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Seine Suche nach einer Halbschwester führt Gerd Albrecht nach Athen. Seine Reise ist nicht nur eine Reise nach Griechenland, sondern auch eine Reise durch ein Leben. Da ist die gescheiterte Beziehung, dann die Beziehung, die nicht sein darf und der Wunsch, der nicht auf Gegenliebe trifft, einen Menschen näher kennen lernen zu wollen. Gerd begegnet zwei attraktiven jungen Frauen, die sich um ihn bemühen. Die Gefühle der einen, lebenslustig und extrovertiert, weist er zurück. Er verliebt sich in ihre Schwester, die ihn durch ihre ruhige und behutsame Art anzieht. Sie ist allerdings seine Halbschwester.
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Seitenzahl: 259
Veröffentlichungsjahr: 2020
Herbert Urlaub
Die Suche nach meiner Schwester
Roman
Impressum:
© 2020 Herbert Urlaub
Design Umschlag: Marc Urlaub
Verlag und Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN: 978-3-347-04050-2 (Paperback)
978-3-347-04051-9 (Hardcover)
978-3-347-04052-6 (e-Book)
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Danksagung
Ein besonderer Dank für die Entstehung dieses Buches gebührt meiner lieben Frau Elke Annemarie, die mit Geduld,
Ermutigung und Zustimmung alle meine, wie sie sagt, auch manchmal merkwürdigen, Projekte unterstützt. Dank auch dafür, dass sie beim Korrekturlesen geholfen hat, meine durch lange Auslandsaufenthalte in die Jahre
gekommene Sprache zu entrümpeln.
Vorwort
Die Handlung dieses Romans ist frei erfunden. Auch die Personen in diesem Roman existieren nicht wirklich. Orts- und Straßennamen sind jedoch authentisch. Auch die aufgeführten Musikstücke, deren Komponisten und Interpreten gibt es wirklich, aber die Anmerkungen dazu stellen meine persönliche Meinung dar.
Wir erwarteten Gäste, die wir zum Abendessen eingeladen hatten und kochten für sie. Das heißt, Haris kochte und sie stand meistens am Herd, wenn wir Gäste hatten, die unseren engeren Bekannten oder Freunde zählten. Mit letzteren treffen wir oft zusammen, um uns etwas Leckeres und manchmal Ausgefallenes gemeinsam zuzubereiten, auch weil unsere besten Freunde nicht gut kochen konnten oder wollten. Alltags kochte ich eigentlich meistens, während Haris den restlichen Haushalt machte, das heißt aber nicht, dass ich ihr nicht beim Sauberhalten der Wohnung half. Scheuern der Keramik im Bad war mir nicht unangenehm. Einkaufen gingen wir eigentlich fast immer zusammen, wenn möglich und weil es einfach mehr Spaß machte. Ich könnte mich stundenlang in den großen Supermärkten aufhalten, ohne etwas zu kaufen. Aber bevor wir einkaufen gehen, fragt Haris schon einmal, was wir benötigen, und wo ich hingehen, beziehungsweise hinfahren möchte. Wenn ich ihr dann sagte, dass ich mich vom Angebot inspirieren lassen wollte, bekam ich schon ironische Bemerkungen zu hören, wie: „Mein Gott, es geht schon wieder Tomaten anschauen!“ Eigentlich richtig böse konnte ich ihr dann nicht sein, weil ich doch schon ein wenig dazu neigte, mich in den Märkten gänzlich beim Betrachten der Warenregale und der verschiedenen angebotenen Produkte zu vertrödeln. Manches Mal konnte ich mich kaum losreißen von, wenn nicht gerade exotischer, so doch nicht in unserer Region gängigen Gemüsearten. Inzwischen hatte ich mir angewöhnt, dass was ich glaubte im Haushalt zu benötigen, auf einem Einkaufzettel zu vermerken – leider vergaß ich oft im Geschäft, dass ich ja einen Zettel dabei hatte, oder ich hatte ihn zu Hause liegen gelassen. Und dann kam es wie es kommen musste, einige wichtige Dinge, die wir brauchten, hatte ich dann nicht eingekauft, weil ich schlichtweg vergessen hatte, entweder meinen Einkaufszettel einzustecken oder ihn einfach nicht gelesen hatte. Es kam auch leider ab und zu vor, dass meine liebe Frau nach dem Einräumen meiner Einkäufe Redundanz einiger Artikel im Schrank feststellte. Man kann sich leicht vorstellen, was ‚Mann‘ von ‚Frau‘ zu hören bekommt, wenn sich letztlich herausstellt, dass etwas Wichtiges, ihrer Meinung nach, fehlt, dafür weniger wichtige Waren unnötigerweise mehrfach eingekauft wurden.
Wenn dann Gäste aus dem Freundeskreis kamen, wurde gezeigt, was wir konnten, bzw. was wir glaubten, was sie nicht überall bekommen könnten. Dann koche Haris und ich half ihr beim Schnibbeln des Gemüses oder beim Schneiden des Fleisches.
Wie schon gesagt, wir erwarteten Gäste, und in dem Moment, als ich ihnen die Wohnungstür öffnete, um sie einzulassen, ahnte ich nicht, welche Geschichte der gemeinsame Abend in mir wachrufen würde.
Meine liebe Frau hatte alle Hände voll zu tun mit der Vorbereitung des Abendessens, zu dem wir unsere neuen Freunde, Gerda und Jochen, eingeladen hatten. Eine sehr nette Bekanntschaft, die wir ein paar Monate zuvor in einem Möbelhaus gemacht hatten. Sie waren uns beim komplizierten Verladen eines Regals behilflich gewesen, und so kamen wir ins Gespräch.
Es folgten gelegentliche Treffen, verabredet oder unverhofft, manchmal auf einen kleinen Happen in einem Gasthaus ganz in der Nähe oder auf einen Cocktail in einer Bar. Wir lernten den Internisten und seine Sprechstundenhilfe ziemlich schnell gut kennen. So war die Bekanntschaft zusehends gereift, und meine Frau meinte, es sei Zeit für eine erste Einladung zu uns nach Hause.
Das Kochen für Freunde war uns stets eine Freude, und meist zauberten wir etwas Italienisches auf den Tisch. Heute jedoch stand griechische Küche auf dem Programm. Die Düfte aus der Küche waren unbeschreiblich verlockend.
Wir haben nur wenige Verwandte und die Kontakte zu ihnen sind eigentlich nicht sehr intensiv. Auch haben wir durch wiederholte Umzüge Freunde verloren, was an den großen Entfernungen zwischen ihren und unserem Wohnort liegen mag. So lange man sich noch regelmäßig sieht, gibt es mit der persönlichen Kommunikation keine Probleme. Da kann man auch schon einmal unangemeldet irgendwo bei irgendwem reinschneien. Mit der Entfernung leidet die Kommunikation und das Telefon kann persönliche Kontakte, Mangels der Übertragung von Körpersprache, nicht ersetzten. Jahrelange Erfahrung lehrt, dass die Anzahl der persönlichen Kontakte proportional mit der Zunahme der Entfernung abnimmt. Umsomehr freute uns, dass wir nun wieder zu einem angenehmen Paar freundschaftliche Beziehungen haben.
Er, Jochen, ist eine sehr stattliche Erscheinung und etwas grösser als ich, und wie ich äußerlich beurteilen konnte, auf jeden Fall wesentlich besser im Schuss als ich. Sein noch volles Haar, braun und kein Schimmer von grau, hing ihm bis fast auf die Schultern und bedeckte die Ohren. Nicht unattraktiv! Ein ebenso dunkler Dreitagebart ließ sofort seine wasserhellen grünen Augen auffallen. Braune, modische Cordjeans, schwarzer Rollkragenpullover und braune Sportschuhe aus Wildleder rundeten die gefällige Erscheinung ab. Es ist doch nur natürlich, wenn ich als Mann auch seine Frau bemerkte, da sie halb im Wagen gebeugt wohl dabei war, ihre Einkäufe zu verstauen. Was ich jedoch jetzt schon sofort mit Anerkennung sah und mir mit Vergnügen anschaute, war eine straffe graue verwaschen Jeans, die ihre vollendete Figur akzentuierte, bevor ihr Blondschopf zum Vorschein kam, als sie aus dem Wagen heraus kam. Haris holte mich auf den Boden der Tatsachen zurück, indem sie mich anfauchte, ob ich noch etwas anderes im Kopf hätte, als fremden Frauen auf den Hintern zu schauen. So hatten wir uns also kennen gelernt.
Ich öffnete die Tür und da standen sie, Jochen mit einem großen bunten Blumenstrauß und einen Schritt dahinter Gerda mit einer Flasche Wein in der Hand: „ Hallo, einen schönen guten Abend Gerd, dürfen wir reinkommen?“ Da war es wieder dieses strahlende selbstbewusste Lächeln eines Mannes, mit einer Persönlichkeit, die in sich ruht. Ein Mensch, der nicht vorgeben muss, dass er wichtig ist. Vielleicht ist es diese eine, besondere Charaktereigenschaft, die uns gleich von Jochen eingenommen hat. Er strahlt Selbstvertrauen aus und lässt andere merken, dass sie ihm auch wichtig sein könnten, wenn sie denn wollten, ohne prätentiös zu sein.
„Ach wir dumm von mir, ja natürlich, tretet doch bitte ein!“, sagte ich, als ich mich gefasst hatte, „guten Abend, schön Euch zu sehen.“
„Wo ist denn die Dame des Hauses? Mein Gott, es duftet ja herrlich hier! Hoffentlich ist das für uns!“, sprudelte Gerda heraus als sie und Jochen eintraten.
„Kommt herein und legt ab“, lud ich unsere Gäste ein und führte sie in unser Wohn– und Esszimmer, „macht es euch bequem. Kann ich euch etwas zum Trinken anbieten? Wir hätten da Wein, roten oder weißen, oder einen Gin–Tonic? Ich komme gleich zu euch, stelle nur schnell die Blumen ins Wasser.“
„Gerd schenke unseren Gästen etwas zu trinken ein, bitte“, hörte ich Haris aus dem, an das Wohnzimmer angrenzenden Küchenbereich rufen, der vom restlichen Raum durch eine Art Theke abgetrennt war.
„Bin gerade dabei, agapi mou, muss aber erst herausfinden, was unsere Gäste möchten“, antwortete ich zurück. Unsere Gäste lachten. Gerda fragt, ob wir uns immer durch Zurufen unterhielten.
„ Natürlich nicht“, meinte ich, „nur wenn wir durch Gäste daran gehindert werden, zusammen zu glucken!“
„Hast du was zu mir gesagt?“, kam es von Haris aus der Küche. Wir prusteten alle heraus vor Lachen. Harris kam aus der Küche um den Tresen herum zu uns. „Also gibt es was zu trinken?“ fragte sie mich.
„Geduld mein Herz, wollte gerade die Blumen ins Wasser stellen!“
„Lass mich das machen, Dummerchen! Kümmere dich lieber um die Getränke.“
„Lieber dumm als hässlich“, entgegnete ich, „also meine Lieben, was darf es sein?“, und erntete zunächst, bevor ich eine Antwort auf meine Frage bekam, einen Lacher von unseren Gästen.
„Ich nehme einen Cremant“, bestimmte Harris.
„Da schließen wir uns an“, sagten unsere Gäste wie aus einem Mund.
Ich machte mich daran, Gläser aus dem Schrank zu holen und auf den Tisch zu stellen. Aus der Küche brachte ich eine Flasche Cremant aus dem Elsass, die ich auf dem Weg zurück zu unseren Gästen öffnete, was mir ohne dass der Korken knallte, gelang. Ich schenkte ein und Harris gesellte sich auch wieder zu uns. Zunächst reichte ich den beiden Damen, dann Jochen ein Glass. Nachdem ich mein Glass erhoben hatte, dankte ich unseren Gästen für ihr Kommen und hieß sie im Namen unserer Familie recht herzlich willkommen.
„Es scheint ja ein schöner Abend zu werden, wenn ihr jetzt schon so fröhlich seid“, meinte Jochen.
„Kommt, wir setzen uns und können ja bei den Vorspeisen ein bisschen plaudern“, forderte ich unsere Gäste auf.
„Ja“, macht es euch bitte gemütlich, „ich bringe euch in ein paar Minuten etwas, um den Appetit anzuregen“, fügte Haris hinzu und ging zurück zur Küche.
Während wir darauf warteten, dass Haris zurückkehrte, fragte Gerda, was es denn zu Essen gäbe, das da so köstlich roch. Bevor ich antworten konnte, kam Haris schon wieder mit einer Platte mit kleinen Vorspeisen zurück, die sie selber zubereitet hatte. Haris, die Gerdas Frage gehört hatte, erklärte, dass es Lammkeule aus dem Backofen mit Rosmarinkartoffeln und Pilzen an Olivenöl–Zitronensaft Sauce gebe.
Da wir passionierte Pilzsammler sind, nehmen wir unsere selbst gesammelten Pilze für die Zubereitung. Haris war die ersten Male etwas irritiert, wenn ich ihr im August oder September vorschlug, nach kühleren aber feucht–warmen Nächten zu versuchen, Pilze sammeln zu gehen. Sie war es von zuhause nur gewohnt, auf dem Markt, im Supermarkt oder manchmal im Delikatessengeschäft Waldpilze zu kaufen. Sie erzählte, dass sie manchmal frische Steinpilze, aber meist getrocknete Steinpilze zu kaufen bekamen. Die gängigste Verwendung dieser Pilze war in Saucen oder auch als Vorspeise. Die Küche, die sie von zuhause kannte, verwendete durchaus Pasta, aber selten in der Form italienischer Pasta Gerichte, letztere lernte sie erst zusammen mit mir schätzen.
Heute hat mein Schatz nach griechischer Art eine ganze Reihe warmer und kalter Vorspeisen vorbereitet, wie ich sie auch schätzen gelernt habe und gerne esse. Da sind gebratene gelbe und rote Spitzpaprika, die nach dem Anrichten mit einem guten Essig beträufelt werden; weiße große Bohnen in Tomatensauce mit einem Hauch Minze, Auberginenmus, Tarama, selbst süß–sauer eingelegte Peperoni aus unserem Terrassengarten und gekochte, kalte Octopustücke mit Zitrone beträufelt. Unsere Gäste ließen es sich schmecken und waren ob der Speisen und auch der Weine voll des Lobes. Wir hatten zur Vorspeise einen einfachen aber kräftigen Assyrtiko von Constantin Lazaridi aus Adriani und zum Lamm einen Refosco von Mercouri auf dem Peloponnes gereicht. Ich darf das ja einfach einmal behaupten, obwohl ich kein großer Weinkenner bin, und immer noch gerne ein schönes Bier trinke, dass der Refosco–Rotwein mit zu den leckersten Rotweinen gehört, die ich je gekostet habe. Diese Weine waren übrigens ein Geschenk von Haris Cousin Alexandre. Unsere und der Gäste Laune stieg während des Essens, war bestens und es machte sich eine gelöste Stimmung breit – sicherlich auch wegen des Weingenusses.
Im Verlaufe des Essens erzählen wir uns gegenseitig, wie lang man sich schon kannte oder verheiratet war, wo wir uns jeweils kennen und lieben gelernt hatten. Also das Übliche, wenn man noch nicht allzu viel voneinander weiß, kaum die Lebensumstände der Gesprächspartner kennt, man aber eine Unterhaltung im Gange halten möchte. Es ist ja schwierig Themen zu finden, die gemeinsam interessieren, wenn man nicht sehr intensiv und nicht sehr oft mit einander verkehrt.
Nachdem unsere Gäste und besonders Haris ein schönes Kompliment wegen ihres fehlerfreien und nahezu akzentfreien Deutsch gemacht hatten, fragte Gerda direkt ob Haris vielleicht in Deutschland studiert habe oder gar, wie sie sagte: „ Mit allem nötigen Respekt, nicht dass ihr denkt, dass ich Vorurteile hätte, ganz im Gegenteil, aber bist du hier als Kind von Migranten hier in Deutschland oder der Schweiz aufgewachsen?“
Haris entgegnete sofort, dass sie in Griechenland in einem Vorort von Athen geboren und aufgewachsen war. Sie sei mitnichten das Kind von Migranten, sondern sie sei stolz darauf, Mitglied einer alt eingesessenen und angesehenen Familie Athens zu sein. Dann schaute sie mich an, ich nickte ihr zu und sie fuhr fort, dass wir uns auch dort in Athen kennen gelernt hatten. Für Gerda schien damit ihr Bedarf an weiteren Informationen erschöpft, aber Jochen fragte nach, wieso und wie wir uns in Griechenland getroffen hatten. Haris schaute mich wieder an und dieses Mal nickte ich ihr wieder ermutigend zu. Zunächst bemerkte Haris, dass wir uns in Griechenland kennen gelernt hatten, weil ich gerade in Griechenland in Athen war und wir uns dort begegnet waren. Aber sie fuhr fort, dass sie einer weiteren Frage bezüglich des Grundes meines Besuches in Griechenland vorgreifen wollte. Sie begann schließlich damit, dass sie zunächst um Geduld bäte, wenn sie nicht alle Details erwähnen könnte, da es eine sehr lange Geschichte sei: „Mein Mann war auf der Suche nach Bekannten und eventuell entfernten Verwandten seines Vaters in Athen. Bei gemeinsamen Bekannten meiner Schwester Sotiria und von mir haben wir uns schließlich zufällig gesehen. Vielleicht war es ja auch Schicksal.“ Haris schaute mich lachend an und fuhr dann mit ihrem Bericht fort: „Wir mussten uns unter einander, das heißt Gerd, unsere Bekannten, meine Schwester und ich, in einem wilden Kauderwelsch aus Deutsch, Englisch und Griechisch unterhalten. Ich fand ihn amüsant und charmant, wie er versuchte, sich manchmal mit seiner Kenntnis des Altgriechischen verständlich zu machen. Er benutzte ein teilweise veraltetes Vokabular, aber auf jeden Fall hatte er eine komische Aussprache. Es war eine nette Begegnung, aber ich dachte noch nicht gleich nachher daran, um ein Wiedersehen zu bitten. Das ergab sich dann eigentlich auch wieder beinahe zufällig, ein paar Tage später. Also etwas nach dieser zweiten Begegnung, meine Schwester hatte ja Gerd zuerst kennen gelernt, eingeladen und mich ihm dann bei uns zu Hause richtig vorgestellt.“
„Hahaha gut gebrüllt Löwe“, dachte ich und fragte mich, was ihr als nächstes einfiele, es war nachgerade elegant, wie sie diese Episode aus der Vergangenheit darstellt, denn sie entsprach nicht völlig der Wahrheit.“
Wir hatten unser Essen fast schon beendet, als die Wohnzimmertüre aufgerissen wurde und die Kinder hereinstürmten. Sie kamen zu unserem Tisch, standen hinter Haris Stuhl und zappelten ein wenig herum. Indes dreht sich Haris zu den Kindern hin und strich Eleni die Haare aus dem Gesicht. Darf ich vorstellen: „ Unsere Tochter Eleni 11 Jahre alt und unser Großer, Giorgos, nun beinahe 9 Jahre alt.“ Giorgos schlang seinen Arm um Haris Hals und drückte ihr einen Kuss so auf die Wange, dass es schmatzte. Haris lachte und fuhr fort: „Unsere Lieblinge sind nach ihren Großeltern benannt. Wie ihr vielleicht wisst, ist es eine griechische Tradition, Kinder nach den Großeltern zu nennen, zumindest die Erstgeborenen. Das ist ja in vielen Kulturen üblich, selbst bei uns in Europa, und denkt einmal an die Muslims, bei denen der erstgeborene Bub meist Muhammed genannt wird.“
„Entschuldigen Sie bitte Haris“, unterbrach Gerda Haris Erklärungen, „aber die Kinder, wie soll ich sagen, und ich möchte auch nicht unhöflich sein, ähneln euch nicht im Geringsten. Sie scheinen wohl im Extrem auf die Großeltern heraus zu kommen!“
Haris ließ ihr glockenhelles Lachen erklingen, das ich so an ihr liebte: „Nein sie sehen nicht wie wir aus, aber sie sind waschechte Griechen.“
„Wie sollen wir diesen Widerspruch verstehen? Sie, liebe Haris, sind doch auch selber eine echte Griechin!“
„Na ja einige meiner Ahnen haben wohl das Erbgut mitgebracht, so dass ich ein bisschen weniger dunkles Haar und hellere Augen bekommen habe, als die Gene zwischen meinen Eltern gemixt wurden“, dabei gluckste sie förmlich und grinste mich an und fuhr dann fort: „Vielleicht aber auch möglich, dass in unserer Familie jemand ein Verhältnis mit einem Mitteleuropäer gehabt hatte.“ Sie prustet los über ihren Witz und musste sich richtiggehend den Bauch vor Lachen halten. Als sie sich beruhigt hatte, fuhr sie fort: „Nun im Ernst, dass Griechen wie Südländer aussehen, bzw. in vielen Fällen Menschen aus der Türkei ähneln, hat doch mit dem Bevölkerungsaustausch und den Wanderbewegungen in ganz Europa über viele Jahrhunderte zu tun. Auch der, von den Garantiemächten erzwungene Bevölkerungsaustausch nach dem Krieg zwischen der Türkei und Griechenland, hatte ja zu einer großen Einwanderungswelle von Menschen aus Kleinasien geführt, die dort fast drei Jahrtausende gelebt hatten. Also ihr seht, das Aussehen vieler Griechen entspricht nicht immer dem Klischee von einem Südeuropäer! Nun, um eure Frage zu beantworten, wie wir diese beiden hübschen jungen Menschen bekommen haben“, dabei lachte Haris in Richtung der Kinder. „Es war vielleicht beinahe ein Glücksfall, wenn die Umstände nicht so tragisch gewesen wären, dass wir dann doch noch Kinder bekamen – durch Adoption. Wir haben die Kinder vor fünf Jahren, nach einem schrecklichen und tödlichen Unfall meiner Schwester Sotiria und ihres Mannes, adoptiert. Es war sonst niemand mehr da, der sie hätte aufnehmen können. Da ich zumindest von Eleni die Patentante bin, war es eigentlich für mich klar, dass ich mein Patentamt wahrnehmen musste. Mein lieber Mann hier“, Haris nahm meine Hand, sah mich mit diesem Monalisa–Lächelblick an, der wie ich glaubte, immer nur mir galt, drückt meine Hand und fuhr fort, „war sofort einverstanden und machte gleich Pläne, was er alles mit den Kindern anstellen wollte. Sie wuchsen ihm schnell ans Herz und – es war wohl auch schnell Liebe auf Gegenseitigkeit. Mit Mühe konnte ich ihn davon abbringen gleich, so zu sagen als Willkommensgeschenke Fahrräder zu kaufen. Ich fand das sofort ein klein bisschen albern, da wir doch gar nicht wissen konnten, ob sie sich überhaupt Fahrräder wünschten.“
Gerda sah nochmals zwischen den Kindern und Haris hin und her: „Entschuldigen Sie bitte meine Liebe, meine natürlich auch Sie Gerd, ich möchte wirklich nicht indiskret sein, aber haben sie sich nie eigene Kinder gewünscht?“
„Ach, auch das ist eine lange Geschichte. Wir hatten uns eigentlich immer Kinder gewünscht, konnten aber keine eigenen haben. Wir wollten vielleicht schon, aber es sollte nicht sein.“ Wieder hatte sie elegant die Wahrheit gesagt, ohne die ganzen tatsächlichen Gründe für unsere Kinderlosigkeit offen zu legen. Sie fuhr abschließend fort:
„Können wir es dabei bitte bewenden lassen, bitte? Es ist sicherlich nicht immer leicht für Paare, wenn sie sich Kinder wünschen und keine bekommen. Wir haben jedenfalls Kinder, die wir von ganzen Herzen lieben!“
„Ich wollte ihnen bestimmt nicht zu nahe treten. Entschuldigen Sie, es war schon eine sehr intime Frage!“, beeilte sich Gerda fest zu stellen.
„Nein das ist schon in Ordnung. Diese Dinge darf man ruhig ansprechen, wenn man unter Freunden ist. Und Sie?“, entgegnete Haris, „ haben sie Kinder?
„ Ja, sie sind jetzt schon fast erwachsen. Rosemarie ist 18 Jahre alt und hat gerade begonnen Design zu studieren. Wir haben sie nicht davon abbringen können. Alle Argumente, dass das eine brotlose Kunst sei, wenn man nicht wirklich künstlerisch begabt ist, haben nicht gefruchtet.“
„Und, ist sie künstlerisch begabt?“, fragte ich nach.
Jetzt war es an Jochen, herzlich zu lachen: „ Sie ist so begabt, wie unsere Putzfrau, die auf den Spiegeln nach dem Putzen Schlieren hinterlässt!“
„Du bist gemein“, warf Gerda ein, „sie hat schon ein wenig zeichnerisches Talent.“
„Unser Sohn ist jetzt 16 Jahre und geht ins Gymnasium“, fuhr Jochen fort, „er ist Gott sei Dank recht vernünftig und will Biochemie studieren.“
„Das ist doch tatsächlich sehr vernünftig und bietet viele Möglichkeiten für ein berufliches Fortkommen, insbesondere da Biochemie nicht nur in der Pharmazie sondern auch in der Lebensmittelbranche und Meeresbiologie eine wichtige Aufgabe hat und eine nicht zu unterschätzende Rolle bei der Entwickelung für Ressourcen in der Zukunft spielt“, gab ich zu Bedenken.
„Und was ist mit ihren Beiden? Haben die schon Vorstellungen, was ihnen werden soll?“, sagte Jochen, „ich weiß sie sind noch jung, aber ich kann mir denken, dass es für sie nicht einfach war, hier zu uns ins Land zu kommen. Ich kann mir auch lebhaft vorstellen, dass sie von irgendwelchen Idioten für die Kinder von Wirtschaftsflüchtlingen oder Gastarbeitern gehalten werden. Letzteres sage ich mit aller Vorsicht, aber auch mit Respekt vor den Menschen, die geholfen haben, unseren Wohlstand mit aufzubauen. Aber lassen Sie uns, wenn es ihnen Recht ist, darauf zurück kommen, wo wir stehen geblieben waren – Ihre Reise nach Griechenland, um Freunde und Bekannte ihres Herrn Vaters zu finden? Das klingt spannend!“
Jetzt war es an mir, den Erzählfaden aufzunehmen. Also ging ich ein wenig in die Vergangenheit zurück, um den Grund für meine Reise nach Griechenland zu erklären. Im Folgenden ließ ich die Erinnerung an die Nachforschungen nach meiner und Haris gemeinsamen Schicksal noch einmal aufleben, wenn auch nur für unsere Gäste, wobei ich wohlweislich einige Fakten fortließ, von denen ich annahm, dass sie Außenstehende nichts angingen. Ebenso verschwieg ich, wie und auf welche Weise Haris und ich letztlich und im Detail zusammen gekommen waren. Ich erzählte ihnen eine Geschichte von einem zufälligen Zusammentreffen von mir mit Haris, ihrer Schwester, Mutter und einigen ihrer Bekannten. Die beschwerliche Suche nach den Bekannten des Vaters und schließlich die glückliche Fügung, die Liebe meines Lebens gefunden zu haben. Unsere Gäste waren zufrieden und wir verbrachten noch zusammen einen schönen und anregenden Abend, wobei sicherlich auch Haris Kochkünste und der hervorragende Wein mit beigetragen hatten.
Mich bewegte die Geschichte innerlich immer noch, als wir schließlich unsere Gäste verabschiedet hatten, die Kinder in ihrem Zimmer friedlich schliefen und Haris und ich auch endlich, nach dem Aufräumen, zu Bett gehen konnten. Haris schlief schon, während ich noch hellwach lag. Bevor ich einschlief, zogen noch einmal viele Bilder dessen, was ich in meinen Erzählungen fortgelassen hatte, vor meinem geistigen Auge vorbei. Meine Gedanken wanderten zurück in die Vergangenheit zu einer Geschichte, wie sie gewiß nicht sehr oft vorkommt. Sie bewegt mich emotional immer noch so sehr, dasß ich nicht einschlafen konnte……
*
Ich erinnerte mich, dass mein Vater Leukämie hatte und wiederholt länger in ein Koma gefallen war, das dann manchmal schon 1 Woche oder auch nur 2 bis 3 Tage dauerte. In einem der wenigen wachen Augenblicke hatte er mir viele Begebenheiten auch aus seiner Vergangenheit, die im wichtig schienen, erzählt. Da waren dann aber für mich auch etwas beunruhigende Dinge, die er vorbrachte. Insgesamt waren seine Erzählungen ein wenig verwirrend, und ich hatte den Eindruck, dass er entweder Erinnerungslücken an seine Abenteuer in der Vergangenheit hatte, oder er aber nicht mit der ganzen Wahrheit herausrücken wollte. Immer wieder schweifte er ab und berichtete Belangloses, wie etwa seine erste Probefahrt mit einem BMW. Es war aber ja auch gut möglich, dass der Eindruck, den ich gewinnen konnte, seiner Krankheit und seinem komatösen Zustand geschuldet war. Er befand sich leider insgesamt in einem bedauernswerten Zustand. Ich habe mich oft gefragt, in wie weit er sich selber bewusst war, wie ernst es um ihn stand. Ihn selber zu fragen, hatte ich mich nicht getraut.
Vater sprach auch immer wieder von dem Verlust zweier Söhne durch Unfall und schwere Krankheit und wie schwer es gewesen war, jedes Mal den Schmerz zu verarbeiten. Auch von seinen Brüdern, die er verloren hatte sprach er. Ich fand diese Unterhaltungen indes immer ein wenig morbid. Aber er sagte auch so kryptische Dinge wie, es gäbe Hoffnung und dass nicht alles verloren sei. Was sollte ich mit solchen Bemerkungen anfangen? Eines aber sollte ich wohl seinen Berichten entnehmen: ich hatte vielleicht zwei oder aber mindestens eine Halbschwester.
Einer der Namen, die in diesem Zusammenhang fiel, war Ingeborg. Ein schöner Name, ein Deutscher Name. Unabhängig von der Möglichkeit, von einem bis dahin nicht bekannten Familienzuwachs zu hören, hatte ich versäumt, ebenso wie auch meinen Grossvater, als er noch lebte, die Fragen zu stellen, die ich ihnen hätte als Zeitzeugen der grössten Umwälzungen und Ungeheuerlichkeiten der jüngsten Geschichte , ja fragen müssen. ‚Fragen sollen´ wäre adäquater gewesen, da ich mich heute oft ärgere, dass ich es nicht tat.
Jetzt im Alter bin ich stolz auf meinen Grossvater, hätte aber doch so gerne mehr aus seinem Munde über seine bewegte Vergangenheit erfahren. Vater war verstorben und ich brauchte ein paar Wochen, um, wie man so schön sagt, Trauerarbeit zu leisten. In den ersten Tagen war mir sein Fehlen in meinem Leben nicht unmittelbar bewusst geworden und ich hatte mich bei meiner Tagesplanung öfter dabei ertappt, mir einen Besuch bei meinem Vater in der Klinik vorzunehmen. Ähnlich war es mir nach dem Tod meiner Mutter ergangen, die ich mit einem Bruder abwechselnd über fast drei Jahre in Kliniken besucht hatte. Ich habe Jahre gebraucht, um richtig um sie trauern zu können. In vielen Stunden hatte ich darüber meditiert, wie es denn überhaupt geschehen kann, dass einem der Verlust einer geliebten Person scheinbar nicht nahegeht. Ich habe einfach keinen Verlust empfunden, das heißt, ich hatte mich geweigert, mich mental den unausweichlichen Tatsachen des vollständigen Verlustes zu stellen. Meine Schlussfolgerungen waren immer die gleichen bezüglich was in einem vorgeht, wenn man einen nahestehenden und geliebten Menschen verliert. Zunächst einmal wäre da der Schmerz über den Verlust an sich einerseits und eine Art von Selbstmitleid, dass man etwas fort genommen bekommen hat! Dem kann man sich stellen oder verweigern. Der Verlust wird dann richtig deutlich, wenn man an die Person, die man geliebt hat und die nicht mehr physisch bei einem sein kann, nicht mehr oder nur noch wenig denkt. Wenn ein Mensch aus der Erinnerung verschwindet, glaube ich, erst dann ist diese Person richtig tot. Wird einem dann irgendwann plötzlich bewusst, dass man seit geraumer Zeit dabei war, einen Menschen, mit dem man eng verbunden war, in die Vergessenheit zu schicken, kommt entweder ein Gefühl der Reue oder der Gleichgültigkeit auf. Das schlimmste aber, womit ich nicht umgehen kann, ist mit der Betroffenheit derer, die nicht wie ich direkt betroffen sind, wenn ich einen Verlust hatte oder erkrankt war.
Eines Morgens als ich im Bad nach dem Aufstehen vor dem Spiegel stand, fiel mir auf, dass ich alt wurde. Auch mein Kurzhaarschnitt sah plötzlich nicht mehr schick oder modern aus, sondern ist eine wenig elegante Art zu kaschieren, dass auch an einigen Stellen die Haare nicht mehr so dicht stehen, dünner sind und wohl auch ausgehen. Ich hatte eigentlich immer gehofft, auf meinen Grossvater heraus zu kommen, der noch mit 95 Jahren alle Haare auf dem Kopf und noch seine eigenen Zähne hatte. Was für ein Unterschied zu mir, meinen Brüdern und Vater. Auch mein Morgenkaffee, eine wichtige Begebenheit nach dem Aufstehen, konnte mich nach diesen Einsichten nicht mehr aufheitern.
Ich versuche einfach einige Gedanken und Erinnerungen zu ordnen. Natürlich ist mir bewusst, dass man Ereignisse rückwirkend nicht ändern kann, aber es ist doch gerechtfertigt, manches Mal darüber nach zu denken, was hätte anders geschehen können, wenn man sich in Situationen, die man sich in Erinnerung ruft, anders verhalten hätte. Vielleicht schweife ich mit meinen philosophischen Exkursen ab, aber ein Leben ist doch auch ein wenig mit einem grossen Bahnhof zu vergleichen, mit vielen Weichen, die Züge vorherbestimmte Richtungen einschlagen lasse. Ist das in der Tat so und könnte es sein, dass die Richtung, die ein Leben nimmt, vorher bestimmt war? Daran glaube ich eher nicht!
Vielmehr hat man an einer Stelle des Lebens eine Richtung eingeschlagen, und manches Mal hätte man auch eine andere Richtung wählen können. Im Gegensatz zu Max Frisch in „Mein Name sei Gantenbein“, wo in der Vorstellungswelt Biografien und Identitäten sich verändern, mag ich mir nicht vorstellen, was wann und wie anders sein könnte. Zurückschauen möchte ich – und dann und wann die Frage stellen, warum ich etwas getan habe oder auch nicht.
Ist es eigentlich eine Frage des Alters, gegebenenfalls auch der gemachten und gesammelten Erfahrungen geschuldet, dass man all die Fragen, die nicht gestellt wurden und die einem nun durch den Kopf gehen, hat retrospektiv fragen mögen. Hatte man es nicht gewagt oder hatte man sich nicht dafür interessiert?
Nach meines Vaters Tod, hatte ich geglaubt, wird reiner Tisch gemacht, wird Licht ins Dunkel gebracht – jedenfalls hatte ich mir das vorgenommen. Als ich den Entschluss gefasst hatte, meine Nachforschungen zu beginnen, konnte ich noch nicht im Geringsten ahnen, dass ich irgendwann später ein Teil meiner Prinzipien, die bis dahin mein Leben bestimmt hatten, über Bord werfen würde.
Zu diesem Zeitpunkt war mir außerdem noch nicht bewusst geworden, welchen Einfluss oder Wirkung denn meine Nachforschungen auf das Leben der Personen haben könnte, die ich treffen und befragen wollte. Dies wurde mir erst viel später klar, als ich schließlich tiefer in die Lebensgeschichte Vaters, und der mit ihm schicksalhaft verbundenen Personen, eingedrungen war. Auch hatte ich mich nie gefragt, warum denn die Personen, die einen solchen Einfluss auf Vater gehabt und sein Leben in eine bestimmte Richtung gelenkt hatten, sich nicht meldeten. Hatten sie denn eigentlich kein Verlangen danach Aufklärung und Gewissheit über ihr Schicksal verbunden mit dem meines Vaters zu erlangen? Man muss sich doch wirklich immer fragen, wenn man allgemein plötzlich den dringenden Wunsch verspürt, jemanden nach längerer Zeit sehen oder besuchen zu wollen, warum die in Frage kommende Person sich noch nicht gemeldet hat?
Nun, die Freunde meines Vaters aus längst vergangenen Zeiten, wie es schien, hielten ja bis zu ihrem eigenen Tod noch den Kontakt zu ihm aufrecht. Auch sein griechischer Freund war ihm zeitlebens verbunden geblieben.
Da war nun also diese Geschichte mit vielleicht einer Frau oder eines Mädchens Namens Ingeborg. Meine Brüder und ich hatten sie flüchtig bei einer Familienfeier kennen gelernt. Sie saß zwischen uns Brüdern, und erst bei der Betrachtung der Bilder, die wir an jenem Abend aufgenommen hatten, fiel uns die verblüffende Ähnlichkeit dieser Frau Ingeborg, wie ihr Name war, mir uns Brüdern auf. Ich gestehe, dass ich zunächst an mir keinerlei emotionale Gefühle verspürte, diese Person war mir schlichtweg gleichgültig.
*
Bis nach Berlin war ich gekommen, um meine ganz private Familienforschung voran zu bringen. Der Besuch hatte nicht viel gebracht, und an Vaters letzter Geliebten in der ehemaligen Hauptstadt der DDR bin ich gescheitert. Sie redete mich stets mit dem Namen meines Vaters an und zeigte mir ein Bild, auf dem Sie mit meinem Vater zu sehen war. Sie halb liegend in oder noch halb sitzend in einem riesigen Sessel und er, mein schmucker Vater in Sportkleidung, sitzt auf der Sofalehne und lächelt mit verschleiertem Blick in die wahrscheinlich mit Selbstauslöser betätigte Linse. War dies eine Aufnahme, die nach oder vor der Zeugung einer meiner anderen Schwester gemacht wurde?
