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Werner Gärtner erzählt, dass er eine Schuld mit sich herumtrage, und wie es dazu kommen konnte. Aus heiterem Himmel war völlig unerwartet bei ihm eine junge Frau aufgetaucht, die behauptete, seine Tochter zu sein. Er wollte sich lange nicht damit abfinden, eine Tochter zu haben. Durch sein Verhalten hatte er sie beinahe in den Tod getrieben. Sein Verhältnis zu ihrer Mutter Alina war einst gescheitert, und sie verließ ihn noch vor der Geburt ihrer gemeinsamen Tochter Malaika. Auch längere Beziehungen zu anderen Frauen kamen nicht zustande, da er rücksichtslos seine beruflichen Pläne verfolgte. Ein paar Kinderschuhe, die längst vergessen in seinem Bücherschrank geschlummert hatten, bringen ihm schließlich das lang ersehnte Glück und Zufriedenheit.
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Seitenzahl: 270
Veröffentlichungsjahr: 2023
Herbert Urlaub
MalaikasSchuhe
Roman
Im Selben Verlag vom Autor erschienen:
Eine griechische Reise
Die Suche nach meiner Schwester
Erinnerungen eines Glückspilzes
Sie verschwand wie in einem Nebel
Im Karin Fischer Verlag:
Ich denke immer an dich
Copyright: © 2023 Herbert Urlaub
Umschlag & Satz: Erik Kinting – www.buchlektorat.net
Umschlaghintergrund: Marc Urlaub
Verlag und Druck:
tredition GmbH
An der Strusbek 10
22926 Ahrensburg
Softcover
978-3-347-92088-0
Hardcover
978-3-347-92089-7
E-Book
978-3-347-92090-3
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Für Elke Annemarie
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Nach einem langen Abend am Schreibtisch war ich müde geworden. Ein Blick auf die Uhr auf dem Schreibtisch sagte mir, dass es schon lange nach Mitternacht war. Wieder einmal hatte mich eine Geschichte nicht losgelassen – ich musst sie einfach zu Papier bringen, so unglaublich sie klingen mochte. Den Anstoß dazu hatte ein Gespräch mit meinem Bruder, Robert Gärtner, gegeben. So schrieb ich denn auf, welche Schuld ich mit mir herumtrug, und was ich meinem Bruder darüber erzählte. Aus heiterem Himmel war völlig unerwartet bei mir eine junge Frau aufgetaucht, die angab meine uneheliche Tochter zu sein. Schon einmal hatte ich befürchtet, dass ich ein uneheliches Kind haben könnte. Es kam mir ziemlich ungelegen, als ich daran dachte. Aber zu dem Zeitpunkt hatte sich das, heute muss ich sagen, noch nicht bewahrheitet, sodass ich die Begebenheit für Jahre wieder vergessen hatte. Dann Jahre danach stand ein uneheliches Kind buchstäblich vor meiner Tür. Weil ich mich zunächst nicht damit abfinden konnte, eine Tochter zu haben, hatte ich sie beinahe in den Tod getrieben. Die Geschichte, wie es dazu kommen konnte, halte ich unter Verschluss, und Malaika wird sie erst nach meinem Ableben zu lesen bekommen. Ich glaube fest daran, alles getan zu haben, meine Fehler wieder gutgemacht zu haben. Es ist mir wichtig nichts zu riskieren, sie eventuell zu verlieren, nachdem ich sie schließlich wiedergewonnen hatte.
Robert hatte mich besucht, da er an einer Präsentation seines letzten Romans Sie verschwand wie in einem Nebel auf der internationalen Buchmesse teilnehmen würde. Auf seiner Fahrt nach Frankfurt wollte er bei mir Zwischenstation machen, wie er mir am Telefon erzählte und angefragt hatte, ob sein Besuch gelegen käme. Nach meiner Einladung hatte Robert beschlossen, ein paar Tage bei mir zu bleiben. Wegen der räumlichen Entfernungen zwischen seinem Wohnort in Fribourg in der Schweiz und uns in Freiburg, sahen wir uns nicht sehr häufig. Wir telefonierten gelegentlich, aber wie jeder weiß, kann ein Telefonat persönlichen Kontakt auf Dauer nicht ersetzen.
Er brachte uns mit Grüßen von meiner Schwägerin Beatrice und Nichte Annabelle einige spezielle Käse aus der Region Gryère und Schokolade von Villars in Fribourg mit. Robert war am Spätnachmittag mit seinem Auto angekommen und hatte seine Siebensachen in einem der Gästezimmer untergebracht. Er kam aber gleich wieder zurück zu mir und feststellte, dass das Zimmer besetzt sei, da dort ein Paar modische Jeans, ein T-shirt und ein bunter Damen Seidenschal über der Lehne eines Stuhl lagen. Ich war gerade dabei Kaffee zu machen und schlug ihm vor, doch das Zimmer daneben zu beziehen – dass sei definitiv nicht belegt. Alsbald kam Robert zurück, und wir setzten uns. Natürlich fragte er mich, wer denn dass Zimmer bewohnte, in das er zuerst gegangen war. Dass meine Tochter immer noch bei mir wohnte, glaubte ich ihm erzählt zu haben, als wir das letzte Mal telefonierten. Mein Bruder aber meinte, sich erinnern zu können, habe es aber schlichtweg vergessen. Für ihn hätte es so geklungen, als ob es nur für vorübergehend gewesen war. Angelegentlich bemerkte er, es sei eine glückliche Fügung, dass ich ein so großes Haus gekauft hatte, aber was geschehe denn mit der ersten Etage, stünde sie leer? An der Haustür habe er am zweiten Briefkasten kein weiteres Namensschild gesehen. Dass an dem einen Briefkasten zweimal etwas mit dem Namen Gärtner stand, war ihm entgangen. Bevor ich noch den Kaffee holte, den ich gemacht hatte, legte ich ihm dar, die Wohnung oben war tatsächlich nicht bewohnt oder vermietet, weil ich meine Ruhe haben wollte. Weiterhin würde man Mieter bei der einschlägigen Gesetzgebung zum Mieterschutz sowieso unter Umständen nie wieder los.
Nach dem Servieren des Kaffees waren wir gerade in einer Unterhaltung vertieft, in der er mich auf den letzten Stand brachte, was sein Schreiben, Verlag, Frau und Kind anbelangte, als wohl die Wohnungstür geöffnet wurde. Bald darauf trat meine Tochter Malaika ins Zimmer. Als sie meinen Bruder sah, ging ein Strahlen über ihr Gesicht und sie eilte auf ihn zu.
„Onkel Robert, das ist ja eine schöne Überraschung, dich hier zu sehen!“, rief sie aus, „hoffentlich bleibst du ein bisschen bei uns, dann kann ich dir meine schriftstellerischen Bemühungen zur kritischen Beurteilung zeigen. Ich muss eine Arbeit für ein Seminar nächste Woche einreichen Was machen Tante Beatrice und Cousine Annabelle?“
„Denen geht’s gut. Danke der Nachfrage. Liebe Grüße soll ich bestellen und sie lässt dir ausrichten, dass sie sich freute, wenn du sie einmal besuchen kämst! Mein Gott, Malaika, du bist ja noch hübscher geworden, seit ich dich das letzte Mal gesehen habe. Übrigens habe ich auf die Anrichte ein Exemplar meines letzten Buches gelegt. Ja, du kannst mir gerne zeigen, was du geschrieben hast. Aber sag mal, wo kommst du jetzt her?“
„Vom Seminar in der Hochschule, du Schmeichler! Wenn du nicht vergeben wärest, würde ich dich auf der Stelle weg heiraten. Du siehst auch gut aus, mein lieber Onkel!Aber im Ernst, gerne besuche ich euch im schönen Fribourg in den Semesterferien, wenn es recht ist.“
Beide lachten herzlich. Dann erst kam Malaika zu mir, setzte sich neben mich und gab mir einen Schmatz auf die Wange: „Guten Abend Papa. Alles im grünen Bereich?“
„Ja mein Schatz, keine besonderen Vorkommnisse! Guten Abend erst mal. Hattest du einen guten Tag?“
„Ach Papa, ja das Übliche, aber sonst o.k.“
„Gehst du mit Robert und mir nachher aus? Ich habe nicht groß gekocht. Ich dachte, wir gehen vielleicht zum Griechen, wenn euch das recht ist.“
Malaika stand auf und meinte, sie sei einverstanden, mit was immer wir Brüder entschieden. Dann verabschiedete sie sich kurz, da sie noch ein paar Dinge in ihrem Zimmer zu erledigen hätte. Wir sollten ihr Bescheid geben, wenn wir gehen wollten, fügte sie hinzu, und ließ uns alleine. Ich kam nicht umhin festzustellen, dass Robert ihr wohlwollend hinterher sah, was mich schon recht stolz auf meine Tochter machte.
„Ihr seid ja ein Herz und eine Seele“, meinte Robert, „sie sieht blendend aus deine hübsche Tochter. Sie ist also nach der Entlassung und der Reha bei dir schließlich wieder eingezogen. Wir haben uns darüber eigentlich nie unterhalten, außer dass du uns damals bei unserem Telefonat kurz mitteiltest, sie sei wieder gesund. Wie lange ist sie denn schon aus der Reha und lebt jetzt bei dir? Und was ist das für eine Hochschule, die sie fast den ganzen Tag vereinnahmt?“
„Also der Reihe nach Bruder. Malaika hatte sich entschieden, schon bevor sie zu mir kam, Kunst, Gestaltung und Medien zu studieren. Erst nach Abschluss als Master, so genau kenne ich mich auch nicht aus, will sie sich endgültig entscheiden, was sie einschlagen will. Ansonsten ist es bald ein halbes Jahr her, dass sie entlassen wurde und ich sie von der Klinik abgeholt hatte. Seitdem ist bei unserem ansonsten Einerlei des Tagesablaufs nicht viel Aufregendes passiert.“ „Also Werner, ich muss schon sagen, von dem schweren Unfall und seinen Folgen ist Gott sei Dank, soweit ich sehen kann, nicht viel mehr geblieben. Sie hüpft ja wie ein junges Reh, obwohl einige ihrer Knochen doch genagelt werden musste. Oder wie nennt man das? Ist ja auch egal! Die Kerle müssen sich ja um sie reißen! Du hast mir nie so richtig gesagt, wie es zu dem Unfall kam. Sie war vor eurem Haus von einem Auto angefahren worden, hattest du uns damals erzählt. Du musstest ziemlich durcheinander gewesen sein. Erst deine Ankündigung, dass sich nach all den Jahren eine leibliche Tochter bei dir gemeldet hatte. Dann auch noch wusstest du nicht, dass sie existierte. Dein Bericht über ihr plötzliches Erscheinen bei dir, war mir doch mit ziemlicher Skepsis behaftet. Dass sie ihre Mutter verloren hatte und deswegen ihren Vater gesucht hatte, erschien selbst mir ein wenig, wie soll man sagen, erfunden. Als Nächstes erfahren wir, dass sie bei dir wohnt. Du sagtest damals, sie habe sich bei dir einquartiert, und richtig begeistert klang das nicht. Anschließend hatten wir einige Zeit nichts mehr von dir und ihr gehört. Schließlich aus heiterem Himmel dein verstörter Anruf, dass sie, wie du am Telefon sagtest, nach einem Autounfall in der Klinik im künstlichen Koma liege. Was ist also damals passiert?“
„Nun gut, lange habe ich nicht darüber sprechen können und es auch verdrängt. Als Malaika dann endlich aus dem Koma geweckt wurde, hatte sie glücklicherweise eine retrograde Amnesie. Mit der Benachrichtigung sie werde aus dem Koma aufgeweckt, bat man mich, in die Klinik zu kommen. Du kannst mir glauben, dass ich fürchterliche Angst hatte, wenn ich dann an ihrem Bett stünde, sie gerade aufgewacht wäre und sähe mich.“
„Entschuldige Werner, warum und wofür hattest du Angst, wenn sie dich sehe? Dass sie dich nicht erkennen würde?“
„Nein, nein, den Grund dafür muss ich dir erklären, denn es wird eine längere Geschichte. Ich fürchtete, falls sie aufwachte, dass sie mich nicht sehen wollte, weil sie mir die Schuld an ihrem Unglück geben könnte. Robert du weißt ja nicht, warum dieser blöde Unfall passiert ist. Was vorher geschehen ist, und weshalb ich schon irgendwie Schuld an ihrem Unfall habe, habe ich dir nicht erzählt. Verstehe mich bitte nicht falsch, aber ich bin nicht direkt Schuld.“
„Du sprichst in Rätseln, Werner!“
„Es fällt mir schwer, darüber zu reden, weil ich unabhängig von dem Unfall, Unrecht an ihr begangen habe!“
„Großer Gott, Werner, du hast doch hoffentlich nichts getan, für das du dich schämen müsstest – du weißt schon, was ich meine!“
„Nein, habe ich nicht! Ja ich weiß, was du meinst. Ganz bestimmt nicht, was man denken könnte. Ich kenne dich ja schon ein paar Jahre und weiß, dass das was ich mir endlich von der Seele reden muss, von dir nicht falsch verstanden wird. Bisher habe ich mit niemanden darüber gesprochen, ganz einfach, weil ich mich wegen meiner Niedertracht und an Malaika begangenem Unrecht so sehr geschämt habe.
Gaube mir, ich habe oft gedacht, vielleicht auch gehofft, dass sie nicht meine Tochter wäre. Es war schon eine lange Zeit her, dass ich weibliche Gesellschaft gehabt hatte, und nun kam diese junge, wundervolle Frau und wollte bei mir leben. Gütiger Gott, was für eine Versuchung, und überhaupt daran zu denken, sie könnte mehr für mich sein als nur meine Tochter. Eine Zeitlang, als Malaika in der Klinik war, hatte ich tatsächlich nicht akzeptieren wollen, dass sie meine Tochter sei. Trotzdem wünschte ich es mir in meinem tiefsten Inneren. Regelmäßig bin ich zu ihr in die Klinik gefahren, habe an ihrem Bett gesessen und dabei mit ihr gesprochen. Auch um Verzeihung habe ich sie gebeten. Manchmal haben ihre Augenlider geflattert, und ich wollte glauben, sie verstünde mich. Es ist mir auch schon passiert, dass ich abends, wenn ich nach der Visite gekommen war, das klinische Personal dort war sehr verständnisvoll, dass ich eingeschlafen bin und ihre Hand noch ergriffen hatte.
Ich glaube, ich kann Lot verstehen, auch wenn ich nicht weiß, wie seine Töchter ausgesehen haben, aber sie müssen meiner Malaika geähnelt haben: jung, schlank, dunkelblondes Haar mit einem leichten roten Schimmer und strahlend blaugrünen Augen, wenn sie dich anschaut. Allerdings haben Lot Töchter wohl keine engen Jeans getragen, die unterhalb der Hüfte, wie durch ein Wunder nicht herunter rutschten und ihre Figur zusätzlich betonten. Es hätte mich erwischt, wie gesagt, wenn sie nicht meine Tochter gewesen wäre. Allerdings selbst unter Einfluss von Alkohol würde ich mich nicht auf ein sexuelles Abenteuer einlassen! Ich weiß, ich spinne und rede Blödsinn.“
Wir beiden Brüder lachten herzlich über meinen albernen Scherz, aber Robert ließ nicht locker: „Lass uns vielleicht noch einen Spaßmacher trinken, wir haben noch eine Menge Zeit, bevor wir essen gehen. Übrigens, ich freue mich wirklich hier bei euch zu sein und mit euch den Abend zu verbringen. Aber fahre doch fort und kläre mich auf, was denn wirklich Schreckliches passiert ist, dass du damals darüber nicht sprechen wolltest.“
„Also, es muss raus, und ich versuche es schnell los zu werden. Malaika war schon eine Weile bei mir und ich empfand es durchaus als angenehm, aber es nagten trotzdem immer Zweifel an mir. Dann, eines Tages, als ich glaubte Beweise zu haben, dass sie nicht meine Tochter sei, habe ich es ihr gesagt.“
„Werner, was hast du ihr gesagt?“
„Nun, es ergab sich die Gelegenheit, glaubte ich, nach einem kleinen Streit ihr vorzuwerfen, sie hätte sich mit falschen Behauptungen mein Vertrauen erschlichen. Ein Wort gab das andere, und ich wurde heftig und schleuderte ihr entgegen, dass sie wahrscheinlich sowieso nicht meine Tochter sei!
Sie sagte kein einziges Wort, und ich bemerkte nur, dass sie zu weinen begann. Ich wollte mich entschuldigen, ihr sagen dass ich es so nicht gemeint hätte. Sie stand da blickte zu Boden und ballte die Fäuste. Dann öffnete sie die Fäuste, schüttelte ihren Kopf und sah mich mit einem unendlich traurigen Blick an. Ich war einen Moment sprachlos, aber sie drehte sich nur um und ging in ihr Zimmer. Die Tür hatte sie leise geschlossen, obwohl ich erwartet hatte, sie würde sie laut zuschlagen. Es dauerte eine Weile, dann kam sie aus dem Zimmer, hatte ihren Koffer in der Hand, mit dem sie gekommen war, dann ging sie ohne ein Wort zu sagen und sich zu mir umzudrehen zur Wohnungstür und verschwand. Ich war natürlich irritiert und wusste für den Moment nicht, was ich denken oder tun sollte.
Ich war noch ganz in Gedanken, da hörte ich nach einen Augenblick draußen diesen entsetzlichen Krach, wie von kreischenden Bremsen und dann tat es einen fürchterlichen Schlag und einen Knall. Hastig überquerte ich den Raum und lief zum Fenster. Draußen vor dem Haus sah ich ein Auto und davor jemanden liegen. Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt, sodass ich lediglich die Umrisse der liegenden Person erkennen konnte. Daraufhin vermutete ich, dass das Auto die Person wohl frontal erfasst hatte, denn auf der linken Seite war der Kotflügel eingedellt und von einem Scheinwerfer war das Glas zersplittert. Verstreut lagen Glassplitter teilweise auf der Straße und auf der Person, die vor dem Auto lag. Ich holte das Telefon von der Kommode im Flur und rief sofort die Ambulanz an, während ich noch am Fenster stand. Dann sah ich, dass der Fahrer ausstieg und weglaufen wollte, aber ein Nachbar von gegenüber, der den Vorfall wohl beobachtet hatte, lief zu dem Fahrzeug und hielt den Fahrer fest. Sofort rief ich auch noch die Polizei an und schilderte die versuchte Fahrerflucht. Dann nahm ich eine starke Taschenlampe aus dem Schrank und lief nach draußen, um den Nachbarn zu unterstützen und gegebenenfalls der verunglückten Person erste Hilfe leisten zu können.
Auf der Straße bei dem Fahrzeug angekommen, von Ferne konnte man bereits die Sirenen der Ambulanz und der Polizei hören, leuchtete ich mit der Taschenlampe auf die Person, die da auf der Straße lag. Dann durchfuhr mich ein Schreck und die Knie wurden mir weich – vor mir mit einer Blutlache am Kopf lag Malaika. Wie geistesabwesend nahm ich ihre Tasche an mich, die völlig intakt war. Der Nachbar rief noch, was ich mit der Tasche machte, worauf ich noch zurückrufen konnte, dass das Opfer meine Tochter sei. Das schien ihm zu genügen. Später sollte es ein „Segen“ sein, dass ich Tasche an mich und mit in die Klinik genommen hatte. Aber dazu später!
Ich musste mich setzen, aber außer dem Bordstein war da nichts. Ich bekam kaum mit, dass mich ein Sanitäter ansprach und fragte, ob ich Hilfe brauchte. Ich schaute ihn an und sagte nur: „Da liegt meine Tochter!“
Er griff mir unter den Arm und führte mich zu der Ambulanz, in der schon Malaika auf der Liege lag. „Sie lebt. Sie hat Glück im Unglück gehabt. Außer einer Platzwunde am Kopf, Prellungen und ein Schädel-Hirn Trauma hat sie wohl sonst keine nennenswerten Verletzungen, soweit wir das hier beurteilen können. Nach der Untersuchung in der Notfallstation wissen wir mehr. „Wollen Sie ein Beruhigungsmittel?“, fragte er mich noch, was ich aber verneinte. Natürlich wollte ich wissen, ob ich mit Malaika in die Klinik fahren konnte.
Als ich in das Ambulanzfahrzeug einstieg, kam ein Polizist auf mich zu und rief dem Fahrer zu, der im Begriffe war, einzusteigen, er möchte einen kleinen Moment noch warten. Er fragte mich, ob ich den Unfallhergang beobachtet hätte. Ich schüttelte nur den Kopf, aber sagte ihm, dass das „Schwein“ von Fahrer, dass meine Tochter beinahe auf dem Gewissen gehabt hätte, abhauen wollte, nachdem der Unfall passiert war. „Haben Sie dann also nach dem eigentlichen Unfall selber gesehen, dass der Fahrer Fahrerflucht begehen wollte?“, insistierte er. Ich bejahte und sagte ihm, dass ich noch in der Wohnung gehört habe, wie es draußen gekracht hatte. Worauf der Polizist nur meinte, er käme dann noch in die Klinik, um meine und meiner Tochter Personalien aufzunehmen.
Auf der ganzen Fahrt zur Klinik saß ich neben ihr und hielt ihre Hand. So sehr ich mich bemühte und sie ansprach, wie leid es mir tat, was passiert war, bekam ich dennoch keine Antwort. Der Notarzt meinte nur trocken: „Sie hört sie nicht, sie ist in einem Schockzustand. Warten wir´s ab!“
Noch im Ambulanzfahrzeug hatte ich den Parka, den sie bei dem Unfall getragen hatte, an mich genommen. Später würde ich ihn reinigen lassen und falls notwendig, durch einen anderen ersetzen. Solche absurden Gedanken gingen mit durch den Kopf, da kannst du dir vorstellen, was in mir vorging. In einer Innentasche fand ich ihre Geldbörse, die neben Kreditkarten, einigen Geldscheinen, und glücklicherweise den Personalausweis und die Gesundheitskarte enthielt. Die letzteren konnte ich natürlich gut gebrauchen, als ich an der Rezeption das Einlieferungsformular ausfüllen sollte. Natürlich ließen sie mich nicht mit ins OP und später auf die Intensivstation. Also setzt ich mich auf einen der Stühle, die in dem Foyer vor der Station standen. Ich habe nicht auf die Uhr geschaut und war vielleicht ein wenig eingenickt, nachdem der freundliche Polizist unsere Personalien aufgenommen hatte und gegangen war. Gott sei Dank hatte er nicht weiter insistiert, um herauszufinden, warum Malaika um dieser Zeit auf der Straße vor unserem Haus war. Auf meine Frage, was das mit dem Unfall zu tun hätte, meinte er, es könnte vielleicht hilfreich sein. Ob sie Alkohol getrunken haben könnte, bevor sie das Haus verlassen hatte, fragte er noch, kam aber nicht auf seine Frage zurück, warum sie über die Straße gegangen war. Eigentlich wäre es unerheblich für die Ursachenermittelung, da der Lenker des Fahrzeugs unter Alkohol stand und viel zu schnell gefahren war. So müsste er annehmen, dass meiner Tochter keine Schuld traf, eventuell den Unfall durch Unachtsamkeit beim Überqueren der Straße verursacht zu haben.
Erst jetzt wollte ich einen Arzt sprechen, um herauszufinden, wie es Malaika ginge. An der Rezeption draußen vor der Station erklärte sich die freundliche Schwester bereit, den Stationsarzt anzurufen, als ich ihr erklärte, schon seit einiger Zeit zu warten und wissen möchte, wie es meiner gerade eingelieferten Tochter ging.
Der Stationsarzt kam schließlich und ließ sich von der Schwester hinter dem Schalter Malaikas Akte geben und stellte sich als Doktor Gerber vor. Ich nannte ihm meinerseits meinen Namen, worauf er gleich fragte: „Doktor Werner Gärtner. Kollege?“
„Nein, Anthropologe. Ich bin Professor an der hiesigen Universität.“ „Interessant, vielleicht dürfen wir Sie einmal bei einer unserer Fortbildungsseminare als Referent begrüßen.“ „Sicherlich, sicherlich gerne, aber bitte, was jetzt viel wichtiger ist, wie geht es meiner Tochter?“
„Ihre Tochter, Herr Gärtner? Hier steht Malaika Sommer. Erklären Sie uns das bitte, weil wir Ihnen sonst keine Informationen bezüglich des Zustandes der Frau Sommer geben dürften!“
„Malaika Sommer lebt bei mir, und ist meine Tochter“, das sollte doch wohl als Erklärung genügen, gab ich dem Doktor Gerber zu Bedenken.
Damit wollte er sich allerdings nicht zufrieden geben: „Also Herr Gärtner hier steht zwar Malaika Sommer, und doch sie soll ihre Tochter sein, so behaupten Sie! Wieso heißt sie nicht Gärtner? Ist sie verheiratet, und wo ist dann ihr Mann?“ „Nein meine Tochter ist nicht verheiratet, aber sie ist meine uneheliche Tochter. Ihre Mutter, Adelheid Sommer, war bis zu unserer Trennung, meine Lebensgefährtin. Wenn sie nicht zu mir gehörte, würde ich dann ihre Ausweise bei mir haben?“
„Wenn es nicht so wäre, hätten Sie sicherlich nicht Frau Sommers Sachen dabei Herr Gärtner. Nun gut, wir können und müssen das eventuell später noch vertiefen!“
„Warum vertiefen?“, wollte ich natürlich wissen.
„Falls es noch Komplikationen geben sollten, müssen wir einen voll umfänglichen verantwortlichen Ansprechpartner haben. Ihre Tochter, wir wollen es fürs erste dabei belassen, geht es den Umständen entsprechend gut. Sie hat ein Schädel-Hirn Trauma und eine große Wunde an der linken Hälfte des Schädels, die wir gut versorgen konnten. Wenn die Haare nachgewachsen sind, wird man es kaum mehr sehen.“
„Entschuldigen Sie Herr Doktor Gerber, wie geht es ihr denn nun?“, langsam wurde ich ungeduldig.
„Sie liegt Koma und wir stabilisieren sie nun; das wird eine Zeit brauchen.“
„Wie lange?“
„Das wissen wir nicht. Sie können im Moment nichts für sie tun. Sie sollten nach Hause gehen und sich ausruhen. Wir informieren Sie, wenn sich etwas ändert.“
„Darf ich sie besuchen?“
„Sicherlich dürfen Sie das, nachdem wir geklärt haben, dass sie ein enger Angehöriger sind. Melden Sie sich bei Schwester Annie hier. Wenn Sie noch Fragen haben, rufen Sie mich an. Gute Nacht Herr Gärtner.“
Schwester Annie stand noch da und hielt eine Plastiktüte, die sie mir übergab und erklärte, dass es sich um persönliche Schmuckstücke von Frau Sommer handelte. Ich sollte sie an mich nehmen, bis sie aufwachte und auf die medizinische Station käme.
Ich hatte ja immer noch Malaikas Reisetasche und fragte die Schwester Annie, ob ich sie da lassen könnte, falls sie etwas brauchte. Ein schneller Blick in die Tasche zeigte mir oben auf vor allem Unterwäsche, ein Kulturbeutel mit lauter Kram wie Haarbürsten, Zahnbürste, Zahnpasta, Lippenstift und dann andere Kleidungsstücke. Da war noch ein Briefumschlag, den ich zusammen mit den Schmuckstücken, Ringe, Armreifen und Halsketten, wie schon vorher die Geldbörse, an mich nahm und der Schwester die Tasche übergab. Dabei bat ich sie, mich wissen zu lassen, falls meine Tochter es brauchte, denn es sollte ihr an nichts fehlen.
Als ich nach Hause kam und in die Wohnstube ging, sah ich, dass auf dem Anrufbeantworter vom Telefon, das auf dem Sekretär stand, die Anrufanzeige leuchtete. Geistesabwesend nahm ich Malaikas Sachen mit dem Umschlag und legte alles in die Schublade vom Sekretär. Hätte ich doch nur in den Umschlag geschaut, den ich über den Anruf, der übrigens völlig belanglos war, total vergessen hatte – und dabei sollte es noch eine ganze Weile bleiben. Als ich in die Küche ging, um etwas zu essen, verspürte ich zum ersten Mal so etwas wie Leere in der Wohnung. Die Abwesenheit des Menschen, an dessen Anwesenheit ich schon in so kurzer Zeit sehr gewöhnt war, empfand ich fast körperlich. Es fühlte sich einfach schlimm an, und eine mir unerklärliche Unruhe erfasste mich. Während ich im Kühlschrank nachschaute, auf was ich Appetit hatte, ertappte ich mich dabei, wie ich plötzlich intensiv an Malaika dachte. Es war als sähe ich wieder, wie sie in der Ambulanz auf der Liege lag. Ich musste mich regelrecht zwingen, diese Gedanken aus meinem Kopf zu bekommen und Ruhe wiederfinden. Zum ersten Male dachte ich auch daran, dass es mich freuen würde, wenn Margerida in Kürze wieder zum Putzen käme.“
„Werner, das ist ja alles schön und gut, und sie ist ja auch aus dem Krankenhaus gesund entlassen worden. Wie ich es verstehe, hattest du ihr heftige Vorwürfe gemacht, aber sie lebt immer noch bei dir und scheint nicht nachtragend zu sein. Wie ist es denn zu dem , lass es mich einmal Streit nennen, gekommen?“
„Nun gut Robert. Am besten fange ich ganz am Anfang an, als Malaika zu mir kam. Du kannst dich vielleicht daran erinnern, obwohl es schon eine ganze Weile her ist, dass ich dir und Beatrice erzählt hatte, ich glaubte auf meine alten Tage noch eine Tochter bekommen zu haben. Das ist, wie ich dir jetzt im Detail erzählen werde, eine aufregende Geschichte gewesen, die mich ziemlich aus meinem alltäglichen Trott heraus gebracht hatte. Ich schicke einmal voraus, dass sie ein großes Glück für mich ist, und das ich beinahe versaut hätte. Aber der Reihe nach!
Ich war bei strömenden Regen von der Uni, nach einer Vorlesung am Nachmittag, nachhause gekommen, als ich, eng an die Haustüre gedrückt, eine Person stehen sah. Neben ihr im Eingang stand eine Reisetasche. Scheinbar hatte sie bei dem heftigen Regen versucht, sich unter der leicht überdachten Haustüre Schutz suchend unterzustellen. Ich trat näher heran, immer noch hatte ich den Regenschirm aufgespannt, holte meinen Haustürschlüssel aus der Jacke und bat die Person höflich an die Seite zu treten. Sie und auch ihre Reisetasche standen mir im Wege, so konnte ich die Türe nicht aufschließen. Aber sie rührte sich nicht von der Stelle, drehte sich statt dessen herum und stand nun mit ihrem Gesicht ziemlich nahe vor mir. Ich fragte sie, was das solle und bat sie nochmals den Platz vor der Tür frei zu machen. Ich gebe zu, obwohl ihre Haare nass und auch sonst ihre Kleider in einem erbarmungswürdigem Zustand waren, hatte sie ein sehr ansprechend ebenmäßiges Gesicht, dass ich vielleicht durchaus als schön bezeichnen möchte.
Sie stand jetzt ganz nahe vor mir und sagte, dass sie mit mir sprechen müsste, aber nicht hinaus in den Regen treten wollte. „Schauen sie“, erklärte sie, „wenn ich nun an die Seite trete, werde ich noch nasser als ich schon bin. Da ich andererseits nicht möchte dass Sie nass werden, schlage ich vor, Sie geben mir ihren Regenschirm, dann nehme ich meine Tasche dort weg und trete aus dem Eingang heraus. Sie können dann Ihre Haustüre aufschließen.“
Ich konnte nicht anders, aber ich musste über diese Ungeniertheit, oder war es Naivität, lachen. Während ich ihr den Regenschirm gab, und sie dann zur Seite trat, konnte ich die Tür öffnen. Dabei fragte ich sie, warum sie sich denn ausgerechnet hier bei mir untergestellt hatte, wo es doch ein paar Häuser weiter überdachte Hauseingänge gab. Sie sagte, dass sie schon an dem richtigen Haus wartete, aber sie habe geläutet und niemand hatte anschließend geöffnet. Die Tür stand offen und ich wollte eintreten, aber ich warteten noch einen Moment und fragte sie dennoch, zu wem sie wollte. Ich war nicht wenig erstaunt als sie antwortete, sie suchte Herrn Werner Gärtner. Gleich darauf fragte sie: „Sind Sie Herr Werner Gärtner, Herr Doktor Werner Gärtner der Wissenschaftler?“
Wir standen also immer noch mehr oder weniger vor dem Eingang: sie mit dem Schirm im Regen und ich in der geöffneten Tür. Also erwiderte ich erst einmal, dass ich eben der sei, aber es stehe ja durchaus auf dem Klingelschild am Briefkasten, und sie könnte es ja gelesen haben. Dann fragte ich sie gerade heraus: „Wer sind sie denn und warum wollen sie das wissen? Ich sage Ihnen gleich, ich kaufe nichts an der Haustür und bestelle da auch nichts!“
Sie lächelte, und ihr Gesicht sah schön aus, trotz ihres nassen Haares, das ihr im Gesicht klebte, dessen Farbe ich nicht in dem Zustand ausmachen konnte,: „Ich will Ihnen doch nichts verkaufen; ich habe Sie gesucht!“, sagte sie mit Nachdruck.
„Sie haben mich gesucht? Also bitte, heraus mit der Sprache! Warum haben Sie mich gesucht?“
„Mein Name ist Malaika Sommer und ich bin die Tochter von Alina Sommer, deswegen habe ich Sie gesucht, damit Sie´s wissen! Jetzt habe ich Sie, wie dem auch sei, endlich gefunden, was nicht ganz leicht war.“
Mich durchfuhr ein Schreck, Robert, als ich das hörte, vielleicht ist das Wort Schreck nicht richtig. Jedenfalls wusste ich einen Moment nicht, was ich sagen sollte. So als eine Art Übersprungshandlung, obwohl ich das eigentlich nicht wollte, bat ich sie herein.“
Robert unterbrach mich: „Sollte das die Alina sein, die ich auch kannte? Mit der du, Werner, einige Zeit zusammen warst? Mit dir und dieser Alina hatten wir uns doch im Urlaub in Portugal in Porto getroffen. Die war nämlich sehr liebenswürdig und auch noch hübsch dazu, habe ich in Erinnerung. Ihr schient doch ein gutes liebevolles Verhältnis gehabt zu haben. Auf jeden Fall hatte sie auf mich einen sehr sympathischen Eindruck gemacht – ich mochte sie und ihre etwas burschikose, oder sagen wir mal, manchmal unbefangene kritische Art nicht zu allem Ja und Amen zu sagen.“
„Ja, Robert, wart´s ab. Eben die sollte es also sein, nachdem, was mir Malaika dann erzählte. Für diese Frau hatte ich meine erste Frau verlassen. Mit meiner ersten Frau Christiane war ich seit meiner Jugendzeit befreundet, und dann später gingen wir miteinander,
