit Rubinen herauszuholen.

»Ja, so scheint es«, stimmte Friedrichs Mutter sogleich zu. Froni unterdrückte den Wunsch, sie in ihre dünnen Waden zu kneifen. Aber daran, dass die alte Dame ihren Sohn für unwiderstehlich hielt, war eigentlich nichts Überraschendes. Sie hatte allen Grund dazu. Sie konnte ja nicht wissen, dass Friedrich ...

»Er schreibt, dass diese Elizabeth Stuart tatsächlich so strahlend schön und geistreich ist, wie ihr allgemein nachgesagt wird. Damit hatte er nicht gerechnet.« Louise Juliana stieß ein leises, nachsichtiges Lachen aus. »Mein armer Sohn fürchtete, dass wir ihn mit einer Vogelscheuche vermählen wollen, nur weil es der protestantischen Sache dient. Aber das hätte ich niemals zugelassen, ganz gleich, wie sehr sein Vormund mich gedrängt hätte.«

Froni spürte, wie ihre Hände zu zittern begannen. Friedrich hatte das nur geschrieben, um seine Mutter zu besänftigen, sagte sie sich. Er war stets zögerlich, wenn es galt, die Erwartungen seiner Umwelt zu enttäuschen, als hätte er Angst, nur einen Krümel jener Bewunderung und Liebe, an die er gewöhnt war, auf immer verlieren zu können. Nachdem sie der Gräfin den zweiten Strumpf angezogen hatte, nutzte sie den kurzen Moment der Freiheit von Pflichten, um jene Stelle an ihrem Hals zu berühren, wo die geschnitzte Eule hing. Ihre Mutter hatte diese Vorliebe für so ein gewöhnliches, billiges Schmuckstück nie verstehen können, doch in den letzten Monaten war sie zu schwach und kränklich geworden, um der Tochter noch irgendwelche Vorschriften zu machen. Zu ihrem Staunen hörte Froni einen leisen Schluchzer in ihrem Rücken und wandte kurz den Kopf. Sophia von Falkenhagen, eine junge, blonde, bildhübsche Hofdame, wischte sich schnell die Augen trocken. Froni begriff nicht, warum dieses stets so sonnig gestimmte Mädchen auf einmal traurig war, doch konnte sie in diesem Moment auch nicht fragen.

Nachdem Louise Juliana angekleidet und frisiert war, ihren Schmuck angelegt hatte und mit Duftwasser besprüht worden war, fand ein Morgenmahl im Speisesaal statt. Froni trank zwei Becher süßen Gewürzweins und verzehrte gierig einen mit Speck überbackenen Brotfladen, denn sie hatte an diesem Tag bisher nichts gegessen.

»Ist Euch nicht wohl, Sophia?«, hörte sie die unangenehme Stimme der Frau von Zwergenstein fragen. »Ihr esst nicht.«

»Ich fürchte, ich habe gestern zu kräftig zugelangt«, erwiderte das Fräulein von Falkenhagen leise. »Mein Magen ist noch voll.«

»Nun, der Medikus kann Euch sicher einen Trank brauen, der Eure Verdauung anregt. Mir hat er kürzlich mit Schwedenbitter sehr geholfen, als ich so aufgebläht war, dass ich kaum gerade stehen konnte. Vielleicht sind Eure Körpersäfte durcheinandergeraten. Es tut einem jungen Mädchen auch nicht gut, zu lange unvermählt zu sein, denn ...«

»Vergebt mir, mir ist nicht wohl.« Sophia von Falkenhagen hatte sich erhoben, knickste und als sie ein zustimmendes Kopfnicken der Pfalzgräfin erhalten hatte, eilte sie aus dem Raum.

»Die junge Dame sollte nicht allein bleiben, wenn sie krank ist«, sagte Louise Juliana daraufhin. »Fräulein von Odenwald, seht doch nach, wie es ihr geht.«

Froni stand erleichtert auf, denn das Geplapper der Frau von Zwergenstein hatte ihr alle Lust aufs Weiteressen genommen. Rasch eilte sie in den Korridor hinaus, wo sie Sophia von Falkenhagen auf einer Truhe hockend vorfand. Deren Hände ruhten aber auf keinem schmerzenden Unterleib, sondern verbargen ihr Gesicht, während sie von Schluchzern geschüttelt wurde.

»Was ist mit Euch?«, fragte Froni und legte zaghaft ihre Hand auf den bebenden Rücken. Sie hatte Sophia stets für eitel und hochnäsig gehalten, doch nun tat sie ihr plötzlich leid, so echt und tief schien ihr Schmerz.

»Er hat mich geküsst«, wimmerte Sophia in ihre Handflächen. »Er sagte, er hätte niemals eine Schönere als mich gesehen.«

»Wer denn?«, fragte Froni. Hatte Sophia sich leichtsinnigerweise auf ein Abenteuer eingelassen und war dann von ihrem Liebsten im Stich gelassen worden? Fronis Mutter hatte sie oft vor dieser Gefahr gewarnt, die allen jungen Mädchen drohte, die sich von ihren Trieben leiten ließen, anstatt Gottes Gebote zu achten.

»Na Friedrich, wer sonst?«, kam es nun fast trotzig zurück. »Meint Ihr, von einem anderen hätte ich mich küssen lassen?«

Sophia hatte ihre Fassung allmählich wiedergewonnen und wischte sich mit einem Taschentuch die Augen trocken.

»Aber er will diese englische Kuh sicher nur, weil seine Mutter es sich so wünscht«, sagte sie nun lächelnd. »Ein so wichtiger Mann wie er kann seine Gemahlin nicht frei wählen. Sobald er einen Erben gezeugt hat, wird er sich von ihr abwenden.«

Sophia von Falkenhagen stand auf, strich ihr Kleid glatt und machte sich auf den Weg in ihr Gemach, ohne Froni eines weiteren Blickes zu würdigen. Froni starrte dem schlanken, stolzen Rücken, der aus dem Reifrock wuchs, hinterher. Der Tag begann sehr unerfreulich.

Friedrich hatte vor seiner Abreise die schönste aller Hofdamen geküsst, doch war dies sicher nur ein verzeihlicher Augenblick männlicher Schwäche gewesen, denn Sophia musste mit ihm kokettiert haben. Sie, Froni, war es, mit der er sein Geheimnis teilte und die ihn trösten würde, wenn er unter der Kälte seiner zweifellos sehr hochmütigen Engländerin litt, falls es überhaupt zu dieser Vermählung kam.

Sie nutzte den kurzen Moment des Alleinseins, um am Fenster nochmals die Eiche anzustarren und das unförmige Stück Holz an ihrem Hals zu streicheln. Wie sollte sie nur all die langen, leeren Tage aushalten, bis Friedrich endlich wieder zurückkam? Sie beschloss, sich gewissenhafter ihren Aufgaben zu widmen und so oft wie möglich nach ihrer Mutter zu sehen. Vielleicht würde Gott der Herr sie dafür belohnen, auch wenn sie wusste, dass ihr tiefster Herzenswunsch sündhaft war. Friedrich konnte sie niemals zu seiner Gemahlin machen, das war ihr stets klar gewesen. Aber fast alle Männer hohen Standes hatten Mätressen, die von ihnen manchmal lebenslang versorgt wurden, ebenso wie die Nachkommen aus einer solchen Beziehung. Froni war eine solche Zukunft allemal lieber, als die Frau eines unbekannten, einfachen Ritters zu werden, wie die Mutter es ihr immer wieder prophezeit hatte. Sie hoffte, dass Gott der Herr ihr vergeben würde, denn ihre Liebe zu Friedrich schien so stark und rein, dass nichts Schlechtes durch sie entstehen konnte.

 

Am 13. Juni des Jahres 1613 stand Froni mit ihrer Mutter, Sophia von Falkenhagen und den anderen Hofdamen hinter dem Tor des Schlosses und wartete. Anlässlich der Feierlichkeiten hatte Louise Juliana sämtlichen Einwohnern Heidelbergs freie Speisen und Getränke versprochen, so viel sie nur wollten. Bereits in den frühen Morgenstunden hatten die ersten Betrunkenen in den Gassen gelegen, wo Stadtbüttel sie später zur Seite traten, um dem höfischen Prunkzug Platz zu machen. Louise Juliana trug eine riesige Halskrause, die sogar über den Reifrock an ihren Hüften hinausragte. Froni fand, dass sie damit aussah wie eine in den Pranger gezwängte Verbrecherin, behielt diese Meinung aber für sich. Das unnatürlich weiß geschminkte Gesicht der Kurfürstin erinnerte zudem an einen aus dem Grab entstiegenen Geist und mit dem Übermaß an Edelsteinen auf dem goldbestickten Gewand lockte sie mehr Taschendiebe an als echte Bewunderer. Doch kein Opfer war groß genug, wenn es galt, Eindruck auf eine Schwiegertochter königlichen Geblüts zu machen.

Trompeten kündeten den unmittelbar bevorstehenden Einzug des Kurfürsten, seiner Gemahlin und ihres gemeinsamen Gefolges an. Froni stellte sich auf die Zehenspitzen, denn ein paar hochgewachsene Wachmänner versperrten ihr das Blickfeld.

»Ich bin ja mal gespannt, ob sie wirklich so schön ist, wie alle sagen«, murmelte Sophia von Falkenhagen an ihrer Seite. »Wahrscheinlich sind das nur Schmeicheleien, weil sie eine Stuartprinzessin ist. Am Ende sieht sie aus wie eine englische Kuh, wundern würde es mich nicht.«

Froni überlegte, ob Sophia jemals eine englische Kuh zu Gesicht bekommen hatte. Sie hielt es für unwahrscheinlich, wollte aber nicht fragen, da sie im Augenblick mit anderen Dingen beschäftigt war. Aus den Augenwinkeln musterte sie das Gewand des Fräuleins von Falkenhagen. Der steife Kragen war aus kostbarer Spitze, aber von bescheidenem Umfang, der den schlanken Hals seiner Trägerin betonte. Das Kobaltblau des Seidenkleids passte hervorragend zu Sophias Blondhaar und entsprach dem Farbton ihrer Augen, die dadurch noch mehr zu strahlen schienen. Sophia sah glücklich aus, seitdem sie mit einem wohlhabenden Grafen verlobt worden war, der zwar ihr Vater hätte sein können, sie aber anbetete wie ein schmachtender Jüngling. Froni verachtete sie ein wenig dafür, dass sie die Aussicht auf ein angenehmes Leben in Wohlstand der wahren Leidenschaft vorzog, die Friedrichs zukünftige Mätresse sicher erleben würde. Aber für eine ernsthafte Konkurrentin hatte sie diese eitle, oberflächliche Person ohnehin nicht gehalten. Friedrich war ein allzu tiefer, nachdenklicher Mensch, als dass er sich dauerhaft von einem hübschen Gesicht hätte blenden lassen.

»Meine Güte, so viele Leute!«, schnatterte die alte Frau von Zwergenstein plötzlich drauflos. Da ihre Körpergröße ihrem Namen entsprach, hatte sie sich von einem Lakaien eine alte Obstkiste bringen lassen, um sich draufstellen zu können. Nun schwankte sie in besorgniserregender Weise und Froni trat an ihre Seite, um ein Unglück zu verhindern. Ehe sie sichs versah, war die alte Frau ihr in die Arme gefallen, krallte sich an ihrer einzigen guten Halskrause fest, wodurch diese einen winzigen Riss abbekam.

»Mir war schwindelig geworden«, erklärte die Frau von Zwergenstein. »Es muss an der furchtbaren Hitze liegen. Ich werde den Medikus fragen, ob er mir nicht etwas dagegen geben kann.«

Froni fragte sich, wie der arme Medikus das Wetter ändern sollte, und hielt die Frau von Zwergenstein noch eine Weile fest, da sie weiterhin unsicher auf den Beinen schien. Dabei atmete sie den verräterischen Geruch von Schnaps ein und bekam eine Ahnung, was den Schwindelanfall der alten Hofdame wirklich ausgelöst haben konnte, denn trotz strahlenden Sonnenscheins wehte an diesem Tag ein frischer Wind.

»Ich muss mich ein wenig ausruhen, fürchte ich. Das war ein Schock eben«, sagte die Frau von Zwergenstein und winkte einen Lakaien heran. »Diese Gefolgschaft der Engländerin ... ich meine, wir werden das einfache Gesinde aus der Stadt jagen müssen, um hier in Heidelberg überhaupt so viele Leute unterzubringen.«

»Ich bin müde, Kind. So furchtbar müde. Ich kann kaum noch aufrecht stehen«, hörte Froni plötzlich ihre Mutter klagen und schämte sich, weil sie sie vor Aufregung kaum beachtet hatte. Sie winkte dem Lakaien hinterher, der sich glücklicherweise noch einmal umgedreht hatte und die Frau von Odenwald ebenfalls an sich nahm, um sie in ihr Gemach zu bringen.

»Ich sehe so bald wie möglich nach dir«, versprach Froni schnell, doch ihre Mutter war zu erleichtert, von kräftigen Männerarmen gestützt zu werden, um ihr weitere Beachtung zu schenken.

Froni fiel ein, dass die Obstkiste nun frei war, und sie hastete los, um als Allererste ihre Füße daraufzusetzen. Ein giftiger Blick Sophia von Falkenhagens machte ihr klar, dass sie nicht als Einzige diese Idee gehabt hatte. Eine sehr gute Idee, wie sich gleich herausstellte, denn auf einmal konnte sie über die Köpfe der meisten Zuschauer hinweg einen direkten Blick auf die Eintreffenden werfen.

Es war tatsächlich ein sehr langer Zug, der sich da auf der Brücke über den Neckar bewegte und dann zum Schloss hochschlängelte. Fahnen flatterten im Wind, Helme und Brustpanzer glänzten silbern in der Sonne, Federn wippten auf Männerhüten im Rhythmus der Schritte der Pferde, auf denen ihre Träger saßen. Dahinter folgte eine Kette aus schwer beladenen Karren, die erst irgendwo am Horizont im Nichts endete. Fußvolk spazierte daneben einher, immer wieder mischte sich ein berittener Wachmann dazwischen, der wohl weniger für den Schutz der einfachen Leute zuständig war denn für die Sicherheit der aufgeladenen Truhen, Kisten und Möbel.

Froni erinnerte sich noch an Friedrichs Abreise, bei der etwa sieben Karren mit Gewändern und anderen Habseligkeiten mitgekommen waren. Nun schien es, als käme er mit allen Einwohnern einer mittelgroßen Stadt zurück, die auch noch ihr Hab und Gut mitgebracht hatten. Wollte diese englische Prinzessin gleich neben Heidelberg eine neue Stadt errichten?

Lautejubelrufe erklangen, als die Spitze des Zuges sich endlich durchs Stadttor schob. Friedrich ritt voran, hinter ihm fuhr eine mit lila Samt bezogene, von sechs Pferden gezogene Kutsche, in der wohl die englische Königstochter sitzen musste. Man hatte mehrere Prunkbögen errichtet, um die neue Schlossherrin angemessen zu begrüßen. Der Rektor der Heidelberger Universität stand unter einem davon und stimmte eine lateinische Begrüßungsrede an. Ein älterer Herr stieg aus der Kutsche, um ebenfalls auf Lateinisch zu antworten, doch die englische Königstochter ließ sich nicht blicken. »Vielleicht aus gutem Grund«, dachte Froni und genoss diese Bösartigkeit. Eine Frau, der der Ruf vorauseilte, die strahlendste Schönheit der Christenheit zu sein, hatte womöglich Angst, die Anwesenden zu enttäuschen, wenn sie ihrer wirklich ansichtig wurden. Indessen rollte die Kutsche weiter zum Schloss. Dort befand sich der prächtigste Prunkbogen und hinter ihm wartete die Gesellschaft des Hofes. Von der Kurfürstin bestellte Musikanten stimmten eine Begrüßungsmelodie an, Blumen wurden geworfen und Louise Juliana machte ein paar ungeduldige Schritte auf ihren Sohn und die unbekannte Schwiegertochter zu. Sobald Froni Friedrich erblickte, tat ihr Herz einen freudigen Sprung. Trotz der langen Reise, die zweifellos anstrengend gewesen sein musste, sah er entspannt und glücklich aus, als er sich vom Sattel seines Rosses schwang.

»Ich darf euch allen Colonel Schomberg vorstellen«, verkündete Friedrich und wies auf den Herrn, der vorher mit dem Rektor gesprochen hatte. »Mein Schwiegervater gab ihn meiner verehrten Gemahlin großzügigerweise als Ratgeber mit.«

Die kluge Engländerin kam also nicht allein zurecht, dachte Froni. Wie gut es manchmal tat, gehässig sein zu können! Noch bevor Friedrich seine Mutter begrüßt hatte, trat er zu der Kutsche und streckte seine Hand hinein, wie um etwas herauszuziehen.

Alle wussten, was es sein würde. Ein paar Hofdamen an Fronis Seite atmeten lauter. Sie selbst hielt vor Aufregung die Luft an.

Elizabeth Stuart, die begehrteste Braut Europas, steckte in einer zitronengelben, perlenbestickten Robe, die auch ohne Trägerin ein Kunstwerk gewesen wäre. Ihre Taille war schmal, der Hals grazil, die Schultern blieben unverhüllt, was einige der Anwesenden leise murren ließ. Sie trug keine Halskrause, nur einen weich fallenden Kragen. In dem hoch aufgetürmten rötlich braunen Haar schimmerten ebenfalls Juwelen. Friedrichs Gemahlin glitt leicht wie ein Vogel über den Erdboden, als besäße sie keinerlei Gewicht. Froni glaubte, Seide rascheln zu hören, und atmete einen süßen Duft ein, den der Wind ihr zuwehte. Dicht neben sich hörte sie Sophia einen leisen, hellen Ton des Staunens ausstoßen.

»Wenn englische Kühe so aussehen, dann werden die Seelen der englischen Kuhhirten ewig in der Hölle schmoren müssen, denn dieser Versuchung können sie sicher nicht widerstehen«, spöttelte eine andere Hofdame, die Sophias abfällige Bemerkungen über Elizabeth Stuart auch mitbekommen haben musste. Sophia schwieg, sah aber aus, als hätte sie in einen sauren Apfel gebissen. Froni begriff sogleich den Grund für diesen Missmut. Neben Elizabeth Stuart wirkte selbst die schönste Dame des Heidelberger Hofes wie eine herausgeputzte Landpomeranze. Elizabeth bewegte sich, als sei sie von Gott allein dafür geschaffen worden, edle Gewänder zu tragen und sich bewundern zu lassen. Ihr Leib war schmal, aber dennoch wohlgeformt. Der rötliche Schimmer des Haars verlieh ihr einen Hauch von Sünde. Selbst an dem Gesicht vermochte Froni keinerlei Makel zu erkennen. Es war blass, vornehm und ebenmäßig, nur störte eine feine Falte zwischen den Brauen die Harmonie göttlicher Schöpfung.

»Ich bin sehr froh, meine neuen Untertanen begrüßen zu dürfen«, verkündete die englische Prinzessin nun mit leicht gepresster Stimme. »Möge Gott der Herr uns beistehen, dem verderbten Geist des Papismus erfolgreich Widerstand zu leisten.«

Sie sprach auf Deutsch, auch wenn sie aufgrund ihres Akzents schwer verständlich war. Allerdings klang sie dabei so melodisch und weich wie jene Demoiselle, von der Froni gemeinsam mit den anderen Hofdamen Französischunterricht erhalten hatte. Eigentlich hatte Froni erwartet, dass eine Engländerin sich etwas anders anhörte.

Das junge Paar trat der alten Kurfürstin gegenüber. Elizabeth Stuart knickste, auch wenn sie dabei eine widerwillige Miene zog. Sobald sie wieder aufrecht stand, erhellte aber ein charmantes Lächeln ihr Gesicht, von dem sogar die Kurfürstin nicht unberührt blieb. Sie legte ihre Hände auf die Schultern der Schwiegertochter und küsste sie rasch auf die Wange.

»Sei uns willkommen, mein Kind. Wir sind sehr froh, dich bei uns zu haben.«

Elizabeth Stuart lächelte weiter, doch fiel Froni auf, dass der Blick ihrer Augen gelangweilt wirkte. Friedrich wandte sich nun zu seiner jungen Gemahlin und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Sie sah ihn an, ihre Augen leuchteten kurz auf und zauberten so ein fast überirdisch glückliches Strahlen auf sein Gesicht.

»Ich habe die Ehre, die schönste Braut der Christenheit nach Hause zu führen!«, rief er laut. Seine Untertanen stimmten begeistert ein, da sie sich nun wohl noch großzügigere Gaben erhofften.

Froni spürte eine Kälte, die sich von ihrem Herzen aus bis in alle Gliedmaßen zog. Selbst in ihren Fingerspitzen kribbelte es. Anders als Sophia hatte sie damit gerechnet, dass Elizabeth Stuart tatsächlich eine schöne Frau wäre, eine wahrhaft fürstliche Erscheinung, die eher himmlisch denn irdisch schien. Aber etwas an Friedrichs Strahlen ließ ihr das Blut gefrieren. Sie tastete nach der geschnitzten Eule, doch plötzlich fühlte diese sich nur noch an wie ein schäbiges, billiges Stück Holz, das sie ebenso gut wegwerfen konnte.

Selbst wenn Friedrichs Verbindung mit der englischen Königstochter nichts weiter als ein geschickter politischer Schachzug hatte sein sollen, ein Mann, der seine Braut so glücklich und verliebt ansah, würde keine Mätresse brauchen.

Kapitel 2

 

»À droite. J’ai dit à droite! Vous êtes sourdes, demoiselles?«

Froni schüttelte den Kopf, um den unfreundlichen Tonfall abzuwehren. Monsieur Cherbault, der neue Haushofmeister, musterte sie durch golden umrahmte Brillengläser. Ein weiterer französischer Wortschwall folgte. Die Frau von Zwergenstein stieß einen tiefen Seufzer aus.

»Da heiratet er die englische Königstochter, um der protestantischen Sache zu dienen, und wir müssen uns das affektierte Getue parfümierter Papisten anhören!«, zischte im Hintergrund Sophia von Falkenhagen. Froni erschrak und warf dem Franzosen einen furchtsamen Blick zu. Erst gestern hatten ein paar Küchenmägde ihre Stellung verloren, weil sie in einen heftigen Streit mit zwei Mädchen aus Elizabeths Gefolgschaft geraten waren. Worum es genau gegangen war, wusste Froni nicht, aber die wesentliche Aussage des Gerüchts war eindeutig: Wer sich der Anhängerschaft der englischen Prinzessin in den Weg stellte, wurde kurzerhand aus dem Weg geräumt.

»Ich denke, er will, dass wir die Porzellanfiguren in den rechten Schrank räumen, weil die Möbel auf der linken Seite weggebracht werden sollen«, teilte Froni ihren Gefährtinnen mit. Ihr war inzwischen klar, dass sie als Einzige wenigstens ein paar Worte von Monsieur Cherbaults Anweisungen verstehen konnte. Sie wusste nicht, woran es lag. Während der Unterrichtsstunden, die sie erhalten hatte, war ihr das Begreifen stets leichtergefallen als den meisten anderen Mädchen.

»Wenn du ein Junge wärest, dann könnten wir dich auf eine Universität schicken«, hatte die Mutter einmal zu ihr gemeint und dabei ein unglückliches Gesicht gezogen. »Aber ein Mädchen sollte aufpassen, nicht zu klug zu wirken. Dann findet sie am Ende keinen Ehemann, denn Männer mögen das nicht.«

Monsieur Cherbault schien es aber zu mögen, dass wenigstens eine der Hofdamen begriff, was er meinte. Als sie alle nach den Schäferinnen und Hirten aus Porzellan griffen, um sie von einem Ende des Raumes in das andere zu bringen, sah er zum allerersten Mal recht zufrieden aus. Er roch so stark nach Parfüm, dass einem in seiner Nähe fast übel wurde, und sein Gesicht war so ausladend bemalt wie das eines Gossenmädchens. Aber wenn es darauf ankam, wusste er, wie man Autorität ausstrahlte. Sein Blick konnte so scharf sein wie die Klinge eines Messers.

»Quel est votre nom, Demoiselle?«, fragte er Froni kurz darauf. Sie stellte sich mit einem Knicks vor. Er versuchte, den Namen Odenwald nachzusprechen, was ihm sogar einigermaßen gelang.

»Vous comprenez. C’est bien«, stellte er gleich darauf fest. Dabei gab es nun sehr viele Damen am Hof, die ihn viel besser verstanden. Elizabeth Stuart war mit einem ganzen Hühnerstall eingetroffen, doch hielt ihre Gefolgschaft sich meistens bei ihr in den Gemächern auf, wo gesungen, getanzt und Poesie gelesen wurde. Für das Herumschleppen von Einrichtungsgegenständen, die zu zart und kostbar für die Hände gewöhnlicher Domestiken waren, sollten sich nun die Zofen der alten Kurfürstin zuständig fühlen. Sie waren seit zwei Wochen ständig auf den Beinen, um Räume zu leeren und anschließend wieder zu füllen, ganz wie es den Wünschen der neuen Schlossherrin entsprach. Elizabeth hatte zwar auch Diener mitgebracht, aber diese sollten allein für ihre persönlichen Bedürfnisse zuständig sein. Ihr wichtigster Berater war Colonel Schomberg, der ihr aber bei der Verwaltung der Gelder zur Seite stand. Monsieur Cherbault sollte sich indessen darum kümmern, dem Schloss und seinen Bewohnern die nötige Eleganz zu vermitteln. Er erschien stets mit perfekt sitzendem Spitzenkragen und sauberen Hemden, um sie zu beaufsichtigen. Froni wusste, dass ihre beiden guten Kleider inzwischen unangenehm riechen mussten, weil sie jeden Abend völlig durchgeschwitzt war und keine Zeit mehr fand, sie zu waschen. Die Frau von Zwergenstein klagte über regelmäßige Schwindelanfälle und der sonst sehr strenge Franzose erlaubte ihr dann, sich zurückzuziehen. Mit den jüngeren Hofdamen hatte er aber deutlich weniger Erbarmen, vor allem nicht mit Froni. Sie bemühte sich stets, seinen Anweisungen rasch Folge zu leisten. Sonst kamen sie alle zu spät zu den Mahlzeiten und liefen Gefahr, kaum noch etwas abzubekommen. Das Schloss platzte seit der Ankunft des jungen Paares aus allen Nähten, sodass eine Versorgung aller Bewohner nicht mehr garantiert war. Die Gefolgschaft der englischen Prinzessin hatte immer den Vortritt und die alteingesessenen Bewohner mussten nehmen, was für sie übrigblieb.

Manchmal war es nichts. Aber ihr war es bisher immer gelungen, noch ein paar Streifen Speck, Brot und manchmal sogar einen Teller Suppe in das Zimmer ihrer Mutter zu tragen, die es nicht mehr schaffte aufzustehen.

Nun verkündete eine Glocke, dass im großen Gemeinschaftssaal zum Mittagsmahl aufgetischt wurde. Froni atmete erleichtert auf, denn sie hatten alle ihre Aufgaben erledigt und konnten sich daher jetzt zurückziehen.

Die Frau von Zwergenstein eilte sogleich los. Wenn es ums Essen ging, kehrten ihre Körperkräfte erstaunlich schnell zurück. Sophia und ein paar andere junge Frauen schlossen sich ihr sogleich an. Froni wollte es ebenfalls tun, da sah sie plötzlich, wie Monsieur Cherbault sie zu sich winkte.

»Venez, Demoiselle!«

Es war höflich formuliert, aber eindeutig ein Befehl. Froni fluchte innerlich. Ihre Beine schmerzten und in ihrem Magen gähnte ein großes Loch, das gefüllt werden wollte.

»Vous dinez avec la princesse.«

Sie ging davon aus, dass sie sich verhört haben musste. Elizabeth und Friedrich nahmen ihre Mahlzeiten nun in separaten Gemächern ein, nur in Anwesenheit einiger Vertrauter, die allesamt mit der englischen Königstochter eingetroffen waren.

»Venez, Demoiselle. Venez!«, wiederholte der Franzose unbeirrt. Froni blickte an sich hinab. An ihrem Kleid hingen Staubfäden, die sie rasch wegfegte. Trotzdem sah sie wenig besser aus als eine Küchenmagd. Aber das war ihr ganzes Leben lang so gewesen, daher würde sie auch weiterhin zurechtkommen.

Sie hastete dem Franzosen hinterher, da sie keine Wahl hatte. Vielleicht bekäme sie danach noch ein paar Brotkrumen in der Küche des Schlosses.

Es ging ins nächste Stockwerk hoch, wo Elizabeth Stuart gemeinsam mit ihren Hofdamen eingezogen war.

Monsieur Cherbault schob eine Tür auf, ließ sein melodisches Französisch erklingen und verneigte sich tief. Froni knickste mechanisch. Sie wusste nicht genau, in welchem Raum der weit gefächerten Anlage sie nun gelandet war. Das glockenhelle Gelächter von Frauenstimmen erklang. Irgendwo zupfte jemand an einer Harfe.

»Willkommen, Fräulein von Odenwald«, sagte eine weibliche Stimme mit französischem Akzent. Froni stockte der Atem, als sie erkannte, wer die Sprecherin war. Sie knickste nochmals tiefer, wagte erst nach einer Weile, ihren Blick zu der jungen Kurfürstin zu erheben.

»Monsieur Cherbault schwärmt von Eurem Verstand«, verkündete Elizabeth Stuart nun auf Französisch. Sie saß auf einem breiten, mit Samt bezogenen Kanapee und nippte an einem goldfarbenen Pokal. Um sie herum waren die englischen Hofdamen versammelt. Ihre Kleider leuchteten in allen Farben des Regenbogens, Schmucksteine blitzten in ihren Ohren und an ihren Fingern. Froni musste an einen Käfig voller Paradiesvögel denken.

»Kommt zu uns. Habt Ihr Hunger?«

Elizabeth winkte Froni heran, während Monsieur Cherbault sich zurückzog. Auf dem großen Tisch sah sie Platten mit Fleisch, gefüllte Pasteten, verschiedene Brotsorten und eine große Karaffe mit Wein. Die anderen Hofdamen schoben ununterbrochen Leckereien zwischen ihre rot bemalten Lippen. Froni lief das Wasser im Munde zusammen. Sie hatte noch niemals Speisen gesehen, die so appetitlich wirkten und verführerisch dufteten.

Sie nahm auf einem winzigen Hocker am Ende des Tisches Platz und ergriff eine mit Fleisch gefüllte Pastete. Ein starker Geschmack breitete sich auf ihrer Zunge aus. Zunächst war er herb, dann wurde er langsam aromatischer und schien in verschiedene Nuancen zu zerfließen. Sie hatte in ihrem Leben vieles gegessen, das lecker schmeckte, aber im Gemach der Kurfürstin wurden Speisen zu einer völlig neuen Erfahrung.

»Etwas Wein? Mathilde, fülle Sie das Glas meiner neuen Hofdame!«, teilte Elizabeth einem schmächtigen Dienstmädchen mit. Gleich darauf hielt Froni ein blaues Gefäß in der Hand, das es durchaus mit dem Weinpokal der jungen Kurfürstin aufnehmen konnte. Es war aus hellem Kristall und die Flüssigkeit darin schimmerte dunkel.

Der Wein glitt sanft über ihre Zunge. Wärme machte sich in ihr breit, die Welt schien ein angenehmerer Ort und alle Sorgen fielen für einen Augenblick von ihren Schultern. Schwebten Frauen wie Elizabeth und ihre Schar von Hofdamen tagtäglich auf solchen Wolken des Wohlbehagens durchs Leben, ohne von Angst, Schmerz oder Enttäuschung niedergedrückt zu werden?

»Monsieur Cherbault lobt Euch tagtäglich, Fräulein von Odenwald«, erzählte Elizabeth indessen wieder langsam auf Französisch. Ihr Deutsch beschränkte sich auf den einzigen Satz, den sie bei ihrer Begrüßung in Heidelberg gesprochen und vorher wohl auswendig gelernt hatte. »Er sagt, dass Ihr als Einzige unter den deutschen Tölpeln hier in Heidelberg über Verstand verfügt.«

Froni verschluckte sich fast an dem köstlichen Wein. Wenn Monsieur Cherbault sich die Mühe gemacht hätte, die Landessprache zu lernen, wäre ihm sicher aufgefallen, dass auch die anderen Hofdamen nicht völlig unverständig waren. Aber sie wusste, dass sie diesen Gedanken nicht laut aussprechen durfte.

»Mein Französisch ist besser als das der anderen Hofdamen«, gab sie schließlich zu. »Aber meine Gefährtinnen verfügen ebenfalls über viel Wissen und Erfahrung.«

»Bien sûr. Ich zweifele nicht daran«, erwiderte Elizabeth ohne besonderes Interesse. »Aber Euch hätte ich gern an meiner Seite, um mit dem Schloss etwas vertrauter zu werden.«

Warum mit etwas vertraut werden, das sie komplett umgestalten wollte? Aber auch das durfte Froni nicht fragen.

»Ich denke, es gibt sehr viele Leute in Heidelberg, die Euch das Schloss zeigen könnten. Allen voran Euer Gemahl.«

Elizabeths Gesicht versteinerte kurz und Froni erschrak, denn ihr wurde klar, dass sie dreist gewesen war. Friedrich musste sich politischen Aufgaben widmen und hätte nicht immer Zeit, seine zauberhafte Gemahlin herumzuführen.

»Ich bitte um Vergebung, Euer Durchlaucht. Ich werde natürlich tun, was immer Ihr wünscht«, stammelte Froni sogleich, denn ihr war aufgefallen, dass auch die anderen Damen in ihre Richtung starrten.

Elizabeth verzog das Gesicht.

»Nun benehmt Euch nicht wie ein Schoßhündchen! Ich biete Euch gerade an, Euch meinem Gefolge anzuschließen. Hier in diesem Raum befinden sich einige Töchter des englischen Hochadels, die mir freiwillig an einen kleinen Fürstenhof gefolgt sind. Dazu kommen deutsche Damen aus angesehenen Familien wie Amalie zu Solms-Braunfels.«

Elizabeth wies auf eine junge, dralle Frau mit hübschen Gesichtszügen, die schweigsam dasaß.

»Als Teil meiner Gefolgschaft könntet Ihr ihnen nun ebenbürtig sein«, betonte Elizabeth. Die Idee, dass jemand dieser Aussicht keine Freude abgewinnen konnte, lag offenbar jenseits ihres Vorstellungsvermögens. Abwartend, leicht ungeduldig sah sie Froni an.

Froni musterte die anwesenden Damen kurz. Sie ähnelten einander auf den ersten Blick, alle waren jung und elegant gekleidet. Die einzige Ausnahme bildete Lady Harrington, eine magere Gestalt von etwa vierzig Jahren, die dicht neben ihrer Tochter Lady Bedford saß. Die ältere Dame kannte Elizabeth schon seit deren Kindheit und kümmerte sich mit Hingabe um deren zahlreiche Hunde und Äffchen. Bei genauerem Hinsehen bekamen aber auch die Gesichter der jungen Frauen unterschiedliche Züge. Das Mädchen links neben Elizabeth war blond, etwas rundlich und hatte rosige Wangen. Dicht neben ihr saß eine schmale, hochgewachsene Frau, deren Körper ein wenig ausgemergelt wirkte. Sie waren nicht wirklich liebreizender als die Frauen auf dem Heidelberger Schloss. Nur fielen ein paar Schimmer von Elizabeths Strahlen auf sie und eben dadurch wurden sie besonders.

»Lady Marian Lacey«, stellte Elizabeth das blonde Mädchen vor. Die Dunkelhaarige hieß Theodora Bryant. Alle sahen Froni für einen Moment an, verweigerten ihr aber jedes Lächeln.

»Ihr könnt Euch uns anschließen«, flötete Elizabeth weiter. »Wir lehren Euch Englisch und besseres Französisch. Vielleicht könnt Ihr uns mit dem einen oder anderen deutschen Wort aushelfen.«

Sie sagte etwas zu den Damen, das Froni nicht verstand. Gelächter erklang. Froni spürte, dass ihr der Schweiß über den Rücken perlte. Sie mochte diese eleganten, hochmütigen Kreaturen nicht, ein Gefühl, das offenbar auf Gegenseitigkeit beruhte. Elizabeth war ihr lieber als ihre Gefährtinnen, denn für deren Stolz gab es wenigstens gute Gründe.

»Es ist sehr edelmütig von Euch und ich weiß, dass ich Euch Dankbarkeit schulde«, sagte sie schnell. »Aber ... aber ich diene bereits der Mutter Eures Gemahls. Daher muss ich Euer großzügiges Angebot leider zurückweisen, Euer Durchlaucht. Es gibt viele andere junge Frauen an diesem Hof, die sich mit Freuden ...«

»Aber ich hatte mich für Euch entschieden«, unterbrach Elizabeth scharf. Ihr Gesicht wirkte verärgert und gleichzeitig sehr jung, als sei sie ein verwöhntes Kind, das zum ersten Mal nicht seinen Willen bekam. Dann aber glätteten sich ihre Züge sogleich.

»Ihr habt eine kranke Mutter, habe ich gehört.«

Froni war ehrlich überrascht, denn sie war nicht davon ausgegangen, dass die junge Kurfürstin sich so ausführlich mit ihr befassen würde.

»Meine Hofdamen beziehen natürlich jeden Monat eine Entlohnung für ihre treuen Dienste«, redete Elizabeth lächelnd weiter. Als sie die Summe nannte, blieb Froni fast der Mund offenstehen. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals so viele Münzen auf einmal gesehen zu haben.

»Zudem bekämet Ihr ein eigenes Gemach, denn Eure Mutter würde das Geplauder anderer junger Frauen sicher stören. Mein Medikus wird regelmäßig nach ihr sehen, um ihre Leiden zu lindern.«

Froni streckte eine Hand aus, um sich an der Tischkante festzuhalten. Wann würde sie erwachen und feststellen, dass all dies nur ein verrückter Traum gewesen war?

Aber alles um sie herum schien ganz und gar ein Teil von Gottes Schöpfung zu sein, kein bloßes Gespinst aus nächtlichen Fantasien. Ihre Mutter bekäme die bestmögliche Fürsorge, ein sauberes Zimmer mit genug Brennholz, sobald es kalt wurde, und tagtäglich jene köstlichen Mahlzeiten, wie sie hier auf dem Tisch standen. In den letzten Jahren ihres Lebens könnte die alte, kranke Frau ein besseres Leben haben als jemals zuvor. Froni wusste, dass sie nicht ablehnen konnte, auch wenn ein Teil von ihr sich immer noch dagegen sträubte, tagtäglich in Gesellschaft dieser englischen Damen leben zu müssen, die sie nicht unter sich wollten.

»Ich danke Euch, Euer Durchlaucht«, sagte Froni schnell, bevor ihre Freude von Zweifel und Unbehagen verdrängt werden konnte. »Es ist mir eine Ehre, Euer Angebot anzunehmen.«

Kurz sah Elizabeth überrascht aus, dann lächelte sie wieder. »Ihr Lächeln ist nicht ganz ehrlich", schoss es Froni durch den Kopf. »Fast nichts von dem, was sie sagt und tut, kommt direkt von ihrem Herzen. «

»Das freut mich, Fräulein von Odenwald. Nun dürft Ihr gehen. Sobald ich eine passende Unterkunft für Euch gefunden habe, schicke ich Euch einen meiner Lakaien.«

Froni erhob sich, versank nochmals in eine tiefe Reverenz und ging dann rückwärts nach draußen, um der neuen Kurfürstin den größtmöglichen Respekt zu zollen.

Als die Tür hinter ihr zugefallen war, vernahm sie das boshafte Kichern der anderen Hofdamen. Ihr Magen verkrampfte sich und kurz fürchtete sie, die soeben genossenen Speisen erbrechen zu müssen.

 

Zwei Wochen später bezog Froni eine immer noch kleine, aber wesentlich wohnlicher ausgestattete Kammer in einem anderen Flügel des Schlosses. Ihre Nachbarinnen waren leider Theodora und Marian, deren Gemach deutlich größer war und die dort bis in die späte Nacht hinein lachten und musizierten. Aber das Bett, in dem sie nun mit ihrer Mutter schlief, verfügte über einen ausladenden Baldachin und war so weich, dass sie jeden Abend glaubte, in seinen Tiefen zu versinken wie in einem Ozean. Elizabeths Schneider, ein junger Franzose mit Kniebundhose und farbenfrohen Strümpfen, hatte sie aufgesucht, um neue Gewänder für sie zu entwerfen. Das ständige Ausmessen und Anprobieren war zwar ermüdend, aber als Froni in ein grünes Kleid mit einem seidenen Spitzenkragen schlüpfte, das an ihrem Körper entlangfloss wie Regen, verspürte sie erstmals in ihrem Leben Stolz, die Person zu sein, die sie war. Ihre Mutter hörte für eine Weile auf, zu seufzen und zu klagen.

»Wenn dein Vater dich sehen könnte!«, rief sie, sobald sie sich in dem neuen Zimmer eingerichtet hatten. »Er war enttäuscht, als ich ein Mädchen auf die Welt brachte, aber nun bist du wichtiger als alle deine Brüder!«

Ihr anerkennender, vor Glück strahlender Blick allein war all dies wert, dachte Froni. Doch bekam sie in Gegenwart der anderen Hofdamen immer noch Schweißausbrüche und manchmal auch Bauchschmerzen, wenn deren hämische Bemerkungen zu tief in ihr Fleisch schnitten. Nachts schrillte das boshafte Gelächter in ihren Ohren und raubte ihr mitunter den Schlaf. Sie verstand inzwischen leidlich Französisch, aber kein Wort Englisch, war dem Getuschel hinter ihrem Rücken daher hilflos ausgeliefert. Elizabeth beteiligte sich zwar nicht an den Gemeinheiten, nahm Froni aber auch nie in Schutz. Zu sehr war sie damit beschäftigt, Bankette, Theateraufführungen und Musikabende zu organisieren. In den Sommermonaten war der Altan, eine großzügig angelegte Aussichtsterrasse des Schlosses, ihr liebster Aufenthaltsort. Dort saß sie mit ihren Damen beim Musizieren, Singen und Kartenspielen. Zudem wurde das Heidelberger Schloss komplett umgestaltet. In dem Dicken Turm, der einst für militärische Zwecke erbaut worden war, richtete man nun einen großen Festsaal ein, der eine wunderbare Aussicht auf die umliegenden Hügel ermöglichte. Ein neuer Hofgarten mit Statuen und Springbrunnen, der Hortus Palatinus, sollte zu Ehren der neuen Kurfürstin angelegt werden. Der ausschweifende Lebensstil der jungen Schlossherrin weckte Missfallen unter den alteingesessenen Bewohnern des Gebäudes. Froni konnte zwar die missbilligenden Blicke der Frau von Zwergenstein und der anderen älteren Hofdamen als unnötigen Starrsinn abtun, aber auch ihre anderen Gefährtinnen gingen ihr nun plötzlich aus dem Weg. Friedrichs Lehrer Hans Meinhard von Schönberg war häufig damit beschäftigt, aufgebrachte Gemüter von Domestiken zu schlichten, da Elizabeths Gefolgschaft sie von ihren angestammten Aufgaben verdrängt hatte.

Froni wusste, dass sie es gut getroffen hatte. Sie musste nicht mehr Porzellanfiguren herumtragen und sich dem Kommando von Monsieur Cherbault beugen. Sie aß tagtäglich köstliche Speisen, lauschte Sängern und Musikanten und vorgetragenen Gedichten, die sie meistens nicht verstehen konnte. Bei den endlosen Banketten, wo Elizabeths Hofdamen und Gefolgsmänner sich versammelten, redete sie meistens wenig, weil sie Angst hatte, als unwissend durchschaut zu werden. Vom Klatsch am englischen Königshof hatte sie keine Ahnung, die Namen der beliebten Dichter und Sänger waren ihr unbekannt. Ein gewisser Shakespeare wurde ständig erwähnt, denn Elizabeth schätzte offenbar seine Werke.

Vor dem Einzug der englischen Königstochter waren die Festlichkeiten auf dem Schloss wesentlich seltener gewesen und hatten sich auf ausgelassene Saufgelage beschränkt, denen anständige junge Frauen besser fernblieben. Nun wurde plötzlich über Nymphen und in sie verliebte Schäfer parliert, elegant getanzt und auf Französisch gesungen. Manchmal hatte Froni den Eindruck, dass hinter all diesen raffinierten Manieren letztendlich nur das Bedürfnis steckte, auf sich aufmerksam zu machen und zu kokettieren, wie auch in jedem Wirtshaus der Stadt. Nur bedurfte es hier besonderer Kenntnisse, um zu gefallen, über die sie nicht verfügte. Es störte sie aber nicht besonders, dass die jungen Herren ihr kaum Beachtung schenkten. Die Bemühungen mancher junger Hofdame um männliche Aufmerksamkeit schienen ihr fast erbarmungswürdig und sie hätte diese Frauen bemitleidet, wären sie nur etwas freundlicher zu ihr gewesen. Im Grunde saßen sie alle im selben Boot, ganz gleich, ob sie auffielen oder unscheinbar blieben. Sobald Elizabeth Stuart einen Raum betrat, hingen alle Augenpaare an ihr und andere weibliche Wesen verblassten zu grauen Schatten. Friedrich konnte nicht immer an den Festen teilnehmen, da die Staatsgeschäfte ihn in Anspruch nahmen, aber er erschien so oft wie nur möglich. Manchmal sank er vor seiner Frau in die Knie und trug ihr französische Gedichte vor, während der versammelte Hofstaat angeregt lauschte. In diesen Momenten verspürte Froni wieder jenen Schmerz, den sie hatte begraben wollen, indem sie sich einen schützenden Panzer schuf. Zwar hatte sie sich keine solche Verehrung von ihm gewünscht, aber zuzusehen, wie sie einer anderen Frau zuteilwurde, tat weh. Auch Marian und Theodora, ja fast alle anwesenden jungen Damen, erblassten jedes Mal vor Neid, wohl in der Ahnung, dass ein derart hingebungsvoller Verehrer ihnen niemals zustehen würde.

 

Sophia von Falkenhagen sprach Froni eines Tages im Korridor des Schlosses an und erkundigte sich durchaus freundlich, ob sie auch einmal an einem der Bankette teilnehmen dürfte. Dabei funkelten ihre Augen wie die einer hungrigen Straßenkatze. Froni fragte sich, was die junge Frau sich davon erhoffte, versprach aber, bei Elizabeth ein Wort für sie einzulegen. Die junge Kurfürstin nickte nur kurz, als Sophia ihr als mögliche neue Hofdame vorgeschlagen wurde.

»Sie ist doch schon vermählt. Das dürfte nicht einfach werden.«

»Ihr Gemahl ist ein alter Mann, der es sicher begrüßen würde, wenn sie ein wenig Unterhaltung hat«, erwiderte Froni schnell. Sie wusste nicht, ob das stimmte. Aber kein Mann von Verstand und Ehrgeiz konnte etwas dagegen haben, wenn seine Gemahlin der wichtigsten Frau in diesem Schloss näherkam. Sie ging davon aus, Sophia einen guten Dienst erwiesen zu haben. Zwar nickte Elizabeth wieder nur kurz, aber Froni hatte inzwischen bemerkt, dass die Kurfürstin meistens aufmerksamer zuhörte, als es den Anschein hatte.

Eine Woche danach musste Sophia das Schloss verlassen, um sich auf die Burg ihres Gatten zurückzuziehen. Es hieß, der alte Edelmann fürchte, sie könnte bei den Festen der englischen Königstochter schlechtem Einfluss ausgesetzt sein. Froni kannte die genauen Hintergründe nicht, aber sie verspürte tiefes Mitgefühl für Sophia. Sich derart den engstirnigen Vorstellungen eines Mannes fügen zu müssen, konnte keine Freude sein.

Vielleicht würde sie niemals heiraten, überlegte sie. Sie konnte an Elizabeths Seite bleiben, bis sie alt und grau geworden war. Die Gehässigkeit der anderen Damen schien plötzlich harmlos im Vergleich zu der Tyrannei eines alten Mannes und ihr wurde erstmals bewusst, dass sie der Kurfürstin dankbar sein konnte. Indem sie in ihre Dienste getreten war, wurde sie von der Notwendigkeit befreit, möglichst schnell einen Ehemann zu finden.

Sophia suchte sie vor der Abreise noch einmal in ihrem Gemach auf. Sie hielt sich aufrecht, aber ihre Augen waren rot von vergossenen Tränen.

»Ihr habt mehr Glück, als Ihr verdient. Wisst es zu schätzen, denn vielleicht dauert es nicht ewig«, zischte sie, wandte sich dann wortlos ab und ging.

 

Einen Monat nach Sophias Abreise saß Froni zusammen mit den anderen Damen in Elizabeths Gemach. Es war Winter geworden und das knisternde Kaminfeuer verbreitete eine angenehme Wärme, die nicht jedem im Schloss vergönnt war. Tagsüber hatte ein Jagdausflug stattgefunden und Froni hatte sich mühsam auf dem Pferd gehalten, weil sie das Reiten kaum gewöhnt war. Elizabeth hingegen liebte die Jagd und erwies sich dabei auch als unerwartet begabte Schützin, indem sie gleich mehrere Hirsche erlegte.

Die Tür ging auf und Colonel Schomberg trat ein. Sie hatte ihn schon etliche Male dabei beobachtet, wie er eine Unterhaltung mit Elizabeth suchte, aber immer wieder abgewiesen wurde. Nun stellte er sich entschlossen vor der Königstochter auf, verneigte sich kurz und begann dann zu reden.

»Ich habe Euch einige Vorschläge zu unterbreiten, Eure Hoheit. Ihr solltet besser auf eine sinnvolle Verwaltung Eurer Garderobe achten. Tragt ein Gewand erst, wenn es bezahlt wurde. Fertigt eine Liste jener Gewänder an, die Ihr besitzt, trennt Euch von jenen, die Ihr nicht mehr braucht, aber überlegt, ob es nicht vertretbar wäre, manchmal ein Kleid zweimal zu tragen.«

Er warf Elizabeth einen mahnenden Blick zu. Sie lächelte desinteressiert und kraulte ihren Schoßhund.

Der Colonel räusperte sich.

»Was den Umgang mit Euren Dienern betrifft, so würde ich Euch raten, den Klatsch und Tratsch besser zu kontrollieren. Erlaubt Leuten nicht, durch Schmeichelei Eure Gutmütigkeit auszunutzen. Ich würde mir wünschen, dass Euer Verhalten mehr von Verstand und Ordnung geleitet wird.«

»Ich danke Euch für Eure Ratschläge", erwiderte die junge Kurfürstin auf Französisch. »Ihr habt Euch große Mühe gegeben und das weiß ich zu schätzen. Nun wünsche ich Euch einen angenehmen Abend, Colonel.«

Sie reichte ihm ihre Hand, die er ergeben küsste, dann verabschiedete er sich mit einer Verbeugung.

Kaum war die Tür hinter ihm zugefallen, stieß Elizabeth ein zartes Kichern aus, in das ihre Hofdamen folgsam einstimmten.

»Er macht sich so viele Sorgen, le pauvre«, meinte die Königstochter. »Kein Wunder, dass er schon ganz graue Haare hat. Nun lasst uns mit dem Kartenspiel fortfahren.«

Sie setzte den Schoßhund auf den Boden und beugte sich zum Tisch. Froni wusste, dass sie sich nun an dem Spiel beteiligen sollte, denn es war ihre Aufgabe, die neue Kurfürstin zu unterhalten.

Eine Stunde später verspürte sie bereits tiefe Müdigkeit und wäre gern zu ihrer Mutter schlafen gegangen, aber das stand ihr nicht zu, bevor die Kurfürstin sie entlassen hatte. Das ständige Geplauder um sie herum strengte sie an. Sie glaubte manchmal, sich in einer Blase zu befinden, die durch fremdes Gewässer schwebte. Platzte die Schutzschicht um sie herum, drohte sie zu ertrinken.

Das Kartenspiel konnte Fronis Aufmerksamkeit nicht wirklich fesseln. Sie hatte die Regeln noch nicht ganz begriffen und rechnete damit zu verlieren, was sie sich aber dank der großzügigen Entlohnung durch Elizabeth leisten konnte. Manchmal kraulte sie Elizabeths kleinsten, wuscheligen Schoßhund, der sie als Einziger unter der Hofgesellschaft wirklich ins Herz geschlossen hatte und sich gern unter ihren Röcken verkroch, wenn seine Herrin ihn gerade nicht beachtete. Die junge Kurfürstin hatte seit einigen Wochen auch ein kleines Äffchen, ein Geschenk ihres aufmerksamen Gemahls. Das Affenmädchen hieß Anne und hatte es in sehr kurzer Zeit geschafft, den armen Hund vom Schoß seiner Herrin zu verdrängen. Für Affen konnten hübsche Gewänder angefertigt werden und sie schienen sich sogar darüber zu freuen, dachte Froni und streichelte dem Hündchen tröstend über den Kopf, da es mit der menschenähnlichen Rivalin nicht mithalten konnte.

Als in ihrem Rücken die Tür aufschwang und Friedrich in klangvollem Französisch seine Frau begrüßte, fielen ihr vor Schreck fast die Karten aus der Hand.

Die anderen Hofdamen erhoben sich und knicksten, wie von unsichtbaren Schnüren gezogene Marionetten. Froni tat es ihnen gleich, auch wenn sie ein klein wenig später dran war und vermutlich nicht ganz so elegant dabei wirkte. Ihr fiel wieder auf, wie anziehend Friedrich aussah mit seinen dichten, dunklen Locken und dem strahlenden Gesicht. Seit seiner Vermählung mit Elizabeth hatte er keine Anflüge von Schwermut mehr gezeigt, sondern schwebte auf einer Wolke des Glücks durch die Korridore der Burg.

»Bonjour, ma chère!«

Er küsste seine Frau auf die Wange, bevor er die anderen Damen auch nur wahrgenommen hatte. Dann lächelte er sie der Reihe nach an, so, wie ein gütiger Herr Almosen an Bedürftige verteilte. Theodoras blasse Wangen bekamen ein wenig Farbe. Friedrichs Talent, die Herzen junger Frauen zu gewinnen, war mit seiner Vermählung nicht schwächer geworden.

Auf einmal spürte Froni seinen Blick auf sich ruhen. Es war das erste Mal seit seiner Rückkehr aus England, dass er sie nicht völlig übersah.

»Wie geht es Euch, Fräulein von Odenwald? Es freut mich, Euch unter den Damen meiner werten Gemahlin zu sehen. Sie ist stets voll des Lobes über Euch.«

Er hatte auf Deutsch gesprochen, was bei den Versammelten ein leichtes Stirnrunzeln auslöste. Da Elizabeth keinerlei Bemühungen zeigte, die Sprache ihres Gatten zu lernen, hielten ihre Gefolgsdamen das auch nicht für nötig. Froni konnte sich nicht vorstellen, dass Elizabeth sie jemals ihrem Gemahl gegenüber erwähnt hatte. Aber allein der Umstand, dass Friedrich ihr nun Aufmerksamkeit schenkte, kam einer Auszeichnung gleich. Sie spürte, dass ihre Wangen zu glühen begannen.

»Ich danke Euch für Eure Fürsorge. Es könnte mir in Obhut Eurer Gemahlin nicht besser gehen", erwiderte sie mit züchtig niedergeschlagenem Blick. Ein Teil von ihr vermisste mit erneuter Heftigkeit die alte Vertrautheit, die früher zwischen ihnen geherrscht hatte. Aber das war nun nicht mehr möglich.

Elizabeth forderte Marian auf, dem Kurfürsten einen Becher Wein einzuschenken. Das Mädchen gehorchte mit vor Aufregung zitternden Händen, während Friedrich neben Elizabeth auf dem Kanapee Platz nahm.

»Ich habe aufregende Neuigkeiten für meine Astrée«, sagte er nun wieder auf Französisch an Elizabeth gewandt. Froni wusste inzwischen, dass er auf eine Figur aus einem sehr beliebten Roman anspielte, auch wenn sie bisher nicht die Geduld und Zeit gehabt hatte, das Buch selbst zu lesen.