Die Teestunden - Ángeles Doñate - E-Book

Die Teestunden E-Book

Ángeles Doñate

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Beschreibung

Drei Frauen, drei Kontinente, eine jadegrüne Teekanne und die Frage: Wie viel Liebe passt in eine Tasse Tee? Die Leben von Sakura, Karen und María verlaufen in ganz unterschiedlichen Bahnen. Sakura, die als Tochter einfacher Reisbauern in einem kleinen Dorf am Fuße des Fuji aufwächst, verliebt sich in Hiroto, den Sohn eines Fischers, der mit seinen Händen die schönsten Kunstwerke aus Ton erschafft. Als Brautgeschenk übergibt er Sakura eine Teekanne, die sie nach seinem Tod hütet wie einen Schatz. Karen stammt aus Primeland, einem Kaff im Mittleren Westen. Der Vater trinkt, die Mutter schweigt. Und Karen hat nur einen Wunsch: Sie möchte zu den schönsten Gärten der Welt reisen und Landschaftsgärtnerin werden. Jahre später begegnet sie in einem Dorf am Fuße des Fuji einer alten Japanerin, die auf sie gewartet zu haben scheint und ihr eine alte Teekanne schenkt. Mariá, die als Lehrerin in Barcelona arbeitet, weiß nicht, ob sie nach dem Sommer an ihre Schule zurückkehren wird. Seit ihrer Krebserkrankung hadert sie mit dem Leben. Da bekommt sie, eine passionierte Kaffeetrinkerin, von ihrem Studienfreund eine grüne Teekanne geschenkt, die er auf einem Flohmarkt in Boston gefunden hat. Drei Frauen, die nichts gemeinsam zu haben scheinen und deren Schicksal doch miteinander verbunden ist – durch eine jadegrüne Teekanne mit einer Maserung aus altem Gold. Ein Roman über das geheime Leben der Dinge, der auf jeder Seite das Herz berührt.

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Seitenzahl: 415

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Ángeles Doñate

DIE TEESTUNDEN

Ángeles Doñate

DIE TEESTUNDEN

Roman

Aus dem Spanischen übersetzt von Petra Zickmann

Manche meinen, Dinge hätten keine Seele. Woher wissen sie das? Hat jemand die Dinge danach gefragt?

Juden und Christen glauben, dass Gott dem schlafenden Adam eine Rippe entnahm und mit etwas Lehm daraus die Frau schuf, der er Leben einhauchte.

Und wenn Gott entschieden hätte, der Form ebendieser Rippe zu folgen, um eine Schale herzustellen? Hätte diese dann kein Leben?

MIT DER TEEKANNE IN DEN HÄNDEN Die Gewissheit

KAPITEL 1 Japan, Herbst 1960

Endlich ist die Sonne aufgegangen.

Seit Stunden warte ich darauf.

Mit meinen fast achtzig Jahren sind die Tage, an denen ich die Sonne noch aufgehen sehen werde, gezählt. Dennoch – und mögen mir die kamis verzeihen – hoffe ich mit der Vorfreude eines Kindes jeden Morgen auf einen neuen Tag. Wenn ich mit meiner Freundin Kayoko spazieren gehe, fragt sie mich immer:

»Und für was willst du noch einen Tag erleben?«

»Für was immer kommen mag!«, antworte ich dann.

Wir wohnen schon seit sechzig Jahren Haus an Haus, und seit wir vor Jahrzehnten fast gleichzeitig Witwen wurden, gehen wir jeden Nachmittag spazieren, wenn wir mit der Hausarbeit fertig sind.

Dieses sich stets wiederholende Gespräch ist ein Ritual, das uns daran erinnert, wie alt unsere Freundschaft ist – eine Freundschaft, die uns so viel stärker verbindet als jede Blutsverwandtschaft.

Für was immer kommen mag, erwarte ich die Sonne mit Vorfreude …

Was mag heute kommen?

Früh am Morgen schlüpfe ich in meine Filzpantoffeln mit den bunten Drachen. Anschließend die Gebete. Da gilt keine Ausrede und kein Alter. Die kamis kümmern sich um uns, wenn wir uns um sie kümmern. Von klein auf hat mich meine Mutter gelehrt, meine Pflichten zu erfüllen, angefangen bei der Pflege unseres Hausaltars. Ich lege frische Lotusblätter hin, feine Süßigkeiten, mit kleinen Girlanden bestickte Tücher …

Als wir heirateten, hob Hiroto Tonreste von seiner Töpferarbeit auf, um daraus Figürchen für unseren Altar zu machen. Er hoffte, auf diese Weise seinen Händen, seinen Arbeiten und den Menschen, die sie erwarben, ein langes Leben zu geben. Ich bemalte die Miniaturen in leuchtenden Farben, womit für ein langes Leben auch meiner Hände gesorgt war!

Seit er nicht mehr da ist, gibt es auf meinem Altar nur noch Origami-Figuren, weil das alles ist, was ich allein hinbekomme. Unfruchtbar, wie ich bin, wollen in meinem Haus nicht einmal Blumen gedeihen. Ein Jammer, dass ich in all den Jahren an Hirotos Seite nie gelernt habe, mit Ton zu arbeiten! Hinterher denkt man an alles, woran man früher hätte denken müssen.

Seine Stücke hatten die Kraft von Drachen und die Zartheit von Blütenblättern. Ob er einen Gott oder eine Teetasse modellierte, stets fragten sich die Leute, wie es ihm gelang, selbst einfachsten Dingen eine solche Erhabenheit zu verleihen. Sie sahen ja nicht, was ich sah: die Liebe, mit der Hiroto über die Töpferscheibe strich.

Wenn er eine Tasse formte, beschränkte er sich nicht allein auf das Sichtbare, indem er mit Geduld und Sorgfalt die Oberfläche glättete. Er verwendete ebenso viel Mühe auf die Unterseite, die für gewöhnlich niemand beachtete, denn, wie er immer zu sagen pflegte, »auch da schaut Gott hin«.

Für Hiroto war die Materie immer kostbar, ungeachtet der Form. Er liebte Ton. Seine Werke waren weithin begehrt. Die Leute kamen aus den Dörfern der Umgebung und sogar aus den Nachbarregionen, um sie zu erwerben. Wenn er eine Bestellung fertigstellte, malte er sich gern die Landschaften aus, die sein Werk sehen, all die Dinge, die es erfahren würde, von denen wir in unserem einfachen Leben nicht einmal träumen konnten.

Wie Eltern von ihren weit entfernt lebenden Kindern sprechen, so sprachen wir darüber, was für ein Leben unsere Lieblingsstücke wohl führen mochten. Unter der Decke aneinandergeschmiegt, stellten wir uns vor dem Einschlafen ihre Bestimmungsorte vor.

Jedes Mal, wenn Hiroto etwas verkauft hatte, notierte er mit seinen perfekt geschwungenen Schriftzeichen, die ich nicht zu entziffern vermochte, den Namen und die Stadt des neuen Besitzers in einem kleinen blauen Buch.

Als 1943 die kaiserlichen Soldaten kamen und er zusammen mit Kayokos Ehemann und allen anderen Männern des Dorfes in den Großen Krieg musste, gab er mir das Büchlein. Ich sehe ihn noch heute in der Tür stehen, ehe er davonging.

»Heb dieses Buch gut auf, Sakura. Wenn ich zurückkomme, lesen wir es zusammen.«

Ich hebe sein kleines blaues Buch immer noch auf, und ich habe Kayoko gebeten, falls ich vor ihr sterbe, mich in meinem Hochzeitskimono zu beerdigen und unseren Schatz in meinem rechten Ärmel zu verstecken. Wenn ich im Jenseits ankomme, wird mich Hiroto erwarten. Dann können wir wieder gemeinsam darin lesen. Die Zeit und meine Tränen werden die Tinte ein wenig verwischt haben, aber Hiroto hatte immer gute Augen. Das wird kein Problem sein.

Das Büchlein und die Teekanne sind das Einzige, was mir von ihm geblieben ist. Alles Übrige musste ich verkaufen. Es waren harte Zeiten. Trotzdem war mir immer klar, dass ich die jadegrüne Teekanne mit ihrem fein gesponnenen Muster aus Gold und die dazugehörigen Schalen behalten musste.

An Tagen wie heute, wenn mich vom frühen Morgen an die Erinnerungen heimsuchen, beglückt es mich besonders, die Teekanne immer noch zu haben.

Hiroto machte sie meinen Eltern zum Geschenk, als er um mich anhielt. Mehr besaß er nicht. Er hatte nur seine Hände. Aber was für Hände waren das! Ich kenne sie seit jeher. Seit wir Kinder waren und Schmetterlinge jagten. Wie sanft er die einfing, um sich die Farben ihrer Flügel anzusehen! Mit derselben Behutsamkeit überreichte er mir die Blumensträuße, die er auf dem Weg zu meinem Haus pflückte.

Hiroto und Sakura. Sakura und Hiroto.

Man erzählt sich, in der Nacht seiner Geburt habe eine Amsel gesungen. Genau ein Jahr später kam ich auf die Welt. Und es heißt, auch da habe die Amsel gesungen. Die Sterne haben unsere Schicksale von Anfang an miteinander verbunden. Alle wussten das, auch mein Vater. Weswegen er, als ein einfacher Handwerker um die Hand seiner einzigen noch lebenden Tochter bat, nicht ablehnen konnte.

Wer hätte den kamis der Nacht etwas abschlagen können?

Meine Eltern hatten ein langes Leben, und ich war als Tochter immer für sie da. Dieses Glück blieb mir versagt. Welche kamis habe ich verärgert, dass ich im Alter weder Mann noch Kinder habe?

Ich habe nur die Teekanne, die mein geliebter Mann meinem Vater schenkte, als er um mich warb. Und als meine Eltern starben, bekam ich sie. Tag für Tag bereiteten wir darin unseren Tee zu, der unsere Liebe zueinander nur noch stärker machte.

Jetzt, da ich bald gehen werde, belastet mich die Einsamkeit weniger als sonst.

Meine Neffen schicken mir manchmal Pakete aus der Stadt mit Stoffen, aus denen ich mir Kimonos nähen kann, Papierfächer, Süßigkeiten … und haben ein ruhiges Gewissen. Sie sind fern von hier aufgewachsen.

Ich werde einen Tee aufbrühen und mich damit vor die Haustür setzen. Ich werde Kayoko fragen, ob sie eine Tasse mittrinkt. Während ich Wasser im Topf erhitze, werfe ich einen Blick auf die jadegrüne Teekanne und frage mich: Bei wem wirst du wohl sein, wenn ich nicht mehr bin?

Nicht bei meinen Neffen, die trinken Kaffee, weil sie Tee altmodisch finden!

Kayoko? Sie wird zwei Minuten nach mir sterben, und ihre Kinder sind fürchterlich!

Du sollst jemand Besonderem gehören, denke ich. Jemandem, der Liebe zu geben und zu empfangen versteht. Jemandem, der dich zu schätzen weiß. Jemandem, dessen Leben gerade beginnt … Und weil du Hirotos liebstes Stück bist, musst du am weitesten reisen. Nicht bis ins nächste Dorf, nicht einmal bis in die nächste Stadt. Auch nicht in die Hauptstadt.

Du sollst sehr viel weiterkommen! An einen Ort, den wir nicht einmal in unseren Träumen besucht haben.

In den Blasen des aufkochenden Wassers erkenne ich Bruchstücke deiner Zukunft: Blumen in allen Farben, Glöckchenklang, Wolken.

KAPITEL 2 New York, Sommer 1980

»Karen, Liebling, was machst du? Du gibst schon so lange keinen Mucks von dir!«, sagt Josh, der im Türrahmen erschienen ist.

»Ich versuche, mich auf die Konzeption eines Gartens in New Hampshire zu konzentrieren, aber keine Chance! Ich habe so viele Dinge im Kopf, dass ich meine, sie umeinanderwirbeln zu hören!«, klagt sie, ohne den Blick von dem halbfertigen Plan zu heben, der auf einem Mahagonitisch liegt.

»Und wann hast du den Kopf nicht voller Dinge, mein Schatz? Vielleicht solltest du dir mal eine Pause gönnen.«

»Du hast vielleicht Nerven! Muss ich dich daran erinnern, dass morgen der Termin ist?«

Josh tritt hinter sie und legt ihr die Hände auf die Schultern.

»Nein, musst du nicht.« Er lächelt. »Du wiederholst es seit zwei Wochen unablässig. Ich werde vielleicht alt und vergesslich, aber so schnell nun auch wieder nicht«, sagt er, spielt mit ihren Haaren und löst den Zopf, der ihr über den Rücken fällt. »Ich würde es niemals wagen, dir eine Unterbrechung vorzuschlagen, oh Königin der Landschaftsgestaltung, wenn ich es nicht für unabdingbar hielte für die Erreichung deines Ziels, eine treue Kopie vom Garten Eden zu schaffen. Aber du musst ein wenig Kraft schöpfen, um mit dieser hehren Aufgabe fortzufahren. Sogar der liebe Gott hat am siebten Tag geruht! So sagt man zumindest, obwohl ich mir nicht sicher bin, ob er zwischen dem dritten und vierten Tag nicht schon mal eine kleine Siesta eingelegt hat.«

Karen dreht sich zu ihm um und fragt sich im Stillen, wer einem solchen Mann böse sein könnte? Sie betrachtet sein Lächeln, das Grübchen in der rechten Wange und die Falten um seine dunklen Augen. Für eine Sekunde sieht sie wieder den Mann, an den sie vor zwanzig Jahre in einem billigen Lokal nach nur einem kurzen Blickwechsel ihr Herz verloren hat.

»Josh Carpenter, du bist wirklich wie ein kleines Kind, das immer seinen Kopf durchsetzen will!«, erklärt sie seufzend. »Na schön, trinken wir also einen Tee!«, sagt sie, während sie sich vom Stuhl erhebt und in Richtung Küche geht. »Aber wenn ich morgen bei der Präsentation lediglich den Entwurf für einen halben Garten vorweisen kann und sie wissen wollen, wohin der Lavendelpfad führt, sage ich ihnen, sie sollen dich in der Klinik anrufen.«

»Ja, ja, das können sie gern tun, Karen Miller. Ich hätte da nämlich ein paar Ideen, wie sie ihre Tausende von Dollars sinnvoller ausgeben könnten als für einen Saisongarten!«, merkt er an, während er ihr in die Küche folgt.

Karen schaltet den elektrischen Wasserkocher ein und sagt schelmisch: »Ja, ja. Wenn es nach dir ginge, Herr Doktor, gäbe es in diesem Land außer deinem Krankenhaus überhaupt nichts, wofür man Geld ausgeben dürfte.«

»Genau! Ach, hätte ich nur auf meine Mutter gehört, die mich vor dir gewarnt hat. Diese sommersprossige, verträumte Landpomeranze willst du heiraten? Da lässt du dich auf was ein! Aus einem Sandkorn wird sie eine Wüste machen und aus einem Zweiglein einen Urwald.«

»Was bist du doch für ein …«, protestiert Karen, während sie im Spaß mit den Fäusten auf ihn losgeht und er versucht, ihre Hände festzuhalten. Als es ihm gelingt, zieht er sie an sich.

»Was bin ich? Na, was bin ich …? Nun sag schon, du Angeberin!«

Ein Kuss fliegt durch die Küche einer Dachwohnung in Manhattan.

Das Pfeifen des Wasserkochers stoppt ihn, und er bleibt in der Luft hängen. Karen und Josh bewegen sich durch den Raum wie ein altes Tanzpaar, das schon auf viele Bühnen stand: Er öffnet den Vorratsschrank auf der Suche nach dem Tee, sie stellt sich auf die Zehenspitzen, um an die Schalen und die Teekanne heranzukommen.

Jadegrün mit einem feinen Muster in Altgold hebt sie sich leuchtend gegen die weißen Wandfliesen ab.

Sie stellen alles auf ein Holztablett, zusammen mit ein paar selbstgebackenen Plätzchen.

Karen neigt kokett den Kopf und deutet auf den Herd. Er nimmt das Tablett und geht damit zurück ins Wohnzimmer.

Leise wie eine Katze kommt sie ihm hinterher.

Sie zieht die weißen Gardinen zurück, und das Erste, was sie sieht, sind ihre Rosensträucher, spätsommerlich angewelkt. Das Nachmittagslicht flutet ungehindert in den Raum.

Beim Öffnen der Terrassentür blähen sich die Gardinen auf wie Segel. Die Wipfel der Bäume in dem kleinen Park ihres Stadtviertels breiten sich ihren Füßen aus. Dahinter ragen hohe Wolkenkratzer auf. Für eine Minute verschmilzt sie mit der stillen Landschaft. Dann hört sie, wie Josh das Tablett auf dem Tisch abstellt und zu decken beginnt.

»Mal sehen, mit welchem Tee uns unser Kavalier zu erobern gedenkt«, sagt sie, als sie ins Zimmer zurücktritt. »Weißer Tee! Wow! Die Dose kannte ich gar nicht.«

»Weißer Tee aus dem Himalaya, den mir auf meinem letzten Kongress in Indien ein Referent überreicht hat. Das war der Yeti, von dem ich dir erzählt habe.«

»Für den würde ich gern einen Garten anlegen. Damit würde ich bestimmt berühmt.«

»Vorerst wirst du mit seinem Tee vorliebnehmen müssen«, erwidert er, während er nach dem Bambushenkel der Kanne greift, um einzuschenken. »Wusstest du, dass weißer Tee vor Herzinfarkt schützt und antioxidativ wirkt?«

»Der Herr Doktor! Nein, das habe ich nicht gewusst. Dafür habe ich aber gelesen, dass dieser Tee im alten China den Kaisern vorbehalten war, weil man glaubte, er garantiere das ewige Leben.«

Sie setzt sich neben ihren Mann. Beide eine Teeschale in den Händen. Der violette Himmel über Manhattan scheint zum Greifen nah. In diesem Moment der Stille weht sie mit einem Mal ein Schwall von Erinnerungen an, die nicht die ihren sind.

Sie entfalten sich wie eine ungeordnete Partitur, die ihre eigene Harmonie hat: ein Fußboden aus gestampftem Lehm, raue Hände an einer Töpferscheibe, ein Paar Filzpantoffeln, auf denen tausendfarbige Drachen prangen …

KAPITEL 3 Barcelona, Winter 1999

»Jetzt hilft nur noch eine Tasse Tee«, seufzt María.

Zögerlich hat sich der Morgen über der Stadt erhoben.

Hin und wieder schlüpft ein Sonnenstrahl durch die dunklen Wolken. Das Wetter ist wie ich, denkt sie, während sie die Gardinen vor dem Balkon ihres Appartements zurückzieht, unschlüssig, ob sie lächeln oder weinen soll.

Entschlossen geht sie an einen Schrank. Sie stöbert darin, bis sie die kleine Holzkiste gefunden hat. Et voilà! Das Elixier, das alles kuriert, sagt sie sich und merkt, wie ihre Laune besser wird.

Sie stellt den Wasserkessel auf den Gasherd. Daneben wartet eine henkellose Teeschale. Jadegrün mit einem Gespinst aus Streifen in Altgold. Wunderschön. Einzigartig.

Wo habe ich die Kanne hin?, überlegt sie und schaut suchend über die Küchentheke. Sie findet sie gerade noch rechtzeitig, um ein paar getrocknete Blätter weißen Tee hineinzuwerfen, bevor das Wasser zu sprudeln beginnt. Sie gießt den Tee auf, und die Keramik nimmt die Wärme, die ihr Inneres liebkost, dankbar an. Die Kanne leuchtet in dunklem Grün wie Bäume nach dem Regen.

María stellt Mutter und Kind, Teekanne und Teeschale, auf ein kleines Tablett.

Dann geht sie mit vorsichtigen Schritten zum Sofa, dem hellsten Platz in ihrer Wohnung. Das Tablett setzt sie auf dem Boden ab, und ehe sie den Tee einschenkt, blickt sie auf den Balkon hinaus: Überbleibsel einer Weinpflanze klettern die Wand zum Nachbarhaus hinauf und krallen sich in den Mauerritzen fest, um dem nahenden Winter standzuhalten.

Ein Stück weiter spannt sich der Himmel über einen kleinen unscheinbaren Platz. Wenige Meter trennen sie von dieser kleinen Plaça, von der sie jede Handbreit kennt. Zementflicken in unterschiedlichen Farbtönen überziehen das Pflaster und kommen ihr vor wie die Narben des Lebens. Wie meine Narben, sagt sie sich.

Die letzten zwölf Krankheitsmonate mit ihren täglichen Niederlagen und ihren nächtlichen kleinen Toden haben ihre Spuren hinterlassen. Die zwanzig Jahre Waffenstillstand, in denen das Biest, das sie von innen auffraß, verschwunden zu sein schien, sind vorüber, Schmerzen, Spritzen und Benommenheit, all die Leiden, die sie für ausgestanden hielt, zurückgekehrt.

Wieder sinkt ihre Stimmung. Sie spürt, wie das Unglück wie ein tiefer Seufzer in ihr aufsteigt, und versucht ihn zu unterdrücken.

Sie legt sich aufs Sofa, zieht die Decke über sich, die ihr Nachbar Sebas ihr geschenkt hat, und fasst nach dem Bambushenkel.

Das Geräusch des in die Keramiktasse rinnenden Tees bringt unbestimmte Erinnerungen mit sich. Geraubte, keine eigenen. Sie umschließt die Schale mit beiden Händen.

Sie senkt den Kopf und atmet das feine Aroma ein, und in dem weißen Dampf steigen vor ihren Augen plötzlich Bilder auf, die sich miteinander verweben: weiße Vorhänge, die sich vor einer Terrassentür bauschen, das von den glänzenden Fensterfronten eines Wolkenkratzers reflektierende Licht, ein halb verblühter Rosenstrauch, dem ein zu langer Sommer zugesetzt hat. Und über allem ein violetter Himmel, nach dem man meint, nur die Hand ausstrecken zu müssen …

WURZELN Der Beginn der Reise

KAPITEL 4 Der Feind, der in dir lebt (Barcelona, 1999)

María knallte die Tür zu.

Mit aller Kraft. Wütend, als wäre das ein Mittel gegen den Schmerz. Könnte sie die Zeiger der Uhr doch nur zurückdrehen. Wäre es doch wieder neun Uhr morgens an diesem Dienstag, dem 3. September! Unmittelbar bevor der Onkologe den Umschlag mit den letzten Untersuchungsergebnissen öffnen würde. Oder lieber noch zwei Monate früher, noch ehe derselbe Doktor sagte: »Das gefällt mir ganz und gar nicht …«

Sie kannte diese Miene gut: Sie hatte sie vor fast zwanzig Jahren auf dem Gesicht eines anderen Arztes gesehen.

Und wenn sie schon einmal dabei war, warum nicht gleich zu genau der Minute zurückkehren, in der ihr Körper beschlossen hatte, ihr Feind zu werden?

Die Türklingel riss sie aus ihren Gedanken. Von draußen blaffte eine ungehaltene Stimme. »Himmel noch mal, Chica, was hat die Tür dir denn getan?«

Sebas war der Prototyp des Nachbarn, den niemand haben will: laut, feierfreudig, großkotzig, und da stand er und rief nach ihr, der stets Korrekten und Diskreten, am zweitschlimmsten Tag ihres Lebens.

Was ihr, abgesehen von der ohnehin schon langen Beschwerdeliste, am meisten auf die Nerven ging, war dieses Chica, mit dem er sie immer ansprach. Dabei war er mindestens fünf Jahre jünger als sie.

Unmutig riss sie die Tür auf.

»Es gibt Leute, die zu schlafen versuchen, Chica!«

Er lehnte im Flur und starrte sie ungehalten an.

Sebas arbeitete nachts, als was, wusste sie nicht. In den drei Jahren, die sie nebeneinander wohnten, hatten sie kaum drei Worte gewechselt. Und wenn es nach ihr ging, sollte das auch so bleiben.

»Wenn du nicht weißt, wie man eine Tür normal zumacht, zeige ich es dir gerne«, setzte er hinzu.

María musterte ihn von Kopf bis Fuß.

»Ein andermal.«

Und mit diesen Worten warf sie die Tür ein zweites Mal mit solcher Wucht ins Schloss, dass die Wände zitterten.

Ich werde mich auch hinlegen, dachte sie. Sie brauchte Ruhe und Zeit, um die Nachrichten dieses Morgens zu verdauen. Sie war kaum zwei Schritte weit gekommen, als es erneut klingelte.

Ich bringe ihn um, sagte sie sich, während sie die Tür wieder aufriss.

»Heute nicht, habe ich gesagt!« schnauzte sie und sah dann überrascht auf die junge Paketbotin, die im Flur stand.

Das Mädchen errötete.

»Verzeihung, ich wusste nicht … Ich gehe dann mal besser und komme morgen wieder.« Das Paket in der Hand trat sie den Rückzug an.

»Nein, nein. Tut mir leid, ein Nachbar … Ach, egal«, versuchte María sich zu entschuldigen.

Die Paketbotin zögerte.

»Zu wem wolltest du denn?« María lächelte versöhnlich.

»Zu María Piedrafita. Sind Sie das?«

María nickte und kramte in der Tasche, die sie immer noch umhängen hatte, nach einem Stift.

»Es steht kein Absender drauf«, sagte das Mädchen, als erhoffte sie sich von María die Lösung eines Rätsels.

Diese zuckte nur mit den Schultern. Sie erwartete kein Paket, unterschrieb jedoch eilig die Quittung, um sich endlich in ihrer Wohnung einschließen zu können, denn in diesem Moment wünschte sie sich nichts sehnlicher als Ruhe.

Als sie fünf Minuten später in ihren Kleidern ausgestreckt auf dem Bett lag, starrte sie eine Weile an die Zimmerdecke. Zwei Tränen rollten ihr langsam über die Schläfen. Allmählich legte sich der Sturm in ihrem Inneren, und sie fragte sich in einem Anflug von Neugier, was wohl in dem Paket ohne Absender sein mochte.

Doch bevor sie noch danach greifen konnte, wurde sie mit einem Mal entsetzlich müde. Im nächsten Augenblick war die blonde Frau, die gerade vierzig geworden war, eingeschlafen.

KAPITEL 5 Wege

Ich habe sie gesehen und gleich gewusst, es ist deine. Carlos.

María lächelte.

Sie drückte sich die Karte ans Gesicht und atmete tief ein, als wollte sie den fernen Duft ihres Freundes erhaschen. Erst vor wenigen Tagen hatten seine langen, feingliedrigen Finger dieses Stück Karton berührt.

Er fehlte ihr. Er fehlte ihr so sehr.

Das allerdings war der Normalzustand ihrer Freundschaft, seit sie sich am Kunsthistorischen Institut kennengelernt hatten. Carlos träumte von fremden Kulturen, von Objekten aus exotischen Hölzern und Unikaten der Töpferkunst. Bald schon hatte er sich seinen Rucksack über die Schulter geschwungen und begann zu reisen.

María träumte von der Romanik, die sie in den Dörfern fand, die sie kannte, von altem Stein und realistischer Landschaftsmalerei. Sie mühte sich durch ein Bewerbungsverfahren nach dem anderen. Carlos wurde zum Schatzsucher und war, mit Basis in den Vereinigten Staaten, in der halben Welt unterwegs. Sie wurde Lehrerin am Gymnasium ihres Viertels. Die wenigen Male, die sie sich begegnet waren, seit sie beide vor etwa achtzehn Jahren ihren Abschluss gemacht hatten, konnte man an den Fingern zweier Hände abzählen.

»Und trotzdem, ich weiß nicht, wie du es anstellst, bist du immer da, wenn ich dich am meisten brauche«, sagte sie leise, während sie die vier Schalen betrachtete, die in einer kleinen strohgefüllten Holzkiste ruhten, rings um eine alte Teekanne mit einem Henkel aus Bambus.

Das Teegeschirr war wunderschön, jadegrün mit einer feinen Äderung in Altgold. Dennoch wunderte sie sich, dass Carlos der Meinung war, es sei etwas für sie. Er wusste doch, dass sie nur Kaffee trank – stark und schwarz.

Vergebens suchte sie nach einem Brief, einem Prospekt, nach irgendetwas, das ihr Aufschluss über dieses unerwartete Geschenk gegeben hätte.

Aber da war nichts.

Sie hatte nichts als elf Worte auf der Postkarte und die unermessliche Zuneigung, die sie für ihn empfand.

Als sie mit den Fingerspitzen über eine der Teeschalen strich, überlief sie eine leichte Gänsehaut. Einen Moment lang dachte sie, sie habe ein Fenster aufgelassen, und erschrak. Der Arzt hatte gesagt, derzeit sei eine Erkältung unbedingt zu vermeiden. Plötzlich sah sie Blitze und schloss die Augen.

Atme, María, befahl sie sich in eindringlichem Ton.

Sie durfte sich nicht von ihrer Angst unterkriegen lassen, dieses Biest mit den scharfen Zähnen. Nicht jetzt schon, dachte sie, während sie die geschlossenen Fenster kontrollierte.

Dann ließ sie sich wieder vor ihren Tassen nieder.

Sie nahm eine aus der Kiste. Die Keramik war ein wenig uneben, aber trotzdem glatt, hergestellt aus Ton und Glasur. Feuer und Wasser. María legte ihre beiden Hände um die Schale, sie passte genau dazwischen. Ein paar Sekunden hielt sie die Tasse und versuchte, etwas von der Wärme zu erspüren, die sie mehr als einmal enthalten haben musste.

»Woher kommt ihr?«, fragte sie leise. »Wem habt ihr wohl gehört?«

Fernöstlich sahen die Teeschalen aus. Carlos war von Japan immer schon fasziniert gewesen, wie auch von Korea und China. Ob er sich wieder dort herumtrieb?

Sie setzte die Tasse auf dem Esstisch ab. Dann nahm sie das Teegeschirr Stück für Stück aus der Holzkiste. Sonnenstrahlen schlüpften durch die halbgeschlossenen Vorhänge und brachten die nebeneinander aufgereihten Teile zum Leuchten. Sie waren alle gleich und doch auf eine subtile Weise verschieden.

»Also hat euch ein Kunsthandwerker hergestellt …, aus der Fabrik seid ihr jedenfalls nicht«, murmelte María. »Wie lange das wohl her ist? Hat mein Freund euch bei irgendeiner Ausgrabung gefunden? Oder in einem Antiquitätenladen?«

Sie lächelte, als sie daran dachte, wie Carlos immer Jagd auf Dinge machte, die er als Kleinodien bezeichnete. Im Auftrag von Museen oder privaten Sammlern nahm er an Versteigerungen oder archäologischen Projekten teil. Er durchstöberte die Inventarlisten von aufgelösten Stiftungen oder verarmten Adligen. Er gab Angebote ab, verhandelte, kaufte.

»Wusstest du, dass an den Böschungen der Autobahnen winzige Blumen wachsen, die in ihrer Unvollkommenheit wunderschön sind? Wir haben es so eilig, von einer Dringlichkeit zur nächsten zu rasen, dass wir sie nicht wahrnehmen. Millionen von Menschen kommen im Lauf des Jahres daran vorbei, und niemand erfreut sich an der Schönheit, mit der uns die Blumen beschenken«, hatte er ihr bei ihrer letzten Begegnung erklärt, die mittlerweile schon fünf Jahre zurücklag. »Ich hasse es zu rasen. Ich kann nicht gut stillsitzen, das stimmt, aber hetzen mag ich mich auch nicht. Deshalb bleibe ich, wenn meine Arbeit getan ist, möglichst noch ein paar Stunden vor Ort. Und immer gibt es irgendeinen kleinen alltäglichen, selbst von seinen Besitzern übersehenen Gegenstand, der mir zulächelt. Dann weiß ich, dass er auf mich gewartet hat, und fühle die Verpflichtung, ihn davor zu bewahren, verbrannt, auf den Müll geworfen oder auf einem lausigen Trödelmarkt verramscht zu werden.«

María spürte, wie eine hinterhältige Träne sich auf ihre rechte Wange stahl. In letzter Zeit attackierten sie diese blöden Tränen ständig. Als die Träne merkte, dass sie freie Bahn hatte, zog sie eine ganze Armee von Tränen hinter sich her, und die überschwemmte innerhalb weniger Sekunden das fast jungfräuliche Terrain, wo es lediglich ein paar winzige Falten und eine kleine Narbe von einem Sturz mit dem Fahrrad gab.

»Aus welchem Winkel hat Carlos euch gerettet? Vor welcher Müllhalde hat er euch bewahrt. Was fehlt euch, um makellos zu sein und von allen geliebt zu werden?«, fragte sie mit erstickter Stimme. »Wie dem auch sei, jetzt seid ihr in Sicherheit. Willkommen in eurem neuen Zuhause.«

Für ein paar Minuten gab sie die Beherrschung auf und weinte hemmungslos. Auch sie war vom Krebs an den Wegrand geworfen worden.

KAPITEL 6 Die Farben des Tees

»Die Teesorte hängt vom Oxidationsgrad ab.«

María ballte die Fäuste. Das tat sie immer, wenn sie von etwas begeistert war, so als wollte sie es festhalten. Eine versteckte Geste unter dem Ladentisch, von der die Verkäuferin nichts mitbekam, weil sie damit beschäftigt war, Blechdosen mit feinen Zeichnungen von Drachen, Frauen mit Fächern und teetrinkenden Männern auf die Theke zu stellen.

»Der weiße Tee besteht aus den ganz jungen, noch nicht oxidierten Trieben«, erklärte sie, während sie María mit anmutiger Geste eine der großen Dosen hinhielt und den Inhalt aufschüttelte: Ein blumiges Aroma erfüllte den Raum.

María schien es, als hätte die elegante, schlichte Handbewegung Hunderte von unsichtbaren Seidenfäden in Schwingung versetzt. Dankbar neigte sie den Kopf.

Dann überkam sie ein seltsamer Impuls.

Aber alles war seltsam, seit sie vor kaum einer Woche angefangen hatte, ein Geheimnis zu haben. Nur der Direktor ihres Gymnasiums, bei dem sie sich hatte krankmelden müssen, und ihr Arzt wussten, dass der Krebs zurück war und sich, noch aggressiver diesmal, ihre Eierstöcke vorgenommen hatte.

María lebte im Limbus, im Niemandsland, im Nirgendwo. Früher oder später würde sie mit ihrer Familie sprechen müssen, mit ihren Freunden, mit ihren Kollegen … Doch bis es so weit war, wollte sie diese trügerische Ruhe auskosten, die jedem Sturm vorausgeht. Dem Schluchzen ihrer Cousins, den mitleidigen Mienen des Kollegiums, den verlegenen Fragen ihrer Freunde, den furchtsamen Blicken ihrer Nachbarn und den vielen, vielen, vielen Stunden Krankenhaus.

»Wie heißen Sie?«, fragte sie, ihrem Impuls nachgebend.

Die alte kleine Frau sah sie an, als hätte man ihr diese Frage noch nie gestellt. Sie wirkte unschlüssig, ehe sie schließlich antwortete.

»Xia. Das ist ein sehr häufiger Name in China, wo ich herstamme. Übersetzt bedeutet es Schimmer des Morgenrots oder auch des Sonnenuntergangs.« Und als empfände sie die unvermittelt entstandene Intimität als unangenehm, öffnete sie eine andere Dose und hielt sie María unter die Nase. »Der grüne Tee ist auch nicht oxidiert. Die Blätter werden sofort nach der Ernte getrocknet. Das ist ein Long Jing, was so viel heißt wie Drachenbrunnen. Er wächst am Ufer eines berühmten Sees.«

»Er hat ein köstliches Aroma«, sagte María und lächelte zum ersten Mal an diesem Tag. »Ich bin übrigens María.«

Hunderte von Malen war sie an dem winzigen Laden mit der roten Laterne über der Tür vorbeigegangen. Bis zu diesem Samstagmorgen war ihr das Schild »Tor zum Paradies« nie aufgefallen. Sie war früh aus dem Haus gegangen, um auf dem Markt etwas Obst zu kaufen, bevor der Platz von Hausfrauen gestürmt würde, die alles abräumten. Mit ein paar Tüten mit Apfelsinen und Kiwis hatte sie sich anschließend den Luxus einer guten Tasse Kaffee auf einer der Café-Terrassen in ihrer Nachbarschaft gegönnt.

Nebenan befand sich die halboffene Tür der Teehandlung.

María verstand es als Einladung des Universums. Sie hatte vier Teeschalen und eine jadegrüne Teekanne einzuweihen!

Ohne zu ahnen, was in ihrer Kundin vorging, glitt der Blick der alten Chinesin suchend über das Regal, das vom Boden bis zur Decke reichte.

»Der Oolong ist leicht oxidiert. Viele bezeichnen ihn als blauen Tee.«

»Von dem habe ich noch nie gehört.«

»Er ist sehr gut und sehr aromatisch. Dann gibt es noch den schwarzen Tee, den mit der stärksten Oxidation«, sagte sie zum Abschluss ihres Einführungsvortrags über die Teefarben.

»Welchen würden Sie an meiner Stelle nehmen?«, fragte María.

»Ich bin nicht Sie«, entgegnete die Chinesin und warf ihr einen verschmitzten Blick zu.

»Natürlich nicht, aber … Wollen wir uns vielleicht duzen?« Es war ihr einfach so herausgerutscht.

Die alte Chinesin sah sie belustigt an.

»Wer bist du?«, fragte sie dann.

María überlegte kurz, ehe sie erwiderte:

»Jemand, der bis vor zwanzig Minuten noch nie einen Teeladen betreten hat.« Sie grinste. »Mit anderen Worten: Jemand, der bis vor einer Woche nicht mal auf die Idee gekommen wäre, einen Tee zu trinken.«

Xias Blick wurde sanft. Mit ihren kleinen flinken Händen füllte sie ein Hundert-Gramm-Tütchen, verschloss es und klebte ein Etikett darauf.

María bezahlte und verabschiedete sich mit einer leichten Verbeugung.

Ihr erster Ausflug in die Welt des Tees war hochinteressant gewesen. Sie fühlte sich wie Alice im Wunderland, aber es war an der Zeit, den Kaninchenbau zu verlassen und nach Hause zu gehen.

100 Gramm, Weißer Tee, lose. Nach einem kalten Winter im Morgengrauen am Mount Everest geerntet. An der Sonne getrocknet.

Das klingt eher wie eine Aufforderung zu reisen als ein Etikett, dachte María, als sie das Päckchen in den Küchenschrank stellte.

KAPITEL 7 Das geheime Leben der Dinge

Das erste Klingeln des Telefons bohrte sich María in den Schädel.

In einem Reflex zog sie sich die Decke über den Kopf. Es nützte nichts: Ein zweites Klingeln drang in ihre Ohren. Sie rollte sich zusammen, aber auch das rettete sie nicht.

Sie kniff die Augen zusammen und wartete darauf, dass das Klingeln aufhörte. Wer immer es war, würde wohl bald aufgeben.

Aber nein. Weder ihre Migräne noch das Telefon waren an diesem Samstagabend gewillt, sie in Ruhe zu lassen.

Sie taumelte den Flur entlang, als wäre sie auf der Titanic kurz vor dem Untergang. Sie stolperte ein paar Mal, stieß sich den Ellbogen am Türrahmen und das Knie am Beistelltisch im Esszimmer.

Und dort lag endlich das verflixte Telefon, das sie so gut wie nie benutzte.

»Welcher Neandertaler ruft mich auf dem Festnetz an?«, murmelte sie genervt, als sie den Hörer hochriss.

»Ein Neandertaler, der sein Notizbuch verloren hat und lange in seinem Gedächtnis kramen musste, um diese Nummer wieder auszugraben«, antwortete eine freundliche Männerstimme.

»Entschuldigung, ich habe geschlafen …«, versuchte sie sich zu entschuldigen, ohne recht zu wissen, wofür und bei wem.

»Um diese Zeit schläfst du, Goldlöckchen? Damit rechnet man bei einem Großstadtsingle ja nicht unbedingt. Du solltest eigentlich durch die Läden ziehen, bis die Kreditkarte glüht, oder, besser noch, dich aufbrezeln für eine tolle Partynacht«, frotzelte jemand am anderen Ende der Leitung.

»Carlos?! Bist du das?«

Ihr Herz machte einen Satz. Wer sonst nannte sie Goldlöckchen?

»Mein Gott, ist das schön, deine Stimme zu hören!«

Die Freude ergriff so vollständig Besitz von ihr, dass für die Migräne plötzlich kein Platz mehr blieb. Sie lachte auf und war selbst ein bisschen überrascht darüber. Die Krankheit, die Schmerzen, die Angst und all die Behandlungen und Untersuchungen waren für einen Moment vergessen.

»Hast du mein Geburtstagsgeschenk bekommen? Das ist meine Entschuldigung dafür, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe«, erklärte er.

»Du hast vielleicht Nerven!«, rief sie mit gespielter Empörung. »Mein Geburtstag war vor vier Monaten.«

»Ich weiß, und für den nächsten bin ich acht Monate zu früh dran, aber ich dachte mir, besser zu früh als zu spät.« Er lachte. »Und? Hat es dir gefallen?«

»Ja, ich hab mich sehr gefreut, aber … wieso hast du geschrieben, dass das etwas für mich ist?«

»Sag du es mir.«

»Na, hör mal, du hast es gekauft, und auf deiner Karte steht …«

»Nein, nein …«

»Was nein?«

»Ich habe es nicht gekauft.«

»Hast du es geschenkt bekommen? Auf der Straße gefunden?«

Ein Lachen am anderen Ende der Leitung verriet ihr, dass Carlos seinen Spaß hatte.

»Hast du es etwa geklaut?«, fragte sie erschrocken.

Zuzutrauen wäre es ihm. Wenn Carlos sich in etwas verliebte, kannte er keine Grenzen.

»Das war nicht nötig.« Er schwieg einen Moment ehe er hinzufügte: »Es war mein Lohn.«

»Dein Lohn?«

»Ganz recht.«

»Ganz recht? Jetzt mach es nicht so spannend. Es klingt, als ob du für die Mafia arbeitest.«

Mit seinen Andeutungen konnte er sie zur Weißglut bringen. Carlos wusste das und liebte es, sie ein bisschen auf die Folter zu spannen.

In einem anderen Leben wäre er ein Troubadour mit tausend Geschichten gewesen.

»Ich habe nur geholfen, eine Mauer anzumalen.«

»Hast du den Beruf gewechselt?«, witzelte María. »Vom Archäologen zum Anstreicher – eine steile Karriere.«

»Man hat mich darum gebeten, und du weißt ja, dass ich nicht nein sagen kann.«

»Wie kommst du dazu, in Asien Mauern zu streichen?«

»Wieso Asien? Das war in Boston!«

»Boston?«

Dann fing Carlos an, ihr zu erzählen, wie er ohne Ziel oder konkrete Pläne mit einem befreundeten Maler die Ostküste entlanggefahren war.

»Der Herbst ist wundervoll in Neuengland. Du spazierst durch diese riesigen Wälder wie durch ein Gemälde. Die Bäume leuchten in Rot, Gelb, Orange …«, schwärmte er.

Und so hätten sie beschlossen, eine Woche in der Hauptstadt von Massachusetts zu verbringen, angelockt von ihrem Ruf, eine Stadt der Kultur und Weltoffenheit zu sein. Als Untermieter hätten sie ein Apartment in Jamaica Plain bezogen, einem Viertel, in dem Künstler, Studenten und lateinamerikanische Einwanderer ganz friedlich zusammenlebten. Eines Morgens, auf dem Weg zum lokalen Bauernmarkt, seien sie vor einer alten Fabrikmauer auf eine Gruppe freundschaftlich diskutierender Nachbarn gestoßen. Alte Leute, Kinder, Jugendliche, zwei schwangere Frauen … und alle hätten sie um eine Menge Farbeimer und ein dilettantisch gezimmertes Gerüst herumgestanden.

»Bei meinem Freund ist das krankhaft. Er sieht einen Pinsel und vergisst den Rest der Welt. Also ist er hingegangen und …«

Unter Anleitung eines jungen Aktivisten hätten sie gemeinsam ein Wandbild gemalt.

»Von Pazifismus haben die mehr verstanden als von Kunst. Zum Glück war mein Freund zur Stelle! Ohne ihn wäre das Bild an der Mauer ein buntes, sinnloses Durcheinander geworden. Wir haben ihnen bei dem Gemälde geholfen, auf dem jetzt Gandhi, Rosa Parker, Martin Luther King und Oscar Romero zu sehen sind. Wenn du irgendwann mal in der Gegend bist, geh durch die Green Street, und du wirst sehen, dass einer der Arbeiter, die Lech Walesa folgen, mein Gesicht hat«, berichtete er lachend.

»Eine gute Geschichte, aber was hat sie mit meiner Teekanne zu tun? Eigentlich hättest du mir doch eher einen Pinsel schicken müssen.«

»Ein bisschen Geduld, Goldlöckchen. Gute Geschichten brauchen Zeit wie der Kapaun zu Weihnachten.« Carlos räusperte sich, bevor er fortfuhr. »Die alte Fabrik ist der Sitz einer Genossenschaft, die manchmal einen Flohmarkt veranstaltet, um Mittel für Obdachlose aufzubringen. Die Nachbarn haben sich für die stundenlange Arbeit bei uns bedankt, indem sie uns alles schenken wollten, was uns aus ihrem Verkaufslager gefiel. Ich wollte eigentlich gar nichts, aber wie hätte ich widerstehen können, durch diese chaotische Reliquiensammlung zu stöbern? Ich hatte nicht vor, etwas mitzunehmen, aber dann stieß ich versehentlich einen Karton um und entdeckte darin eine dieser Schalen, die mit dem kleinen Sprung am Rand.«

Den Sprung hatte María noch gar nicht bemerkt.

»Ich nahm sie aus der Kiste, um sie gegen das Licht zu halten, und meinte, einen stummen Aufschrei zu hören, weil ich sie von ihren Artgenossen getrennt hatte. Ich schaute wieder in die Kiste, und dann entdeckte ich, eingewickelt in Zeitungspapier, die anderen drei Teeschalen.«

Ein stummer Aufschrei … Manchmal war Carlos wirklich übergeschnappt. María kicherte in sich hinein.

»Es war merkwürdig, aber als ich diese grünen Schalen sah, musste ich plötzlich an dich denken, ich weiß auch nicht, warum. Auf einmal hatte ich dein Lächeln vor Augen, und die Erkenntnis traf mich wie ein Blitzschlag. Diese Schalen waren für dich bestimmt, sie schienen mir es geradewegs zuzurufen. Und auch, dass sie sich ohne die Teekanne, die ich in der Schachtel daneben fand, nicht auf die Reise machen würden.«

Für einen Moment wurde es ganz still auf beiden Seiten des Ozeans.

Wie spät mag es jetzt in Chicago sein?, fragte sich María, bevor Carlos etwas sagte, das ihr noch lange in Erinnerung bleiben würde.

»Manchmal habe ich das Gefühl, dass es Dinge gibt, die ihr eigenes Leben und ihren eigenen Willen haben. Beides ist mir heilig.«

KAPITEL 8 Tee, Tee und noch mehr Tee

María fragte sich, warum sie es ihm nicht gesagt hatte.

Seit Carlos sie angerufen hatte, war eine Woche vergangen, und noch immer überlegte sie, warum sie ihm verschwiegen hatte, dass sie krank war. Es war das erste Mal in all den Jahren ihrer Freundschaft, dass sie ihm etwas Wichtiges vorenthielt. Sie hatten über alles Mögliche geredet, sie hatte ihm sogar von diesem kleinen Teeladen erzählt, den sie neulich erst entdeckt hatte, und bevor sie auflegten, hatte Carlos ihr empfohlen:

»Probier mal den Da Hong Pao, das ist ein roter Tee, der am Fuß des Wuyi-Gebirges im Norden der Provinz Fujian wächst. Deine Xia kennt ihn mit Sicherheit. Und ruf mich an, wenn du ihn probiert hast. Ich möchte wissen, wie er dir schmeckt. Allerdings ist er nicht billig.«

Und nun stand María vor dem Tor zum Paradies, unschlüssig, ob sie eintreten sollte.

Der Tag war ein wenig trüb und neigte sich dem Ende zu, und María schaute in das kleine Schaufenster zu ihrer Linken, wo ein Dutzend Teekannen in allen Größen und aus unterschiedlichen Materialien ausgestellt war. Eine feine Staubschicht hatte sich über die hübschen Kannen gelegt, die nach Farben geordnet waren, und in einer Ecke meinte María ein zartes Spinnennetz auszumachen.

Versonnen starrte sie in das Schaufenster und stellte sich eine jüngere Xia vor, die am Abend, bevor sie zum ersten Mal das Rollgitter ihres Lädchens hochgezogen hatte, mit einem Lächeln im Gesicht die Teekannen in der Auslage dekoriert hatte. Und so standen sie noch immer. Der ganze Laden hat etwas Verwunschenes, dachte María, als sie zögernd eintrat.

»Entschuldigung, aber wir schließen gleich.«

Xia trat aus dem Inneren des Ladens hervor und riss sie aus ihren Gedanken.

»Keine Sorge, heute weiß ich genau, was ich suche!«, gab María lächelnd zurück. »Ein Freund hat mir einen roten Tee aus der Provinz Fujian empfohlen, den Namen habe ich leider vergessen.«

Ohne ein Wort wandte Xia sich um und ließ den Blick über ihr Regal schweifen. Dann bückte sie sich, zog unter der Theke einen kleinen Schemel hervor und stieg flink hinauf, um vom zweitobersten Bord eine Dose zu holen.

»Da Hong Pao«, sagte sie knapp.

Die Wortkargheit der alten Chinesin überraschte María ein wenig.

»Ist das denn eine gute Wahl?«, fragte sie verunsichert.

»Großes rotes Gewand.«

»Wie bitte?«

»Das ist die Bedeutung des Namens. Der Da Hong Pao ist ein Tee von intensivem Geschmack mit einer leicht rauchigen Note.« Xia schloss die Augen und sog ehrfürchtig das Aroma ein, als sie jetzt die Dose öffnete. »Man pflückt ihn seit Tausenden von Jahren.«

Nach kurzem Schweigen setzte sie hinzu:

»Er ist einer der teuersten Tees der Welt. Aber wenn man bedenkt, dass dieser Tee einst eine Kaiserin der Ming-Dynastie vor dem Tod bewahrt hat …«

Der Blick der Ladenbesitzerin verlor sich, sie schien plötzlich Lichtjahre entfernt zu sein. Dann erhellte ein sanftes Lächeln ihre Miene.

»Wie es heißt, haben die Mönche des Klosters am Tian-Xian-Felsen noch sechs Teebäume dieser Art in ihrer Obhut, jeder über dreihundertfünfzig Jahre alt. Ihre Blätter sind Tausende von Yuan wert! Die Mönche pflücken ganz wenige davon und bereiten den Tee nur für sich selbst. Und in früheren Zeiten war dieser Tee dem Kaiser vorbehalten.« Unvermittelt verstummte sie, als wäre ihr gerade bewusst geworden, wo sie war und mit wem sie sprach.

»Hundert Gramm? Keine Angst, der Da Hong Pao, den ich verkaufe, ist von benachbarten Pflanzen, die um einiges jünger sind … und damit auch erschwinglicher.«

Während die alte Chinesin mit großer Sorgfalt den Tee in ein Päckchen füllte, es verschloss und das Etikett aufklebte, murmelte sie vor sich hin:

»Jemand, der dich sehr liebt, hat dir mit dieser Empfehlung ein großes Geschenk gemacht.«

María nickte betroffen und hatte schon zum zweiten Mal an diesem Tag ein schlechtes Gewissen. Sie musste ihrem alten Freund sagen, dass der Krebs wieder zurückgekehrt war. Und ihrer Familie. Und ihren Kollegen.

Zehn Minuten später betrat María den Aufzug ihres Hauses mit dem festen Vorsatz, Carlos anzurufen. Unwillkürlich strich sie über das kostbare Päckchen in ihrer Hand, während sie darauf wartete, dass sich die Türen öffneten.

In ihrer Wohnung angelangt, bereitete sie den Tee zu und warf einen Blick auf das Telefon, das auf der Anrichte lag.

In der Teekanne begannen die dunklen, um sich selbst gedrehten Blätter unter der Einwirkung des heißen Wassers ihre Kräfte zu entfalten. Und die auf einem Trödelmarkt in Boston gefundene Kanne offerierte diese Kräfte jetzt ihrer neuen Eigentümerin, die das Etikett auf dem Teepäckchen gedankenverloren las.

100 Gramm, Da Hong Pao, der seltenste Tee der Welt. An Gutem sollte man sich nicht sättigen, um sich danach sehnen zu können. Diese Sehnsucht wird dem Geist Antrieb, der Seele Liebkosung sein.

KAPITEL 9 Eine schlimme Nacht

Das Pfeifen des Wasserkessels kündigte die Dampfwolke an, die Sekunden später die kleine Küche erfüllte.

María saß auf einem Hocker, den Oberkörper flach auf dem Tisch wie eine Marionette, der man die Fäden gekappt hat. Ihr Blick war starr auf die Flammen gerichtet, die unentwegt über die am unteren Rand ihres Kessels eingravierten Buchstaben züngelten: »Premier Housewares«.

Unfähig sich zu erheben, verfolgte sie wie hypnotisiert den Tanz der bläulichen Flammen unter dem Metallkessel.

Den gestrigen Tag hatte sie auf dem Sofa vor dem Esszimmerbalkon verbracht. Obwohl die Leute draußen noch ohne Jacke unterwegs waren, hatte sie sich am späten Vormittag eine Decke übergeworfen, weil ihr kalt war.

Sofa, Decke, Tee – eine Szene wie aus einem schönen Film. Wenn da nur nicht diese entsetzlichen Telefonate gewesen wären!

Sie seufzte bei der Erinnerung an das unterdrückte Aufschluchzen ihrer alten Schulfreundinnen, das hilflose Schweigen ihrer Arbeitskollegen und die Allgemeinplätze ihrer fernen Verwandtschaft. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie dem Universum dankbar, dass ihre Eltern schon vor Jahren gestorben waren – sie hätte es nicht übers Herz gebracht, ihnen die schlechte Nachricht zu überbringen – und dass ihre Familie so klein und so uneins war. Bei diesem Gedanken stiegen ihr die Tränen in die Augen.

Und als hätte sie an all dem nicht schon hart genug zu schlucken gehabt, war einige Stunden zuvor auch noch eine Freundin samt ihrer Schwägerin bei ihr aufgetaucht, die Onkologin war und ihre sämtlichen Untersuchungsergebnisse zu sehen verlangte. Eine andere Freundin hatte ihr eine ganze Kiste Bücher und Filme geschickt, »damit du nicht so viel grübelst«.

Und das war erst der Anfang von allem, was ihr noch bevorstand.

Sie wusste, was auf sie zukam: Vor achtzehn Jahren, als ihre Mutter noch lebte und sie eine Studentin und voller Träume war, hatte das Biest zum ersten Mal seine Zähne gebleckt. Doch zum Erstaunen der Ärzte hatte sie damals sehr gut auf die ersten Behandlungen angesprochen. Der Krebs war fast so plötzlich verschwunden, wie er ausgebrochen war. Sie hatte ein Semester verloren, aber, wie Carlos sagte, »etwas sehr viel Bedeutsameres gewonnen«.

Ihre Freunde auf der Universität hatten sich T-Shirts mit einem Foto von ihr als Superwoman machen lassen, um ihr Mut zu machen, und als die letzten Untersuchungen nach einem Jahr bestätigten, dass sie wieder gesund war, hatten sie für María eine Überraschungsparty organisiert.

Wie kindisch! Wie naiv zu glauben, man könnte den verfluchten Tod besiegen!

Mit einem Mal musste sie an dieses orientalische Märchen denken, in dem der Tod kommt, um den Lieblingsdiener eines reichen Kaufmanns zu holen. Der Diener trifft ihn auf dem Markt und erschrickt, als er ihn erkennt. Der Tod winkt ihm zum Zeichen, dass er mit ihm reden will, der Diener aber eilt zu seinem Herrn, fleht ihn an, ihm das beste Pferd zu leihen, und erklärt ihm, vor wem er flieht. Der Herr kommt seiner Bitte nach und rät ihm, nach Isfahan zu reiten, wo er ein weiteres Haus besitzt, und sich dort zu verstecken. Als der Kaufmann danach auf die Straße tritt, begegnet er dem Tod. Entrüstet fragt er ihn, warum er seinen so Diener erschreckt hat. »Erschreckt?«, erwidert der Tod. »Ich wollte ihn bloß fragen, was er hier macht, weil ich heute Abend eine Verabredung mit ihm in Isfahan habe.«

María kannte die Geschichte seit langem, aber nie war sie ihr so wahr erschienen wie in diesem Moment.

Das Pfeifen des Kessels bohrte sich in ihr Trommelfell. Seufzend stand sie auf, um ihn vom Herd zu nehmen, bevor das Wasser verdampft war. Tausend Nadeln stachen ihr in die Brust. War es die Anstrengung oder der Gedanke an die deprimierenden Gespräche vom Vortag? Sie wusste es nicht.

Das Telefonat mit Carlos war besonders befremdlich gewesen. Sie war sofort mit der Tür ins Haus gefallen, ohne ihn zu fragen, was er gerade machte, oder sich mit irgendwelchen Floskeln aufzuhalten.

»Und als das Teeservice bei dir ankam – hattest du da dein Resultat schon?«, hatte er seltsamerweise gefragt.

»Da war ich gerade vom Arzt zurück.«

»Na, dann ist es ja zum idealen Zeitpunkt eingetroffen!«

»Na ja … also ideal würde ich das jetzt nicht nennen. Wie meinst du das überhaupt?«

»Hast du den Tee gekauft, den ich dir empfohlen habe?«

María bejahte, ein wenig irritiert. War das wirklich alles, was Carlos einfiel, nachdem sie ihm von ihrer neuerlichen Krebserkrankung berichtet hatte?

Überhaupt hatte die Unterhaltung eine überraschende Wendung genommen. Ihren Freund schien es offenbar mehr zu interessieren, was sie von diesem roten Tee hielt und was die Besitzerin vom Tor zum Paradies zu ihrer Wahl gesagt hatte. Er fragte sie auch, wie ihr der weiße Tee geschmeckt hatte, den sie einige Tage zuvor gekauft hatte.

»Du musst mehr Teesorten probieren«, hatte er gesagt. »Bitte deine chinesische Lehrmeisterin, dir welche zu empfehlen. Und dir zu sagen, wie man sie zubereitet! Die Eigenschaften eines Tees ändern sich je nach Temperatur und Ziehdauer. Wenn ich in Barcelona wäre, würden wir jetzt sofort zusammen in den Laden gehen.«

»Ich habe eine wunderschöne, weit gereiste Teekanne und zwei Sorten Tee. Im Moment reicht mir das. Ich wusste gar nicht, dass du dich dermaßen für Tee interessierst, Carlos. Asien war für dich ja immer schon der Garten Eden, aber das ändert nichts daran, dass Tee ein fades Gesöff ist!«

»Du bist es, die mich interessiert«, entgegnete er ernst, bevor seine Stimme ihren fröhlichen Klang zurückgewann. »Und ich freue mich, dass du dem Tee etwas abgewinnen kannst.«

»Das habe ich nicht gesagt, hörst du mir überhaupt zu? Ich habe gesagt, es ist ein fades Gesöff.«

»Ja, ja … Ich kenne dich«, hatte er unbeeindruckt entgegnet. »Es fällt dir ungeheuer schwer, eine Veränderung zu akzeptieren und mir recht zu geben. Aber du kommst auf den Geschmack, und das freut mich! Sei offen für etwas Neues, María. Und verschanz dich nicht hinter dem, was du schon kennst oder was du schon hast oder was es schon gibt … Es ist nie zu spät, zu lernen und Neues zu entdecken. Das ist jetzt wichtiger denn je!«

Das Echo dieses Jetzt wichtiger denn je hallte die ganze Nacht in ihr nach.

Sie glaubte zu verstehen, was Carlos damit zum Ausdruck hatte bringen wollen, auch wenn er es nicht explizit gesagt hatte. Was Gefühle anging, spielte auch er mit verdeckten Karten, genau wie sie.

María tat ein paar Löffelchen weißen Tee in das Sieb und hängte es in die Kanne. Während der Tee zog, nahm sie die grüne Schale mit dem Sprung in die Hand. Sie schloss die Augen und hielt sie an ihre Wange. Die Keramik fühlte sich eiskalt an, und sie erschrak.

Das bedeutete, dass sie wieder eine Fieberattacke hatte.

Seufzend goss sie den Tee ein.

Sie nahm einen ersten Schluck, atmete tief durch und nahm dann noch zwei Schlucke. Mit einem Mal spürte sie, wie ihr der Schweiß ausbrach und sie am ganzen Leib zu zittern begann. Ohne den Tee auszutrinken, wankte sie ins Schlafzimmer, um sich aufs Bett zu legen.

Mit ein bisschen Glück ist dieser Höllentag vorbei, wenn ich wach werde. Das war der letzte Gedanke, der ihr durch den Kopf ging, während die Mittagssonne durch die Schlafzimmervorhänge schimmerte.

Als sie die Augen wieder aufschlug, herrschte Dunkelheit. Es waren etliche Stunden vergangen, doch ihr war immer noch hundeelend zumute. Sie schleppte sich ins Bad und öffnete das Arzneischränkchen, aber sie fand nicht einmal ein armseliges Aspirin. Wie konnte sie bloß so nachlässig sein!

Die Apotheke an der Ecke hat doch heute Notdienst, schoss es ihr durch den Kopf. Der Gedanke, flüchtig erst, wurde immer vordringlicher. Hätte sie kein Fieber gehabt, wäre sie sicher nicht auf die Idee gekommen, in einer Herbstnacht und in ihrem Zustand rauszugehen. In diesem Moment jedoch schien es ihr die einzige Lösung zu sein. Sie tastete nach ihrer Handtasche und verließ die Wohnung.

Sie kam nur ein paar Schritte weit, ehe sie sich mit dem Rücken an die Wand lehnen musste und sich langsam zu Boden rutschen ließ. Das Atmen fiel ihr schwer, ihre Zähne klapperten, die Knie schlotterten. Sie bekam Panik und schnappte nach Luft.

Ein weißer Nebel ließ alles vor ihren Augen verschwimmen – den Fahrstuhl, die Eingangstür und sogar ihre Hände.

Dann drang eine gesichtslose Stimme an ihr Ohr, die klar und fest klang.

»Nanu, wer hat denn da den Weg nach Hause nicht gefunden …«

Das war das Letzte, was sie hörte, bevor die Welt um sie herum versank.

KAPITEL 10 Überraschende Wende