Die Stunde des Spielmanns - Elsa Schöner - E-Book

Die Stunde des Spielmanns E-Book

Elsa Schöner

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Beschreibung

Liebe, Verrat und Intrige im mittelalterlichen Worms Eine einzige nächtliche Stunde wirft drei Menschen aus ihrer vorbestimmten Bahn und bringt sorgfältig verborgene Geheimnisse wieder ans Licht. Sie macht den behüteten Kaufmannssohn zum Landstreicher, den frommen Mönch zum Zweifler und das verträumte Mädchen zu einer kühl rechnenden Geschäftsfrau. In einem Augenblick der Entscheidung treffen die drei wieder aufeinander – einer Entscheidung auf Leben und Tod.

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Seitenzahl: 646

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Elsa Schöner

Über Elsa Schöner

Über dieses Buch

Liebe, Verrat und Intrige im mittelalterlichen Worms

 

Inhaltsübersicht

für meinen VaterProlog1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. Kapitel24. KapitelEpilog

für meinen Vater

aufbrechen, immer wieder

PROLOGWorms, Januar 1349

Unablässig bewegte der kleine Mann die Lippen, während er mühsam einen Fuß vor den anderen setzte: «Sh’ma Israel …» Das Gebet des einen Gottes, der ihm heilig gewesen war sein Leben lang und den er heute verraten hatte aus väterlicher Selbstsucht: Höre, Israel, der Herr, dein Gott, ist Einer!

Salomon ha-Levi erzitterte vor dem Ungeheuerlichen, das er eben getan hatte. Das Blut rauschte in seinen Ohren, rauschte so laut, dass er die Menschenmenge vor sich erst wahrnahm, als sie ihm den Weg versperrte. Sie hatte sich um einen verwahrlosten Fremden geschart, einen Mann mit wirrem strähnigem Haar und fanatischem Blick, der sich jetzt das schwarze Obergewand herunterriss und eine Geißel auf seinen nackten Rücken klatschen ließ. Sein ganzer Brustkorb war mit Wunden übersät.

Salomon stöhnte auf und zog sich die Kapuze tiefer ins Gesicht. Er hatte sie schon zu oft gesehen in den letzten Tagen und Wochen: Wie eine Heuschreckenplage waren die Flagellanten über das Land hereingebrochen, ein düsterer Schwarm, der schon längst nicht mehr nur aus ernsthaften Büßern bestand, sondern den ganzen Abschaum der Straßen angelockt hatte, eine wilde, wüste Meute voller Hass und Gewalt.

Aber es war zu spät, auszuweichen. Der Mann ließ die Geißel sinken und hob die Stimme: «… ich aber habe gesehen, wie sich der Himmel öffnete. Ich habe gesehen, wie es am ersten Tag Asche, am zweiten Tag jedoch Blut regnete! Am dritten Tage dann regnete es Kröten vom Himmel, schwarze Kröten, so groß wie Hasen …» Er fletschte die Zähne und reckte die dürren Arme zum Himmel, während die Zuhörer in namenlosem Entsetzen zurückwichen. Ja, Gott hatte sich von ihnen abgewandt. Er hatte den Schwarzen Tod geschickt, der sich mit jedem Tag, jeder Stunde weiterfraß durch das wehrlose Land, unersättlich, unerbittlich. Gott hatte seine Kinder verlassen. Sein Strafgericht war nahe, und die Botschaft gellte unüberhörbar, unerbittlich durch die Gassen und über die Plätze: Tut Buße, ihr Sünder, ihr Frevler, ihr Erbärmlichen! Werft euch in den Staub, zerreißt eure Kleider, streut Asche auf eure Häupter! Weh euch und euren Kindern, wärt ihr doch nie geboren!

«… und dann kamen die Juden aus ihren Häusern gelaufen und packten diese Boten der Hölle! Hoben sie an den Mund und küssten sie! Nahmen sie und warfen sie in die Flüsse, die Seen, in die Brunnen der Städte und Häuser! Und alle, die von dem Wasser tranken, waren vergiftet und mussten des Schwarzen Todes sterben, innerhalb dreier Tage! Und viele, die starben, hatten keinen Priester und keinen Ordensmann mehr gesehen! Viele mussten sterben im Stande der Sünde und zur Hölle fahren!» Jetzt schrie der Mann wie ein Tier. «Auch sie sollen sterben, diese Ausgeburten des Teufels, die schuld sind an allem Elend! Tod den Juden! Tod den Juden!» Er sank zu Boden. Grauen hatte die Menschen gepackt; sie flüchteten in ihre Kirchen, retteten sich in ihre Häuser. Noch hatten sie den Ruf nicht aufgegriffen, noch waren sie gelähmt vor Angst, aber Salomon hatte die Schrift an der Wand erkannt.

Als Einziger blieb er zurück. Ihn schauderte; die Haare in seinem Nacken hatten sich aufgestellt, und gegen seinen Willen – wie unter einem geheimen Zwang – näherte er sich dem halbnackten Menschen, der in einer Pfütze geschmolzenen Schnees kniete und sich die Arme aufkratzte, bis das Blut floss. Der Mann sah auf. Plötzliches Erkennen durchzuckte sein Gesicht, und es verzerrte sich zu einem gespenstischen Lächeln.

«Du wirst nicht entkommen, Jud», flüsterte er und streckte die Hand aus. «Der Teufel wird dich holen, noch bevor diese Woche zu Ende ist.» Für einen Augenblick erschien es Salomon, als greife die schmutzige Hand geradewegs in seine Brust, um ihm das sündige Herz herauszureißen. Doch dann richtete er sich auf und sah dem Mann ins Gesicht. Ja, er hatte gegen den Ewigen gesündigt, hatte eine schwere Schuld auf sich geladen. Aber es würde nicht vergeblich sein.

«Ich sterbe, wenn es der Ewige will, aber mein Kind wird leben. Bringt mich um, erschlagt uns alle, aber mein Kind wird leben! Esther wird leben, hörst du?» Er drehte sich um und lief nach Hause, durch die Gassen, die er so gut kannte, und der Wind fegte kalt um seine Beine.

1

Thyriak, Thyriaken, für Spinn und für Schnaken, Dill, Petersill, Wurmsamen in Gottes Namen! Heran, heran, wer da hat einen bösen Zahn! Hier ist der Mann, der ihn ohn Schmerzen langen kann!» Vom Fischmarkt trug der Wind den Singsang eines fahrenden Quacksalbers zu Thomas Mercator herüber, und er blieb stehen. Vielleicht sollte er den Landfahrer ja fragen, ob er irgendein Betäubungsmittel zur Hand hatte, irgendetwas, das ihm helfen würde, die nächsten Stunden zu überstehen. Selten war es ihm so schwer gewesen wie an diesem Spätsommertag des Jahres 1370, sich dem Willen seines Vaters zu fügen. Er hatte noch die ungeduldige Stimme des alten Mercator im Ohr, als der ihn gestern zu sich in sein Kontor gerufen hatte.

«Hinrich Ansbacher, mit dem ich seit langem gute Geschäfte mache, hat mir ein großzügiges Angebot unterbreitet: Du kannst mit seinem Sohn an dem Unterricht eines Benediktinermönchs in seinem Hause teilnehmen. Von morgen an wirst du dich dreimal die Woche bei ihnen einfinden.» Es gab nur wenige Leute, die Thomas so von ganzem Herzen verabscheute wie den jungen Karl Ansbacher. Die Aussicht, jede Woche drei Vormittage Karls Gesellschaft zu opfern, war niederschmetternd. Wütend trat Thomas ein Steinchen zur Seite. Dann schon lieber im Kontor über langweiligen Abrechnungen sitzen und Zahlenkolonnen addieren. Aber Johann Mercator war nicht geneigt gewesen, seinem Sohn gegenüber auch nur einen Zoll nachzugeben. Er schien Nachgiebigkeit für eine Todsünde zu halten, fast so schlimm wie Ungehorsam.

Missmutig setzte Thomas sich wieder in Bewegung und bog in eines der düsteren kleinen Seitengässchen ab. Wozu sich beeilen, der Vormittag würde noch lange genug dauern! In der vertieften Rinne in der Straßenmitte schwamm ein ekliges Zeug, wahrscheinlich die Überreste vom Schlachtgeflügel der Vorwoche; Mistfliegen stritten um schleimiges Gedärm und halbverweste Hühnerköpfe. Thomas sprang kühn darüber hinweg, doch der Schlamm spritzte an seine Hosen, und seine Schuhe klebten von Dreck. Wunderbar – keiner sollte glauben, er hätte sich extra sorgfältig angezogen für diesen Besuch. Thomas bemühte sich gerade, einen weiten Bogen um eine Abtrittgrube zu machen, aus der ihm eine Wolke grässlichen Gestanks entgegenschlug, als die große Glocke am Turm zur Vormittagsmesse schlug. Himmel, schon so spät! Hoffentlich würden die nächsten Stunden auch so schnell vergehen. Wenn er jetzt noch länger trödelte, würde er den Ansbacher womöglich beleidigen, und dann gäbe es Ärger, dessen war er sich gewiss. Seufzend wandte er sich in Richtung der Kirche Sankt Paul und stand kurz danach vor dem Ansbacher’schen Anwesen.

Das Gebäude erstreckte sich über drei Stockwerke und zeigte zur Straße hin eine reich gegliederte und verzierte Fassade. Teure Ziegel deckten das Dach, geschnitzte und bemalte Läden schützten die verglasten Fenster. Durch eine Luke über dem Boden verschwand eine fette Ratte – hier ging es zu unterirdisch gelegenen Lagerräumen, wo sicher eine Menge zu holen war. Ein großer Torbogen, ausreichend, um einem Gespann Durchlass zu bieten, markierte den Eingang. Neben der Haustür war das Bild eines Stierkopfes eingemeißelt, ein Hinweis darauf, wie der alte Ansbacher zu seinem Vermögen gekommen war. Jahrelang hatte er nämlich mit beträchtlichem Gewinn und Risiko große Rinderherden aus den weiten Ostgebieten jenseits der Elbe angekauft und sie quer durch Europa zu den Märkten an Rhein und Schelde getrieben, und immer noch gab er gern seine Abenteuer aus dieser nun schon lange entschwundenen Zeit zum Besten. Selbst Thomas hatte bereits davon gehört.

«Protzig», murmelte er vor sich hin, als er den Türklopfer betätigte, aber er wusste genau, dass das nicht stimmte. Ansbacher war nicht protzig. Er war einfach reich und dazu selbstbewusst genug, diesen Reichtum auch zur Schau zu stellen.

Eine Hausmagd öffnete ihm.

«Du wirst schon erwartet, junger Herr. Nur herein.» Er nahm seine Kappe ab und trat in die geräumige Diele. Aus einem der angrenzenden Räume drangen laute Stimmen an sein Ohr; offenbar waren Karl und sein Hauslehrer in ein heftiges Streitgespräch verwickelt. Die Magd machte eine einladende Handbewegung, und Thomas trat ein.

An einem Stehpult am Fenster stand ein junger Mönch, vielleicht ein paar Jahre älter als Thomas selbst, mittelgroß und schlank, mit dickem schwarzem Haar, das dringend eine neue Tonsur benötigte. Auf seinem bartlosen Gesicht lag ein empörter Ausdruck, und seine Augen blickten angriffslustig zu seinem Gegenüber. Karl Ansbacher lehnte an einer Truhe, einen halbgeschälten Apfel in der Hand, und gestikulierte mit seinem Messer. In Gegenwart von Karl Ansbacher kam Thomas sich immer klein und mickrig vor. Alles an Karl war groß, angefangen bei seinem von sandfarbenem struppigem Haar bedeckten Kopf bis zu den stämmigen Beinen. Die Kleidung, die er an diesem Tag trug, ließ keinerlei Zweifel an seinem Körperbau aufkommen: Sein Rock endete bereits in Höhe des Gesäßes und ließ vorn den Blick auf ein eng anliegendes Wams zu. Die Beinlinge, die er trug und die oben an die kurzen Hosen angenestelt waren, spannten sich so straff um seine Schenkel, dass Thomas sich unwillkürlich fragte, wie Karl sie überhaupt anziehen konnte, ohne sie zu zerreißen. Die knappen Unterhosen waren im Schambereich prall gefüllt, und ausfahrende Bewegungen, so sie überhaupt möglich waren, ließen unerhörte Einblicke erwarten. Dazu waren die Gewänder nach der Mode des schamlosen Mi-Parti gefertigt, jedes Bein, jeder Ärmel in einer anderen Farbe und in einem anderen Muster. Die Füße steckten in Schuhen, die vorn in langgezogenen Schnäbeln endeten. Thomas seufzte, als er an seinem eigenen schlichten Gewand hinabsah. In Einklang mit Obrigkeit und Kirche hatte der alte Mercator allen Angehörigen seines Haushalts streng untersagt, ihr mühsam verdientes Geld für diese modischen Torheiten zu opfern. Wenigstens konnte nicht einmal all dieser Firlefanz die Spuren der zahlreichen Saufgelage und des lockeren Lebens in Karls Gesicht übertünchen, registrierte Thomas befriedigt.

Karl nahm von Thomas’ Anwesenheit keinerlei Notiz. «Du willst also allen Ernstes behaupten, dass sich der Kaiser dem Papst und seiner verdammten Kirche unterordnen muss?», fragte er gerade herausfordernd. «Diesem lächerlichen Franzosenknecht, der das Geld der Kirche zum Fenster hinauswirft? Du solltest hören, was sie sich in Avignon für Zoten von deinem geliebten Papst erzählen. Ich sag dir, dieser Kerl allein hat so viel gesündigt, dass es ausreicht, die ganze Kurie zur Hölle zu schicken!»

Ein leichte Röte überzog das Gesicht des Mönchs. Keinem Kleriker konnten die Schwächen der Kirche verborgen bleiben. «‹Du bist Petrus, der Fels, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen.›»

Trotz seiner offensichtlichen Verlegenheit klang die Stimme des Hauslehrers ruhig und sicher. Thomas schaute ihn überrascht an.

«So hat Christus selbst seine Macht in die Hände von Petrus gelegt, und der Papst ist sein Nachfolger», dozierte der Mönch. «Denn Gott hat nicht die Welt geschaffen, um sie dann sich selbst zu überlassen, wie einige heidnische Philosophen lehren und einige Ketzer glauben. Nein, Gott der Schöpfer wirkt fort in seinem Werk, vom Sündenfall Adams über die Erlösung durch Jesus Christus bis hin zum Jüngsten Gericht und zur Ewigkeit des Gottesreiches.» Der Benediktiner hatte sich in Fahrt geredet. «So wie er den Gang der Gestirne an der Himmelskuppel lenkt, so lenkt er auch das Schicksal noch des Geringsten der Menschen, und so vollzieht sich in der Geschichte der Welt die Heilsgeschichte Gottes. Und die Kirche als Statthalterin Gottes ist berufen, das Gottesreich, den Gottesstaat hier auf Erden, zu errichten und zu verteidigen, gegen die Ungläubigen, die Ketzer, die Heiden und wenn nötig auch gegen die Fürsten, die Kaiser und Könige der Welt. Denn die Kirche ist im Besitz der ewigen Wahrheit, ihr ist die Führung der Christenheit übertragen. Nur die Kirche vermag die Menschen zur ewigen Seligkeit zu führen, und darum sollen die Herrscher sich dem Papst unterordnen.»

«Vergiss das Atmen nicht», sagte Karl trocken. «Ich wette, du könntest so weiterpredigen bis nächste Woche, ohne zwischendurch pissen zu gehen. Was für ein Talent!» Er beugte sich vor und klimperte bedeutungsvoll mit ein paar Münzen in seiner Tasche. «Das ist die Musik, nach der in Avignon getanzt wird. Wenn du nur wolltest, mein kleiner Mönch, könnte ich dir viel erzählen von den Dienern deiner heiligen Kirche, erst recht von den Mönchen. In den Klöstern scheint es so lustig zuzugehen, dass ich mir schon überlegt habe, ob ich nicht selbst vielleicht eintreten sollte.» Er grinste und fasste sich anzüglich in den Schritt.

Der Mönch schluckte, aber er senkte nicht den Kopf. «Gewiss gibt es auch Sünder in der Kirche, selbst in den Klöstern. Aber es gibt dort auch tiefen, ehrlichen Glauben, Hingabe, wahre Gottesliebe …»

Karl lachte wieder. «Erzähl mir nichts. Ich kenne doch die Mönche.»

«Ich auch. Ich bin einer.» In diesem Augenblick bemerkte Karl den eingetretenen Gast und stand gemächlich auf, um ihn zu begrüßen.

«Na, sieh an, da scheint ja Verstärkung für dich zu kommen, frommer Bruder! Das ist Thomas Mercator, der Sohn eines Freundes von meinem Vater. Ein Schwärmer und Tagträumer, mit dem Kopf immer in den Wolken. Ihr zwei passt also bestens zusammen. Und das», übertrieben höflich wies er auf den Hauslehrer, «ist Bruder Anselmus, ein Prachtexemplar von einem Mönch! Ist in meiner Gegenwart immer nüchtern gewesen, hat noch keinen einzigen Fluch ausgestoßen und keinem Weiberrock hinterhergestarrt. Bravo! Wem, wenn nicht ihm, sollte es gelingen, meine unsterbliche Seele dem ewigen Höllenfeuer zu entreißen?» Thomas verbeugte sich linkisch. Der Mönch wiederum schien froh über die Unterbrechung zu sein und nickte Thomas zu.

«Der Herr sei mit dir. Willkommen. Ich freue mich, dass du uns Gesellschaft leisten willst. Und, was ist deine Meinung zu unserem Streit?»

Thomas räusperte sich unbehaglich. Kirche oder Kaiser, spielte das eine Rolle? Aber dann sah er Karls öliges Grinsen, sah, wie der Mundwinkel des Hauslehrers unbeherrschbar zu zucken anfing. «Gebt Gott, was Gottes, und dem Kaiser, was des Kaisers ist», sagte er.

Karl machte ein verdutztes Gesicht und brach dann in schallendes Gelächter aus. «Ein geborener Vermittler! Was werde ich noch zu ertragen haben, jetzt, wo ich zwei von euch in Schach halten muss!» Damit drehte er sich herum zu einem kleinen Tischchen, auf dem tatsächlich ein Schachspiel aufgebaut war. Selbst Thomas sah auf den ersten Blick, dass Weiß in den letzten Zügen lag.

«Aber so, wie es aussieht, sind meine Aussichten nicht schlecht. Du musst noch viel lernen, mein lieber Bruder Anselmus. Matt.» Und nachlässig ließ Karl den weißen König auf den Boden fallen.

 

Am Ende der Woche wurde Thomas in das Arbeitszimmer des alten Mercator bestellt, um ihm über seine Fortschritte Bericht zu erstatten. Johann Mercator war ganz offensichtlich in bester Stimmung: Er saß weit zurückgelehnt in seinem Armstuhl, hatte den Kragen geöffnet und sah seinem Zweitgeborenen wohlwollend entgegen. Thomas verbeugte sich und blieb abwartend vor ihm stehen; sein Vater liebte es nicht, wenn er eine allzu große Vertraulichkeit an den Tag legte, anstatt ihm den natürlichen Respekt zu zeigen, den er ihm schuldete. Diesmal aber war Mercator großzügig gestimmt.

«Da, hol dir einen Hocker, mein Sohn … musst nicht stehen wie ein Bauer.» Er griff nach einer Karaffe und schenkte sich einen kleinen Becher Wein ein, bevor er seinen Sohn eingehend musterte. Thomas straffte die Schultern und bemühte sich, größer zu wirken, als er in Wirklichkeit war, und einen entschlossenen Gesichtsausdruck aufzusetzen. Er hasste es, wenn sein Vater ihn so ansah. Vor einigen Wochen siebzehn Jahre alt geworden, war er nur mittelgroß und beinahe übermäßig schlank, obwohl er schon als Kind sowohl im Reiten als auch im Fechten unterrichtet worden war. Im Gegensatz zu Cathrin, seiner jüngeren Schwester, hatte er nicht die herben Züge und die dicken schwarzen Locken der Mutter geerbt; sein Gesicht, die hellbraunen Haare und die dunklen Augen wirkten zu verletzlich, zu offen vielleicht für einen Mann an der Schwelle zum erwachsenen Leben, und er war sich dessen sehr wohl bewusst. Ein wenig schroffer fuhr der alte Mercator fort.

«Es war ein guter Tag heute. Gerade bin ich aus der Kaufmannsgilde zurückgekehrt. Du wirst es nicht glauben, aber der alte Ansbacher hat sich nun doch bereit erklärt, sich an meinem Handelszug nach Brügge zu beteiligen.» Er lachte glucksend vor sich hin. «Dieser Ansbacher ist schon ein gerissener Hund! Ein Emporkömmling, sicher, und ich habe gehört, noch sein Großvater hätte als höriger Kleinbauer irgendwo im Fränkischen die Schweine gehütet. Aber schau dir die Bilanzen an! Einfach glänzend. Nur …», er hob ermahnend den Zeigefinger, «wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten! Schließlich hat ihn Gott mit diesem Sohn geschlagen.» Er schmunzelte in unchristlicher Befriedigung vor sich hin. «Trinkfest ist der Kerl ja, den wird keiner so leicht unter den Tisch verhandeln, aber für einen guten Kaufmann braucht es mehr als das. Ich bin froh –» Plötzlich brach er ab, als sei ihm aufgefallen, dass er seinem Sohn gegenüber einen allzu freundschaftlichen Ton angeschlagen hatte. «Also? Was hast du mir zu berichten? Was sagst du zu dem Unterricht?»

«Nun, ich – wir haben in der letzten Woche über Thomas von Aquin gesprochen, über die Seele als substanzielle Form des Körpers … und Gott als substanzielle Form der Welt, in dem Essenz und Existenz zusammenfallen: Ich bin, der ich bin.»

Mercator sah seinen Sohn an, als sei der nicht ganz bei Verstand.

«… es ist nämlich nicht so, wie Aristoteles dachte», fuhr Thomas ein wenig verunsichert fort, «nur Form und Materie, Seele und Körper, nein, das Dasein selbst ist eine Gabe Gottes, die erst die Dinge in die Wirklichkeit ruft …»

«Ach ja?», unterbrach Mercator. «Und, hast du denn auch deine Lateinkenntnisse verbessert?» Thomas nickte eifrig – zu eifrig, wie es dem Vater schien.

«Du würdest staunen, Vater. Wir lesen die Kirchenväter, Horaz, Ovid …»

«Ovid? Nun ja … dieser Mönch scheint ja ungewöhnlich – bewandert zu sein.»

«Bruder Anselmus ist ungewöhnlich, er ist ein Gelehrter!» Thomas’ Gesicht glühte vor Begeisterung. «Du solltest hören, wie er mit Karl disputiert, wie er ihn in die Enge treibt … Karl hat vor nichts Respekt, aber Bruder Anselmus ist ihm gewachsen, mehr als gewachsen, er ist ein begnadeter Logiker, ein Philosoph …»

«Und ich hatte geglaubt, er wäre ein Mönch! Ein frommer Mann.»

Die Ironie ging an Thomas völlig vorbei. «Natürlich ist er das! Ich kenne niemanden, der so sicher in seinem Glauben steht wie er. Selbst im Hause Ansbacher lebt er wie ein einfacher Mönch, fastet, betet das Stundengebet …»

«Ein echter Heiliger», vermerkte Mercator gallig. «Du solltest aufpassen, mein Sohn, dass du dich nicht hinreißen lässt von deiner Schwärmerei. Es gibt noch mehr als Logik und Philosophie auf der Welt, lass dir das gesagt sein. Du lässt dich allzu leicht beeindrucken! Ich bedaure schon fast, dich zu diesem Unterricht geschickt zu haben, und kann nur hoffen, dass wenigstens der junge Ansbacher dafür sorgt, dass du mit den Beinen am Erdboden bleibst. Du kannst gehen, aber vergiss die Abrechnungen nicht!» Thomas griff nach den entsprechenden Büchern, verbeugte sich und verließ den Raum, aber der schwärmerische Ausdruck auf seinem Gesicht ließ den alten Mercator nichts Gutes ahnen. Natürlich, Thomas war ein heller Kopf, der immer schon am liebsten den ganzen Tag der Gelehrsamkeit gewidmet hätte, der verwickelten Disputation noch verwickelterer philosophischer Probleme – aber Mercator hatte noch von keinem gehört, der auf diese Weise reich geworden wäre. Ein Gelehrter in der Familie … Man würde sehen, was man dem Positives abgewinnen konnte. Immerhin war es besser als ein verantwortungsloser Säufer.

 

Thomas hatte die Bücher auf sein Stehpult in der Diele geworfen, bevor er noch schnell einen Blick in die Küche warf. Die Köchin war gerade dabei, einen Karpfen zu schuppen. Schon wieder Freitag! Er hasste Fisch. Bis zum Essen würde es noch eine Weile dauern, Zeit genug für die verwünschten Rechnungen. Er seufzte, nahm sich Tinte und Feder aus dem Pult und schlug die Seite auf, die heute an der Reihe war. Die Abrechnungen der letzten Woche, wie an jedem Freitagnachmittag. Wein und Wolle und Gewürze – was konnte das schon bedeuten für einen, der dem Göttlichen auf der Spur war! Essenz und Existenz, dachte er. Nicht Essig und Öl. Sein Vater war ein Barbar, dem das Leben des Geistes nichts bedeutete. Schlimmer noch, von jedem seiner Kinder, selbst von Catharina, der Jüngsten, verlangte er Interesse und Einsatz für das Geschäft. Unwillig machte Thomas einen Klecks auf die Zahlenkolonnen. Wenigstens konnte er sicher sein, dass Christian, der Älteste, trotz seines Beines in der Lage sein würde, das väterliche Geschäft weiterzuführen. Christian war ein ebenso verbissener Kaufmann wie sein Vater.

Von Geburt an durch ein lahmes Bein gestraft und trotz aller Behandlungen und Beschwörungen für sein Leben verkrüppelt, war er schon als kleiner Junge darauf bedacht gewesen, diesen Mangel durch besonderen Ehrgeiz in anderen Bereichen wieder wettzumachen. Die Zeit, die er wegen seiner Krankheit nicht wie seine Altersgenossen mit wilden Spielen hatte ausfüllen können, hatte er gut genutzt und sich früh mit den Geschäftsvorgängen in den Speichern und Kontoren seiner Heimatstadt sowie deren Besitzern vertraut gemacht. Er war ein geschickter Verhandler und guter Rechner geworden. Auch schien es, als wolle er seine bekannte Schwäche durch besondere Skrupellosigkeit und Kühnheit im Geschäftemachen ausgleichen, und er hasste es, unterschätzt zu werden. Saß er einmal zu Pferd, konnte man die Verkümmerung seines rechten Beines kaum erkennen, wenn man sie nicht vorher schon bemerkt hatte. Nachdem er die letzte erfolgreiche Handelsreise nach Köln mitgemacht und gemeistert hatte, zweifelte kaum noch jemand daran, dass Christian den Anforderungen des Kaufmannslebens gewachsen wäre. Und vor zwei Monaten hatte ihn der Vater sogar nach Nürnberg gesandt, damit er dort seine kaufmännischen Fähigkeiten vervollkommnen sollte. Kurz und gut, der alte Mercator konnte sich endlich bequem zurücklehnen und gelassen der Zeit entgegensehen, in der er die Geschicke seines Handelshauses in die fähigen Hände seines Ältesten legen würde. Thomas war das nur recht. Sollte Christian ruhig seinen Ehrgeiz im väterlichen Geschäft austoben! Dann wäre er selbst frei – frei für ein Leben des Geistes, der Wissenschaft, der Kontemplation. Wie wunderbar wäre es, in einen Orden einzutreten, sein Leben dem Gebet und dem theologischen Disput zu widmen wie Bruder Anselmus! Nur leider hatte bisher sein Vater die Zustimmung verweigert. Wenn schon im Dienste der Kirche, dann wenigstens als Domherr oder Vertrauter des Bischofs. Thomas seufzte erneut. Es war noch ein weiter Weg!

Erneut klopfte er an die Tür zum Arbeitsraum seines Vaters und wartete, bis ihm ein lautes Ja den Eintritt gestattete. Sein Vater hatte sich nicht von seinem Stuhl bewegt, aber vor dem Fenster stand jetzt seine Schwester Catharina und blickte hilfesuchend zu ihm herüber. Offenbar war er gerade in ein wichtiges Gespräch hineingeplatzt. Er legte schnell die Bücher an ihren Platz und wollte wieder gehen, aber Johanns Stimme hielt ihn zurück.

«Bleib hier bei uns, Thomas. Du darfst deiner Schwester gratulieren.» Ein gereizter Unterton war nicht zu überhören. «Sie wird sich in Kürze verheiraten.» Daher also Cathrins verstörter Gesichtsausdruck! Das schmale, blasse Mädchen drückte sich an die Wand, als hoffe es, plötzlich würde sich dort eine geheime Tür öffnen und ihm ermöglichen, unbemerkt zu verschwinden.

«Und, wer ist der glückliche Bräutigam?», fragte Thomas widerwillig.

«Es ist Hans van Gelderen aus Köln, der Sohn eines meiner ältesten Freunde. Heute habe ich seine Nachricht bekommen.» Johann winkte seine Tochter zu sich heran und strich ihr sanft mit dem Zeigefinger über die Wange, eine zärtliche Geste, die er keinem seiner älteren Kinder hätte zukommen lassen.

«Du brauchst keine Angst zu haben, Kleines», sagte er mit ungewohnter Sanftheit in der Stimme. «Hans van Gelderen ist ein guter Christ, wohlhabend, höflich und schon jetzt mit seinen einundzwanzig Jahren ein recht erfolgreicher Kaufmann. Mit seinem Vater war ich als junger Mann gemeinsam in Italien. Ich bin sicher, dass es dir im Haus seiner Familie gutgehen wird.» Mit einem zufriedenen Ausdruck fuhr er fort: «Ich habe selbst genug Zeit dort verbracht, eine angenehme Zeit, überaus angenehm! Sie haben ein großes Haus, behaglich und mit allem ausgestattet, was man sich denken kann. Viele Zimmer haben einen eigenen Kamin! Das Essen ist gut und reichlich, zahlreiche Bedienstete versorgen das Haus, überall Teppiche auf dem Boden, Glas, Samt, Brokat und was weiß ich! Du wirst leben wie eine Prinzessin. Er hat’s weit gebracht, der alte van Gelderen! Und eine baldige Verbindung unserer Familien, Catharina, wird uns allen von großem Nutzen sein.»

Cathrin schrak sichtlich zusammen. Trotz ihrer sechzehn Jahre war sie nie weiter fort gewesen als bis zur Tante nach Speyer.

«Was heißt das, bald?», fragte sie kaum hörbar.

Thomas kannte sie gut genug, um genau zu wissen, was sie dachte. Natürlich, sie wollte nicht fort von zu Hause in diese fremde Stadt, in das große, unbekannte Haus, zu der fremden Familie, in die sie aufgenommen werden sollte. Und der Bräutigam, na ja. Thomas sah mitleidig unter gesenkten Wimpern zu seiner Schwester hinüber. Vor zwei Jahren war dieser junge Kölner zum ersten Mal in Worms gewesen, ein ernster, dicklicher Mann mit einem merkwürdig singenden Tonfall, über den sie sich hinter seinem Rücken lustig gemacht hatten. Nicht gerade der Mann, von dem ein junges Mädchen träumte oder den er selbst für seine Schwester ausgesucht hätte. Aber was nützte es, sich gegen den Willen des Vaters aufzulehnen?

«Es ist so eine weite Reise, Vater», flüsterte Cathrin jetzt. «Ich habe so viel von Räubern und Überfällen gehört, und das Reisen zu Wasser macht mir Angst.» Sie versuchte es, immerhin.

Aber der alte Johann wünschte das von seiner Tochter offensichtlich nicht zu hören und wischte ihre Befürchtungen mit einer brüsken Handbewegung vom Tisch. «Ach was, Kind, ich werde dich selbst hinbringen. Im Frühjahr wirst du siebzehn Jahre alt sein, dann fahren wir nach Köln, und es wird Hochzeit gemacht! Dann wollen wir feiern!»

Cathrin griff nach seiner Hand und hielt sie fest. «Habt Ihr nicht selbst immer gesagt, Vater, dass ich von so zarter Gesundheit bin? Ich … vielleicht wäre es ja besser, noch ein Jahr zu warten?» Sie sah ihn aus weit aufgerissenen Augen an, in denen schon die Tränen zitterten.

Johann wurde ungehalten. «Deine Mutter und ich, wir wissen besser als du, was gut für dich ist! Wie kommst du dazu, dich unseren Entschlüssen zu widersetzen? Du bist jetzt ein junges Weib und gehörst verheiratet, und damit Punktum. Wir haben dir einen Bräutigam ausgesucht, der gut für dich sorgen kann. Du solltest dankbar sein.» Johann räusperte sich. «Und jetzt geh, mein Kind, und such mir deine Mutter. Ich habe etwas mit ihr zu besprechen.» Cathrin knickste, küsste seine Hand und ging hinaus. Johann Mercator ließ sich tiefer in seinen Polsterstuhl sinken und öffnete den Gürtel.

«Verfluchte Leber … jetzt muss ich auch noch den Bader kommen lassen, damit er mich zur Ader lässt …», murmelte er. «Verdammte Völlerei und verfluchte Weiber! Machen einem nur das Leben schwer.»

«Vielleicht ist sie wirklich noch ein bisschen zu jung», wagte Thomas zu entgegnen. «Ihr könntet …» Ihm tat seine Schwester leid. Natürlich musste sie heiraten, so wollte es Gottes ewige Ordnung, aber ein Leben an der Seite des farblosen Hans van Gelderen stellte er sich nur entsetzlich langweilig vor, mochten auch seine Taschen überquellen von Golddukaten.

«Ach was!» Ungehalten schlug Mercator mit der Hand auf die Armlehne. «Hans van Gelderen, der Sohn und Erbe meines alten Freundes! Das ist weiß Gott eine gute Partie, so gut, wie keine Jungfrau sie sich besser wünschen kann! Reich, gut erzogen, ein treuer Kirchgänger und gerissener Kaufmann, und wer weiß, bald vielleicht schon ein Mitglied des Rates! Und Köln obendrein! Was ist das doch für eine Stadt! Andere wären froh, dorthin zu kommen!» Genießerisch schmatzte er mit den Lippen, und Thomas musste sich mühen, ein allzu überlegenes Lächeln zu unterdrücken. Von den mitreisenden Handelsgehilfen hatte er genug Tratsch aufgeschnappt, um zu wissen, dass sein Vater sich bei seiner letzten Reise rheinabwärts reichlich Genüsse gegönnt hatte, die er hier, im heimatlichen Worms, nicht zu kosten wagte.

«… diese Verbindung unserer beiden Häuser wird für uns alle ungemein vorteilhaft sein, und damit Punktum. Wenn du wüsstest, was für Geschäfte wir damals zusammen eingefädelt haben in Florenz! Höchste Zeit, diese alte Freundschaft durch eine lebendige Verbindung wieder aufzufrischen. Und über die Mitgift soll sich auch keiner beklagen, da lass ich mich nicht lumpen. Wird schließlich auch hier Geld verdient, hier bei uns in Worms.»

Thomas straffte seine Schultern und trat zu ihm hinüber. «Ich bin mit den Büchern fertig, Vater. Es ist alles in Ordnung, nur für die zweihundert Gulden, die Ihr an den Pferdehändler verliehen habt, konnte ich keinen Beleg finden.»

Johann Mercator hob die Hände. «Gibt es auch nicht. Hier hinein hat er’s mir versprochen, Junge, das ist genug. Du glaubst zu sehr an das, was du geschrieben vor dir siehst. Das gesprochene Wort eines ehrlichen Mannes ist allemal mehr wert als tausend geschriebene Buchstaben.» Er stand auf, ging mit schweren Schritten um sein Pult herum und legte Thomas die Hand auf die Schulter. «Mir scheint’s, mein Sohn, dass auch du im richtigen Alter bist für eine Heirat. Brauchst was fürs Bett, ein Kerl in deinem Alter!»

Thomas hasste diese falsche Jovialität, mit der sein Vater ihn nur reizen wollte, hasste es, wie immer zu erröten. «Vater, Ihr wisst doch, dass ich mich für ein geistliches Leben entschieden habe …»

Johann verdrehte die Augen.

«Ein Heiliger in unserer Familie, auch das noch! Ich verstehe nicht, wie man den faden Mönchsgesang kraftvoller Tanzmusik, Trommeln und Trompeten vorziehen kann! Andererseits …» Seine Augen verengten sich, wie immer, wenn er ein gutes Geschäft witterte, und Thomas hätte schwören können, dass er gerade überlegte, ob es nicht an der Zeit war, dass sich endlich auch einer um das ewige Heil der Familie Mercator kümmerte. Der Alte selbst fand nur wenig Zeit zu Andacht und Gebet, und jetzt, wo sein Leben eindeutig den Höhepunkt überschritten hatte, würde er die Gedanken an Hölle und Fegefeuer wohl nicht mehr viel länger verscheuchen können. Schließlich war es fast unmöglich, alle Gebote der Kirche zu halten, wenn man in einem Gewerbe tätig war, das ohne kleinere Lügen, Betrügereien und Wucher nicht auskam.

«Andererseits?»

«Andererseits ist es nicht gut, wenn ein Geschäft zwei Herren hat.» Mercator nickte – Thomas war entlassen.

 

Cathrin hatte immer schon befürchtet, dass genau dies eines Tages geschehen würde, aber sie hatte es trotzdem nie wirklich glauben können, nicht einmal, als ihre Freundin Anna vor ein paar Monaten mit einem verwitweten Schiffseigner verlobt worden war. Die unaufhaltsame Veränderung ihres Körpers in der letzten Zeit, die erste Monatsblutung, das Knospen ihrer Brüste hatten sie anfangs erschreckt, dann aber allmählich mit Stolz erfüllt: Sie war kein unverständiges Kind mehr. Natürlich würde sie mit ihrer kleinen Gestalt niemals dem entsprechen, was allgemein für schön gehalten wurde, aber sicher würde sie auch niemand hässlich finden können. Nachts lag sie in ihrem Bett und strich sich atemlos über die empfindsame Haut, die Rundung ihrer Hüften und die krausen Haare, die zwischen ihren Schenkeln wuchsen. Irgendwann würden andere Hände sie berühren, würden andere Augen zärtlich über sie hingleiten. Irgendwann würde sie ihr Herz verschenken an den wunderbaren Mann, mit dem sie ihr Leben teilen wollte.

Niemals hätte sie geglaubt, dass es sich dabei um jemanden wie Hans van Gelderen handeln könnte – jemanden mit teigiger Gesichtshaut und kühlfeuchten Händen; dass es deren klebrige Berührung sein könnte, die sie nachts auf ihrem Leib spüren würde. Eine Gänsehaut lief ihr über den Rücken. Es konnte doch nicht sein, dass Vater ausgerechnet diesen Mann für sie ausgesucht hatte! Nie, nie zuvor hatte er sie zu etwas gezwungen, hatte er sich ihren Wünschen, Ängsten und Tränen gegenüber hart gezeigt! Verstand er denn nicht, was es für sie bedeutete?

Ratlos kniete sich Catharina Mercator auf dem Boden ihrer Schlafkammer vor das Schachspiel, das sie aufgebaut hatte. Die ganze Eröffnung schien ihr plötzlich keinen Sinn mehr zu geben. Warum hatte sie den Läufer so weit vorgezogen? Der König war an seiner Flanke völlig ungedeckt, und erst die Königin! Sie fegte die Figuren mit der Hand auf den Boden, nahm die Königin und hielt sie vor sich hin. Hans van Gelderen, murmelte sie ihr zu, Frau Hans van Gelderen, wie geht es dir? Ihr Magen krampfte sich zusammen. Schon im nächsten Frühling! Es durfte einfach nicht sein.

«Nimm die Figur aus dem Mund, Cathrin! Du bist doch kein kleines Kind mehr, das an allem herumlutschen muss!» Schuldbewusst legte Catharina die Schachkönigin an ihren Platz in der Holzkiste und stand auf, um ihre Mutter zu begrüßen. Elisabeth Mercator legte ihr kurz die Hand an die Wange und setzte sich dann auf das Bett. Für ihr Alter – sie war Ende der Dreißiger – war sie noch immer eine ansehnliche Frau, mit schlanker, zierlicher Gestalt, die sich straff und aufrecht hielt. Gewiss war ihr Gesicht von Falten durchzogen und das Haar von grauen Strähnen, aber ihr Ausdruck war noch genauso lebhaft und frisch wie bei einem jungen Mädchen. Die Zeit war freundlich an ihr vorübergegangen.

«Und, Kind? Wie ich höre, hat Vater schon mit dir gesprochen. Was sagst du? Freust du dich?»

Cathrin schluckte. Freust du dich! Also war auch die Mutter gegen sie. Plötzlich konnte sie die Tränen nicht mehr zurückhalten und flüchtete in Elisabeths Arme. «Ich will ihn nicht heiraten», schluchzte sie. «Bitte, sag Vater, dass es nicht geht … dass ich ihn einfach nicht heiraten kann! Dass ich zu jung bin oder zu zart oder was auch immer!»

Zärtlich strich Elisabeth ihr übers Haar. «Schsch, mein Kleines», sagte sie leise. «Ganz ruhig. Ich bin ja bei dir.» Sie hielt Cathrin fest an ihre Brust gedrückt, und nach einiger Zeit merkte sie, wie das Mädchen sich allmählich beruhigte. Ihr kleines Mädchen, das sie nun endgültig loslassen musste. Mütter müssen immer nur geben, das war ihr schon seit langem klar. Mit der Geburt fing es an, und mit jedem Jahr entwuchs das Kind ein Stückchen mehr der mütterlichen Nähe und in die Welt des Vaters hinein; Knaben noch viel mehr als Mädchen. Entgegen den allgemeinen Gebräuchen ihres Standes und obwohl man darüber getuschelt hatte, hatte Elisabeth es abgelehnt, eine Amme für ihre Kinder zu nehmen, und sie stattdessen selbst gestillt. Aber früher oder später kam doch eine Magd und führte die Kinder weg, zum Spiel, zur Schule, aus dem Haus. Es galt als gefährlich, die Kinder zu lange und ausschließlich dem verweichlichenden Einfluss der elterlichen Liebe auszusetzen. Sie dagegen hatte den Gedanken nie ertragen, dass fremde Menschen ihre Kinder schlagen könnten, und besondere Sorgfalt auf die Auswahl ihrer Lehrer und Erzieher verwandt. Leider wollte ihr Mann diese Meinung nicht teilen; wie für die meisten Familienväter gehörte für ihn die Rute untrennbar zur Erziehung dazu. Nichtsdestotrotz hatte sie stets versucht, möglichst viel Zeit mit ihren Kindern zu teilen, hatte ihnen die Dinge beigebracht, die ihr wichtig waren, die vielen Geschichten erzählt, die sie selbst als Kind von ihren Eltern gehört hatte, mit ihnen Schach gespielt, zur Laute gesungen. Und jetzt musste sie Cathrin ziehen lassen, gegen ihren eigenen Willen.

«Dein Vater will nur das Beste für dich, Kind», sagte sie schließlich, als Cathrin sich von ihr löste. «Hier, nimm mein Taschentuch und wisch dir über das Gesicht. Es muss ja nicht jeder gleich sehen, dass du geweint hast. Du bist jetzt eine erwachsene Frau. Als ich in deinem Alter war, habe ich schon mein erstes Kind erwartet. Christian.» Erzähle ihr nicht, wie schwer das war, ermahnte sich Elisabeth. Die Monate der Schwangerschaft, die Übelkeit, die entsetzlichen Schmerzen der Geburt, die Angst, die du hattest …

«Und, als du geheiratet hast? Warst du verliebt in Vater?»

Verliebt. Elisabeth schloss für einen Moment die Augen. «Ich kannte ihn ja kaum … Aber dein Vater ist ein guter Mann, war es damals schon. Als wir erst zusammenlebten, habe ich bald gelernt, ihn zu lieben. Und so wird es dir auch gehen, glaub mir! All diese Träume von einem Märchenprinzen, der vorbeigeritten kommt und dich mitnimmt auf sein Schloss, führen nirgendwohin. Hans van Gelderen dagegen ist eine gute Partie, wahrscheinlich die beste, die du machen kannst. Es wäre töricht, wenn du diese Gelegenheit nicht beim Schopfe packen würdest.» Und was für eine gute Partie! Eben erst hatte Johann ihr die erstaunlichen Vermögensverhältnisse der van Gelderens auseinandergesetzt. Wie sollte man angesichts solcher Zahlen auf die Launen einer Sechzehnjährigen hören? Ja, Johann Mercator wusste, wie man sich gut verheiratet. Elisabeth spürte eine Welle der Wut in sich aufsteigen und drehte den Kopf zur Seite, damit Cathrin es nicht bemerkte.

«Du tust gut daran, dich in das Unabwendbare zu schicken, Catharina», sagte sie tonlos. «Es ist leichter so, glaub mir. Viel leichter.»

Nach dem Abendessen, als er allein mit seiner Schwester am Tisch saß, versuchte Thomas, Cathrin aufzumuntern. Während eine Magd die Schüsseln abtrug, ging er auf sie zu, legte seine Hand auf ihren Arm und schlug vor:

«Lass uns eine Partie Schach spielen. Du bist mir noch eine Revanche schuldig.» Es war ein tapferes Angebot, wie er fand. Ganz im Gegensatz zu ihm war Cathrin nämlich eine ausgezeichnete Schachspielerin, die nur selten verlor. Ihr Stil war kühn und äußerst findig, und Thomas staunte immer wieder, wie mitleidslos sie seine Figuren über das Brett ins Verderben jagte. An diesem Abend aber schweifte ihre Aufmerksamkeit immer wieder ab, und schon nach einer halben Stunde war ihre Lage hoffnungslos.

«Du hast gewonnen», sagte sie und wollte aufstehen, aber Thomas hielt sie zurück.

«Geh nicht vor dem letzten Zug, das ist feige und nimmt mir die Freude an meinem Sieg», sagte er.

Zögernd setzte sie sich wieder hin und schob ihren bedrängten König ein Feld weiter. «Dem geht’s genau wie mir: Noch kann ich ein paar Schritte machen, aber retten kann ich mich nicht mehr.» Ihre Stimme wurde immer leiser.

Thomas bemühte sich, einen leichten Ton anzuschlagen. «Na komm, was ist so schlimm am Heiraten? Fast jeder heiratet irgendwann. Und dann Köln! Das muss doch eine atemberaubende Stadt sein, nicht so ein langweiliges Nest wie unser Worms …»

«Für einen Mann vielleicht! Aber ich kann ja nirgendwo allein hingehen. Ich kenne doch diese Leute gar nicht! Und es ist so furchtbar weit weg! Vielleicht werden wir uns jahrelang nicht sehen. Und nachts muss ich diesen Mann in mein Bett lassen …»

Die Tränen flossen schon reichlich, und Thomas überlegte krampfhaft, was er sagen könnte, um Cathrin zu trösten. Hilflos tätschelte er ihre Hand. «Es ist eben die Bestimmung der Frauen, zu heiraten und Kinder zu haben. Gott will es so, und kann Gottes Wille schlecht sein? Schon der heilige Thomas von Aquin hat gesagt, dass die Frauen Glück und Erfüllung nur finden, wenn sie sich der Führung des Mannes anvertrauen …»

Ruckartig zog Cathrin die Hand zurück. «Der heilige Thomas! Was hat der schon von der Welt gewusst, erst recht von der Ehe? Ich bin sicher, er hat die letzten zwanzig Jahre seines Lebens nicht einmal mit einer Frau gesprochen!» Aufgelöst und verletzt rannte sie aus dem Zimmer.

Thomas starrte ihr verwirrt nach. Natürlich, auch er wollte nicht heiraten, aber schließlich war er ein Mann und konnte seinen eigenen Weg gehen. Was wollte Cathrin schon tun? In einem Kloster konnte er sie sich auch nicht vorstellen. Plötzlich hatte er eine Idee. Bruder Anselmus mit seinem scharfen Verstand und seinen überzeugenden Worten könnte vielleicht mit seiner Schwester sprechen und ihr helfen, ihr gottgewolltes Schicksal anzunehmen! Er würde seinen Vater bitten, den Mönch in ihr Haus einzuladen. Schon lange hatte er sich gewünscht, ihn der Familie vorzustellen.

 

«Und, Bruder Anselmus? Wie gefällt es dir in Worms? Das ist sicher ein ganz anderes Leben als bei euch im Kloster!» Leutselig prostete Johann Mercator seinem Gast zu. «Ich schätze, dass beim Ansbacher zu Hause auch nicht gerade Schmalhans Küchenmeister ist!»

Der junge Mönch spielte verlegen mit seinem Weinglas. «Ich weiß es nicht. Vielleicht … wahrscheinlich. Ich achte nicht darauf. Für mich kommt es mehr auf die geistige als die fleischliche Nahrung an.»

Mercator grunzte. Er hatte schon ein bisschen zu viel getrunken. «Gute Antwort, mein Junge. Aber hier und heute solltest du diesen ganzen frommen Quatsch mal vergessen und ordentlich zulangen! Siehst ja aus, als könnte ein Schwindsüchtiger dich umpusten!»

In diesem Moment stellte Catharina fest, dass der schmalgesichtige Mönch ihr leidtat, wie er so dasaß und langsam errötete und ganz offensichtlich nicht wusste, was er sagen, ja, wohin auch nur er schauen sollte, während ihr Vater es genoss, mit ihm zu spielen.

«Na, greif schon zu! Oder willst du deine Gastgeber beleidigen?» Der alte Mercator griff selbst zum Messer und begann, seinem Gast das Fleisch zu schneiden und vorzulegen. «Es ist schon ein Kreuz mit den zahlreichen Fasttagen, die die Kirche ihren Schäfchen abverlangt! Wenn man es ganz genau nimmt, bleiben gerade 230 Fleischtage im Jahr übrig!» Er steckte sich selbst ein Stückchen Fleisch in den Mund und spitzte genießerisch die Lippen. «Nun, in meinem Haus geht es nicht ganz so streng zu. Aber ich bin sicher, dass auch eure Oberen es nicht anders halten, was?»

«Abt Odo ist ein Asket», antwortete Anselmus leise. «Bei uns werden die Fasttage streng eingehalten.»

«Na ja, Ausnahmen bestätigen die Regel! Außerdem werdet ihr wohl an Fasttagen auch nicht gerade von eingesalzenem Hering leben, solange es noch richtigen Fisch gibt! Ich habe mir sagen lassen», mit blitzenden Augen beugte er sich vor, «dass man in Sankt Gallen sogar schon versilberte und vergoldete Speisen aufgetragen hat, um die Gäste zu beeindrucken. Aber davon halte ich nichts. Irgendwo muss schließlich eine Grenze sein, nicht wahr?»

«Schon das Evangelium sagt, dass der Weg zum Himmelreich durch den Reichtum verstellt wird», sagte Anselmus steif.

«Der doch auf Erden so viele Türen öffnen kann! Prost!» Wohlwollend hob Mercator sein Glas.

«Bruder Anselmus, wie ich hörte, seid Ihr ein Kenner der Philosophie?», griff endlich Elisabeth ein. «Thomas spricht in den höchsten Tönen von Euch. Ich hoffe, Ihr seid mit ihm genauso zufrieden?»

«Oh, Euer Sohn ist sehr eifrig bei der Sache», antwortete der Mönch dankbar. «Es ist ein Vergnügen, ihn zu unterrichten.»

Er sprach mit Elisabeth, ohne sie dabei anzusehen, bemerkte Cathrin. Wahrscheinlich schickte es sich für einen Mönch nicht, einer Frau ins Gesicht zu blicken. Was für ein merkwürdiger Mensch, so ganz anders als die Männer, mit denen sie sonst Umgang pflegte. Was musste das für ein seltsames Leben sein, so ganz ohne Familie und Freunde, ohne die Abwechslungen der Stadt, für immer dem ewig gleichen Rhythmus des Klosterlebens unterworfen, in einer ausschließlich männlichen Gesellschaft … Im Vergleich dazu kam sie sich selbst geradezu frei vor – obwohl doch auch ihr eigenes Leben strengen Regeln unterworfen war.

«Wo du gerade vom Vergnügen sprichst …» Mercator hatte ein weiteres Glas geleert und lehnte sich behaglich zurück. «Thomas hat mir erzählt, was für interessante Texte ihr zusammen lest, die Kirchenväter, die antiken Meister … Ich hätte nie gedacht, dass ausgerechnet ein Mönch ihm den Ovid näherbringt! Diese Liebesgedichte sind schon, na ja, deftige Kost! Prost!»

Bruder Anselmus hielt den Kopf gesenkt, aber an der Tonsur konnte man deutlich erkennen, dass er dunkelrot angelaufen war. Wahrscheinlich spürte er, dass Mercator den Blick erwartungsvoll auf ihn gerichtet hatte, bereit, seinen nächsten Pfeil abzuschießen; wahrscheinlich überlegte er, wie er sich der Situation ehrenhaft entziehen konnte. Cathrin sah seine Hände leicht zittern: lange, kräftige Hände, die wahrscheinlich kaum einmal etwas Schwereres festgehalten hatten als eine Feder; die noch nie nach Axt, Schwert oder Speer gegriffen hatten – den allgegenwärtigen Zeichen der überlegenen körperlichen Kraft, ja, der männlichen Überlegenheit schlechthin …

Mercators letzte Worte hingen noch immer in der Luft, da entschied sich Thomas, der Sache ein Ende zu machen, und warf mit einer wie unabsichtlichen Handbewegung sein Glas um. Rotwein floss über das kostbare Tischtuch, durchfeuchtete das weiße Brot, tropfte auf den Boden.

«Gottverdammt, kannst du nicht aufpassen, du Tollpatsch?», brüllte Mercator, während er aufsprang und hektisch mit seiner Serviette an seinen Beinkleidern herumwischte. Auch die übrige Gesellschaft erhob sich, und Cathrin registrierte den dankbaren Blick, den Anselmus ihrem Bruder zuwarf. Thomas zwinkerte zurück.

2

Eine Woche in jedem Monat verbrachte Bruder Anselmus in seinem Heimatkloster Rheinstätten, das inmitten fruchtbarer Felder in der Rheinebene lag und von Worms aus zu Pferd bequem in rund zwei Stunden erreicht werden konnte. Begleitet von einem Bewaffneten – in dieser wilden Zeit konnte man nicht vorsichtig genug sein –, hatte er sich auf ein kleines Lastpferd gequält und erwartete ungeduldig den Augenblick, in dem die vertraute Silhouette des Klosters zum ersten Mal in der Ferne vor ihm auftauchen würde. So mochte wohl jemand empfinden, der nach Jahren der Abwesenheit in sein Elternhaus zurückkehrte, dachte er. In der Abtei hatte er schließlich fast sein ganzes Leben zugebracht. Seine Familie war die Gemeinschaft der Brüder, sein Zuhause das Kloster, und wenn er jemanden Vater nannte, dann war es der Abt, dem er sich aus tiefster Seele verbunden und verpflichtet fühlte. Seine leiblichen Eltern, kleine Adelige mit einem bescheidenen Landgut, hatten damals eine gute, gottgefällige Entscheidung getroffen, als sie ihn, den dritten Sohn, versehen mit einer ansehnlichen Landschenkung, bereits als Kind der Obhut des Klosters anvertraut hatten. Hier hatte er die beste Erziehung und Ausbildung genossen, war freudig mit vierzehn Jahren Novize geworden und hatte sich später mit der ewigen Profess für diese gesegnete Lebensform entschieden, die Gott ihm bestimmt hatte.

Anselmus liebte die fest gefügte Ordnung seines Tagesablaufs, die gemeinsamen Gebete und den mönchischen Gesang, er liebte das gemeinsame, schweigsame Mahl im Refektorium und sogar die gemeinsame Nachtruhe im Dormitorium, wo man die Brüder neben sich atmen, schnarchen und träumen hörte. Ein Leben der Ruhe, des Gebets und der Versenkung in Gottes Willen, fernab von Lärm und Lockung der betriebsamen Städte. Sich aus dem Kloster zu entfernen erschien ihm, als müsse er sich aus der Nähe Gottes selbst entfernen. Wie gut war es, wieder zurück zu sein!

Als Anselmus durch die Klosterpforte trat, war es die Zeit, in der sich die Brüder der geistlichen Lektüre widmeten, und kein Mönch war zu sehen. Anselmus ging an der Abteikirche vorbei in den Kreuzgang. Dort blieb er eine Weile stehen und schloss die Augen. Für einen Augenblick genoss er die Vorstellung, er sei ganz allein, bis plötzlich Stimmen an sein Ohr drangen, und er wandte suchend den Kopf. Natürlich, das mussten die Arbeiter sein, die mit der Renovierung der Bibliothek beschäftigt waren. Er ließ seine Augen alle Seiten des Kreuzganges entlangwandern. Hier war der älteste Teil des Klosters, Kreuzgang, Dormitorium und eben das alte Bibliotheksgebäude. Die anderen ursprünglichen Klostergebäude, die die ersten Mönche noch mehr oder weniger in die Wildnis gebaut hatten, waren vor gut einem Menschenalter einer schrecklichen Feuersbrunst zum Opfer gefallen. Und kaum waren die schlimmsten Schäden behoben gewesen, da hatte das große Erdbeben sie heimgesucht und auch die Bibliothek erneut schwer beschädigt. Gut, dass er durch die Lehrtätigkeit beim Ansbacher sein Teil dazu beitragen konnte, diesen traurigen Zustand zu beenden! Die Bauarbeiter hatten schon große Mengen an Material herangeschafft und waren jetzt dabei, an der Vorderfront ein mächtiges Holzgerüst aufzurichten.

Anselmus atmete tief durch, trat in die Kirche, ging zu seinem Platz im Chor und fiel auf die Knie. Er fühlte sich, als sei er Jahre weg gewesen, gleichzeitig aber, als habe er diesen Platz nie verlassen. Die Abteikirche war ihm bis zum letzten Stein vertraut – schließlich hatte er in ihr gut ein Drittel seines Lebens verbracht –, aber nachdem er in Worms so viele andere Gotteshäuser besucht hatte, sah er sie noch einmal mit anderen Augen. Es war nur ein schlichter Bau, ganz aus dem Buntsandstein der Gegend, ohne aufwändigen Zierrat und Steinmetzarbeiten. Nur das Chorgestühl, die Stiftung eines Adligen aus Schwaben, für den immer noch wöchentlich Messen gelesen wurden, war mit Schnitzereien allegorischer Figuren ausgestattet. Eine Seitenkapelle war von der Kaufmannsfamilie Ansbacher gespendet worden; sie beherbergte einen Altar mit einem kostbaren Triptychon, das vom Chorraum her allerdings fast nicht zu sehen war. Die hochgelegenen Fenster ließen nur wenig Licht herein, aber im Gegensatz zur Düsternis des Wormser Doms empfand Anselmus diese Dunkelheit als schützend und geheimnisvoll. Bald würde es Zeit für die Non sein – er wollte hier an seinem Platz die Mitbrüder erwarten.

 

Der Wind pfiff durch die nachlässig zugehängten Fenster des Dormitoriums, als Anselmus sich an diesem Abend zur Ruhe legte. Früher war es ihm nie schwergefallen, sofort einzuschlafen und die wenigen Stunden zu nutzen, bis die Glocke zu den Vigilien rief, aber heute brauchte er ewig, bis er in leichten Schlummer fiel. Bruder Rafael in dem Bett neben ihm litt unter einer heftigen Erkältung und schnarchte erbärmlich; Bruder Paulus dagegen hatte eine schwache Blase und tappte alle halbe Stunde durch den Saal, um zu den Latrinen zu gelangen, nicht ohne dabei ununterbrochen vor sich hin zu murmeln. Was muss er auch abends so viel trinken, dachte Anselmus und biss die Lippen zusammen. Früher war es nicht weniger laut gewesen. Aber früher hatte er nicht gewusst, wie es war, wenn man eine Schlafkammer für sich allein hatte und ein Federbett gegen die Kälte der Nacht. Ein Leben der Ruhe, des Gebets und der Versenkung in Gottes Willen, fernab von Lärm und Lockung der betriebsamen Städte! Er warf sich unruhig auf die andere Seite. Als er sich am Morgen schließlich zu den Laudes erhob, war er völlig zerschlagen und verwirrt von den unchristlichen Träumen, die ihn heimgesucht hatten.

Am zweiten Tag nach seiner Rückkehr lud der Abt Anselmus im Anschluss an die Vesper zu sich in sein Arbeitszimmer. Entgegen der Einfachheit, die das benediktinische Armutsgebot für die Schlaf- und Arbeitsräume der Mönche vorschrieb, ließ das Arbeits- und Empfangszimmer des Abtes die im Kloster verborgenen geistigen und weltlichen Reichtümer ahnen. Hier repräsentierte der Abt die Macht seines Ordens und die Macht der Kirche. Anselmus trat ein, fiel auf die Knie und küsste den Ring, bevor der Abt ihn freundlich aufhob.

«Willkommen, mein Sohn! Es ist gut, dich wieder bei uns zu haben – wenn auch nur für kurze Zeit, wie ich fürchte.» Abt Odo war ein kleiner Mann, aber seiner Ausstrahlung konnten sich nur wenige entziehen. Anselmus wusste, dass er fast ganz Europa bereist und einige Jahre an der Universität von Paris zugebracht hatte, bevor er in den Orden eingetreten war. Es war bekannt, dass die Regel des heiligen Benedikt in seinem Kloster strenger gehandhabt wurde als an vielen anderen Orten, und die Adelsfamilien der weiteren Umgegend hatten es immer als große Ehre betrachtet, wenn ihre Söhne hier als Novizen angenommen wurden.

«Die Brüder haben für dich gebetet in der Zeit deiner Abwesenheit … Es ist bitter für uns, einen aus unserer Mitte entgegen den Regeln des heiligen Benedikt in die Welt hinausschicken zu müssen.» Er bedeutete Anselmus, sich auf die Wandbank zu setzen.

«Ich bin glücklich, dass ich dem Orden dienen kann», entgegnete der junge Mönch. «Und wie ich gesehen habe, sind die Arbeiten an der Bibliothek ja auch bereits im Gange.»

«Ja, Hinrich Ansbacher hat uns eine größere Summe Geld geschickt, gleich nachdem du in seinem Haus angekommen warst. Möge der Herr dich stärken für die Aufgabe, die du zum Wohl unseres Klosters auf dich genommen hast.»

Anselmus neigte zustimmend den Kopf, sagte aber nichts. Er kannte die Liebe des Abtes zu kostbaren Manuskripten.

«Je älter ich werde, desto öfter frage ich mich, ob unser Wunsch, sich in frommer Versenkung nur Gott hingeben zu wollen, überhaupt noch berechtigt ist, in einer Zeit, in der Gottes Kinder so sehr der Führung bedürfen», fuhr der Abt nachdenklich fort, und Anselmus spürte, dass er immer noch nach einer Rechtfertigung dafür suchte, dass er die Ordensregel gebrochen hatte. Benediktiner sollten ihr Leben im Kloster verbringen, mit Arbeit und Gebet, und nicht in der Stadt unbotmäßige Kaufmannssöhne auf den rechten Weg zurückführen, selbst wenn als Belohnung ein reicher Spendensegen winkte. Aber der Abt hatte der Versuchung nicht widerstehen können und den Leiter seiner Schule für diese Aufgabe ausgesucht. Und wenn sich auch Anselmus nichts mehr wünschte, als sich in der Sicherheit der Klostermauern ganz der Gelehrsamkeit und dem mönchischen Leben hinzugeben, so hatte er sich doch widerspruchslos gefügt. Er war nicht Mönch geworden, um sich seine Wünsche zu erfüllen.

«Vielleicht willst du mir erzählen, wie es dir ergangen ist? Ich habe den Eindruck, dass deine Aufgabe dir leichter geworden ist seit deinem letzten Besuch.»

Anselmus blickte auf und begann zu erzählen. Er hatte sich inzwischen gut in den Tagesablauf der Kaufmannsfamilie eingegliedert. Die Vormittage, außer am Sonntag, waren mit Unterricht ausgefüllt; außerdem erwartete man, dass er bei der Hauptmahlzeit anwesend war, die die Familie am frühen Abend gemeinsam einnahm und die meist aus mehreren Gängen bestand.

«Ich habe es mir zur besonderen Pflicht gemacht, in dieser Atmosphäre des Überflusses und der Opulenz die Gebote mönchischer Armut und Bescheidenheit einzuhalten», bemerkte er, und der Abt nickte zustimmend.

«Unser Kloster mag dem einen oder anderen zwar eng erscheinen, aber es bietet doch einen Schutz vor den vielfachen Versuchungen der Welt. Vergiss nie, mein Sohn, dass du eigentlich einer anderen, gottgefälligeren Gemeinschaft angehörst.»

So war es wirklich, dachte Anselmus. Eine gottgefälligere Gemeinschaft. Auch im Kloster gab es natürlich immer wieder Schwierigkeiten zwischen den Brüdern, die gezwungen waren, Tage und Nächte auf so engem Raum zusammenzuleben, aber einem guten Abt gelang es in aller Regel, vermittelnd einzugreifen und zu schlichten. Und Odo war ein guter Abt. Im Ansbacher’schen Haushalt dagegen gab es keinen solchen Vermittler, und oft hatte Anselmus das Gefühl, dass zwischen Karl und seinem Vater ein permanenter Machtkampf tobte, während die übrigen Familienmitglieder atemlos danebenstanden und nicht wussten, wer wohl als Sieger daraus hervorgehen würde. Irgendwann, dachte Anselmus, würde sich die Waage wohl dem Jüngeren zuneigen, denn die Zeit war auf seiner Seite. Eigentlich sollte er sich empören über die Respektlosigkeit Karls, aber je länger er ihn kannte, desto mehr unwilliges Verständnis brachte er für ihn auf. Wie konnte ein Vater Wesen, Charakter und Fähigkeiten seines Sohnes nur so falsch einschätzen? Karl Ansbachers stürmischer Geist brauchte Gefahr und Herausforderung, er konnte sich nicht mit einem ruhigen Kaufmannsleben im heimischen Kontor zufriedengeben.

«Ich habe Hinrich Ansbacher empfohlen, seinem Sohn eine Aufgabe anzuvertrauen, die seinem Temperament entspricht, an der er sich bewähren und die Wertschätzung seines Vaters gewinnen kann», sagte er unvermittelt. «Ein Auftrag, der Mut und Geschick erfordert. Er wird in zwei Wochen mit einem Wagenzug nach Lübeck aufbrechen und mit den dort ansässigen Kaufleuten über neue Handelsbedingungen verhandeln.»

Der Abt lächelte zustimmend. «In die Welt hinaus wie Parzival … und dann kommt er geläutert zurück. Ein guter Vorschlag, mein Sohn. Ich habe Karl vor Jahren kennengelernt, als ich in Worms war: ein junger Mann voller Willensstärke und körperlicher Kraft. Es muss schwer für ihn sein, immer noch den Weisungen seines Vaters zu unterliegen. Er ist kein Mönch und hat keinen Gehorsam gelobt. Als sein Vater in dem Alter war, hat er Viehherden durch die wilden Weiten im Osten getrieben.» Er stand auf; die Audienz war beendet. «Geh jetzt, mein Sohn, und denke über deine eigenen Verfehlungen nach.»

 

«Ich hasse diese Wochen, wo Anselmus nicht da ist!» Thomas verdrehte die Augen. «Thomas hier, Thomas da! Komm her, mach dies, tu das! Vater kann sich wohl nicht vorstellen, dass ich wenigstens über eine Stunde am Tag selbst verfügen möchte!»

«Tust du doch.» Ungerührt sah Cathrin von ihrer Stickarbeit auf: Ein bunter Paradiesvogel erhob sich über einem Wald aus üppigen, fast bedrohlich anmutenden Schlingpflanzen. «Du drückst dich hier herum und jammerst mir die Ohren voll, während Vater dich überall sucht, um –»

«Sicher! Um das Einräumen von irgendwelchen Säcken zu überwachen oder die Bratspieße in der Küche nachzuzählen oder gemeinsam mit ihm über die sinkende Nachfrage nach schonischem Hering zu jammern! Es ist unerträglich!» Theatralisch marschierte er hin und her. «Dabei gäbe es so viel Interessantes zu tun! Anselmus hat bei Ansbacher zu Hause ein paar phantastische Handschriften entdeckt – der Alte kauft ja einfach alles, was irgendwie wertvoll aussieht. Er hat erlaubt, dass wir sie lesen.» Er blieb vor Cathrin stehen und umfasste ihre Schultern. «Stell dir vor, ‹Parzival› zu lesen! Ich kann es kaum noch abwarten!»

«Sei froh, dass du keine anderen Sorgen hast.»

Er kniete sich vor ihr auf den Boden und sah ihr von unten ins Gesicht. «Immer noch so traurig wegen dieser Heirat? Ich glaube, du machst dir viel zu viele Gedanken darum! Wer weiß, wenn du erst einmal in Köln bist und das Geld dieses reichen Pfeffersacks mit beiden Händen zum Fenster hinauswerfen kannst, dann willst du überhaupt nicht mehr zurück!»

Sie lächelte ein wenig schief. «Vielleicht kommt es ja gar nicht so weit! Ich meine, es gibt Unfälle und Krankheiten und alles Mögliche. Ich bete jeden Abend –» Plötzlich brach sie ab und sah sich schuldbewusst um. «Meinst du, es ist eine schwere Sünde, wenn ich darum bitte, dass er – dass er krank werden könnte?»

Thomas lachte leise. «Keiner würde dir solche Gedanken zutrauen, wenn er dich da an deinem Stickrahmen sitzen sieht! Aber ich weiß es nicht, wirklich nicht. Da musst du schon Anselmus fragen, der ist Fachmann für Sünde und Buße und all dies Zeug.»

Gedankenverloren fuhr Cathrin mit ihrer Sticknadel die Umrisse des Vogels nach. «Du hältst sehr viel von ihm, nicht wahr?»

«O ja. Sicher. Mir ist noch nie vorher jemand begegnet, der so schnell und präzise denken kann. Er kann dir die schwierigsten Zusammenhänge erklären, dass du glaubst, es wäre so leicht wie Murmelspielen. Und wie er Karl in die Schranken weist – ich wünschte, ich hätte diese Fähigkeit!»

«Und dabei kennt er nur sein Kloster und sonst nichts von der Welt», murmelte Cathrin.

«Man muss nicht alles selbst erlebt haben», versicherte Thomas. «Vieles kann man auch aus Büchern lernen. Deshalb will ich ja unbedingt diesen ‹Parzival› lesen!»

«Worum geht es denn da?»

«Oh, um alles Wichtige im Leben! Die Suche nach dem Heiligen Gral, gefährliche Abenteuer, Freundschaft, wahre Liebe …»

«Wahre Liebe», echote Cathrin. «Und das kann man aus einem Buch lernen?»

«Na ja, nicht alles. Aber eine ganze Menge.» Er kniff ein Auge zusammen und zwinkerte Cathrin zu. «Was meinst du, soll ich Vater sagen, dass es im ‹Parzival› geradezu wimmelt von pflichtbewussten Ehefrauen? Dass es dir guttun würde, das Buch auch zu lesen?»

«Zusammen mit euch, meinst du?»

«Ja, warum nicht! Und ich werde Vater überzeugen, dass Bruder Anselmus dir gut zureden wird, was diese Heirat angeht. Abgemacht?» Erwartungsvoll sah er sie an.

Sie nickte zögernd. «Danke, Thomas.»

«Du wirst sehen, es bringt dich auf andere Gedanken.» Er hätte alles getan, um sie endlich einmal wieder lachen zu sehen.

 

Tatsächlich hatte Johann Mercator keine Einwände, als Thomas ihn ansprach – ja, fast konnte man glauben, den alternden Kaufherrn plage ein wenig das schlechte Gewissen.

«Du musst nicht denken, dass mir die Tränen deiner Schwester gleichgültig sind», erklärte er Thomas nachdrücklicher als nötig. «Das sind sie nicht, bestimmt nicht …»

Wahrscheinlich war er erleichtert, dass er ein Feld gefunden hatte, in dem er sich großzügig und weltoffen zeigen konnte. Und so durfte Cathrin dabei sein, als Anselmus ein paar Tage später in der Stube die Handschrift auspackte: ein dickes, in Leder gebundenes Buch mit Metallschließe, das der Mönch zum Schutz noch in mehrere Lagen Stoff eingepackt hatte wie ein Wickelkind.

Der «Parzival» war ein ungeheuer umfangreiches und kostbares Manuskript. Selbst Cathrin, die wenig Erfahrung in diesen Dingen hatte, erkannte sofort, dass der alte Ansbacher ein Vermögen dafür ausgegeben haben musste. Wie lange wohl mochte der namenlose Kopist gebraucht haben, um Aberhunderte von Seiten mit seiner kleinen Schrift zu füllen?

«Ich habe noch nie so ein wunderbares Buch in der Hand gehabt», flüsterte Anselmus ehrfürchtig und strich sacht mit dem Finger über die Seite, die er aufgeschlagen hatte.

Cathrin beobachtete Anselmus versonnen. Ob er wohl auch schon einmal einen Menschen so berührt hat, dachte sie unwillkürlich. So liebevoll und zart? Ob er weiß, wie das ist?