Die sündigen Engel - Henry James - E-Book

Die sündigen Engel E-Book

Henry James

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Beschreibung

Eine schaurig-spannende Geister-Novelle: Als Erzählung in der Erzählung wird eine Geistergeschichte wiedergegeben. Eine Gouvernante berichtet, wie sie sich auf einem alten englischen Landsitz um die Waisen Miles und Flora kümmert. Schon bald erscheinen ihr Geister, u.a. ihre Vorgängerin und ein ehemaliger Diener, die beide unter mysteriösen Umständen starben. Die Gouvernante versucht, ihre beiden Schützlinge zu bewachen, doch der Rettungsplan geht schief...-

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Henry James

Die sündigen Engel

«THE TURN OF THE SCREW»

Saga

Die sündigen Engel Übersetzt Luise Laporte, Peter Gan OriginalThe Turn of the Screw Coverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 1898, 2020 Henry James und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726524123

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk

– a part of Egmont www.egmont.com

Übertragen von Luise Laporte und Peter Gan Nachwort von Hans Hennecke

Die Geschichte hatte uns am flackernden Kaminfeuer genugsam in Atem gehalten; doch abgesehen von der naheliegenden Bemerkung, daß sie wirklich gruselig sei, wie es sich ja für eine seltsame Weihnachtsgeschichte in einem alten Hause gehört, erinnere ich mich an keinen weiteren Kommentar – nur daß irgend jemand beiläufig sagte: dies sei der einzige ihm bekannte Fall, daß solch eine Heimsuchung ein Kind betroffen habe. Es handelte sich übrigens um eine Geistererscheinung in genau solch einem alten Hause, wie es das unsere war, und zwar um ein schreckliches Gespenst, das einem kleinen Buben erschien, der mit seiner Mutter in demselben Zimmer schlief und sie in seinem Entsetzen aufweckte; aber ehe die Mutter seine Angst beschwichtigen und ihn wieder in Schlaf wiegen konnte, sah sie selber das Gespenst, das ihn so ängstigte.

Auf diesen Bericht reagierte Douglas – allerdings nicht sofort, sondern erst später am Abend – in einer ebenso unerwarteten wie folgenreichen Weise. Irgend jemand erzählte noch eine ziemlich gleichgültige Geschichte; und ich bemerkte, daß Douglas kaum zuhörte. Dies nahm ich als ein Zeichen, daß er selber etwas zu erzählen habe, wenn wir ihm nur Zeit ließen. Wir mußten dann allerdings bis zum übernächsten Abend warten, obwohl er das, was ihn so beschäftigte, noch am gleichen Abend zur Sprache brachte.

«Ich gebe ohne weiteres zu, daß Griffins Gespenst – oder was es sonst war – dadurch, daß es der kleine Junge in einem so zarten Alter sah, besonders unheimlich wird. Es ist aber nicht der einzige Fall dieser Art, den ich kenne. Wenn die Anwesenheit des Kindes der Geschichte eine so grausige Note gibt, was würden Sie dann zu zwei Kindern sagen . . .?»

«Wir würden natürlich sagen», rief jemand, «daß die Geschichte dann doppelt grausig ist und wir sie unbedingt hören wollen.»

Ich sehe Douglas noch deutlich vor mir, wie er mit dem Rücken zum Kaminfeuer dastand und, die Hände in den Taschen, auf seinen Gesprächspartner hinuntersah.

«Niemand außer mir hat sie bis heute gehört. Sie ist wirklich zu grauenvoll!» Nun wollten natürlich alle die Geschichte erst recht hören. Unser Freund triumphierte. Er ließ seine Augen mit kunstvoller Gelassenheit über uns hingleiten und sagte:

«Sie überbietet alles, was ich je gehörthabe.»

«Durch ihre bloße Grausigkeit?» fragte ich.

Er schien sagen zu wollen, daß die Sache so einfach nicht sei; doch wußte er offenbar nicht, wie er sich deutlich machen solle. Er fuhr sich mit der Hand über die Augen und machte ein gequältes Gesicht: «Sie ist grausiger, als sich sagen läßt.»

«Oh, wie herrlich!» rief eine der Damen.

Er beachtete sie nicht, sondern sah mich an, aber so, als erblicke er statt meiner das, wovon er sprach. «Sie ist einfach zu unheimlich, zu abscheulich und zu grauenvoll.»

«Gut», sagte ich, «dann setz dich hin und fang an.»

Er drehte sich zum Feuer, stieß mit dem Fuß nach einem dicken Scheit und beobachtete einen Augenblick, wie es aufflammte. Dann wandte er sich uns wieder zu: «Ich kann nicht anfangen. Ich müßte zunächst jemand in die Stadt schicken.»

Ein enttäuschtes Murren ging durch die Runde, und alle protestierten heftig, worauf er sich in seiner versunkenen Weise genauer erklärte:

«Die Geschichte ist aufgezeichnet und liegt seit Jahren in einer verschlossenen Schublade. Ich könnte meinem Diener schreiben und ihm den Schlüssel schicken, damit er das Paket so, wie er es findet, herschickt.»

Offenbar wandte er sich mit diesem Vorschlag nur an mich, als solle ich ihm helfen, ein letztes Zögern zu überwinden und eine dichte, viele Winter alte Eisschicht zu durchbrechen. Die andern waren ärgerlich über die Verzögerung, mich aber reizten gerade seine Skrupel. Ich beschwor ihn, mit der ersten Post zu schreiben und uns die Geschichte möglichst bald vorzulesen; dann fragte ich ihn, ob er sie selber erlebt habe.

«Nein», sagte er rasch, «und Gott sei dafür gedankt.»

«Stammt der Bericht von dir? Hast du die Sache selber aufgezeichnet?»

«Nur ihren Eindruck, und zwar hier» – er zeigte auf sein Herz. «Ich bin ihn nie wieder losgeworden.»

«Und dein Manuskript?»

«Es ist in alter, verblichener Tinte geschrieben, und in der allerschönsten Handschrift.» Er zögerte wiederum. «Es ist die Schrift einer Frau, die vor zwanzig Jahren starb. Ehe sie starb, schickte sie mir das Manuskript.»

Alle horchten auf; und natürlich machte irgendein Witzbold eine ebenso unnötige wie offenbar unvermeidliche Bemerkung, die Douglas ohne ein Lächeln, aber auch ohne Ärger überhörte.

«Sie war ein bezauberndes Geschöpf, aber zehn Jahre älter als ich», sagte er ruhig. «Sie war die Gouvernante meiner Schwester, das liebenswürdigste weibliche Wesen, das ich je in dieser Stellung gekannt habe; und sicher wäre sie in jeder andern Stellung ebenso bezaubernd gewesen. Das liegt nun schon lange zurück. Ich war damals im Trinity-College und begegnete ihr bei uns, als ich im zweiten Sommer über die Ferien nach Hause fuhr. Ich blieb in jenem Jahr lange daheim. Es war ein herrliches Jahr. Wenn sie frei war, gingen wir oft im Garten spazieren und plauderten miteinander; und ichmerkte immer mehr, wie klug und reizend sie war. Warum lachen Sie? Ich hatte sie wirklich sehr gern und bin heute noch froh bei dem Gedanken, daß auch sie mich gern hatte. Sonst hätte sie mir wohl kaum ihr Erlebnis erzählt. Noch nie hatte sie es jemandem erzählt; und ich wußte, daß sie die Wahrheit sagte. Ich war ganz sicher; ich sah es ihr an. Weshalb? Das werden Sie verstehen, wenn Sie alles gehört haben.»

«Weil es so furchtbar war?»

Er sah mich scharf an.

«Du wirst es schon verstehen», wiederholte er, «du vor allem.»

Ich erwiderte seinen Blick.

«Also war sie verliebt?»

Er lachte zum erstenmal.

«Du merkst wirklich alles. Ja, sie liebte; das heißt, sie hatte geliebt. Das kam bald heraus – sie konnte die Geschichte gar nicht erzählen, ohne daß es herauskam. Ich merkte es, und sie merkte, daß ich es merkte; aber keiner von uns beiden erwähnte es. Ich erinnere mich genau an die Zeit und den Ort: den weiten Rasen, den Schatten der hohen Buchen und den langen, heißen Sommernachmittag. Zum Schaudern fehlte jeder Anlaß; und dennoch . . .!» Er trat vom Feuer zurück und ließ sich wieder in seinen Sessel fallen.

«Wird das Paket Donnerstag morgen hier sein?» fragte ich.

«Wahrscheinlich erst mit der zweiten Post.»

«Also nach dem Abendessen . . .»

«Werden Sie alle hier sein?»Er sah uns nochmals an. «Geht niemand vorher weg?» Es klang, als hoffe er’s.

«Wir werden alle dableiben! . . . ich bleibe . . . und ich bleibe auch!» riefen mehrere Damen, deren Abreise schon festgesetzt war. Mrs. Griffin wollte außerdem Genaueres wissen:

«In wen war sie denn verliebt?»

«Das wird uns die Geschichte verraten», erwiderte ich eigenmächtig.

«So lange kann ich nicht warten!»

«Nein, die Geschichte wird es nicht verraten», sagte Douglas, «wenigstens nicht wörtlich und ohne weiteres.»

«Wie schade! Dann werde ich sicher nichts begreifen.»

«Wollen Sie es nicht verraten, Douglas?» fragte jemand.

Er sprang auf.

«Ja – morgen. Aber jetzt muß ich zu Bett gehen. Gute Nacht.»

Und indem er schnell einen Leuchter ergriff, ließ er uns ziemlich verblüfft zurück. Aus unserer Ecke in der großen, dunkelgetäfelten Halle hörten wir seinen Schritt auf der Treppe, und Mrs. Griffin sagte: «Na, wenn ich auch nicht weiß, in wen sie verliebt war, so weiß ich doch, in wen er es war.»

«Sie war zehn Jahre älter», sagte ihr Mann.

«Raison de plus – in dem Alter! Und daß er so lange geschwiegen hat, gefällt mir eigentlich.»

«Vierzig Jahre!» bemerkte Griffin.

«Und nun endlich dieser Ausbruch.»

«Dieser Ausbruch», erwiderte ich, «wird den Donnerstagabend zu einem großen Ereignis machen.»

Alle stimmten mir so lebhaft bei, daß wir angesichts dieser Erwartung für nichts mehr Interesse hatten. Griffins Geschichte, die eigentlich nur ein Auftakt hätte sein sollen, blieb an diesem Abend auch die letzte. Wir verabschiedeten uns von einander, nahmen unsere Kerzen und gingen zu Bett.

Am nächsten Tag erfuhr ich, daß der Brief, der den Schlüssel enthielt, an seine Wohnung in London abgegangen war; aber obschon oder vielleicht gerade weil diese Nachricht sich schließlich doch verbreitet hatte, ließen wir ihn bis nach dem Abendessen ganz in Ruhe, in der Hoffnung, daß unsere Neugier, je länger wir warteten, desto eher auf ihre Kosten kommen würde. Er wurde denn auch so mitteilsam, wie wir’s nur wünschen konnten; und wie er uns am vorigen Abend am Kamin in gelindes Staunen versetzt hatte, so geschah es auch diesmal. Es zeigte sich, daß die versprochene Erzählung tatsächlich einiger einleitender Worte bedurfte. Ich will aber gleich an dieser Stelle erklären, daß ich im folgenden diese Erzählung nach der genauen Abschrift, die ich erst sehr viel später davon anfertigte, vorlegen werde. Der arme Douglas hatte mir, als er seinen Tod nahen fühlte, jenes Manuskript übergeben, das ihn damals erst nach drei Tagen erreichte und das er dann am folgenden Abend unserm kleinen Kreis am Kamin vorzulesen begann.

Die Damen, welche erklärt hatten, sie würden bleiben, taten das, gottlob, natürlich nicht; vielmehr verließen sie uns auf Grund früherer Verabredungen, obschon sie eingestandenermaßen von leidenschaftlicher Neugier gequält wurden durch die Andeutungen, mit denen Douglas uns bereits in die richtige Stimmung versetzt hatte. So war sein endgültiger Zuhörerkreis noch geschlossener und unterlag noch wehrloser seinem Bann.

Die erste dieser Andeutungen bezog sich darauf, daß das Manuskript die Geschichte erst an einem Punkte aufnahm, wo sie eigentlich schon begonnen hatte. Man mußte nämlich wissen, daß seine alte Freundin, die jüngste von mehreren Töchtern eines armen Landpfarrers, im Alter von zwanzig Jahren zitternd nach London gereist war, um zum erstenmal in ihrem Leben eine Stelle als Erzieherin anzutreten und sich persönlich auf eine Annonce hin vorzustellen, die bereits zu einem kurzen Briefwechsel geführt hatte. Als sie sich dann in einem riesengroßen, imponierenden Hause in der Harley-Street bei ihrem künftigen Arbeitgeber anmelden ließ, erwies dieser sich als ein vollendeter Gentleman und als ein Junggeselle in den besten Jahren, kurzum, als eine Erscheinung, wie sie dem ängstlichen und verwirrten Mädchen, das gradenwegs aus einem Pfarrhause in Hampshire kam, bisher nur im Traum oder in einem alten Roman begegnet war. Man kann diesen Typ, der glücklicherweise niemals ausstirbt, mit wenigen Worten umreißen. Er war elegant, selbstsicher und liebenswürdig, dazu ungezwungen, heiter und zuvorkommend. Es konnte nicht ausbleiben, daß sie ihn ritterlich und glänzend fand. Was sie jedoch am meisten bestrickte und was jene Tapferkeit erklärt, die sie später bewies, war seine Art, ihr die ganze Sache als eine Art Gefälligkeit ihrerseits hinzustellen, die ihn seinerseits zu Dank verpflichte. Sie hielt ihn für reich, aber für schrecklich verschwenderisch und war völlig geblendet von seiner Eleganz und Lebensart, von seinen kostspieligen Gewohnheiten und seinen reizenden Umgangsformen mit Frauen. Er hatte in der Stadt ein großes Haus, das mit lauter Kostbarkeiten aus fernen Ländern und mit Jagdtrophäen angefüllt war; er wünschte jedoch, daß sie sich sogleich nach seinem Landhaus, einem alten Famihenbesitz in Essex, begeben solle.

Er war nämlich Vormund eines kleinen Neffen und einer kleinen Nichte geworden, Kinder eines jüngeren Bruders, der Offizier gewesen und vor zwei Jahren mit seiner Frau in Indien gestorben war. Diese Kinder, zu denen er auf eine so unerwartete Weise kam, bedeuteten für den alleinstehenden Junggesellen, der keinerlei entsprechende Erfahrung und außerdem nicht die geringste Geduld hatte, eine schwere Bürde. Er machte sich große Sorgen um sie und beging zweifellos allerhand Fehler; doch bedrückte ihn das Schicksal der armen Würmer zutiefst, und er tat für sie, was er nur konnte. Vor allem schickte er sie gleich auf seinen Landsitz, wo sie natürlich am besten aufgehoben waren. Von Anfang an umgab er sie mit den besten Leuten, die er finden konnte, trennte sich deswegen sogar von seinen eigenen Dieristboten und fuhr bei jeder Gelegenheit selber aufs Land, um nach ihnen zu sehen. Das Ärgerliche an der Sache war aber, daß sie außer ihm keine anderen Verwandten hatten und daß seine eigenen Angelegenheiten ihm fast keine Zeit für sie übrigließen. Er hatte ihnen Bly ganz überlassen, wo sie gesund und wohlbehütet aufwachsen konnten, und hatte an die Spitze des kleinen Haushalts, wenn auch nur für die täglichen Obliegenheiten, Mrs. Grose gestellt, eine vortreffliche Frau, die ehemals Jungfer bei seiner Mutter gewesen war und mit der seine Besucherin sicherlich gut auskommen würde.

Sie lebte jetzt dort als Haushälterin und sorgte außerdem vorläufig für das kleine Mädchen, das sie, selbst kinderlos, zum Glück besonders ins Herz geschlossen hatte. Es gab auch sonst noch viele Dienstboten; aber natürlich sollte die junge Dame, die als Erzieherin nach Bly kam, die Oberaufsicht über das Ganze haben. Sie sollte auch während der Ferien nach dem kleinen Jungen sehen, der nun seit bald einem halben Jahr eine auswärtige Schule besuchte, obschon er eigentlich noch zu jung war – aber was hätte man sonst tun sollen? – und der nun, da die Ferien vor der Tür standen, jeden Tag zurückerwartet wurde.

Anfangs war eine junge Dame für die Kinder dagewesen, die sie dann unglücklicherweise wieder verloren. Sie war eine höchst achtenswerte Person und hatte sich vorzüglich mit den Kindern verstanden, bis zu ihrem höchst ungelegenen Tode, der keine andere Wahl ließ, als den kleinen Miles in ein Internat zu schicken. Frau Grose hatte seitdem für Floras Erziehung getan, was sie konnte. Außerdem gab es noch eine Köchin, ein Hausmädchen, eine Mamseir, ein altes Pony, einen alten Kutscher und einen alten Gärtner – lauter ebenfalls höchst achtbare Persönlichkeiten.

So weit war Douglas in seiner Schilderung gelangt, als jemand fragte: «Und woran starb die erste, so achtenswerte Erzieherin?»

Unser Freund antwortete ohne Zögern: «Das werden Sie noch erfahren. Ich nehme nichts vorweg.»

«Verzeihung – ich dachte, gerade das hätten Sie bisher getan.»

«Wäre ich ihre Nachfolgerin gewesen», warf ich ein, «so hätte ich gern erfahren, ob dieses Amt . . .»

«. . . mit Lebensgefahr verbunden sei?» vollendete Douglas meinen Satz. «Auch sie wollte es erfahren und – erfuhr es. Was sie erfuhr, werden Sie morgen hören. Zunächst fand sie natürlich den Vorschlag doch ein wenig bedrückend. Sie war jung, unerfahren und ängstlich und sah sich schwerwiegenden Pflichten in einer großen Einsamkeit gegenüber. Sie zögerte und bat um ein paar Tage Bedenkzeit. Aber das ihr angebotene Gehalt überstieg so sehr ihre bescheidenen Erwartungen, daß sie nach einer zweiten Unterredung einwilligte.»

Douglas schwieg; und ich, gleichsam im Namen aller, warf ein, daß die Moral des Ganzen natürlich in dem Zauber liege, den der junge Mann auf sie ausübte, und dem sie schließlich unterlag.

Douglas stand auf, trat wie am vorigen Abend an den Kamin, schob mit dem Fuß einen Holzklotz ins Feuer und wandte uns einen Augenblick den Rücken: «Sie hat ihn nur zweimal gesehen,»

«Ja, und gerade das macht ihre Leidenschaft so schön.»

Zu meinem Erstaunen drehte sich Douglas nach mir um: «So ist es in der Tat. Es hatten sich schon andere vorgestellt, die diesem Zauber nicht unterlegen waren. Er setzte ihr offen auseinander, wie schwierig seine Lage sei und daß seine Bedingungen schon verschiedene Bewerberinnen abgeschreckt hätten. Sie hätten einfach Angst bekommen . . . besonders wegen der Hauptbedingung.»

«Die worin bestand . . .?»

«Daß sie ihn nie behelligen solle – wortwörtlich nie, unter keinen Umständen: sie dürfe ihn weder um Rat fragen noch sich bei ihm beklagen, ja, nicht einmal an ihn schreiben; vielmehr müsse sie in jeder Lage selbst entscheiden, alle Ausgaben mit seinem Anwalt regeln, kurz, sich völlig selbständig machen und ihn in Ruhe lassen. Das versprach sie; und als er erleichtert und entzückt einen Augenblick ihre Hand in der seinen hielt und ihr für dieses Opfer dankte, fühlte sie sich schon dadurch, wie sie mir sagte, hinreichend belohnt.»

«Und das war ihr ganzer Lohn?» fragte eine der Damen.

«Sie hat ihn nie wiedergesehen.»

«Oh!» sagte die Dame; es war das letzte Wort, das über diese Sache fiel, da unser Freund uns unmittelbar darauf wieder verließ, bis er am nächsten Abend sich vorm Kamin in den bequemsten Sessel setzte, den verblaßten roten Deckel eines dünnen, altmodischen Albums mit vergoldeten Ecken öffnete und mit einer Klarheit, welche die Schönheit der vor ihm liegenden Handschrift gleichsam dem Ohr vermittelte, das Folgende vorzulesen begann, was dann allerdings mehr als nur einen Abend in Anspruch nahm.

1

Ich erinnere mich an den Beginn des Ganzen als an ein Hin und Her zwischen Aufschwüngen und Niederlagen, ein wechselndes Pulsieren froher und banger Regungen. Jedenfalls kamen für mich, nachdem ich mich in London ernstlich entschlossen hatte, seinen Wunsch zu erfüllen, ein paar sehr böse Tage; meine Zweifel kehrten wieder, und ich war fest überzeugt, einen Fehler gemacht zu haben. In diesem Zustand verbrachte ich lange Stunden in einer rüttelnden, schüttelnden Postkutsche bis zu der Haltestelle, wo mich der Gutswagen abholen sollte; und so fand ich denn gegen Ende jenes Juninachmittags einen bequemen Einspänner auf mich warten. Während ich bei schönstem Wetter durch die Landschaft fuhr, deren sommerliche Reize mich freundlich willkommen hießen, kehrte mein alter Mut zurück; und als wir in die Allee einbogen, war ich so zuversichtlich, daß ich erst jetzt begriff, wie tief er vorher gesunken war. Vermutlich hatte ich einen so trüben Eindruck erwartet, daß das, was ich zu sehen bekam, wie eine freudige Überraschung wirkte. Ich erinnere mich an das angenehme Bild der breiten, klaren Front des Hauses, an die offenen Fenster mit den frischen Vorhängen sowie an die beiden Mädchen, die herausschauten; ich erinnere mich an den Rasen und die leuchtenden Blumen, an das Knirschen der Räder auf dem Kies und an das dichte Laub der Baumkronen, über denen die Krähen krächzend im goldenen Himmel kreisten. Das Ganze hatte etwas Großzügiges, das sich eindrucksvoll von meinem dürftigen Elternhaus unterschied; undnun erschien eine freundliche Person an der Tür, mit einem kleinen Mädchen an der Hand, die mich mit einem so höflichen Knicks begrüßte, als wäre ich die Herrin des Hauses oder ein vornehmer Besuch. Man hatte mir in der Harley-Street den Besitz nicht so bedeutend geschildert; infolgedessen hielt ich den Eigentümer nun erst recht für einen Gentleman, der die Annehmlichkeiten, die mich erwarteten, so zurückhaltend angedeutet hatte, daß sie all meine Erwartungen übertrafen.

Bis zum nächsten Tag erlitt meine Stimmung keinen Rückschlag, denn die Bekanntschaft mit meiner neuen kleinen Schülerin trug mich wie im Triumph über die nächsten Stunden hinweg. Das kleine Mädchen, das Frau Grose begleitete, war ein so entzückendes Geschöpf, daß mir der Umgang mit ihm wie ein großes Glück vorkam. Nie hatte ich ein schöneres Kind gesehen; und später wunderte ich mich, daß mein Dienstherr mir nicht mehr von ihm erzählt hatte.

Ich schlief nur wenig in jener Nacht – ich war zu aufgeregt. Das erstaunte mich, wie ich heute noch weiß; auch war mein Gemüt voller Dankbarkeit für die großzügige Behandlung, die ich erfuhr. Mein geräumiges, prächtiges Zimmer, eines der besten im Hause, das große Prunkbett (denn so empfand ich es), die schweren gemusterten Vorhänge, die langen Spiegel, in denen ich mich zum erstenmal von Kopf bis Fuß erblickte – all diese Dinge, und noch dazu der bezaubernde Liebreiz meiner kleinen Schülerin, kamen mir vor wie lauter Geschenke. Ein weiteres Geschenk war, daß ich mich vom ersten Augenblick an so gut mit Frau Grose verstand, derentwegen ich mir während der Fahrt in der Postkutsche mancherlei Sorgen gemacht hatte. Das einzige, was mich gleich von vorneherein hätte stutzig machen sollen, war ihre entschieden übertriebene Freude über mein Kommen, zumal ich bemerkte, daß diese behäbige, einfache und verständige Frau sich offenbar alle Mühe gab, ihre Freude nicht allzu deutlich zu zeigen. Diese Heimlichkeit hätte mich bei einigem Nachdenken leicht mißtrauisch stimmen können.

Doch vor dem strahlenden Glück meines kleinen Schützlings mußten alle Bedenken verschwinden; und wahrscheinlich war die engelhafte Schönheit des Kindes mehr als alles andere schuld an der Ruhelosigkeit, die mich noch vor Morgengrauen mehrmals aus dem Bette trieb und in meinem Zimmer herumwandern ließ, denn ich wollte mich mit meiner Umgebung vertraut machen. Von meinem offenen Fenster aus beobachtete ich das Hellerwerden des Himmels, studierte die übrigen Teile des Hauses, soweit ich sie von hier aus sehen konnte; und während die ersten Vögel in der Morgendämmerung zu zwitschern begannen, lauschte ich auf die Wiederkehr gewisser seltsamer Geräusche, die ich eher drinnen als draußen zu hören glaubte. Einen Augenblick hatte ich gemeint, den schwachen, fernen Schrei eines Kindes zu unterscheiden; und einmal war ich halbbewußt aufgefahren, als hätte ich leichte Fußtritte auf dem Gang vor meiner Tür vernommen. Aber diese Vorstellungen waren so unbestimmt, daß ich sie sogleich abschüttelte; und nur im Lichte oder, wie ich eher sagen sollte, im Düster anderer, späterer Ereignisse fallen sie mir nun wieder ein.

Die kleine Flora zu hüten, zu lehren und zu ‚bilden‘, bedeutete zweifellos ein glückliches und nützliches Leben. Es war unter uns verabredet worden, daß ich sie von morgen an selbstverständlich auch nachts bei mir haben sollte, und ihr kleines weißes Bettchen stand schon in meinem Zimmer. Ich hatte die volle Verantwortung für sie übernommen, und nur aus Rücksicht auf meine unleugbare Fremdheit und ihre natürliche Schüchternheit war sie diese letzte Nacht noch bei Frau Gr ose geblieben.

Das Kind gab seine Schüchternheit merkwürdigerweise ganz offen und tapfer zu und sah uns mit der tiefen, holden Heiterkeit eines Raphaelschen Engelchens an, als wir vor ihr darüber sprachen, so daß ich fest überzeugt war, es würde mich sehr bald liebgewinnen. Auch Frau Grose hatte ich bereits in mein Herz geschlossen, weil sie sich beim Abendessen so sehr über meine staunende Bewunderung gefreut hatte, als meine kleine Schülerin auf ihrem hohen Stuhl und mit einem Lätzchen um den Hals mir an dem Tisch mit den vier großen Kerzen gegenübersaß und mich über ihre Milchschale und ihr Brot hinweg strahlend anlächelte. Natürlich gab es auch Dinge, über die wir uns in Floras Anwesenheit nur durch freudig staunende Blicke oder dunkel umschreibende Anspielungen verständigen konnten.

«Und der kleine Junge ist ihr ähnlich? Ist er auch ein so ungewöhnliches Kind?»

«Oh, Fräulein, höchst ungewöhnlich, wenn diese Kleine Ihnen schon so gefällt!» – und sie stand da mit einem Teller in der Hand und strahlte auf meine kleine Gefährtin herab, die uns abwechselnd mit ihren ruhigen Himmelsaugen ansah, vor denen aller Zwang verschwand.

«Und wenn sie mir so gefällt . . ..?»

«Dann wird der kleine Herr Sie erst recht bezaubern!»

«Dafür bin ich scheint’s hergekommen. Ich fürchte allerdings» – diese Worte kamen mir wie von selbst über die Lippen –, «daß ich sehr leicht bezaubert werde. Auch in London ist es mir so ergangen.»

Ich sehe noch Frau Groses ehrliches Gesicht vor mir, als sie mich dies sagen hörte.

«In der Harley-Street?»

«In der Harley-Street.»

«Glauben Sie mir, Fräulein, Sie sind nicht die erste – und werden auch nicht die letzte gewesen sein.»

«Oh, ich bilde mir nicht ein, die einzige zu sein», sagte ich mit dem natürlichsten Lachen. «Übrigens kommt mein anderer Zögling doch wohl morgen zurück, wenn ich recht verstanden habe?»

«Nicht morgen – erst Freitag, Fräulein. Er kommt wie Sie mit der Postkutsche, in der Obhut des Kutschers, und wird dann von demselben Einspänner abgeholt.»

Daraufhin meinte ich, es würde wohl die beste und freundlichste Art der Begrüßung sein, wenn ich und seine kleine Schwester ihn bei der Poststation abholten – ein Einfall, dem Frau Grose so herzlich zustimmte, daß ich die tröstliche und, gottlob, nie widerlegte Gewißheit empfand: wir würden uns stets und in allen Fragen einig sein. Ja, sie war wirklich froh, mich dazuhaben!