Die Tempelritter-Saga - Band 15: Der Ritter des Todes - Jean LeMaittre - E-Book

Die Tempelritter-Saga - Band 15: Der Ritter des Todes E-Book

Jean LeMaittre

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Beschreibung

"Kündete das Zeichen von der Wiederkunft des Messias? Oder kam damit der Antichrist in die Welt?" – "Die Tempelritter-Saga" jetzt als eBook bei dotbooks. Die Zeichen verdichten sich: Zahlreiche Büßergruppen ziehen durch Frankreich, überall verkünden Prediger die drohende Apokalypse. In den zunehmend chaotischen Unruhen fallen der Kreuzfahrer Uthman und seine Gefährten einer fanatischen Sekte in die Hände – und nur eine kann sie retten: Madeleine, eine junge Christin und Uthmans Geliebte. Doch dafür muss sie einen hohen Preis bezahlen, und dem selbsternannten Messias der Sekte gefährlich nahe kommen … Die Tempelritter, der mächtigste Orden des Mittelalters: Eine packende Abenteuer-Saga, die mehrere Kontinente und Jahrzehnte umspannt! Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 341

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Über dieses Buch:

Die Zeichen verdichten sich: Zahlreiche Büßergruppen ziehen durch Frankreich, überall verkünden Prediger die drohende Apokalypse. In den zunehmend chaotischen Unruhen fallen der Kreuzfahrer Uthman und seine Gefährten einer fanatischen Sekte in die Hände – und nur eine kann sie retten: Madeleine, eine junge Christin und Uthmans Geliebte. Doch dafür muss sie einen hohen Preis bezahlen, und dem selbsternannten Messias der Sekte gefährlich nahe kommen …

Die Tempelritter, der mächtigste Orden des Mittelalters: Eine packende Abenteuer-Saga, die mehrere Kontinente und Jahrzehnte umspannt!

Über den Autor:

Jean LeMaittre forschte lange Zeit über die europäischen Wandermönche und ist ein Spezialist für das Alltagsleben von Musikanten, Gauklern, Huren und Vaganten im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit.

Der Autor lebte auf einem Herrensitz nahe Nantes und verstarb im Jahr 2013.

Für die Tempelritter-Saga schrieb Jean LeMaittre folgende Bände:

»Die Tempelritter-Saga – Band 15: Der Ritter des Todes«

»Die Tempelritter-Saga – Band 16: Der falsche Mönch«

***

eBook-Neuausgabe Februar 2016

Dieses Buch erschien bereits 2006 unter dem Titel »Henri de Roslin und das Ende der Welt« bei Pabel Moewig Verlag

Copyright © der Originalausgabe 2006 by Pabel-Moewig Verlag KG, Rastatt

Copyright © der Neuausgabe 2015 bei dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von Bildmotiven von shutterstock/bazzier und Kiselev Andrey Valerevich

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-95520-826-4

***

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Jean LeMaittre

Der Ritter des Todes

Die Tempelritter-Saga

Band 15

dotbooks.

1

September 1318. In Nordfrankreich

Wo Aas ist, da sammeln sich die Geier, dachte Henri de Roslin. In den Nöten unserer Tage wird die Sonne sich verfinstern und der Mond seinen Schein verlieren, und die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte der Himmel werden ins Wanken geraten …

Henris düstere Gedanken wurden durch die Predigt des Priesters verstärkt, die durch die dreischiffige Kirche hallte. Henri kannte den Text des Matthäusevangeliums auswendig, Kapitel vierundzwanzig, dachte er, denn wie der Blitz ausgeht vom Osten und leuchtet bis zum Westen, so wird auch das Kommen des Menschensohns sein. Und dann werden wehklagen alle Geschlechter auf Erden und werden sehen den Menschensohn auf den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit …

In diesen Tagen blicken alle zum Himmel auf, dachte Henri, auch ich. Doch wir alle erwarten nicht den Messias, wir fürchten uns vor den bösen Mächten. Denn der Komet ist wieder da, die brennende Fackel in der Nacht. Und das Zittern in der Stimme des Priesters und sein heftiger Atem verraten, dass auch er Angst hat vor diesem geheimnisvollen Zeichen und keinen Rat weiß.

»Und zu einer Stunde, die der Mensch nicht kennt, wird er kommen und ihn in Stücke hauen und ihm seinen Teil geben bei den Heuchlern, da wird sein Heulen und Zähneklappern!«

Der Priester hob noch einmal die Stimme und breitete anklagend seine Arme aus, dann wendete er der Gemeinde den Rücken zu und beendete die Messe.

»Amen!«, sagte Henri im Chor mit den anderen in der Kirche. Er blieb noch eine Weile knien. Die Worte haben Kraft und Macht, dachte er, sie trösten, wenn sie auch keine Antwort geben. Und wir suchen ständig nach Antwort. Wo wir auch sind, unter allen Himmeln, wollen wir wissen, woher wir kommen, wohin wir gehen und wie viel Zeit uns noch bleibt. Das sind die Fragen, die uns alle beschäftigen.

Henri schlug das Kreuz, stand auf und ging hinaus. Die Gefährten warteten auf dem staubigen Platz vor der Kirche mit den schnaubenden Pferden. Es schien ein strahlender Tag zu werden. Aber dann zogen von Westen her dunkle Wolken auf, die über ihnen auf ihrem Weg nach Nordosten dahinglitten. Und dahinter näherte sich der Komet, die unheimliche Feuerfackel.

*

Als Henri am frühen Morgen nach Vögeln Ausschau hielt, geschah etwas Seltsames. Plötzlich war weit oben in der Höhe ein gleißend heller Streifen zu sehen. Ein Blitzstrahl, der aus seiner eigenen Mitte heraus zu leuchten schien und gemächlich am noch dunklen Himmel entlangzog, erst langsam, dann immer schneller. Dieser Strahl schien auf ihn zuzurasen. Henri zuckte zusammen, doch der Strahl zog über ihn hinweg und schien dann in einem Funkenregen zu explodieren, als hätte jemand Schwarzpulver entzündet.

War das das Ende der Welt?

Henri de Roslin dachte sofort an ein Himmelsgericht, an einen Boten, der vom Himmel kam, um die Menschen für ihre Sünden zu bestrafen. Denn lebten sie nicht alle in Sünde, verstießen sie nicht alle gegen die Gebote? Etwas Gutes verhieß dieses Zeichen doch bestimmt nicht, so bedrohlich, wie es wirkte.

Der helle Schein schien einen großen Bogen zu machen, so, als wollte er ausholen, um mit umso größerer Kraft zurückzukehren. Es war ein Licht, das aussah, als flüchte es vor der untergehenden Sonne. Oder als wollte dieses Licht wie einst Luzifer der Sonne ihre Macht streitig machen.

Vielleicht wurde in diesem Augenblick auch ein neuer Stern von Bethlehem geboren, den man bis hierher sehen konnte? Ja, das mochte zutreffen. Am Himmel wurde ein Stern geboren, und hier unten, auf der Erde, starben Menschen. Aber der Heiland war auferstanden und würde ewig leben. Und er würde das letzte Strafgericht leiten.

Das Weißglühende über seinem Kopf drängte sich in seine Gedanken, Handlungen und Träume. Zweifelsohne war es ein Zeichen.

Das glaubten auch Henris Gefährten.

Sean zitterte beim Anblick des Feuerschweifs vor Angst. Jetzt schien der Abend der letzten Abrechnung wirklich gekommen! Jetzt ging die Welt unter!

*

Die Landschaft der nördlichen Normandie war in herbstliche Farben getaucht. Breit auslaufende Wellen aus Hügeln und Tälern, mit hohen Hecken an den Wegen, die noch immer dicht belaubt waren, dornenreiches Gebüsch, das ein Eindringen von Wild und Fremden verhindern sollte. In der Ferne lagen kleine, beschauliche Dörfer.

Die Reiter – vier Männer und eine Frau – ließen die Pferde nur langsam traben, denn es gab viel, woran sich das Auge erfreuen konnte. Die Vogelscharen an ginstergesäumten Angern und in Hainbuchenhecken, an Bächen und in Senken, flatterten auf und zogen umher. Es waren Bilder des Friedens – so schien es den Reisenden auf den ersten Blick jedenfalls. In den Dörfern warteten gedrungene Kirchen auf jene, die seelische Erquickung suchten, und einladende Wirtshäuser aus Stein auf die, deren Mägen gefüllt werden wollten. Die Klöster waren reich, an Zulauf mangelte es ihnen nicht, und so schien alles an seinem Platz.

Sie waren bis spät in die Nacht hinein geritten, weil sie rasch das Meer erreichen wollten. Der Weg führte sie über Hügel, die die offene Landschaft beherrschten, und durch kleine Ortschaften, deren feste Steinhäuser sich über malerische Hänge hinabzogen oder in Senken zwischen Obstgärten und hohen Scheunen verborgen lagen. In einem Wald bereiteten sie ein Lager. Es duftete nach Herbst, und in der Nacht zog schon die Kälte des nahen Winters heran. Am Morgen stand zum ersten Mal im Jahr weißer Nebel auf den Wiesen. Und dann erschien das Himmelszeichen.

Später, in einem nahen Kloster der Zisterzienser, das sie aufsuchten, weil Henri de Roslin den dortigen Prior, einen Mann namens Malwran, kannte, erfuhren sie wenig Erfreuliches. Angeblich stand ein Krieg bevor.

Das Kloster lag am Rand eines Ortes mit dick gedeckten Strohdächern über rot verputzten Mauern, an denen sich Birnenspaliere entlangzogen. Schnatternde Enten watschelten umher. Der Prior kassierte den Zehnt zum Wohl seines Klosters, und so konnte er den Gästen am Abend, nach der kargen Mahlzeit mit den Brüdern im Refektorium, noch Fleisch auftischen. Er erzählte munter drauflos, und sein pausbackiges Gesicht mit der straff gespannten Haut glänzte dabei.

»Ihr wollt nach Calais? Seid vorsichtig! Dort scheinen Dinge vorbereitet zu werden, die einen Christenmenschen nicht erfreuen können.«

»Was meint Ihr, Prior?«, fragte Henri, der gerade voll Wonne den letzten Bissen in seinen Mund geführt hatte.

Der Prior setzte sich in seinem Armsessel auf, der wie das gesamte Zimmer mit burgunderrotem Stoff ausgeschlagen war. In seinem raschelnden Gewand von derselben Farbe verschmolz Prior Malwran auf irritierende Weise mit dem Raum.

»Unser Herr König scheint eine Invasion Englands vorbereiten zu wollen. Man munkelt, er ziehe aus der Levante alle Schiffe in Calais zusammen. Es ist unvernünftig. Überdies haben die Engländer eine neue Waffe entwickelt, die sie longbow nennen, es ist ein langer Bogen mit äußerster Durchschlagskraft, der den Waffen der Unsrigen weit überlegen ist und ihre Rüstungen im Nu zerfetzen wird. Es wird zu einem blutigen Gemetzel kommen. Aber der König will diesen Krieg nun mal.«

»Welchen Nutzen zieht der französische König daraus?«, fragte Sean, der seine jugendliche Zurückhaltung immer mehr aufgab. Er war dabei, erwachsen zu werden.

»Er will die Seeherrschaft im Kanal, der das eine Meer mit dem anderen Meer verbindet.«

»Und welchen Grund hat der englische König, sich auf einen solchen Krieg einzulassen?«

»Er will die endgültige Unabhängigkeit der Gascogne und Aquitaniens von Frankreich. Denn diese Länder sind reich, ihre Handelswege auf See reichen bis nach Flandern und Dover. Und von diesen Gebieten im Südwesten unseres Landes bezieht der englische König auch den besten Wein, nämlich den weißen und roten aus Bordeaux.«

»Ein Grund für christliche Herrscher, Krieg zu führen, das ist so sicher, wie Funken aufwärts fliegen«, sinnierte Joshua.

»Da habt Ihr Recht, doch es kommen noch andere Gründe hinzu. Der Streit schwelt schon seit zweihundert Jahren. Bisher stehen diese Gebiete unter englischem Protektorat, aber unser König besitzt die Oberherrschaft, und die Menschen, die dort leben, wenden sich bei Streitfällen an ihn und nicht an den Herrscher der Angelsachsen. Nur so bekommen sie in der Regel gegen die Engländer Recht zugesprochen. Für beide Seiten ist es also eine unbefriedigende Situation.«

»Was hat es mit dieser neuen Waffe auf sich?«, fragte Henri. »Bekämpften mit diesem Bogen nicht schon die Waliser die Schotten des Hochlandes? Als Schotte hat es mich sehr betrübt, erfahren zu müssen, dass meine Landsleute unterlagen.«

»Diese Bögen besitzen grauenhafte Eigenschaften«, bestätigte der Prior. »Ich weiß das, weil ich mich, obwohl ich dem geistlichen Stand angehöre, sehr für Waffentechnik interessiere, immerhin werden Kriege nicht durch Worte entschieden, sondern durch die besseren Waffen. Aber wie dem auch sei, ich kann Euch sagen, dass mit einem longbow abgeschossene Pfeile eine bislang undenkbare Reichweite haben. Die Pfeile sind einen Meter lang und garantiert tödlich. Ein massiver Pfeilhagel demoralisiert jeden Gegner. Der englische König hat unter Androhung der Todesstrafe jeden Sport außer dem Bogenschießen verbieten lassen, um seine Mannen an diese Waffe heranzuführen.«

»Haben unsere tapferen Franken nicht auch eine neue Waffe?«, wollte Henri wissen. »Spricht man nicht von einem Eisenrohr, das die Form einer Flasche besitzt und einen Eisenbolzen abfeuert, der mit einer dreieckigen Spitze versehen ist?«

»Ihr kennt Euch aus, Henri!«, nickte der Prior anerkennend. Dann hustete er, er hatte sich an einem Stück des Biberbratens verschluckt. »Es ist der pot de fer, wie man ihn nennt. Aus dem Rohr wird mit Hilfe von Schwarzpulver ein Bolzen herausgeschleudert. Man will diese Waffe sogar auf Räder montieren, um sie leicht überallhin transportieren zu können. Aber noch ist sie nicht ausgereift, ihre Streuung ist zu groß, und manchmal explodiert das Teufelszeug im Rohr, wodurch die eigenen Leute getötet werden.«

»Es wird also Krieg geben, glaubt Ihr?«

»Ich fürchte die Belagerung von Calais, eine Schlacht im Hafen. Gegen die englischen Schiffe, deren Decks und Schießstände vielen Bogenschützen Platz bieten, hätten die Unsrigen kaum eine Chance. Ihnen bliebe in diesem Fall nur der Sprung ins Wasser oder die Flucht unter Deck. Und dann werden unsere Schiffe geentert und versenkt.«

»Ihr seid wirklich sehr informiert«, meinte Henri.

»So ist es«, entgegnete der Prior. »Aber Ihr wart doch Tempelritter, habt daher doch bestimmt auch an etlichen Kriegen teilgenommen – und müsstet Euch gut auskennen?«

»An einigen zu viel. Vielleicht finde ich deshalb keinen Gefallen daran.«

Der Prior nickte verständnisvoll. »Nun, vielleicht zieht sich das Ganze auch noch weitere Jahre hin. Möglich ist es. Inzwischen werden die Gesandten verhandeln. Man fintiert, bietet Geld und versucht, sich auszubooten – das kann sich lange hinziehen. Allerdings … ich habe so ein Gefühl, meines Erachtens deutet alles auf Krieg hin.«

»Ein Seekrieg weit draußen auf dem Meer wäre zu ertragen«, sinnierte Henri. »Aber wie würde es dann weitergehen? Würden die Engländer auch an Land gehen? Hätten sie genug Truppen, um nachzusetzen und einen Landkrieg gegen Frankreich zu führen?«

»Sie werden ihre mit viel Geld eingekauften Verbündeten aus Flandern und den Niederlanden herbefehlen. Das sind zehntausend Mann, vielleicht sogar mehr.«

»Der Heilige Vater muss vermitteln«, sagte Henri.

»Der Papst ist damit beschäftigt, Bettelorden zu verbieten«, erwiderte der Prior respektlos. »Wir Zisterzienser sind inzwischen auf der sicheren Seite, aber andere Gemeinschaften leben in ständiger Angst vor der Exkommunizierung.«

»Es ist eine unruhige Zeit«, meldete sich Uthman zu Wort. »Wir dachten, mit dem vorigen Jahrhundert hätten wir auch die großen Kriege hinter uns gelassen. Doch nun drohen überall neue kriegerische Auseinandersetzungen.«

Madeleine saß an Uthmans Seite, sie hielt die Hände im Schoß gefaltet. Ihr Gesicht war blass. Sie räusperte sich und sagte: »Wenn es Krieg gibt, dann sollten wir weg von hier.«

Henri nickte ihr zu. »Ich teile deine Ansicht. Ich habe genug Kriege erlebt. Wir sollten einen anderen Weg einschlagen. Wie wäre es, meine Freunde, wenn ich euch nach Lodi führte, der Stadt, von der ich euch so ausführlich erzählt habe?«

»Lodi in der Lombardei«, rief Sean, »das wäre herrlich!«

»Wir würden Francesco della Rocca und Anna di Angero kennen lernen«, strahlte Madeleine. »Ich brenne darauf, sie zu treffen. Auch wenn sie inzwischen mehr als ein Dutzend Jahre älter geworden sind.«

»Vielleicht gibt es unsere Komturei noch, die damals in voller Blüte gestanden hat«, sagte Henri. »In Italien wurde unser Orden nicht so gnadenlos verfolgt wie in Frankreich und England.«

Joshua wiegte bedenklich den Kopf. »Ich weiß nicht recht. Warum sollte es uns dort besser gehen? Wie steht es mit den Visconti in Mailand? Hört man nicht ganz schauderhafte Dinge von dieser Herrscherfamilie?«

»Konflikte gibt es überall«, meinte Henri. »Wir können ihnen nicht aus dem Weg gehen, sondern nur versuchen, uns nicht zu arg zu verstricken.«

»Das ist ein guter Vorsatz, doch bisher ist uns das noch kein einziges Mal gelungen«, mahnte Joshua. »Selbst wenn wir es uns vornahmen. Immer ging es dabei um mangelnde Gerechtigkeit. Denn wir können es nicht hinnehmen, dass jemandem Unrecht widerfährt. Wie sollen wir uns da je aus etwas heraushalten können?«

»Und das ist gut so«, sagte der Prior. »Der Kampf für die gerechte Sache ist der Grund, warum ich den Templerorden immer unterstützen werde. Sein unbeugsamer Gerechtigkeitssinn – war dies nicht der wahre Anlass für seine Zerschlagung? Der Orden hielt den Herrschern ihre eigenen Unzulänglichkeiten wie einen Spiegel vor.«

»Ihr wart immer auf unserer Seite, Prior Malwran, und habt meine Brüder beschützt«, sagte Henri nickend »Dafür danke ich Euch. Es ist gut, zu wissen, wohin man sich in Notzeiten wenden kann.«

»Meine Pforten stehen Euch immer offen!«, sagte der Prior mit einladender Geste.

»Lasst uns nichts überstürzen«, sagte Henri. »Wir können im Lauf der nächsten Tage entscheiden, wohin wir ziehen werden. Vorerst geht es jedoch weiter in Richtung Calais.«

»Es kommen schwere Prüfungen auf uns zu. Gott stehe uns allen bei«, sagte der Prior und schlug mehrere Kreuze.

*

Wieder schlug die Schönheit der Landschaft sie in ihren Bann. Laubenartige Alleen mit Lindenbäumen, die noch in voller Pracht standen, in helles Licht getauchtes, reiches Land. Tagsüber war der Komet nicht zu sehen, er schien nur des Nachts seine Bahnen zu ziehen. Tagsüber machten sich die Gefährten daher auch nur wenige Sorgen. Die freundlichen und bedächtigen Bauern inmitten ihrer großen Viehherden auf den endlosen Weideflächen, die Kinder mit den roten Wangen und die anmutigen Frauen nahmen die Aufmerksamkeit der Reisenden gefangen. Es schien alles so harmonisch zu sein, ein Krieg angesichts dieser Idylle war eigentlich unvorstellbar.

Und wenn die Reiter in die ehrwürdigen Orte einzogen, mit ihren prächtigen Zunfthäusern, den bemalten Rathäusern, den geschwärzten und gravierten Balken der Bauernhäuser, den schönen Kirchen und den einladenden Wirtshäusern, konnte man noch weniger an Krieg denken. Im Gegenteil: Alles wirkte solide und wohlhabend.

Doch dann kamen die Gefährten durch zunehmend verwildertere Gegenden. Die Mauern um die Gemüsegärten an den Wegesrändern waren verfallen, viele Äcker lagen brach, und menschliche Ansiedlungen wurden spärlicher. Zudem wehte ein immer heftiger werdender Wind durch die wenigen Orte, die zunehmend farbloser wurden.

An einer Wegkreuzung mit hohen, schwarzen Kruzifixen, als die herannahende Nacht den gewaltigen Umriss einer Kathedrale verdunkelte, die vor ihnen am Rand einer Stadt aufragte, zügelte Joshua plötzlich sein Pferd.

»Ich werde nach London gehen«, sagte er ganz unvermittelt.

Henri riss ebenfalls am Zügel, sein Pferd schnaubte. »Was sagst du? Habe ich dich richtig verstanden?«

»Ja, ich habe mich soeben dazu entschlossen.«

»Aber aus England sind doch alle Juden vertrieben worden!«

»Das war vor achtundzwanzig Jahren. Das ist schon lange her. Jetzt wird man sie wieder dulden. Man braucht uns, wenn das geistige Leben und die Wirtschaft wieder aufblühen sollen.«

»Joshua«, sagte Henri, und sein Pferd tänzelte, »hast du dir das auch gründlich überlegt?«

»Es gibt eine geheime Synagoge in London, und ich möchte sie kennen lernen. Ich muss mich mehr um meinen Teil der Geschichte kümmern. Um meine eigene Vergangenheit und die meiner Glaubensbrüder.«

»Wir kehren dort in ein Gasthaus ein«, sagte Henri und deutete auf den Ort, der vor ihnen lag. »Schlafe eine Nacht darüber und entscheide morgen früh darüber.«

Als sie die Mauern des Orts erreichten, war es bereits dunkel. Die Gefährten beschlich ein unangenehmes Gefühl. Es behagte ihnen nicht, sich eine Nacht lang dem Unvertrauten aussetzen und bis zum anderen Morgen warten zu müssen, um mit der Umgebung und den dort lebenden Menschen vertraut zu werden.

Dennoch war es diesmal nicht anders möglich. Sie fanden Quartier in einem Gasthaus neben der Kathedrale. Nachdem die Pferde versorgt waren und jeder seine Sachen verstaut hatte, traf man sich in der Gaststube zum Abendessen. Der Wirt, ein rothaariger Normanne mit dröhnender Stimme, begann sogleich, vor ihnen ein düsteres Schreckensszenario auszubreiten. Die Gefährten lauschten seinen Worten mit unguten Gefühlen.

»Es gibt Krieg, das steht fest, meine Freunde! Die Zeichen stehen auf Sturm! Die Angelsachsen sprechen schon von einem gerechten Krieg, das ist immer der Anfang vom Ende. Sie behaupten, dass Gott auf ihrer Seite stehe, und in Gedanken teilen sie sich schon die Beute ihrer Opfer auf – unser Hab und Gut.«

»Wer will nun den Krieg, unser König oder der Angelsachse?«, fragte Sean.

»Der Engländer natürlich! Wir verteidigen uns nur!«

»Und wie begründet König Eduard seinen Standpunkt?«, wollte Henri wissen.

»Er behauptet, seine Dynastie stelle über die Linie seiner Mutter den rechtmäßigen König Frankreichs, und er sei der legitime Nachfolger unseres Königs Philipp.«

»Verwegen!«, sagte Henri.

»Ich wette darauf, dass viele Herren aus der Normandie und auch aus der Bretagne, ja sogar Herzöge aus unserem Artois auf König Eduards Seite wechseln werden, dann haben wir den Feind auch im eigenen Land!«

Joshua wiegte den Kopf. »Die Menschen hier an den Küsten sind unberechenbar. Sie sind so rau wie die Natur. Dort, wo sich zwei Feinde treffen, die See und das Land, ist auch der Mensch schroff. Er tut, was er will.«

»Was wollt Ihr damit sagen?«, fragte der Wirt.

»Ich kann mir gut vorstellen, dass die Bretonen und die Leute aus der Normandie und der Picardie oder des Artois zu den Engländern wechseln. Sie fühlen sich nur den vier Elementen verbunden, nicht dem Königshaus.«

»Sie sind unbestechlich!«, beharrte Henri. »Sie lassen sich nicht kaufen. Wenn sie wirklich Partei ergreifen, dann aus tiefster Überzeugung.«

»Da habt Ihr Recht!«, bestätigte der Wirt. »Wir Normannen sind hier, wo an der Küste die Gischt so hoch wie ein Kirchturm spritzt, von altem Schrot und Korn, unbestechlich, wie Ihr sagt – und übrigens auch unbesiegbar.«

»Also wird es tatsächlich Krieg geben«, brummte Uthman.

»Ein weiterer Grund für den Ausbruch eines langen und blutigen Kriegs ist Flandern«, sagte der Wirt. »Die dortigen Städte sind überaus reich, die Bürger ungemein wohlhabend, die Geschäfte mit Tuchen gehen gut. Das weckt die Begehrlichkeit.«

»Flandern ist ein Lehen der französischen Krone«, erklärte Joshua. »Die flämischen Adligen stehen auf Seiten der Franzosen, und der flämische Hof ist dem französischen verwandtschaftlich verbunden. Französische Prälaten bekleiden hohe Ämter in Brügge, Gent und Antwerpen, man spricht Französisch. Trachten die Angelsachsen deshalb danach? Weil ihnen das alles nicht behagt?«

»Genau so ist es«, entgegnete der Wirt.

»Die Bürger können keinen Krieg wollen«, erklärte Henri. »Er ruiniert ihre Geschäfte. Deshalb werden vielleicht doch noch die Gesandten siegen.«

»Die Parteien sind unversöhnlich, jede hat ihre eigenen guten Gründe für eine Auseinandersetzung oder glaubt zumindest, sie zu haben – also deutet alles auf Kampf hin«, sagte der Wirt. »Ist nicht außerdem ein Komet erschienen? Er kündigt dieses Unheil doch sinnfällig an. Schon munkelt man, vom Himmel seien Schwerter und Spieße gefallen, um die Unsrigen zu bewaffnen.«

»Davon haben wir nichts gesehen«, sagte Henri missmutig. »Gott ist weder Franzose noch Angelsachse. Er ergreift nicht Partei in solch irdischen Scharmützeln.«

»Er hat Partei ergriffen, als die Kreuzfahrer ins Heilige Land einfielen«, sagte Uthman. »Ihr habt ihn angerufen, und er hat geantwortet.«

»Er war auf der Seite aller Christen, das ist nur natürlich. Aber Franzosen und Engländer sind Christen – wie soll Gott sich da entscheiden?«

Der Wirt hob abwehrend die Hände. »Das ist ein Streit um des Kaisers Bart!«, sagte er. »Entscheidend wird sein, ob der Krieg finanzierbar ist. König Eduard wird sich von den großen florentinischen oder lombardischen Banken, von den Bardis und Peruzzis Kredite geben lassen. Und der französische König? Er wird höhere Steuern erheben. Wenn das Volk sich dagegen nicht sträubt, dann rumst es eben irgendwann. Wahrscheinlich noch in diesem Jahr.«

»Frankreich wird vom Geld regiert. Geld ist das Einzige, was dort zählt, das weiß ich«, sinnierte Henri. »Und für Kriegsherren ist Geld ein entscheidender Faktor. Die Truppen müssen bezahlt werden, denn sie bestehen aus Söldnern, nicht mehr aus feudalen Gefolgsleuten, die mit dem Lehnseid zu vierzig Tagen Dienst verpflichtet waren. Haben Frankreich und England ausreichend Geld? Das könnte die kriegsentscheidende Frage sein.«

»Die Herren haben genug Möglichkeiten, sich Geld zu besorgen, das sagte ich ja schon«, meinte der Wirt, während er Cidre aus einem Krug in die leeren Becher goss. »Sie verschlechtern die Münzen, besteuern willkürlich und leihen Geld bei städtischen Bankiers, auch ohne Sicherheiten. Denn wenn man nicht siegt, kann man auch nicht plündern, fängt man keine Geiseln, kriegt man kein Lösegeld. Die Niederlage ist der schlechteste Zahlmeister, ein Sieg der beste.«

»Ein Teufelskreis«, brummte Joshua. »Krieg stellt immer ein unwägbares Risiko dar. Aber die Mächtigen sind eben nicht friedfertig, nirgendwo auf der Welt.«

»Ach was!«, sagte der Wirt. »Man kann durch einen Krieg sehr reich werden!«

»Durch Krieg?« Joshua legte die Stirn in Falten. »Hast du jemals einen Krieg erlebt, Wirt? Nein? Wenn die Truppen brandschatzend, plündernd und mordend durch die Städte ziehen? Wenn sie sinnlos zerstören, rauben und vergewaltigen? Wenn die Einwohner beim Anblick ihrer brennenden Häuser und ihrer geschändeten Frauen von Entsetzen gelähmt sind? Krieg ist die Geißel der Menschheit!«

»Seht das, wie Ihr wollt!«, grummelte der Wirt. »Man muss halt nur auf der richtigen Seite stehen. Außerdem: Gegessen und getrunken wird immer.«

*

Die Gefährten ritten weiter. Das Land wurde von einem fahlen Licht erhellt. Es war der Schein des Kometen. Joshua war noch immer bei ihnen. Er hatte sich noch nicht entschieden, ob er die Freunde verlassen und nach London ziehen oder doch besser bei ihnen bleiben sollte.

Eines Mittags begegnete den Reisenden ein Tross französischer Soldaten, der wie sie nach Norden, in Richtung Calais, zog. Sie waren für eine Schlacht gerüstet, und zwar in einer Weise, die Henri und seine Gefährten erstaunte. So etwas hatten sie bisher noch nicht gesehen.

Die Soldaten standen im Sattel. Ihre Füße befanden sich in langen, starren Steigbügeln. Sie trugen statt der üblichen Kettenhemden einen dicken Brustpanzer. Sie hatten einen Rock in ihren Farben umgehängt, der aus verbundenen Eisenreifen bestand. Das ärmellose Wams darüber kannte man, ebenso das aufgestickte Wappen der Ritter. Auch das Kettenwerk im Nacken und an Schultern und Ellenbogen sowie die Handschuhe aus beweglichen Panzerplättchen waren ihnen bekannt. Aber an dem Helm, der früher offen war, war nun ein schweres Eisen befestigt. Es war ein Visier, das den Helm verschloss und den Soldaten gesichtslos machte.

Die Ritter auf ihren geharnischten Pferden wurden von zahlreichen Knappen begleitet, die Streitäxte und Langschwerter schleppten. Sie alle waren etwa in Seans Alter. Henris Knappe betrachtete sie mitleidig.

Die ganze Staffel der Pferde unter ihren bunten Schabracken, die bis zum Erdboden herabfielen, mit Kopfpanzerung und Rumpfkettenhemden, die Reiter mit Lanzen, Schwertern und Dolchen kamen den Gefährten vor wie ein langer, schrecklicher Wurm in einem eisernen Kokon.

Bei dem Anblick der Krieger verhielt Joshua sein Pferd. Er starrte dem Zug hinterher. Er stellte sich diesen Zug in entgegengesetzter Richtung vor: geschlagen, mit zerfetzter Rüstung und stumpfen Waffen, mit offenen Wunden übersät.

Henri schwante nichts Gutes. Joshua blickte den Freund und Gefährten mit seinen sanften Augen an und sagte: »Ich habe mich entschieden, ich werde nach London gehen. Ich will nicht dort sein, wo solche Truppen der Schlacht harren.«

»Dann kehren wir um«, erklärte Henri. »Ohne dich will auch ich nicht in Calais sein – Tempel hin oder her. Wenn du nicht bei uns bist, ist ein solcher Aufenthalt sinnlos. Wir reiten nach Süden.«

»Wann sehen wir uns wieder?«, fragte Joshua bang.

»Das weiß Gott allein«, sagte Henri.

Sean bekam feuchte Augen. »Du meinst es ernst, Joshua?«, fragte er.

»Ja. Ich spüre, es ist Zeit für mich, zu meinen Glaubensbrüdern zurückzukehren.«

»Dann sollten wir uns gleich hier trennen«, entschied Uthman. »Machen wir es kurz.«

»Gib Acht auf dich!«, riet Henri. »Halte dich von den Rittersoldaten fern und auch von dem Gesindel, das in Hafenstädten lauert. Und sei vorsichtig, wenn du in London bist, dein Leben ist wichtiger als das Überleben deines Glaubens.«

»Denkst du das wirklich, Henri?«

»Ja, inzwischen denke ich so. Unser Gott wird das Seinige tun, um seine Herrschaft zu sichern. Wir müssen dafür sorgen, unser Leben zu erhalten, das wir von Gott geschenkt bekommen haben.«

Sie trieben die Pferde zusammen und legten ihre Hände übereinander. Alle sahen sich der Reihe nach tief und lange in die Augen. Ihre Blicke tanzten ein stummes und trauriges Ballett des Abschieds.

»Lebt wohl, meine Freunde!«, sagte Joshua. »Du, Sean, du, Uthman, du, Madeleine. Und du, mein Henri!«

Joshua rückte seine schief sitzende Brille zurecht und drückte sich den Hut auf den Kopf. Dann wendete er sein Pferd und gab ihm die Hacken. Er wollte versuchen, den Tross der Soldaten zu überholen und möglichst weit hinter sich zu lassen. In einer Staubwolke entfernte er sich.

Als er in einem Waldstück verschwunden war, standen die Gefährten noch immer unbeweglich mit ihren Pferden da. Von Norden her kam ein Wind auf, der feinen Staub in Wirbeln aufstieben ließ. Keiner war imstande, etwas zu sagen. Sie konnten sich nicht daran gewöhnen, dass Joshua nicht mehr bei ihnen war.

2

Ende September 1318. Die Feuerfackel

Auf dem Weg nach Süden veränderte sich die Landschaft. Das Grün der Wiesen, Felder und Gärten wurde abgelöst von den Farben bunter Blumen und herbstlichen Waldlaubs. Die Häuser schienen für die Ewigkeit gebaut zu sein, die Strohdächer waren dicker als irgendwo sonst, auf den Kaminen saßen noch Störche, und wenn sie von einer Anhöhe hinab auf die sich lang hinziehenden grünen Täler blickten, glitzerten die vielen Flüsse, Bäche und Seen verheißungsvoll in der Sonne. Hier und dort erhoben sich rote Glockentürme, Turmspitzen und große, geschwungene Bogenbrücken in der fruchtbaren Landschaft. Weitere Soldaten erblickten die Gefährten nicht mehr, wieder einmal schien ein nahe bevorstehender Krieg undenkbar zu sein.

Die Freunde kamen durch abgelegene Dörfer und ritten an stattlichen Herrenhäusern vorbei, die geschützt und leicht versteckt hinter farbenprächtigen Goldregenhecken und Asterstauden lagen. Bald gingen die sanften Hügel, die sie bislang überquert hatten, in hohe, mit Ginster bewachsene Felsklippen über. Als sie gegen Ende ihres Tagesritts einen größeren Ort erreichten, machten sie Rast.

Sie dachten an Joshua und beteten für ihn. Als sie anderntags an einem Bauernhof vorbeiritten, vernahmen sie das Gebrüll von Tieren, unterlegt von einem schrillen Kreischen und dem lauten Weinen einer Frau. Ein Bauer mit einer Mistgabel stürzte aus einer Scheune, fiel auf die Knie und reckte die Arme zum Himmel. Dann streute er Staub auf sein Haupt. Als er die Fremden sah, rief er: »Mein Vieh verreckt! Alles geht zugrunde!«

Die Gefährten hielten an. Henri sprach beruhigend auf den Normannen ein.

»Welche Krankheit haben deine Tiere, Bauer?«

»Keine! Sie sterben einfach!«

Henri saß ab. »Seltsam«, sagte er. »Darf ich mir deine Tiere einmal ansehen?«

Der Bauer nickte. Die Gefährten blieben auf ihren Pferden sitzen, während Henri dem Fremden in die Scheune folgte. Dort war es dunkel, nur wenige dünne Lichtstreifen, in denen Tausende von Staubfäden wirbelten, fielen durch die Ritzen der Bretterwände. In den Boxen lagen Kühe, die sich nicht rührten, Fliegenschwärme saßen auf ihnen. Melkschemel lagen im Stroh. Es roch nach Tod und Verwesung.

Wieder raufte sich der Bauer die Haare. »Geht näher heran, seht Euch richtig an, was hier geschieht!«

Henri tat wie ihm geheißen. Was hier geschah, ging ihn eigentlich gar nichts an, aber er konnte einfach nicht wegschauen. Das Bild, das sich ihm bot, passte gar nicht zu der landschaftlichen Idylle, in die dieser Hof eingebettet war.

Die toten Tiere bluteten aus Mäulern, Nase und Augen. Henri fühlte sich an die Pest erinnert, die er in der Bretagne erlebt hatte. Doch damals waren nur Menschen erkrankt. Das Sterben dieser Tiere musste eine andere Ursache haben.

»Es ist der Fluch Gottes!«, schrie die Bäuerin, die hinzugetreten war. »Wir müssen für die Vergehen all derer sühnen, die sich an seinem Wort versündigt haben!«

»Holt den Viehdoktor«, sagte Henri. »Er wird euch sicher helfen können.«

Doch der Bauer lachte nur heiser. »Der Viehdoktor ist schon vor Tagen geflüchtet! Ganz so, als habe er den Leibhaftigen gesehen!«

»Das tut mir leid, Bauer«, entgegnete Henri ratlos.

Er trat wieder auf den Hof hinaus. Die Gefährten blickten ihm entgegen. Henri zuckte die Schultern. Er saß auf, und sie ritten weiter.

Bis zum Abend hatten die Freunde noch zwei ähnliche Erlebnisse gehabt. Überall waren sie auf tote Tiere und wehklagende Landleute gestoßen. Zweifellos wurde die Region von einer Seuche heimgesucht. Doch Henri und seine Gefährten konnten nicht helfen.

Auch die Leute im Gasthof von Beauville schienen ratlos. Dort, wo die Gefährten zur Nacht einkehrten, versammelten sich die Bauern, die Büttel und der Pastor des Orts, um sich zu beraten. Jeder einzelne Bauer war betroffen. Die rätselhafte Krankheit griff rasch um sich. Und die wenigen verbliebenen Ärzte – meist waren es nur Bader – wussten keine Abhilfe.

»Etwas ist im Schwange«, unkte der Büttel. »Aber wir müssen die Ruhe bewahren. Hütet euch davor, in Panik zu geraten.«

»Jemand muss Schuld an der Sache haben!«, rief ein junger, kräftiger Bauer. »Vielleicht sind Fremde in unser Land eingedrungen, die Böses im Schilde führen!«

Henri ahnte Schlimmes, Situationen wie diese hatte er schon oft erlebt.

»Wie war das mit diesem Kometen, den ihr unterwegs gesehen haben wollt?«, fragte der Pastor, der an der Längsseite des Wirtshaustisches saß. »Er soll in dem Moment aufgetaucht sein, als ihr an das Weltende gedacht habt?«

Sean zögerte. »Na ja, ich sah etwas Langes am Himmel vorüberziehen. Es schien mir ein Zeichen zu sein. In diesem Moment dachte ich tatsächlich an das Ende der Welt und fragte mich, ob jetzt das Strafgericht kommen würde.«

»Es ist ja auch eingetreten! Unsere Tiere krepieren!«, rief der junge Bauer.

»Sei ruhig, Andres!«, sagte der Büttel. »Das wird alles untersucht! «

»Überall, wo wir waren, haben wir Zeichen gesehen«, sagte Sean. »Aber der Komet ist das deutlichste von allen, er zeigt ganz eindeutig, dass sich etwas Fürchterliches ereignen wird.«

»Ein Zeichen!«, sagte die Tochter des Wirtes, so leise, als befürchte sie, mit ihren Worten Böses heraufzubeschwören, wenn sie zu laut sprach. »Wie bei der Geburt unseres Herrn Jesu, ein Fest, das sich bald wieder jährt.«

»Bis dahin sind es noch einige Wochen!«, belehrte der Wirt das Mädchen. »Aber wie war das nun genau mit der hellen Himmelserscheinung, die Ihr gesehen habt, was war es in Wirklichkeit?«

»Es war mehr als etwas Helles«, sagte Sean. »Vor allem war es keine Einbildung. Genauso wenig wie diese Sonnenfinsternis, die wir am Anfang des Jahres gesehen haben. Etwas tut sich am Himmel. Etwas bereitet sich vor, das ist nicht zu übersehen. Es sah wie ein Stern aus, der plötzlich entsteht und seine Reise am Himmelszelt beginnt.«

»Nun«, mischte sich Uthman ein. »Das kann durchaus sein. Denn die Sterne, die wir am Himmel sehen, sind ja nicht immer da.«

»Hört, hört!«, meinte der Pastor kopfschüttelnd.

»Sie kommen und gehen!«, beharrte Uthman. »Das haben uns schon die alten Völker aus dem Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris gelehrt. Von ihnen haben wir das Wissen von den Tierkreiszeichen und den Sternbildern. Wenn wir auch nicht genau wissen, welche Gesetze diesen Dingen zugrunde liegen.«

»Gesetze? Bist du ein Ketzer, wie all jene, die seit neuestem in unserem Land umherziehen? Wenn es Gesetze gibt, dann sind sie von Gott, dem Allmächtigen, das ist doch klar! Alles andere sind Hirngespinste. Ist jemand anderer Meinung in dieser Runde?«

Die Wirtshausbesucher schüttelten brummelnd den Kopf. Ihre Mienen verfinsterten sich zunehmend. Einige starrten nur dumpf vor sich hin, aber das lag nicht an ihrer ketzerischen Einstellung, sondern daran, dass sie schon zu viel getrunken hatten.

»Ihr braucht Euch nicht aufzuregen, Pastor!«, sagte Henri. »Mein Gefährte spricht ja von den Gesetzen des Herrn!«

»In diesen Tagen«, sagte der Pastor mit bedeutungsvoller Miene, »müssen wir vorsichtig sein mit solchen Bemerkungen! Sterne kommen und gehen, wie? Das ist ja wohl eine bodenlose Ketzerei! Unser Herr hat sie am Anfang der Schöpfung eingesetzt, Stern für Stern an seinem angestammten Ort. Und dort befinden sie sich allesamt noch heute!«

»Unterschätzt nicht die Bedeutung der Sternenkunde«, sagte Uthman. »Eure Dominikanerorden lassen sich doch inzwischen auch von Astrologen und Astronomen beraten. Die Astronomie gehört nicht zu den verbotenen Künsten des Abendlandes. Jeder Prälat in Frankreich hat seinen Sternendeuter, und er würde es nicht wagen, dessen Rat nach der ausgiebigen Beobachtung des Himmels unbeachtet zu lassen.«

»Die Sternenkunde«, schimpfte der Pastor, »impft den Menschen den Glauben an ein nicht zu beeinflussendes Schicksal ein und begünstigt den Hang zum Götzendienst, indem sie die Allmacht des Schöpfers auf seine Geschöpfe zu übertragen versucht.«

»Wollen wir jetzt nicht lieber etwas essen, als weiter zu diskutieren?« Madeleine hatte Uthman die Hand auf den Arm gelegt und schaute ihn an. »Die Wirtin hat Ochsenzunge in Wacholder und Calvados eingelegt, das rieche ich genau!«

Während die Wirtin nach draußen verschwand, fragte Uthman: »Warum sollte es ausgeschlossen sein, dass ein Komet – ein Stern – geboren wird, Herr Pastor? Ist denn die Lebensdauer von Sternen unbegrenzt?«

»Natürlich! Sonst müssten sie ja auch sterben! Es gibt keinen Anfang und kein Ende für etwas, das der Herrgott schuf!«

»Und der Mensch?«, warf Sean ein.

»Ja, lebt er etwa nicht nach seinem leibhaftigen Tod in Gestalt seiner Seele im Himmel weiter?«

Uthman nickte dem Pastor beschwichtigend zu. »Sicher. Aber kann es nicht sein, dass auch ein Stern seine Gestalt verändert? Dass er geboren wird und stirbt und dann in anderer Gestalt anderswo weiterlebt?«

»Und stirbt?«, sagte der Pastor ungläubig. »Ein Stern stirbt? Ich glaube, mein Sohn, du bist deines Verstandes verlustig gegangen. Oder bist du etwa doch ein ungläubiger Ketzer?«

Das Gesicht des Geistlichen war rot angelaufen. Henri schlichtete mit einer Handbewegung. »Die Sonne existiert seit Ewigkeit, nicht wahr? Und ihre Kraft reicht auch dann, wenn sie in alle Zukunft weiterscheint. Und sind die Sterne nicht auch Sonnen, die am Morgen aufgehen und am Abend verschwinden?«

»Das schon!«, sagte der Pastor. »Aber sie sterben nicht, wie dein Freund meint, sie gehen nur schlafen wie die Menschen und wachen wieder auf.«

Plötzlich hellten sich die Mienen aller auf, denn die Wirtin und zwei Kochgehilfen trugen ein paar große, üppig gefüllte Schüsseln in den Gastraum.

»Ochsenzunge in Calvados!«, sagte die Wirtin. »Lasst es euch recht wohl schmecken.«

*

Als die Gefährten am nächsten Morgen weiterziehen wollten, stand eine Gruppe von Bauern mit Mistgabeln vor der Herberge. Sie starrten die Fremden feindselig an.

»Was wollt ihr?«, fragte Henri ruhig.

»Wir glauben, dass ihr uns die Tierseuche gebracht habt«, erklärte Andres, der junge Bauer, den sie schon kannten. »Und wir wollen sehen, ob wir sie nicht wieder loswerden können, wenn wir euch vertreiben.«

Henri wollte unbedingt vermeiden, dass die ohnehin schon heikle Situation weiter eskalierte. Er zog sein Kurzschwert und setzte es Andres an die Gurgel.

»Wenn sich nur einer von euch vom Fleck rührt, bevor wir außer Sichtweite sind«, sagte er, »drehen wir wieder um und machen kurzen Prozess mit euch! Wir sind Kämpfer, keine Bauerntölpel!«

Andres erbleichte. Henri merkte, dass er einsah, dass er sich zu weit vorgewagt hatte und Angst bekam, offenbar hatte er sich vor den anderen als Anführer aufspielen wollen.

»Aber Andres hat Recht!«, rief ein älterer Bauer mit hagerem Gesicht, in dem graue Bartstoppeln wie verdorrtes Gras standen. »Es sind immer Fremde gewesen, die uns Unheil gebracht haben. Jetzt seid ihr hier. Und ihr erzählt auch noch von einem Kometen, mit dem ihr gereist seid! Das ist Teufelswerk!«

Uthman hob die Hand. »Führt uns zu einem Stall mit krankem Vieh. Vielleicht kann ich helfen, ich verfüge über medizinische Kenntnisse. Aber lasst eure Mistgabeln hier, wir helfen euch freiwillig.«

Murrend machten sich die Bauern auf zum nächstliegenden Hof, der einen verwahrlosten Eindruck machte. Uthman nahm das sterbende Vieh in Augenschein, doch er musste sich rasch eingestehen, dass es sich bei der Krankheit um eine Seuche handelte, deren Ursache er nicht kannte. War tatsächlich ein Strafgericht für Mensch und Tier angebrochen, und war die Himmelsfackel daran schuld? Knechte, Mägde und Tagelöhner starrten den Sarazenen erwartungsvoll an.

»Es tut mir Leid, ich kann euch nicht helfen«, bekannte Uthman. »Diese Krankheit ist mir fremd.«

»Vielleicht habt ihr sie eingeschleppt«, sagte ein Knecht drohend. »Ihr seid doch mit dem Kometen gekommen.«

»Wir haben den Kometen am Himmel gesehen«, sagte Uthman ruhig. »Wir wissen so wenig wie ihr, was er zu bedeuten hat.«

Im Stall roch es säuerlich. Der Verwesungsgeruch toter Tiere hing schwer in der Luft. Die feindseligen Gestalten rückten allmählich näher. Ihre dumpfe Verwirrung war gefährlich.

Uthman versuchte, die Leute mit Erklärungen zu beschwichtigen. »Vor dem Kometen müsst ihr euch nicht fürchten«, sagte er und blickte in die Runde. »Es ist ein Himmelskörper, auch er ist von eurem Herrgott erschaffen. Im göttlichen Plan hat er seinen Platz und seine Aufgabe.«

»Unsere Viecher sterben!«, sagte jemand.

»Daran ist nicht der Komet schuld und auch sonst niemand. Krankheiten kommen und gehen, das beobachten wir immer wieder. Der Komet hat damit nicht das Geringste zu tun«, sagte Uthman.

»Hört, hört, hier spricht ein ganz Schlauer!«, sagte ein Knecht. »Er kennt sich aus mit dieser Himmelsfackel. Woher weiß er wohl so viel darüber?«

»Allzu viel weiß ich nicht«, berichtigte Uthman ruhig, »ich kann euch lediglich sagen, dass Kometen kleine Sterne sind, die unterhalb der Sphäre der festen Sterne um die Erde ziehen. Sie ziehen im Kreis herum, deshalb kehren sie auch immer wieder zurück.«

»Was sagt er? Verstehst du irgendwas von dem Gerede?«

»Nix! «

Jemand flüsterte im Halbdunkel: »Mein Nachbar hat ein Neugeborenes. Noch bevor die Nabelschnur durchschnitten war, hat er ein Unglück angekündigt. Er sprach mit einer Grabesstimme, es war Grauen erregend!«

»Mit einem hat er Recht!«, rief ein Tagelöhner. »Dieser elende Komet bewegt sich im Kreis. Als er das letzte Mal hier war, sind alle Schweine von Pierre verrückt geworden, sie haben sich gegenseitig totgebissen. Und ein Jahr davor war er auch da. Erinnert ihr euch? Nach seinem Erscheinen schwemmte ein Hochwasser die Weide von Luclos weg, obwohl es wochenlang nicht geregnet hatte!«

»Auch jetzt wird der Komet nichts Gutes bewirken«, sagte eine Bäuerin.

»Aber wir könnten ein paar Hälse durchschneiden, um ihn zu beruhigen!«

»Ich sagte doch«, erklärte Uthman, »der Komet ist ein Stern aus Steinen und Staub, wie unsere Erde. Er ist nicht zu beeinflussen durch irgendetwas, das wir tun. Er zieht einfach seine Bahn, daran ist niemand schuld!«

»Wir könnten mit seinem Hals anfangen!«

»Lasst uns gehen, meine Freunde«, schlug Henri vor. Er hielt noch immer sein Schwert in der Hand. »Sie wollen nicht begreifen, worum es geht. Dann können sie auch keine Hilfe erwarten.«

Die Gefährten machten kehrt. Uthman führte Madeleine am Arm hinaus. Sie saßen auf und ließen ihre Pferde antraben, ohne sich noch einmal umzusehen.

*