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"Es lebte einst in Recklinghausen eine schöne Jungfer. Doch obwohl sie schön und auch reich war, wollte sich kein Mann finden, der sie genommen hätte." So beginnt eine Recklinghäuser Gespenstersage. Doch was steckt dahinter? Olaf Manke und Alfred Stemmler haben sich auf den Weg in die Frühe Neuzeit gemacht, um mehr über die mysteriöse Sagengestalt einer unverheirateten, angeblich betrügerischen und frommen Kauffrau des 17. Jahrhunderts herauszufinden. Mit ihrer Forschungsarbeit heben sie nicht nur eine bedeutende, aber fast vergessene Persönlichkeit der Stadt- und Regionalgeschichte wieder ins Licht. Sie vermitteln auch über den lokalen Bezug hinaus kultur- und sozialhistorische Einblicke in eine Zeit der konfessionellen und politischen Machtkämpfe, der Naturkatastrophen und tiefgreifender globaler Veränderungen.
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Seitenzahl: 511
Veröffentlichungsjahr: 2022
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WIR BEDANKEN UNS BEI
Florian Ahlhorn
Hannelotte Bastert
Andrea Husemeyer
Dr. Werner Koppe
Georg Möllers
Arno Straßmann
Propst (em.) Heinrich Westhoff
Staatliche Kunsthalle Karlsruhe
Bistumsarchiv Münster
Universitätsarchiv Münster
Stadtarchiv Recklinghausen
Saint Louis Art Museum
und bei all jenen, die Geduld und Verständnis aufgebracht haben, wenn dieses Projekt zu sehr in den Vordergrund trat.
Ein erstaunliches Buch präsentieren uns Olaf Manke und Alfred Stemmler. Eigentlich ging es (zunächst) nur (!?) um eine „Sagengestalt“, die „Juffer Pinkernell“, eine aber keineswegs „fiktionale“ Person, wie die reale Kelchstiftung in der Schatzkammer von St. Peter bezeugt. Diese edle Spenderin vom Phänomen einer „üblen Nachrede“ in überlieferten Erzählungen zu befreien, war allein schon ein bemerkenswertes Unterfangen.
Daraus wurde durch jahrelange Recherchen aber deutlich mehr: Das nun vorliegende Buch bietet einen bemerkenswert detaillierten und deshalb auch lesenswerten Einblick in die Genealogien Recklinghäuser Familien, so in die Lebensverhältnisse von Juristen-, Bürgermeister- und Theologen-„Dynastien“. Trotz der komplizierten Quellensituation sind hier interessante Zusammenhänge deutlich geworden.
Sodann entwickelt das Buch, immer ausgehend von den Recklinghäuser Verhältnissen, über die Stadtgeschichte hinaus eine lesenswerte Einführung in eine außerordentlich spannende und spannungsreiche Geschichtsepoche, die „Frühe Neuzeit“. Ungeachtet der andauernden Kontroverse, wann der Abschluss des „Spätmittelalters“ zu datieren ist, sind wir in der Lebenszeit der Maria Theresia Pinkernell (1622-1702) unstreitig in „neuen Zeiten“:
So begegnen wir Jesuiten, einer Gründung im Zeitalter des Konfessionalismus, nachdem die Einheit der Kirche zerbrochen war. Die Ideen des Humanismus, dann der Reformation hatten das gemeineuropäische Denken radikal verändert. Die neue Vielfalt suchte Gewissheiten und auch Abgrenzungen unter- und gegeneinander. Auf katholischer Seite begegnen uns hier die Bildungsbemühungen der Jesuiten (z.B. der Katechismus), sowie auch die weiter wirksame Idee frommer und sozialer Stiftungen. Diese setzen Vermögen voraus; schließlich geht es hier um eine offenbar geschäftstüchtige und selbstbewusste Frau – spannend auch unter den Gesichtspunkten der neuzeitlichen Frauen- wie Wirtschaftsgeschichte.
Auch die politische Geschichte kommt mit den Protagonisten in den Blick. Der europäische Machtkampf des furchtbaren Dreißigjährigen Krieges endet mit der Anerkennung der lutherischen, katholischen und calvinistischen Bekenntnisse. Sie wurden aber bestimmt durch die jeweiligen Landesherren. Diese wurden gestärkt auf Kosten der kaiserlichen Zentralgewalt und gingen daran, sich als absolutistische Herrscher mit eigenen Territorialstaaten zu etablieren. Und schließlich treffen wir auf einen sogenannten „Hexenjäger“ – als möglicher Vater der Pinkernell ein Aufmacher des Buchtitels. Tatsächlich war auch der Hexenwahn mit seinen Opfern ein unbestreitbares Kennzeichen dieser „Neuzeit“ – gerade im territorial zersplitterten Zentraleuropa – auch wenn uns das als Sympathisanten der „Moderne“ und des Fortschrittsmythos quer kommt. Nach der Erschütterung alter Glaubensgewissheiten bestimmen alte wieder aufkeimende Ängste vor „Hexen und Hexenmeistern“ gerade in politischen oder wirtschaftlichen Krisenzeiten (Missernten) den „Zeitgeist“ in weiten Teilen der Bevölkerung, der Kirchen und der Obrigkeiten. Gleichzeitig eigneten sie sich auch zur Instrumentalisierung bei örtlichen Nachbarschaftskonflikten, wirtschaftlichen Rivalitäten oder machtpolitischen Auseinandersetzungen.
Ein spannender Beitrag zur Geschichte unserer Stadt und der Frühen Neuzeit!
Georg Möllers
Erster Vorsitzender des Vereins für Orts- und Heimatkunde Recklinghausen e.V., Erster Beigeordneter der Stadt Recklinghausen a.D.
Alles fing mit einer Internetsuche zum Thema Sage an. Ich hatte mir im Jahr 2016 vorgenommen, die alte Gespenstersage um eine Kauffrau, die angeblich im Leben betrogen hatte und deshalb nach ihrem Tod zur Strafe durch Recklinghausen spuken muss, erzählerisch aufzuarbeiten. Zu jenem Zeitpunkt hatte ich nicht die geringste Vorstellung davon, wie lange und wie intensiv mich dieses Vorhaben beschäftigen würde. Während der Nachforschungen zu den historischen Hintergründen geriet ich immer mehr in den Strudel der Vergangenheit, verfing mich in den verknoteten Fäden genealogischer Verflechtungen, versank in Volkskunde, Kunstgeschichte und Weltanschauungsfragen und hatte mich schließlich in eine Epoche der Recklinghäuser Geschichte vertieft, die ich bis dahin nur oberflächlich gekannt hatte.
Im Gespräch mit Alfred Stemmler entwickelte sich 2019 schließlich die Idee, die Fakten um die so mysteriös und doch prominent im kollektiven Gedächtnis verankerte Jungfer Pinkernell noch näher zu beleuchten, als ich es ansatzweise in meinem ersten Buch getan hatte.
In dieser Schrift zeichnen wir ein weiträumig gefasstes Zeitbild um die über Jahrhunderte hinweg verleumdete Frau. Weiträumig deshalb, weil kaum direkte Nachweise über sie selbst zu finden sind. Aus diesem Grund führte mein erstes Buch zum Thema den Untertitel „Eine Sage neu erzählt“. Zu viel musste seinerzeit Fiktion, Vermutung oder offene Frage bleiben.
So prägend und wichtig Traditionen und überlieferte Erzählungen für die Identität eines Gemeinwesens auch sein mögen, für die Gestaltung der Gegenwart ist es notwendig, diese Überlieferungen aus alter Zeit nicht nur zu bewahren und zu konsumieren, sondern immer wieder zu hinterfragen und neu zu beleuchten.
Vor diesem Hintergrund gehen wir in diesem Buch der Frage nach, was die Frau so populär werden ließ, dass man noch 129 Jahre nach ihrem Tod ein Schmähgedicht über sie niederschrieb und ihre Existenz damit auf eine volkstümliche und höchst einseitige Weise in der Überlieferung verankerte. Unsere umfangreichen Nachforschungen konnten sie ein wenig von der Verleumdung sowie der Irrationalität lösen, und so sind wir nun in der Lage, einen etwas schärferen Umriss der realen Person zu zeichnen als die altväterliche Gespenstersage.
Untrennbar verflochten mit dieser wie ein diffuser Geist durch die lokale Geschichte wabernden Sagengestalt ist die bisher kaum wahrgenommene Existenz der Recklinghäuser Jesuitenniederlassung. Wir mussten also, um die Pinkernell zu verstehen, auch der Fährte dieses auf konfessioneller und politischer Ebene immer schon kontrovers diskutierten katholischen Ordens folgen.
Es war eine lange Reise durch die Welt des 17. und 18. Jahrhunderts, in deren Verlauf wir zu erstaunlichen Erkenntnissen gelangt sind.
Ich wünsche allen Lesern eine ergötzliche Erbauung bei der Nachverfolgung unserer Spurensuche in der Frühen Neuzeit.
Olaf Manke
Dezember 2021
Beileibe nicht nur der Romantiker in mir veranlasste mich, in die Forschungsarbeit meines Freundes Olaf Manke einzusteigen, nachdem ich seine Publikationen zu der höchst umstrittenen Frauenfigur aus Recklinghausens 17. Jahrhundert, der sagenumwobenen Jungfer Pinkernell gelesen hatte. Da waren für mich zu viele Frage aufgeworfen worden, zu denen es doch eine Antwort geben musste.
Auch mir als späteingebürgertem Recklinghäuser war die Sage von jenem Gespenst im Emscherbruch frühzeitig bekannt geworden. Sie hatte mich sogar zu einer sehr eigenen Version des überlieferten Gedichtes, eigentlich einer Kurzballade, inspiriert. Gerade das Rätselhafte an der historischen Person und die eigentümliche Überlieferung haben mich fasziniert. Als Germanist mit den Studienschwerpunkten Lyrik und Drama sowie als Ordensschüler und -Student mit Vorliebe für Kirchengeschichte interessierte mich diese seltsame Legende um ein frommes Fräulein, das den 30-jährigen Krieg in unserer vestischen Heimatstadt so auffallend gut überlebte, ganz besonders.
Im Übrigen fand ich es sinnvoll, mit dieser Gemeinschaftsarbeit eine offensichtliche Lücke in der heimischen Geschichtsschreibung zu schließen.
Von daher wünsche ich allen Lesern einen erquicklichen Erkenntniszugewinn.
Alfred Stemmler
Dezember 2021
Wissen heißt die Welt verstehen,
Wissen lehrt verrauschter Zeiten
Und der Stunde, die da flattert,
Wunderliche Zeichen deuten.
Und da sich die neuen Tage
Aus dem Schutt der alten bauen,
Kann ein ungetrübtes Auge
Rückwärts blickend vorwärts schauen.
F. W. Weber
1 R
ECKLINGHAUSEN UND DIE
S
AGE VOM BÖSEN
G
EIST DER
J
UNGFRAU
Wie lebte man in der Frühen Neuzeit in Recklinghausen?
Kriege zur Lebenszeit der Maria Theresia Pinkernell
Woher kam uns die Kunde?
Ein Gedicht aus dem Jahr 1831
Eine Gegendarstellung
Die Sage Satz für Satz kommentiert
Böse Geister, Wiedergänger und Weiße Frauen
Schmähgedicht und Sage — Verlässliche historische Quellen?
2 M
ARIA
T
HERESIA
P
INKERNELL
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OCHTER EINES
H
EXENJÄGERS
, K
AUFFRAU UND FROMME
S
TIFTERIN
Die Orthografie der Namen
Geschlechterrollen als gesellschaftliche Regel
Die Herkunft der Jungfer Pinkernell
Verwandtschaftsverhältnisse in der Familie Uphoff
Doktor iur. utr. Hermann Pinkernell
Der Druck der Masse
Dr. Hermann Pinkernell in der zeitlichen Übersicht
Die Sprachen des Doktor Pinkernell
Kleider machen Leute
Wer war Anna Uphoff?
Kindheit und Jugend
Von der ehrbaren Jungfrau zur verleumdeten Juffer
Die Stiftungen der Jungfrau
Erinnerungskultur
3 G
ESCHÄFTLICHE
R
AHMENBEDINGUNGEN
Kaufmannschaft und Handelswesen
„Ein jeder Kramer lobt seine Waare“
Zu lang, zu kurz, zu leicht, zu schwer
Im Labyrinth der Geldsysteme
Eine starke Frau, wer wird sie Finden?
Das Geschäft der Jungfer Pinkernell
Das Haus an der Kampstraße
Das Pinkernellsche Wohnhaus
„Jesuiterei“
„ Und drinnen waltet die züchtige Hausfrau
4 E
IN
R
ECKLINGHÄUSER
J
ESUIT UND SEINE
V
ERWANDTSCHAFT
Die Familie (von) Schaumburg
Von gräflicher Herkunft zu bürgerlichen Privilegien
Pater Ludolph Schaumburg S.J.
Die Schaumburgische Stiftung an die Karmeliten
Vier Stiftungen, ein gescheitertes Schulprojekt und die Ordensgemeinschaften
5 „J
ESUITEREI
“
EN GROS UND EN DETAIL
Die Gesellschaft Jesu
Über die Jesuiten im 17. Jahrhundert
Die Coesfelder Jesuiten
Christoph Bernhard von Galen
Die Jesuiten in Haltern und auf dem Annaberg
Die Niederlassung in Recklinghausen
Eine Zusammenfassung aus dem frühen 20. Jahrhundert
Gegenwind
6 Z
EITGEIST UND
Z
EITGENOSSEN IM
17.
UND
18. J
AHRHUNDERT
Zum Zeitgeist im Recklinghausen des 17. Jahrhunderts
Die Folgen eines kaiserlichen Sieges
Zur Landesgeschichte Köln–Münster
Zwei Pfarrer bekriegen sich, und zuletzt lacht ein Dritter
Zeitgenossen der Maria Theresia Pinkernell
Freigebigkeit aus Frömmigkeit
Vertiefung der Frömmigkeit
Der unbequeme Pfarrer
Nepomuk-Verehrung in der Vestmetropole
7 D
ER
W
EG DURCH DIE
G
ESCHICHTE
Auf der Schwelle zwischen Mittelalter und Neuzeit
Zeittafel
8 A
NHANG
Nein, sie spukt nicht!
Zur Ehrenrettung
Quellen
Register
Abkürzungen
Das Recklinghäuser Rathaus von 1509. Fotomontage. Nach verschiedenen Quellen und fachkundigen Hinweisen auf dem ersten maßstabsgetreuen Stadtgrundriss von 1822 rekonstruiert (siehe S. →). Leider sind keine Abbildungen überliefert, die das tatsächliche Aussehen des Rathauses zeigen. Die Visualisierung orientiert sich an den vorhandenen alten Rechnungen und Beschreibungen. Die Schlichtheit dieser Rekonstruktion rührt daher, dass es nach dem großen Stadtbrand von 1500 eine enorme Anstrengung war, die notwendigen Geldmittel für den Wiederaufbau einer halben Stadt zusammen zu bringen. Auf eine repräsentativere Fassade wird man aus diesem Grund zunächst verzichtet haben. Als fast vollständig aus Stein errichtetes Gebäude nahm es im Umfeld von Fachwerkbauten sowieso eine Sonderstellung ein.
Über den Aufgang mit Erker und Glockentürmchen links am Haus konnten die Mitglieder des Magistrats direkt in den im ersten Stock gelegenen Ratssaal gelangen. Die Küche und die größeren Räume im Erdgeschoss wurden als eine Art „Gemeindesaal“ unter anderem für Feierlichkeiten vermietet (siehe z. B. Zeittafel 1603). Bei gleichzeitig stattfindenden Ratssitzungen konnten auf diese Weise Veranstaltungen ohne gegenseitige Störung parallel stattfinden. Dieses Rathaus stand bis 1846 an der Ostseite des Marktes, bis es von einem moderneren Nachfolgebau ersetzt wurde. Es war also das zentrale städtische Verwaltungsgebäude zur Zeit der Familie Pinkernell.
Angesichts der bisherigen Publikationen zur Stadtgeschichte, die das Leben in der Frühen Neuzeit beschreiben, erscheint es zunächst obsolet, diese uns heute so fremd erscheinende Epoche noch einmal zu umreißen. Zum grundlegenden Verständnis des Zeitrahmens, in dem wir uns in diesem Buch bewegen, ist es jedoch unverzichtbar, eine grob gefasste Übersicht über die allgemeinen Lebensumstände der Recklinghäuser dieser zwei bewegten Jahrhunderte vorauszuschicken.
Wenn wir hier von einer Stadt des 17. und 18. Jahrhunderts reden, sollten wir bedenken, dass wir maximal 2000 bis 3000 Einwohner meinen. Das wäre nach unserem heutigen Verständnis so etwas wie ein größeres Dorf. Es gab zu jener Zeit nur wenige Städte in Deutschland deren Einwohnerzahl im fünf- oder gar sechsstelligen Bereich lag1.
Modell der Stadt Recklinghausen nach dem Katasterplan von 1822 und anderen Quellen, wie sie sich im späten 18. Jahrhundert dargestellt haben mag. Ansicht vom Kuniberg aus mit dem Blick auf das Kuniberti- und das Martinitor. Im späten 17. Jahrhundert hat die Stadt wahrscheinlich nicht sehr viel anders ausgesehen.
Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts war Recklinghausen komplett von einer Stadtmauer mit einem Grabensystem und weitreichenden Landwehren, also Hindernissen in Form von aufgeschütteten Erdwällen, umgeben. Die Landwehren sollten es angreifenden Truppenverbänden erschweren, sich der Stadt zu nähern, um so u.a. den Hirten und ihren Herden Zeit zum Rückzug hinter die schützende Stadtmauer zu verschaffen. Für die Instandhaltung der Landwehren, die mit undurchdringlichen Wallhecken und dichtem Strauchwerk bewachsen waren, zeichneten die Gilden verantwortlich2.
In die Stadt selbst gelangte man durch die fünf Stadttore (Steintor, Viehtor, Kunibertitor, Martinitor, Lohtor), die von Torwächtern bewacht wurden. Außerhalb der Umwallung lagen unter anderem die Mühlen der Gemeinde. Es gab zum Beispiel einmal im nordöstlichen Bereich eine Windmühle, die allerdings im 30-jährigen Krieg demoliert und demontiert wurde. Ansonsten wird überwiegend von Wassermühlen berichtet.
Wenn wir heute in Städte mit einem reichen Bestand an historischen Fachwerkhäusern reisen, können wir uns in etwa bildlich vorstellen, wie die Stadt Recklinghausen zur Zeit von Frau Pinkernell ausgesehen haben mag. Hier vor Ort sind nur noch verstreute Beispiele für die Gebäude jener Zeit erhalten geblieben.
Wie auch andernorts herrschte in Recklinghausen die Fachwerkbauweise vor. Vollständig aus Stein gebaute Häuser waren teuer und dementsprechend selten3. Holz war von Alters her als Baustoff, als Konstruktionsmaterial für Kutschen, Karren und Maschinen, als Material für Möbel und Gefäße und als Brennmaterial ein unverzichtbarer Rohstoff.
Die in den Archiven liegenden Akten aus dem 17. Jahrhundert berichten unter anderem von Streitigkeiten über das Recht, in einem der umliegenden Wälder Holz schlagen zu dürfen. Man führe sich nur einmal den Holzbedarf einer Stadt wie Recklinghausen nach dem Stadtbrand von 1500 vor Augen. Allein für die Errichtung eines zweistöckigen Fachwerkhauses wurden mehrere Hundert Meter Bauholz benötigt. Wieviele Bäume dann für den Wiederaufbau einer halben Stadt geschlagen werden mussten, kann man sich leicht vorstellen. Auch die verbrannten Möbel, die vernichteten Haushaltsgegenstände, Maschinen und anderes Gerät aus Holz musste ersetzt werden. Der Streit um Holzrechte war vorprogrammiert. Es ist also nötig gewesen, den Einschlag in den Wäldern behördlich zu regeln, um eine gerechte Verteilung herzustellen und um den Waldbestand gegen ungezügeltes und maßloses Abholzen zu sichern.
Die in der Regel dicht beieinander stehenden Häuser waren immer noch mit Stroh und Holzschindeln gedeckt, obwohl die „Pannenbäckerei“, also die Produktion von tönernen Dachschindeln und deren Verwendung als Brandschutzmaßnahme bereits gängige Praxis war4. Feuer hatte bei dieser Bauweise leichtes Spiel. Und so können wir im Zeitraum des 17. Jahrhunderts mindestens drei größere Brandkatastrophen für Recklinghausen verzeichnen, die ganze Straßenzüge vernichteten. Jeder Bürger war aus diesem Grund dazu verpflichtet, mindestens einen Ledereimer für Löschwasser zu stiften und einen bereit zu halten. Noch heute erinnert der Name der Brandstraße unter anderem an das große Feuer von 16865.
Straßenplan von Recklinghausen wie er möglicherweise im Jahr 1692 ausgesehen hat. Im Vergleich zum 17. Jahrhundert haben sich die Straßenzüge bis ins 21. Jahrhundert nur unwesentlich verändert. Einige Gassen sind verbreitert, Engstellen entschärft worden, und nur an wenigen Stellen wurden Straßen hinzugefügt oder entfernt. Viele der älteren Wege führten direkt auf die Stadtmauer zu oder direkt an ihr entlang, damit im Angriffsfall die Verteidiger schnell auf ihre Posten gelangen konnten. Auffällig ist, dass die Anzahl der Türme im Süden der Stadt höher ist als im Norden. Offensichtlich rechnete man aus der Richtung der Grafschaft Mark mit häufigeren Angriffen.
Innerhalb der Stadtmauern waren Nutzgärten an den Häusern vorherrschend. Ziergärten waren eher selten. Supermärkte, in denen man „mal eben schnell“ bis spät in den Abend eine fehlende Zutat kaufen kann, gab es nicht. Selbst die besser sortierten Kramläden hatten nicht zu jeder Zeit jeden gewünschten Artikel vorrätig. Die Selbstversorgung war deshalb ein zentraler Bestandteil des städtischen Lebens6. Neben der Anlage eines Nutzgartens hielt man Schweine und Kühe, Ziegen, Schafe und Hühner. Die wohlhabenderen Bürger hielten auch Pferde, die als Reit- und Zugtiere genutzt wurden. Die größeren Gebäude hatten in der Regel einen Stall und eine Scheune.
Die nur mäßig ausgebauten Straßen und Wege waren häufig verunreinigt. Oft waren die nicht abgeschlossenen Aborte so angelegt, dass die Fäkalien mehr oder weniger direkt in die Gosse gelangten und sich in einigen Straßenzügen ein unangenehmer Gestank verbreitete. Auch ließ man Schweine und andere Haustiere frei auf den Straßen laufen7. Noch 1771 berichtete man von Schweinen, die auf dem Kirchhof die Gebeine der Toten aus der Erde wühlten und von Vieh, das den Gottesdienst störte.
Die Kühe der Stadtbewohner wurden vom städtischen Kuhhirten auf dem Marktplatz gesammelt und über die Breite Straße zum Viehtor hinaus auf die städtischen Weidegründe geführt8. Dafür war die Breite Straße, wie der Name sagt, breiter angelegt worden. Eine solche Straße gab es in fast jedem Ort. Sie war durch die Hinterlassenschaften des Viehs allerdings besonders schmutzig. Eine organisierte Straßenreinigung gab es noch nicht. Dafür waren die Anwohner zuständig, die diesen Dienst an der Allgemeinheit allerdings mehr schlecht als recht, am liebsten aber gar nicht versahen.
Die Schweine trieb der dazu beauftragte Hirte zur Mast in die umliegenden Wälder, damit sie dort die im Herbst herabfallenden Eicheln, Bucheckern und Kastanien fressen konnten9. Immer wieder war dies aber auch ein Grund für Streitigkeiten. Denn die Menge an Waldfrüchten war begrenzt, und natürlich wollten auch die Bauern, aber vor Allem die Adligen des umliegenden Landes ihr Recht zur Mast durchsetzen10.
Ratten waren in der Stadt allgegenwärtig. Ebenso waren Mäuse ungern gesehene Gäste in Scheunen, Deelen und Vorratskammern. Flöhe und anderes Ungeziefer waren weit verbreitet. Zwar versuchte man im gehobenen Umfeld auch damals schon, durch eine gewisse Hygiene in den Häusern die Verbreitung von Krankheiten einzudämmen, man hatte aber nur eine diffuse Vorstellung von Viren und Bakterien und von deren Verbreitungswegen. Seit der Antike ging die Vorstellung von sogenannten „Miasmen“ oder „üblen Gerüchen“ um, die man für die Auslöser von Krankheiten hielt11.
Wasser entnahm man den Nachbarschaftsbrunnen, die in jedem Viertel gegraben worden waren12. Jedoch wurde dieses Wasser in den seltensten Fällen dazu genutzt, um darin zu baden. Die Vorstellung, dass die darin gebundenen oben genannten Miasmen durch die Poren der Haut ins Innere des Körpers gelangen und sich dort mit den „Körpersäften“ vermischen könnten, hielt die Menschen von umfangreichen Reinigungsbädern ab. Die noch zu Beginn der Renaissance gepflegte Badekultur erlebte aus Angst vor der Ansteckung mit Krankheiten, aber auch, weil Badehäuser oft mit Bordellen gleichgesetzt wurden, einen rapiden Niedergang. Bei den Wohlhabenderen wurde es üblich, sich mit Alkohol abzureiben, dann zum Schutz der Haut eine Creme aufzulegen und das Ganze schließlich zu überpudern. Die ärmere Bevölkerung konnte sich diese teure „trockene Reinigung“ nicht leisten. Die unzureichenden hygienischen Verhältnisse in vielen Häusern der Stadt, aber besonders auch im Umland, sowie der häufige Kontakt zu umherziehenden Bevölkerungsgruppen begünstigten die Ausbreitung von Seuchen. Immer wieder suchten Pest- und andere Krankheitsepidemien Stadt und Vest Recklinghausen heim.
Das Gesundheitssystem war in Recklinghausen zu jener Zeit ohne Übertreibung als katastrophal zu bezeichnen. Es gab zwar den Nachrichter genannten Henker, der auch als Chirurg und Abdecker arbeitete, aber der war mehr „Handwerker“ als Arzt. Die übrigen in der Stadt arbeitenden Personen des Gesundheitswesens waren noch lange, wie eine obrigkeitliche Prüfung in späterer Zeit belegt13, großenteils als Quacksalber und Scharlatane einzustufen. Einen akademisch ausgebildeten Arzt gab es in Recklinghausen nicht14, so dass man bei Bedarf Ärzte von Außerhalb kommen lassen musste.
Gearbeitet wurde üblicherweise von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. Manchmal auch darüber hinaus, wenn ausreichend Beleuchtungsmaterial vorhanden war. Das allerdings war teuer und wurde nur in besonderen Fällen angezündet. Aber auch das Kaminfeuer, in dessen schummerigem Schein man kleinere Arbeiten verrichtete, musste aus Sicherheitsgründen spätestens mit dem Ruf des Nachtwächters gegen 10 Uhr abends gelöscht werden. Nur ein kleiner Rest glimmender Glut blieb bis zum nächsten Tag erhalten, damit man das Feuer neu entfachen konnte. Erlosch auch dies, musste man die Nachbarn um ein Stück glühender Kohle bitten15.
Nicht nur auf Feiern, sondern als Alltagsgetränk trank man viel von dem nach zwei unterschiedlichen Methoden gebrauten Bier16. Statistische Hochrechnungen für Gesamtdeutschland lieferten als Ergebnis einen durchschnittlichen Tageskonsum von mindestens einem bis zwei Liter pro Person. Auch Kinder und Schwangere konsumierten aus vorgeblich gesundheitlichen Gründen das Gebräu, das einen geringeren Alkoholgehalt hatte, als unser heutiges. Es war im Gegensatz zum oftmals verschmutzten Wasser aus den Brunnen nicht mit Krankheitskeimen belastet. Doch im Verlauf des Jahrhunderts begannen Männer und Frauen verstärkt Kornbranntwein zu trinken, wogegen die Obrigkeit schließlich, besonders nach Missernten, mit diversen Verordnungen vorging. Nach den schwierigen Zeiten des 30-jährigen Krieges ließen es sich die Menschen nicht nehmen, ausschweifend zu feiern. Aber Versorgungsgüter waren aufgrund diverser Krisen knapp geworden. Und da die Völlerei, die Verschwendung von Nahrungsmitteln auch eine Todsünde darstellt, sahen es sowohl die kölnische Landesregierung als auch die Herrscher im übrigen Reich immer wieder als notwendig an, das „übermäßige Saufen und Lärmen“ zu verbieten, bzw. einzuschränken17.
Nach dem 30-jährigen Krieg kam auch in Recklinghausen das „Tabaktrinken“18 auf. Hatte sich in den vorhergehenden einhundert Jahren diese Sitte unter kontroversen Diskussionen und trotz diverser Verbotsversuche bereits im umliegenden Europa verbreitet, so trugen in Deutschland erst die zahlreich umherziehenden Soldaten zu dessen Verbreitung bei. Da man die Genussdroge Tabak auf die Dauer nicht verbieten konnte, begann man recht schnell, sie mit steuerlichen Belastungen zu versehen. Nach 1659 ging man dazu über, das Recht für Einkauf und Verkauf von Tabakwaren, aber auch die Einnahme der Steuern an private Unternehmer zu verpachten. Dass Tabak noch im 18. Jahrhundert auch als Medizin galt, lässt sich in Recklinghausen unter anderem aus dem Anstieg der städtischen Tabaksteuereinnahmen im Zusammenhang mit Gesundheitskrisen schließen19.
Kaffee, Tee und Schokolade waren sehr teure Importwaren und nur die reiche Bevölkerungsschicht konnte sich diesen Luxus leisten. Das führte schließlich auch dazu, dass der General des Jesuitenordens von Rom aus seinen Mitbrüdern den Genuss dieser Getränke verbot, um das Bild der Bescheidenheit in der Öffentlichkeit zu wahren20.
Wie auf dem Land so spielte auch die städtische Bevölkerung relativ derbe Spiele wie zum Beispiel „die heiße Hand“21. Und auf Feiern konnte es besonders nach ausgiebigem Alkoholkonsum schon mal zu aggressiven Auseinandersetzungen kommen. Berichte über Streitigkeiten der Führungselite der Stadt geben uns einen Eindruck davon, dass man auch in „besseren Kreisen“ durchaus zu harschen Worten griff22. Man ist aber beileibe nicht immer grob miteinander umgegangen. Dafür sorgte die Durchdringung des Bewusstseins mit christlichen Wertvorstellungen.
Bauern spielen „Die heiße Hand“. Bild von Jan Miense Molenaer ( *um 1610, +1668 in Haarlem, niederländischer Genremaler aus der Schule von Frans Hals), ca. 1630
Bei diesem derben Gesellschaftsspiel verbarg der eine Spieler sein Gesicht vorgebeugt in einem Tuch oder im Kleid einer sitzenden Person, legte eine Hand auf den Rücken, und ein zweiter Spieler, der von den Umstehenden still dazu aufgefordert wurde, schlug mit Kraft auf die auf dem Rücken liegende Hand. Der erste Spieler musste anhand des geführten Schlages nun bestimmen, wer der Schläger war.
Die katholische Kirche gab die Leitkultur vor. Über Jahrhunderte hinweg war sie auf höchster Ebene an der Regierungsbildung beteiligt und prägte mit ihren Lehrmeinungen und Verhaltensregeln die Lebenswelt der Menschen in Europa. In Recklinghausen hatte sie über Jahrhunderte hinweg bis ins 19. Jahrhundert hinein einen zentralen Einfluss. Im Jahr 1614 trat eine von der Landesregierung erlassene Verordnung in Kraft, die Nichtkatholiken den Aufenthalt und die Ansiedelung im Vest Recklinghausen strikt verbot. Im 16. Jahrhundert bis hin zu den Truchsessischen Wirren hatte sich hierzulande eine protestantische Fraktion gebildet. Dieser Entwicklung wollte Kurfürst Ferdinand23 zur Erhaltung der Macht in seinem Regierungsbezirk entgegen wirken. Da Kurköln quasi „das Zünglein an der Waage“ war, was die Reichspolitik anging, war es unbedingt nötig, zur Sicherung der Vormachtstellung der katholischen Kräfte auch das „Kölschland“24 katholisch zu erhalten. Dieses Edikt musste 1659 noch einmal erneuert werden und blieb bis zur Säkularisation gültig. Doch noch 1734 antwortete der als unbeliebt überlieferte Recklinghäuser Pfarrer Schmitz im Rahmen einer Visitation durch den Kölner Generalvikar auf die Frage nach der Rechtgläubigkeit seiner Gemeindemitglieder: „Omnes catholici ore, utinam corde.“25
Die Armenfürsorge nahm seit frühester Zeit eine wichtige Stellung im sozialen Gefüge der städtischen Gemeinschaft ein. Mindestens seit den Kapitularien Karls des Großen gab es Bettel- und Armengesetze. In den Policeyordnungen des 16. und 17. Jahrhunderts fanden sich ähnliche Regelungen wieder. Zwar begann man in dieser Zeit auch aus Versorgungsengpässen heraus die Armut differenzierter zu betrachten26, aber dennoch war immer noch die Vorstellung allgegenwärtig, man könne sich durch die Unterstützung der Armenfürsorge und durch fromme Stiftungen die Gunst höherer Mächte sichern, um damit die positive Aufnahme im Jenseits zu erringen sowie die Verweildauer im Fegefeuer verkürzen. Auch die Hauptdarstellerin dieses Buches lebte ganz in dieser Vorstellungswelt.
Die Vermischung von christlichen Glaubensgrundsätzen mit volkstümlichem Dämonenglauben hatte schließlich furchtbare Folgen. Man sah Hexen und Zauberer, Werwölfe und böse Geister als real existierende Bedrohungen an. Und man meinte, sie mit allen Mitteln bekämpfen und ausrotten zu müssen, um die guten Menschen vor ihnen zu schützen. Auch die eigentlich nur symbolische Figur des Teufels wurde als reale Person und als Zentrum alles Bösen wahrgenommen. Wer mit dem Teufel paktierte, musste vernichtet werden, damit er niemand anderen „anstecken“ konnte. Nur all zu oft wurde diese tief verwurzelte Vorstellung zum eigenen Nutzen, als Mittel der Rache oder als politisches Werkzeug gebraucht27.
Tausende fanden auf diese Weise im ganzen Reich und all zu viele leider auch im Vest Recklinghausen einen qualvollen Tod28.
Hinrichtungen waren gesellschaftliche Ereignisse und wie andernorts besuchten viele Schaulustige dieses grausame Schauspiel. Für die Stadt Recklinghausen war der sogenannte „Segensberg“ in Hochlar die Richtstätte zu der man die Verurteilten in einer Art Umzug begleitete und wo man sich zu diesem schrecklich-unmenschlichen, aber in jenen Zeiten publikumswirksamen Ereignis versammelte. Allerdings war die Hexenprozessführung entgegen der landläufigen Meinung im 17. Jahrhundert keine kirchliche, sondern eine weltliche Angelegenheit.
Die Rechtsprechung war im 17. Jahrhundert in zwei Kompetenzbereiche aufgeteilt. Der Kurfürst sorgte mit der Einsetzung eines landesherrlich bestallten Richters für die Wahrung der Interessen des Kurstaates, während der Stadtrat seine Rechtsbefugnisse auf die beiden Bürgermeister übertrug und für die lokale und manchmal auch regionale Einhaltung der allgemeinen Rechtsvorschriften eintrat. Verhandlungen, die bürgerliche Streitigkeiten betrafen, aber auch Erbschaftsangelegenheiten und andere zivilrechtliche Fälle wurden überwiegend von den Bürgermeistern29 im oder vor dem Rathaus verhandelt. Für Strafprozesse und Angelegenheiten mit Hexereivorwurf war der Verhandlungsort in der Regel Schloss Horneburg. Dort wurden auch die „Malefitzpersonen“ üblicherweise inhaftiert. Im Recklinghäuser Rathaus gab es Gefängniszellen für die vorübergehende Inhaftierung, und der Quadenturm30 wie auch der sogenannte Bischof am Kunibertitor dienten als städtische Kerker. Auf dem Marktplatz stand noch bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts der Pranger.
Das Rechtswesen erfuhr seit dem 15. Jahrhundert eine grundlegende Umwälzung und mit der Konstitution der Kammergerichtsordnung 1495 u.a. die formelle Abschaffung des Faustrechts im deutschen Staatengebilde. Dies wiederum führte zu einer verstärkten Welle von Universitätsgründungen. Es setzte sich mehr und mehr eine formaljuristische statt der gewohnheitsrechtlichen Auffassung durch. In Recklinghausen war es, wie anderswo, in gehobenen Kreisen nun üblich, den Nachwuchs in den Rechtswissenschaften ausbilden zu lassen. Die seither verstärkt in Gerichtsakten dokumentierten Streitigkeiten geben Zeugnis von diesem schleichenden Wandel des Rechtsbewusstseins und belegen, dass entgegen der allgemeinen Wahrnehmung auch die überwiegend von Gewalt geprägte Zeit des 30-jährigen Krieges keine völlig rechtlose Epoche gewesen ist.
Trotz mancher, wie weiter oben erwähnt, ungehobelten Umgangsweise pflegte man die nachbarschaftliche Verbundenheit. Die Stadtbevölkerung war in siebzehn Nachbarschaften31 organisiert. Im Zusammenschluss von Straßenzügen gab es eine Arbeits- und Wehrpflicht, aber auch die Verpflichtung zur Hilfe bei Brandkatastrophen. Man half sich auch bei Familienfeiern. Hochzeiten, Kindtaufen und Trauerfeierlichkeiten standen in Verbindung mit der Spende kirchlicher Sakramente dabei im Fokus. Kindergeburtstage rückten im bürgerlichen Umfeld erst im 18. und 19. Jahrhundert als besonderes familiäres Ereignis ins Bewusstsein32. Jährlich zu Fastnacht wechselte das Amt des sogenannten Nachbarschaftsbürgermeisters auf den Besitzer bzw. Bewohner des jeweils nächsten Hauses. Das konnte auch eine Frau sein, so dass sicher auch Maria Theresia Pinkernell einmal an der Reihe war. Der Nachbarschaftsbürgermeister war unter anderem auch für die Verwaltung der Nachbarschaftskasse verantwortlich und beaufsichtigte die Einhaltung gewisser nachbarschaftlicher Regeln und Pflichten, wie zum Beispiel die Instandhaltung der Brunnen.
Die von der Kirche idealisierte Ehe war aus sozialen und finanziellen Gründen das allgemein angestrebte und einzig anerkannte partnerschaftliche Lebensmodell. Besonders die Situation der Frauen und Kinder war von der jeweiligen beruflichen und sozialen Stellung der Familie geprägt. Die üblicherweise zahlreichen Kinder33 blieben bis zum siebten Lebensjahr von Verpflichtungen freigestellt. Anschließend wurden sie dann je nach familiärer Situation ins häusliche Arbeitsumfeld einbezogen oder, wenn dies möglich war, auf die Schule geschickt.
In Recklinghausen gab es die Elementar- und die Lateinschule am Kirchplatz, die bis zur Bildungsreform der 1780er Jahre trotz mancher Aufwertungsbemühungen ein eher unbedeutendes Dasein fristete. Eine verbindliche Schulpflicht gab es nur ansatzweise34. Wer finanziell gut gestellt war, konnte dem Sohn den Besuch einer auswärtigen höheren Schule und vielleicht sogar einer Universität ermöglichen; aber auch nur dem Sohn35.
Mädchen waren vom Besuch einer weiterführenden Schule ausgenommen. Die Recklinghäuser Mädchenschule wurde zwar bereits 1630, 1645 und 1705 in den amtlichen Unterlagen erwähnt, und im Jahr 1790 übertrug man den Augustinessen die Verantwortung für die Ausbildung der Mädchen; die beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten allerdings blieben für die weiblichen Nachkommen und besonders für die aus sozial schwachen Schichten in einem äußerst bescheidenen Rahmen. In das 1513 in Recklinghausen gegründete Augustinessenkloster konnten nur solche junge Frauen aufgenommen werden, die eine ordentliche Mitgift einbrachten; mal davon abgesehen, dass die Anzahl der dort lebenden Nonnen sowieso eng begrenzt war36.
Das Schulhaus stand über Jahrhunderte am Kirchplatz. Es wurde nach den Stadtbränden von 1500 und 1686 jeweils neu aufgebaut und verlor seine Funktion als Schulhaus erst mit der Fertigstellung der Turmschule (heute Ikonenmuseum) im Jahr 1789. Bis dahin beherbergte das Gebäude sowohl die Elementarschule im Erdgeschoss als auch die Lateinschule im Obergeschoss. Das hier abgebildete Haus Wegerhoff beherbergte die Elementarklassen noch Ende des 19. Jahrhunderts.
Dennoch haben sich einzelne Frauen sowohl in wirtschaftlicher als auch politischer Hinsicht in dieser unzweifelhaft von Männern dominierten Zeit immer wieder in herausragender Weise positionieren und behaupten können. Wie es aussieht, war auch Maria Theresia Pinkernell eine solche starke Persönlichkeit.
Während sich in den großen Zentren des Reiches bereits die Kulturepoche des frühen Barock bemerkbar machte, musste man in Recklinghausen die schlimmen Folgen des 30-jährigen Krieges aufarbeiten. Der einst lukrative Außenhandel mit dem Ostseeraum war wegen einer globalen Verschiebung der Märkte und dem Niedergang der Hanse, aber auch durch die konfessionelle Isolationspolitik fast vollständig zum Erliegen gekommen37. Die Stadt war infolge horrender Forderungen aller durchziehenden Kriegsparteien und anderer Faktoren hoch verschuldet, so dass an ökonomische Prosperität für mehr als hundert Jahre nicht zu denken war. Das wirtschaftlich heruntergekommene Provinzstädtchen war aber keineswegs politisch unbedeutend. Innerhalb der maroden Mauern waren unter anderem kurkölnische Verwaltungsstellen angesiedelt. Zum Beispiel hatte ein kurfürstlicher Richter hier seinen Wohnsitz und der Verwalter des Kölner Domkapitels für zwei große Reichshöfe residierte hier. Außerdem gab es zwei Klöster, und hier stand die bedeutendste Kirche der Region, die für viele Kirchspiele des Vestes die Mutterkirche war.
Für die repräsentativen Vorlieben des höheren Adels jedoch bot der wirtschaftlich und kulturell ausgeblutete Ort keinen Boden. Zwar vollendete der kurfürstlich-kölnische Richter Dr. Crato Clamor Constantin Münch38 im Jahr 1701, kurz vor dem Tod der Maria Theresia Pinkernell, einen im Vergleich zu den übrigen Häusern prunkvollen Repräsentativbau, die später so genannte „Engelsburg“, aber noch im Jahr 1794, als die kurfürstliche Regierung die vestische Hauptstadt vorübergehend als Verwaltungssitz nutzte, testierten deren Mitglieder ihr, sie sei eine „ungesellige und tote Stadt“. Sicher war diese Aussage in der Tatsache begründet, dass man aus einer pulsierenden Großstadt in eine kleine, verschlafene „Ackerstadt“, wie man Recklinghausen in den Beschreibungen nannte, umziehen musste und dadurch einen erheblichen Kulturschock erlitt.
Mit dem Blick auf wirtschaftliche Aktivitäten kann man diese Einordnung auch für das 17. Jahrhundert als realitätsnahe Beschreibung annehmen. Während der Exporthandel mit Handwerksprodukten seit dem Ende des 16.
Die Engelsburg in Recklinghausen im 18. Jahrhundert. Bild aus dem Herzoglich Arenbergischen Archiv.
Jahrhunderts allmählich erlahmte, scheint sich die Bevölkerung mehr und mehr auf die agrarischen Erwerbszweige konzentriert zu haben. Schon vor dem 30-jährigen Krieg war der Anteil der landwirtschaftlichen Produktion recht hoch. Vor 1618 erwirtschafteten die Stadt und ihre Grundbesitzer im Umland so viel Getreide, dass es nicht nur für die Versorgung der Stadtbewohner und die auf den umliegenden Gütern lebende Landbevölkerung reichte, sondern auch als Handelsware ausgeführt werden konnte.
Die Versorgungslage änderte sich jedoch im Laufe des 17. Jahrhunderts. Kriege, in deren Verlauf immer wieder hohe Abgaben in Form von Geld und Naturalien gefordert wurden, längerfristige militärische Einquartierungen, die zur Aufzehrung von Vorräten führten, Nahrungsmittelengpässe aufgrund von klimabedingten Ernteausfällen, eingeschleppte Seuchen und unbekannte Krankheiten, die mangels eines effektiven Gesundheitssystems nur unzureichend behandelt werden konnten, sorgten für langandauernde Notzeiten. Dass auch im Vest Recklinghausen immer wieder Hunger herrschte, kann man unter anderem aus den Verordnungen des Kurfürsten ablesen, mit denen er die Wilderei einzudämmen versuchte. Demgegenüber sind für das 16. und 17. Jahrhundert die in den Archiven einsehbaren zahlreichen Verträge über Landkäufe signifikant. Oft wechselten sogenannte „Gärten“39 innerhalb und außerhalb der Stadtmauer den Besitzer, aber auch Kotten, ganze Gutshöfe und herrschaftliche Landsitze mit umfangreichen Ländereien. Aus dem Grundbesitz zog beispielsweise auch die Familie Uphoff, die mütterliche Verwandtschaft unserer Hauptfigur, einen Teil ihres Ansehens und Wohlstandes40.
Die sozialen Gräben in der Stadtgesellschaft waren tief und fest gefügt. Nur die Mitglieder der Gilden, also der berufsständischen Vereinigungen ausgewählter Gewerbezweige, konnten Wahlmänner bestimmen, die aus ihren Kreisen den Stadtrat und die Bürgermeister wählen durften. So ist es nicht verwunderlich, dass wir über fast zwei Jahrhunderte hinweg in der Liste der Ratsmitglieder und der Bürgermeister immer wieder die selben Familiennamen finden. Denn Recklinghausen war klein und oft waren die einflussreichen Familien untereinander verwandt und verschwägert. Dieser Nepotismus wurde erst nach einer einschneidenden kurfürstlichen Verwaltungsreform am Ende des 18. Jahrhunderts langsam eingeschränkt. Im Jahr 1793, zwölf Jahre nach dieser Reformverordnung, waren die alten Strukturen jedoch noch intakt und man weigerte sich, die Neuerungen anzunehmen, wie man wohl in jeglicher Hinsicht am Althergebrachten festhielt. In einem Brief des Franz Edmund Bracht41 an den Statthalter von Nesselrode aus diesem Jahr heißt es im Zusammenhang mit dem Antritt des neuen Pfarrers Wesener: „ ... verspricht seine Pflichten zwar aufs pünktlichste zu erfüllen, doch für jede Neuerung sich sorgfältig in acht zu nehmen. Und dieses letztere Versprechen wirkt mehr auf viele Gemüter als die rührendste Antrittsrede, denn wie halsstarrig hier der größte Haufe allem, was auch nur von weitem nach Neuerung schmeckt, zuwider sei, weiß jeder aus Erfahrung, welcher es schon einmal versucht hat, ein eingewurzeltes Vorurteil auszurotten, oder einen alten einfressenden Schaden bei diesem Völkchen auszubessern.“42
Grafik nach Werner Koppe, Stadtgeschichte im Unterricht: Recklinghausen 900 - 1950, S. →
Diese Struktur blieb bis zu einer Verwaltungsreform durch Kurfürst Maximilian Friedrich am Ende des 18. Jahrhunderts weitgehend erhalten.
Beispiel für einen Turm in der Verteidigungsanlage von Recklinghausen: Stephansturm an der Engelsburg.
August 2007
Mit den Adligen des Umlandes lag die Recklinghäuser Bürgerschaft oft im Streit. Auch die Anordnungen aus Bonn und Köln43 wurden oft genug missachtet; als Beispiel sei hier nur die kurfürstliche Brandordnung von 1686 genannt, die eigentlich dazu gedacht war, weitere verheerende Katastrophen, wie die im selben Jahr erlebte, zu vermeiden.
Das Vest Recklinghausen gehörte als Nebenland zum rechtsrheinischen Teil des Kurstaates Köln44. Der Kurfürst war der weltliche Herrscher und als Erzbischof in Personalunion auch das religiöse Oberhaupt unseres Landstrichs. Das politische Tagesgeschäft führte seit dem 17. Jahrhundert der Erste Minister. Oberster Vertreter des Kurfürsten vor Ort war der Statthalter, dessen Befugnisse in unserem Betrachtungszeitraum ab 1621 die Familie von Nesselrode auf Schloss Herten innehatte. Die Gremien, in welchen die Anliegen der Landstände diskutiert wurden, waren die Landtage. Die Aufsitzer adliger Rittergüter im Vest Recklinghausen hatten als Landstände45das Recht, auf den bestimmenden Landtagen des Erzstiftes als passive Mitglieder bei den eröffnenden und abschließenden Sitzungen anwesend zu sein und bildeten auf den vestischen Landtagen, die unabhängig von den erzstiftischen stattfanden, die stärkste Fraktion. Der Rechtsbeistand der vestischen Landstände vor den Instanzen in Bonn und Köln war der Landsyndikus. Diese Funktion hatte eine Zeit lang im Nebenamt der von Kurköln eingesetzte oberste Richter für das Vest Recklinghausen inne, der auch maßgeblich die Gerichtsverhandlungen auf Schloss Horneburg führte. Horneburg war auch der Amtssitz der kurfürstlichen Kellnerei, worunter man im Gegensatz zu heute keinen gastronomischen Betrieb, sondern die landesherrliche Güterverwaltung für das Vest Recklinghausen zu verstehen hat46. Der Kellner, bzw. Oberkellner war also der oberste Finanzbeamte der Region, der vom Kornschreiber und anderen Beamten bei der Wahrnehmung seiner Aufgaben unterstützt wurde.
Die Landesbeamten des Vestes Recklinghausen nahmen zum Teil ihren Wohnsitz in der Stadt Recklinghausen. Dem kurfürstlichen Richter beispielsweise war dies sogar vorgeschrieben. So liefen in der Vestmetropole städtische und vestische Verwaltungsstrukturen zusammen, verschmolzen die Familien der Führungselite von Stadt und Land durch Heirat, und es bildete sich eine Art bürgerliches Patriziat, in dessen weitläufiger Vernetzung die erfolgreiche Kauffrau Maria Theresia Pinkernell, die uns in diesem Buch als Anker in den oft unübersichtlichen Weiten des 17. Jahrhunderts dienen soll, einen der zahlreichen Knoten bildete.
Schloss Horneburg um 1646.
Das Schloss wurde 1646 von französischen Soldaten auf Befehl des Marschalls Henri de la Tour d‘Auvergne, Vicomte de Turenne zerstört. Seitdem ist nur noch der Ostflügel der Vorburg erhalten.
Das Vest Recklinghausen auf einer französischen Karte aus dem Jahr 1674.
Die Orte und Rittergüter sind hier nicht nach ihrer Größe, sondern nach ihrer Wichtigkeit eingezeichnet. Dementsprechend ist zum Beispiel Horneburg mindestens in gleicher Gewichtung dargestellt wie Recklinghausen.
Die komplette Karte ist hier einzusehen: https://www.dilibri.de/rlb/content/zoom/1866365
Recklinghausen war seit dem Kölnischen Krieg47 (auch Truchsessische Wirren genannt) im 17. Jahrhundert fast immer von den Kriegshandlungen in Nordwestdeutschland betroffen48. Zwar fanden hier keine großen Schlachten statt, aber die Stadt lag in einem Aufmarsch- und Durchzugsgebiet und wurde häufig mit großenteils gewaltsam erzwungenen Einquartierungen, Kontributionszahlungen und Fourageforderungen belegt. Das blutete mit der Zeit nicht nur die Wirtschaftskraft aus, sondern führte auch im Zusammenwirken mit der „kleinen Eiszeit“ zu Nahrungsmittelengpässen, zu Krankheiten, Tod und Verelendung weiter Bevölkerungskreise.
Die einst aufblühende Metropole des Vestes verarmte, und die Schulden, die sich infolge der kriegerischen Auseinandersetzungen sowie durch die Verlagerung der Wirtschaftsräume angesammelt hatten, konnten erst spät im 18. und 19. Jahrhundert abgetragen werden.
Doch nicht nur die Belastungen durch die unmittelbaren Abgabepflichten und Drangsalierungen durch fremde und eigentlich befreundete Truppen machten den Recklinghäusern zu schaffen. Auch die Kriege, die nicht direkt auf vestischem Boden ausgefochten wurden, zogen Finanzkraft aus dem Land. Der im 17. Jahrhundert schon seit rund zweihundert Jahren schwelende Konflikt mit dem Osmanischen Reich sorgte durch die sogenannte „Türkensteuer“ für eine zusätzliche Belastung der Bürgerschaft. Seit 1521 Kaiser Karl V. auf dem Wormser Reichstag mit den Reichsständen vereinbart hatte, dass die Beiträge zur Finanzierung des Abwehrkrieges auf die bürgerlichen und bäuerlichen Untertanen abgewälzt werden konnten, nahmen die Kölner Kurfürsten die Gelegenheit wahr, diese Belastung auch auf die Bewohner des Vestes umzulegen. In Recklinghausen sind zwei überlieferte Türkensteuerlisten aus dem 16. Jahrhundert bearbeitet worden49. Darin werden Angaben zur Höhe der persönlichen Steuerbelastung gemacht, so dass diese Listen auch einen Einblick in die wirtschaftlichen Verhältnisse der Stadtbevölkerung jener Zeit geben.
Für das 17. Jahrhundert ist es belegt, dass diese Steuer auch im Jahr 1663/64 erhoben wurde. Denn in diesem Zeitraum flammten die Eroberungsabsichten der Osmanen wieder auf und es wurde notwendig, Mittel zur Finanzierung der Abwehrkriege zu sammeln. Die Erhebung der Türkensteuer ist von den Reichsständen auf dem Reichstag zu Regensburg50 genehmigt worden. Auf dem Landtag zu Bonn wurde dann für das Kurfürstentum Köln der entsprechende Beschluss mit der Festsetzung der Abgabenhöhe der einzelnen Bevölkerungsgruppen verabschiedet. Am 4. Juni 1664 schließlich gab der Kurfürst die entsprechende Verfügung zur Veröffentlichung frei. Die Steuer sollte zweimal im Jahr, nämlich zu Bartholomäi (24. August) und zu Martini (11. November) erhoben werden51. Erst mit dem Frieden von Karlowitz (26. Januar 1699), der für den Kaiser und seine Verbündeten recht positiv ausfiel, endete diese Beschwernis.
In den weniger von kriegerischen Auseinandersetzungen betroffenen Zeiträumen (siehe Infografik oben) war die Stadtgesellschaft damit beschäftigt, die schweren Zeiten des jeweiligen Krieges aufzuarbeiten. Die nämlich klangen auch nach den Friedensschlüssen immer noch nach.
So hatte Recklinghausen auf Grund der Vereinbarungen von Osnabrück (24. Oktober 1648) über das offizielle Kriegsende hinaus schwedische Truppen zu beherbergen und zu verpflegen. Der Friedensvertrag zwischen dem Kaiser und dem Heiligen Römischen Reich einerseits und den Schweden andererseits beinhaltete die Zusicherung einer „satifacio militiae“ an die Schweden in Höhe von mehreren Millionen Reichstalern. Das Vest Recklinghausen hatte einen nicht unerheblichen Anteil zu leisten. Zur Besicherung dieses Anspruchs kamen schwedische Truppen ins Vest und eben auch nach Recklinghausen. Die fremden Soldaten verhielten sich während dieser Zeit nicht gerade freundlich. Nach der deutsch-schwedischen Vereinbarung von Nürnberg im Jahr 1650 zogen dann die Besatzungstruppen wieder ab52, und nachdem die schwedischen Besatzer den Ort verlassen hatten, hieß es, umfangreiche Aufbauarbeit zu leisten; was angesichts der finanziellen Lage der Stadtgesellschaft einer Herkulesaufgabe glich53.
Auffallend ist, dass genau in der Zeit der, militärisch gesehen, relativen Ruhephase zwischen 1650 und 1670 neben anderen auch die Familie Pinkernell den wirtschaftlichen Aufschwung schaffte. Das Vestische Lagerbuch von 1660 weist sie als eine offensichtlich recht wohlhabende Familie aus.
Das Internet gab es zur Zeit unserer Zielperson noch nicht. Man wusste noch nicht einmal genau, was Elektrizität sei. Selbst die wissenschaftlichen Experimente des Francis Hauksbee54 wurden von vielen Zeitgenossen hauptsächlich als gesellschaftliche Belustigung betrachtet. Es gab kein Fernsehen, kein Radio und keine Tageszeitungen. Informationen tauschte man überwiegend mündlich aus.
Zwar hatte der Druck mit beweglichen Lettern durch Martin Luther und seine Mitstreiter einen enormen Popularitätsschub erhalten, und Flugblätter und Streitschriften waren bis zu dem hier betrachteten Zeitraum zu einem Massenphänomen geworden, aber dennoch blieben größere gedruckte Werke der gebildeten Bevölkerungsschicht vorbehalten55. Verordnungen und Mitteilungen der Obrigkeit wurden per Anschlag an den Kirchentüren bekannt gemacht, von den beiden Stadtdienern auf bestimmten Straßen und Plätzen laut ausgerufen oder von der Kanzel nach dem Hochamt in der Kirche verkündet. Lesen und Schreiben konnten inzwischen dank diverser Bildungsinitiativen viele Bürgerinnen und Bürger, aber längst nicht alle beherrschten diese Kunst. Aus erhalten gebliebenen Feldpostbriefen aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges56 geht hervor, dass sich die meist weiblichen Schreiberinnen zum Teil beim Lesen und Schreiben Hilfe geholt hatten. Schriftliche Mitteilungen wurden überwiegend mit der Hand verfasst, was die Lesbarkeit erschwerte.
Die ersten gedruckten Zeitungen erschienen im deutschen Sprachgebiet um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert. Vorher gab es wöchentliche, manchmal auch monatliche, in geringster Auflage handkopierte Nachrichten im Kleinformat für ausgesuchte Kunden höheren Standes. Die Informationen waren bereits mehrere Tage alt und üblicherweise nicht redaktionell bearbeitet. Von einer Zeitung im heutigen Sinne kann also noch nicht gesprochen werden. Diese Publikationen waren eher abonnierte Informationsbriefe mit mehr oder weniger aktuellen Inhalten aus verschiedenen Gegenden des Reiches.
Die erste „echte“ Zeitung im Vest Recklinghausen, „Der Argus. Von politischen, gemeinnützigen und gelehrten Sachen“ des Buchbinders und Buchhändlers Carl August Schüerholz erschien 1804 in Dorsten. Und erst mit dem Zuzug des Druckers Joseph Bauer 1831 begann auch in Recklinghausen ein reguläres Pressewesen.
Bis dahin wurden Informationen hauptsächlich in Form von Privatpost über Boten und über den Kontakt zu Reisenden verbreitet. Den Kurieren der Stadt Recklinghausen wurde nach alten Rentmeisterrechnungen übrigens die Dienstkleidung in den Farben Englischbraun, Rot und Weiß gestellt.
Deutscher Läuferbote im 16. Jahrhundert
Mit der Einführung des Niederländischen Postkurs im Jahr 1490 durch die Familie Taxis wurde in Europa erstmalig eine regelmäßige Postverbindung zwischen zwei Orten eingerichtet. 1516 erhielt Franz von Taxis dann von Karl V. das Privileg eines Hauptpostmeisters der Niederlande. In der Folge wurden die Postverbindungen zwischen den größeren Städten, den Residenzen, Klöstern und Adelssitzen auch über Landesgrenzen hinweg weiter ausgebaut.
Für die schnelle Übermittlung von Nachrichten waren im 17. Jahrhundert verstärkt Postreiter eingesetzt, die nun nicht mehr nur nach Bedarf als Boten beauftragt wurden, sondern als Staffelreiter auf bestimmten Routen auch des Nachts hin und her ritten und sich durchschnittlich alle 20 bis 25 Kilometer ablösten. So konnte ein Bündel von Briefen in relativ kurzer Zeit eine entsprechend große Distanz überbrücken. Hält man sich die Straßenverhältnisse der damaligen Zeit57 im Heiligen Römischen Reich samt den sonstigen Behinderungen vor Augen, ist es verständlich, dass 1618 die Nachricht vom Fenstersturz in Prag dennoch zwei Wochen benötigte, bis sie in Frankfurt ankam, um dort in der „Frankfurter Postzeitung“58 zu erscheinen.
Im Laufe des Krieges erschienen viele weitere Zeitungen in Deutschland, die von den Postreitern verteilt wurden. Um sich das teure Abonnement leisten zu können, schlossen sich oft Gruppen von Interessenten zusammen. So konnten auch jene Kreise in den Genuss von Neuigkeiten gelangen, die nicht zur Oberschicht gehörten. Diese Entwicklung war jedoch bei den höheren Herren nicht gern gesehen. Denn Zeitungen wurden auch damals schon zur Verbreitung von Propaganda genutzt.
Seit dem Jahr 1646 durchquerte eine regelmäßige Postlinie das Vest Recklinghausen, wobei die Stadt Recklinghausen allerdings nicht direkt einbezogen wurde. Die vom preußischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm I. von Brandenburg eingerichtete Linie sollte die westdeutschen Exklaven Brandenburgs mit Berlin verbinden und führte im vestischen Land über Dorsten, Marl, Horneburg und Waltrop nach Lünen. Da der kurbrandenburgische Postreiter die Stadt Recklinghausen aus zeitlichen Gründen nicht direkt besuchte, sondern nördlich daran vorbei ritt, hat man ein an der Landwehr gelegenes Zollhaus auch als Posthäuschen benutzt, wo der Reiter Sendungen mitnehmen oder deponieren konnte. Leider ist es heute nicht mehr genau nachvollziehbar, wo dieses Posthäuschen gestanden hat. Nachdem dieses Gebäude vermutlich im Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763) von Französischen Soldaten zerstört worden ist, hat man kurzerhand eine Linde, die günstig am Postreiterweg stand, zur Deponierung von Briefen genutzt. Der Reiter legte die Post für die Recklinghäuser in den hohlen Stamm bzw. nahm die dort von einem städtischen Boten deponierten Sendungen mit59.
Als Frau Pinkernell Juniorchefin im mütterlichen Geschäft wurde, erfolgte die schriftliche Kommunikation einerseits über den kurbrandenburgischen Postreiter, andererseits, für Gegenden, in die es keine solche Verbindung gab, über Boten. So kam zum Beispiel im Jahr 1661 ein Bürger aus Wattenscheid, wo es trotz Anbindung an den Hellweg keine eigene Postverbindung gab, nach Recklinghausen, um ein wichtiges Schreiben per Boten nach Köln bringen zu lassen60.
Sicher gab es aber zu Frau Pinkernells Zeiten, wie schon Jahrhunderte vorher, die Möglichkeit, Briefe und andere Nachrichten Reisenden mitzugeben61. Ortsansässige Händler z. B. kündigten ihre Geschäftsreisen üblicherweise in der Familie, im Freundeskreis, aber auch in den Gildeversammlungen an. Dieser Personenkreis sprach mit anderen darüber und so verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer in der Stadt, dass der betreffende Herr zum Beispiel in zwei Wochen zur Frankfurter Messe62 fahre. Wenn dieser Händler zurück kam, brachte er Neuigkeiten mit. Diese wurden dann in der Stadt verbreitet und diskutiert. So blieb man über gesamtpolitische, wirtschaftliche und über „Lifestyle“-Entwicklungen auf dem Laufenden.
Aber nicht nur die ortsansässigen Händler sorgten für den Informationsaustausch. Soldaten, fahrende Händler (z.B. Kiepenkerle), Bänkelsänger, Studenten, Handwerker und Missionare brachten Meldungen aus anderen Gebieten des Reiches in die Städte. Zum Beispiel kam der Jesuitenpater Bernhard Löper 164963 nach Recklinghausen, um nach dem Ausbruch einer angeblichen Teufelsbesessenheit in Paderborn und Umgebung prophylaktisch gegen die „Ansteckung“ mit dem Bösen zu wirken. Dass die 27-Jährige Maria Theresia diesem Mann begegnete, ist anzunehmen. Schließlich war er in Sankt Peter als Gastprediger tätig. Vielleicht hatte sie aber auch schon von ihrem Vater etwas über diese Welle der Besessenheit in Ostwestfalen erfahren. Denn der war als katholischer Jurist im ganzen heutigen Nordrhein-Westfalen unterwegs.
Eine weitere Gelegenheit für den Nachrichtenaustausch boten und bieten Familientreffen mit Verwandten aus anderen Städten. Da war zum Beispiel die Frau des Richters Heinrich Rensing, welche die Schwester des Herrn de Weldige-Kremer64 in Dorsten war und die sicher von ihrem Bruder und ihrer Schwägerin bei gegenseitigen Besuchen mit den dortigen Neuigkeiten versorgt wurde. De Weldige-Kremer war kurkölnischer Einnehmer des Lippezolls. Durch diese Tätigkeit kam er mit vielen durchreisenden Händlern und anderen auswärtigen Personen in Kontakt. Hinzu kam der Betrieb eines weithin bekannten Gasthauses, das auch gern von höher gestellten Persönlichkeiten aufgesucht wurde. Gasthäuser waren und sind auch heute noch Orte des zwanglosen, nicht zu unterschätzenden Informationsflusses. Und nicht zuletzt betrieb er ein florierendes Handelsgeschäft, über das er mit auswärtigen Zulieferern kommunizierte.
Genau so hatte Maria Theresia Pinkernell verwandtschaftliche Beziehungen über Recklinghausen hinaus. Ihr Vater stammte aus Wattenscheid, wo sie selbst aller Wahrscheinlichkeit nach geboren wurde und wo weitere Familienmitglieder ansässig waren65. Die Familie ihrer Mutter stammte ursprünglich aus Marl, wo sich auch noch weitere Verwandtschaft befand. Es ist also anzunehmen, dass gerade sie über ihre familiären Kontakte mit vielerlei Informationen versorgt wurde.
So wie in Gasthäusern tauschte man sich beim Einkauf auf dem Markt oder im Kramladen aus. Auch das Geschäft der Familie Pinkernell war einer jener Orte in Recklinghausen, wo man nicht nur Waren, sondern kostenlos neueste Nachrichten bekommen konnte.
Wertfreie Informationen waren selten. Häufig wurden im Interesse des jeweiligen Urhebers die heute so genannten „Fake News“ gestreut. Man setzte im politischen Spektrum gezielt auf Fehlinformationen, um der gegnerischen Seite Schaden zuzufügen. So hatte sich nach dem 30-jährigen Krieg der Post- und Zeitungsmann Birghden, der im Verlauf des Krieges aufgrund von Anfeindungen, Verleumdungen und Inhaftierungen die Seiten vom katholischen ins protestantische Lager gewechselt hatte, damit gebrüstet, er habe dem Schwedenkönig mit seiner Zeitung größere Dienste geleistet, als wenn er ihm eine Armee bezahlt hätte.
Wirtshausszene im 17. Jahrhundert. So ähnlich könnte man sich auch das Wirtshaus des Herrn deWeldige-Kremer in Dorsten vorstellen. Das hier gezeigte Bild ist allerdings keine zeitgenössische Darstellung, sondern wurde im 19. Jahrhundert gedruckt. Es idealisiert die „gute alte Zeit“ im Stil der Romantik.
Stahlstich nach einem Gemälde von Jakob Emanuel Gaißer (Genremaler *1825, +1899)
Überall, wo Menschen zusammenkommen, wird geredet. Seien es politische Treffen, seien es Gerichtsverhandlungen, Kirchgänge, Markttage, Jahrmärkte und andere Vergnügungen oder auch Verwandtschaftsbesuche; immer gibt es Menschen, die Informationen von anderen aufnehmen und diese persönlich gefärbt weitergeben. Daraus wird dann die sprichwörtliche „Stille Post“.
Sicherlich wurde auch über die Jungfrau Pinkernell geredet. Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, haben immer Befürworter und Gegner. Ihr katholischer Eifer hat sicher auch Gegenreaktionen provoziert. Denn auch, wenn die Menschen religiös geprägt waren, so führten damals wie heute extreme Verhaltensweisen zu Misstrauen und Ablehnung. Übertreibungen und Unterstellungen sind schnell ausgesprochen und machen ebenso schnell die Runde. Die Sichtung und Auswertung von Zeitzeugnissen muss also immer mit einer gewissen Distanz erfolgen. So auch die Erzählung, die sich um die als ultrafromm wahrgenommene und dennoch vermeintlich betrügerische Kauffrau Pinkernell entwickelte.
Johann von den Birghden, Stich von Sebastian Furck aus dem Jahr 1639.
Birghden, Begründer der ersten deutschen Postzeitung, wurde 1582 in Aachen geboren und starb 1645 in Frankfurt am Main. Er kam aus einem protestantischen Elternhaus, übernahm 1615 die Stelle als Postmeister in Frankfurt/M. und trug entscheidend zur Festigung und Ausweitung der kaiserlichen (katholischen) Reichspost bei. 1625 vom Kaiser in den Adelsstand erhoben, wurde er 1626 als Verräter diffamiert und 1627 des Postmeisteramtes enthoben. Mit dem Einzug der Schweden in Frankfurt im Jahr 1631 übernahm Birghden erneut das Amt des Postmeisters. Unter seiner Führung verlor die kaiserliche Seite die meisten seiner wichtigen Poststationen an ihren Gegner. Als die Kaiserlichen 1635 Frankfurt zurückeroberten, trat Birghden zurück. Bis zum 4. März 1645, seinem Todestag, führte er einen Prozess, in dem er sich gegen die kaiserliche Forderung von 6000 Talern Buße für seinen angeblichen Verrat wehrte.
Version des unbekannten Autors “H.”, erstveröffentlicht im Wochenblatt für den Kreis Recklinghausen Nr. 4, 183166. In Erinnerung gebracht in: Die Heimat in Vergangenheit und Gegenwart, herausgegeben von Dr. Kurt Gaertner, Zweiter Jahrgang 1925. Dr. Gaertner verweist in seinem Kommentar darauf, dass dies die Aufarbeitung eines älteren Textes sein könnte. Eine ursprüngliche Entstehung um 1750 bis 1800 ist deshalb durchaus wahrscheinlich. War dies doch auch die Zeit, in der andere Schmäh- und Spottgedichte, wie jenes bekannte Trinklied über den berühmten Doktor Eisenbarth67, verstärkt auftauchten.
Die Jungfer Rieth
Eine Sage
Einst lebt‘ in unserm kleinen Städtchen
(Es ist wohl über hundert Jahr)
Für sich allein ein Bürgermädchen;
‘ne große Krämerin es war.
Was man für Ware haben wollte,
Sei’s nach der Wage oder Ell,
Was nirgendwo man suchen sollte,
Fand man bei Jungfer Pinkernell.
Recht sparsam war sie auch daneben (Man könnte sagen etwas mehr)
Und hielt in ihrem ganzen Leben,
Wie ich gehört, die Jungfernehr’.
Auch fleißig ist sie, fromm gewesen;
Denn nie ging sie auf einen Tanz,
Mogt nur die Hauspostille lesen,
Und betete den Rosenkranz.
Des Abends mit der Magd68 beim Spinnen,
Wenn Alles schon zu Bette war;
So musst die Herrin Garn gewinnen,
Und beid den Himmel, das ist klar.
Sie starb (wie alle Menschen sterben)
Und ward begraben dann für todt,
‘nen Jesuiten ließ sie erben
Ein lang gespartes, ruhig Brod.
Wer hätte nicht den besten Segen
Der Guten in das Grab geweint?
Wer hätte lästernd und verwegen
Sie nicht den Engeln schon vereint?
Allein der Schein, er trügt die Leute.
Die Bürger sahn’s mit Angst und Noth,
Wie sie, die kaum der Erde Beute,
Mit Schrecknissen die Stadt bedroht.
Denn durch die Straßen zog wie sieben
Männer hoch ein weißes Weib,
Das aus dem dunklen Grab vertrieben,
Wüthet schwebend ohne Leib.
Die Elle trägt es und die Wage,
Und jammernd ringt’s die Geisterhänd:
Betrogen hab ich meine Tage,
Jetzt büßen muss ich ohne End69.
Und jedem droht es an dem Leben,
Der kühn sich ihm entgegen stellt,
Da hilft kein Kreuzen, kein Vergeben,
Und keine Macht der Welt,
Um Mitternacht nur eine Pause
Verschwindet’s kreischend in die Luft,
Wo’s dann in dem verlassnen Hause
Vergebens die Betrognen ruft.
Da endlich von Sanct Antons Orden
Ein frommer Mönch kommt angewallt;
Ihm war die Plage kund geworden,
Die schnell durchs ganze Land geschallt.
Und als mit Fasten vorbereitet,
Er Gottes Hülfe angefleht,
Da pflanzt er vor das Haus geleitet
Vom gläub’gen Volke, mit Gebet
Ein Kreuz; und wartet jener Stunde
Allein an dem veröd‘ten Herd,
Um welche von der Geisterrunde
Das Schreckbild tobend wiederkehrt.
Da kam’s zum letzten Male wieder!
Es war umstrickt mit heilgem Spruch!
Der Gottesmann, er drückt es nieder
Und schleptt’s ins nahe Emscherbruch.
Im Rieth lässt er dem Geist sein Wesen,
Und bannt ihn drein für ew’ge Zeit;
Die Grenze hat er überlesen,
Für immer ist die Stadt befreit.
Die Waidleut’ und unsre Hirten,
Die Tagesglück nicht gut berieth,
Und in der Wildnis sich verirrten,
Sahn dort noch öfter Jungfer Rieth.
Noch heulen hört man dort die Worte:
“Zu kurze Maaß, zu leicht Gewicht”;
Sie schreit vielleicht an diesem Orte
Bis an das jüngste Weltgericht.70
Hier wird der Pinkernell in Strophe 4 die “Hauspostille” in die Hand gegeben. Dies bezieht sich auf eines der verbreitetsten Werke der Erbauungsliteratur, die im Jahr 1690 herausgegebene “Hauspostill oder Christ-Catholische Unterrichtungen von allen Sonn- und Feyr-Tagen des gantzen Jahrs” des Prämonstratenser Chorherren Leonhard Goffiné. Die Hauspostille war eine Erklärung der Sonntagsepisteln und -evangelien und ist über Jahrhunderte, besonders jedoch im 18. und 19. Jahrhundert, eines der populärsten Bücher in der frommen katholischen Bevölkerung gewesen. Ob Frau Pinkernell tatsächlich dieses Buch besessen hat, ist zwar nicht belegt. Da sie aber eine sehr aktive Geschäftsfrau und offensichtlich auch eine äußerst fromme Katholikin gewesen ist, kann es als höchst wahrscheinlich angenommen werden, dass sie von dem Erscheinen des Buches erfahren hat und dass ein Exemplar dieses katholischen Standardwerkes zu ihrer zweifellos vorhandenen religiösen Hausbibliothek gehörte.
Titelblatt von Leonhard Goffinés häufig neu aufgelegter Hand- oder Hauspostille in einer Ausgabe aus dem Jahr 1818. Von der ersten Originalausgabe aus dem Jahr 1690 ist leider kein Exemplar erhalten geblieben.
Ebenso wahrscheinlich ist, dass sie die Philothea überschriebene Publikation des Franz von Sales besessen hat. Dieses Buch war für den katholischen Laien geschrieben, um ihn in das Prinzip der Laienaszetik71 einzuführen und es war, wie später auch Goffinés Hauspostille, dazu gedacht, Gläubige in einem frommen Leben zu unterweisen. Es ist wesentlich früher erschienen als Goffinés Schrift. Das Buch des Bischofs von Genf Franz von Sales (1567 - 1622) erschien erstmalig im Jahr 1609 und erfuhr, ähnlich wie später die Hauspostille, eine große Verbreitung und zahlreiche Auflagen. Die Jungfer Pinkernell und ihre Eltern dürften also durchaus Kenntnis von dieser Publikation gehabt und sie besessen haben.
Im Jahr 1662 brachte außerdem der Jesuit Wilhelm Nakatenus72 ein eben-falls immer und immer wieder aufgelegtes Gebetbuch heraus. Er nannte es „Himmlisch Palm-Gärtlein“. Es war eine Sammlung von religiösen Texten und gab Anleitung zur christlichen Meditation. Wie auch die beiden vorbenannten Bücher, erreichte es bereits mit den ersten Auflagen eine sehr große Aufmerksamkeit. Die letzte Auflage erschien 1947 in Utrecht. Nakatenus war übrigens ein guter Freund des Friedrich Spee von Langenfeld, der bekanntermaßen ein Gegner von Hexenprozessen gewesen ist. Vorstellbar ist, dass Frau Pinkernell alle drei Bücher besessen hat und sie schließlich mit ihrem übrigen Hab und Gut den Jesuiten überließ.
Titelblatt der Philothea, Ausgabe von 1751. Sammlung Florian Ahlhorn, Münster
Titelblatt des „Himmlisch Palm-Gärtlein“, Ausgabe von 1737
Eine digitalisierte Ausgabe von 1664 findet sich in der Bayerischen StaatsBibliothek unter dem Link https://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb11291439_00001.html
Neun Jahre nach der Veröffentlichung des Schmähgedichtes über die Jungfrau Pinkernell im Wochenblatt für den Kreis Recklinghausen hat sich in der gleichen Zeitung ein weiterer unbenannter Autor mit dem Thema beschäftigt. Ihm war es ganz offensichtlich daran gelegen, die Vorgänge um Frau Pinkernell und ihre Stiftung in ein positiveres Licht zu rücken. Dass selbst vierzig Jahre nach dem Tod des letzten Jesuiten und 138 Jahre nach Maria Theresias Ableben in Recklinghausen immer noch kontrovers über diese Frau und ihre Hinterlassenschaft geredet wurde, lässt zum einen auf ihre anhaltende Bedeutung und zum anderen auf differierende Weltbilder der Einwohner der Stadt schließen.
Doch lassen wir den Verfasser des Textes mit seinen eigenen Worten aus dem Wochenblatt, Ausgabe 26 vom 27. Juni 184073 sprechen.
2. Ehemalige vestische Jesuiten-Mission.
Im Jahre 1692 stiftete die ehrwürdige und andächtige *) Jungfer Maria Theresia Pinkernell aus Recklinghausen hierselbst die vestische Jesuiten=Mission. In der eigenhändigen Schenkungsurkunde sagt die Stifterin: Sie habe mehrmal die göttliche Güte angerufen, wie sie ihr von Gott reichlich verliehenes Vermögen zu ihrem und des Nächsten Seelenheil anwenden möchte, und es sei ihr nichts Besseres eingefallen, als daß sie ihr Vermögen den Vätern der Gesellschaft Jesu des unteren Rheins gebe. „Und das zwar sonderlich zur Unterhaltung und Verpflegung hiesigen Orts=Missionarii oder anderen geistlichen Arbeitern aus der Gesellschaft Jesu, die, welche vor Andern des Seelenheils sich so nützlich bearbeiten.“ Also solle für‘s erste der Pater Missionar Heinrich Schumacher aus jener Gesellschaft - auf Annaberg ihr Haus auf der Kammstraße mit ihren Gütern besitzen. Die Gutheißung der Stiftung von erzbischöflicher Seite geschah das Jahr darnach. Darin wird diese als Mission für‘s Vest und die angrenzenden Oerter besonders gelobt; dieselbe mit besondern Fakultäten im Beichtstuhl versehen und den Geistlichen und Laien bestens empfohlen; erstern zur gütigen Aufnahme zum Beichtsitzen, Predigen, Christlichelehrhalten und zur Erweckung in der Frömmigkeit.
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*) Gerade so redet von ihr der Notar, der ihr Testament beglaubigte und sie von Person kannte, und aus ihrem Werke schließt, gerade so über sie der geschätzte Mann, der nach dem Tode des Herrn Molle, dessen Heberegister überschrieb.
Der Zweck ist für die Zeit erfüllt. 1752 wurde der hiesige Missionar Fried. Dyckhoff in das Verzeichnis der Kaland=Bruderschaft getragen mit dem Beisatz: Ein höchst verdienter Mann. Den letzten Missionar Pater Heinrich Molle aus der Rheingegend haben wir selbst noch gekannt. Er hielt an 10 Sonntagen die Xaverianische Andacht mit Predigt, saß fleißig Beicht, unterrichtete die Kinder in der Religion, versah Kranke, war alle Morgen in der Fastenzeit in der Frühmesse der Vorbeter: ein guter geistlicher Vater zur Erweckung in der Gottseligkeit zu Recklinghausen, im Veste und in den benachbarten Orten.
Herr Molle bemerkt auf der 40sten und letzten Seite des Heberegisters seiner sehr mäßigen Einnahme: Der Herr Pastor Arns aus Hochlar bei Recklinghausen hat zu Herten 2 Vicarien gestiftet und den Besitzern aufgelegt, dem Missionar zu Recklinghausen jährlich 15 Rthlr. klev. zu zahlen, wenn derselbe dafür 30mal Sonntags im Sommer auf Arns Hof für die Kinder der Schule zu Hochlar christliche Lehre halte und in der Fasten dieselben zur h. Communion unterrichte. Dies habe die geistliche Obrigkeit genehmigt. — Die Erfüllung dieser Stiftung war sein außerordentliches Werk.
