Die Spuren meiner Mutter - Jodi Picoult - E-Book

Die Spuren meiner Mutter E-Book

Jodi Picoult

4,4
9,99 €

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Beschreibung

Die dreizehnjährige Jenna sucht ihre Mutter, die nach einem tragischen Vorfall im Elefantenreservat von New Hampshire spurlos verschwand. Nachdem Jenna schon alle Vermisstenportale im Internet durchsucht hat, wendet sie sich an die Wahrsagerin Serenity. Diese hat der Polizei beim Aufspüren vermisster Personen geholfen, bis sie glaubte, ihre Gabe verloren zu haben. Zusammen finden sie den abgehalfterten Privatdetektiv Virgil, der als Ermittler mit dem Fall der verschwundenen Elefantenforscherin Alice befasst war. Das kuriose Trio macht sich auf eine spannende, erkenntnisreiche und bewegende Spurensuche – mit verblüffender Auflösung.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 800




Jodi Picoult

DIE SPURENMEINER MUTTER

Roman

Aus dem Amerikanischen von Elfriede Peschel

C. Bertelsmann

Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel »Leaving Time« bei Ballantine Books, an imprint of Random House, a division of Random House LLC, a Penguin Random House Company, New York.

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1. Auflage

© 2015 by Jodi Picoult

© 2016 by C. Bertelsmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: www.buerosued.de, München

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-16348-8V001

www.cbertelsmann.de

FÜR JOAN COLLISONEine wahre Freundin wird dich überallhin begleiten, ob bei Regen, Schnee, Graupel oder Hagel.

PROLOG

JENNA

Früher glaubte man an die Existenz eines Elefantenfriedhofs – eines Orts, den kranke und alte Elefanten aufsuchten, um dort zu sterben. Tiere, die sich von ihren Herden davonstahlen und dann wie die Titanen, von denen wir in der siebten Klasse in griechischer Mythologie gehört haben, durch die staubige Landschaft streiften. Der Legende nach soll dieser Ort in Saudi-Arabien liegen und über eine übernatürliche Kraftquelle verfügen, außerdem soll es dort ein Zauberbuch geben, das uns den Weltfrieden bescheren wird.

Forscher, die sich auf die Suche nach diesem Friedhof machten, folgten todgeweihten Elefanten über Wochen, nur um am Ende festzustellen, dass sie im Kreis herumgeführt worden waren. Einige dieser Reisenden verschwanden komplett von der Bildfläche. Andere konnten sich nicht mehr an das erinnern, was sie gesehen hatten, und kein einziger Forscher, der behauptete, den Friedhof gefunden zu haben, konnte ihn je wieder ausfindig machen.

Und zwar aus folgendem Grund: Der Elefantenfriedhof ist ein Mythos.

Es stimmt allerdings, dass Forscher auf Gruppen von Elefanten gestoßen sind, die nah beieinander verendet sind, viele davon auch in einem kurzen Zeitraum. Meine Mutter Alice hätte gesagt, dass es für eine Massenbegräbnisstätte einen vollkommen logischen Grund gibt: nämlich eine Gruppe von Elefanten, die allesamt aus Mangel an Nahrung oder Wasser starben oder von Elfenbeinjägern abgeschlachtet wurden. Es wäre sogar denkbar, dass die kräftigen Winde in Afrika verteilt umherliegende Knochen auf einen Haufen geweht hatten. Jenna, hätte sie zu mir gesagt, für alles, was du siehst, gibt es eine Erklärung.

Über Elefanten und Tod gibt es Informationen in Hülle und Fülle, die nicht dem Reich der Fabel entstammen, sondern harte, wissenschaftlich belegte Fakten sind. Meine Mutter wäre in der Lage gewesen, mir auch diese darzulegen. Wir hätten nebeneinander unter der gewaltigen Eiche gesessen, in deren Schatten Maura sich so gerne aufhielt, und die Elefanten dabei beobachtet, wie sie die Eicheln mit ihrem Rüssel aufhoben und damit warfen. Und wie ein Wettrichter bei den Olympischen Spielen hätte meine Mutter sie benotet. 8,5 … 7,9. Oh! Eine perfekte 10.

Vielleicht hätte ich zugehört. Aber vielleicht hätte ich auch meine Augen geschlossen. Vielleicht hätte ich versucht, mir den Geruch von Insektenspray auf der Haut meiner Mutter einzuprägen, oder wie sie mir geistesabwesend das Haar flocht und am Ende mit einem grünen Grasstängel zusammenband.

Vielleicht hätte ich mir die ganze Zeit gewünscht, es gäbe tatsächlich einen Elefantenfriedhof, aber nicht nur für Elefanten. Denn dann wäre es mir möglich gewesen, sie zu finden.

ALICE

Mit neun Jahren – bevor ich erwachsen war und Wissenschaftlerin wurde – glaubte ich, alles zu wissen, oder wollte wenigstens alles wissen, wobei es für mich zwischen diesen beiden Dingen keinen Unterschied gab. Meine ganze Leidenschaft galt damals den Tieren. Ich wusste, dass Tiger allein jagten und in einem Revier lebten. Ich wusste, dass Delfine zu den Karnivoren gehörten. Ich wusste, dass Giraffen vier Mägen hatten und die Beinmuskeln einer Heuschrecke tausendmal kräftiger waren als ein ebenso schwerer menschlicher Muskel. Ich wusste, dass Eisbären unter ihrem Pelz eine schwarze Haut und Quallen kein Gehirn hatten. Dieses Wissen hatte ich alles aus den Tierfaktenkarten des monatlich erscheinenden Magazins Time Life, einem Geburtstagsgeschenk meines Vaters. Er war vor einem Jahr bei uns ausgezogen und lebte jetzt in San Francisco mit seinem besten Freund Frank zusammen, den meine Mutter »die andere Frau« nannte, wenn sie glaubte, ich würde nicht zuhören.

Jeden Monat trafen neue Karten mit der Post ein, und eines Tages, im Oktober 1977, kam dann die beste aller Karten: die, in der es um Elefanten ging. Ich kann nicht erklären, warum sie zu meinen Lieblingstieren wurden. Gut möglich, dass mein Schlafzimmer mit seinem grünen Dschungelflauschteppich und den auf der Tapetenbordüre über die Wände tanzenden Cartoondickhäutern dabei eine Rolle spielte. Vielleicht prägte mich aber auch der erste Film, den ich als Kleinkind gesehen habe: Dumbo, der fliegende Elefant. Oder aber auch das aus einem indischen Sari genähte und mit Elefanten bedruckte Seidenfutter im Pelzmantel meiner Mutter, den sie von ihrer Mutter geerbt hatte.

Diesen Karten verdanke ich jedenfalls mein Basiswissen über Elefanten. Sie waren die größten Landtiere auf dem Planeten und wogen manchmal mehr als fünf Tonnen. Jeden Tag nahmen sie zwischen hundertvierzig und zweihundert Kilogramm Nahrung zu sich. Ihre Schwangerschaft dauerte länger als bei jedem anderen Landsäugetier: zweiundzwanzig Monate. Sie lebten in matriarchalisch geführten Herden, die von einer Leitkuh, oftmals die älteste Kuh der Gruppe, angeführt wurden. Diese legte jeden Tag fest, wohin die Herde sich bewegte, wann sie Rast einlegte, wo sie Nahrung zu sich nahm und wo sie trank. Die Babys wurden von allen weiblichen Verwandten in der Herde aufgezogen und beschützt und zogen mit ihr. Waren die Bullen jedoch etwa dreizehn Jahre alt, verließen sie die Herde – und zogen dann manchmal lieber allein weiter oder schlossen sich mit anderen männlichen Tieren in einer Bullenherde zusammen.

Das waren die allgemein bekannten Fakten. Doch meine Begeisterung war geweckt, und ich schürfte ein wenig tiefer und schöpfte alle Möglichkeiten aus, die mir die Schulbibliothek, meine Lehrer und Bücher boten. Deshalb könnte ich Ihnen auch erzählen, dass Elefanten einen Sonnenbrand bekommen und sie sich zum Schutz davor Erde auf den Rücken werfen und sich im Schlamm wälzen. Ihr nächster noch lebender Verwandter war der Klippschliefer, ein winziges pelziges Wesen, das wie ein Meerschweinchen aussah. Ich wusste auch, dass, vergleichbar einem Menschenbaby, das am Daumen lutscht, um sich zu beruhigen, ein Elefantenkalb manchmal an seinem Rüssel saugt. Und ich erfuhr, dass 1916 ein Elefant namens Mary in Erwin, Tennessee, wegen Mordes verurteilt und gehängt wurde.

Im Nachhinein bin ich mir sicher, dass meine Mutter es leid wurde, mich ständig nur von Elefanten reden zu hören. Was womöglich auch der Grund dafür war, warum sie mich eines Samstagmorgens noch vor Sonnenaufgang mit der Aussicht auf ein Abenteuer weckte. In der Gegend von Connecticut, in der wir lebten, gab es keine Zoos, aber im Forest Park Zoo in Springfield, Massachusetts, gab es einen echten, lebendigen Elefanten – und diese Elefantenkuh würden wir besuchen.

Wenn ich sage, dass ich aufgeregt war, wäre das eine Untertreibung. Stundenlang bombardierte ich meine Mutter mit Elefantenwitzen.

Warum sind Elefanten faltig? Sie passen auf kein Bügelbrett.

Warum vergessen Elefanten nie etwas? Hab ich vergessen. Ich bin kein Elefant.

Warum haben Elefanten so große Ohren? Um von ihren langen Nasen abzulenken!

Warum leben Elefanten in der Savanne? Weil sie nicht in Iglus passen.

Als wir den Zoo erreichten, legte ich die Wege im Laufschritt zurück, bis ich endlich vor der Elefantendame Morganetta stand.

Die absolut nicht dem entsprach, was ich mir vorgestellt hatte.

Dies war nicht das majestätische Tier, das auf meiner Karte von Time Life oder in den Büchern abgebildet war, die ich studiert hatte. Zum einen war sie mitten in ihrem Gehege an einen wuchtigen Zementblock gekettet, der ihr nur wenig Bewegungsfreiraum in die eine oder andere Richtung erlaubte. Sie hatte von den Fesseln wund gescheuerte Hinterbeine. Außerdem hatte sie nur noch ein Auge, und mit diesem wollte sie mich nicht ansehen. Ich war nur ein weiterer Besucher, der gekommen war, um sie in ihrem Gefängnis anzustarren.

Auch meine Mutter war bestürzt über ihre Verfassung. Sie winkte einen Zoowärter herbei, der erzählte, dass Morganetta früher bei Paraden mitgelaufen sei und Kunststücke vollführt habe. So sei etwa mit Schülern einer nahe gelegenen Schule ein Tauziehen veranstaltet worden. Auf ihre alten Tage jedoch sei sie unberechenbar und gewalttätig geworden. Wenn Besucher ihrem Gehege zu nahe kamen, habe sie mit ihrem Rüssel um sich geschlagen. Einem Pfleger habe sie das Handgelenk gebrochen.

Ich fing an zu weinen.

Meine Mutter brachte mich eilends zurück zum Auto, und wir traten unsere vierstündige Rückreise an, obwohl wir gerade mal zehn Minuten im Zoo verbracht hatten.

»Können wir ihr nicht helfen?«, fragte ich.

Und so wurde ich mit meinen neun Jahren zur Anwältin der Elefanten. Nach einem Besuch in der Bibliothek setzte ich mich an den Küchentisch und schrieb an den Bürgermeister von Springfield, Massachusetts, und bat ihn, dafür zu sorgen, dass Morganetta mehr Platz und größere Freiheit bekam.

Er schrieb mir nicht einfach nur zurück. Er schickte seine Antwort an den Boston Globe, der sie veröffentlichte, woraufhin ein Reporter bei uns anrief, um eine Story über die Neunjährige zu verfassen, die den Bürgermeister überzeugt hatte, Morganetta in das viel größere Büffelgehege im Zoo zu verlegen. Vor der versammelten Schülerschaft meiner Grundschule bekam ich eine besondere Auszeichnung als Besorgter Bürger. Ich wurde zur großen Eröffnung eingeladen und durfte zusammen mit dem Bürgermeister das rote Band durchtrennen. Ein Blitzlichtgewitter ging auf mich nieder und blendete mich, während Morganetta hinter uns ihr Gehege durchstreifte. Diesmal sah sie mich an mit ihrem gesunden Auge. Und ich wusste, ich wusste es einfach, dass es ihr noch immer elend ging. Alles, was ihr widerfahren war – die Ketten und die Fesseln, der Käfig und die Schläge, vielleicht sogar die Erinnerung an jenen Moment, als man sie irgendwo in Afrika aus einem Wald holte –, all dies lebte weiter mit ihr in diesem Büffelgehege und nahm all den zusätzlichen Raum ein.

Ich möchte festhalten, dass Bürgermeister Dimauro sich weiterhin darum kümmerte, Morganettas Lebensbedingungen zu verbessern. 1979, nachdem der im Forest Park Zoo lebende Eisbär gestorben war, wurde die Anlage geschlossen, und Morganetta kam in den Zoo von Los Angeles. Dort war ihre Behausung viel größer. Sie hatte einen Pool und Spielsachen und war mit zwei älteren Elefanten zusammen.

Hätte ich damals gewusst, was ich jetzt weiß, hätte ich dem Bürgermeister sagen können, dass Elefanten nicht zwangsläufig zu Freunden werden, wenn man sie mit anderen Elefanten zusammenbringt. Sie sind in ihren Persönlichkeiten genauso einzigartig wie Menschen, und genauso wenig wie man davon ausgehen würde, dass zwei Menschen, die man zufällig zusammenbringt, enge Freunde werden, sollte man davon ausgehen, dass zwei Elefanten sich mögen, nur weil beide Elefanten sind. Morganetta geriet nur noch tiefer in die Depressionsspirale, verlor an Gewicht und verfiel zusehends. Etwa ein Jahr nach ihrer Ankunft in L. A. fand man sie in ihrem Gehege tot auf dem Grund des Pools liegen.

Die Moral von dieser Geschichte lautet, dass man manchmal, selbst wenn man alle Hebel in Bewegung setzt, um eine Verbesserung zu erzielen, den Lauf der Dinge am Ende doch nicht aufhalten kann.

Die Moral von dieser Geschichte lautet auch, dass egal, wie sehr wir uns bemühen, egal, wie sehr wir es uns wünschen … es für manche Geschichten einfach kein gutes Ende gibt.

TEIL I

Wie meine heldenhafte Höflichkeit erklären? Mir ist, als hätte ein boshafter Junge meinen Leib aufgeblasen.

Früher hatte ich die Größe eines Falken, die Größe eines Löwen, früher war ich nicht der Elefant, der ich offenbar bin.

Mein Balg ist schlaff, und mein Herr schilt mich für ein verbocktes Kunststück. Die ganze Nacht habe ich es in meinem Zelt geübt, und war

irgendwie müde. Man verbindet mich mit Traurigkeit und oft auch mit Vernunft. Randall Jarrell verglich mich

mit Wallace Stevens, dem amerikanischen Dichter. Die hölzernen Terzette legen das nahe, aber meiner Meinung nach

bin ich eher wie Eliot, der Mann aus Europa, ein kultivierter Mensch. Jeder, der so förmlich ist, erleidet

Zusammenbrüche. Spektakuläre Gleichgewichtsexperimente mag ich nicht, nicht den Drahtseilakt und nicht die Kegel.

Wir Elefanten sind der Inbegriff der Ergebenheit, etwa wenn wir schwermütig den Gang zum Sterben antreten.

Wusstet ihr übrigens, dass man Elefanten lehrte, das griechische Alphabet mit ihren Zehen zu schreiben?

Erschöpft vom Leid liegen wir auf unseren gewaltigen Rücken und werfen Gras in den Himmel – zur Zerstreuung, nicht als Gebet.

Aber was ihr in unseren langen letzten Reisen seht, ist keine Ergebenheit: Es ist ein Aufschub. Mich niederzulegen, schmerzt meinen schweren Leib.

DAN CHIASSON, »The Elephant«

JENNA

Wenn es um das Gedächtnis geht, bin ich so was wie ein Profi. Zwar bin ich erst dreizehn, aber ich habe es studiert, so wie andere Kids meines Alters Modemagazine verschlingen. So gibt es etwa das Gedächtnis, um sich in der Welt zurechtzufinden, wozu das Wissen gehört, dass Öfen heiß sind oder man Frostbeulen bekommt, wenn man im Winter ohne Schuhe nach draußen geht. Dann gibt es das Gedächtnis der Sinne – dass man blinzeln muss, wenn man in die Sonne starrt, und Würmer keine gute Mahlzeit sind. Es gibt Daten, an die man sich aus dem Geschichtsunterricht erinnert und die man dann im Abitur wieder hervorholen kann, weil sie im großen Plan des Universums von Bedeutung sind – sagt man mir jedenfalls. Und es gibt persönliche Details, an die man sich erinnert, wie die Höhepunkte in der eigenen Lebenskurve, die für keinen anderen von Bedeutung sind. Im vergangenen Schuljahr hat mein Lehrer in Naturwissenschaften mich eine Studie über das Gedächtnis anfertigen lassen. Ohnehin erteilen mir die meisten meiner Lehrer Aufgaben, die ich eigenständig ausführe, weil sie wissen, dass ich mich im Unterricht langweile, aber offen gestanden glaube ich, sie tun dies aus Angst, ich könnte mehr wissen als sie, und weil sie nicht in die Situation kommen wollen, dies zugeben zu müssen.

Meine erste Erinnerung ist unscharf mit weißen Rändern, wie ein überbelichtetes Foto. Meine Mutter hält gesponnenen Zucker in Kegelform in der Hand – Zuckerwatte. Sie hebt einen Zeigefinger an die Lippen – das ist unser Geheimnis – und reißt dann ein kleines Stückchen ab. Als sie damit meine Lippen berührt, löst der Zucker sich auf. Meine Zunge wickelt sich um ihren Finger und saugt kräftig daran. Iswidi, erklärt sie mir. Süß. Das ist nicht mein Fläschchen, es ist ein mir unbekannter Geschmack, aber ein guter. Dann beugt sie sich herab und küsst mich auf die Stirn. Uswidi, sagt sie. Liebling.

Ich dürfte höchstens neun Monate alt gewesen sein.

Das ist ziemlich erstaunlich, denn die meisten Kinder können ihre ersten Erinnerungen irgendwo im Alter zwischen zwei und fünf Jahren festmachen. Was aber nicht heißen soll, dass Babys an Amnesie leiden – sie verfügen über Erinnerungen, lange bevor sie über eine Sprache verfügen, haben aber verrückterweise keinen Zugang zu ihnen, wenn sie zu sprechen anfangen. Womöglich erinnere ich mich an die Episode mit der Zuckerwatte deshalb, weil meine Mutter Xhosa mit mir sprach, eine uns fremde Sprache, die sie sich angeeignet hatte, als sie in Südafrika an ihrer Promotion arbeitete. Vielleicht lässt sich diese zufällige Erinnerung aber auch mit einem Tausch erklären, den mein Gehirn vorgenommen hat – denn ich kann mich nicht an das erinnern, woran ich mich so verzweifelt gern erinnern würde: an Einzelheiten jener Nacht, als meine Mutter verschwand.

Meine Mutter war Wissenschaftlerin, und für kurze Zeit beschäftigte sie sich sogar mit dem Gedächtnis. Das war Teil ihrer Arbeit über die kognitiven Fähigkeiten von Elefanten. Sie kennen doch das alte Sprichwort, dass Elefanten niemals vergessen? Nun, das ist eine Tatsache. Ich könnte Ihnen alle Daten liefern, die meine Mutter dazu zusammengetragen hat, wenn Sie Beweise haben möchten. Ich habe diese praktisch auswendig gelernt. Ihre offiziell veröffentlichten Ergebnisse waren die, dass das Gedächtnis in direktem Zusammenhang mit starken Gefühlen steht und negative Momente sich wie eine Schrift mit Permanentmarker in die Wand des Gehirns einprägen. Die Trennlinie zwischen einem negativen und einem traumatischen Moment ist schmal. Negative Momente werden erinnert. Traumatische werden vergessen oder so verzerrt, dass sie nicht mehr zu erkennen sind oder sich in das große, trostlose weiße Nichts verwandeln, das ich in meinem Kopf habe, wenn ich versuche, mich auf diese Nacht zu konzentrieren.

Hier ist das, was ich weiß:

Ich war drei Jahre alt.Meine Mutter wurde etwa anderthalb Kilometer südlich eines toten Körpers bewusstlos auf dem Gelände des Schutzgebiets gefunden. So stand es in den Polizeiakten. Sie wurde ins Krankenhaus gebracht.Ich werde in den Polizeiakten nicht erwähnt. Anschließend nahm meine Großmutter mich zu sich in ihr Haus, weil mein Vater mit der toten Elefantenpflegerin und der Frau, die man bewusstlos geschlagen hatte, schon genug um die Ohren hatte.Irgendwann bevor es Tag wurde, kam meine Mutter wieder zu Bewusstsein und verschwand aus dem Krankenhaus, ohne dass jemand vom Personal sie hätte gehen sehen.Ich sah sie nie wieder.

Manchmal stelle ich mir mein Leben als zwei Zugteile vor, die sich in dem Moment aneinandergekoppelt haben, als meine Mom verschwand – aber wenn ich zu erkennen versuche, worin diese Verbindung besteht, kommt es zu einem Rütteln auf den Gleisen, das meinen Kopf wieder herumreißt. Ich weiß, dass ich ein Mädchen mit rotblonden Haaren war, das wie eine Wilde herumrannte, während meine Mutter unentwegt Aufzeichnungen über die Elefanten machte. Jetzt bin ich eine Jugendliche und für mein Alter viel zu ernst und klüger, als gut für mich ist. Aber sosehr ich auch mit wissenschaftlichen Statistiken zu beeindrucken vermag, so elend versage ich, wenn es um Fakten des wirklichen Lebens geht, wie etwa, dass Wanelo eine Website und keine neue geile Band ist. Betrachtet man die achte Klasse als einen Mikrokosmos der sozialen Hierarchie heranwachsender Menschen – und als solchen hätte meine Mutter sie sicherlich gesehen –, dann zählt es einfach nicht, wenn man fünfzig Elefantenherden des Tuli Block in Botswana aufzählen kann, dafür aber die Mitglieder von One Direction nicht kennt.

Dass ich ohne Mutter aufgewachsen bin, erklärt meine Anpassungsschwierigkeiten in der Schule nicht. Schließlich gibt es jede Menge Kids, denen ein Elternteil fehlt, oder Kids, die nicht über ihre Eltern sprechen, oder Kids, deren Eltern nun mit neuen Lebenspartnern und neuen Kindern zusammenleben. Aber ich habe eigentlich keine Freunde auf der Schule. Beim Mittagessen sitze ich immer am Tischende und esse das, was meine Großmutter mir eingepackt hat, während die coolen Mädchen – die, ich schwör’s bei Gott, sich selbst die Eiszapfen nennen – davon träumen, als Erwachsene für die OPI-Nagellackfirma zu arbeiten, und Nagellacknamen erfinden, die auf berühmten Filmen basieren: Magent-lemen Prefer Blondes; A Fuchsia Good Men. Ich habe ein- oder zweimal versucht, mich an ihren Gesprächen zu beteiligen, aber sie sehen mich dabei für gewöhnlich an, als würde ich einen üblen Geruch ausdünsten, denn sie rümpfen ihre kleinen Nasen und wenden sich dem zu, worüber sie sich gerade unterhalten haben. Aber ich kann nicht behaupten, dass ihre Ignoranz mich zur Verzweiflung treibt. Denn vermutlich habe ich einfach wichtigere Dinge im Kopf.

Die Erinnerungen an die Zeit nach dem Verschwinden meiner Mutter sind nicht weniger punktuell. Ich kann Ihnen das neue Schlafzimmer bei meiner Großmama beschreiben, in dem ein großes Mädchenbett stand – mein erstes. Auf dem Nachttisch stand ein kleines geflochtenes Körbchen, das unerklärlicherweise mit rosa Päckchen Süßstoff gefüllt war, obwohl es gar keine Kaffeemaschine gab. Noch bevor ich zählen konnte, spähte ich jeden Abend hinein, um mich zu vergewissern, dass sie noch alle da waren. Ich tue das noch immer.

Ich kann Ihnen auch von meinen anfänglichen Besuchen bei meinem Vater erzählen. In den Fluren von Hartwick House roch es nach Ammoniak und Pisse. Wenn ich, bedrängt von meiner Großmama, auf sein Bett kletterte, um mit ihm zu reden, sagte er nichts und rührte sich nicht, und ich fing zu zittern an, weil ich es unerträglich fand, jemandem nah zu sein, den ich zwar erkannte, aber überhaupt nicht kannte. Ich kann beschreiben, dass sich Tränen aus seinen Augen lösten, ein natürliches Phänomen, das von ihm erwartet wurde, so wie eine kalte Limonadendose an einem heißen Sommertag schwitzt.

Ich erinnere mich an die Albträume, die mich quälten, die aber gar keine richtigen Albträume waren, da ich einfach nur von Mauras lautem Trompeten aus dem Tiefschlaf geweckt wurde. Und da nützte es wenig, wenn Großmama in mein Zimmer gerannt kam und mir erklärte, dass die Matriarchin nun in einem neuen Schutzgebiet Hunderte von Kilometern entfernt in Tennessee lebte, denn ich wurde das bohrende Gefühl nicht los, dass Maura versuchte, mir etwas mitzuteilen, was ich verstehen könnte, wenn ich ihre Sprache so gut spräche, wie das meine Mutter tat.

Das Einzige, was mir von meiner Mutter geblieben ist, sind ihre Forschungsarbeiten. Ich brüte über ihren Aufzeichnungen, weil ich weiß, dass sich ihre Worte eines Tages auf der Seite neu ausrichten und mich zu ihr führen werden. Sie lehrte mich, selbst in absentia, dass jede gute Wissenschaft mit einer Hypothese beginnt, die nichts weiter ist als eine in hochtrabende Worte gekleidete Vermutung. Und meine Vermutung ist folgende: Niemals hätte sie mich zurückgelassen, nicht freiwillig.

Und wenn es das Letzte ist, das ich tue, ich werde es beweisen.

Wenn ich aufwache, liegt Gertie über meinen Füßen, ein riesiger Hundeteppich. Sie zuckt, weil sie hinter etwas herrennt, was sie nur in ihren Träumen sehen kann.

Und wie sich das anfühlt, weiß ich.

Ich versuche aufzustehen, ohne dass sie dabei wach wird, aber sie springt auf und bellt die geschlossene Tür meines Schlafzimmers an.

»Ruhig«, sage ich und grabe meine Finger in das dicke Nackenfell. Sie leckt mir die Wange, wird aber keineswegs ruhiger. Mit ihren Blicken fixiert sie die Schlafzimmertür, als könnte sie sehen, was sich auf der anderen Seite befindet.

Was fast ein Witz ist, wenn man bedenkt, was ich für den heutigen Tag geplant habe.

Gertie springt vom Bett herunter und klopft schwanzwedelnd gegen die Wand. Ich mache die Tür auf und lasse sie nach unten laufen, wo meine Großmutter sie rauslassen und füttern wird, bevor sie mir das Frühstück macht.

Gertie kam ein Jahr nach mir ins Haus meiner Großmutter. Davor lebte sie im Schutzgebiet und war die beste Freundin eines Elefanten namens Syrah. Keinen Tag wich sie von Syrahs Seite, und wenn Gertie krank war, bewachte Syrah sie und massierte sie sanft mit ihrem Rüssel. Es war nicht die erste Geschichte einer Beziehung zwischen einem Hund und einem Elefanten, aber sie war legendär und schaffte es in Kinderbücher und in die Nachrichten. Ein berühmter Fotograf brachte sogar einen Kalender mit ähnlich untypischen Tierfreundschaften heraus und machte Gertie zu Miss Juli. Als man Syrah wegbrachte, weil das Schutzgebiet geschlossen wurde, war Gertie genauso verlassen, wie ich es war. Monatelang wusste keiner, was aus ihr geworden war. Aber dann läutete es eines Tages bei Großmutter an der Tür, und ein Tierretter fragte sie, ob wir diesen Hund kannten, den man in unserer Nachbarschaft gefunden habe. Sie trug noch immer ihr Halsband mit ihrem aufgestickten Namen. Gertie war abgemagert, und die Flöhe hatten ihr zugesetzt, aber sie leckte mir sofort das Gesicht. Meine Großmutter erlaubte Gertie zu bleiben, vermutlich weil sie darauf baute, dass sie mir half, mich anzupassen.

Wenn wir diesbezüglich ehrlich sind – funktioniert hat es nicht. Ich war schon immer eine Einzelgängerin und hatte nie das Gefühl hierherzugehören. Ich bin wie eine dieser Frauen, die sich in der Lektüre von Jane-Austen-Romanen verlieren und die Hoffnung nicht aufgeben, dass Mr. Darcy zur Tür hereinkommt. Oder wie die Leute, die den Bürgerkrieg nachstellen und einander auf Schlachtfeldern anknurren, auf denen sich jetzt Baseballfelder befinden und Parkbänke stehen. Ich bin die Prinzessin im Elfenbeinturm, nur dass jeder Stein aus Geschichte besteht und ich mir mein Gefängnis selbst gebaut habe.

Eine Freundin, von der ich mich einigermaßen verstanden fühlte, hatte ich allerdings einmal auf der Schule. Chatham Clarke war die Einzige, der ich jemals von meiner Mutter und meinen Plänen, sie zu finden, erzählt habe. Chatham lebte bei ihrer Tante, weil ihre drogenabhängige Mutter im Gefängnis saß. Ihren Vater hatte sie nie kennengelernt. »Das ist großmütig«, sagte Chatham zu mir. »Dass du dir so sehr wünschst, deine Mutter wiederzusehen.« Als ich sie fragte, was sie damit meinte, erzählte sie mir, ihre Tante habe sie einmal mit in das Gefängnis genommen, in dem ihre Mutter ihre Strafe absaß, und sie habe sich mit einem Rüschenrock und Schuhen, die wie schwarze Spiegel glänzten, dafür hübsch gemacht. Aber ihre Mutter sei grau und ohne Leben gewesen, die Augen tot und die Zähne vom Meth verfault, und Chatham meinte, obwohl ihre Mutter den Wunsch äußerte, sie umarmen zu können, sei sie noch nie so froh gewesen, dass in der Besuchernische diese Wand aus Plastik zwischen ihnen stand. Danach ist sie nie mehr dorthin zurückgekehrt.

Chatham war in vielerlei Hinsicht nützlich – mit ihr kaufte ich mir meinen ersten BH, weil meine Großmutter nie auf den Gedanken gekommen wäre, nicht existente Brüste zu bedecken, Chatham jedoch der Ansicht war, dass kein Mädchen, das über zehn war und sich in einer Schulumkleide umziehen musste, die beiden frei lassen sollte. Sie steckte mir im Englischunterricht Notizen zu, Strichmännchenzeichnungen von unserem Lehrer, der zu viel Selbstbräuner verwendete und nach Katzen roch. Wenn wir den Flur entlangliefen, hakte sie sich bei mir unter, und jeder Wildtierforscher wird einem sagen, dass in feindlicher Umgebung ein Zweierrudel bessere Überlebenschancen hat als ein Einzelgänger.

Doch von heute auf morgen kam Chatham nicht mehr zur Schule. Als ich bei ihr zu Hause anrief, ging keiner ans Telefon. Ich radelte hin und stand vor einem Schild: »Zu verkaufen«. Ich konnte nicht glauben, dass sie einfach ohne ein Wort verschwand, zumal sie wusste, dass es genau das war, was mir so zugesetzt hatte, als meine Mutter plötzlich weg war, aber als erst eine Woche, dann zwei ins Land gingen, fiel es mir zunehmend schwerer, ihr Verhalten vor mir zu rechtfertigen. Als ich anfing, meine Hausaufgaben zu vernachlässigen, und bei Prüfungen versagte, was so gar nicht meine Art war, wurde ich ins Büro der Beratungslehrerin zitiert. Ms. Sugarman war uralt und hatte Puppen in ihrem Büro, vermutlich für Kinder gedacht, die zu traumatisiert waren, das Wort »Vagina« auszusprechen, und mit diesen wie in einem Kasperletheater vorführen konnten, wo sie unsittlich berührt worden waren. Egal, ich jedenfalls sah in Ms. Sugarman keine große Hilfe, mir über eine zerbrochene Freundschaft hinwegzuhelfen. Als sie mich fragte, was meiner Meinung nach mit Chatham passiert war, sagte ich, dass ich annahm, ihr sei etwas Schlimmes zugestoßen. Dass ich allein gelassen worden sei.

Wäre ja nicht das erste Mal.

Ms. Sugarman ließ mich kein zweites Mal in ihr Büro kommen, und wenn man mich in der Schule schon vorher für eine Spinnerin hielt, dann war ich jetzt erst recht verrückt.

Meine Großmutter wunderte sich über Chathams Verschwinden. »Ohne dir ein Wort zu sagen?«, sagte sie beim Abendessen. »So springt man doch nicht mit Freunden um.« Ich wusste nicht, wie ich ihr erklären sollte, dass ich während der ganzen Zeit, in der Chatham meine Komplizin war, genau damit gerechnet hatte. Wenn dich einmal jemand verlässt, dann rechnest du damit, dass dies wieder geschieht. Schließlich hörst du auf, den Leuten zu nahe zu kommen, lässt nicht mehr zu, dass sie wichtig für dich werden, denn dann kriegst du es nicht mit, wenn sie aus deiner Welt verschwinden. Ich weiß, das hört sich für eine Dreizehnjährige unglaublich deprimierend an, aber es ist besser, als akzeptieren zu müssen, dass es einzig und allein an dir liegt.

Meine Zukunft werde ich vermutlich nicht ändern können, aber ich werde alles dransetzen, eine Erklärung für meine Vergangenheit zu finden.

Und deshalb habe ich ein morgendliches Ritual. Manche Leute trinken Kaffee und lesen die Zeitung, manche checken ihre Facebook-Einträge, andere glätten ihr Haar oder machen hundert Sit-ups. Ich ziehe mich an und setze mich an meinen Computer. Ich verbringe viel Zeit im Internet, vor allem bei NamUS.gov, der offiziellen Website des Justizministeriums für vermisste und nicht identifizierte Personen. Ich überfliege die Datei der Unidentified Persons, um mich zu vergewissern, dass vonseiten der Rechtsmediziner keine neuen Informationen über eine tote Unbekannte dazugekommen sind. Dann überprüfe ich die Datei mit den Unclaimed Persons und gehe die Neuzugänge der Menschen durch, die gestorben sind, aber keine Angehörigen haben. Schließlich logge ich mich in die Missing-Persons-Datei ein und gehe direkt zum Eintrag für meine Mutter.

Status: Vermisst

Vorname: Alice

Mädchenname: Kingston

Nachname: Metcalf

Spitzname/Pseudonym: Keines

Verschwunden am: 16. Juli 2004, 23.45 Uhr

Alter zum Zeitpunkt des Verschwindens: 36

Jetziges Alter: 46

Rasse: Weiß

Geschlecht: Weiblich

Größe: 165 cm

Gewicht: Sechzig Kilo

Stadt: Boone

Bundesstaat: NH

Umstände: Alice Metcalf war Naturforscherin und Wissenschaftlerin im New England Elephant Sanctuary. Sie wurde am Abend des 16. Juli 2004 gegen 22 Uhr bewusstlos aufgefunden, anderthalb Kilometer südlich der Leiche einer weiblichen Angestellten des Schutzgebiets, die von einem Elefanten niedergetrampelt worden war. Nachdem man sie ins Mercy United Hospital in Boone Heights, NH, eingeliefert hat, kam Alice vermutlich gegen 23 Uhr wieder zu Bewusstsein. Zuletzt wurde sie um 23.45 Uhr von einer Krankenschwester gesehen, die bei ihr Blutdruck und Puls kontrollierte.

An diesem Profil hatte sich nichts verändert. Das weiß ich, weil ich es erstellt habe.

Es gibt noch eine weitere Seite mit der Haarfarbe meiner Mutter – rot – und ihrer Augenfarbe – grün – und der Rubrik, ob sie irgendwelche Narben oder Deformationen oder Tattoos oder künstliche Gelenke hatte, die zu ihrer Identifizierung herangezogen werden könnten – keine. Es gibt auch noch eine Seite, auf der die Kleidung aufgelistet wird, die sie bei ihrem Verschwinden trug, die ich aber frei gelassen habe, weil ich dazu nichts sagen kann. Auf weiteren Seiten lassen sich mögliche Transportmittel, Zahnschemata und die DNA auflisten. Man findet dort auch ein Foto von ihr, wozu ich das einzige Foto im Haus meiner Großmutter eingescannt habe, das sie nicht auf den Dachboden verbannt hat – eine Nahaufnahme meiner Mutter, die mich vor der Elefantenkuh Maura in den Armen hält.

Dann gibt es noch eine Seite für Kontaktpersonen bei der Polizei. Eine davon, Donny Boylan, ist im Ruhestand und nach Florida gezogen, er hat Alzheimer – Sie wären überrascht, was man alles bei Google erfährt. Die andere, Virgil Stanhope, wurde zuletzt im Newsletter der Polizei aufgelistet, weil er am 13. Oktober 2004 mit einer Feier zum Detective ernannt wurde. Dank meiner digitalen Detektivarbeit weiß ich, dass er inzwischen nicht mehr in der Polizeistation von Boone angestellt ist. Abgesehen davon, scheint er völlig von der Bildfläche verschwunden zu sein.

Und das kommt öfter vor, als man denkt.

Es gibt ganze Familien, deren Häuser verlassen wurden, obwohl die Fernseher laut aufgedreht, Wasserkessel am Kochen und Spielsachen über den Boden verstreut waren, Familien, deren Vans man auf leeren Parkplätzen oder in nahe gelegenen Weihern fand, ohne je irgendwelche Leichen ausfindig zu machen. Es gibt Collegemädchen, die vermisst wurden, nachdem sie an der Theke für einen Mann ihre Telefonnummer auf Servietten gekritzelt hatten. Es gibt Großväter, die in den Wald gingen und von denen man nie wieder etwas hörte. Es gibt Babys, denen man in ihren Wiegen den Gutenachtkuss gab und die verschwunden waren, ehe es wieder hell wurde. Es gibt Mütter, die ihre Einkaufslisten schrieben, sich ins Auto setzten, aber nie mehr vom Einkaufen nach Hause kamen.

»Jenna!« Die Stimme meiner Großmutter schreckt mich auf. »Ich führe hier kein Restaurant!«

Ich fahre meinen Computer herunter und bin schon auf dem Weg nach draußen auf den Flur. Doch dann fällt mir noch was ein, und ich greife in meine Wäschekommode und ziehe aus den Tiefen einen dünnen blauen Schal hervor. Der passt zwar ganz und gar nicht zu meinen Jeansshorts und meinem Tanktop, aber ich wickele ihn mir um den Hals, eile nach unten und klettere auf einen der Thekenhocker.

»Du glaubst wohl, ich habe nichts Besseres zu tun, als dich von hinten und vorn zu bedienen«, sagt meine Großmutter, die mir den Rücken zudreht und einen Pfannkuchen in der Pfanne wendet.

Meine Großmutter ist keine Oma, wie man sie aus dem Fernsehen kennt, kein knuffiger weißhaariger Cherub. Sie arbeitet als Politesse und ahndet im Auftrag der hiesigen Gemeinde Parkverstöße, und ich kann an einer Hand abzählen, wie oft ich sie habe lächeln sehen.

Ich wünschte, ich könnte mit ihr über meine Mama reden. Ich meine, sie verfügt schließlich über die Erinnerungen, die ich nicht habe – weil sie achtzehn Jahre lang mit meiner Mutter zusammengelebt hat, wohingegen ich nur magere drei mit ihr hatte. Als kleines Kind hätte ich mir eine Großmutter gewünscht, die mir Fotos meiner vermissten Mutter zeigte oder an ihrem Geburtstag einen Kuchen backte, anstatt mich aufzufordern, meine Gefühle in einer kleinen Kiste wegzuschließen.

Verstehen Sie mich nicht falsch – ich liebe meine Großmutter. Sie kommt in die Schule, wenn ich mit dem Schulchor auftrete, und sie kocht für mich vegetarisch, obwohl sie gern Fleisch isst, sie lässt mich Filme ansehen, die nicht für meine Altersgruppe gedacht sind, weil sie der Meinung ist, dass es darin nichts gibt, was ich nicht auch zwischen den Unterrichtsstunden auf den Fluren zu sehen bekomme. Ich liebe meine Großmutter. Aber sie ist nun mal nicht meine Mom.

Ich habe meine Großmama angelogen und ihr gesagt, dass ich heute zum Babysitten beim Sohn meines Lieblingslehrers gehe – Mr. Allen, bei dem ich in der siebten Klasse Mathematik hatte. Der Kleine heißt Carter, aber ich nenne ihn Geburtenkontrolle, weil er das beste Argument gegen jegliche Fortpflanzung ist. Ein so hässliches Kind wie er ist mir noch nie begegnet. Sein Kopf ist riesengroß, und wenn er mich ansieht, bin ich mir ziemlich sicher, dass er meine Gedanken lesen kann.

Meine Großmutter dreht sich mit dem auf dem Pfannenwender balancierten Pfannkuchen um und erstarrt, als sie den Schal um meinen Hals sieht. Sicher, er ist unpassend, aber das ist nicht der Grund, weshalb sie ihre Lippen zusammenpresst. Sie fällt schweigend ihr Urteil, indem sie den Kopf schüttelt, und schlägt den Pfannenwender gegen meinen Teller, als sie das Essen ablädt.

»Mir war nach einem Accessoire zumute«, lüge ich.

Meine Großmutter spricht nicht über meine Mutter. Wo ich innerlich leer bin, weil sie verschwunden ist, kocht meine Großmutter vor Wut. Sie kann meiner Mutter nicht verzeihen, dass sie weggegangen ist – sofern dies zutrifft –, kann aber die Alternative – dass meine Mutter nicht zurückkommen kann, weil sie tot ist – genauso wenig akzeptieren.

»Carter«, sagt meine Großmutter und setzt das Gespräch wieder um eine Ebene zurück. »Ist das nicht das Baby, das wie eine Aubergine aussieht?«

»Nicht alles an ihm. Nur die Stirn«, stelle ich klar. »Als ich das letzte Mal auf ihn aufpasste, hat er drei Stunden lang unentwegt geschrien.«

»Nimm dir Ohrstöpsel mit«, schlägt meine Großmutter vor. »Wirst du zum Abendessen nach Hause kommen?«

»Da bin ich mir nicht sicher. Aber wir sehen uns später.«

Das sage ich jedes Mal zu ihr, wenn sie aufbricht. Ich sage es ihr, weil es das ist, was zu hören uns beiden wichtig ist. Meine Großmutter stellt die Bratpfanne in die Spüle und greift nach ihrer Tasche. »Lass Gertie raus, bevor du gehst«, lautet ihre Anweisung, und als sie geht, vermeidet sie es, mich oder den Schal meiner Mutter anzusehen.

Die aktive Suche nach meiner Mutter begann ich, als ich elf war. Davor vermisste ich sie, wusste aber nicht, wie ich damit umgehen sollte. Meine Großmutter wollte diesen Weg nicht einschlagen, und mein Vater hat – soweit ich weiß – meine Mutter nie als vermisst gemeldet, weil er, als es passierte, katatonisch in einem psychiatrischen Krankenhaus lag. Ich ging ihm ein paarmal damit auf die Nerven, aber da dies unweigerlich zu einem neuen Zusammenbruch führte, empfahlen seine Ärzte mir eindringlich, dieses Thema nicht mehr anzuschneiden.

Doch dann las ich eines Tages beim Zahnarzt im Magazin People einen Artikel von einem Sechzehnjährigen, der den ungelösten Mord an seiner Mutter wieder neu aufrollen ließ, woraufhin der Mörder vor Gericht gebracht wurde. Ich überlegte, dass ich das, was mir an finanziellen und sonstigen Mitteln fehlte, durch pure Entschlossenheit wettmachen konnte, und beschloss noch an jenem Nachmittag, es auf einen Versuch ankommen zu lassen. Es konnte eine Sackgasse sein, sicher, aber bisher war es niemandem gelungen, meine Mom zu finden. Doch bisher hatte auch keiner so intensiv gesucht, wie ich mir das vorgenommen hatte.

Meist wurde ich von den Menschen, an die ich herantrat, abgewiesen oder bemitleidet. Die Polizei von Boone verweigerte mir ihre Hilfe, weil ich a) minderjährig war und nicht die Zustimmung meines Vormunds besaß, b) weil die Spur meiner Mutter nach nunmehr zehn Jahren eiskalt war und c) weil ihrer Überzeugung nach der damit verbundene Mordfall gelöst worden war – das Urteil lautete Unfalltod. Das New England Sanctuary hatte man natürlich vollständig aufgelöst, und die einzige Person, die mir mehr über die zu Tode gekommene Tierpflegerin erzählen könnte – mein Dad nämlich –, war nicht einmal in der Lage, seinen eigenen Namen oder den Wochentag richtig anzugeben, geschweige denn Details über den Unfall, der seinen psychotischen Zusammenbruch verursacht hatte.

Also beschloss ich, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Ich versuchte, einen Privatdetektiv anzuheuern, lernte aber sehr schnell, dass sie nicht kostenlos arbeiten wie einige Anwälte. Und da fing ich mit Babysitten bei Lehrerkindern an und verfolgte den Plan, bis zum Ende des Sommers so viel Geld gespart zu haben, um wenigstens damit jemandes Interesse wecken zu können. Zugleich machte ich mich daran, selbst zur besten Ermittlerin zu werden.

Fast jede Onlinesuchmaschine zum Auffinden Vermisster kostet Geld und erfordert eine Kreditkarte, über beides verfügte ich nicht. Aber ich trieb auf einem Kirchentrödel einen Ratgeber mit dem Titel Wie werde ich Privatdetektiv? auf und vertiefte mich tagelang in das Kapitel, das sich mit dem Auffinden vermisster Personen befasst.

Das Buch beschreibt drei Typen von Vermissten:

Menschen, die nicht wirklich vermisst sind, aber deren Leben und Freundeskreis dich ausschließen. Alte Liebhaber und die Mitbewohnerin aus dem College, zu denen du den Kontakt verloren hast – sie gehören in diese Kategorie. Menschen, die nicht wirklich vermisst sind, aber nicht gefunden werden wollen. Zum Beispiel Väter, die ihren Unterhaltszahlungen nicht nachkommen, und Zeugen in Mafiaprozessen.Alle anderen. Wie etwa Ausreißer und die Kinder, die man auf Milchpackungen abbildet, weil Psychos sie in weißen Lieferwagen ohne Fenster mitgenommen haben.

Private Ermittler schaffen es nur deshalb, jemanden ausfindig zu machen, weil jede Menge Leute genau wissen, wo sich die vermisste Person aufhält. Nur du gehörst nicht dazu. Du musst also jemanden finden, der dazugehört.

Menschen, die verschwinden, haben ihre Gründe dafür. Womöglich haben sie einen Versicherungsbetrug begangen oder verstecken sich vor der Polizei. Möglicherweise haben sie beschlossen, einen Neuanfang zu machen. Vielleicht stecken sie bis zum Hals in Schulden. Sie könnten auch ein Geheimnis haben, hinter das keiner kommen soll. Nach allem, was in Wie werde ich Privatdetektiv? steht, lautet die erste Frage, die man sich selbst stellen muss: Möchte diese Person überhaupt gefunden werden?

Ich muss zugeben, dass ich nicht weiß, ob ich die Antwort darauf hören möchte. Wenn meine Mutter aus freien Stücken weggegangen ist, wäre doch sicherlich die Information, dass ich noch immer nach ihr suche, das Wissen, dass ich sie nach mehr als einem Jahrzehnt nicht vergessen habe, ausreichend, sie zu mir zurückkommen zu lassen. Manchmal denke ich, es wäre für mich leichter zu erfahren, dass meine Mutter vor zehn Jahren gestorben ist, als zu hören, dass sie lebt, aber beschlossen hat, nicht zurückzukommen.

Im Buch steht, das Auffinden von Vermissten gleiche dem Lösen eines Buchstabenrätsels. Man verfügt über alle Anhaltspunkte und versucht, diese in die richtige Reihenfolge zu bringen, um eine Anschrift zu erstellen. Datensammlung heißt die Waffe des privaten Ermittlers, und die Fakten sind deine Freunde. Name, Geburtsdatum, Sozialversicherungsnummer. Besuchte Schulen, Daten des Militärdienstes, beruflicher Werdegang, bekannte Freunde und Verwandte. Je weiter man das Netz auswirft, umso wahrscheinlicher fängt man jemanden ein, der mit der vermissten Person darüber gesprochen hat, wo diese gerne Urlaub machen würde oder was ihr Traumjob wäre.

Was macht man mit diesen Fakten? Nun, man benutzt sie, um Dinge auszuschließen. Bei meiner ersten Internetsuche, die ich mit elf Jahren anstellte, besuchte ich die Datensammlung der Social Security Death Records und gab den Namen meiner Mutter ein.

Als verstorben war sie dort nicht aufgelistet, aber diese Information reichte mir nicht. Sie könnte leben oder auch unter einer anderen Identität leben. Sie könnte aber auch tot und nicht identifiziert sein – eine unbekannte Tote.

Sie war weder in Facebook oder Twitter noch bei Classmates.com oder dem Ehemaligennetzwerk von Vassar, ihrem College. Aber da meine Mutter in ihrer Arbeit mit den Elefanten aufging, konnte ich mir nicht vorstellen, dass sie für derartige Zerstreuungen Zeit hatte.

In Onlinetelefonbüchern fanden sich dreihundertsiebenundsechzig Alice Metcalfs. Ich rief pro Woche nur zwei oder drei davon an, damit meine Großmutter nicht ausrastete, wenn sie die Ferngespräche auf ihrer Telefonabrechnung sah. Ich hinterließ jede Menge Nachrichten. Es gab da eine ganz süße alte Dame in Montana, die für meine Mama beten wollte, und eine andere Frau, die in Los Angeles als Sendeleiterin eines Nachrichtensenders arbeitete und mir versprach, meine Geschichte ihrem Chef als Geschichte aus dem Leben ans Herz zu legen, aber unter den Menschen, die ich anrief, war keiner meine Mutter.

Das Buch schlägt auch andere Methoden vor: die Suche in Gefängnisdateien, Handelsmarkenregistern, selbst in den Ahnentafeln der Kirche der Heiligen der letzten Tage. Doch meine Versuche in dieser Richtung erbrachten nichts. Als ich Alice Metcalf googelte, bekam ich zu viele – über 1,6 Millionen Einträge. Also begrenzte ich meine Suche auf Alice Kingston Metcalf Elefantentrauer und bekam eine Auflistung ihrer sämtlichen Forschungsarbeiten, wovon die meisten vor 2004 erschienen waren.

Auf Seite 16 der Googlesuche stieß ich jedoch auf einen Onlineblog über das Trauerverhalten von Tieren. Im dritten Absatz wurde Alice Metcalf mit den Worten zitiert: »Es ist egoistisch zu glauben, dass die Menschen ein Monopol auf Trauer haben. Es gibt aussagekräftige Beweise in der Tierwelt, dass Elefanten den Verlust derer betrauern, die sie lieben.« Das war ein kurzes prägnantes Zitat und in vielerlei Hinsicht unscheinbar, etwas, das sie schon hundertmal zuvor in anderen wissenschaftlichen Zeitschriften und Fachzeitungen gesagt hatte.

Aber der Blogeintrag datierte von 2006.

Zwei Jahre nach ihrem Verschwinden.

Obwohl ich das Internet ein Jahr lang durchforstet habe, fand ich keinen weiteren Beweis von der Existenz meiner Mutter. Ich weiß nicht, ob das Datum des Onlineartikels ein Tippfehler war, ob er meine Mutter aus früheren Jahren zitierte oder ob meine Mutter – 2006 offensichtlich gesund und munter – noch immer lebt und gesund ist.

Aber ich habe ihn gefunden, und das ist schon mal ein Anfang.

Wild entschlossen, nichts unversucht zu lassen, habe ich meine Suche nicht nur auf die Vorschläge in Wie werde ich Privatdetektiv? beschränkt. Ich habe Einträge auf Seiten gepostet, die vermisste Personen auflisten. Einmal habe ich mich sogar auf einer Kirmes freiwillig vor einer Maiskolben und frittierte Zwiebeln essenden Menschenmenge einem Hypnotiseur zur Verfügung gestellt, in der Hoffnung, er würde die Erinnerungen freisetzen, die in mir feststeckten, aber er erzählte mir nur, ich sei in einem früheren Leben Küchenmädchen in einem fürstlichen Palais gewesen. Ich besuchte ein kostenloses Seminar in der Stadtbibliothek über Klarträume, weil ich dachte, ich könnte einige dieser Fertigkeiten auf mein sich so hartnäckig verschließendes Gehirn anwenden, aber wie sich herausstellte, ging es dabei eigentlich nur um das schriftliche Festhalten des Geträumten.

Heute werde ich nun zum ersten Mal ein Medium aufsuchen.

Es gibt Gründe, weshalb ich das nicht schon früher versucht habe. Erstens hatte ich nicht genug Geld. Zweitens keine Ahnung, wo ich jemand Zuverlässigen finden konnte. Drittens war es nicht sehr wissenschaftlich, und wenn meine Mutter mir, in absentia, eines beigebracht hat, dann, mich an die nackten Fakten und Daten zu halten. Aber als ich vor zwei Abenden die Notizbücher meiner Mutter umschichtete, fiel aus einem ein Lesezeichen heraus.

Es war nicht wirklich ein Lesezeichen. Es war ein Origami-Elefant, gefaltet aus einem Dollarschein.

Und plötzlich konnte ich mich wieder erinnern, wie die Hände meiner Mutter über einen Geldschein flogen, diesen knickten und falteten, umstülpten und umdrehten, bis ich mein Kleinkindgeschrei einstellte und fasziniert das kleine Spielzeug anstarrte, das sie mir gebastelt hatte.

Ich hatte diesen kleinen Elefanten so vorsichtig berührt, als rechnete ich damit, dass er sich gleich in Rauch auflösen würde. Und dann fiel mein Blick auf die geöffnete Seite des Notizbuchs, auf einen Absatz, der plötzlich herausstach, als wäre er in Neonschrift geschrieben:

Ich ernte jedes Mal komische Blicke meiner Kollegen, wenn ich ihnen sage, dass ein wirklich guter Wissenschaftler begreift, dass zwei bis drei Prozent dessen, womit er sich beschäftigt, schlicht und einfach nicht messbar sind – ob es nun Abweichungen magischer oder wesensfremder oder zufälliger Art sind, sie können einfach nicht ausgeschlossen werden. Wenn wir als Wissenschaftler aufrichtig sind … müssen wir uns eingestehen, dass es ein paar Dinge gibt, die wir nicht wissen sollen.

Dies nahm ich als Zeichen.

Jeder sonst auf diesem Planeten würde sich eher dem gefalteten Meisterwerk zuwenden als dem ursprünglich flachen Stück Papier, aber nicht ich. Ich musste immer alles von Anfang an begreifen. Also brachte ich Stunden damit zu, das Kunstwerk meiner Mutter vorsichtig auseinanderzufalten. Dabei bildete ich mir ein, noch immer die Wärme ihrer Fingerspitzen auf dem Geldschein spüren zu können. Ich ging schrittweise vor, als würde ich einen chirurgischen Eingriff vornehmen, bis ich den Dollarschein so falten konnte, wie sie das getan hatte; bis ich eine kleine Herde von sechs neuen grünen Elefanten zusammenhatte, die über meinen Schreibtisch marschierten. Ich testete mich immer wieder, um mich zu vergewissern, dass ich nichts vergessen hatte, und jedes Mal, wenn mir einer gelang, platzte ich vor Stolz. In jener Nacht malte ich mir beim Einschlafen eine dramatische Szene wie im »Film der Woche« aus: Endlich fand ich meine vermisste Mutter wieder, aber sie erkannte mich erst, als ich vor ihren Augen eine Dollarnote in einen Elefanten verwandelte. Und schloss mich dann in die Arme. Und ließ mich nicht mehr los.

Sie wären überrascht, wie viele Hellseher in den lokalen Gelben Seiten aufgelistet sind. New Age Spirit Guides, Medialer Rat von Laurel, Kultisches Tarot durch Priesterin, Kartenlegerin Kate Kimmel, Auferstandener Phönix – Rat in Liebes-, Geld- und Vermögensfragen.

Zweites Gesicht bei Serenity, Cumberland Street, Boone.

Serenity warb nicht mit einer großen Anzeige oder einer 800er-Nummer oder einem Nachnamen, aber ich konnte mit dem Fahrrad zu ihr fahren, und sie war die Einzige, die eine Sitzung zu einem Sonderpreis von zehn Dollar versprach.

Die Cumberland Street liegt in einem Stadtteil, von dem meine Großmutter mich immer fernzuhalten versucht. Im Grunde genommen ist es eine Gasse mit einem bankrottgegangenen Lebensmittelladen, den man zugenagelt hat, und einem Rattenloch von einer Kneipe. Davor stehen zwei Plakatständer aus Holz, einer wirbt für Zwei-Dollar-Shots vor fünf Uhr nachmittags, auf dem anderen steht: TAROT, $ 10, 14R.

Was ist 14R? Eine Altersempfehlung? Eine BH-Größe?

Ich möchte mein Fahrrad ungern auf der Straße zurücklassen, weil ich dafür kein Schloss habe – auf der Hauptstraße oder dort, wo ich sonst hingehe, muss ich es nie abschließen –, also hieve ich es in den Flur links vom Kneipeneingang und schleppe es die Treppe hoch, wo es nach Bier und Schweiß stinkt. Oben gibt es eine kleine Diele. Auf einer der Türen steht 14R, und es gibt ein Schild mit der Aufschrift: Mediale Beratung durch Serenity.

Die samtartigen Tapeten an den Wänden lösen sich. An der Decke blühen gelbe Flecken, und es riecht nach zu viel Raumdüften. Ein wackeliger Wandtisch wird mit einem Telefonbuch in der Balance gehalten. Darauf steht eine Porzellanschale mit Visitenkarten: Serenity Jones, Medium.

In der kleinen Diele ist nicht viel Platz für mich und mein Fahrrad. Ich drehe es so, dass es einen unnatürlichen Halbkreis bildet, und versuche, es an die Wand zu lehnen.

Durch die Tür kann ich die gedämpften Stimmen zweier Frauen hören. Ich weiß nicht recht, ob ich klopfen soll, um Serenity meine Anwesenheit kundzutun. Aber dann sage ich mir, dass sie, wenn sie wirklich gut ist in ihrem Job, das bereits wissen dürfte.

Für alle Fälle huste ich aber. Lautstark.

Mit den Hüften stütze ich den Rahmen des Fahrrads ab und presse ein Ohr an die Tür.

Eine wichtige Entscheidung macht Ihnen Kopfzerbrechen.

Ein Keuchen, dann eine zweite Stimme. Woher wissen Sie das?

Ich habe ernsthafte Zweifel, dass Sie mit dieser Entscheidung den richtigen Weg einschlagen.

Die andere Stimme wieder: Es war so schwer ohne Bert.

Er ist jetzt hier. Und er möchte Sie wissen lassen, dass Sie auf Ihr Herz hören sollen.

Eine Pause. Das klingt so gar nicht nach Bert.

Natürlich nicht. Das war jemand anderer, der auf Sie aufpasst.

Tante Louise?

Ja! Sie sagt, Sie seien immer ihr Liebling gewesen.

Ich kann nicht anders, ich schnaube verächtlich. Es reicht, Serenity, sage ich mir.

Vielleicht hat sie mich lachen hören, denn das Gespräch auf der anderen Seite der Tür ist verstummt. Ich gehe näher dran, um besser hören zu können, und werfe dabei mein Fahrrad um. Wankend versuche ich, das Gleichgewicht zu halten, und stolpere dabei über den Schal meiner Mutter, der sich gelöst hat. Das Fahrrad und ich landen auf dem kleinen Tisch, und die Schale fällt herunter und geht zu Bruch.

Die Tür wird aufgerissen, und ich blicke hoch von meinem Platz innerhalb des Fahrradrahmens, wo ich kauernd die Scherben aufzusammeln versuche.

»Was ist denn hier los?«

Serenity Jones ist groß, und ihre rosa Haare türmen sich auf ihrem Kopf zu einer Zuckerwattefrisur. Ihr Lippenstift passt farblich dazu. Ich habe das komische Gefühl, ihr schon mal begegnet zu sein. »Sind Sie Serenity?«

»Wer will das wissen?«

»Sollten Sie das nicht wissen?«

»Ich sehe etwas voraus, aber allwissend bin ich nicht. Wenn ich allwissend wäre, wäre das hier die Park Avenue, und ich würde meine Gewinne auf den Kaimaninseln horten.« Ihre Stimme klingt abgenutzt, wie eine Couch mit gesprungenen Federn. Dann bemerkt sie die Porzellanscherben in meiner Hand. »Das soll wohl ein Witz sein? Das war die Wahrsageschale meiner Großmutter!«

Ich habe keine Ahnung, was eine Wahrsageschale ist. Doch ich weiß, dass ich in großen Schwierigkeiten stecke. »Es tut mir leid. Es war ein Missgeschick …«

»Hast du eine Ahnung, wie alt die ist? Es ist ein Familienerbstück! Du kannst dem Jesuskind dankbar sein, dass meine Mutter das nicht mehr erleben muss.« Sie greift nach den Scherben und legt sie aneinander, als würden sie sich wie von Zauberhand zusammenfügen.

»Ich könnte versuchen, sie zu reparieren …«

»Wenn du nicht über Zauberkräfte verfügst, wird das wohl kaum gelingen. Meine Mutter und meine Großmama drehen sich beide im Grab um, und das alles nur, weil du weniger Verstand hast, als Gott einem Wiesel gab.«

»Wenn sie so kostbar war, warum haben Sie sie dann hier im Eingang herumstehen?«

»Warum hast du ein Fahrrad in einen Raum mitgebracht, der nicht größer als ein Schrank ist?«

»Ich dachte, es wird mir gestohlen, wenn ich es im Flur stehen lasse«, erwidere ich und stehe auf. »Hören Sie, ich komme für die Schale auf.«

ENDE DER LESEPROBE