Die stille Spur - Miriam Rademacher - E-Book

Die stille Spur E-Book

Miriam Rademacher

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Beschreibung

Baby an Bord, Verbrechen im Visier.
Hedi Voss ist hochschwanger und steht kurz vor dem erneuten Mutterschaftsurlaub, als sie mit ihrem Kollegen Thure zu einer Streitigkeit auf einem Flohmarkt gerufen wird. Ein älterer Mann behauptet, ein zum Verkauf stehender Beistelltisch gehöre seiner verschwundenen Tochter Clarissa. Zum Beweis öffnet er ein Geheimfach mit Dokumenten – jedoch nicht die von Clarissa, sondern einer Frau namens Viola.
Hedis Spürsinn ist geweckt und schnell findet sie heraus, dass auch Viola seit Jahren vermisst wird. Sie ist sich sicher, dass die beiden Fälle zusammenhängen – und noch mehr Frauen betroffen sein oder in akuter Gefahr stecken könnten.
Trotz näher rückender Geburt stürzt sich Hedi entschlossen und mit gewohntem Dickkopf in ihren vielleicht persönlichsten Fall. Bevor das neue Baby kommt, will sie eines unbedingt: Gerechtigkeit.

Der vierte Cosy-Crime-Roman mit der Ermittlerin mitten im Mutterchaos Hedi Voss. Ein packender Cold Case Krimi voller Spannung, Humor und Ostsee-Flair.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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DIE STILLE SPUR

HEDI VOSS ERMITTELT

BUCH 4

MIRIAM RADEMACHER

Verlag:

Zeilenfluss

Werinherstr. 3

81541 München

Deutschland

_____________________________

Texte: Miriam Rademacher

Cover: MT-Design

Korrektorat: Dr. Andreas Fischer

Satz: Zeilenfluss Verlag

_____________________________

ISBN: 978-3-96714-606-6

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Alle Rechte vorbehalten.

Jede Verwertung oder Vervielfältigung dieses Buches – auch auszugsweise – sowie die Übersetzung dieses Werkes ist nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags gestattet. Handlungen und Personen im Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

PROLOG

CLARISSA: MAI 2016

»Es tut mir leid, aber ich kann Ihren Namen im System nicht finden.« Der Hotelangestellte in seiner adretten Uniform blickte konzentriert auf den Bildschirm vor sich. »Ich habe hier keine Zimmerreservierung auf Rose.«

Clarissas Verwirrung währte nur kurz. Dies musste ein Irrtum sein, und er war bestimmt leicht aufzuklären. »Aber mein Lebensgefährte hat diesen Aufenthalt schon vor Wochen für mich gebucht. Es war sein Geburtstagsgeschenk für mich.«

»Vielleicht ist das Zimmer unter dem Namen Ihres Lebensgefährten reserviert worden?«, mutmaßte der Mann vor ihr. Er war ein junger Kerl von höchstens fünfundzwanzig Jahren und ehrlich bemüht, ihr zu helfen. »Wie heißt er denn?

»Moll. Baltus Moll.« Clarissa stellte nun auch die letzte Tasche ihres Reisegepäcks vor sich auf den Boden. Ihre Finger waren schon ganz weiß geworden. Nicht nur, weil das gute Stück schwer war, sondern auch, weil die warnenden Stimmen in ihrem Kopf wieder lauter wurden und ihr sagten, dass all das kein Zufall mehr sein konnte. Zu viele Dinge waren in letzter Zeit schiefgelaufen, und dass nun auch dieses Wellness-Wochenende mit einem Misston begann, ließ ihr linkes Augenlid in gewohnter Weise nervös zucken.

»Ich habe auch keine Buchung unter dem Namen Moll im System.«

Am liebsten hätte Clarissa ihn jetzt angeschrien. Sie war müde von der Autofahrt, ihr Magen knurrte, weil die letzte Mahlzeit ein hastiger Imbiss an der Autobahnraststätte gewesen war. Alles, was sie jetzt noch wollte, war etwas zu essen, ein Drink an der Bar und ein weiches Bett.

»Aber das ist alles gar nicht so tragisch.« Der Hotelangestellte lächelte. »Wir sind an diesem Wochenende nicht ausgebucht, ich kann Ihnen ein nettes Zimmer mit Blick aufs Meer geben.«

Erleichterung machte sich in Clarissa breit. Dann würde sie für diesen Kurzurlaub eben selbst aufkommen. Zur Hölle mit Baltus und seinen leeren Versprechungen, diese Verschnaufpause konnte ihr niemand nehmen.

Geduldig ging sie mit dem hilfsbereiten Hotelangestellten das Procedere durch, an dessen Ende sie von ihm einen elektronischen Zimmerschlüssel erhalten würde. Doch in dem Moment, da sie ihm ihre Kreditkarte über den auf Hochglanz polierten Tresen reichte, kam seine Routine erneut ins Stocken. Und jetzt sah er auch gar nicht mehr freundlich aus.

»Haben Sie noch eine andere Karte?«

Clarissa schüttelte den Kopf. Sie gehörte nicht zu den Menschen, die Kreditkarten in großer Stückzahl mit sich herumtragen. Sie besaß nur diese Karte für ihr Konto, und bisher hatte das auch immer ausgereicht. »Stimmt denn etwas nicht?«

»Die Karte wird nicht akzeptiert. Könnten Sie Ihr Limit überzogen haben?«

»Nein, das kann nicht sein, guter Mann.« Sie sah sich um und stellte erleichtert fest, dass niemand hinter ihr stand und ungeduldig darauf wartete, dass sie endlich fertig wurde. Dann beugte sie sich vor und sah dem Jungspund direkt in die Augen. »Versuchen Sie es einfach noch mal, okay?«

Er tat ihr den Gefallen und schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, ich kann Ihnen nicht helfen.«

Erneut krampften sich ihre Hände zusammen. Die frisch lackierten Fingernägel in Tizianrot bohrten sich in ihre Haut.

»Nehmen Sie auch Bargeld«, stieß sie mühsam beherrscht hervor.

»Das ist bei uns eigentlich nicht üblich.«

Clarissa atmete tief ein und wieder aus. Es war nicht richtig, ihren Zorn an diesem einfachen Angestellten auszulassen, der nur seine Arbeit tat und bis jetzt ihr gegenüber sehr höflich gewesen war. Es war nicht die Schuld dieses Jan Harting, wie sie auf seinem Namensschild am Revers nachlesen konnte. Irgendjemand anders hatte Mist gebaut. Mal wieder. Und sie war die Leidtragende. Es war zum Auswachsen.

»Hören Sie, ich fahre einfach zum nächsten Geldautomaten, heb das Geld ab und bin in ein paar Minuten wieder bei Ihnen, wie wäre das? Ich könnte sogar rein aus Versehen einen Fünfziger mehr mitbringen, und Sie geben mir eine Quittung für den Betrag, den das Zimmer kostet.« Als sie sah, wie sich seine Miene bei ihren Worten verfinsterte, ergänzte sie rasch: »Ich bin wirklich verzweifelt.«

Jetzt war er es, der tief ein- und ausatmete. »Na gut. Aber den zusätzlichen Fünfziger vergesse ich jetzt ganz schnell wieder und Sie auch. Das will ich nicht gehört haben. So etwas mache ich nicht.« Er schob ihr die Kopie eines Stadtplans zu. »Der nächste Geldautomat ist nur fünf Autominuten von hier entfernt. Nach rechts und danach einfach die Straße runter.«

»Danke.« Mehr brachte sie nicht heraus.

Sie schnappte sich den Lageplan und ihr Gepäck, weil sie es nicht wagte, ihn zu fragen, ob er ein paar Minuten darauf aufpassen könne, und verließ das Wellness-Hotel durch den von Glas und Marmor dominierten Haupteingang. Sehr bemüht, den möglicherweise fragenden Blicken der Gäste an der Hotelbar auszuweichen.

An ihrem Auto, einem roten Nissan Micra, angekommen, feuerte sie die Gepäckstücke nacheinander zurück in den Kofferraum, setzte sich hinters Steuer und raste los. Ihre Laune näherte sich allmählich dem Nullpunkt. Statt Erholung hatte ihr dieses Geschenk bisher nichts als Frustration eingebracht. Aber dafür konnte Baltus ja nichts. Das hoffte sie zumindest für ihn.

In der kleinen Sparkassenfiliale, die sich in einem hübschen Backsteinbau befand, schob sie ihre Karte in den Schlitz und entschied sich, den Tageshöchstsatz abzuheben. Dann würde sie während des Wochenendes mit Bargeld nur um sich werfen, allein schon, um den Eindruck, den sie gerade bei diesem Bengel von Hotelangestelltem hinterlassen hatte, zu korrigieren.

Doch der Automat schien kaputt zu sein, denn er verweigerte die Auszahlung. Das war einfach nicht möglich, Clarissa wusste genau, wie viel Geld derzeit auf ihrem Konto war. Der letzte Lohn war gerade erst eingegangen. Gut, sie besaß deutlich weniger als noch vor einem oder einem halben Jahr. Zu viele Dinge waren in jüngster Zeit geschehen, unvorhergesehene Ausgaben, die sich nicht hatten vermeiden lassen, aber das hier war einfach lächerlich.

Sie versuchte es erneut, und als es wieder nicht gelang, bat sie den verwünschten Blechkasten, ihr den Kontostand mitzuteilen. Die Zahl, die daraufhin auf dem Bildschirm erschien, ließ sie unwillkürlich nach Luft schnappen.

Das konnte nicht sein, völlig unmöglich. Wo war ihr Geld geblieben? Handelte es sich schon wieder um einen Irrtum? Wenn ja, würde sie den Kopf des Verantwortlichen auf seinen Schreibtisch donnern, bis er dieselben Schmerzen spürte wie sie gerade.

Einen Moment lang stand sie still da und überlegte. Um noch heute einen gewaltigen Krach zu schlagen, war sie zu spät dran. Die Filiale hatte geschlossen, draußen ging schon die Sonne unter, und sie besaß nicht einmal genügend Geld für eine Nacht auf dem Campingplatz, geschweige denn für das Wellness-Hotel. Und je länger Clarissa darüber nachdachte, desto mehr kam sie zu der Erkenntnis, dass ihr die Freude an diesem Wochenende ohnehin gründlich verdorben worden war. Dann würde sie eben wieder heimfahren, ein heißes Bad nehmen, ihre Lieblingsserie anschauen und sich von Baltus verwöhnen lassen. Falls der heute Abend überhaupt Zeit für sie hatte, denn mit ihr rechnete er bestimmt nicht mehr.

Frustriert trottete sie zurück zu ihrem Geländewagen, stieg ein und bereitete sich seelisch darauf vor, noch einmal mehr als zwei Stunden auf der Straße zubringen zu müssen. Dann drehte sie den Zündschlüssel.

Während der ersten halben Stunde der Wegstrecke, die sie nun vom Timmendorfer Strand bis nach Eckernförde zurücklegen durfte, verfluchte sie alle vertrottelten Bank- und Hotelangestellten, die hierfür verantwortlich waren. Dann presste sie ihr Handy in die Halterung der Freisprechanlage und versuchte, Baltus zu erreichen. Ihre geschundene Seele konnte unmöglich weiter durch die Nacht fahren, ohne ein nettes Wort vernommen zu haben. Doch wie sie es fast erwartet hatte, ging er nicht ran. Also sprach sie ihm nur eine kurze Nachricht auf die Mailbox, damit er wusste, dass sie auf dem Rückweg war.

Unbefriedigt starrte sie durch die Windschutzscheibe in die Dunkelheit, schaltete das Radio ein und wieder aus. Dann wählte sie eine Nummer aus ihrem Handyspeicher, die sie bisher so gut wie nie benutzt hatte.

Nach nur zweimaligem Klingeln wurde abgehoben.

»Das ist ja eine Überraschung«, sagte eine weibliche Stimme am anderen Ende. »Ich hätte nicht gedacht, dieses Wochenende von dir zu hören. Wolltest du nicht wegfahren?«

»Hallo Merle.« Clarissa hatte einen Kloß im Hals. »Hast du einen Moment Zeit? Ich brauche gerade dringend eine Freundin.«

»Ach. Und da ist dir niemand Besseres eingefallen als ausgerechnet ich?« Merle lachte. »Na ja, Schwamm drüber. Was ist los?«

Einen kurzen Moment überlegte Clarissa leicht verwundert, warum ihr niemand anders eingefallen war als ausgerechnet eine Arbeitskollegin, mit der sie sich in den letzten Wochen immer häufiger überworfen hatte. Dann wurde ihr bewusst, dass sie keine große Auswahl mehr an Leuten vorzuweisen hatte, denen sie sich anvertrauen wollte.

»Du wirst mir nie glauben, was mir gerade passiert ist.« Unwillkürlich hatte Clarissa einen heiteren Ton angeschlagen, der überhaupt nicht ihrer Stimmung entsprach. Doch als sie die Ereignisse jetzt für Merle zusammenfasste, kamen sie ihr nahezu lächerlich vor. Kleine Ärgernisse, über die sie eines Tages gewiss lachen würde. Nur eben nicht heute Nacht.

Nachdem sie ihren Bericht abgeschlossen hatte, war es stumm am anderen Ende der Verbindung. So lange, dass Clarissa unsicher nachschob: »Eigentlich lustig, wenn man genauer darüber nachdenkt, oder?«

»Nein, es ist kein bisschen lustig.« Merle war noch da. Und sie klang sehr ernst. »Clarissa, wie lange willst du das noch mit dir machen lassen? Er nutzt dich aus.«

»Aber das hat doch rein gar nichts mit Baltus zu tun.« Clarissa lachte nervös.

»Alles hat mit ihm zu tun, und ich habe dir das schon etwa hundertmal gesagt«, widersprach Merle. »Er hat dir dieses Wochenende geschenkt, ja? Dann rate mal, warum nichts bezahlt oder auch nur ansatzweise organisiert ist. Dein Konto ist leer? Hast du deine Karte vielleicht unbeaufsichtigt herumliegen lassen? Kennt er die Pin? Oder warst du sogar so freundlich, ihm eine Kontovollmacht zu gewähren?«

»Verdammt, Merle, geht das schon wieder los? Baltus hat –«

»Nein!« Ihre Freundin wurde laut. »Ich habe genug von deiner Blindheit, ich habe das lange genug mitgemacht. Ruf mich erst wieder an, wenn du zur Vernunft gekommen bist.«

»Aber –«

»Nein!«, rief Merle noch einmal. »Ich halte das nicht mehr aus, Clarissa, ich kann das nicht mit ansehen. Mach deine Fehler ohne mich.«

Merle hatte aufgelegt. Und Clarissa saß mit fest zusammengepressten Lippen hinter dem Lenkrad des Nissan Micra, trat das Gaspedal durch und versuchte, ihre aufkommende Enttäuschung in Wut umzuwandeln. Das gelang ihr zunächst auch. Merle hatte noch nie ein gutes Haar an Baltus gelassen, und zwar, weil sie eine missgünstige Zicke war. Nur weil sie, Clarissa, eben auch einmal das Glück gehabt hatte.

Etwa eine Stunde lang konnte sie diesen Selbstbetrug noch aufrechterhalten, dann aber meldeten sich die Fragen, die Merle ihr gestellt hatte, mit aller Macht zurück in ihr Bewusstsein. Sie legten sich auf ihre Seele wie ein schwerer Mantel. Kannte Baltus ihre Pin? Hatte er die Gelegenheit gehabt, die Karte zu benutzen?

»Er hätte es mir gesagt«, dachte sie verbissen. »Er hätte mir gesagt, wenn er wieder dringend Geld gebraucht hätte. Ich hätte es ihm ja gegeben.«

Der Zweifel fraß sich weiter, steigerte sich parallel zur Geschwindigkeit des Wagens und wurde unerträglich. Was, wenn sie den goldenen Armreif doch nicht am Strand verloren hatte, wie Baltus ihr einzureden versuchte? Was, wenn ihr Fahrrad gar nicht von einem Fremden aus dem verschlossenen Keller geklaut worden war? Was, wenn weder irgendein Hotelfritze noch die Bankangestellten etwas für das heutige Desaster konnten?

»Dann hätten Merle und die anderen die ganze Zeit über recht gehabt«, sagte sie zu sich selbst. »Und all der Ärger der letzten Zeit würde endlich einen Sinn ergeben.«

Clarissa war nicht dumm. Gut, nach Merles Meinung war sie sogar außerordentlich dumm, aber nicht so sehr, dass sie die Zeichen noch länger hätte ignorieren können. Und für einen kurzen Moment war ihr danach, ein bisschen zu weinen, sich selbst gehörig leidzutun, weil die große Liebe sich mal wieder als Lüge entpuppte.

Als sie das Ortsschild von Eckernförde passierte – die Rückfahrt war eine halbe Stunde kürzer gewesen als der Hinweg –, siegte die starke Persönlichkeit in ihr, die sich zu oft in den letzten Wochen in einem finsteren Winkel ihres Herzens verkrochen hatte. Und sie war fest entschlossen, reinen Tisch zu machen. Ihr war es egal, ob Baltus unter einer Brücke schlafen musste, er flog noch heute achtkantig aus ihrer Wohnung und ihrem Leben, es war vorbei.

»Ein für alle Mal vorbei«, sagte sie zu sich selbst und bog eine Spur zu forsch in die Straße ein. Sie ermahnte sich selbst zur Vorsicht und brachte es tatsächlich fertig, den Nissan in gemäßigtem Tempo in die eigene Garage zu steuern.

Einen Moment lang saß sie noch da und atmete schwer. Dann stellte sie den Motor ab, öffnete die Wagentür und stieg aus. Um die Koffer würde sie sich später kümmern, jetzt gab es Wichtigeres zu tun. Sie musste aufräumen, und zwar in ihrem Leben. Da spürte sie, wie sich mit einem Mal etwas Kaltes fest um ihren Hals legte und ihr die Luft zum Atmen nahm. In Panik, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, keilte sie mit dem Fuß nach hinten aus, schlug wild um sich und rang verzweifelt nach Luft, die ja da war, aber plötzlich nicht mehr den Weg in ihre Lunge fand. Und sie würde es auch nie wieder tun.

1

SIEBEN JAHRE SPÄTER

Hedi wuchtete ihren unförmigen Körper aus dem Beifahrersitz des Streifenwagens. Ihr Kollege Thure war so weit wie möglich an den Hafen herangefahren, aber an Samstagen wie diesem gab es kein Durchkommen, sobald die Flohmarktbesucher das Gelände für sich erobert hatten.

»Du hast mir versprochen, im Wagen zu warten«, motzte Thure sie an und warf die Fahrertür zu. »In deinem Zustand gehörst du ohnehin hinter den Schreibtisch.«

»Es sind noch mehr als sechs Wochen bis zur Geburt«, konterte Hedi. »Und ich halte es nun mal nicht aus, den ganzen Tag über vor einem Bildschirm zu sitzen und Papierkram zu erledigen.«

»Hedi, du platzt fast aus der Uniform.« Thure sah sie sorgenvoll an. »Ich habe Angst vor dir, verstehst du? ›Kollegin droht mit Geburt‹, so muss man das wohl nennen.« Er seufzte. »Warum habe ich mich bloß dazu überreden lassen, dich mitzunehmen?«

»Weil niemand anders da war und die Anruferin keinen Amoklauf, sondern nur einen einzigen hysterischen Kunden gleich an der Hafenspitze vor ihrem Flohmarktstand gemeldet hat. Ein Routineeinsatz für dich und etwas frische Luft inklusive Bewegung für mich.«

Sie versuchte wiederholt, ihre Uniformjacke zu schließen, und gab es letztlich auf. Schon vor Rikos Geburt hatte sie sich wie eine wandelnde Litfaßsäule gefühlt, aber dieses Mal war es noch schlimmer. Hinzu kam, dass dieses zweite Kind ein echtes Überraschungsei war, das Lars und sie keineswegs geplant hatten.

Hedi Voss war Polizistin mit Leib und Seele. Nach Rikos Geburt, ihrem ersten Sohn, hatte sie begriffen, dass es Frauen gab, die dazu auserkoren waren, Mütter zu werden, und solche, die es eher dabei belassen sollten, die gute Tante zu spielen. Sie gehörte eindeutig zur letzteren Kategorie, doch das Schicksal fand es offensichtlich komisch, sie erneut mit Babybrei, Windeln und – noch schlimmer – Tatenlosigkeit zu konfrontieren. Der erste Tag des Mutterschutzes nahte, und Hedi kam er vor wie ein Damoklesschwert, das jeden Augenblick auf sie herabzustürzen drohte.

»Ich werde dich vermissen«, sagte sie zu Thure und schob sich neben seiner alles überragenden Statur durch die Menge der bummelnden Spaziergänger. »Ich werde meine Arbeit vermissen. Um ehrlich zu sein, ich habe auch Angst. Aber nicht davor, zu platzen, sondern eher davor, wahnsinnig zu werden.«

»Es ist nicht wie beim ersten Mal«, versuchte ihr Kollege, sie zu trösten. »Du hast den geerbten Canasta-Club deiner Großmutter an deiner Seite, deine Freundin Berit und jede Menge Erfahrung, wenn es um Krabbelgruppen und den ganzen Rotz geht. Riko war dir ein guter Lehrmeister.«

»Und trotzdem war das Beste, was mir in seinem ersten Lebensjahr widerfahren ist, meine Einsätze als Ermittlerin«, hielt Hedi dagegen. »Ich dachte schon, ich könnte eine eigene Detektei ins Leben rufen. Aber dann kam Corona, und alles wurde noch schlimmer. Ein Kleinkind und ich, isoliert in einer Dreizimmerwohnung. Jetzt weiß ich, dass ich keine Mörderin bin, denn sonst wäre ich in dieser Zeit vermutlich zu einem echten Risiko für meine Familie geworden.«

»Das ist doch alles kalter Kaffee, wir haben 2023«, meinte Thure. »Dieses Mal packst du es und genießt deine Zeit mit dem kleinen … Wie soll das Kind noch heißen?«

»Jodokus, wenn es ein Junge wird, und Clothilda, falls ein Mädchen schlüpft.« Hedi grinste.

Thure sah sie ungläubig an. »Du meinst das wirklich ernst, oder? Hast du nicht einen Ehemann, der ein solches Verbrechen an dem armen Wurm verhindern kann?«

»Reingelegt!« Hedi grinste noch etwas breiter. »Ich verrate weder dir noch sonst jemandem, wie es heißen wird. Das erspart mir sinnlose Diskussionen.«

Die Wahrheit war indes eine ganz andere. Es gab schlichtweg noch keinen Namen für das Kind in ihrem Bauch, das tapfer mit seiner Geburt drohte. Lars und sie hatten gemeinsam unzählige Bücher gewälzt, sich durch Elternseiten im Internet geklickt und waren einfach nicht fündig geworden. Dieses Mal schien es keinen Namen zu geben, auf den sie sich einigen konnten. Das war bei Riko noch ganz anders gewesen, der trug den Namen seines Großvaters väterlicherseits. Doch nun hatte der Stammbaum ihres Gatten nicht mehr viel zu bieten, und Hedi konnte sich nicht überwinden, in ihre eigene Ahnengalerie abzutauchen, wo Fehlgriffe wie Gertrude und Heribert lauerten.

»Da vorne muss es sein«, rief Thure und deutete auf eine schlanke Blondine, die ihnen eifrig zuwinkte. Im Moment kam Hedi so ziemlich jede andere Frau schlank vor.

Gleich daneben stand ein bärtiger Herr, den Hedi auf Ende siebzig schätzte. Seine knotigen Hände umklammerten ein zierliches Möbelstück. Einen schwarz lackierten Beistelltisch auf dünnen Beinen.

»Guten Tag.« Thure dehnte beide Worte maximal aus, um die Aufmerksamkeit des Alten auf sich zu ziehen. »Wir sind die Polizei. Man hat uns herbestellt, weil hier angeblich jemand Schwierigkeiten macht.«

»Allerdings«, erklärte der Alte und packte das Tischchen noch fester. »Und glauben Sie nicht, ich sei zu alt zum Randalieren.«

»Das würde ich mir nie herausnehmen.« Thure war die Ruhe selbst. »Was ist denn nun eigentlich passiert?«

»Er will nicht zahlen«, erklärte die aufgeregte Blondine, der der Flohmarktstand zu gehören schien. »Er will meine Ware nur beschädigen. Ich habe ihm gesagt, sobald er gezahlt hat, steht es ihm frei, mit dem Tisch zu machen, was er will. Aber er weigert sich.«

»Es ist mein Tisch. Zumindest gewissermaßen. Ich zahle nicht für etwas, das ich selbst geschaffen habe.«

»Sie haben dieses Tischchen selbst gemacht?« Hedi trat näher und begutachtete die wunderschöne Schnitzarbeit auf der Platte und am seitlichen Rand. »Sie sind ja ein Künstler.«

»Das bin ich.« Die Schultern des Mannes entspannten sich. »Hendrik Rose ist mein Name. Ich arbeite mit Holz, Ton, Leinwand, Stein … was immer mich gerade fasziniert. Diesen Tisch habe ich vor über fünfzehn Jahren handgefertigt.«

»Er lügt«, widersprach die Blondine. »Das ist eine Antiquität, das sieht man doch. Dieses Tischchen ist älter als der Herr hier.«

Thure wandte sich ihr zu. »Sie handeln demnach mit Antiquitäten? Also, wenn ich mir diese Bierkrüge da auf dem Tisch so anschaue, kommen bei mir gewisse Zweifel auf.«

»Die sind mindestens fünfzig Jahre alt«, erklärte die Frau entrüstet.

»Also von 1970«, stellte Hedi fest. »Und das gilt schon als Antiquität?«

»Darüber kann man streiten«, war die schnippische Antwort.

»Es ist kein alter Tisch, er wurde nur auf alt gemacht, das war meine nostalgische Phase«, behauptete Hendrik Rose.

»Antik oder nicht, ich will mein Geld, bevor er ihn auseinandernimmt«, beharrte die Frau.

»Ich tue dem Tisch doch gar nichts«, rief der Künstler. »Ich will nur das haben, was sich vermutlich darin befindet.«

»Nun mal langsam, ich komme nicht mehr mit«, donnerte Thure und zog damit die Aufmerksamkeit weiterer Passanten auf das Geschehen. »Wenn dies also Ihr Tisch ist, Herr Rose, wie kommt er dann an den Flohmarktstand dieser Frau?«

»Ich habe das Stück rechtmäßig erworben, jawohl. Meine Nachbarin hat ihn vor Jahren bei Ebay erstanden, und als sie ihn nicht mehr wollte, habe ich ihn ihr abgekauft. Alles ganz legal. Und nun möchte ich wenigstens die Hälfte von dem haben, was ich dafür bezahlt habe, aber er weigert sich ja.«

»Weil es mein Tisch ist«, beharrte der Alte. »Und er war als Geschenk gedacht. Allerdings nicht für ihre Nachbarin, sondern für meine Tochter. Meine Tochter Clarissa Rose.«

»Ich glaube, das sagt mir irgendwas«, murmelte Thure.

»Mir nicht«, warf Hedi ein. »Wäre es nicht möglich, dass Ihre Tochter das Möbelstück einfach weiterverschenkt oder verkauft hat?«

»Meine Tochter ist fort.« Hendrik Rose drückte das zarte Tischchen an seine breite Brust. »Schon sehr lange. Niemand weiß, wo sie ist. Und als ich aufgefordert wurde, ihre Wohnung auszumisten, konnte mir niemand sagen, wo dieses Tischchen geblieben war. Auch wusste keiner etwas von den anderen Wertsachen und Kunstwerken, die meine Tochter besessen hat. Nicht der Vermieter, nicht die Polizei, alle haben nur mit den Schultern gezuckt.«

»Oh, jetzt dämmert es mir«, rief Thure aus. »Clarissa Rose. Ein Vermisstenfall, der keiner war. Die Frau hat lediglich alles hinter sich gelassen und neu angefangen.«

»Das hat sie nicht.« Die Stimme des Alten zitterte. »Und wenn Sie mich endlich tun ließen, was ich will, könnte ich das auch endlich beweisen. Hier drinnen ist alles, was ich dafür brauche.«

»Er will die Zierleisten unter der Tischplatte abreißen«, keifte die Blondine. »Danach lässt sich das Stück höchstens noch als Brennholz verkaufen.«

»Es ist ein Geheimfach, das versuche ich Ihnen schon die ganze Zeit zu erklären!«, brüllte Herr Rose die Verkäuferin an.

»Es ist keins, denn ich wüsste es ja wohl, wenn mein Tisch ein Geheimfach hätte!«, brüllte diese zurück.

»Lassen Sie ihn doch einfach mal machen«, schlug Hedi vor. »Wenn es wirklich kein Geheimfach gibt, kaufe ich den Tisch. So eine Zierleiste lässt sich doch auch ganz fix wieder dranleimen.«

Die Blondine musterte sie mit einem frostigen Blick. Schließlich sagte sie: »Hundertfünfzig Euro.«

»Das geht in Ordnung«, meinte Hedi und glaubte nicht eine Sekunde, dass dieser Preis der Hälfte dessen entsprach, was die Frau dafür bezahlt hatte. Sie drehte sich von ihr zu Hendrik Rose. »Also? Dann zeigen Sie uns doch mal das Geheimnis des Tisches. Wenn Sie dieses ominöse Fach selbst gebaut haben, wissen Sie ja wohl, wie man es öffnet.«

Mit grimmiger Miene stellte Hendrik Rose das Möbelstück vor sich auf den Boden, löste einen winzigen Messingstift auf der Unterseite, packte die Zierleiste und riss sie mit einem Ruck an sich. Zum Vorschein kam eine Schublade, die in der Tischplatte versteckt gewesen sein musste. Sie war schmal und sehr flach.

Die Blondine schnappte nach Luft. »Also, da passen aber nicht gerade die Kronjuwelen rein.«

»Nein, aber persönliche Unterlagen«, sagte Hedi und griff schneller zu, als der Künstler es konnte. Ein Reisepass, eine Versichertenkarte und ein Impfpass.

»Clarissa«, hauchte der Künstler. »Das ist der Beweis. Warum hätte sie all das zurücklassen sollen, wenn es ihr Plan war, auszuwandern? Wer geht denn ohne Reisepass fort?«

»Vielleicht war er schon abgelaufen, als sie aufbrechen wollte. Oder sie hat einfach vergessen, wo sie ihn versteckt hatte«, meinte Thure. »So was soll ja vorkommen.«

»Wann hören Sie endlich auf, sich hinter Ausreden zu verstecken?« Der Alte wurde schon wieder laut. »Sie haben die Suche nach meiner Tochter total vermasselt!«

»Ich nicht.« Thure blieb gelassen. »Unsere Kollegen vielleicht, aber das war nicht mein Fall. Ein Wunder, dass er mir überhaupt wieder in den Sinn gekommen ist.«

»Ja, dein Gedächtnis ist phänomenal«, sagte Hedi, die in dem alten Reisepass blätterte und nun die Seite mit dem Foto aufschlug. »Löst der Name Viola Lohmann bei dir vielleicht auch etwas aus?«

»Wer ist das denn?«, wollte Thure wissen.

»Die Person, der diese Dinge hier gehören.« Sie warf Hendrik Rose einen langen Blick zu. »Es tut mir leid, aber ich kann den Namen Clarissa nicht in diesen Papieren finden. Es sieht so aus, als ob der Tisch eine lange Reise hinter sich hat, seitdem er Ihrer Tochter abhandengekommen ist.«

»Aber … Clarissa …« Die Körpersprache des Alten sagte mehr, als Worte es vermocht hätten. Er fiel sichtlich in sich zusammen.

Hedi wandte sich der jetzt peinlich berührt wirkenden Flohmarktverkäuferin zu. »Wie heißt denn Ihre Nachbarin? Ist sie diese Viola Lohmann?«

Die Blondine schüttelte den Kopf. Dann suchte sie Blickkontakt zu Hendrik Rose. »Hören Sie, es ist ja offensichtlich, dass Sie dieses Tischchen besser kennen als ich. Darf ich es Ihnen schenken? Es kommt mir plötzlich falsch vor, es zu verkaufen.«

»Ich will es nicht.« Der Künstler brachte es fertig, alle Trauer der Welt mit seinen Augen auszudrücken. »Alles, was ich wollte, war ein Hinweis auf Clarissas Verbleib. Egal was. Der Tisch ist mir egal.«

»Ich nehme ihn«, erklärte Hedi. »Ich kaufe ihn samt Inhalt. Hundertfünfzig war doch richtig, oder? Ich fürchte, ich habe nicht genug Geld bei mir, aber wenn Sie mir Ihre Kontodaten geben, überweise ich die Summe noch heute. Sie können mir vertrauen, ich bin die Polizei.«

»Hedi, was soll das?«, stöhnte Thure. »Jetzt müssen wir das Ding quer über den Flohmarkt schleppen und irgendwie im Streifenwagen verstauen.«

»Das klappt schon«, beharrte Hedi. »Stell dich nicht so an und hilf deiner schwangeren Kollegin.«

»Tja, also, dann hat sich doch alles bestens geregelt, oder?« Die Blondine vermied es, den alten Mann anzusehen, notierte ihre Kontodaten und gab den Zettel an Hedi weiter, während Hendrik Rose die Hände in den Taschen vergrub und mit gesenktem Kopf davonging.

Eine Viertelstunde später, nachdem Thure Hedis neue Errungenschaft auf dem Rücksitz platziert und sich wieder hinter das Steuer gesetzt hatte, warf er Hedi einen langen Blick zu. »Du brauchst also einen Beistelltisch, ja? Für deine Drei-Zimmer-Altbauwohnung, in der ihr nun bald zu viert sein werdet, brauchst du unbedingt ein weiteres Möbelstück?«

»Er ist doch sehr hübsch«, verteidigte sich Hedi. »Und dieses Geheimfach ist wahnsinnig praktisch. Ich könnte darin meine Türschlüssel verwahren. Riko hat gerade entdeckt, was man mit Schlüsseln so alles anfangen kann, und ich möchte nicht nochmal über eine Klappleiter in mein eigenes Badezimmer einbrechen müssen.«

»Lenk nicht ab«, entgegnete Thure. »Ich habe das Leuchten in deinen Augen gesehen. ›Schon wieder ein Fall‹, hast du gedacht, ›den meine Kollegen versemmelt haben. Genau das Richtige, um mich in meinem Mutterdasein aufzuheitern.‹«

»Und wenn schon?« Hedi warf die Arme in die Luft. »Nur noch drei Tage, dann darf ich überhaupt nichts mehr, nicht mal hinter dem Schreibtisch sitzen. Und wie wir längst wissen, alle bis auf diesen Neuzugang hier«, sie wies auf ihren Bauch, »eigne ich mich für das Mutterglück überhaupt nicht. Da kann es doch nicht schaden, mich etwas um diesen unglücklichen Mann zu kümmern, der nach seiner Tochter sucht.«

»Ich wusste es«, rief Thure aus und startete den Motor. »Aber wenn du heute Abend versuchst, die Akte Rose unter deinen Klamotten hinauszuschmuggeln, dann lass dir gesagt sein, schieb sie dir lieber hinten in den Pullover, da fällt es weniger auf.«

»Meinst du, es gibt auch eine Akte Viola Lohmann?«, fragte Hedi und sah ihn gespannt an. Als er keine Antwort gab, ergänzte sie: »Wie wäre es, wenn ich dich auf einen Kaffee einlade, und du erzählst mir alles, was du über diese Sache weißt?«

»Latte Macchiato«, knurrte Thure. »Und zwar ein großer. Darunter erfährst du gar nichts von mir.«

CLARISSA: JUNI 2015

»Den da sollten Sie nehmen, der ist wirklich gut«, sagte eine männliche Stimme dicht neben Clarissas Ohr. »Ich habe ihn schon mehrfach gesehen.«

Sie ließ von den DVDs auf dem Tisch mit den Sonderangeboten ab und musterte den Fremden misstrauisch. Er trug einen gutsitzenden Anzug, das cremefarbene Hemd zur farblich mutigen Krawatte war sorgfältig gebügelt, und in seinen hellgrünen Augen las sie nichts als Freundlichkeit. Doch nach unzähligen Dates, die alle damit geendet hatten, dass man sich gegenseitig ›Alles Gute‹ und ›Viel Glück fürs nächste Mal‹ wünschte, war Clarissa vorsichtig geworden. Die wirklich interessanten Männer sprachen einen nicht einfach so am Stand mit den Sonderangeboten an. Männer, wie sie sie suchte, waren alle längst verheiratet. Schon seit Jahren. Und sie hatten keinen Blick übrig für eine Übriggebliebene von Mitte dreißig, wie sie eine war. Trotzdem durfte man ja schließlich nicht so einfach aufgeben, und daher bekam er eine Chance.

Clarissa zog die besagte DVD zwischen den anderen wieder heraus und hielt sie in die Höhe. »Sie haben diesen Film schon mehrfach gesehen?«

»Meine Lieblingsszene ist die, wo sie singend in der Badewanne liegt. Natürlich ist das Lied in der Version von Prince um Längen besser, aber über ihn kann ich dafür nicht so herzhaft lachen.«

Clarissa zog überrascht die Brauen hoch. »Im Ernst? Sie kennen Pretty Woman? Das ist eine Liebesschnulze in schönster Hollywood-Manier. Wer hat Sie gezwungen, sich den anzuschauen?«

»Meine Schwester.« Sein Grinsen geriet leicht ins Wackeln. »Während ihrer letzten Monate haben wir viel zusammen auf dem Sofa gesessen und ihre Lieblingsfilme geschaut. Diesen hier mochte ich. Er ist viel witziger als Magnolien aus Stahl, und er hat ein Happy End.«

Clarissa verzog das Gesicht. »Tut mir leid. Allem Anschein nach bin ich gerade mal wieder zielsicher ins Fettnäpfchen getreten.«

»Aber nein, alles gut. Sie haben gefragt, ich habe geantwortet. Viel Spaß mit dem Film.« Er lächelte noch einmal und ging davon.

Einige Sekunden lang stand Clarissa noch unschlüssig da, die DVD in der Hand, dann flitzte sie zur Kasse, bezahlte den Kultfilm und rannte auf die Straße hinaus. Hektisch blickte sie nach rechts und links und fürchtete schon, ihre Chance vertan zu haben, da sah sie ihn vor dem Fenster des Schmuckladens stehen. Jetzt überlegte sie nicht mehr, rannte auf ihn zu und hielt ihm etwas atemlos die DVD unter die Nase.

»Solche Filme«, japste sie, »sollte man niemals alleine sehen müssen. Haben Sie heute Abend schon was vor?«

Einen Moment lang fürchtete sie, er könnte antworten, dass er natürlich die Zeit mit seiner Gattin und seinen sieben Kindern verbringen würde, doch das sagte er nicht.

Stattdessen lächelte er sehr viel glücklicher als zuvor und bot ihr seinen Arm an. »Haben Sie denn schon etwas gegessen? Wie wäre es, wenn wir den Abend ganz stilvoll mit einer warmen Mahlzeit und einem Glas Wein beginnen würden?«

Clarissa brachte ein Nicken zustande und spürte, wie ihre Knie weich wurden. Sah er so aus, der Moment, an dem man alle Dating-Apps vom Handy verbannte? Gab es ihn tatsächlich, den glücklichen Zufall, bei dem zwei Menschen, die zusammenpassten, und sei es auch nur so ungefähr, übereinander stolperten? Sie wollte es gern glauben.

An seinem Arm ließ sie sich in ein teures und trotz der vielen Touristen in der Stadt gar nicht so überlaufenes Restaurant führen, lachte über seine wirklich guten Witze und hatte, nachdem er die Rechnung beglichen hatte, keinerlei Angst mehr davor, einen ihr im Grunde fremden Mann mit in ihre Wohnung zu nehmen. Sie würde die DVD einlegen und den Dingen ihren Lauf lassen. Manchmal musste man dem Glück eben vertrauen.

HELP FINDING VIOLA - MEIN WOHL WICHTIGSTER BLOG

Januar 2017

An alle, die hierhergefunden haben, ganz egal, ob ihr mich kennt oder meine Schwester Viola oder selbst auf der Suche nach einem geliebten Menschen seid: Herzlich willkommen. Mein Name ist Pepita, und ich blogge schon seit Jahren. Eigentlich über Bücher, denn das Kaufen von Lesestoff ist mein größtes Hobby. Nicht unbedingt das Lesen, das steht auf einem ganz anderen Blatt, aber ich arbeite daran, meinen Stapel ungelesener Schätzchen nicht allzu groß werden zu lassen. Doch hier soll es um etwas oder vielmehr jemand anderes gehen: um meine große Schwester, Viola Lohmann, die seit einigen Monaten schmerzlich vermisst wird.

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass mir ihr Fehlen zuerst gar nicht aufgefallen ist. Ich meine, wir sind beide erwachsen, leben unsere eigenen Leben, da telefoniert man ja nicht ständig miteinander. Oder doch? Ich wünschte, ich hätte es getan. Dann wäre ich jetzt nicht so ratlos.

Leider ist die Polizei überhaupt keine Hilfe. Dort will man nicht einmal einsehen, dass Viola etwas zugestoßen sein muss. Muss, nicht kann. Ich aber kenne meine Schwester besser und weiß genau, dass sie niemals einfach so abgehauen wäre, egal was für Probleme sie auch gehabt haben soll.

Oder irre ich mich? Viola, wenn du das hier liest, dann melde dich bitte bei deiner Familie. Wir vermissen dich. Wenn du dort vor deinem Bildschirm Viola Lohmann gesehen hast, dann hinterlass bitte eine Nachricht, damit wir dich kontaktieren können. Tja, und wenn auch du nur jemand von den armen Verlassenen bist, dann fühl dich gedrückt. Und gib die Hoffnung nicht auf, denn ich tue es auch nicht. Hier könnt ihr lesen, wie ich versuche, meine Schwester wiederzufinden. Haltet mir die Daumen, dass es gut ausgeht.

Mit besten Grüßen

Eure Pepita

Kommentare aus der Community:

TanteTrude:

Oh, Kleines, ich bin ja so froh, dass endlich jemand den Arsch in der Hose hat, die Dinge in die Hand zu nehmen. Wenn du Hilfe brauchst, dann lass es mich wissen.

Amigo72:

Hey, ich kenne zwar deine Schwester nicht, habe aber ein ganz ähnliches Problem mit meiner Mutter, die meinem Vater davongelaufen ist, als ich vier war. Ist es nicht erstaunlich, wie groß die angeblich so kleine Welt ist, wenn man darin nach jemandem sucht?

Holzkopf15:

Peppi, das bringt doch nichts. Schau endlich nach vorn, dafür brauchst du Viola gar nicht. Das Leben geht eben weiter, auch ohne sie.

2

Hedi und Thure saßen entspannt im Schatten der Bäume, beobachteten das Treiben vor der Sankt-Nicolai-Kirche und genossen ihre Pause. Jetzt, da die lange Zeit des Abstandhaltens endlich zu Ende gegangen war, kehrten die Touristen zurück und belebten die Küstenstadt Eckernförde. Der Sommer hatte noch gar nicht richtig begonnen, die Ostsee war noch viel zu kalt, um ein Bad darin genießen zu können, aber das konnte die Urlauber nicht abhalten. Thure nippte an seinem Becher und ließ sich von Hedi die Würmer aus der Nase ziehen.

»Und ihr habt die Vermisstenmeldung des Mannes einfach so abgetan? Mal wieder? Versteh mich nicht falsch, aber ich finde schon, dass sich über die letzten Jahre da ein Muster entwickelt hat. Ich weiß natürlich, dass die meisten Vermissten statistisch gesehen binnen kürzester Zeit wieder auftauchen. Und es gibt auch jene, die mit voller Absicht die Mücke machen und nicht gefunden werden wollen, nur …«

»Nur bei Clarissa Rose sah es eben genau nach Letzterem aus, weswegen man den Fall lange nicht ernst nahm«, meinte Thure. »Und später war es zu spät, die Spur schon längst kalt geworden und die ins Leben gerufene Sonderkommission musste bald aufgeben. Seitdem liegt der Fall auf Eis. So habe ich das zumindest in Erinnerung.«

»Wieso ging man davon aus, sie sei freiwillig abgetaucht?«, wollte Hedi wissen und ignorierte das stärker werdende Ziehen in ihrer Leistengegend.

Thure stieß einen Seufzer aus. »Was weiß denn ich? Ich war nicht in den Fall involviert. Außerdem liegt das schon ein paar Jahre zurück.« Er betrachtete sie aufmerksam. »Sag mal, hast du gerade das Gesicht verzogen?«

»Nö, wieso?« Als der nächste ungewohnte Schmerz kam, biss sie sich auf die Lippen und versuchte, ein unbeteiligtes Gesicht zu machen. Vergeblich.

»Tut dir was weh?«, fragte Thure alarmiert. »Du hast doch nicht etwa Wehen, oder? Bitte lass das, ich will nicht den Geburtshelfer geben müssen.«

»Reg dich nicht auf, das ist völlig normal in den letzten Wochen vor dem Termin. Der Körper übt bloß.«

Thure stürzte seinen Kaffee hinunter. »Ich bring dich nach Hause. Oder noch besser direkt nach Schleswig ins nächste Krankenhaus. In jedem Fall ist für dich jetzt Feierabend.«

»Du übertreibst mal wieder maßlos«, meinte Hedi, trank ebenfalls auf und erhob sich. Das blöde Ziepen wollte einfach nicht aufhören. »Gut, du darfst mich nach Hause bringen, aber nur, weil Riko ohnehin bald aus dem Kindergarten kommt. Und auch nur unter der Bedingung, dass du mir die Akte dieser Clarissa Rose heute noch besorgst.«

»Du sollst dich aufs Mutterwerden vorbereiten und nicht Detektiv spielen«, erinnerte er sie und beobachtete mit besorgter Miene, wie sie schwerfällig zurück zum Streifenwagen watschelte.

»Halt mir keine Vorträge. Das ist nicht mein erstes Kind, es wird schon klappen. Und wenn du schon dabei bist, vergiss nicht, auch nachzusehen, ob eine Akte über Viola Lohmann existiert. Ich habe das Gefühl, dieses Tischchen mit seinem rätselhaften Inhalt wird mir den Mutterschutz auf angenehme Weise verkürzen.«

Eine halbe Stunde später betrat Hedi ihre kleine Wohnung am Domstag, wies Thure an, ihren Kauf einfach im Flur abzustellen, und genoss, nachdem sie ihn verabschiedet hatte, die Ruhe, die sie umfing. Ihre beiden Männer waren noch nicht zuhause, sie hatte alle Zeit der Welt, und das war ein gutes Gefühl mit Seltenheitswert. Nicht mehr lange und sie würde sich kaum noch daran erinnern können, wie es war, einen Moment ganz für sich allein zu haben.

Das schmerzhafte Ziehen im Unterleib hatte mittlerweile wieder nachgelassen, und sie verspürte großen Hunger. Im Kühlschrank fand Hedi noch einen Rest kalte Pizza vom Vorabend, den sie spontan für sich beanspruchte und ins Wohnzimmer trug, wobei sie den Parcours aus dicken Legosteinen gekonnt bewältigte.

Eine Weile schaute sie kauend aus dem Fenster und sah auf die Straße hinunter. Gestern Abend hatte Lars zum ersten Mal von Umzug gesprochen. Für vier Personen, da war er mit Thure einer Meinung, war die Wohnung im Hochparterre einfach viel zu beengt.

Hedi sah das anders. In der ersten Zeit würde der kleine Neuzugang in einer Wiege im Elternzimmer nächtigen, und später konnten sie ein Etagenbett für die Kinder kaufen. Damit ließ sich die Entscheidung zu einem Umzug noch um Jahre vertagen, und Hedi wollte nicht gehen.

Sie liebte die Aussicht auf den Domstag, die bescheidenen Mehrfamilienhäuser und die alte Birke nahe dem Hauseingang, an der sie jeden Tag vorbeikam. Sie war den Geruch von Bohnerwachs im Treppenhaus gewohnt und konnte sich gar nicht vorstellen, eines Abends nicht mehr durch die Wohnungstür mit dem altmodischen Spion hereinzukommen, ihre Schuhe in die Ecke zu kicken und zum Kühlschrank zu gehen.

Hedi stopfte sich den Rest der Pizza in den Mund, wandte sich vom Fenster ab und blickte zum Sofa. Dort befand sich, halb von einem Kissen verdeckt, der Laptop, und ehe sie sich versah, lag sie bereits lang ausgestreckt auf den Polstern, balancierte den Rechner auf ihrem Kugelbauch und tippte den Namen Viola Lohmann in die Suchmaschine ein.

Diese reagierte fast verächtlich mit einem einzigen Eintrag, der auf eine Plattform der sozialen Medien verwies und sie zum Blog einer gewissen Pepita führte. Aufmerksam las Hedi den ersten, angepinnten Post und hob verwundert die Brauen.

Doch noch bevor sie weiter runterscrollen konnte, klingelte es an der Haustür.

Seufzend erhob sie sich, warf einen Blick auf die Uhr und wusste schon, wer da draußen auf ihrer Fußmatte stand, bevor sie die Tür geöffnet hatte.

»Alles Gute zum Matschtag«, rief ihre Freundin Berit mit gespielter Verzweiflung und schob ihr ein schlammverkrustetes Monster zu, das nur schwerlich als kleiner Junge zu erkennen war. »Meine Tochter sieht übrigens genauso aus.« Sie deutete auf eine vom Scheitel bis zur Sohle verschmierte Gestalt, deren hellrote Haare anscheinend eine Kurpackung bekommen hatten. »Ist es dir recht, wenn wir sie in deine Badewanne setzen? Nur um zu überprüfen, ob die Kindergärtnerinnen mir auch wirklich die beiden Richtigen mitgegeben haben.«

»Ich bin mir nicht sicher, ob man sie nicht einfach auf den Hof stellen und den Hochdruckreiniger aus dem Keller holen sollte«, meinte Hedi. Doch als sie das begeisterte Leuchten in den Augen der beiden Matschmonster sah, korrigierte sie sich rasch. »Die Wanne wird es wohl auch tun. Kommt rein und tretet nicht aufs Lego.«