Die Sprache der Seele - Ingo Schymanski - E-Book

Die Sprache der Seele E-Book

Ingo Schymanski

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Beschreibung

Entschlüsseln Sie die Botschaft, die hinter Ihren Beschwerden steckt Begleiter: Das Buch bestärkt Sie auf dem Weg und hilft, Signale der Seele zu verstehen Neue Wege: Aus dem Teufelskreis unseres modernen Gesundheitssystems aussteigen Ziel: Chronische Krankheitsverläufe vermeiden und zufrieden leben Dieses Buch wird Ihr Verständnis von Gesundheit und vom guten Leben grundlegend verändern. Sie haben körperliche Beschwerden, eine psychische Erkrankung oder Probleme im Zwischenmenschlichen? Hören Sie diesen Symptomen gut zu, denn Ihre Seele will Ihnen etwas mitteilen. In diesem Buch erklärt der Arzt und Psychotherapeut Ingo Schymanski die Zusammenhänge: Die Seele meldet sich über somatische, psychische und auch soziale Symptome, weil sie nicht über Worte verfügt. Um auf ihre Not aufmerksam zu machen, muss sie Beschwerden als Kommunikationskanäle nutzen. Pharmaka und medizinische Eingriffe bringen sie vorübergehend zum Schweigen. Kurz mag das erleichtern, aber Ihre Seele wird sich über immer neue Erkrankungen Gehör verschaffen, bis Sie ihr zuhören. Was Ihre Seele will? Dass Sie das Leben führen, das zu Ihnen passt. Sie kennt Ihr volles Potenzial und will Sie dorthin leiten. Gehen Sie mit?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 404

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Dies ist der Umschlag des Buches »Die Sprache der Seele« von Ingo Schymanski

Ingo Schymanski

Die Sprache der Seele

Psychische, somatische und soziale Signale als Schlüssel zu Gesundheit und Wohlbefinden

Schattauer

WISSEN&LEBEN

herausgegeben von Wulf Bertram

Wulf Bertram, Dipl.-Psych. Dr. med, geb. in Soest/Westfalen, Studium der Psychologie, Medizin und Soziologie in Hamburg. Zunächst Klinischer Psychologe im Universitätskrankenhaus Hamburg Eppendorf, nach Staatsexamen und Promotion in Medizin Assistenzarzt in einem Sozialpsychiatrischen Dienst in der Provinz Arezzo/Toskana, danach psychiatrische Ausbildung in Kaufbeuren/Allgäu. 1986 wechselte er als Lektor für medizinische Lehrbücher ins Verlagswesen und wurde 1988 wissenschaftlicher Leiter des Schattauer Verlags, 1992 dessen verlegerischer Geschäftsführer. Aus seiner Überzeugung heraus, dass Lernen Spaß machen muss und solides Wissen auch unterhaltsam vermittelt werden kann, konzipierte er 2009 die Taschenbuchreihe »Wissen & Leben«, in der mittlerweile mehr als 50 Bände erschienen sind. Bertram hat eine Ausbildung in Gesprächs- und Verhaltenstherapie sowie in Psychodynamischer Psychotherapie und arbeitet als Psychotherapeut in eigener Praxis.

Für seine »wissenschaftlich fundierte Verlagstätigkeit«, mit der er im Sinne des Stiftungsgedankens einen Beitrag zu einer humaneren Medizin geleistet hat, in der der Mensch in seiner Ganzheitlichkeit im Mittelpunkt steht, wurde Bertram 2018 der renommierte Schweizer Wissenschaftspreis der Margrit-Egnér-Stiftung verliehen.

Impressum

Besonderer Hinweis:

Die Medizin unterliegt einem fortwährenden Entwicklungsprozess, sodass alle Angaben, insbesondere zu diagnostischen und therapeutischen Verfahren, immer nur dem Wissensstand zum Zeitpunkt der Drucklegung des Buches entsprechen können. Hinsichtlich der angegebenen Empfehlungen zur Therapie und der Auswahl sowie Dosierung von Medikamenten wurde die größtmögliche Sorgfalt beachtet. Gleichwohl werden die Benutzer aufgefordert, die Beipackzettel und Fachinformationen der Hersteller zur Kontrolle heranzuziehen und im Zweifelsfall einen Spezialisten zu konsultieren. Fragliche Unstimmigkeiten sollten bitte im allgemeinen Interesse dem Verlag mitgeteilt werden. Der Benutzer selbst bleibt verantwortlich für jede diagnostische oder therapeutische Applikation, Medikation und Dosierung.

In diesem Buch sind eingetragene Warenzeichen (geschützte Warennamen) nicht besonders kenntlich gemacht. Es kann also aus dem Fehlen eines entsprechenden Hinweises nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe zum Zeitpunkt des Erwerbs

Schattauer

www.schattauer.de

J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH

Rotebühlstr. 77, 70178 Stuttgart

Fragen zur Produktsicherheit: [email protected]

© 2025 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle Rechte inklusive der Nutzung des Werkes für Text und Data Mining i.S.v. § 44b UrhG vorbehalten

Cover: Bettina Herrmann, Stuttgart

unter Verwendung einer Abbildung von © Seishinskaja/iStock

Gesetzt von Eberl & Koesel Studio, Kempten

Gedruckt und gebunden von Friedrich Pustet GmbH & Co. KG, Regensburg

Lektorat: Karla Seedorf

Projektmanagement: Dr. Nadja Urbani

ISBN 978-3-608-40187-5

E-Book ISBN 978-3-608-12335-7

PDF-E-Book ISBN 978-3-608-20680-7

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

Vorwort

Selbsttest

1 Die körperlich-seelisch-soziale Einheit des Menschen

Gesundheit ist mehr als das Fehlen von Krankheit

Was ist Gesundheit?

Die Dynamik von Körper, Seele und sozialer Interaktion

Was sind »psychosomatische Krankheiten«?

Unentdeckte Mechanismen des Stressempfindens

Gibt es überhaupt psychosomatische Krankheiten?

Gesundheit, die sich Raum verschaffen möchte

Welche Symptome können auftreten?

Ein Gesundheitssystem, das Gesundung verhindert

Warum behaupten Ärzte häufig, der Patient sei gesund, obwohl er heftige Beschwerden hat?

Verleugnung seelischer Ursachen

Warum wehren sich Patienten häufig gegen die Annahme, ihre Beschwerden hätten eine seelische Ursache?

Emotionale Lernmomente erschüttern das Selbst

Es ist möglich, dass Sie die Lektüre hier abbrechen wollen. Warum sollten Sie das nicht tun?

Die Blindheit für die Ursache der eigenen Beschwerden

Wer bekommt psycho-somato-soziale Beschwerden?

Welche Formen der Psychotherapie gibt es?

Beschwerden als Aufforderung zum Wachstum

Wann treten psycho-somato-soziale Beschwerden auf?

Das Streben nach Liebe, Anerkennung und Bindung

Woher kommen psycho-somato-soziale Beschwerden?

Chronischer emotionaler Stress

Wie entstehen psycho-somatische Beschwerden?

Wie entstehen psychosoziale Beschwerden?

Beschwerden mit Symbolcharakter

Woran erkenne ich psychosozialen Stress?

Warnsignale unserer Seele

Welchen Sinn haben psycho-somato-soziale Beschwerden?

Das Beschwerdeschwellen-Modell

Die Angst vor der Angst

Welche Rolle spielt Angst in der Psychosomatik?

Es gibt ein Leben vor dem Tod

Wie überwinde ich die Angst vor dem Tod?

Emotionale Autonomie kontra Kernverschmelzung

Wie gehe ich mit der Angst vor Einsamkeit um?

Den goldenen Herbst genießen

Wie gehe ich mit der Angst vor dem Älterwerden um?

Fluch und Nutzen von Psychopharmaka

Können Psychopharmaka nützlich sein?

Selbstschädigendes Verhalten ablegen

Welche Bedeutung besitzen Abhängigkeitssyndrome?

2 Wege zur Gesundung

Träume verhelfen zu neuen Perspektiven

Wunschträume als Wegweiser für Werte und Ideale

Schlafträume als Tor zum Unterbewusstsein

Die Behandlung psycho-somato-sozialer Beschwerden

Der bewusste Weg

Leidensdruck nutzen

Muster herausarbeiten

Sich Zusammenhänge bewusst machen

Alternatives Verhalten üben

Auf Widerstände und Rückschläge vorbereitet sein

Der unbewusste Weg

Die Wahrnehmung für das Selbst steigern

Soziale Interaktion fördern

Sinnliche Wahrnehmung schulen

Was verändert sich durch eine Psychotherapie?

Nicht jeder leidet so stark, dass er gleich einen Therapeuten zurate ziehen möchte. Was kann er tun?

3 Beschwerdebilder als Wegweiser zu mehr Gesundheit

Welche Zusammenhänge lassen sich erschließen?

Gleiche Stressauslöser erzeugen nicht gleiche Symptome

Ähnliche Charaktere entwickeln nicht ähnliche Symptome

Was bereitet Ihnen Kopfzerbrechen?

Kopfschmerzen

Zu viel um die Ohren

Ohrgeräusche (Tinnitus aurium)

Phasen vermehrter Selbstbeobachtung

Haarausfall

Schleimhäute in Abwehrstellung

Chronische Nasennebenhöhlenentzündung (Sinusitis chronica)

Ärger, der im Hals feststeckt

Kloßgefühl im Hals (Globus pharyngeus)

Tonnenschwer unter Druck

Zähneknirschen (Bruxismus)

Kein Schlaf der Gerechten

Schlafstörungen

Stress, Anspannung, selbstschädigendes Verhalten

Sodbrennen (Refluxösophagitis)

Ernährungsgewohnheiten des Steinzeitmenschen

Verdauungsstörungen

Teufelskreis der Angst

Funktionelle Herzbeschwerden

Eine vergiftete Atmosphäre

Atemnot, Luftnot, Hyperventilation

Überlastung, Erstarrung, Mangeldurchblutung

Rückenschmerz, Verspannungen

Leben aus dem Gleichgewicht

Chronischer Schwindel (Vertigo)

Nervosität, Angst, Anspannung

Ständiger Harndrang, überaktive Blase (»Reizblase«)

Ungewollte Nähe, Konflikte, Traumata

Schmerzen beim Geschlechtsverkehr (Dyspareunie)

Statt Abwehr von Eindringlingen Angriff auf das Selbst

Allergien

Allzeit zu Höchstleistungen bereit?

Sehnenansatzentzündungen

Mangelnde Achtsamkeit aus Überlastung

Abwehrschwäche, Immunschwäche, Infektanfälligkeit

Wenig Vertrauen ins Leben

Hypochondrie

Missachtung von Grenzen

Unfälle

Gesteigerte Empfindsamkeit

Fibromyalgie

Die Zuckerkrankheit der Seele

Warum »immer mehr« nicht »immer glücklicher« macht

Leere Speicher, abgestumpfte Rezeptoren

Viele Beschwerden – eine Ursache?

Lustgewinn durch Lustverzicht – was passiert beim Meditieren?

Ängste

Schlafstörungen

Depressionen

Enttäuschte Ideale und fehlendes Erschöpfungsempfinden

Burn-out

Danke!

Sachverzeichnis

Vorwort

»Wir finden nichts. Ihre Beschwerden sind psychisch bedingt!« Mit dieser Auskunft werden täglich Hunderte und Tausende Patienten abgespeist, mal mehr, mal weniger einfühlsam. Alle Untersuchungen blieben ohne wegweisenden Befund, keine Therapie brachte die Schmerzen, den Schwindel, die quälenden Ohrgeräusche dauerhaft zum Verschwinden.

Gelenkbeschwerden, Muskelschmerz, Verspannungen, Rückenschmerz, Nervenschmerzen, Nervosität, Erschöpfung, Herzklopfen, Schlaflosigkeit, Schweißausbrüche, Gewichtsveränderung, Depression: all das ohne Ursache? Völlig gesund und trotzdem ständig krank?

Die »Karriere« der meisten Patienten ähnelt sich. Irgendwann begannen die Beschwerden, und seit dem ersten Besuch beim Hausarzt vor drei oder mehr Jahren wurden unzählige Experten konsultiert, später auch Heilpraktiker, Homöopathen oder sogar Wunderheiler. Allen Therapien war gemein, dass sie mit viel Hoffnung begonnen wurden, alle endeten damit, dass sie keine bleibende Besserung bewirkten. Keine Diagnose, keine Behandlung, nicht einmal chirurgische Operationen brachten die versprochene Gesundung. Am Ende sitzt der klassische Patient wieder beim Hausarzt, der mit ehrlichem Bedauern die Schultern hebt und sagt: »Tut mir leid. Es ist alles psychisch!«

Und so wendet sich der Patient, den niemand heilen kann, an die vermeintlich letzte Instanz: Wenn alles »psychisch« bedingt ist – wer soll helfen, wenn nicht der Psychiater, die Psychotherapeutin, der Seelenarzt?

Die Erfahrung zeigt: Psychotherapie kann helfen. Nicht schnell, nicht einfach und auch nicht immer. Aber viele Patienten mit sogenannten »psychosomatischen Beschwerden« lernen im Lauf der Jahre, mit ihren Symptomen umzugehen, mit den Beschwerden irgendwie zu leben. Der Schritt, wegen der körperlichen Beschwerden einen Fachmann oder eine Fachfrau für die Seele zurate zu ziehen, stellt für viele Patienten eine große Hürde dar. Jeder kennt aus der näheren oder weiteren Bekanntschaft Menschen, die durch die Psychotherapie erst richtig in Schwierigkeiten zu geraten schienen. Das wirkt auf viele abschreckend. Eine oft mehrjährige Therapie kann ebenso wie die langfristige Einnahme von Medikamenten den erhofften und ersehnten Erfolg nicht garantieren: ein gesundes, glückliches Leben, unbeschwert und frei von ständigen Beschwerden. Was also tun?

An all jene Menschen, die nach einer Lösung für ihre meist seit Jahren bestehenden seelisch bedingten körperlichen oder sozialen Probleme suchen, richtet sich dieses Buch.

Es ersetzt weder die Beratung beim Hausarzt noch die tiefergehenden Untersuchungen durch Fachärzte – aber es ergänzt die heutige »moderne Medizin« um jene Aspekte, für die sie in den vielen Jahrzehnten ihrer zunehmenden Technisierung völlig blind geworden ist.

Im vorliegenden Buch geht es mir in erster Linie um einen neuen Umgang mit »psychosomatischen« Beschwerden: Fast alle üblichen Methoden – gleich, ob schulmedizinisch oder alternativ – betrachten die Symptome als Krankheit und damit als Gegner.

Dieses Buch hingegen verfolgt eine gegenteilige Philosophie: Psychische, psychosomatische und psychosoziale Beschwerden haben einen Sinn. Werden sie mit Medikamenten unterdrückt, tauchen sie mit Gewissheit an anderer Stelle wieder auf. Richtig verstanden, dienen Symptome jeglicher Art als Chance zur Entwicklung der Persönlichkeit und damit als Wegweiser zu nachhaltigem Wohlbefinden. Im Verlauf der Lektüre wird erörtert, auf welche Weise Erlebnisse (meist in Kindheit und Jugend) unseren gesamten Lebensweg beeinflussen und über unser körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden entscheiden. Selbstverständlich werden auch Strategien vermittelt, frühere prägende Erlebnisse zu verstehen und zu überwinden.

Außerdem liegt mir daran, die faszinierenden aktuellen Erkenntnisse der Hirnforschung zu vermitteln. Diese machen verständlich, warum wir Menschen nach immer mehr streben – und warum dieses ständige Mehr uns nicht glücklicher macht, sondern im Gegenteil oft krank an Körper, Seele und auch im sozialen Miteinander.

Die gemeinsame Betrachtung all dieser Aspekte soll den Leser zu der Erkenntnis inspirieren, dass es keinen objektiven Maßstab für Lebensglück oder ein erfolgreiches Leben gibt. Das Optimum, das wir erreichen können, zeigt sich in der Übereinstimmung unseres Lebens mit unseren tatsächlichen Bedürfnissen. Und hier kann ein Weniger in bestimmten Bereichen durchaus ein Mehr an körperlichem Wohlbefinden, seelischer Ausgeglichenheit und Harmonie in unserem sozialen Umfeld bewirken – letztlich also ein entspannteres, schöneres Leben bei nachhaltig besserer Gesundheit.

Ihre Symptome als Freunde und Wegweiser zu begreifen, wird Ihnen helfen, sich eine neue Welt der Wahrnehmung zu erschließen. Wenn es Ihnen gelingt, Ihrem neuen Verständnis eine tatsächliche Veränderung Ihres Verhaltens folgen zu lassen, werden Ihre Beschwerden verschwinden.

Und sollten sich Ihre »alten Bekannten« – die Rückenschmerzen, die Ohrgeräusche, der Schwindel und so viele Symptome mehr – doch unverhofft wieder bei Ihnen melden, werden Sie sie dankbar empfangen. Weil Sie einen »sechsten Sinn« entwickelt haben, der Ihnen sagt, dass es wieder eine wichtige Lektion zu lernen gibt. Sie werden neugierig sein, zuhören und das in diesem Buch vermittelte Wissen dazu nutzen, Ihrem inneren, wahren Selbst näherzukommen. Um das Leben zu leben, das Ihnen und Ihren ganz persönlichen Bedürfnissen entspricht.

Ich wünsche Ihnen viel Freude und viel Erfolg bei der Lektüre dieses Buches!

Selbsttest(1)

Oft ist man so in seinem Alltag gefangen und darauf bedacht, den Anforderungen von Familie und Arbeit gerecht zu werden, dass man gar nicht auf die Idee kommt, sich grundlegende Fragen zum eigenen Befinden zu stellen. Nehmen Sie sich bewusst ein paar Minuten Zeit für Ihr persönliches »Stress- und Wohlfühl-Barometer« auf den nächsten beiden Seiten.

Stress-Barometer(1)

Ja

Nein

Zeigt Ihre Zunge deutliche Abdrücke der Zähne?

Ist Ihre Nackenmuskulatur verspannt?

Schmerzt es in der Magengegend, wenn Sie Ihren Oberbauch unterhalb des Brustbeins kräftig mit Mittel- und Ringfinger beklopfen?

Leiden Sie häufig an Sodbrennen, saurem Aufstoßen oder schlechtem Geschmack im Mund?

Leiden Sie häufig an körperlichen Beschwerden wie Kopfschmerz, Rückenschmerz, Magenschmerz, Verdauungsstörungen?

Haben Sie einmal monatlich oder häufiger einen Infekt oder eine Erkältung, Durchfall, Frösteln, Fieber, Bauchschmerzen oder Appetitverlust?

Leiden Sie an chronischen oder immer wiederkehrenden Hauterscheinungen wie Rötung, Ausschlag oder Ähnlichem?

Verspüren Sie häufig scheinbar grundlos Herzklopfen, Hitzewellen oder Schwindel?

Rauchen Sie?

Befürchten Sie, eventuell an einer schweren, nicht erkannten Krankheit zu leiden?

Fühlen Sie sich manchmal so, als ob Sie gar nicht wirklich anwesend wären, beinahe wie eine leere Hülle?

Leiden Sie an chronischem Zeitmangel?

Trinken Sie beinahe täglich Alkohol?

Schlafen Sie zwar schnell ein, wachen aber nachts öfter auf?

Haben Sie häufig Schuldgefühle?

Sind Sie tagsüber oft schlapp und müde?

Leiden Sie an körperlichen Beschwerden, für die kein Arzt eine Ursache findet?

SUMME

Tab. 1-1: Stress-Barometer.

Wohlfühl-Barometer(1)

Ja

Nein

Fühlen Sie sich im Allgemeinen wohl in Ihrem Körper?

Blicken Sie optimistisch in die Zukunft?

Haben Sie Pläne und freuen sich auf die Umsetzung?

Ist Ihre Stimmung gut?

Haben Sie Zeit für Unternehmungen mit der Familie und/oder Freunden?

Treiben Sie regelmäßig Sport?

Haben Sie ein Hobby oder verfolgen langjährige Interessen?

Können Sie entspannt die Zeit genießen und sich hinsetzen, ohne dass Ihnen langweilig wird?

Fühlen Sie sich morgens erholt und leistungsfähig?

Vergessen Sie selten oder nie Verabredungen?

Ernähren Sie sich gesund und ballaststoffreich?

Kommen Sie dazu, regelmäßig und ungestört zu essen?

Halten Sie Ihr Normalgewicht?

Sind Sie Nichtraucher/-in?

Trinken Sie selten oder nie Alkohol?

Sind Sie mit Ihrer Arbeit im Allgemeinen zufrieden und kommen mit Vorgesetzten und Kollegen gut aus?

Bereitet Ihnen der Alltag überwiegend Freude?

Wenn Ihr/-e Partner/-in oder Bekannte zu spät zu einer Verabredung kommen, werden Sie nicht unzufrieden, sondern freuen sich über die gewonnene Zeit?

Können Sie überall sein, wie Sie sind, authentisch?

SUMME

Tab. 1-2: Wohlfühl-Barometer.

Haben Sie viele Wohlfühlpunkte sammeln können? Oder gibt es doch mehr Stresspunkte, als Sie geglaubt hätten? Das Ergebnis entspricht keinem validierten Test. Es soll Ihnen lediglich einen Anhaltspunkt dafür liefern, wie gesund Sie leben und ob es hinsichtlich Ihrer seelischen, körperlichen und sozialen Situation Optimierungsmöglichkeiten gibt.

Um Ihnen eine Orientierung zu ermöglichen: Eine nicht repräsentative Mini-Umfrage unter unseren Praxisangestellten ergab sowohl im Stress- wie auch im Wohlfühl-Barometer durchschnittlich ungefähr je 3 Punkte im jeweiligen Negativbereich. Das legt nahe, dass auch bei uns noch Stressabbau- und Wohlfühlpotenzial zu mobilisieren ist. Kein Wunder bei den immer hektischeren Arbeitsbedingungen!

Machen Sie sich bitte auch keine Sorgen, wenn Ihr Stress-Barometer hoch ausschlägt. In diesem Buch möchte ich Ihnen vermitteln, dass seelisch und sozial bedingte Symptome keine Krankheit sind, sondern der Ausdruck eines Gesundwerden-Wollens. Eine hohe Anzahl von Kreuzen bei der Ja-Spalte zeigt allerdings, dass Sie viel Potenzial besitzen, mit weniger Anstrengung angenehmer, gesünder und nachhaltiger zu leben.

1 Die körperlich-seelisch-soziale Einheit des Menschen

Gesundheit ist mehr als das Fehlen von Krankheit

Was ist Gesundheit?

Bereits 1946 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Gesundheit (1)definiert als »einen Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen«.

Mit dieser Aussage formuliert die WHO einen hohen Anspruch. Dieses Maß wollen wir bei der Arbeit mit diesem Buch stets im Auge behalten. Gesund zu sein, bedeutet nicht, dass wir den Himmel auf Erden schaffen oder empfinden müssten. Vorübergehende körperliche oder seelische Beschwerden sind normal und gehören zu einem gesunden Leben. Schmerz ist ein notwendiges Warnsignal, Trauer ein sinnvolles Gefühl, und selbst wenn wir uns in unserer sozialen Rolle manchmal unwohl fühlen, gehört das zum Menschsein dazu.

Krankheitswert gewinnen Schwankungen im Befinden erst, wenn Beschwerden über längere Zeit immer wieder oder auch dauerhaft auftreten und der Grundzustand des eigenen Lebens eben nicht als positiv empfunden wird. Der Anspruch des Wohlbefindens gilt für den körperlichen, den seelischen und – wie die WHO weise formulierte – auch den sozialen Bereich.

Die Dynamik von Körper, Seele und sozialer Interaktion

Was sind »psychosomatische Krankheiten«?

Psyche bedeutet »Seele« und soma bedeutet »Körper«. Als psychosomatische Beschwerden werden körperliche Beschwerden bezeichnet, die ihren Ursprung in der Seele eines Menschen haben (griechisch psychē, Atem, Hauch, sinnbildlich für »Lebendigkeit«). Im weiteren Sinn können auch gesundheitsschädliche Verhaltensweisen wie Rauchen, Essstörungen, Bewegungsmangel u. a. zu den psychosomatischen Krankheitsbildern gerechnet werden.

Auch die bloße Überzeugung, krank zu sein (Hypochondrie), kann für sich bereits Krankheitswert besitzen. Und alle diese Beschwerden bedeuten keineswegs, dass Menschen mit körperlich unerklärlichen Beschwerden seelisch krank sein müssen. Im Gegenteil: Wirklich seelisch kranke Menschen wie Menschen mit Schizophrenie leiden eher seltener an körperlichen Beschwerden. Und: Meiner jahrelangen Erfahrung mit psychosomatischen Krankheitsbildern nach möchte ich sogar behaupten, dass sich gerade in psychosomatischen Leiden Gesundheit ausdrückt. Es erscheint paradox: Der Patient leidet, weil sich Gesundheit Raum verschaffen will.

Dennoch fühlen sich viele Patienten mit psychosomatischen Beschwerden schwer beeinträchtigt. Nach der strengen WHO-Definition sind sie ja auch krank, selbst wenn kein Apparat und keine Laboruntersuchung eine organische Krankheit nachweisen kann. Trotzdem bieten psychosomatische Beschwerden oftmals eine wunderbare Gelegenheit zum Einstieg in ein neues, körperlich und seelisch gesünderes Leben – wenn wir die Beschwerden richtig deuten und uns nicht auf die bloße Bekämpfung von Symptomen versteifen.

Der Begriff Psychosomatik (1)bleibt jedoch an sich problematisch. Er suggeriert eine Unterteilung des Menschen in Körper und Seele. Dabei lassen sich Körper und Seele genauso gut als Einheit begreifen, als ein eng verwobenes Ganzes. Wer sich länger mit der Psychosomatik beschäftigt, gewinnt den sicheren Eindruck, dass sich seelische und körperliche Probleme überhaupt nicht voneinander getrennt betrachten und behandeln lassen – auch wenn das in der heutigen Medizin größtenteils immer noch den Standard darstellt. Warum dies so ist, werden Sie im Laufe des Buches erfahren.

Noch eine Tatsache macht den Begriff Psychosomatik fragwürdig: Wir sind nicht bloß Körper und Seele, wir sind immer auch Teil eines sozialen Netzwerks. Bei genauer Betrachtung zeigt sich, dass seelische Konflikte nicht nur Auswirkungen auf den Körper haben, sondern genauso das soziale Leben beeinflussen. In dieser Hinsicht greift eine reine »Psychosomatik« zu kurz. Besser ist der Begriff »Psycho-sozio-somatik(1)«, also die Lehre von den Zusammenhängen zwischen Seele, sozialen Beziehungen und körperlichem Befinden. Sie erinnern sich an die WHO-Definition von Gesundheit, die sich genau auf diese drei Begriffe bezieht?

Die Psychosoziosomatik ist nicht identisch mit dem Begriff »bio-psycho-sozial«, der u. a. auf einen der Begründer der psychosomatischen Medizin, Thure von Uexküll(1), zurückgeht. »Bio« bezieht sich darin eher auf die genetischen Grundvoraussetzungen des Menschen, während »somato« die akuten und chronischen Reaktionen des Körpers auf psychische und soziale Einflüsse bezeichnet. Dies soll die Bedeutung der biologischen Grundlagen wie Genetik, Umwelteinflüsse, Ernährung u. a. nicht ausschließen: Da sich dieses Buch aber hauptsächlich auf das durch Lernprozesse Beeinflussbare in Körper, Seele und sozialer Interaktion bezieht, werden die Begriffe »psycho-somato-sozial« bzw. »Psychosoziosomatik« verwendet.

Die isolierte Betrachtung oder auch die Aussparung der einzelnen Bestandteile dieses Dreigestirns verzichtet ohne Not auf wesentliche diagnostische Ansätze zum Verständnis und zur Behandlung vorhandener Beschwerden.

Die Psychosoziosomatik betrachtet gleichzeitig seelische, soziale und körperliche Vorgänge. Jeder Bestandteil besitzt seine eigene innere Dynamik und interagiert eng mit seinen beiden jeweiligen Nachbarn. Wegen der Untrennbarkeit der Bestandteile bezeichnet man diesen Ansatz als »ganzheitlich«.

Ein rein körperlich arbeitender Arzt wird nie alle Beschwerden eines Menschen verstehen und effektiv therapieren können. Ebenso wird ein Therapeut, der alle Krankheiten für seelisch bedingt hält, in vielen Fällen auf gefährliche Weise wesentliche Krankheitsfaktoren übersehen. Und auch ein Therapeut, der die sozialen Interaktionen von Menschen allein für bedeutsam hält, z. B. ein »Systemtherapeut«, wird mit seinem Ansatz an vielen Krankheits- und Beschwerdebildern scheitern.

Trotz der genannten Einschränkungen wird in diesem Buch auch der Begriff Psychosomatik anstelle von Psychosoziosomatik verwendet. Es versteht sich von selbst, dass »psychosomatisch« auch »psycho-sozio-somatisch« bedeutet oder »psycho-somato-sozial«. Gemeint ist immer gleichrangig die seelisch-sozial-körperliche Einheit des Menschen.

Unentdeckte Mechanismen des Stressempfindens

Gibt es überhaupt psychosomatische Krankheiten?

Über diese Frage wurde lange gestritten. Mittlerweile weichen die Fronten langsam auf. Selbst konservative Schulmediziner leugnen immer seltener den Einfluss des psychosozialen Befindens auf den somatischen Krankheitsverlauf, wie auch extreme Vertreter der Psychosomatik zunehmend erkennen, dass sich nicht für jede Erkrankung ein seelischer Auslöser identifizieren lässt bzw. nicht für jede Erkrankung eine psychosoziale Störung der Auslöser sein muss.

Ich persönlich bin der Ansicht, dass es weder rein körperliche noch rein psychische noch rein soziale Krankheitserscheinungen gibt. Bei jeder körperlichen Erkrankung haben psychosoziale Faktoren erheblichen Einfluss, genauso wie sich somato-soziale Probleme auf die Seele auswirken und damit wieder auf den Körper. In jedem Fall hängt der Beschwerdeverlauf im primären, offensichtlichen Bereich stets auch von den beiden anderen Bereichen ab. Die in der heutigen Medizin leider immer noch übliche getrennte Betrachtung psychischer, sozialer und somatischer Symptome zielt daher häufig an den eigentlichen Krankheitsursachen vorbei. Jeder Patient sollte – wie jeder Therapeut – in jedem der drei Bereiche Wohlbefinden anstreben. Wer einmal die Einheit von Körper, Seele und sozialem Umfeld erkannt hat, wird diese Bereiche nie wieder voneinander trennen wollen.

In den letzten Jahren wurde die HPA-Achse (die Funktionseinheit Hypothalamus-Hypophyse-Nebennierenrinde) als Vermittler zwischen Stressempfinden und körperlicher Antwort entdeckt. Psychischer, sozialer oder auch körperlicher Stress (z. B. Verletzungen) führen über diese Achse zur Freisetzung von Stresshormonen, die im Körper schädliche Wirkungen entfalten können. Mit großer Wahrscheinlichkeit existieren neben der HPA-Achse weitere, noch unbekannte Mechanismen, die den Verlauf von Krankheiten beeinflussen.

Wir sollten uns vor monokausalen Krankheitserklärungen hüten, nur weil für sie keine biochemische oder physikalische Ursache bekannt ist.

Ein Beispiel: Jahrzehntelang wurde über den Einfluss der Psyche bei Patienten mit Magengeschwüren spekuliert. Seit 1979 ein Bakterium (Helicobacter pylori(1)) als Auslöser identifiziert wurde, spricht kein Mensch mehr vom »Neid, der den Charakter eines Ulkuspatienten präge«, kaum jemand erwähnt mehr die angeblich ausgeprägten Nasolabialfalten (die Gesichtsfalte zwischen Oberlippe und Nasenflügel), die seinem Gesicht ein charakteristisches Aussehen verliehen.

Heute erfolgt die Therapie des Magengeschwürs durch eine einwöchige Behandlung mit Säureblockern und Antibiotika, anschließend bleiben die meisten Patienten bezüglich ihres Magens beschwerdefrei.

Trotzdem: Auch wenn sich in diesem Fall eine offenbar bakterielle Ursache als Auslöser für eine früher als »psychosomatisch« eingestufte Erkrankung finden ließ, so bleibt immer noch die Frage, warum nur ca. 20 % der mit dem Magenbakterium Helicobacter pylori infizierten Menschen tatsächlich ein Magengeschwür (1)entwickeln.

Warum nistet sich das Bakterium nicht in jedem Magen ein? Warum entwickeln sich bei ansonsten beschwerdefreien Bakterienträgern gerade in psychosozialen Stresssituationen Magenbeschwerden und Magengeschwüre? Sind hier vielleicht doch psychische Faktoren ausschlaggebend?

Dieses Beispiel lehrt, dass wir offen bleiben sollten für eine ganzheitliche Betrachtungsweise. Zur ganzheitlichen Betrachtung gehört die Suche nach den Wegbereitern von Krankheiten unbedingt dazu.

Im Grunde sind diese Wegbereiter, also »falsches« Verhalten wie schlechte Ernährung, Bewegungsmangel und der übermäßige Gebrauch von Genussmitteln, bereits als Zeichen psycho-somato-sozialen Drucks zu bewerten: Wer ausgeglichen ist, benötigt keine Genüsse, die die Gesundheit gefährden und letztlich das Leben verkürzen. Wir werden auf diese Thematik mehrfach zurückkommen.

Gesundheit, die sich Raum verschaffen möchte

Welche Symptome können auftreten?

Psychosomatische Beschwerden sind ein diagnostisches Chamäleon. Es gibt kaum Krankheiten, kaum Symptome, die sie nicht imitieren können. Das Spektrum reicht von neurologischen Erscheinungen wie Kopfschmerz, Schwindel, Sehstörungen, Ohrgeräusche(1)n und sogar Lähmungen über orthopädische Beschwerden wie Rücken-, Gelenk- und Muskelschmerzen bis hin zu internistischen Krankheitsbildern mit Herzrhythmusstörungen, Kreislaufbeschwerden, Durchfällen und unspezifischen Symptomen wie Unwohlsein, Leistungsverminderung, Schweißausbrüchen. Selbst Hautausschläge können Folge von psychosomatischen Störungen sein, wobei sich die Liste möglicher Symptome nahezu endlos fortsetzen ließe.

Das macht die Diagnostik von psychosomatischen Beschwerden so schwierig: Die Betroffenen schildern oft Krankheitserscheinungen, die haargenau zu organischen Erkrankungen passen. Doch jede körperliche oder apparative Untersuchung, jeder Laborwert scheint nur eines zu bestätigen: Die Organe sind gesund! Zumindest ergibt sich typischerweise kein Befund, der die Beschwerden in ihrer Heftigkeit erklären könnte. Ärzte reden in diesem Zusammenhang auch von funktionellen Beschwerden, was so viel bedeutet wie: Der Körper und seine Organe sind in Ordnung, nur ihre Funktion ist gestört. Eine andere Bezeichnung lautet somatoforme Störung, was so viel heißt wie »Störung, die einer körperlichen Erkrankung ähnelt«. Gern verschwiegen wird in diesem Zusammenhang, dass die Ursache der Erkrankung einem seelischen Leiden oder einer schwierigen Lebenssituation zugeschrieben wird, obwohl – wie gesagt – eine Aufspaltung des Menschen in einen körperlichen, einen seelischen und einen sozialen Bereich überhaupt nicht sinnvoll erscheint.

Wer will was Lebigs erkennen und beschreiben,

Muß erst den Geist herauser treiben,

Dann hat er die Teil’ in seiner Hand,

Fehlt leider nur das geistlich Band.

Mephisto, im Urfaust

Mit dem erwähnten Verständnis für eine ganzheitliche Betrachtungsweise sollte die folgende Auflistung gelesen werden. Sie nennt Beschwerden, die sich typischerweise und sehr häufig und hauptsächlich durch psycho-somato-soziale Zusammenhänge erklären lassen:

Häufige psychosomatische Beschwerden(1)

Kopfschmerz

Kloß- oder Fremdkörpergefühl im Hals, Schluckbeschwerden

Rücken- und Wirbelsäulenschmerz

Verspannungen, Muskelverhärtungen

Sehnenansatzentzündungen

Verdauungsstörungen

Kreislaufbeschwerden

Schwindel

Ohrgeräusche(2)

Erschöpfungszustände

Schlafstörungen

vermehrter Haarausfall(1) (subjektiv)

Infektanfälligkeit

Ganzkörperschmerz

Hypochondrische Befürchtungen

Angst- und Panikanfälle

Depressionen

Tab. 1-1: Häufige psychosomatische Beschwerden.

Bei den in der Tabelle genannten Erscheinungen handelt es sich nicht um Krankheiten, sondern lediglich um Symptome. Und wie bereits festgestellt, sind Symptome im psycho-somato-sozialen Bereich in aller Regel keine Krankheit, sondern Ausdruck von Gesundheit, die sich Raum verschaffen will.

Ein Gesundheitssystem, das Gesundung verhindert

Warum behaupten Ärzte häufig, der Patient sei gesund, obwohl er heftige Beschwerden hat?

Das liegt zum einen an der mechanistischen Auffassung, die das Denken vieler Ärzte bis heute beherrscht. Liegen alle Messwerte im Normbereich, erscheint eine körperliche Ursache für die Symptome ausgeschlossen. Im »medizinischen Sinn« ist der Patient damit gesund. Nur: Er fühlt sich weiterhin krank! Der behandelnde Arzt steht vor einem Problem. Wenn er seelische Gründe als Ursache der Beschwerden vermutet, sollte er sich Zeit nehmen, um im Gespräch mit dem Patienten herauszufinden, wo denn diese Ursachen liegen. Für diese Ursachenforschung benötigt der Arzt eine spezielle Ausbildung oder eine große intuitive Begabung. Er benötigt zudem viel mehr Zeit, als ihm die Strukturen des Gesundheitswesens heute zubilligen.

Etwas vereinfacht ausgedrückt lässt sich sagen, dass innerhalb des deutschen Gesundheitssystems Ärzte dafür bezahlt werden, dass sie teure Apparate benutzen und kostspielige Medikamente verschreiben. Gespräche, Nachdenken, Einfühlung werden hingegen kaum honoriert, auch wenn diese Maßnahmen in vielen Fällen schneller und vor allem dauerhafter zur Heilung führen als jede noch so teure Kernspin-Untersuchung, jedes noch so moderne Schmerzmittel oder das allerneueste Antidepressivum. Für mich persönlich liegt auf der Hand, dass die Gebührenordnung für Ärzte extrem beeinflusst ist vom Profitstreben der Pharma- und Geräteindustrie. Und die verdient nun einmal nicht an Gesundheit, sondern an Krankheiten.

»Keine Ursache im Fachgebiet« lese ich als Allgemeinarzt häufig in den Berichten der fachärztlichen Kollegen. Das ist in den meisten Fällen sicherlich richtig – nur: Was hilft das dem Patienten?

Ich will keineswegs den Eindruck erwecken, die moderne Apparatemedizin sei überflüssig oder wir könnten ohne Qualitätseinbußen auf zeitgemäße Medikamente verzichten. Im Gegenteil: Vor jeder intensiven psychosomatischen Behandlung muss eine organische Ursache für die Beschwerden sicher ausgeschlossen sein. Hierzu sind heutzutage technische Verfahren häufig unumgänglich. Und auch Psychopharmaka können für Patienten sehr hilfreich sein, wenn sie nach genauer psychiatrischer Befunderhebung mit gleichzeitig psychotherapeutischer Behandlung verabreicht werden.

Die tägliche Praxis aber zeigt, dass Einfühlung, intellektueller Anstrengung und zeitintensiver Zuwendung im Vergleich zu Gerätemedizin und der Therapie mit Arzneimitteln viel zu wenig Raum gegeben wird. Obwohl die apparativen Befunde oft absehbar ohne Wert für die Behandlung bleiben und viele Medikamente nur Symptome unterdrücken, ohne eine Ursache zu heilen, liegt hier der Schwerpunkt der heute praktizierten Medizin – zum Schaden der Patienten wie zum Leidwesen derer, die einen ganzheitlichen Ansatz in der Medizin verfolgen.

Emotionale Arbeit ist anstrengend. Manch ein Arzt fürchtet sich davor, Schleusen zu öffnen, deren Tore er nicht wieder einfach zu schließen vermag. In entsprechenden Gesprächen können Patienten traurig sein und weinen, Wut kann aufbrechen, Angst. Alle diese Emotionen können den unerfahrenen Behandler erschrecken und belasten, sie können ihn – gerade im Rahmen der gegebenen Voraussetzungen – auch überfordern. Intensive Gespräche können psycho-somato-soziale Beschwerden häufig heilen. Im Praxisalltag fehlt in aller Regel genau hierfür die Zeit, sprich, das Geld. Selbst Ärzte, die sich (auf eigene Kosten!) psychosomatisch weitergebildet haben, bekommen Patientengespräche so gering bezahlt, dass sie vom Honorar den normalen Praxisbetrieb nicht aufrechterhalten können. Im deutschen Gesundheitssystem wird nicht die Qualität der Behandlung bezahlt, sondern der Patientendurchsatz. Auch dies ist ein Grund, warum Ärzte häufig sagen: »Sie sind gesund. Ihre Beschwerden sind psychisch bedingt!«

Den Zwängen des Gesundheitssystems unterliegen Heilpraktiker und alternative Therapeuten sehr viel weniger. In deren Behandlungsrahmen bekommt der Patient den Raum und die Atmosphäre, neben den körperlichen auch seine seelischen und sozialen Befindlichkeiten zu schildern. Hier erfährt der Patient Einfühlung, Mitgefühl und menschliche Zuwendung, die im schulmedizinischen Alltag immer weniger möglich und erwünscht ist. Die evidenzbasierte Medizin eliminiert absichtlich so weit wie möglich Individualität und menschliche Interaktion. Patienten und ihre Erkrankungen werden möglichst als standardisierte Probleme betrachtet, die Therapien richten sich nach dem statistischen Mittelmaß. Was der Mehrheit hilft, muss auch für jeden Einzelnen passen. Dabei hat fast jeder Mensch schon einmal die Erfahrung gemacht, wie wohltuend es ist, sich einem anderen »ganz« anzuvertrauen, für wenigstens einen Augenblick authentisch zu sein, sich mit seinen Ängsten und scheinbaren Schwächen zu offenbaren und damit vom Gegenüber erkannt und angenommen zu werden.

Diese Momente gibt es in der Schulmedizin selbstverständlich auch. Doch werden die für das seelische Wohlergehen und die Heilung von Krankheiten so wichtigen Freiräume, in denen sich Menschlichkeit leben lässt, zugunsten einer scheinbaren Effizienzsteigerung zunehmend ausgemerzt. Und so fallen immer mehr Patienten durch ein Raster, das ihre individuelle Art von Beschwerden immer weniger erkennen oder behandeln kann. Im ambulanten Bereich sind schätzungsweise 50Prozent der Arztbesuche durch funktionelle, das heißt, nicht organische, sprich, psycho-somato-soziale Beschwerden motiviert. Dies bedeutet keineswegs, dass diese Beschwerden alle behandlungsbedürftig wären. Genauso wenig sind diese Arztbesuche überflüssig. Viele Patienten möchten einfach, dass eine organische Ursache der Beschwerden ausgeschlossen wird, und sind nach der körperlichen Abklärung beruhigt und wieder voll leistungsfähig.

Schwierig – und sogar gefährlich – wird es für Patienten mit tiefergreifenden psychosomatischen Beschwerden. Ihren Problemen stellt unser Gesundheitswesen ein Universum aus Apparaten und Analysen entgegen, mit dem sich die exotischsten Krankheiten diagnostizieren lassen. Gleichzeitig ist diese Hightech-Medizin aber unfähig, die einfachsten psycho-somato-sozialen Probleme zu erkennen.

Ich erinnere mich an eine Patientin mit einem bösartigen Hautkrebs, der sich bereits in viele andere Organe ausgebreitet hatte. Sie litt an einem sogenannten »metastasierten malignen Melanom« im Endstadium. Als diese ungefähr sechzigjährige Frau auf die Station kam, war sie versorgt mit Kombinationen von Schmerzmitteln, die über mehrere Perfusoren und Katheter verabreicht wurden. Zusätzlich erhielt sie Antidepressiva und Neuroleptika. In der modernen, durch Studien gesicherten Medizin, benutzt man Kombinationen von Pharmaka, um die Wirkung von Schmerzmitteln zu »potenzieren«. Zum Zeitpunkt der Übernahme war die Patientin so benommen und schwach, dass sie ihr Bett nicht mehr verlassen konnte.

Glücklicherweise hatten wir als Assistenzärzte damals noch den Freiraum, uns auch einmal jenseits der formalen Erfordernisse ans Bett der Patienten zu setzen und uns ihre Sorgen und Nöte anzuhören. Diese Frau litt vor allem unter der Angst, allein und unter unstillbaren Schmerzen sterben zu müssen. Ich versprach ihr, dass dies in unserer Abteilung gewiss nicht geschehen würde. Ich würde alles unternehmen, um ihre Schmerzen zu beseitigen, und stünde ihr als Ansprechpartner immer zur Verfügung. Die Patientin reagierte sehr dankbar auf diese Versicherung. Endlich fühlte sie sich als Mensch hinter ihrer Diagnose »Melanom im Endstadium« wahrgenommen. Wir konnten sofort die Medikamente reduzieren, wodurch die Patientin wacher und belastbarer wurde. Nach wenigen Tagen saß sie am Bettrand, und nach einer Woche waren alle Katheter entfernt. Die Patientin saß zu den Mahlzeiten mit anderen Patienten am Tisch, aß und scherzte. Zu diesem Zeitpunkt benötigte sie nur noch vier Tabletten Paracetamol pro Tag und sonst nichts. Zwei Monate nach der Übernahme in unsere Abteilung verstarb sie, ohne dass eine Änderung der Medikamente oder erneute Schmerzkatheter nötig geworden wären.

Selbstverständlich war diese Patientin von der vorbehandelnden Universitätsklinik nach allen Regeln der evidenzbasierten Medizin und den Richtlinien der Schmerztherapie korrekt behandelt worden. Nur hatte dieser Aufwand mehr negative als positive Effekte gezeigt. Die sogenannte Effizienzsteigerung dreht im medizinischen Bereich häufig an den verkehrten Schrauben. Gemessen wird die Effektivität einzelner Maßnahmen, möglichst objektiv erfasst von einer möglichst großen Anzahl von Doppelblindstudie(1)n.

Was nicht oder kaum gemessen wird, sind Lebensqualität, die Wirkung des Arzt-Patienten-Verhältnis(1)ses, der Effekt von Zuwendung innerhalb der Schulmedizin. Im Gegenteil: Letztgenannte Punkte werden im Interesse größter Objektivität und Reproduzierbarkeit durch ein schematisches Vorgehen weitestmöglich ausgeschaltet. Wesentliche Effekte der Arzt-Patienten-Beziehung werden durch die heute üblichen »Doppelblindstudie(2)n«, in denen weder Arzt noch Patient wissen, ob ein wirksames oder nur ein Scheinmedikament verabreicht wird, systematisch ausgeschlossen. So werden wesentliche Aspekte, die für die Heilung wichtig sind, bei den Zulassungen von Therapien automatisch nicht mehr erfasst. Das Resultat ist – wie in anderen Gesellschaftsbereichen auch – der fortschreitende Wegfall all jener Qualitäten, die keinen gemessenen Vorteil erbringen. Das Geld strömt in jene Strukturen, deren Effizienz angeblich bewiesen wurde – und fehlt in jenen Bereichen, deren Effektivität schwieriger zu messen ist oder möglichst gar nicht erfasst werden soll, weil sich an denen kein Geld verdienen lässt. So hat sich die moderne Medizin an vielen Stellen in ein Monstrum aus Apparaten und Chemie verwandelt, das die Bedürfnisse des Einzelnen nicht mehr erkennen kann und wohl häufig auch gar nicht mehr erkennen soll.

Was wird gemessen? In Studien wird eine Behandlungsmethode mit einer anderen verglichen, das ältere Medikament mit dem neueren, das eine apparative Vorgehen mit dem anderen. Grundsätzliche Fragen, beispielsweise, ob durch eine bessere psychosomatische Versorgung nicht auch erhebliche Mengen an Untersuchungen, Apparaten und Medikamenten eingespart werden könnten, werden nur selten gestellt. Wer sollte entsprechende Studien auch finanzieren? Die Pharmaindustrie? Die Gerätehersteller? Der Staat unter dem Einfluss Tausender von Lobbyisten?

Im deutschen Gesundheitssystem geht es kaum mehr um Gesundheit, noch geht es um Lebensqualität. Beides lässt sich schlecht in Zahlen fassen. An beidem hat niemand ein Fremdinteresse. Bei genauer Betrachtung geht es um große Zahlen, um Geld, um Ressourcenverteilung. Die Krankheit oder die Gesundheit eines Einzelnen spielt dabei eine sehr untergeordnete Rolle.

Ebenfalls kaum eine Rolle spielen die Interessen von Ärzten, Therapeuten, Pflege- und Assistenzberufen. Viele Angehörige von Gesundheitsberufen leiden extrem unter der Tatsache, dass die Motivation, die sie einst ihren Beruf ergreifen ließ – einfühlsam zu sein, helfen zu wollen, das Herz, den Verstand, den Idealismus zum Wohl der Patienten einzusetzen – im Alltag neben mechanischer Tätigkeit und Bürokratie nur noch in einem Randbereich zu leben ist. Statt sich individuell mit Menschen zu befassen, werden sie zum Umsetzen immer strikterer Vorgaben verpflichtet. Ihr subjektiver Entscheidungsspielraum weicht angeblich höheren Einsichten, die aus großen, anonymen Studien gewonnen werden.

Was Apparate nicht fassen, Studien kaum messen und Medikamente nicht heilen können, kann keine Krankheit sein. Psychosoziale Auslöser für somatische Probleme – nicht messbar, nicht standardisierbar, nicht gewinnbringend für große Konzerne – sind kein Fall für die Schulmedizin. Nicht nur Patienten gewinnen den Eindruck: Die Kluft zwischen »beweisbasierter Medizin« (evidence-based medicine, EBM) und subjektiver Erfahrung (Empathie, das Annehmen des Menschen in all seinen Dimensionen) wird immer größer. Patient und Arzt rücken in immer größere Anonymität, ihre von objektivierter Medizin bestimmte Beziehung wird zur kühlen Geschäftsbeziehung. Pillen und die Manipulation von Laborwerten alleine machen kaum einen Patienten gesund. Im Gegenteil: Das ausschließliche Unterdrücken von Symptomen führt auf Dauer zu tatsächlichen organischen Krankheiten. Indem wir die ganzheitliche Sichtweise aufgeben, objektivieren wir uns zu Tode.

Verleugnung seelischer Ursachen

Warum wehren sich Patienten häufig gegen die Annahme, ihre Beschwerden hätten eine seelische Ursache?

Ein wesentlicher Grund für die Verleugnung psycho-somato-sozialer Zusammenhänge liegt bei den Patienten selbst. Statt die als psychisches, körperliches oder soziales Symptom verschlüsselte Botschaft zu dechiffrieren, fürchten viele Patienten, abgestempelt zu werden: »Nicht wirklich krank, nur verrückt!« Ein Therapeut, der vor einem auf körperliche Ursachen von Krankheit fixierten Patienten mögliche seelische Ursachen zur Sprache bringt, muss stellenweise mit erheblicher Gegenwehr rechnen. Schließlich dienen die psycho-somato-sozialen Symptome genau dazu, die Dinge im täglichen Leben eben nicht so zu sehen, wie sie sich aus einer gesunden Sichtweise heraus darstellen würden. Die Veränderung der eigenen Position ist die Voraussetzung für die Veränderung des eigenen Verhaltens und Befindens. Das Aufgeben des gewohnten Standpunkts bedeutet aber immer die Preisgabe von Gewissheiten. Ohne Gewissheiten können wir kaum leben. So steht vor jeder nachhaltigen Veränderung eine große Hürde: die Phase der Haltlosigkeit zu ertragen, bis sich eine neue Sichtweise bewährt hat.

Ein typischer Fall: Eine hochgewachsene, elegant in dezentem Beige gekleidete Frau um die vierzig betritt mein Sprechzimmer. Schon in der Tür bleibt sie stehen, um mich aus der Distanz zu mustern. Ihr gequälter Gesichtsausdruck wie ihre Körperhaltung lassen mich vermuten, dass sie vermutlich schon seit Jahren unter heftigen Beschwerden leidet. Mit einer festen und ein wenig schneidenden Stimme beginnt sie zu sprechen. Ihr Tonfall lässt ahnen, dass sie erwartet, von mir abgewiesen und enttäuscht zu werden:

»Guten Tag. Ich bin Frau X. Sie sind mir empfohlen worden. Vielleicht können Sie mir helfen. Ich war schon bei zwanzig Ärzten. Alle behaupten, es sei psychisch. Aber meine Schmerzen sind nicht psychisch. Ich bin doch nicht verrückt! Wenn Sie jetzt auch noch sagen, alles sei nur psychisch, drehe ich mich auf der Stelle um und werde Sie nie wieder aufsuchen!« Die Patientin hatte offenbar große Sorge, in ihrem Leid und ihren Beschwerden nicht angenommen zu werden. Sie hatte Angst, in ihrer Not nicht ernst genommen, sondern für »verrückt« erklärt zu werden. Lieber litt sie weiter, als dass sie eine seelische Ursache für ihre Schmerzen auch nur in Betracht zöge. Sie war überzeugt, organisch krank zu sein, nicht seelisch.

Diese Art der Abwehr findet sich regelhaft bei psychosomatischen Beschwerden. Es ist charakteristisch, dass die Patientin eine seelische Ursache als Erklärung für ihre Beschwerden ablehnt. Das ist der Punkt: Eben weil ihr Verstand die Notrufe ihrer Seele ignoriert, meldet sich ihre Seele über den Körper zu Wort. Ohne Übertreibung lässt sich sogar feststellen: Je schwerer die seelischen Defizite die Betroffenen beeinträchtigen, desto geringer ist ihre Neigung, mögliche psychische Traumen als Auslöser der oft unerträglichen Beschwerden zu akzeptieren. Eine Chronifizierung der Schmerzen, der Erschöpfung, der Depressionen ist die Folge, die sich im Verlauf auch immer schwerer durch Behandlung lindern lassen. Der Patientin in diesem Fallbeispiel war die Seelennot schon über die Distanz vom Schreibtisch zur Tür anzusehen, noch bevor sie überhaupt ein Wort gesprochen hatte. Trotzdem wollte sie keinesfalls eine psychische Ursache als Erklärung für ihre Beschwerden gelten lassen.

Interessanterweise lässt sich auch das genau gegenteilige Phänomen beobachten. Manchmal kommen Menschen von weither angereist, um mit meiner Unterstützung herauszufinden, ob ihre schleichend entstandenen Beschwerden nicht vielleicht »psychosomatische Ursachen« haben könnten. Bis jetzt fand sich allerdings bei jedem dieser Patienten ein nachweisbarer, organischer Grund für die vorgebrachten Symptome. Es ist logisch: Wer so offen mit möglichen psychischen Gründen umgeht und die Bereitschaft zur ehrlichen Auseinandersetzung mit seinen Gefühlen mitbringt, benötigt keine psychosomatischen Symptome, über die seine Seele auf ihre Not hinweisen muss.

Warum kann oder will die Patientin aus unserem Beispiel seelische Gründe als Ursache ihrer körperlichen Beschwerden nicht akzeptieren? Was ist der Grund, dass sie sich vehement dagegen wehrt, ihre Grundangst anzusehen? Warum verhält sie sich mir gegenüber von vornherein ablehnend, beinahe feindselig, obwohl ich ihre Erwartung, ihr Leid als »alles psychisch« scheinbar abzuqualifizieren, noch gar nicht bestätigt habe? Eine innere Stimme warnt sie: Du hast alles unter Kontrolle. Dein Leben ist geregelt. Lass dich nicht durcheinanderbringen. Wenn du dein Schema verlässt, dass du die Welt richtig siehst und nur dein Körper mit seinen schrecklichen Symptomen und dein soziales Umfeld mit seinen permanenten Zumutungen dich am »richtigen« Leben hindern, wenn sich herausstellen sollte, dass die Ursache all deiner Probleme nicht im Außen zu suchen ist, sondern in dir selbst, wirst du alles verlieren. Deine Welt wird über dir zusammenbrechen und dich unter ihren Trümmern begraben. Wenn das Leben ganz anders ist, als du dir jemals vorgestellt hast, wenn sich deine Prinzipien, deine Regeln, dein gesamtes Weltbild als Irrtum erweisen, verlierst du den letzten Halt.

So paradox es klingt: Die körperlichen, seelischen und sozialen Probleme verleihen auch Sicherheit. Man hat etwas, worauf man seine Schwierigkeiten im Leben projizieren kann: die fehlende Gesundheit, die Depression, das familiäre und berufliche Umfeld, den Partner. Alle diese angeschlagenen Bereiche liefern subjektiv ausreichende Erklärungen, warum das Leben nicht so läuft, wie man es sich eigentlich wünscht und immer schon gewünscht hat. Sie erklären, warum man nicht in seine Kraft kommt, nicht die Dinge erledigt, die man eigentlich erreichen wollte, nicht das Leben führt, von dem man immer geträumt hat.

Weil die Verantwortung für alle verpassten Chancen, Entwicklungen, Möglichkeiten so riesig ist, dass sie uns zu erschlagen droht, wenn wir selbst für unser falsch laufendes Leben verantwortlich wären, muss es einen körperlichen Grund geben für die Beschwerden, eine seltene Krankheit, einen Botenstoffmangel, ein fehlendes Spurenelement – eine Erklärung jedenfalls außerhalb meines Einflussbereichs. Das Gleiche gilt für den sozialen Bereich: Wenn der Partner nicht seine Schwächen hätte, wenn die Kollegen fair und fleißig wären, wenn die Verwandtschaft endlich zuverlässig funktionieren würde, dann kämen wir in unsere Kraft, dann würde unser richtiges Leben endlich losgehen …

Nur an uns selbst kann es nicht liegen. Alles, was wir tun und lassen, ist okay und folgerichtig. Unsere Haltung ist korrekt. Der Fehler liegt irgendwo im Außen.

Natürlich spricht diese innere Stimme nicht in Worten. Aber sie ist da. Sie existiert als Gefühl. Sie ist ein Teil unserer unbewussten Lebensphilosophie, unseres Weltbilds. Bei der geschilderten Patientin ist die unbewusste Angst, jeden Halt zu verlieren, verantwortlich dafür, dass sie äußerlich ein tadelloses, diszipliniertes Leben führt. Für dieses muss sie sich allerdings von ihren sonstigen Emotionen trennen und ihren Impulsen misstrauen: Sie muss ihre wahren Gefühle unterdrücken, weil diese sie unsicher und verletzlich machen würden. Feste Regeln und Sichtweisen vermitteln ihr die Sicherheit, die sie zum Überleben benötigt. Ohne eindeutige Zuordnungen und Urteile verlöre sie jede Gewissheit, auf der »richtigen« Seite zu stehen. Durch das Ausleben ihrer wirklichen, eigenen, ursprünglichen und wahren Gefühle würde sie jeden Halt verlieren. Ihr Leben drohte im Chaos zu versinken.

Ihren Halt, ihre Sicherheit bezahlt sie mit einem Verzicht auf Spontaneität und Flexibilität. Vermutlich resultieren ihre chronischen Verspannungen, ihre chronischen Schmerzen aus diesem Mangel an Beweglichkeit – selbst, wenn sie regelmäßig und mit eiserner Disziplin Sport betreiben sollte.

Und ebenso, wie sie sich durch Disziplin und Vernunft vor der scheinbaren Gefahr des Zusammenbrechens schützt, beschneidet sie sich im Positiven. Ihr Gesicht zeigt, dass sie sich nur wenige Freuden im Leben gönnt. Entspannung kann sie kaum genießen. Frühere Verletzungen und die daraus resultierenden Ängste hat sie verdrängt und vermag sie nicht mehr anzusehen. Unbewusst verhindert sie Lust, Vertrauen, Nähe. Sie vermeidet den Zustand, »die Seele baumeln zu lassen«, weil damit ein Kontrollverlust verbunden wäre. Loslassen, vertrauen, frei sein von Ängsten ist allerdings die Voraussetzung für jede Entspannung.

Chronische Anspannung (für die sie die Umwelt verantwortlich macht) und dauerhafte Schmerzen (gegen die dauerhaft kein vom Arzt verschriebenes Mittel hilft) sind die zunehmend frustrierende Folge, die zu allem Übel auch noch eine Eigendynamik entwickelt: Fehlende Entspannung führt zu immer heftigeren Beschwerden, gegen die offenbar niemand ein Mittel weiß. Immer schlimmere Schmerzen bewirken immer mehr Anspannung und verständlicherweise eine immer verzweifeltere Suche nach Möglichkeiten zur Linderung. Am Ende geben die Betroffenen jede Hoffnung auf und blicken in eine Zukunft, die ein Weiterleben geradezu unmöglich erscheinen lässt.

Ängste besitzen generell die Tendenz, sich im Laufe der Zeit zu verstärken und auf immer weitere Bereiche auszudehnen. Der Grat, auf dem wir uns bewegen, wird immer schmaler: Auf der einen Seite das wachsende, sich ausbreitende Grauen, auf der anderen Seite die immer geringeren Freuden. Das Zulassen von Frohsinn und wirklich nahen Beziehungen bedroht uns mit einer Wiederholung der erlittenen Verletzungen und Verluste, was wir auf einer vollständig unbewussten Ebene unbedingt vermeiden wollen. Auf diese Weise verengen verdrängte Traumen das Leben nach und nach auf den schmalen Pfad der Depression.

In dem Ausmaß, in dem wir vor unseren Abgründen, unseren Verletzungen zurückschrecken, beschneiden wir uns in unserem positiven Erleben.

Deswegen ist es zur erfolgreichen Behandlung von psycho-somato-sozialen Beschwerden unumgänglich, die eigenen Abgründe, die früheren Verletzungen und die aus ihnen resultierenden Ängste zu betrachten. Wer wirklich leben will, muss Ja sagen zu allen Höhen und Tiefen. Letztlich gehört sogar die Überwindung der Angst vor dem Tod dazu – mit der wir uns später in einem eigenen Kapitel noch beschäftigen werden.

Emotionale Lernmomente erschüttern das Selbst

Es ist möglich, dass Sie die Lektüre hier abbrechen wollen. Warum sollten Sie das nicht tun?

Während psychotherapeutischer Behandlungen ergeben sich immer wieder Phasen, in denen es keine Fortschritte zu geben scheint. In solchen Momenten ist der Patient schnell der Ansicht, es sei alles gesagt und eine Fortführung der Therapie sinnlos. Er oder sie fängt an, zu spät zu den Sitzungen zu erscheinen oder manche Termine vollständig zu vergessen. Die Sitzungen können lustlos verlaufen, langweilig und ermüdend.

Wird eine solche Phase überwunden, ist danach oft eine wesentliche Erkenntnis gewonnen. Rückblickend lassen sich die Langeweile, die Müdigkeit, das Verpassen von Terminen leicht als Abwehr im psychologischen Sinn interpretieren. Innerhalb einer solchen Durststrecke möchte mancher Patient die Therapie am liebsten vorzeitig beenden.

Wichtige emotionale Erkenntnisse bewegen, sie wühlen auf, sie strengen an. Ein bis dahin funktionierendes subjektives Selbst- und Weltbild gerät ins Wanken, die gesamte Selbst- und Fremdwahrnehmung muss neu justiert werden. Manch einem scheint das ganze vertraute Leben aus den Händen zu gleiten. Beziehungen werden auf die Probe gestellt, Partnerschaften entwickeln sich oder zerbrechen, der eigene Status verändert sich. Es erfordert Kraft, diese Veränderungen zuzulassen und durchzustehen. Emotionale Lernmomente sind Angriffe auf das sicher geglaubte Selbst. Für einen Moment, für Tage, manchmal für Wochen oder Monate, fühlen wir uns schutzlos und unsicher. Weil wir uns nicht mehr auskennen in unserem Leben. Weil nichts mehr zu sein scheint, wie wir es immer verstanden hatten.

In Anbetracht der weitreichenden Konsequenzen erscheint es erklärlich, wenn Sie jetzt vielleicht gähnen, plötzlich Harndrang(1) verspüren oder unbedingt in den Kühlschrank schauen müssen, bevor Sie weiterlesen. Tun Sie das. Aber studieren Sie anschließend diesen Abschnitt konzentriert zu Ende. Rechnen Sie damit, dass auch im späteren Verlauf der Lektüre immer wieder negative Gefühle auftauchen können, vor allem, wenn es um vornehmlich seelische Probleme geht. Die bisherigen eigenen Erklärungen für die Beziehungsprobleme, für Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, für Probleme in der Arbeitslosigkeit sind ja in sich plausibel – warum sollte Ihre eigene Wahrnehmung, Ihr eigenes Verhalten plötzlich an der Entstehung der Konflikte ursächlich beteiligt sein?

Es ist die typische Psychotherapie-Falle: Der Therapeut behauptet, Sie werden die Prozesse erst verstehen, wenn Sie sich auf die Therapie eingelassen haben. Aber warum sollten Sie sich in eine zunächst vielleicht abstrus anmutende Interpretation hineindenken? Die Antwort lautet: Sie müssen es nicht. In der Psychotherapie geschieht alles freiwillig. Wenn Sie zufrieden sind mit sich, Ihrer Beziehung, Ihrer Umgebung, wenn Sie sich fit fühlen, ausreichend wertgeschätzt und Ihre Wünsche und Pläne in der Regel umsetzen können, wenn Sie nicht immer wieder an Stimmungsschwankungen oder unerklärlichen körperlichen Beschwerden leiden – dann legen Sie das Buch jetzt aus der Hand. Niemand zwingt Sie, den sicheren Hafen Ihres Weltbildes zu verlassen. Wenn Sie aber ahnen, dass Ihnen vielleicht noch ganz andere Möglichkeiten im Leben offenstehen könnten, oder wenn Sie sich durch die in diesem Buch formulierten Betrachtungsweisen sogar provoziert fühlen: Lesen Sie weiter! Gerade an den schmerzhaftesten Stellen können wir die wertvollsten Erfahrungen sammeln.

Die eben geschilderte Patientin erscheint sehr krank. Nicht alle Patienten leiden an so ausgeprägten Beschwerden, nur wenige sind derart schwer zu erreichen. In vielen Therapien fließen Tränen, aber – zumindest bei mir – wird häufig noch mehr gelacht. In jedem Fall ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Psyche – soll sie etwas bewirken – eine emotional aufwühlende und in aller Regel auch anstrengende Arbeit, die nicht nur in der Anfangsphase Angst und Abwehr verursachen kann.

Wichtig ist der Einstieg in die Therapie. Die Einsicht, dass das eigene Empfinden keineswegs objektiv ist, die eigenen Gefühle nicht notwendigerweise wahr sein müssen, sich sogar für unumstößlich gehaltene Grundwerte verändern können, ist nicht jedem Patienten zu vermitteln – schon gar nicht zu Beginn einer Therapie. Es ist auch nicht nötig, dass jeder Mensch das eigene Empfinden so zu relativieren vermag wie ein erfahrener Therapeut. Zunächst gilt es, den Patienten dort abzuholen, wo er sich befindet: bei seinen Schmerzen, bei seinen Ängsten, in seiner Verzweiflung und Depression.

Ich will zugeben, dass auch mir das nicht immer gelingt. Die oben beschriebene Patientin beispielsweise – und zu meiner Ehrenrettung muss ich anfügen, dass die Begebenheit schon viele Jahre zurückliegt – bat ich, Platz zu nehmen. Nach Sichtung aller mitgebrachten, sorgfältig abgehefteten Unterlagen lag es auf der Hand: Diese Frau litt an einer somatoformen Schmerzstörung. Psychische Anspannung äußert sich bei ihr als körperlicher Schmerz.

»Ich fürchte, die Kollegen haben recht …«, holte ich vorsichtig aus. »Hab ich’s mir doch gedacht!«, unterbrach sie mich und stopfte ihre umfangreiche Krankenakte zurück in ihre Tasche. Sie stand auf, machte auf dem Absatz kehrt und ward nie mehr gesehen, jedenfalls nicht in meiner Sprechstunde.

Wenn Sie an unerklärlichen körperlichen Beschwerden leiden, an dieser Stelle Ihre Lektüre dieses Buches aber abbrechen wollen, weil Sie glauben, Ihre Beschwerden hätten keine psychosoziale Ursache, rechnen Sie damit, dass es sich um eine typische Abwehrreaktion Ihres Egos handeln kann. Ihr Ego will Sie, oder besser gesagt, sich selbst, vor jeder Erschütterung bewahren. Was ist das »Ego(1)«? Zunächst: Das Ego ist kein schulmedizinisch oder psychotherapeutisch allgemein akzeptierter Begriff. Es ist eine Hilfskonstruktion, mit der sich unser Verhalten manchmal besser erklären lässt. Bitte verwechseln Sie Ihr Ego nicht mit Ihrer Person. Das Ego nimmt sich wichtig, ist leicht zu kränken, will trennen, spalten, gelten und bestimmen. Das Ego hat Angst. Es muss sich schützen, sich verteidigen. Das Ego kann sich nicht hingeben. Es kann nicht vertrauen. Das Ego will den Kampf, die Abgrenzung, die Überlegenheit.