Dominik Mikulaschek (geb. 1983 in Linz) schreibt Kinderbücher, bei denen man noch „nur ein Kapitel“ liest – und plötzlich ist es doch später. Er liebt Rätsel, die man wirklich lösen kann, Regeln, die man höflich ignoriert (wenn es sein muss) und Geschichten, in denen Freundschaft stärker ist als jedes Klemmbrett. Seine Abenteuer sind spannend, aber nie zu gruselig: Es geht ums Entdecken, ums Zusammenhalten – und um dieses kribbelige Gefühl, wenn man merkt: Hier stimmt was nicht … und wir sind die Ersten, die es merken.
Dominik Mikulaschek
Die Strafarbeit-Verschwörung
Kinderroman ab 8 | Schule & Detektivspaß
tredition GmbH
© 2026 Dominik Mikulaschek
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH, Heinz–Beusen–Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
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Kapitel 1 – Milo bekommt eine Strafarbeit (ohne Grund)
Der Montagmorgen in der Regelberg-Grundschule roch wie immer nach einer Mischung aus frisch gewischtem Linoleum, angespanntem Schweigen und der leisen Angst vor ungespitzten Bleistiften. Milo Mertens saß so gerade auf seinem Stuhl, dass sein Rücken wahrscheinlich ein amtlich geprüftes Lineal hätte ersetzen können, während er versuchte, nicht einmal mit den Wimpern zu zucken. Über der Tafel thronte das neueste Schild des Amtes für Ruhe und Regelwesen, auf dem in dicken, humorlosen Buchstaben zu lesen war: „Strafarbeit ist Charakter“. Milo fand, dass er eigentlich schon genug Charakter für drei Kinder und mindestens einen mittelgroßen Goldfisch hatte, aber in dieser Schule konnte man sich nie sicher sein, ob das Amt nicht noch mehr verlangte. Er atmete ganz vorsichtig ein und aus, um den neuen Schuld-Scanner nicht zu provozieren, der wie ein einäugiges Metallinsekt neben der Klassentür thronte und bei jeder kleinsten Störung verdächtig rot glühte. Plötzlich schwang die Tür auf und Inspektor Ordnung marschierte herein, seine Aktentasche glänzte so extrem, dass man sich darin hätte kämmen können, wenn das Kämmen während der offiziellen Unterrichtszeit nicht laut Paragraph 12 als „unnötige Eitelkeit“ streng verboten gewesen wäre. Er hielt sein Klemmbrett fest umschlossen, als wäre es der heilige Gral der Bürokratie, und sein Blick scannte die Sitzreihen mit der Präzision eines Lasers nach dem kleinsten Anzeichen von unzulässiger Fröhlichkeit. Frau Krambeutel, die eigentlich eine sehr nette Lehrerin war und heimlich die besten Schokostückchen im Lehrerzimmer hortete, wirkte heute erschreckend blass um die Nase und nestelte nervös an ihrem Dutt, der heute besonders fest gezurrt war. „Guten Morgen, Ordnungseinheiten“, dröhnte der Inspektor, während er ein kleines Gerät in der Hand hielt, das wie eine Kreuzung aus einem Stempelautomaten und einer mittelalterlichen Apparatur aussah. Milo hielt die Luft an, denn er wusste aus Erfahrung, dass schlechte Nachrichten für alle, die kleiner als eins-fünfzig waren, meistens mit dem Erscheinen des Inspektors begannen. Der Inspektor trat mit schweren Schritten direkt vor Milos Tisch, blieb wie angewurzelt stehen und starrte auf Milos Heft, das so leer und sauber war, dass es fast im Sonnenlicht blendete. „Mertens, Milo“, sagte er mit einer Stimme, die klang wie trockenes Pergament, das man über eine Reibe zieht, „Sie wirken heute verdächtig unbeschäftigt, fast schon subversiv entspannt.“ Milo wollte gerade antworten, dass er lediglich auf die Anweisungen von Frau Krambeutel wartete, aber bevor er auch nur einen Ton herausbringen konnte, machte es KLACK-PENG. Ein kleiner, neongelber Zettel segelte wie eine bösartige kleine Sternschnuppe auf seinen Tisch, und in der Mitte prangte ein fetter, violetter Stempel mit der Aufschrift: „Abteilung Strafe & Stempel“. Milo starrte das Papier fassungslos an, auf dem in gestochen scharfer Schrift stand: „Strafarbeit Nummer 1: Schreibe 100-mal: Ich werde meine wertvolle Bildungszeit nicht durch nutzloses Warten verschwenden.“ Milo blinzelte einmal, zweimal und schaute dann vorsichtig hoch zum Inspektor, der bereits zwei Schritte weitergezogen war, als hätte er gerade eine Urkunde für besondere Verdienste verliehen. „Aber ich habe doch gar nichts getan!“, rief Milo entsetzt aus, und in diesem Moment passierte genau das, was er am meisten gefürchtet hatte. Der Schuld-Scanner an der Tür gab ein markerschütterndes PIEP-PIEP-MÖÖÖP von sich, das klang, als hätte man einer blechernen Ente ohne Vorwarnung auf den Schwanz getreten. „Warnung!“, blecherte die Maschine mit einer Stimme, die Milo Kopfschmerzen bereitete, „Widerrede erkannt. Ausreden-Modus aktiviert. Warum-Fragen führen zu sofortigem Charakter-Verlust gemäß Regelblatt 4.“ Inspektor Ordnung drehte sich auf seinem Absatz um, und seine Augen funkelten hinter den dicken Brillengläsern wie zwei frisch polierte Paragrafen in der Mittagssonne. „Mertens, das ist eine absolut unzulässige Infragestellung einer amtlich beglaubigten Maßnahme“, stellte er kühl fest und machte eine blitzschnelle Notiz auf seinem Klemmbrett. Milo spürte, wie seine Ohren so heiß wurden, dass man darauf wahrscheinlich kleine Spiegeleier hätte braten können, denn Ungerechtigkeit fühlte sich in seinem Bauch immer an wie ein kalter, schwerer Stein. „Aber es gibt absolut keinen Grund für diese Strafe!“, versuchte er es noch einmal, diesmal eine Oktaven leiser, um den Scanner nicht wieder in den Wahnsinn zu treiben. Fina, die wie immer perfekt vorbereitet neben ihm saß, zog bereits ihre Spezial-Lupe aus dem Federmäppchen und beugte sich mit detektivischem Eifer über Milos gelben Zettel. „Höchst interessant“, murmelte sie so leise, dass nur Milo es hören konnte, während sie das Papier fast mit ihrer Nase berührte, „der Stempelabdruck ist an der linken unteren Ecke um exakt 0,2 Millimeter verschoben und die Tinte weist eine ungewöhnliche Pigmentierung auf.“ In diesem Moment schlurfte Turbo in das Klassenzimmer, er war mal wieder fünf Minuten zu spät, was normalerweise zu einem sofortigen Eintrag in das dicke Klassenbuch der Schande geführt hätte. Turbo sah den gelben Zettel auf Milos Tisch und seine Augen leuchteten plötzlich auf, als hätte er gerade eine seltene Goldkarte in einem geheimen Sammelspiel entdeckt. „Boah Milo, hast du etwa schon die brandneue 33er-Serie?“, flüsterte Turbo begeistert und ließ seinen vollgestopften Ranzen mit einem dumpfen Knall auf den Boden fallen. „Die fehlt mir noch komplett in meiner Sammlung, ich habe bisher nur dreimal ‚Kippeln am Dienstag‘ und einmal ‚Zu lautes Kauen von Luft‘ als Glitzer-Sticker.“ „Das ist keine Sammelkarte für dein Album, Turbo, das ist eine Strafarbeit für absolut gar nichts, was ich getan habe!“, zischte Milo wütend zurück, während der Inspektor nun bedrohlich vor Lenis Tisch stehen blieb. Frau Krambeutel räusperte sich mutig und trat einen vorsichtigen Schritt vor, wobei sie fast über die Riemen ihrer eigenen Tasche stolperte, die heute besonders schwer wirkte. „Herr Inspektor, ist das wirklich im Sinne der pädagogischen Freiheit?“, fragte sie mit belegter Stimme, „Milo ist doch eigentlich ein vorbildlicher Schüler, der noch nie ein Gesetz der Schule gebrochen hat.“ Der Inspektor zog seine Augenbrauen so hoch, dass sie fast in seinem grauen Haaransatz verschwanden und einen Ausdruck vollkommener Unverständnis bildeten. „Vorsorge ist das Fundament der Nachsicht, Frau Krambeutel, wir implementieren hier gerade auf höchster Ebene das PROJEKT PAPIER-SCHULD“, erklärte er mit einem Stolz, der Milo schaudern ließ. „Die Strafarbeit-Quote für diese Kalenderwoche muss zwingend erfüllt werden, um das Fundament der kindlichen Disziplin dauerhaft zu festigen.“ Milo traute seinen Ohren nicht, denn eine Quote für Strafarbeiten bedeutete im Umkehrschluss, dass es völlig egal war, ob man sich an die Regeln hielt oder nicht. Er schaute auf den gelben Zettel und das Wort „Verschwörung“ formte sich in seinem Kopf wie ein dunkles, grollendes Gewitterwölkchen am Horizont. „Papier lügt oft, wenn Menschen es mit Absicht so wollen“, raunte Fina und strich sich eine widerspenstige Strähne aus der Stirn, während sie das Papier nun kritisch gegen das einfallende Sonnenlicht hielt. Milo wusste, dass Fina fast immer recht hatte, wenn es um Akten, Beweise und seltsame Zeitmuster ging, aber das hier fühlte sich bereits jetzt viel größer an als ein einfacher technischer Fehler. Inspektor Ordnung verteilte nun auch an Leni und Paul gelbe Zettel, wobei er jedes Mal so zufrieden wirkte, als würde er wertvolle Geschenke an einem Feiertag verteilen. Turbo kramte hastig in seinem Ranzen und holte ein zerknittertes Formular U-UPS hervor, das er eigentlich schon vor einer Woche hätte unterschrieben abgeben müssen. „Ich glaube, ich brauche auch unbedingt eine Quote“, murmelte Turbo nachdenklich, „wenn ich noch drei von diesen Dingern sammle, kann ich sie vielleicht gegen einen extra großen Schokoriegel am Kiosk im Pausenhof tauschen.“ „Turbo, das ist bitterer Ernst, wir werden hier für Dinge bestraft, die wir niemals begangen haben!“, versuchte Milo verzweifelt seinem Freund den Ernst der Lage zu erklären. Der Schuld-Scanner piepte erneut, diesmal nur kurz und trocken, als wollte er Milo höflich daran erinnern, dass logisches Denken heute absolut nicht auf dem amtlichen Lehrplan stand. Milo sah sehnsüchtig aus dem Fenster und entdeckte Hausmeister Kratz, der gerade einen riesigen, schwankenden Stapel leeres Papier auf einem Rollwagen über den Schulhof schob. Kratz hielt kurz inne, schaute mit zusammengekniffenen Augen hoch zum Klassenzimmer und tippte sich kurz an die Stirn, als wollte er Milo ein geheimes Zeichen geben, das nur Eingeweihte verstehen konnten. Milo spürte instinktiv, dass dieser Montag noch viel schlimmer werden würde als befürchtet, denn wenn das Amt anfing, Gerechtigkeit gegen Papierquoten zu tauschen, war niemand mehr sicher. Er nahm seinen Bleistift fest in die Hand, aber er dachte nicht im Entferntesten daran, die 100 Sätze einfach so ohne Widerstand zu schreiben. Er würde beweisen, dass dieser Zettel ein systematischer Fehler oder sogar eine absichtliche Falle war, koste es, was es wolle. Inspektor Ordnung verließ den Raum schließlich mit einem triumphierenden Lächeln und hinterließ eine Klasse, in der es plötzlich verdächtig nach Angst, Misstrauen und frisch bedrucktem, gelbem Papier roch. Frau Krambeutel schaute Milo mitleidig und ein wenig entschuldigend an, aber sie sagte kein Wort, da der Schuld-Scanner nun jede ihrer kleinsten Bewegungen mit seiner roten Linse aufzeichnete. Milo blickte zu Fina, die bereits eine erste Liste mit potenziellen Verdächtigen in ihr Detektiv-Notizbuch eintrug, das sie unter ihrem Matheheft versteckt hielt. Turbo hingegen versuchte gerade mit mäßigem Erfolg, seinen gelben Zettel mit einem glitzernden Sticker von einem lachenden Faultier zu verschönern, um den Sammlerwert zu steigern. Milo wusste, dass sie drei zusammenarbeiten mussten wie ein eingespieltes Team, um das Rätsel hinter dem mysteriösen PROJEKT PAPIER-SCHULD ein für alle Mal zu lösen. Aber als er den Zettel noch einmal ganz vorsichtig umdrehte, entdeckte er am untersten Rand etwas, das ihm fast den Atem raubte und sein Herz schneller klopfen ließ. Da stand in winzigen, fast unsichtbaren Buchstaben geschrieben: „Dies ist erst der Anfang Ihrer notwendigen Charakter-Bildung, Mertens.“ Milo schluckte hart und wusste in diesem Augenblick, dass die Verschwörung bereits viel tiefere Wurzeln geschlagen hatte, als er sich in seinen schlimmsten Albtraum-Szenarien hätte vorstellen können, und dass der Kampf um die Gerechtigkeit in der Regelberg-Grundschule gerade erst in die erste Runde gegangen war.
Kapitel 2 – Turbo sammelt Strafarbeiten wie Sticker