Die Töchter Roms: Feuer und Eisen - Debra May Macleod - E-Book

Die Töchter Roms: Feuer und Eisen E-Book

Debra May Macleod

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Beschreibung

Der letzte Teil der Trilogie um die oberste Vestalin Maxima Pomponia, Priesterin im alten Rom. Ein Highlight für alle Fans spannender historischer Stoffe, bei denen mächtige Frauen im Vordergrund stehen – für die Leser:innen von Bernard Cornwell, Simon Scarrow und Rebecca Gablé.  Rom, im Jahre 18 v. Chr.: Das Römische Reich ist eine Welt der Intrigen und des Machtmissbrauchs. Livia, die Gemahlin Caesar Augustus', konspiriert mit dem römischen Bürger Soren, um den Kaiser ermorden zu lassen – denn sie befürchtet, dass Caesar ihren Sohn Tiberius enterben könnte. Doch die Hohepriesterin des Vestalinnenordens, Maxima Pomponia, erfährt von dem Plan und lässt das Attentat durch ihre Leibwächter vereiteln. Gegen Soren aussagen kann Pomponia aber nicht. Mit ihm verbindet sie eine Fehde, und er verfügt über Wissen, über das niemand sonst Kenntnis erlangen darf … Kann Pomponia sich in dieser Welt behaupten, ohne sich selbst die Hände zu beschmutzen?

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Seitenzahl: 528

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Debra May Macleod

Die Töchter Roms: Feuer und Eisen

Historischer Roman

 

 

Aus dem Englischen von Barbara Ostrop

 

Über dieses Buch

«Geschichte ist die Lehrmeisterin des Lebens.»CICERO

 

Vestalis Maxima Pomponia hat den Orden der Vestalinnen durch den Zusammenbruch der römischen Republik und den Aufstieg des Imperiums geführt. Dank ihr genießt der Orden beispielloses Ansehen, und Pomponias Freundschaft mit Caesar Augustus beschert ihr Privilegien und Einfluss. Sie wird verehrt und ist unantastbar.

Doch die Sicherheit ist eine Illusion. Ein alter Feind hegt seinen Groll gegen Pomponia und bedroht nicht nur die Vestalin, sondern alle, die ihr am Herzen liegen – einschließlich Caesar Augustus selbst.

Wenn Pomponia ihr Leben, ihren Status, den Orden der Vestalinnen und ihre Mitmenschen schützen will, muss sie alles opfern. Sogar ihre eigene Moral. Sie muss noch skrupelloser werden als ihre Widersacher. Für Roms Helden – und seine Feinde – ist die Zeit der Abrechnung gekommen.

 

Das packende Finale der Vestalinnen-Trilogie von Debra May Macleod.

Vita

Debra May Macleod ist eine Koryphäe auf dem Forschungsgebiet zur Tradition der Vestalinnen. Sie ist Autorin von historischen Romanen sowie Sachbüchern über die antike römische Religion der Göttin Vesta, wird als Expertin von Zeitungen, Radio und Fernsehen befragt, nimmt an Forschungsexkursionen teil und erhält so Zutritt zu sonst nicht zugänglichen historischen Orten. Sie ist studierte Juristin und hat einen Bachelor of Arts in Englisch sowie Altphilologie. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Kanada.

 

Die Autorin und Diplomübersetzerin Barbara Ostrop arbeitet seit 1993 als literarische Übersetzerin aus dem Englischen, Französischen und Niederländischen und zählt Frauenromane, Spannung, historische und Jugendromane sowie Fantasy zu ihren Schwerpunkten. Inzwischen hat sie über hundert Bücher ins Deutsche übertragen und so u. a. einige Romane von Simon Scarrow über das antike Rom für deutschsprachige Leserinnen und Leser zugänglich gemacht.

Impressum

Die Originalausgabe erschien 2022 unter dem Titel «Empire of Iron» bei Blackstone Publishing, Ashland.

 

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Mai 2022

Copyright © 2022 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg

«Empire of Iron» Copyright © 2020 by Debra May Macleod

Redaktion Nadia Al-Kureischi

Grafik Forum Romanum Peter Palm, Berlin

Covergestaltung HAUPTMANN & KOMPANIE Werbeagentur, Zürich

Coverabbildung Stephen Mulcahey/Arcangel

ISBN 978-3-644-01186-1

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

 

Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.

Hinweise des Verlags

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Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.

 

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www.rowohlt.de

Dramatis Personae

Aelina – Witwe des Mettius.

Agrippa (Marcus Vipsanius Agrippa) – General und Freund Octavians.

Agrippina – Tochter Julias und Agrippas.

Anchises – Sklave, berühmter Sänger und Lebensgefährte des Thracius.

Ankhu – Ägyptischer freigelassener Sklave, ehemaliger Botensklave des Quintus.

Bassus – Ehemaliger Besitzer des Anchises und des Thracius in Capua.

Brennus – Gallischer Kriegsfürst, dessen Armee in Rom einfiel.

Brutus – Senator und Mörder Julius Caesars.

Caecilia Scantia – Vestalin.

Caepio – Römischer Senator.

Caesar – Herrschername Octavians.

Caesarion – Sohn von Kleopatra und Julius Caesar.

Caeso – Leibwächter der Vestalis Maxima Pomponia.

Calidia – Tacitas Tochter mit Pomponius, Pomponias Nichte. Gilt anfangs als Tochter Sorens.

Cassandra – Sklavin, Lebensgefährtin des Scorpus.

Cassius – Senator und Mörder Julius Caesars.

Cicero (Marcus Tullius Cicero) – Römischer Redner und Politiker.

Cossinia – Eine Vestalin.

Dacia – Bettsklavin Sorens.

Despina – Oberste Sklavin im Haus Octavians und Livias.

Fabiana – Ehemalige Vestalis Maxima/Oberpriesterin des Vestalinnenordens.

Gallus – Ein Magistrat. Kunde Tacitas in der Domus Tauri.

Gaius – Leibwächter Quintinas.

Gibbosus (Gaius Gibbosus) – Ein Leibwächter Sorens.

Herodes – Jüdischer Klientelkönig Roms.

Julia Caesaris filia – Tochter Octavians.

Julius Caesar (Gaius Julius Caesar) – Römischer General und Diktator.

Kleopatra VII. Philopator – Königin Ägyptens.

Laelius – Der Flamen Martialis oder Oberpriester des Mars.

Lauressa – Eine Novizin des Vestalinnenordens.

Lepidus – Ehemaliger Pontifex Maximus/oberster Priester Roms.

Livia Drusilla – Ehefrau Octavians und Kaiserin Roms.

Lucasta – Vestalin.

Lucius Albinius – Römischer Adliger im Prolog.

Lucius Sergius – Römischer Adliger im Prolog.

Lucretia Manlia – Vestalin.

Maecenas (Gaius Maecenas) – Enger politischer Berater Octavians.

Mallonia – Witwe des verstorbenen Senators Pavo, Bruder Sorens.

Manius – Ein in Capua wohnhafter, wohlhabender Römer.

Marcus Antonius – Römischer General.

Marcella – Vestalin.

Marcus – Leibwächter Quintinas.

Marcus Furius Camillus – Legendärer römischer General.

Medousa – Griechische Sklavin, ehemals im Besitz der Vestalin Pomponia.

Mettius – Ehemaliger Besitzer von Scorpus dem Titan. Freund Sorens in Capua.

Mundus – Tor zur Unterwelt. Hier treffen Ober- und Unterwelt aufeinander.

Murena – Römischer Senator.

Musa – (Antonius Musa). Octavians griechischer Arzt.

Nona Fonteia – Vestalin.

Octavian – Großneffe und Adoptivsohn Julius Caesars. Roms erster Kaiser, Augustus.

Octavia – Schwester Octavians.

Ovid – Berühmter römischer Dichter, u.a. der Metamorphosen.

Perseus – Fabianas Hund (benannt nach dem Helden, der Medusa erschlug).

Pasiphae – Bordellbesitzerin, nannte sich nach der Ehefrau von König Minos, die sich in Poseidons Stier verliebt hatte und mit ihm den Minotaurus zeugte.

Philo – Kassierer in der Domus Tauri.

Pomponia Occia – Vestalis Maxima/Oberpriesterin des Vestalinnenordens.

Pomponia – Ehemals Calidia, Nichte der obersten Vestalin.

Pomponius – Bruder der Vestalis Maxima Pomponia.

Publius – Leibwächter der Vestalis Maxima Pomponia.

Quintina Vedia – Vestalin, ältere Tochter von Quintus und Valeria.

Quintus Vedius Tacitus – Verstorbener Priester des Mars und Soldat Caesars.

Sabina – Vestalin.

Scorpus der Titan – Sklave, berühmter Wagenlenker.

Scribonia – Ehemalige Ehefrau Octavians, Mutter Julias.

Senator Fabius – Senator im Prolog.

Sempronius – Wohlhabender Römer, einer von Julias Liebhabern.

Septimus – Junger Priester des Mars.

Sepullius Macer – Magistrat und Münzmeister.

Sextus – Ein getöteter Botensklave Pomponias.

Soren Calidius Pavo – Römischer Bürger, Vetter der Vestalin Tuccia.

Spartacus – Sklave und Anführer eines Sklavenaufstands.

Tacita Vedia – Jüngere Tochter von Quintus und Valeria.

Taurus – Senator und reicher Förderer des Amphitheaters.

Terentia – Ehefrau des Maecenas.

Thracius – Sklave, berühmter Boxer und Lebensgefährte des Anchises.

Tiberius Claudius Nero – Sohn der Livia Drusilla mit ihrem ersten Ehemann desselben Namens.

Tuccia – Vestalin.

Valeria – Verstorbene Ehefrau von Quintus Vedius Tacitus.

Vergil – Berühmter römischer Dichter.

Prolog

Die Vestalin Tacita im Kampf mit dem Gallier

Rom, 390 v. Chr.

Langsam ließ sich die junge Vestalin Tacita am Rande des Lacus Curtius – der unheimlichen, zwischen dem Vestatempel und dem Senat gelegenen tiefen Grube im Forum Romanum – auf die Knie sinken. Als sie in die schwarze Tiefe spähte, streifte der weiße Schleier ihre Wange. Rasch legte sie ihn ab und ließ ihn neben sich auf den Boden fallen.

Sie blickte auf das zusammengerollte Bleiblech der Fluchtafel in ihrer Hand, küsste das kühle Metall und schob es durch das Eisengitter, das die Grube bedeckte. Dann lauschte sie, irgendwann tönte von weit unten ein leises Platschen herauf.

Die Priesterin legte die Hände auf das Gitter und beugte sich vor, bis sie es mit der Nase berührte. Der Blick nach unten zeigte ihr nichts als Schwärze, doch bald fühlte sie, wie die kalte, feuchte Luft der Grube heraufkroch und sich schwer auf ihr Gesicht legte.

«Götter der Unterwelt», sagte sie, bemüht um Gelassenheit in ihrer Stimme. «Ich bin Tacita, eine unbefleckte Priesterin der Vesta. Ich flehe euch an, unsere Feinde zu verfluchen. Ich flehe dich an, Pluto mit dem schwarzen Herzen, du Bruder Vestas, sie zu vernichten, die …»

Ein durchdringender Schrei. Lautes Krachen. Tacita sprang auf und blickte zum Kapitolinischen Hügel vor ihr auf. Selbst im gedämpften Licht des frühen Morgens erkannte sie die wilden Gestalten der gallischen Angreifer, die den Jupitertempel umzingelten, sich einen Weg durch die aufgelösten Reihen der römischen Soldaten bahnten und mit ihren Schwertgriffen gegen die bronzenen Türflügel hämmerten. Tacitas Herz pochte heftig, ob vor Angst oder vor Zorn, konnte sie nicht sagen.

Wieder ertönte ein Ruf, dieses Mal näher.

«Priesterin Tacita!»

Die Vestalin sah, wie rechts jemand über die Via Sacra auf sie zurannte. Sie stand auf und eilte ihm entgegen. «Senator Fabius», rief sie. «Du solltest in deiner befestigten Villa sein.»

«Dafür ist es zu spät, Priesterin.» Ohne das Protokoll zu beachten – entweder weil er es vergaß oder sich nicht darum scherte –, ergriff er die junge Priesterin beim Ellbogen. «Warum bist du nicht mit den heiligen Objekten aus Rom geflohen? Der Flamme der Vesta, dem Palladium …»

«Sie befinden sich in Sicherheit, Senator», antwortete sie. «Lucius Albinius und seine Söhne haben das Palladium, die Testamente und so viele Schriftrollen, wie wir zusammenpacken konnten, zum Anwesen des flamen gebracht und im Weinberg vergraben.»

Der alte Senator blickte an der Vestalin vorbei auf den Rundtempel der Vesta. Aus der Öffnung im Kuppeldach stiegen nur noch einige dünne Rauchfäden auf. Es war, als schaute man auf die letzten Atemzüge der Göttin selbst.

«Wo sind die anderen Priesterinnen?», fragte er.

«Sie sind mit Albinius zusammen geflohen. Er bringt sie und die heilige Glut nach Caere zum dortigen Heiligtum der Vesta. Die Flamme wird nicht verlöschen.»

«Nein», antwortete der Senator. «Aber wir.» Er küsste die Vestalin auf die Wange und nahm ihr Gesicht zwischen die Hände. Sie zitterten. In seinen Augen standen Tränen. «Ich erinnere mich, wie du als Kind versucht hast, die Eidechsen zu fangen, die an den Seiten der rostra emporgeklettert sind.»

Ein lang gezogener, lauter Entsetzensschrei veranlasste den Senator, sich nach dem Kapitol umzuschauen. Tacita folgte seinem verstörten Blick, und sie beide sahen, wie ein von oben herabgeworfener Frauenkörper den Hügel hinunterrollte. Die blutige Stola fiel ab und entblößte eine noch blutigere Nacktheit.

Senator Fabius legte die Hand an den Griff seines Dolchs. «Liebes Mädchen», sagte er. «Gesteh mir die Ehre zu, dich vor so etwas zu bewahren.»

Sie lächelte ihn traurig an. «Du brauchst keine weitere Ehre, Senator. Ich muss meine Pflicht gegenüber der Göttin erfüllen.»

Sie hielten sich einen langen Moment bei den Händen, der alte römische Senator und die junge Priesterin der Vesta. Tacita wollte ihn nicht loslassen. Sie wollte den Blick nicht von seinem lösen. Er war stark. Vertraut. Er stand für das Leben und die Welt, wie sie sie kannte.

Doch noch während sie seinen Blick festhielt, war ihr klar, dass diese Welt um sie her eingerissen wurde, zerstört von Barbaren, die nicht einmal im Traum fähig gewesen wären, etwas Vergleichbares selbst zu schaffen.

Das Geschrei auf der Kuppe des Kapitols wurde lauter und ließ sich nun wirklich nicht mehr überhören. Die Gallier hatten die Tür des Jupitertempels noch nicht aufgebrochen, aber inzwischen war ihre Zahl eindeutig größer als die der römischen Soldaten und Bürger, die sie verteidigten.

Hinter dem Senator sprang der Vestalin eine Bewegung ins Auge: Seine Kollegen kamen aus dem Senat. Langsam und trotzig stellten sie sich in einer langen Reihe vor dem Senatsgebäude auf.

Gleich darauf stürmte eine Horde Gallier mit gezogenen Schwertern und Wahnsinn im Blick hinter dem Senatsgebäude hervor. Die Barbaren bauten sich vor den Politikern auf wie Tiere, die die Kraft ihrer Beute einschätzen, bevor sie sich auf sie stürzen und sie zerreißen.

«Vesta Mater viam tuam luminabit», sagte Tacita zu dem Senator. Mutter Vesta wird deinen Weg erleuchten. Er drückte ihre Hände und wandte sich dann ab.

Tacita beobachtete, wie er zum Senatsgebäude zurückkehrte, um sich seinen Kollegen anzuschließen, die von allen Seiten von Galliern umzingelt wurden.

Rückwärtsgehend zog sie sich zum Tempel der Vesta zurück, während die Gallier nun aus allen Richtungen zum Forum strömten, mal in dieses, mal in jenes Gebäude rannten, die Leute hinausjagten und sie dann heulend verfolgten.

Ein besonders abscheulicher Gallier mit langem Schnauzbart, verlottertem Bärenfellmantel und einem lächerlichen Spitzhelm stach mit der Schwertspitze nach Senator Fabius. Als der Senator nicht reagierte, stieß der Gallier kräftiger zu, und ein roter Strom lief an Fabius’ Brust hinunter. Der Gallier wandte sich um und sah seine Gefährten an. Sie wussten nicht, was sie von diesen Männern halten sollten, die sich weigerten, sich wie Besiegte zu verhalten, obgleich sie wussten, dass sie besiegt waren.

Der Gallier hob sein Schwert, und da Tacita nicht verfolgen wollte, wie dem Senator der Kopf abgeschlagen wurde, raffte sie ihre Tunika zusammen, drehte sich um und rannte, so schnell sie konnte, über das Kopfsteinpflaster zum Tempel zurück. Hinter sich hörte sie das Brausen auflodernder Flammen, denn nun begannen die Barbaren damit, Rom in Brand zu stecken.

Als sie an der großen Versammlungshalle vorbeirannte, sah sie den jungen Adligen Lucius Sergius und seine Frau, die sich unter einem der Bögen der Säulenarkade umarmten. Die Stola der Mutter umklammernd, stand ihr kleiner Sohn zwischen ihnen, während immer dichtere Rauchwolken die Arkade ausfüllten. Tacita wusste, dass unmittelbar hinter dem Rauch die orangeroten Flammen züngelten. Mit Feuer kannte Tacita sich aus.

Während sie an ihnen vorbeilief, behielt sie Lucius im Auge. Ganz unvermittelt – es geschah so rasch, dass sie es kaum erfassen konnte – trat er zurück und schlitzte seinem Sohn mit der Klinge seines Dolchs die Kehle auf. Er packte das Kind an der Tunika und legte es sanft auf den Boden. Und dann, als gehörte es noch zu derselben Bewegung, stieß er seiner Frau den Dolch in die Brust. Sie umklammerte seine Schultern und glitt an seinem Körper herab.

Kaum hatte Lucius den Leichnam seiner Frau auf den Boden gelegt, stürmte eine Handvoll Gallier aus den Tiefen der Arkade auf ihn zu, barst aus dem schwarzen Rauch heraus wie die albtraumhafte Glut eines Feuers. Lucius trat zwei Schritte zurück und zog sein Schwert aus der Scheide.

Tacita ließ den Ort hinter sich, bevor sie sehen konnte, was weiter geschah; doch einer der Gallier hatte sie bereits entdeckt. Er riss sich aus der Gruppe seiner Gefährten los und stürmte hinter ihr her.

Sie rannte die Stufen des Rundtempels der Vesta hinauf, riss die Tür auf, fiel zu Boden, rollte ein Stück und krabbelte dann zum Herd, wo der letzte Rest Glut des heiligen Feuers brannte.

Da das Feuer fast erloschen und die Sonne gerade erst aufgegangen war, herrschte im Allerheiligsten des Tempels eine ungewöhnliche Kälte, und die Vestalin fröstelte in ihrer kurzärmligen Tunika. Sie hielt sich am Marmorsockel der Feuerstelle fest und zog sich hoch. Trotz ihrer Angst und Panik fiel ihr plötzlich etwas auf: Nie zuvor war sie allein im Tempel gewesen, sondern immer in Begleitung von zumindest einer weiteren Vestalin, die sich die Wache mit ihr teilte, und vielleicht auch noch von ein oder zwei Novizinnen.

Die Tür des Tempels schwang auf. Die massige Gestalt des Galliers verdeckte das Licht. Er trug denselben spitzen, glanzlosen Helm wie die anderen Barbaren, darunter lugte langes, rötliches Haar heraus. Statt mit einem Schwert oder Speer war er mit einer Axt bewaffnet. Sie troff von Blut. An der geschwungenen Klinge klebten Fleischfetzen und Haarbüschel.

Tacita rief sich in Erinnerung, wie die Senatoren die Stellung gehalten hatten, richtete sich auf und straffte ihren Körper. Der Gallier betrat den geheiligten Boden von Vestas Tempel und schloss die Tür mit einem Tritt, sodass nur noch ein wenig Licht durch die Öffnung in der Tempelkuppel hereinsickerte.

Der Barbar musterte Tacita von Kopf bis Fuß und ließ die Axt zu Boden fallen. Dann öffnete er die Lippen zu etwas, was Tacita als selbstzufriedenes Lächeln deutete. Seine wenigen verbliebenen Zähne waren schwarz und faulig. Er trat näher, leckte sich die Lippen und löste die Schließe seines Gürtels.

Tacita lächelte ebenso überheblich zurück. «Du stinkendes, gottloses Schwein», sagte sie. «Eher würde ich mich auf Priapus aufspießen, als zuzulassen, dass du mich anfasst.»

Als der Gallier über die unverständlichen lateinischen Worte des Mädchens lachte, packte Tacita eine Handvoll heiße Asche von der Feuerstelle und warf sie ihm in die Augen. Er lachte nun laut auf und fuhr sich mit den Händen ins Gesicht, um sich die Asche aus den Augen zu wischen: Zusammen mit seinen Stammesgenossen hatte er die Tore Roms durchbrochen und Hunderte von Bewaffneten niedergemetzelt. Das bisschen Asche war ein Witz.

Weniger witzig war die plötzliche Erkenntnis, dass das Mädchen ihm mit etwas Hartem gegen die Schläfe schlug … mit etwas Scharfem … Er blinzelte.

Tacita schwang das Schüreisen erneut, diesmal kräftiger, und traf den Schädel an derselben Stelle. Der Gallier schüttelte den Kopf. Sie holte erneut aus.

Er brach auf den Knien zusammen. Und wieder hob sie das Schüreisen über den Kopf und ließ es niedersausen, wieder und wieder. Sie hielt erst inne, als der Barbar bäuchlings zusammengesackt war und sich das, was eigentlich in seinen Kopf gehörte, in einen dickflüssigen Tümpel von Rot, Weiß und Grau über den Boden ergoss.

Vor Anstrengung keuchend, hielt Tacita den Schürhaken umklammert und schaute auf den toten Gallier hinunter. Im Allerheiligsten des Tempels war es unheimlich still. Es fehlten die vertrauten Stimmen ihrer Schwestervestalinnen und das tröstliche Knistern von Vestas Feuer. Bei dem Gedanken, dass sie all das nie wieder hören würde, schnürte es ihr die Kehle zusammen.

Von außen kam das Kampfgeschrei der Barbarenkrieger näher – kühner und wilder.

Sie hörte die schrillen Schreie von Frauen, die nach ihren Männern und ihren Kindern riefen, und die Rufe der römischen Männer, die in dem Chaos ihre Familie suchten und sich im Verein mit anderen römischen Männern, so gut sie konnten, einem letzten, verzweifelten Gefecht stellten.

Sie hörte das Brüllen des immer heftiger lodernden Brandes, der die nächstgelegene basilica verzehrte und die grässliche Kulisse zu der Horde ausschwärmender Feinde bildete, die mit schweren Schritten und knisternden Fackeln nahten. Und dann hörte sie laute Stimmen auf den Stufen des Tempels. Die Stimmen von Fremden. Männerstimmen.

Als die Tempeltür sich erneut vor dem Feind öffnete, schob Tacita die Hand unter die letzte Glut des Herdfeuers und zog den Dolch hervor, der darunter versteckt lag. Die Asche wirbelte um sie herum auf und rieselte zu Boden, herumfliegende graue Flocken hefteten sich an ihre weiße Tunika.

«Vesta, permitte hanc actionem», flüsterte sie, und ohne auf die Hitze zu achten, die ihre Haut versengte, zerquetschte sie die letzten Glutstücke mit der Hand, um das Feuer zu löschen. «Meam viam illumina.»

Tacita setzte die Spitze des Dolchs unterhalb ihrer linken Brust an – wie man es sie gelehrt hatte, um ihre Reinheit zu beschützen –, stieß die Klinge tief in ihren Leib, zog sie nach oben und spürte, wie Hitze und Schmerz durch ihre Brust schossen. Sie keuchte, doch in ihre Lunge drang keine Luft.

Sie fiel neben dem Gallier auf den Rücken, blickte nach oben und sah durch die Öffnung im Tempeldach, dass die letzte orangerote Färbung des Sonnenaufgangs einem klaren, blauen Himmel wich, bevor er eigenartigerweise schwarz wurde.

Kapitel I

Nemo in amore videt.

«Niemand sieht, wenn er liebt.»

PROPERTIUS

Rom, 18 v. Chr.
(372 Jahre später)

Tacita wachte auf einer Liege im triclinium auf. An dem in das Plärren eingestreuten Keuchen und Japsen erkannte sie, dass ihre Tochter Calidia schon eine ganze Weile weinte. Sie setzte sich auf. Eine der Haussklavinnen stand vor ihr, eine hellhäutige Frau mit kantigem Gesicht und Pferdegebiss. Sie starrte Tacita aus viel zu großer Nähe an.

«Hörst du Calidia nicht weinen?», fragte sie die Sklavin aufgebracht. «Warum kümmerst du dich nicht um sie?»

«Dominus Soren hat es mir verboten.»

Tacita rieb sich die Augen.

«Vorhin ist eine Botschaft für dich eingetroffen, Domina. Vom Haus der Vestalinnen.» Die Sklavin deutete auf eine Schriftrolle, die auf einem mit schönen Schnitzereien verzierten Wandbord auf der anderen Seite des Speisesaals lag.

«Lass mich allein», sagte Tacita.

Als die Sklavin gegangen war, reckte und streckte Tacita sich, um ihr steifes Rückgrat und die verkrampften Beine nach dem langen Schlaf wieder beweglich zu machen. Als sie aufstand, schwankte sie kurz. Dann durchquerte sie den Raum, nahm die Schriftrolle in die Hand und betrachtete sie genauer. Quintinas Vestalinnensiegel war nicht erbrochen. Das bedeutete, dass Soren die Rolle noch nicht gesehen hatte.

Tacita strich mit dem Daumen über das ausgehärtete Wachssiegel. Sollte sie es erbrechen und die Botschaft lesen, bevor Soren die Rolle an sich nahm? Schnell verwarf sie den Gedanken wieder. Die Haussklaven und -sklavinnen spionierten ihr nach, darunter auch diejenige mit dem kantigen Gesicht, die sich stets darum bemühte, Sorens Aufmerksamkeit zu erlangen. Tacita legte die Schriftrolle auf das Bord zurück und begab sich in Calidias Babyzimmer.

Sorens Schnarchen hallte von den Wänden wider, und sie verharrte vor der Tür des Schlafzimmers. Sein Nachmittagsschlaf fiel in letzter Zeit zunehmend länger aus. Das war im Grunde ganz gut so. Danach war seine Laune besser. Sie spähte ins Zimmer: Lang ausgestreckt lag er nackt auf dem Bett, ein Sklave fächelte ihm mit einem großen flabellum aus Federn Luft zu.

Sie stellte sich vor, sie würde zum Bett treten, ihr Kleid abstreifen, das Haar über den Schultern ausbreiten und sich dann rittlings auf Soren setzen, bevor er richtig wach war. Inzwischen war es so am einfachsten. In diesem halbwachen Zustand war er am empfänglichsten für sie, und sie konnte ihn haben, bevor er sich eine Sklavin schnappte.

Soren drehte sich mit einem Stöhnen auf die Seite, und in Tacitas Bauch flatterten Schmetterlinge des Begehrens. Es war dasselbe Gefühl wie damals, als sie ihn im Amphitheater zum ersten Mal gesehen hatte. Sein rebellierender Wagenlenker Scorpus hatte gerade ein großes Rennen verloren.

Noch immer sah sie den Zorn in Sorens Gesicht vor sich. Die Macht. In diesem Moment hatte sie gewusst, dass sie diesen Mann haben musste, und danach hatte sie jeden gesellschaftlichen Anlass in Rom dazu genutzt, sich so zu verhalten, dass er auf sie aufmerksam wurde. Mit welchem Mann auch immer sie zusammen gewesen war, von Septimus, dem Angebeteten ihrer Schwester, bis zu Caesar selbst, sie hatte jeden nur benutzt, um Soren eifersüchtig zu machen.

Am Ende hatte sie mehr erreicht, als ihn nur eifersüchtig zu machen. Sie hatte dafür gesorgt, dass er sie brauchte – nun ja, sie und das Baby. Vor allem das Baby. Aber jedenfalls trug sie seinen Ehering und teilte sein Bett. Seine politischen Schachzüge und Fehden interessierten sie nicht.

Als Calidias Wimmern zu lautem Geschrei anschwoll, wandte Tacita den Blick von Soren ab und ging rasch ins Kinderzimmer. Sie schaute in die Babywiege und sah, dass Calidia den Arm ihrer Holzpuppe umklammert hielt. Die hatte das Kind beim letzten Besuch im Haus der Vestalinnen von Cossinia geschenkt bekommen.

«Mit deinem Geschrei könntest du Hypnos wecken», sagte Tacita, als sie den Säugling in Decken gewickelt auf den Arm nahm und den Träger ihres Kleids herunterstreifte, um ihre Brust freizulegen. Calidia begann zu saugen, während Tacita eine winzige Träne von ihrer glatten Wange wischte.

Ein Geräusch erregte ihre Aufmerksamkeit, und als sie den Kopf wendete, sah sie Soren nackt in der Tür stehen. Plötzlich fühlte sie sich befangen und hätte ihn am liebsten ein weiteres Mal um eine Amme für das Kind gebeten, doch sie kannte seine Antwort bereits. Nein.

Soren trat näher, bis seine nackte Brust fast die ihre berührte. Kichernd strich Tacita mit den Fingerspitzen darüber. «Du bist der einzige Vater der Welt, der im Schlaf das Weinen seines Kindes überhört und aufwacht, wenn es still ist.»

Er trat weg, ohne zu antworten, doch Tacita wusste, was er dachte. Ich bin nicht ihr Vater. Er verließ das Kinderzimmer und verschwand durch den von Säulen gesäumten Flur.

Kein Problem, dachte Tacita. Du wirst bald lernen, das Baby so zu lieben, wie du mich liebst.

Soren seinerseits wusste nicht, was Tacita dachte. Das lag nicht daran, dass ihre Gedankengänge so komplex oder undurchdringlich waren – er bezweifelte, dass sie zu ernsthaftem Nachdenken überhaupt fähig war –, sondern daran, dass es ihm vollkommen gleichgültig war, was ihr durch den Kopf ging.

Er kehrte ins Schlafzimmer zurück, wo ein junger Sklave ihm die Tunika und den Gürtel aus dem Schrank holte. Soren musterte den Jungen: Zwar hatte er früher immer Frauen vorgezogen, doch die Befriedigung, die er mit dem Sklaven Anchises erlebt hatte, hatte er nicht vergessen. In letzter Zeit hatten seine männlichen Sklaven beinahe ebenso viel Grund, ihm aus dem Weg zu gehen, wie seine Sklavinnen.

Der junge Sklave hatte jedoch einen Plan, wie er sich Soren entziehen konnte. «Domine», sagte er, «es ist eine Botschaft aus dem Haus der Vestalinnen eingetroffen. Sie liegt auf dem Wandbord im triclinium.»

Grinsend ließ Soren sich ankleiden und ging dann rasch ins triclinium, gefolgt von dem Jungen, der ein Paar Sandalen trug.

Beim Wandbord angekommen, griff Soren nach der Schriftrolle und sackte enttäuscht ein wenig zusammen. Sie stammte von der Priesterin Quintina, nicht von der Oberpriesterin Pomponia.

Pomponia schrieb ihm nicht oft, reagierte aber mit knappen Antworten auf die Briefe, die er ihr schickte und in denen er sich nach hinterlassenem Besitz seiner Cousine, der Vestalin Tuccia, erkundigte. Auch einige Steuerfragen waren nach dem Verkauf von Anchises und Thracius an die Vestalinnen noch offen. Keiner der Briefe war notwendig, sie wussten es beide, aber es machte ihm Spaß, sie zu schreiben, und noch mehr gefiel es ihm, dass die Oberpriesterin zu einer Antwort gezwungen war.

Die Schriftrolle in seiner Hand war als privat gekennzeichnet und an Tacita gerichtet. Sie wurde vom roten Wachssiegel der Vestalin Quintina zusammengehalten, das ein Bild des Vestatempels zeigte, auf dem der römische Adler saß und unter dem die abgekürzte Inschrift S SAC Quintina prangte – für Sancta Sacerdos oder heilige Priesterin Quintina.

Er erbrach das Siegel, entrollte den Papyrusbogen und las, während der Sklave sich daran zu schaffen machte, seinem Herrn die Sandalen anzuziehen.

Liebe Schwester,

die Kaiserin hat unsere Dachterrasse vor Kurzem mit einem wunderbaren Schutzdach ausgestattet. Fürs Mittagessen gibt es in ganz Rom keinen besseren Ort. Ich hoffe, du kommst morgen vorbei und bringst meine Nichte Calidia mit. Seit beinahe zwei Wochen habe ich keine von euch beiden gesehen und vermisse euch schrecklich.

Bitte lass mich wissen, ob du in deinem Privatleben Beistand brauchst, Schwester. Es gibt wenig, was nicht in meiner Macht stünde, solltest du mich in irgendeiner Angelegenheit offiziell um Hilfe bitten.

Mit großer Zuneigung

Deine Schwester Quintina

Soren rollte den Brief wieder zusammen. Mit einem ungeduldigen Seufzer wartete er darauf, dass der Junge mit dem Schnüren der zweiten Sandale fertig wurde, und reichte ihm dann die Schriftrolle. «Bring das in meine Schreibstube», sagte er. «Leg es dort zu den anderen.»

«Jawohl, Domine.»

Soren strich ihm mit den Fingern durch das kurz geschorene, dunkle Haar und verzog die Lippen zu einem spöttischen Lächeln. Bitte lass mich wissen, ob du in deinem Privatleben Beistand brauchst, Schwester. Er schnaubte.

Der einzige Mensch, der nicht zu bemerken schien, wie sehr er Tacita verabscheute, war Tacita selbst.

Kapitel II

Alea iacta est.

«Der Würfel ist gefallen.»

JULIUS CAESAR

Ankhu konnte seinen Abscheu genauso wenig verbergen wie seine Überzeugung, dass seine Herrin gerade einen großen Fehler beging. Mit finsterer Miene betrachtete er den Titan, der, nur mit einem Lendentuch bekleidet, vor ihm stand. Zu Füßen des großen Mannes lag ein Berg dreckigen, schwarzen Haars, das Ankhu ihm gerade frisch vom Kopf geschoren hatte.

Scorpus strich sich über die kurzen Stoppeln. «Mit meinen Haaren auf dem Kopf habe ich es geschafft, mich in Rom monatelang zu verstecken», sagte er.

«Wir verlassen Rom.»

«Warum?»

«Weil die Priesterin es so will. Ich bringe dich zu ihrer Villa in Tivoli. Wir reiten jetzt los. Ich soll dafür sorgen, dass du dich dort unauffällig verhältst, bis sie zu einer Entscheidung gelangt, was sie mit dir anstellen soll.»

Ich allerdings weiß, was ich gern mit dir anstellen würde, dachte Ankhu. Dich eine Pferdelänge voranreiten lassen, eine scharfe Klinge nach deinem Hinterkopf werfen und deine Leiche am Rande der Via Tiburtina vergraben.

Ankhu hatte seine Herrin gebeten, ihn so handeln zu lassen. Oder besser gesagt, er hatte sie angefleht. Aber sie hatte abgelehnt. Ankhu hatte sogar versucht, sie im Gedenken an den Römer umzustimmen, den sie einmal geliebt hatte. Derselbe Mann war früher einmal – die Zeit erschien ihm so fern, als wäre es ein anderes Leben gewesen – sein Besitzer gewesen, bevor er Ankhu freigelassen hatte.

«Dominus Quintus hätte das niemals erlaubt, Priesterin», hatte Ankhu gesagt. «Dieser Mann ist ein entlaufener Sklave und dazu noch ein Mörder. Sollte man ihn festnehmen und foltern, könnte er dich in die Sache hineinziehen. Dominus Quintus hätte Scorpus ohne das geringste Zögern getötet.»

Doch die Priesterin hatte nicht auf ihn gehört, und Ankhu konnte plötzlich die Verärgerung nachempfinden, mit der sein ehemaliger Herr so oft auf den Eigensinn der Vestalin reagiert hatte. Aber er würde die Anweisungen der Priesterin befolgen. Er diente ihr schon seit mehr als zehn Jahren und würde tun, was auch immer sie von ihm verlangte. Das wusste sie genauso gut wie er.

«Bald geht die Sonne auf», sagte Ankhu zu Scorpus. «Ich möchte unterwegs sein, bevor allzu viel Verkehr herrscht. Leg deine alte Kleidung dort drüben auf einen Stapel und feg das Haar weg – beim blutigen Osiris, schau sich einer die Läuse an! Aber vorher ziehst du noch das hier an.» Der Ägypter hielt dem Wagenlenker einen langen, weißen Leinenrock hin.

«Wenn ich den anziehe, sehe ich aus wie du», sagte Scorpus.

«So braun wie ich bist du ja schon.»

«Die Sonne hat mich gebräunt, nicht die Götter.»

Ankhu warf Scorpus den Rock an den Kopf. «Dann danke der Sonne, wenn du betest. Deine Götter haben dir nicht viel Gutes getan.» Er warf einen Blick auf Scorpus’ Handgelenk. «Zieh das aus.»

Scorpus nahm die Ledermanschette ab und warf sie auf den Stapel alter Kleidung, der am Boden lag. Mit ihrem Skorpion-Medaillon stellte die Manschette die letzte Verbindung zu seiner früheren Identität dar. Er band sich den Rock um die Hüfte, bückte sich, las die verfilzten Haarzotteln vom makellos sauberen Marmorboden – Pomponius’ Boden – auf und warf sie in einen Korb. Sobald Ankhu ihm den Rücken zukehrte, schnappte er sich die Ledermanschette und steckte sie unter sein Lendentuch. Als er sich wieder aufrichtete, fielen ihm die farbenfrohen Fresken von Vögeln und Bäumen ins Auge, die auf die orangeroten Wände gemalt waren. Es war ein schönes Zuhause und hatte ihm einmal Zuflucht geboten.

«Pomponius hat mich hierhergebracht, als ich aus dem Gefängniswagen entkommen war», erzählte er.

«Unbegreiflich, dass seinen gut situierten Nachbarn der verdammte Titan, der am helllichten Tag den Caelius-Hügel hinaufmarschierte, nicht aufgefallen ist», sagte Ankhu.

«Wir haben uns bis nach Sonnenuntergang hinter einem Fischkarren verborgen gehalten. Und als wir zum Caelius kamen, hat Pomponius mich aufgefordert, mich so selbstgewiss zu bewegen, als gehörte ich dorthin. Keiner hat sich nach mir umgeschaut.»

«Jawohl, was die Leute direkt vor der Nase haben, fällt ihnen als Letztes auf», sagte Ankhu. «Wir verstecken dich auf dieselbe Weise.» Er hielt Scorpus eine Perücke hin. «Du bist mein Vetter. Wir sind freigelassene ägyptische Sklaven der Vestalis Maxima auf dem Weg nach Tivoli, um uns um ihren Weinberg zu kümmern. Du musst dich genauso kleiden wie ich.»

«Du rasierst also erst deinen Kopf und dann meinen, nur damit wir eine Perücke aufsetzen können? Kein Wunder, dass dein Volk von Rom versklavt ist.»

«Du bist der einzige Sklave in diesem Raum», entgegnete Ankhu.

Scorpus setzte sich die Perücke auf. «Sie kratzt.»

«Das ist die Wolle.» Ohne auf das empörte Schnauben des Wagenlenkers zu reagieren, setzte der Ägypter sich ebenfalls eine Perücke auf – eine feinere, aus Menschenhaar gefertigte. Er bückte sich und nahm etwas aus einer Umhängetasche, die an der orangeroten Wand lehnte. «Ich werde deine Augen mit Kajal umranden. Du wirst unterdessen schweigen.»

Als Ankhu fertig war und Scorpus’ Augen mandelförmig umrahmt hatte, wie es bei ägyptischen Männern Sitte war, lächelte er zufrieden. «Jetzt siehst du beinahe zivilisiert aus. Solange du den Mund nicht aufmachst, sollten wir dich mit dieser Verkleidung aus Rom herausschaffen können.»

Sie packten den Rest ihrer Ausrüstung ein, luden sie in Ledertaschen, die über den Rücken ihrer Pferde hingen, und führten die Tiere von Pomponius’ Haus weg in Richtung Porta Tiburtina. Ankhu ging voran, und das Klappern der Pferdehufe hallte durch die frühmorgendliche Stille der menschenleeren Straße.

Sie brauchten weniger als eine Stunde bis zum großen Bogen der Porta Tiburtina, des Tors, durch das sie Rom verlassen würden, um auf dem gut unterhaltenen Kopfsteinpflaster der Via Tiburtina einen Tag lang nach Tivoli zu reiten.

Das Tor war kein richtiges Tor, zumindest war das nicht seine ursprüngliche Funktion. Vielmehr war es der große Bogen eines riesigen Aquädukts, das Kaiser Augustus hatte reparieren und wieder in Gebrauch nehmen lassen. Jetzt diente er gleichzeitig als Teil des Aquädukts und als eine Art Triumphbogen, unter dessen Wölbung städtische Grenzwächter die Reisenden kontrollierten. Wer in Richtung des ländlich gelegenen Städtchens Tivoli aufbrach oder von dort zurückkehrte, musste dieses Tor passieren.

Obgleich die Sonne gerade erst aufging, hatte sich dort bereits eine Schar von Reisenden angesammelt, die zu Fuß, zu Pferd oder in Pferdesänften oder -kutschen unterwegs waren und verschlafen blinzelnd möglichst geduldig darauf warteten, dass die Soldaten und städtischen Beamten sie durchließen.

Scorpus versuchte sich trotz der Angst, die seinen Magen zusammenzog, möglichst gelassen zu geben, als Ankhu ihm die Zügel seines Pferdes übergab. Sollte jemand darauf kommen, wer Scorpus war, würde man ihn auf direktem Wege in den Carcer schleifen. Dem würde zweifellos eine für die Öffentlichkeit sehr unterhaltsame Hinrichtung folgen.

Der Ägypter kramte in einer der vom Pferderücken herabhängenden Taschen und brachte eine Schriftrolle sowie eine sehr edel aussehende Tonamphore mit Wein zum Vorschein. Mit ausgestreckten Armen trat er zu einem der gepanzerten Soldaten. Dieser lächelte, und sie umarmten sich zur Begrüßung.

«Ankhu, alter Ziegenficker, dich hab ich ja schon ewig nicht mehr gesehen.»

Ankhu nickte. «Als ich letztes Mal das Tor passiert habe, warst du nicht da.»

«Ich war krank. Ein fauler Zahn hätte mich beinahe umgebracht. Zwei Leute waren nötig, um ihn zu ziehen, und lass dir sagen, mein Freund, der Tod wäre besser gewesen.» Der Soldat öffnete den Mund und deutete mit der Schwertspitze auf die Stelle, wo der Zahn gesessen hatte. «Siehst du? Diese riesige Lücke? Die Drecksäcke haben zwei falsche Zähne gezogen, bevor sie endlich den faulen erwischt haben. Jetzt habe ich einen Mund wie ein Achtzigjähriger.»

«Das spielt keine Rolle. Ich habe hier etwas für dich, was du nicht zu kauen brauchst», erwiderte Ankhu. Er schwenkte die Amphore mit Wein.

Der Soldat zog die Augenbrauen hoch. «Aus dem Keller deiner Herrin?»

«Natürlich», antwortete Ankhu.

Der Soldat nahm die Amphore, zog den Stopfen heraus und schwenkte die Öffnung unter seiner Nase. «Das riecht gut», sagte er sachkundig. «Ein einzigartiges Aroma.»

«Ein echter Falerner», erklärte Ankhu. «Nicht dieses billige nachgemachte Zeug, das sie auf dem Markt verkaufen. Ich rate zu einem maßvollen Genuss.»

Der Soldat nahm einen Schluck und zog die Augenbrauen noch höher. «Danke, mein Freund», sagte er beeindruckt und fügte dann mehr zu sich selbst hinzu: «Den verstecke ich vor meiner Frau.» Beiläufig schaute er über Ankhus Schulter auf Scorpus. «Wer ist dein Begleiter?»

Die Frage klang eher neugierig als amtlich. Dennoch spürte Scorpus, wie ihm der kalte Schweiß ausbrach. Der Soldat sah ihn direkt an: die Wollperücke, der um die Hüften gewickelte Rock und die ägyptische Schminke. Die Verkleidung kam Scorpus plötzlich unglaublich durchsichtig vor.

Da er nicht wusste, was er sonst hätte tun sollen, neigte er den Kopf ein wenig vor dem Soldaten – aber nur so weit, dass ihm die Perücke nicht herunterrutschte –, hielt Blickkontakt und betete zu Jupiter, dass der Mann kein Fan von Wagenrennen war. Bemüht, ungerührt zu wirken, kraulte er seinem Pferd einen Moment den schwarzen Kopf. Doch das Tier forderte ihn mit einem Stupsen zum Weitermachen auf.

«Das ist mein Vetter aus Alexandria», antwortete Ankhu. «Er ist hier, um mir als Hausmeister in der Villa der Priesterin in Tivoli zur Hand zu gehen.» Er streckte dem Soldaten eine Schriftrolle entgegen, vermutlich ein Ausweisdokument für seinen «Vetter», doch der Grenzwächter beachtete es nicht. Noch immer musterte er Scorpus mit zusammengezogenen Augenbrauen. Es wirkte, als wollte er weitere Fragen stellen – vermutlich erinnerte der mächtige Körperbau des Vetters ihn an jemanden.

«Heute wird es ganz schön warm», sagte Ankhu.

«Noch heißer als gestern», erwiderte der Soldat. Das reichte, um ihn von seinem Gedankengang abzubringen, und er grummelte etwas Unfreundliches über das langsam fließende Wasser der Brunnen und die nicht vorhandenen Latrinen im Umkreis der Porta Tiburtina. «Sollte man nicht meinen, in Steinwurfnähe zu einem Aquädukt müsste es genug Wasser geben?»

Ankhu nickte mitfühlend.

Endlich bedeutete der Soldat einem Wächter am Tor mit einem Wink, dass Ankhu und sein Begleiter passieren durften. «Möge Apollo euch beschützen», sagte er. «In der Nähe des Altars der Proserpina solltet ihr vorsichtig sein. Wir haben Berichte über eine Bande von Räubern erhalten, die eine Schafherde als Deckung benutzen. Unglaublich, oder?» Er lachte. «Sie verstecken sich unter den Bäuchen der Tiere wie Odysseus und seine Männer auf der Flucht vor dem Zyklopen.»

«Wir leben in einer sonderbaren Welt, in der Schafe schlauer sind als Wölfe», erwiderte Ankhu. Der Soldat nickte, und Ankhu verabschiedete sich mit einem Winken. «Gratias tibi ago amice.» Zügig kehrte er zu Scorpus zurück, nahm dem Wagenlenker den Zügel seines Pferdes aus der Hand und ging ihm zum Tor voran.

Scorpus folgte ihm dichtauf. Als er sein Pferd über das Kopfsteinpflaster zum Marmorbogen führte, blickte er zur Inschrift auf dem Tympanon auf:

IMP CAESAR DIVI IULI F AUGUSTUS PONTIFEX MAXIMUS RIVOS AQUARUM OMNIUM REFECIT

 

Imperator Caesar, Sohn des vergöttlichten Julius, Pontifex Maximus Augustus, restaurierte diese Aquädukte.

Unterhalb der Inschrift, an der Einfassung des Bogens selbst, war ein bucranium oder Rinderkopf eingemeißelt, ein Symbol für das eindrucksvollste Tier, das bei religiösen Opferfeierlichkeiten geschlachtet wurde. Scorpus fasste das Bild als einen Hinweis auf und gelobte sich, so bald wie möglich ein Dankopfer für die Götter darzubringen. Denn wie den Helden Odysseus hatte ihn eine absurde Wollverkleidung vor dem sicheren Tod bewahrt.

 

Das tiefe Purpurrot des Schutzdachs, das die Dachterrasse des Hauses der Vestalinnen überspannte, wies den gleichen dem Kaiser vorbehaltenen Farbton auf wie das Schutzdach über dem großen Balkon von Caesars Haus. Das war entweder eine schmeichelhafte Geste der Kaiserin Livia oder, wahrscheinlicher, ein Versehen.

So oder so, es war wunderschön, und die Vestalis Maxima Pomponia hatte sofort die Gewohnheit angenommen, ihr Frühstück – Brot, Käse und Trauben –, vor der Morgensonne geschützt, auf einer der darunterstehenden Liegen einzunehmen.

Von diesem Aussichtspunkt konnte sie buchstäblich aus der Vogelperspektive auf das am Morgen erwachende Forum hinunterschauen. Außerdem hatte sie so ein Auge auf das Kommen und Gehen zwischen dem Haus der Vestalinnen und dem Palatin. Sollte Caesar sich auf den Weg zu ihr machen, oder vielleicht ein Bote Despinas, würde sie es als Erste wissen.

Am Wichtigsten war allerdings, dass sie von hier den Rauch sehen konnte, der aus dem Kuppeldach des Vestatempels aufstieg, und so die Kraft des Feuers ermaß. Falls der Wind richtig stand, konnte sie sogar den wohltuenden Duft des Räucherwerks wahrnehmen, das gelegentlich in den Flammen verbrannt wurde. Es schien der Göttin zu gefallen und hatte geholfen, die Seuche zurückzudrängen.

Pomponia lächelte Anchises zu, der hinzukam und sich auf eine Liege neben ihrer setzte. Er trank einen stark gewürzten Wein, ein von ihm selbst erfundenes, kräftiges Gebräu, das gegen Halsschmerzen helfen sollte.

«Salve, Domina», begrüßte er sie.

«Guten Morgen, Anchises.»

Blinzelnd schaute er auf das Forum hinunter. Das Rumpeln der hölzernen Lastenkarren, die Vorräte über die gepflasterte Via Sacra transportierten, vermischte sich mit den Stimmen der Händler und Amtsträger, von denen die einen den basilicae und die anderen dem Senat zustrebten. In der Ferne war die dröhnende Stimme des Nachrichtenschreiers zu hören, der vor den rostra die Neuigkeiten verlas; Anchises und die Priesterin warteten jedoch auf Nachrichten einer anderen Art.

«Sie sollten inzwischen die Porta Tiburtina passiert haben», sagte Pomponia.

«Ich kann mir keine zwei fähigeren Männer vorstellen», beruhigte Anchises sie. «Zweifellos reiten sie inzwischen ungehindert nach Tivoli. Scorpus ist unausstehlich, aber er kann uns nützlich werden, Priesterin.»

«Ich werde darüber nachdenken», sagte Pomponia.

«Worüber wirst du nachdenken, Pomponia?»

Von Quintinas lautlosem Kommen überrumpelt, drehten sich Pomponia und Anchises nach ihr um.

«Tut mir leid. Ich wollte nicht stören», sagte die Jüngere.

«Du störst nicht», erwiderte Pomponia. «Anchises und ich haben uns gerade über deine Schwester unterhalten. Hast du eine Antwort auf deinen Brief bekommen?»

Quintina nickte. «Aber natürlich in Sorens Handschrift verfasst. Tacita bedauert, dass sie mich diese Woche nicht besuchen kann.» Sie verdrehte die Augen.

«Soren zieht die Schrauben an, bis das Holz knackt», sagte Anchises. «Aber niemals, bis es bricht. Nächste Woche lässt er sie garantiert zu Besuch kommen.»

«Er wird sie begleiten», gab Quintina zurück. «Sie kommt niemals allein. Ich würde gern einmal unter vier Augen mit ihr reden.»

«Das wäre unklug», entgegnete Pomponia. «Und zwecklos. In der Hoffnung, mit ihrer Hingabe seine Liebe zu ihr anzufachen, würde sie ihm alles erzählen, worüber ihr geredet habt. Dann würde er über uns herziehen, und sie würde ihm beipflichten. Das ist vorhersehbar. Sie kennt nichts außer dem Wunsch, ihm zu gefallen.»

Quintina seufzte unglücklich. Sie wusste, dass es stimmte. Geistesabwesend nahm sie ein Stück Käse von Pomponias Teller und schob es sich in den Mund. «Lucretia hat mich gebeten, heute den Unterricht für die Novizinnen zu übernehmen. Falls du mich brauchst, bin ich also im Lernsaal. Valete.»

Als sie wieder allein mit Anchises war, wischte Pomponia eine kleine, blau schillernde Libelle von ihrem Schleier und stand auf. «Ich treffe mich mit Tiberius im Junotempel», sagte sie. «Er lässt einen aureus mit dem Bildnis des Kaisers prägen. Auf der Rückseite werden Vestalinnen abgebildet. Während ich weg bin, soll der Bibliothekar die Schriftrollen in meinem Büro sortieren und ablegen. Ich meine die, die im Korb liegen, nicht die auf meinem Schreibtisch.»

«Natürlich, Domina. Ich weiß, welche du meinst. Pass auf dich auf.»

Noch mit einem Rest von Trauben im Mund verließ Pomponia die Dachterrasse. Zwei kleine Novizinnen kamen auf dem Weg zum Lernsaal an ihr vorbei, und sie strich der ersten, Varinia, über den Kopf. Das Mädchen lächelte sie an und rannte davon, bemüht, nicht über ihre Tunika zu stolpern, die ihr ein kleines bisschen zu lang war.

Pomponia wollte auch Longina, die zweite Novizin, tätscheln, konnte sich aber nicht dazu überwinden. Aus irgendeinem Grund entwickelte sie eine Abneigung gegen das Mädchen. Das Kind war durchaus intelligent, und seine Leistungen waren zufriedenstellend, doch für eine Priesterin der Vesta ging es nicht nur um den Lernstoff oder die Benimmregeln. Die Vestalinnen mussten nicht nur die invocationes und ritūs meistern, den pax deorum ehren und das jus divinum lernen, und sie mussten sich auch nicht nur ganz dem Dienst an der Göttin und für Rom weihen. Eine Priesterin der Vesta zu sein, setzte auch die Fähigkeit voraus, mit zahlreichen Frauen eng zusammenzuleben, und zwar ohne Konflikte oder Konkurrenzdenken. Es ging dabei um den Charakter. Und leider hatten Lucretia und Caecilia, die Priesterinnen, die sich am stärksten der Ausbildung der Novizinnen widmeten, gegenüber Pomponia Zweifel geäußert, dass Longinas Charakter für den Orden geeignet war.

In ihren Räumen ließ Pomponia sich von ihren Leibsklavinnen frisch machen und stieg dann in die schattige, aber trotzdem recht warme lectica, die sie unmittelbar vor dem Portikus auf der Straße erwartete.

Sie beschäftigte sich mit der Lektüre von Dokumenten. Und kaum hatten die Sänftenträger die lectica angehoben, kamen sie auch schon auf dem Capitol beim Tempel der Juno Moneta an – so vertieft war Pomponia in die Papiere, dass ihr die verstrichene Zeit wie ein Wimpernschlag vorkam.

Caeso zog den Vorhang der lectica zurück. Hier im Geldtempel wurden Roms Reserven an Gold, Silber und Bronze aufbewahrt. Pomponia stieg aus, während ihr zweiter Leibwächter Publius einen lauthals schnatternden Ganter verscheuchte, der aus Junos heiligem Hain neben dem Tempel eilte. Das Tier schlug mit den Flügeln nach ihm und verbiss sich mit dem Schnabel in seine Tunika.

Bemüht, den Angriff so gut wie möglich zu ignorieren, nahm Publius bei Tiberius’ Erscheinen Haltung an. Tiberius begrüßte Pomponia mit einem Lächeln, und sie passte sich auf dem Weg zu den Säulen des Portikus seinem Schritt an. Pomponia wunderte sich, dort die Witwe von Senator Pavo, eine Frau namens Mallonia, anzutreffen, die auf der untersten Stufe der Marmortreppe wartete, wie es sich gehörte.

Sie verbeugte sich vor Pomponia. «Es ist schön, dich wiederzusehen, Oberpriesterin», sagte sie.

«Freut mich ebenfalls, dich zu sehen», antwortete Pomponia. «Du siehst gut aus.»

Das stimmte nur teilweise. Die Frau mittleren Alters hatte sich weitgehend vom Tod ihres Mannes erholt, der an der Seuche gestorben war. Sie sah durchaus gesund aus; doch ihr dünnes Haar, die fleckige Haut und die große, korpulente Gestalt waren Eigenheiten, die sie schon als Mädchen nicht hübscher gemacht hatten.

Doch Fortuna war gerecht gewesen. Mallonias Status als wohlhabende Patrizierin hatte den Mangel an Reizen, mit denen die Natur sie ausgestattet hatte, mehr als wettgemacht, und sie hatte eine gute Partie gemacht. Für eine Römerin war das das Einzige, was wirklich zählte.

Mit einer Geste, die Pomponia als unverfroren empfand, legte Tiberius Mallonia die Hand auf den Rücken und führte beide Frauen die Tempelstufen hinauf. Zwei Wächter öffneten die Flügel der großen Bronzetür, und sie betraten die farbenfrohe Pracht des Tempelinneren.

Unmittelbar vor ihnen in der cella des Tempels stand eine große Bronzestatue der Göttin Juno. Sie hielt einen Stab in der Hand, der oben von einem goldenen Adler gekrönt war, Symbol Roms und gleichzeitig das ihres Ehemannes, des Gottes Jupiter.

«Senator Pavo hat Caesar in seinem Testament eine große Menge Gold vermacht», erklärte Tiberius. «Daraus lasse ich die Münzen des Kaisers prägen.»

«Dein Mann ist im Tod so großzügig, wie er es Zeit seines Lebens war», sagte Pomponia zu Mallonia.

«Caesar war gut zu uns», erwiderte Mallonia.

«Dazu hatte er auch allen Grund», bemerkte Tiberius. «Bevor das Geld durch die Proskriptionen hereinkam, hat dein Mann seinen Beitrag zur Besoldung von Caesars und Agrippas Truppen geleistet. Männer wie er haben das Imperium gegründet.»

Ein älterer Magistrat namens Sepullius Macer, der mit einer elfenbeinweißen Toga bekleidet war, wartete, bis Tiberius geendet hatte, und begrüßte die hochrangigen Gäste dann mit einer ehrerbietigen Verbeugung.

«Salvete, edler Tiberius», sagte er. «Und salvete, Oberpriesterin. Die Besichtigung kann jederzeit beginnen.»

«Sehr gut, Sepullius», sagte Tiberius.

Der Magistrat führte die drei durch einen langen, breiten Säulengang. Eine Wand war mit einem lebhaften Fresko geschmückt, das eine historische Szene darstellte: Junos heilige Gänse beim Angriff auf eine Horde von Galliern, die im Schutz der Nacht versuchten, den Kapitolinischen Hügel zu erklimmen. Das Geschrei der Gänse hatte die Römer rechtzeitig vor dem Überfall gewarnt.

Aus diesem Grund genossen die heiligen Gänse selbst noch Jahrhunderte später die Ehre, ungestört in der großen Gartenanlage von Junos Tempel zu leben, während man ihre gelegentlichen Angriffe auf römische Bürger nachsichtig übersah. Für das Vergehen, eine heilige Gans zu töten, wurde man sogar vom Tarpejischen Felsen gestürzt. Es war eine Strafe, die zum Verbrechen passte. Junos Gänse hatten geholfen, Roms Schatzkammer auf dem Kapitol zu behüten. Viele waren überzeugt, dass sie das immer noch taten.

Das war wichtig, da Rom viele Forderungen zu begleichen hatte. Es bezahlte seine Klientelkönige, die ihrerseits eine höhere Summe an Steuern zurückzahlten. Es vergütete seine Beamten. Es finanzierte die Durchführung nicht enden wollender öffentlicher Arbeiten und Infrastrukturmaßnahmen, von Straßen und Badehäusern bis zu Hospitälern und der Kanalisation. Am wichtigsten aber: Es entlohnte die Soldaten der großen römischen Armee, ohne die nichts von allem möglich wäre.

Der Magistrat führte Tiberius, Pomponia und Mallonia in den Bereich des Tempelkomplexes, der der Stadt als Münzstätte diente: Hier war es heiß und laut, da Metall geschmolzen wurde, um die Rohlinge zu gießen, während die Motive unter Zuhilfenahme von Prägestöcken mit dem Hammer in die Münzen geschlagen wurden. Überall wimmelten mit Tuniken bekleidete Arbeiter herum, die so sehr von ihren Aufgaben in Beschlag genommen waren, dass sie die erhabenen Besucher nicht bemerkten.

«Mit dem Entwurf dieser Münze für den Kaiser habe ich denselben Bildstecher beauftragt, der schon für die kunstvolle Gestaltung eines der denarii des Diktators Julius Caesar verantwortlich war», erklärte Sepullius. Er streckte die Hand aus, um seinen Begleitern eine Münze zu zeigen. «Auf der Vorderseite sieht man Julius Caesars Gesicht.» Er drehte die Münze um. «Auf der Rückseite ist Venus mit einer kleinen Victoria in der Hand abgebildet. Wie ihr seht, ist die Göttin außergewöhnlich detailreich angelegt. Das hat mich zu meiner Entscheidung für diesen Mann bewogen. Insbesondere die Darstellung der Vestalinnen erfordert große Kunstfertigkeit.»

Der alte Magistrat nickte seinem Helfer zu, und dieser, ein junger Mann, kniete sich vor Tiberius und Pomponia nieder, ein Silbertablett vor sich erhoben, auf dem drei frisch geprägte, gleich gestaltete Goldmünzen lagen. Pomponia nahm sich eine davon.

Auf der Vorderseite waren Augustus’ scharfe Gesichtszüge abgebildet, die allerdings auf der Münze ein wenig geschönt waren. Dieses Porträt würde den Menschen in der gesamten römischen Welt zeigen, wie ihr Kaiser aussah. Daher musste es einprägsam sein. Buchstäblich.

Pomponia drehte den aureus um. Auf der Rückseite war eine schöne Abbildung von vier Vestalinnen zu sehen, die im heiligen Herd ein Opfer darbrachten. Auch sie selbst als Vestalis Maxima befand sich darunter. Der Hintergrund zeigte eine Darstellung des Tempels und darüber eingeprägt die Buchstaben VESTA sowie darunter SC für die Genehmigung des Senats. Die Münzen mit diesem Bild würden bald im ganzen Imperium im Umlauf sein, den Massen die beruhigende Gewissheit geben, dass Vestas Feuer für immer im Tempel brannte, und mit jedem Zahlungsvorgang römische Kultur verbreiten.

«Die Münze ist sehr schön», sagte Mallonia. «Mein Mann würde sich geehrt fühlen, einen bescheidenen Beitrag zu einem solchen Kleinod geleistet zu haben.»

Pomponia wandte sich der Witwe zu, um etwas Freundliches zu sagen, hielt aber inne. Mit einem unverkennbaren Ausdruck des Begehrens in den Augen sah Tiberius die edle Dame, zwanzig Jahre älter als er selbst, eindringlich an.

Als wäre das nicht dreist genug, trat er vor sie, streckte die Hand aus und berührte einen ihrer langen Smaragdohrhänger. Dabei streifte er ihre bloße Schulter mit den Fingern. «Verzeih, ich dachte, er fällt ab», log er. Mallonia sah ihn scharf an und trat einen Schritt zurück, kaum fähig, ihr Missfallen zu verbergen.

Tiberius ließ nicht locker und machte einen Schritt vor, um den Abstand zwischen ihnen wieder zu verkleinern. Mallonias Gesicht wurde hart, und sie trat erneut einen Schritt zurück. Er folgte ihr auch diesmal. In jeder anderen Situation hätten dieser Tanz und Tiberius’ plötzliche Lüsternheit vielleicht amüsant gewirkt, aber hier, vor den Augen der Vestalis Maxima und der gesamten Belegschaft der Prägestätte, war sein Gebaren einfach nur verstörend.

Schließlich gelang es Tiberius, einen Kuss auf Mallonias Lippen zu platzieren. Die Witwe reagierte mit einer spontanen Ohrfeige. Schockiert murmelte sie: «Wie kannst du es wagen.» Sie presste die Lippen zusammen und wischte sich angeekelt mit dem Handrücken über den Mund.

Pomponia war erschüttert. Seit über dreißig Jahren diente sie Rom und hatte an der Seite zweier Caesaren und einiger der berühmtesten Vertreter des Senats und der militärischen und religiösen Kollegien Roms gestanden, doch noch nie hatte sie von einem der bedeutenden Männer etwas so Unschickliches erlebt. Selbst Marcus Antonius wäre für so etwas zu klug gewesen. Ihre Gedanken überschlugen sich. Sollte ich ihn tadeln? Ist Mallonia bedeutend genug, um meine Beziehung zu Caesars Nachfolger aufs Spiel zu setzen?

Der Magistrat flehte sie mit stummem Blick an, die Initiative zu ergreifen. Pomponia öffnete den Mund, unsicher, was sie sagen sollte, doch da schien Tiberius sich zusammenzureißen.

«Edle Mallonia …»

Pomponia wartete auf die Entschuldigung, die kommen musste, doch Tiberius machte keine Anstalten.

«Priesterin, ich danke dir, dass du dich heute von deinen Pflichten freigemacht hast, um uns zu begleiten», sagte Tiberius. Mit einem erneuten Blick auf Mallonia versuchte er rasch, ihre Hand zu küssen. Sie zog sie im letzten Moment zurück. Tiberius schaute finster und verließ die Prägestätte in peinlichem Schweigen.

Pomponia wandte sich dem Magistrat zu. «Die Münze ist angenommen», sagte sie. «Du hast wieder ausgezeichnete Arbeit geleistet, Sepullius. Caesar wird sich freuen, und ich werde dich namentlich erwähnen.»

Der Magistrat machte ein erfreutes Gesicht. «Danke, Priesterin.»

Sie trat einen Schritt auf ihn zu. «Kein Wort über das hier.»

«Natürlich nicht, Oberpriesterin.»

«Wir finden selber den Weg zur Tür.»

Als die beiden Frauen sich von der Prägestätte durch den breiten, freskengeschmückten Säulengang zurück zur cella des Tempels begaben, beschloss Pomponia, das Offensichtliche anzusprechen. «Sag mir», wandte sie sich an Mallonia, «ich möchte nicht aufdringlich sein, aber gibt es …», sie suchte nach dem richtigen Wort, «eine Vertrautheit zwischen Tiberius und dir?»

«Nein, nichts dergleichen», antwortete Mallonia. «Ich kann mir sein Verhalten nicht erklären. Ich kenne Tiberius seit seiner Kindheit. Mein Mann kannte ihn ebenfalls. Tiberius hat keine Veranlassung, mir mit einem solchen Mangel an Achtung zu begegnen, aber das Vorkommnis war in den letzten Monaten nicht das Einzige dieser Art.» Sie leckte sich über die Lippen und verzog das Gesicht beim Gedanken daran, wie Tiberius ihren Mund mit einem Kuss berührt hatte. «Ich kann mir nur vorstellen, dass er die Gewohnheiten eines anderen übernommen hat.»

«Ach ja? Und wer könnte das sein?»

«Der Bruder meines verstorbenen Mannes», antwortete Mallonia. «Soren.»

Pomponia blieb unvermittelt stehen.

Mallonia sah sie neugierig an. «Bestimmt bist du ihm schon begegnet», fuhr sie fort. «Er ist mit der Schwester von Priesterin Quintina verheiratet.» Sie rümpfte die Nase. «Die Verbindung kam ihm sehr gelegen, das kann ich dir sagen.»

«Er besucht uns gelegentlich», antwortete Pomponia leichthin. Es war aufschlussreich, dass Mallonia wenig von ihrem ehemaligen Schwager hielt. Die Vestalin ging weiter und rief Caeso und Publius, die an der Tür warteten, entgegen: «Lasst meine lectica herbringen.»

Die Wächter schlüpften nach draußen, während die beiden Frauen die cella durchquerten und aus dem kühlen Marmortempel in die im Freien herrschende Wärme traten.

«Was du sagst, nimmt Caesar ernst», sagte Mallonia, als sie die Stufen hinunterstiegen. «Vielleicht könntest du dich bei ihm für mich verwenden. Du musst …»

«Ich muss gar nichts», entgegnete Pomponia. Tiberius’ Verhalten war eigenartig und unhöflich, aber was könnte sie Caesar sagen? Dein Stiefsohn hat eine Adlige geküsst? Verrat konnte man ein solches Verhalten ja nicht nennen.

Mallonia senkte den Blick. «Entschuldige bitte, Oberpriesterin.»

«Keine Ursache», beruhigte Pomponia sie. Sorens ehemalige Schwägerin konnte sich als eine reichlich sprudelnde Informationsquelle erweisen. Sie legte der Frau die Hand auf die Schulter. «Wir bleiben in Kontakt.»

«Danke, Priesterin.»

Pomponia stieg in die schattige lectica und zog die Vorhänge zu. Nein, Mallonia, dachte sie. Ich danke dir.

Kapitel III

Prosperum scelus virtus vocatur.

«Erfolgreiches Verbrechen nennt man Tugend.»

SENECA

Auf der Insel Pandateria

Rundum gab es nichts als Fels. Eine harte, kalte Steinwüste mit Flecken von trockenem Gestrüpp dazwischen. Dahinter das Meer. Und hinter dem Meer … nun, das spielte keine Rolle mehr.

Julia saß mit untergeschlagenen Beinen auf dem Boden nahe dem Rand der Klippe, die den höchsten Punkt der Insel Pandateria bildete – ihres Verbannungsortes. Sie zog ihre wollene Palla um sich. Früher hätte sie sich jetzt von einer Sklavin warmes Honig- oder Zitronenwasser bringen lassen und dazu einen Teller mit Delikatessen. Heute musste sie für sich selbst sorgen.

Sie hatte keine Sklavinnen. Tatsächlich gab es keinen einzigen Menschen, der ihr Gesellschaft leistete, abgesehen von dem hässlichen kleinen Mann, der zweimal im Monat eine Holzkiste mit Vorräten an Land abstellte – altbackenes Brot, Trinkwasser und von Druckstellen übersätes Obst –, dann aber sein kleines Segelboot sofort wendete und darin zum Festland zurückkehrte, ohne ihr auch nur in die Augen zu sehen.

Der Mann hatte einen Befehl, und der kam vom Kaiser Roms persönlich: Rede nicht mit meiner Tochter. Bring ihr nur Brot, Wasser und altes Obst. Kein Fleisch und keinen Käse. Keine Süßigkeiten. Und auf gar keinen Fall Wein.

Julia hätte sich niemals vorstellen können, dass es einen so trostlosen Ort geben könnte. Farben sah man hier kaum. Es war eine Insel der Extreme – entweder eiskalt oder glühend heiß, etwas dazwischen gab es nicht. Soweit sie es beurteilen konnte, wussten die Götter nicht einmal von der Existenz dieses Eilands. Der einzige Gott, der sich auf der Insel bemerkbar machte, war Vulcanus, und der grummelte unglücklich im Vulkan der Insel, als wäre es ihm genauso zuwider, hier zu sein, wie ihr.

Sie versuchte, sich nicht mit dem Wissen verrückt zu machen, dass der Vulkan nur einen Spaziergang von zehn Minuten entfernt lag. Sehr viel weiter könnte sie sich auch gar nicht von ihm entfernen. Eine Viertelstunde reichte, um der Länge nach von der einen Inselspitze zur anderen zu schlendern. Sollte der Vulkan ausbrechen, wäre in kürzester Zeit nur noch Asche von ihr übrig. Die Götter wussten, dass die baufällige Hütte, kaum größer als eine Latrine, die sie als einziges Obdach hatte, ihr keinen Schutz bieten würde.

Plötzlich spürte sie eine würgende Traurigkeit in der Kehle. Würde ihr Vater über die Nachricht von ihrem Tod weinen? Würde er an die Zeiten zurückdenken, als er sie auf seinen Knien hatte reiten lassen oder im Senat geprahlt hatte, was für ein pfiffiges Kind sie sei? Würde er sich an die zärtliche Zuneigung erinnern, die nach der Geburt des kleinen Agrippa zwischen ihnen geherrscht hatte? All das fragte sie sich.

Dagegen würde die Nachricht über ihren Tod Tiberius und Livia zweifellos erfreuen. Nach Einbruch der Dunkelheit würden sie auf den rostra tanzen. Aber hatte sie selbst nicht schlimmere Dinge auf den rostra getrieben?

Julia schloss die Augen, nur um sie gleich wieder zu öffnen. Die Stille war zu überwältigend. In Rom war es beinahe unmöglich, auch nur einen ruhigen Moment zu finden. Auf Pandateria war es dagegen unmöglich, auch nur eine einzige lebende Stimme zu vernehmen.

Doch gleich darauf belehrte ein vorsichtiges Krächzen sie eines Besseren. Von Schwimmhäuten gepolsterte Füße watschelten leise heran. Sie sah sich nach der einzigen anderen Bewohnerin der Insel um, einer ramponiert wirkenden Möwe, deren linker Flügel in einem unnatürlichen Winkel abstand. Wie Julia lebte auch der Vogel hier in Verbannung.

«Komm und hol es dir, Phönix», sagte sie. Sie zog ein Tuch weg, das ein Häuflein Brotstücke und eine flache Schale mit Trinkwasser bedeckte. Die Möwe watschelte herbei, schlang das Brot gierig herunter und trank ausgiebig.

Als sie gesättigt war, legte sie den Kopf schief und sah Julia an. Gleich darauf spähte sie zum unerreichbaren Himmel hinauf. Nur eine Armlänge von Julia entfernt ließ sie sich dann nieder, steckte den Kopf unter den unverletzten Flügel und schlief ein.

Julia legte sich ebenfalls zurück, langsam, um den Vogel nicht aufzuscheuchen, schloss erneut die Augen und folgte Phönix in den Schlaf.

Kapitel IV

Latet anguis in herba.

«Eine Schlange verbirgt sich im Gras.»

VERGIL

Octavian setzte sich neben Livia auf den Marmorrand der Heilquelle der Juturna, einer Art Wasserheiligtum, das seinen Platz in der schmalen Lücke zwischen dem Haus der Vestalinnen und dem Tempel von Castor und Pollux hatte.

Wie jedes andere Bauwerk auf dem Forum Romanum, ob nun eindrucksvoll oder bescheiden, hatte die Quelle eine Geschichte zu erzählen. Man glaubte, dass die göttlichen Zwillinge Castor und Pollux bei ihrer Ankunft in Rom ihre Pferde dort getränkt hatten. Und so befand sich der Tempel der beiden nur einige Schritte entfernt, und die großen Marmorstatuen der Helden und ihrer Pferde blickten von oben auf die Quelle herab.

Livia tauchte einen Silberbecher in das Becken, füllte ihn mit klarem Quellwasser und reichte ihn Octavian. Er leerte ihn bis zur Neige. So erfrischt, entspannte er sich, als sie ein Tuch ins Wasser tauchte, es auswrang und ihm damit über Stirn, Wangen und Hals wischte.

«Es geht dir schon viel besser, lieber Mann», sagte sie, nach Kräften bemüht, mitfühlend zu klingen. Octavians häufige Krankheiten waren ebenso ermüdend für sie wie beunruhigend für ihn.

«Das Wasser ist ein gesegnetes Heilmittel», erwiderte Octavian. Er sah auf den Grund des Marmorbeckens hinunter. «Schau dir all die Münzen an, Livia.»

«Die Menschen opfern sie für deine Gesundheit, Caesar.»

«Ich möchte, dass die Münzen regelmäßig eingesammelt werden. So werden wir bis zu den nächsten ludi die Vergoldung der Dii Consentes bezahlen und wahrscheinlich auch den Marmor der Ara Pacis.»

Livia schaute auf die Münzen im Wasser. Das ist typisch – welch schmeichelhafte Überschätzung, dachte sie. «Es scheint ein beachtlicher Betrag zu sein», pflichtete sie ihm bei. «Ich werde mit einem der zuständigen Beamten sprechen.» Sie strich mit den Fingern über die schimmernde Wasseroberfläche. Wie oft hatte sie schon aus dieser Quelle getrunken? Wie oft hatte sie in deren Heilwasser gebadet und darum gebetet, dass noch einmal ein gesundes Kind in ihrem Mutterleib heranwachsen möge? Als schließlich alle Gebete vergeblich geblieben waren, als Livia endlich begriffen hatte, dass sie für immer vergeblich bleiben würden, hatte sie ihren Nachttopf in ihre Palla gewickelt, war aufs Forum gegangen und hatte ihn eigenhändig in die Quelle gekippt.

Sie horchte auf. Keine zwanzig Schritte entfernt, lieferte sich einer der Soldaten, die den Eingang zur Quelle bewachten, solange Augustus dort war, einen Wortwechsel mit einer Frau. Die Auseinandersetzung wurde immer lauter.

Erst allmählich erkannte Livia zu ihrer Verärgerung die weibliche Stimme: Sie gehörte Scribonia, Octavians ehemaliger Ehefrau.