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Kann dieses Erbe sie wieder zu Schwestern machen? Der Schicksalsroman »Die Töchter von Lorenden House« von Nina Bell jetzt als eBook bei dotbooks. Drei ungleiche Schwestern, die vom Schicksal wieder zusammengeführt werden … Schon lange haben sich Felicity, Helena und Lavinia Beaumont nichts mehr zu sagen – doch dann stirbt ihr Vater und vermacht ihnen sein Gestüt Lorenden zu gleichen Teilen. Lavinia, die dort seit Jahren mit ihrer Tochter lebt und Lorenden über alles liebt, ist voller Angst, nun ihre Heimat zu verlieren: Helena, die als erfolgreiches Model mit dem Gestüt nichts mehr zu tun hat, pocht darauf, es zu verkaufen. Und Felicity? Die würde am liebsten vor der schweren Entscheidung und ihren Erinnerungen davonlaufen, so wie sie es immer tut. Zum ersten Mal seit vielen Jahren müssen die Schwestern lernen, aufeinander zuzugehen – aber können sie nach allem, was geschehen ist, die Familienbande neu knüpfen? Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der bewegende Roman »Die Töchter von Lorenden House« von Nina Bell: ein Lesevergnügen für alle, die Familienromane und Pferde lieben! Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.
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Seitenzahl: 979
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Über dieses Buch:
Drei ungleiche Schwestern, die vom Schicksal wieder zusammengeführt werden … Schon lange haben sich Felicity, Helena und Lavinia Beaumont nichts mehr zu sagen – doch dann stirbt ihr Vater und vermacht ihnen sein Gestüt Lorenden zu gleichen Teilen. Lavinia, die dort seit Jahren mit ihrer Tochter lebt und Lorenden über alles liebt, ist voller Angst, nun ihre Heimat zu verlieren: Helena, die als erfolgreiches Model mit dem Gestüt nichts mehr zu tun hat, pocht darauf, es zu verkaufen. Und Felicity? Die würde am liebsten vor der schweren Entscheidung und ihren Erinnerungen davonlaufen, so wie sie es immer tut. Zum ersten Mal seit vielen Jahren müssen die Schwestern lernen, aufeinander zuzugehen – aber können sie nach allem, was geschehen ist, die Familienbande neu knüpfen?
Über die Autorin:
Nina Bell ist Journalistin und hat zahlreiche Artikel für bekannte englische Zeitungen und Magazine verfasst. Außerdem schrieb sie Sachbücher über Inneneinrichtung sowie Hörspiele für den britischen Sender Radio 4. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Kent.
Bei dotbooks erscheint von Nina Bell außerdem:
»Das Glück von Fox Hollow«
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eBook-Neuausgabe April 2021
Die englische Originalausgabe erschien erstmals 2008 unter dem Originaltitel »The Inheritance« bei Little, Brown Book, London. Die deutsche Erstausgabe erschien 2009 unter dem Titel »Die Töchter von Lorenden« bei Weltbild.
Copyright © der englischen Originalausgabe 2008 by Nina Bell
Copyright © der deutschen Erstausgabe 2009 Verlagsgruppe Weltbild GmbH, Steinerne Furt, 86167 Augsburg
Copyright © der Neuausgabe 2021 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von Shutterstock/Daniel Doorakkers, Kelly vanDellen
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ae)
ISBN 978-3-96655-368-1
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Nina Bell
Die Töchter von Lorenden House
Roman
Aus dem Englischen von Ursula Guinaldo
dotbooks.
Für Fiona Boucher
Bramble Kelly schlief bei aufgezogenen Vorhängen. Das hatte sie von ihrem Vater übernommen, der gern dem Wettergeschehen möglichst nah war, und außerdem konnte sowieso niemand ins Zimmer sehen. Vor ihrem Fenster standen endlose Reihen niedriger Apfelbäume, gespickt mit kleinen, leuchtend roten Äpfeln, von denen etliche vom Baum gefallen waren und nun verloren und unordentlich durcheinanderlagen wie die ausrangierten roten Flanellunterröcke alter Damen. Ihr Vater Edward Beaumont hatte die Obstwiesen vor fünf Jahren verkauft, und die neuen Eigentümer – eine Gesellschaft in Ashford – machten sich häufig nicht die Mühe, das Obst zu ernten.
An diesem Morgen beobachtete Bramble, wie tiefe Nebelschwaden durch die Obstbäume krochen und sich von Stamm zu Stamm schlängelten, als seien sie nach etwas Bestimmtem auf der Suche. Plötzlich vermeinte sie, das Böse zu sehen.
Mit einiger Mühe schloss sie das Fenster, ein wackeliges georgianisches Schiebefenster, das klemmte und klapperte und nur auf genau dosiertes Rütteln reagierte. Für einen kurzen Moment schloss sie die Lider und sagte sich, es handele sich schlicht um frühen Herbstnebel. Und als sie die Augen wieder öffnete, waren die Schwaden verschwunden, und ihr Blick fiel auf die Pferde, die sich am Tor der Koppel drängten und deren Atem als weißer Hauch in die Luft stieg. Auf ihren langen, eleganten Beinen, die wie Sprungfedern wirkten, tänzelten die jungen Tiere unruhig hin und her. Brambles Blick blieb an Sailor haften, einem stattlichen braunen Wallach mit kaschmirweichem Fell, der sich stets irgendwelchen Unfug einfallen ließ. Er wirkte beunruhigt und verstört.
Zur Brombeerzeit wollten die Tiere einfach nicht mehr so richtig hören, sagte ihr Vater immer. Sie wüssten, dass dann alles im Wandel ist.
»Vermutlich wissen sie eher, dass es Zeit fürs Frühstück ist«, murmelte sie, streifte sich ihre Jeans über und eilte die Treppe hinab.
Unterwegs blieb sie kurz stehen und sah durch das große Bogenfenster über dem Eingang. Lorenden, ihr Geburtshaus, war bereits ein Landgut gewesen, als die Schiffe Elisabeths I. die der Spanier erobert und ausgeplündert hatten. Der Legende nach sollte dieses Haus von der Besatzung eines der siegreichen englischen Schiffe erbaut worden sein. Von jenem elisabethanischen Haus waren allerdings nur noch ein paar gemauerte Kamine übrig, um die herum man zur Zeit Jakobs I. ein neues Haus errichtet hatte. 1753 wurde ihm dann eine georgianische Vorderfront vorgesetzt, die die Tiefe eines Zimmers hatte und dem Haus nach damaligem Geschmack vornehme Größe verleihen sollte.
Die Schichten der Zeit konnte man förmlich fühlen. Jeder einzelne Bewohner hatte ein wenig von sich zurückgelassen. Auf der Rückseite des Hauses befanden sich vier stark geneigte Dachschrägen mit Tonpfannen, vorn hatte ein wohlhabender georgianischer Gutsherr die klassische Fassade mit einem Säulengang als Portal hinzugefügt. So wie jeder Bewohner des Hauses es seit Hunderten von Jahren vor ihr getan hatte, spähte Bramble vom oberen Ende der Treppe durch das Fenster hinaus auf die Kiesauffahrt und auf die Pferde, die jenseits des schmalen Zubringerweges auf der Weide standen.
Doch irgendetwas stimmte an diesem Morgen nicht. Bramble hielt inne und betrachtete aufmerksam die gewohnte Szenerie. Am Ende des Kiesweges befand sich ein weiß gestrichenes Holztor, hinter dem sie die Pferde sah, darunter auch den im Ruhestand befindlichen Olympiasieger Ben, das Pferd ihres Vaters, sowie Patch, das alte Pony ihrer Tochter. Sie hätte nicht sagen können, was genau nicht richtig war. Es gab nichts, worauf sie mit dem Finger hätte zeigen können. Sie seufzte. Vor lauter Müdigkeit malte man sich Katastrophen aus, die gar nicht stattgefunden hatten. Zum Glück war die Wettkampfsaison bald vorbei, und die langen, dunklen, gemütlichen Winterabende nahten. Mit lautem Gepolter lief sie die breite Eichentreppe hinab und spitzte die Ohren, ob sie nicht die Schritte ihres Vaters hörte. Sie hatten sich gestern Abend erbittert gestritten, und sie war immer noch wütend auf ihn.
Unten in der Küche balgten sich die Terrier Mop und Muddle eifrig zu ihren Füßen, und der goldhaarige, elegante Darcy streckte sich träge, gähnte und lächelte ihr aus seinem Körbchen zu. Er sei ein Sofahund, sagte ihr Vater immer scherzhaft, dem man beigebracht hätte, stets als Erster aufs Sofa zu hüpfen. Sie hatten ihn als Welpen gefunden, mit einem Stück Schnur angebunden, die Haut wund vor Räude, während durch das glanzlose Fell seine Rippen zu sehen waren. Diese rücksichtslose, unwissende Grausamkeit hatte Bramble bis ins Innerste berührt, und Darcy hatte in der schmuddeligen Wärme von Lorenden ein Zuhause gefunden.
Falls wirklich irgendetwas nicht stimmte, hätten die Hunde angeschlagen, sagte sich Bramble. Sie kämpfte mit ihren Stiefeln. Sie brauchte dringend ein Paar neue, doch die Rechnung des Hufschmieds ging vor. Während die Hunde vor ihr durch die geöffnete Tür schossen, trat sie hinaus in das feuchte Silberlicht des frühen Septembermorgens und ging zu den Ställen, der Errungenschaft der viktorianischen Beaumonts.
Brambles Urgroßvater war – je nachdem, welcher der Familienlegenden man Glauben schenken wollte – entweder ein Zigeuner, ein Mann aus Cornwall oder der illegitime Spross eines Herzogs. Er hatte als junger Mann mit Pferden eine beträchtliche Summe gewonnen, Lorenden gekauft und es in ein Gestüt verwandelt. Da der echte Landadel für ihn unerreichbar war, heiratete er die einzige Tochter eines ortsansässigen, betuchten Anwalts. Auch sie fügten dem Haus ein Vermächtnis hinzu, indem sie die Obstbäume pflanzten, um ein sicheres Einkommen zu haben. Sie legten Gärten an und bauten Stallungen, die zu einem viel größeren Anwesen gepasst hätten. Eine der zu Zeiten König Edwards hier lebenden Beaumont-Ehefrauen hatte darauf bestanden, das Haus zu modernisieren und im hinteren Wohnzimmer ein Erkerfenster einzubauen sowie einen Badezimmertrakt mit einer geräumigen Toilette im Erdgeschoss. In diesem Badezimmer, in dem es immer noch nach Talkumpuder und Linoleum roch, stand auf einem schwarz-weißen Fußboden eine Badewanne mit Löwenklauen. In den Sechzigern hatte Brambles Mutter ein weiteres Bad in Avocadogrün beigesteuert. Dieses legte, wie alle übrigen Teile des Hauses, ein blütenreines Zeugnis für den Stil seiner Zeit ab.
Die Stallungen lagen in unmittelbarer Nähe des Hauses. Sie waren durch ein Holztor in der Gartenmauer zu erreichen, klobig und aus rotem Backstein. Den mittleren Block beherrschten ein Heuboden und ein Taubenschlag, der nun als Wohnung für ein junges Mädchen diente, das Stallmädchen und Pferdepflegerin war. Obenauf thronte als Wetterfahne ein Rennpferd: Mountain Rocket – das Pferd, dessen Siege den Hauskauf erst ermöglicht hatten.
Für die damalige Zeit handelte es sich um eine durchaus fortschrittliche Anlage. Jedes der Pferde war in einer geräumigen Außenbox untergebracht und nicht auf engem Raum angebunden. In den Ställen gab es Futterkrippen aus Eisen und steinerne Tränken, und der mit Kopfstein gepflasterte abschüssige Boden sorgte für einen guten Abfluss. Das hohe Dach mit Kent-Peg-Ziegeln garantierte an heißen Sommertagen eine optimale Belüftung. Davor hatte Brambles Vater einen Sandplatz angelegt und eine große Führmaschine aus Metall aufgestellt.
Mit gewohnter Routine ließ Bramble ihren Blick – oder ihre Handfläche – über jedes einzelne Pferd gleiten, um sich zu vergewissern, dass ihnen während der Nacht nichts passiert war. Dann teilte sie ihnen ihr Futter aus. Jeden Augenblick müsste ihr Vater auftauchen, sich beklagen und schniefen, so wie er es jeden Morgen als Erstes tat.
»Hast du Edward gesehen?«, fragte sie Donna, die Pferdepflegerin, als diese aus ihrer Wohnung kam und sich die Wimperntusche vom Vorabend aus den Augen wischte.
Donna schüttelte den Kopf, sodass ihr blondierter Pferdeschwanz hin- und herhüpfte. »Bin gerade erst aufgestanden. War ziemlich heftig gestern Abend. Tut mir leid.«
Donnas Abende waren meistens heftig. Sie arbeitete schwer und machte kräftig einen drauf.
Bramble teilte ganz mechanisch den Tieren ihr Futter zu: Kraftnahrung in den blauen Eimer für das Pferd, das noch an Turnieren teilnahm, und eine sanftere Gerstenmischung in den hellgrünen Eimer für die Stute, die ihren Besitzer in dieser Woche schon dreimal abgeworfen hatte. Außerdem gab es lila, gelbe, flieder-, pink- und orangefarbene Eimer, von denen jeder einem ganz bestimmten Pferd zugeteilt war. Neun Pferde insgesamt, die in Rente geschickten und die noch nicht zugerittenen Jungtiere auf der Weide nicht mitgerechnet. Alles in allem waren es vierzehn. Bramble band in jedem Stall ein kleines Heunetz zusammen, damit die Tiere beschäftigt waren, während Donna ausmistete, den dampfenden Dung hinten auf dem Misthaufen auftürmte und den gesamten Boden so lange fegte, bis alles blitzblank war.
Da Edward nicht in der Küche saß, stieg Bramble zu seinem Zimmer hinauf. Normalerweise stand er spätestens um sieben auf, meist sogar sehr viel früher. Sie klopfte an die Tür, schob sie vorsichtig auf und legte sich im Geiste schon die Worte für ihre Auseinandersetzung zurecht. Das Bett war zerwühlt und leer.
»Pa?«, fragte sie. Keine Antwort. »Savannah«, rief Bramble ihre Tochter, »hast du Grandpa gesehen?«
»Was?« Savannah kam mit zerzaustem Haar verschlafen aus ihrem Zimmer.
Die strahlend graublauen Augen, das dichte aschblonde Haar mit den ungebändigten Korkenzieherlocken und die Statur eines rennenden Windhundes hatten sich in direkter Linie von Edward über Bramble auf Savannah vererbt – nur dass Savannah zwar dieselbe Farbgebung, aber nicht den Körperbau ihres Großvaters mitbekommen hatte. Savannah besaß die stämmige, breitschultrige Gestalt ihres Vaters Dominic Kelly. Niemandem in Martyr's Forstal war entgangen, dass Edward für sein Alter ein bemerkenswert gut aussehender Mann war, wohingegen Bramble nach allgemeiner Auffassung mehr aus sich machen könnte. Ihre Locken waren zu einem strengen, kappenartigen Kurzhaarschnitt gestutzt. Ihre Kleidung wirkte adrett und professionell, aber nicht besonders feminin. Savannahs Figur war kurvenreich, und sie würde ›darauf achten‹ müssen.
»Du solltest längst auf sein. Es ist fast acht«, sagte Bramble in vorwurfsvollem Ton zu ihrer Tochter. »Weißt du, wo Grandpa steckt?«
»Ist er nicht im Stall?«, erwiderte Savannah.
»Nein, und in seinem Zimmer ist er auch nicht.«
»Na, irgendwo muss er ja sein«, meinte Savannah und schloss wieder ihre Tür.
Bramble lehnte den Kopf ans Fenster in der Eingangshalle und seufzte. Aus Gewohnheit ließ sie erneut ihren Blick forschend über die Weiden, die Zäune, den Zufahrtsweg und die grasenden Pferde schweifen. Sie hatte schon so oft Pferde im Freien beobachtet, dass sie auch aus der Entfernung ihre Körpersprache deuten konnte. Ihre Silhouette verriet ihr, ob sie ängstlich oder krank waren.
Irgendetwas stimmte da draußen nicht. Bramble fielen die sich windenden Nebelschwaden zwischen den Obstbäumen ein und das Gefühl der Bedrohung, das sich in ihr Herz geschlichen hatte. Die Luft draußen schien ähnlich undurchlässig. Es war nicht gerade nebelig, aber auch nicht klar.
Sie blickte nach oben und beschattete ihre Augen, um besser zu der blassen, wässrigen Sonne hinaufsehen zu können.
»Savannah«, rief sie. »Was hältst du davon?«
Savannah stolzierte in einem zu kurz gewordenen Schlafanzug aus ihrem Zimmer und murmelte: »Wieso musst du immer aus allem ein Drama machen?«
Auf der Koppel ging der aufgebrachte Ben mit nach vorn gerichteten Ohren und angehobenem Schweif ruhelos im Kreis, und hin und wieder senkte er den Kopf und stupste etwas an, das auf dem Boden lag.
»Da ist nichts«, sagte Savannah. Sie sahen einander an. »Na, du weißt doch, wie Ben ist.«
»Ich sehe lieber nach.«
»Ich ziehe mich rasch an.«
Mit knirschenden Schritten gingen sie schweigend den Kiesweg entlang, und Bramble glaubte allmählich selbst, sie verschwendeten nur ihre Zeit.
»Das ist ja komisch«, sagte Savannah, als sie den Zufahrtsweg überquerten.
»Was?«
»Da liegt ein Paket auf dem Boden. Oder irgendein Tier. Vielleicht ein toter Dachs.«
Auch Bramble konnte es nun erkennen, dieses dunkle Etwas im hohen Gras. Als sie über die Grasbüschel stiegen, zog sie ihr Handy aus der Tasche und gab die Nummer ihres Vaters ein. Er würde wissen, was zu tun war.
Sie hörte einen Klingelton im Gras. »Pa muss sein Handy irgendwo auf der Weide verloren haben«, sagte sie.
Savannah rannte voraus und hockte sich neben das dunkle Etwas.
Die Sekunde dehnte sich ins Endlose, denn Bramble konnte einfach nicht begreifen, was sie da sah. Die Zeit verlangsamte sich und lastete schwer in der Luft.
Im feuchten Morgengras lag Edward Beaumont reglos zu Füßen seines alten Freundes Ben, der zum Zeichen seines Kummers leise schnaubte.
Bramble sank neben Edward auf die Knie. »Was ist passiert? Geht es dir gut?« Es war deutlich zu sehen, dass ihre Fragen zwecklos waren.
Er murmelte etwas.
»Was?« Sie beugte sich zu ihm hinab. »Was hast du gesagt?«
Seine Stimme klang belegt und undeutlich. Sie konnte ihn nicht verstehen.
»Ich rufe einen Arzt, und zwar sofort.« Bramble musste sich darauf konzentrieren, die Ziffern richtig einzugeben. Neun. Neun. Neun. »Ist es bei Handys dieselbe Nummer?«
Savannah zuckte mit den Schultern, kauerte sich noch mehr zusammen und hielt die Hand ihres Großvaters.
Bramble bekam kaum Luft, als sie Namen und Anschrift nannte. »Lorenden«, sagte sie, und das gewohnte Wort wirkte beruhigend auf sie. »Hinter Canterbury von der A2 ab. Folgen Sie den Schildern nach Martyr’s Forstal. Da steht zwar eine Meile, aber es sind eher zweieinhalb. Hinter der Eisenbahnbrücke kommt eine Hopfendarre ...«
Selbst Leute, die schon ihr Leben lang hier wohnten, verschwanden manchmal in diesem Bermudadreieck aus Wiesen und Wegen, die erst ständig aufeinandertrafen, um sich dann in dem Flickenteppich aus Weiden, Waldland und Feldern zu verlieren.
Die Stimme wollte unbedingt eine Postleitzahl von ihr hören. Die Ziffern und Buchstaben, die sie seit so vielen Jahren kannte, wirbelten in ihrem Kopf wild durcheinander. Schließlich bekam sie sie doch zusammen und nannte sie mit trockener, geschwollener Zunge. Atmet er?
»Ja.«
Ist er bei Bewusstsein?
»Ich glaube, er versucht, uns etwas zu sagen«, rief sie, denn sie wollte, dass der Krankenwagen augenblicklich käme. »Bitte hören Sie auf zu fragen. Kommen Sie einfach und helfen Sie ihm.«
»Wir brauchen die Antworten«, sagte die Stimme. »Dadurch werden wir nicht später bei Ihnen eintreffen. Wir sind schon unterwegs. Gibt es Zeichen von Gewalteinwirkung?«
»Gewalteinwirkung?« Bramble dachte an das Böse im Nebel, dann an ihre eigenen wütenden Worte am vergangenen Abend. »Ich glaube nicht ...« Ihre Stimme erhob sich zu einem Schluchzen.
»Bitte bewahren Sie Ruhe. Wir können Ihnen nicht helfen, wenn Sie in Panik geraten.«
»Nein.« Bramble zwang sich, langsamer zu atmen, doch ihre Stimme zitterte. »Vielleicht ist er gestürzt. Oder er hat einen Herzinfarkt. Oder einen Schlaganfall. Ich habe einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht. Was kann ich tun?«
Das Gespräch zog sich durch endlose Fragerunden. Blutungen waren keine zu sehen. Durch das tägliche Reiten war er recht fit. Über Schmerzen klagte er nicht. In letzter Zeit war er nicht beim Arzt gewesen – eigentlich hatte er fast nie einen Arzt aufgesucht. Neunundsechzig war er, aber das nahm man ihm kaum ab, denn er konnte immer noch einen vollen Vierzehn-Stunden-Tag durcharbeiten. Die Fragerei zog sich hin, und Brambles Knie wurden allmählich feucht auf dem matschigen Gras, während sie ihr Handy zwischen Kinn und Schulter klemmte und die papiertrockene Hand ihres Vaters hielt.
»Sind Sie allein?«
»Meine Tochter Savannah ist bei mir«, sagte sie.
»Es wäre hilfreich, wenn jemand vor dem Tor stehen könnte«, bekam Bramble zu hören, »damit der Krankenwagen das Haus besser findet.«
»Das lässt sich machen. Wir werden Ihnen von der Weide aus zuwinken. Aber der Zufahrtsweg ist schwer zu finden«, sagte Bramble und versuchte, die bekannte Strecke mit den Augen eines Ortsunkundigen zu sehen: das White-Horse-Pub eine halbe Meile vor dem Haus, die schmale, sich an den letzten Hopfenfeldern entlangschlängelnde Fahrspur, die von einer Buchenhecke verdeckten Wohnwagen für die studentischen Arbeitskräfte auf einer Nachbarfarm und hin und wieder ein Wohn- oder Bauernhaus aus den Steinen der North Downs.
Die bescheidenen Gebäude schmiegten sich in die Landschaft, als seien sie aus ihr herausgewachsen. Es handelte sich um die Cottages, in denen einst die Landarbeiter ihres Vaters gelebt hatten. Inzwischen waren sie verkauft worden. Zwei davon an Londoner Zweitwohnungsbesitzer, die an einem Mittwoch bestimmt nicht anzutreffen wären, und eines an eine entschlossene junge Frau, die bereit war, wochentags mit dem Sechs-Uhr-Zug zwei Stunden zur Londoner Innenstadt zu pendeln. Dann gab es noch die Scheune, die derzeit von einem preisgekrönten Architekten umgebaut wurde, im Moment aber nichts als eine Ruine ohne Dach war.
»Das Haus ist an der Gartenfront von einer langen, hohen Eibenhecke umgeben, die ziemlich zerzaust aussieht«, sagte sie. »Da sind alte weiße Tore. Die stehen offen. Und am Ende der kurzen Kiesauffahrt sieht man dann Lorenden. Das Haus hat eine georgianische Fassade und ist weiß gestrichen. Davor steht eine große Zeder – die Weide liegt genau gegenüber dem Haus, auf der anderen Seite des Wegs.«
Und wieder wurde ihrem Redefluss, der doch zu nichts führte, durch die Stimme Einhalt geboten.
Endlich war die Befragung abgeschlossen, und wie die Stimme behauptete, befand sich der Krankenwagen nur noch ungefähr zwölf Minuten von ihnen entfernt.
Edward Beaumont bewegte sich und stöhnte leise, als seine Tochter auf die Uhr sah.
Bitte komm, bat sie im Stillen den Krankenwagen, zog ihren Pullover aus und schob ihn zusammengefaltet ihrem Vater behutsam unter den Kopf. Bitte komm schnell.
Edward hob den Kopf und streckte die Hand aus. »Felicity.«
»Nein, das ist Savannah, Pa«, redete sie beruhigend auf ihren Vater ein. »Und ich bin Bramble.«
»Felicity«, murmelte er. »Sag Felicity ...« Die übrigen Worte waren gedämpft, als kämen sie aus einer raschelnden Papiertüte. »Ich bin ...«
Savannah kniete sich hin und nahm wieder die Hand ihres Großvaters. »Was ist? Sag es mir.« Sie beugte sich nah zu ihm. »Sag’s mir, Grandpa.«
Mit überraschender Kraft packte er Savannahs Arm.
»Felicity«, murmelte er erneut. Er sagte ein Wort, das sie nicht verstehen konnten. Sie sahen einander an und schüttelten den Kopf. Dann kam ein weiteres Gemurmel, und danach, wieder ganz deutlich, der Name. »Felicity. Sag ihr ...«
Bramble sah, wie sein Augenlicht erlosch.
»Er atmet noch.« Savannah deutete auf seine Brust, die sich kaum merklich hob und senkte, hielt seinem leeren Blick stand und ließ seine erschlaffte, trockene Hand nicht los. Sie sahen, wie sein Mund zuckte, und hörten, wie sein Atem laut zu rasseln begann und langsam verstummte.
Plötzlich fiel Bramble ihr Erste-Hilfe-Kurs ein, und sie fing an, seine Lungen zu bearbeiten. In wilder Verzweiflung presste sie seine Brust nach unten und machte zwischendurch Mund-zu-Mund-Beatmung. Savannah sah ängstlich zu. Der anstrengende Versuch, für zwei zu atmen, zerrte an Brambles Lunge. Und jedes Mal, wenn sie mit Mühe seine Brust zusammenpresste, fühlte es sich eher an, als wollte sie einen Klumpen knorpeliges Fleisch durchkneten.
Doch sie würde nicht aufgeben. Sie glaubte, wenn man nur lange genug durchhielt, würde man schließlich gewinnen. Man musste nur durchhalten und durfte niemals aufgeben. Drücken, drücken. Ein, aus. Drücken, drücken. Ein, aus – auch wenn die Vernunft ihr sagte, dass sie ihn nicht zurückholen konnte.
Eine Frau aus dem Krankenwagenteam, die in einen dicken, erstklassigen Regenmantel gehüllt war, fasste sie sanft an der Schulter und zog sie zurück.
»Er ist von uns gegangen, Schätzchen«, hörte Bramble die Worte über sich mit einem Akzent aus der Gegend von Kent. »Überlassen Sie das uns.«
Für Bramble war der Tod kein Unbekannter. Schließlich war sie Military-Reiterin. Vor sieben Jahren war ihr Ehemann Dom in einen herrlichen Sonnentag hinausgeritten und nie mehr zurückgekehrt. Der Alptraum eines jeden Military-Reiters hatte ihn das Leben gekostet: ein klassischer Sturz, bei dem er sich langsam um die eigene Achse gedreht hatte. Sein Pferd, das eine Spur zu schnell und ein wenig zu früh absprang, war mit der Vorhand zwischen die parallelen Querstangen eines Hindernisses aus Holzstämmen geraten, hatte sich überschlagen und Dom beim Sturz unter sich zermalmt.
Bramble dachte daran zurück, wie sie auf ihren Ritt über dieselbe Geländestrecke gewartet und sich die Zeit zu einer Reihe von Herzschlägen verlangsamt hatte. Sie dachte zurück an den Moment, als sie wusste, dass etwas nicht stimmte, an die Gesichter der Leute um sie herum und daran, dass anscheinend niemand wusste, was genau passiert war. Zuerst hatten die Minuten sich gedehnt, sich dann aber plötzlich komprimiert und waren mit einem fürchterlichen Schlag auf die Realität geprallt. Sie hatte gesehen, wie sich die Zuschauer nach und nach von der Strecke zurückzogen und zu ihren Autos gingen – schweigend und mit ernster Miene, die das taube Gefühl in ihrem eigenen Herzen widerspiegelte. Wie aus weiter Ferne hatte sie gehört, dass die Leute ihr Trost und Hilfe anboten. Und sie hatte nur den Kopf geschüttelt und gewusst, dass sie stark genug war, um zu überleben.
Als sie nun in das reglose Antlitz ihres Vaters mit dem geöffneten Mund und dem nach oben starrenden Blick sah, fragte sie sich, ob sie dieses Gefühl seitdem je abgelegt hatte.
Das Krankenwagenteam bestand aus einem Mann und einer Frau, die beide über Edwards Leiche gebeugt waren. Dann richteten sie sich wieder auf, und der Mann sah auf seine Uhr. »Todeszeitpunkt 8 Uhr 36«, stellte er förmlich fest.
»Wir müssen die Polizei verständigen, Schätzchen«, sagte die Frau, »weil der Tod so plötzlich eingetreten ist.«
Bramble nickte.
Die nächste halbe Stunde verging in einer endlosen Folge eintreffender Autos und umsichtig mit unterdrückter Stimme geführten Gesprächen. Im späteren Rückblick glaubte Bramble sich an einen Streifenwagen und an zwei junge Polizisten in Uniform zu erinnern, außerdem an ein nicht als Polizeiauto erkennbares Fahrzeug und an einen Mann im Anzug, der die meisten Fragen stellte.
Bramble und Savannah hielten sich an der Hand. Doch Savannah war das irgendwie peinlich, sodass sie zum Haus zurückging und Donna erzählte, was passiert war. Bramble bot jedem eine Tasse Tee an, die jedoch alle ablehnten. Schließlich fragte sie der Mann im Anzug, der sich, wie sie glaubte, als Kriminalbeamter vorgestellt hatte, ob alles mit ihr in Ordnung sei. Bramble nickte. Natürlich war mit ihr alles in Ordnung.
»Mir ist nur ein wenig schlecht«, fügte sie hinzu. »Aber das hat nichts zu bedeuten.«
Der Kriminalbeamte richtete ein paar Worte an den Mann vom Krankenwagen, der daraufhin nickte. »Der Krankenwagen wird ... Ihren Vater ... zur Leichenhalle im Krankenhaus mitnehmen«, sagte der Kriminalbeamte freundlich, und Bramble nickte erneut. »Die Todesursache muss gerichtlich untersucht werden, aber eigentlich deutet alles auf einen natürlichen Tod hin. Der Bestatter wird Ihnen sagen, was danach zu tun ist. Hier ist meine Karte.«
Bramble steckte die Karte in die Tasche. Irgendwie hatte das alles keinen rechten Sinn. Untersuchung der Todesursache, Kriminalbeamte, Krankenwagen – das sollte doch ein ganz normaler Morgen werden.
»Haben Sie jemanden, der sich um Sie kümmern kann?«, fragte der Krankenwagenfahrer. »Sie stehen unter Schock. Sie dürfen das nicht so schwer nehmen.«
Bramble sah ihn an, als wäre er nicht klar bei Verstand.
»Ich muss nach den Pferden sehen«, sagte sie. »Meine Tochter und die Pferdepflegerin können mir dabei helfen. Wir werden schon damit fertig, aber ... was könnte den Tod verursacht haben?«
Sie wollte nicht zugeben, dass ihr Vater und sie am Vorabend eine heftige Auseinandersetzung hatten.
»Könnte es ... ähm ... Stress gewesen sein?«
Der Mann sah wieder auf das inzwischen gelblich wächserne Gesicht.
»Man wird eine Autopsie vornehmen. Machen Sie sich darüber keine Sorgen. Edward Beaumont.« Er schüttelte den Kopf. »Tut mir leid. Tut mir wirklich leid.«
Erst da stellte Bramble fest, dass sie ihn kannte. Mike Tubbs. Natürlich, Brian Tubbs Sohn. Brian besserte von Zeit zu Zeit das Dach von Lorenden aus. Die alte Gemeinschaft, in der jeder jeden kannte, war inzwischen sogar auf dem Land aufgegangen in der modernen Gesellschaft mit ihren zentralisierten Einrichtungen, sodass im Notfall aus dreißig Meilen Entfernung Kranken- und Feuerwehrwagen angerückt kamen. Die Frau, mit der Mike zusammenarbeitete, war eine völlig Fremde, eine kräftige, freundlich aussehende Person, die er Glenda nannte.
»Er war in dieser Gegend ein richtiger Held, ganz bestimmt«, sagte Mike zu Glenda. »Er hat so viel für uns Kinder getan, als ich im Pony-Club war. Jeder von uns wollte sein wie er.«
Bramble schlang die Arme um sich. »Ja, er tut immer noch eine Menge für den Pony-Club.« Sie schluckte. »Tat, meine ich.« Zum ersten Mal hatte sie von ihm in der Vergangenheit gesprochen.
»Vermutlich wird es eine gerichtliche Untersuchung geben«, sagte Glenda und rollte die Leiche mit so viel praktischer Erfahrung auf die Trage, dass sie kaum noch ›eins, zwei, drei‹ sagen mussten. »Sie brauchen sich aber keine Gedanken deswegen zu machen. Nach einem Todesfall fällt immer ein Haufen Papierkram an. Haben Sie jemandem, der Ihnen dabei hilft?«
»Ich kann meine Schwester anrufen, danke«, sagte Bramble. »Meine Schwester Helena ...« Die Worte blieben ihr im Hals stecken, und das struppige Gras verschwamm vor ihren Augen. »Sie wohnt in London«, fügte sie hinzu, auch wenn es nicht zur Sache gehörte. »Sie kommt so schnell sie kann.«
Bramble wagte nicht zu weinen, denn sie fürchtete, sie könnte nicht mehr aufhören.
Als Mike wieder am Steuer saß und mit dem Krankenwagen über den Zufahrtsweg zurückfuhr, bemerkte er aus dem Augenwinkel heraus, dass sich links von ihm etwas bewegte.
»Oh verdammt«, sagte er zu Glenda, »so etwas habe ich noch nie gesehen.«
Am Zaun entlangverfolgte Ben, das alte Pferd, in raschem, wenn auch unregelmäßigem Trab das Fahrzeug. Als der Wagen beschleunigte, fiel er in einen eingerosteten kurzen Galopp. An der Ecke machte er halt, schlug mit dem Schweif und stand stocksteif, als wollte er Haltung annehmen und seinem Herrn auf dessen letzter Fahrt die Ehre erweisen.
Das Pferd sah dem Krankenwagen nach, bis er hinter undurchdringlichen Brombeersträuchern verschwand.
»Meinst du, der hat das begriffen?«, fragte Glenda. – »Der weiß Bescheid. Tiere wissen so etwas.«
Glenda öffnete das Handschuhfach, nahm eine Stange Bonbons heraus und bot Mike einen an. »Das ist immer so traurig, nicht?«
Mike gelang es, beim Fahren das Papier abzuwickeln und sich den Bonbon in den Mund zu stecken. »Das ist mehr als traurig. Edward Beaumont hat den Laden zusammengehalten. Ich weiß nicht, wie es ohne ihn weitergehen soll. Wohlgemerkt, er war ein großartiger Mann, aber er hatte keinen einfachen Charakter. Jedenfalls habe ich das gehört.«
»Was meinst du mit ›keinen einfachen Charakter‹?« – »Weiß nicht so genau. Ich war zu jung, um zu verstehen, was da alles passiert ist. Damals haben die Leute noch nicht so viel übereinander hergezogen wie heute. Sie waren loyal.«
Glenda dachte, die Leute seien damals vermutlich genauso wie heute gewesen, behielt ihre Ansicht aber lieber für sich. »Na ja, jeder macht einmal einen Fehler«, sagte sie beruhigend. »Und trotzdem werden solche Sachen durch einen Todesfall in der Familie wieder aufgewühlt.«
»Der stellt alles auf den Kopf«, stimmte Mike ihr zu und stieß gleich darauf einen Schrei aus, weil er urplötzlich eine Vollbremsung machen musste.
Auf einmal war der Nebel wieder da und waberte in dichten weißen Schwaden über die Fahrbahn. Da Mike keine anderthalb Meter weit sehen konnte, verlangsamte er die Geschwindigkeit auf ein wahres Schneckentempo und ließ sich nur durch das Kratzen der Brombeersträucher an den Scheiben leiten. »Verdammt«, knurrte er, »wenn der Nebel etwas damit zu tun hat, ist das bestimmt nicht der letzte Todesfall in dieser Gegend.«
Durch einen Alptraum wurde Helena Harris um sechs aus dem Schlaf gerissen.
Schweißgebadet lag sie im Bett, besiegte jedoch ihre panische Angst und entschied sich aufzustehen, denn schließlich gab es genug zu tun. Schon oft hatte sie sich überlegt, dass es eine Menge Zeit und Arbeit sparen würde, wenn alle ihr Frühstück abends vor dem Schlafengehen einnehmen könnten statt frühmorgens, wenn so viel anderes zu erledigen war.
Für halb zehn hatten sich ein Fotograf und eine Journalistin angesagt. Fabulous Homes wollte einen großen Artikel über ihr Haus bringen. In Gegenwart einer freien Mitarbeiterin von House & Garden hatte Helena einige verlockende Bemerkungen über ihre jüngsten Renovierungsarbeiten fallen lassen: schwarze Böden, schwarz gestrichene Balken und ein moderner Einsatz historischer Farbtöne. Allerdings konnte das Mädchen nur einen Auftrag von Fabulous Homes ergattern, was Helena doch etwas enttäuschend fand. Wie dem auch sei, jede Art von Berichterstattung hielt Helenas Namen in Umlauf, und immerhin bestand die Möglichkeit ... sollte es mit der Schauspielerei einmal nicht mehr so ... na, daran wollte sie lieber gar nicht denken. Aber selbst erfolgreiche Schauspielerinnen mussten auf etwas zurückgreifen können ... und sie könnte sich immer noch einen Namen als Innenarchitektin machen.
Sie brauchte fast eine Stunde, um den richtigen modisch, aber leger wirkenden Look zu finden. Dann überprüfte sie, wie sie von hinten aussah, wählte passende Schuhe aus, entfernte jegliche Schminkutensilien von ihrem Frisiertisch und nahm schließlich das Familienbad in Angriff. Das Haus groß herausbringen zu lassen war mit so verflixt viel Arbeit verbunden, dass sie sich manchmal selbst fragte, ob sich der Aufwand überhaupt lohnte.
Selbstverständlich lohnte er sich, sagte sie zum Spiegel, während sie die Träger ihres babyblauen Seidenmieders einhakte und dafür sorgte, dass die farblich dazu passende Kaschmirstrickjacke schön natürlich fiel. Blau war die Farbe des Geistigen. Außerdem stand sie ihr gut zu ihrem typisch englisch rosigen, dezent gebräunten und ein wenig sommersprossigen Teint. Aber wirkte sie nicht ein wenig unterkühlt? Sie sah hinaus, wie das Wetter war. Rings ums Haus lag dichter, undurchdringlicher Nebel, und plötzlich fühlte sie sich isoliert und aufs Neue verängstigt. Brauchte ihr Haar vielleicht noch einen letzten Schliff? Der strenge Bob, der ihr das Aussehen einer Künstlerin verlieh, war zu ihrem Markenzeichen geworden – wie bei Mary Quant oder Anna Wintour. Allerdings erforderte diese Frisur immer frischen Schwung und tiefen Glanz. Sie warf einen Blick auf die Armbanduhr. Ihr Haar musste genügen, wie es war.
Auch Ollie stand Blau sehr gut. Er besaß ein wundervolles, etwas verwaschenes, leicht ins Lila gehendes blaues Hemd, ganz bauschig und verwegen, in dem er ihr ausnehmend gut gefiel. Seine haselnussbraunen Augen und sein braunes Haar, das er wie die Helden in alten Mantel- und Degenfilmen trug, wurden durch dieses Hemd besonders hervorgehoben.
»Hier, dein Piratenhemd«, rief sie und warf es ihm in das an ihr Schlafzimmer angrenzende Bad. »Du musst hier raus, die Dingsda kommt jeden Moment. Und wir müssen diesen Raum fotografieren.«
»Um Gottes willen.« Oliver Cooper war über die Unterbrechung alles andere als erfreut. Im Bad kamen ihm immer die besten Ideen, und Helena wollte einfach nicht einsehen, dass er nichts zu Papier bringen konnte, wenn er zu Tagesbeginn nicht eine Zeit lang absolute Ruhe und seine Privatsphäre hinter der verschlossenen Badezimmertür hatte. Er brauchte mindestens eine halbe Stunde.
Ollie zog sich rasch an und öffnete die Schlafzimmertür, um zu sehen, wo Helena steckte. Dann lief er die Treppe hinab und hob die Post auf. Mit einem flüchtigen Blick nach oben – für den Fall, dass Helena gerade übers Treppengeländer sah – durchstöberte er die Briefe und steckte zwei davon in die Tasche. Die übrigen ließ er wieder auf die Fußmatte fallen, so als wären sie eben erst eingeworfen worden.
Helena war viel zu beschäftigt, um das mitzubekommen. Sie überlegte, was ihre Kinder heute zu tun hatten. Eddie hatte gesagt, er könnte zu Hause bleiben und lernen, und die Zwillinge würden eben etwas später zur Schule gehen. Sie waren erst fünf und würden nichts Wesentliches verpassen.
»Anja!«, rief Helena nach oben, wo die Kinderzimmer lagen. »Kannst du dafür sorgen, dass alle in Blau-, Weiß- und Cremetönen gekleidet sind? Das sieht edel aus, wenn wir ähnliche Farben tragen.«
Auf der obersten Stufe tauchte das Au-pair-Mädchen auf. »Was ist?«
»Ruby und Roly. Kannst du ihnen etwas Hübsches in Blau anziehen? Oder in Blau-Weiß? Nicht zu schick, ganz leger. Die kleinen Baumwollsweater sehen hübsch aus.« Sie war sich nicht sicher, wie viel Anja verstand. Am besten würde sie selbst hochgehen und sich darum kümmern. »Wenn du willst, dass etwas getan wird, bitte eine vielbeschäftigte Frau darum«, sagte sie leise zu niemand Bestimmtem.
»Eddie, bist du schon aus den Federn?« Sie stieg die nächste Treppe hinauf und versuchte, das Ziehen im Knie zu ignorieren, das durch ein kleines Problem mit dem Knorpel verursacht wurde. Große Londoner Häuser hielten einen fit. Sie klopfte bei ihrem Ältesten an und schob die Tür auf.
Eddie, der wunderbare Eddie, den sie mehr liebte als sonst jemanden auf der ganzen Welt, stützte sich auf die Ellbogen, schüttelte die zerzausten Locken und blinzelte in das plötzliche Licht. Manchmal hielten die Leute ihn fälschlicherweise für Ollies Sohn; also musste Helena sich eingestehen, dass sie auf einen ganz bestimmten Typ Mann flog. Braunäugige, sonnengebräunte Freibeuter oder Zigeuner. Böse Buben. Nicht, dass Tim Harris ein ausgesprochen böser Bube gewesen wäre – eher zu ehrgeizig, um im Geschäft zu bleiben. Und auch Ollie konnte man nicht wirklich als böse bezeichnen, nur als markant genug, um interessant zu sein.
Eddie hatte dunkelbraune Augen mit einem seelenvollen Blick, gesäumt von langen Wimpern und überschattet von kräftigen, dunklen Brauen. Hin und wieder war ihr der Gedanke gekommen, mit solchen Augen hätte er lieber ein Mädchen werden sollen. Doch dann dachte sie jedes Mal, dass er als Mädchen nicht ihr Liebling Eddie wäre.
»Wir sollen heute zu Hause bleiben und lernen, Mum, das weißt du doch.« Er log seine Mutter nur ungern an, doch manchmal ging es nicht anders.
»Gleich kommt ein Fotograf.«
Eddie stöhnte und ließ sich in das dicke, warme Bettzeug fallen. »Warum tust du uns das an, Mum. Weshalb müssen wir ständig fotografiert werden?«
»Nicht ständig, nur ab und zu. Und außerdem ist das wichtig für meinen Job. Mir bleibt nichts anderes übrig, wenn ich auch weiterhin berühmt sein will. Du hast doch sicher keine Lust, nach Earls Court zurückzuziehen und wieder arm zu sein, oder?«
»Würde mir nichts ausmachen«, murmelte er. »Mir hat es da gefallen.«
Ihr ebenfalls, auch wenn es ihr damals nicht bewusst gewesen war. Die quälenden Geldsorgen und das ständige Gefühl, zu kurz zu kommen, sowie die bange Frage, ob etwas aus ihrer Karriere werden würde, hatten sie immer wieder heruntergezogen. Im Rückblick aber schwelgte sie in der Erinnerung an ein bittersüßes Glück. Nur sie und Eddie in der Souterrainwohnung. Der so gut aussehende, so erfolgreiche und so gut gelaunte Tim Harris war damals mit der Doppelbelastung des Vaterdaseins und dem Rausschmiss aus einer bekannten Fernsehserie nicht fertig geworden. Er war nach Hollywood gegangen. Helena und Eddie bekamen nur wenig Post von ihm und überhaupt kein Geld. Sie mussten von der Arbeitslosenunterstützung leben und von einem gelegentlichen Fünfzig-Pfund-Schein, den Edward Beaumont seiner Tochter zusteckte.
Sie und Eddie waren alles füreinander gewesen. Wenn sie zum Vorsprechen ging, übernahm die Polin Katinka aus der Wohnung über ihnen für ein paar Pfund das Babysitten. Zu Partys aber nahm Helena ihren Eddie grundsätzlich hinten auf dem Fahrrad mit. Damals hatte sonst keiner Kinder, und eine Weile wurde ziemlich viel Aufhebens um Eddie gemacht, bis er schließlich auf dem Mantelberg einschlief oder sich mit zugekifften Produzenten und Schauspielern nicht jugendfreie Videos ansah. Manchmal blieb er auch bei dem Großvater, nach dem er benannt worden war.
»Er hat das Zeug zu einem ausgezeichneten kleinen Reiter«, war Edwards Ansicht gewesen, und Helena hatte Eddie eng an sich gedrückt. Niemals, nicht einmal ihren Schwestern gegenüber, hatte sie zugegeben, dass sie Pferde furchterregend und gefährlich fand. Und sie wollte um keinen Preis, dass Eddie sich in diese Welt hineinziehen ließ. Was später Dominic Kelly passiert war, hatte ihr recht gegeben.
Ein paar Jahre lang hatte es so ausgesehen, als könnten Dom und Bramble den Erfolg ihres Vaters in der Military-Welt wiederholen. Einmal hatte Dom sogar in Burghley gewonnen, und Bramble landete am selben Tag auf Platz zehn. Beide waren auf dem Titelblatt von Horse & Hound erschienen, Dom dreimal und Bramble einmal. Man sprach damals von einer ›magischen Partnerschaft‹. Nach und nach hatten sie echte Sponsoren angezogen, und zwei ihrer Pferde galten als außergewöhnlich begabt. Dom war der extrovertierte Typ: ein umtriebiger, tatkräftiger Mann mit offenem Lachen und sicherem Gespür dafür, wie er zu jedem, dem er begegnete, eine enge Beziehung aufbauen konnte. Er ritt, als wären ihm die Höllenhunde auf den Fersen. Hin und wieder tuschelten die Leute, er sei allzu schnell. Er sei sogar offiziell verwarnt worden, behauptete einmal jemand.
Dann war er ums Leben gekommen. Für den Unfall hatte es keinen richtigen Grund gegeben. Es war ein schöner, sonniger Tag gewesen, und die Pferde hatten guten Boden unter den Hufen gehabt. Er war auch nicht abgelenkt worden, weder durch törichte Zuschauer, die ein Blitzlicht an ihrer Kamera aufflammen ließen oder mit einem farbenfrohen Hut winkten, noch durch einen Hund oder ein Kaninchen, die ihm über den Weg gelaufen wären. Die Strecke war zwar eine Herausforderung, entsprach aber durchaus Doms Fähigkeiten. Und eine Untersuchung der Sicherheitsvorkehrungen erbrachte kein Ergebnis, wie ein solcher Unfall sich in Zukunft vermeiden ließe. Für die Military-Welt war es ein tragischer Unfall, der letztlich jedem passieren konnte, und jeder wusste, dass es eines schönen Tages aus einem völlig banalen Grund auch ihn treffen konnte.
Danach ging es mit Brambles Karriere rapide bergab. Sie war nie wieder auf einem so hohen Level geritten, und die Leute fingen an zu tuscheln, dass sie ihr Talent und den Drang zum Erfolg wohl nur Dom zu verdanken hatte. Ohne Dom war sie in der Rangliste deutlich nach unten gerutscht.
Edward hatte daraufhin zu Bramble gesagt, sie solle es sich aus dem Kopf schlagen, bis an die Spitze zu gelangen.
»Du bist eine gute, ruhige Reiterin«, hatte er mit sanfter Stimme gesagt, »und die Pferde vertrauen dir. Du gehst großartig mit ihnen um und bringst sie voran, aber du kannst sie nicht zum Sieg reiten. Deine Vorsicht hindert dich daran. Du denkst zu viel.«
Helena hatte den schmerzerfüllten Gesichtsausdruck ihrer Schwester gesehen, glaubte aber selbst auch, dass ihr Vater recht hatte. Von Anfang an war Helena fest entschlossen, Eddie nicht zu erlauben, sich einer solchen Gefahr auszusetzen. Und sollte das bedeuten, dass sie ihr Leben ändern müsste, damit Eddie nicht so viel Zeit in Lorenden verbrachte – nun, dann würde sie es eben ändern. Eddie ging vor.
Aus diesem Grunde hatte sie einen älteren Mann geheiratet. Er war wohlhabend, unterhaltsam und rücksichtsvoll als Liebhaber, tolerant und freundlich als Stiefvater, und er befand sich in einer einflussreichen Position: ein Banker, der bei mehreren Theatergesellschaften im Aufsichtsrat saß. Helena hatte sich aus Vernunftgründen für ihn entschieden. Er gab ihr die nötige Zeit, ihre Karriere voranzutreiben und Eddie eine sichere Kindheit zu bieten. Es war die richtige Entscheidung gewesen. Doch sie behielt Tim Harris’ Nachnamen bei, denn Helena Harris klang gut.
Acht Jahre später war Helena berühmt, Eddie besuchte ein Internat, und der nette, einflussreiche Goldesel hatte sich in einen schlecht gelaunten Rentner verwandelt, der Golf und Bridge spielen und abends nicht zu spät essen wollte.
Dann hatte Helena im Fitnesscenter Ollie Cooper getroffen, wo er fünfzig Bahnen am Tag schwamm. Sein jüngstes Drehbuch war soeben für einen Oscar nominiert worden. Er war der Sohn von Norman Cooper, dem Schauspieler. Ollie hatte Verständnis für Helenas Lebenssituation. Also drängte Helena ihren ergrauenden Ehemann aus dem Haus in Primrose Hill und ließ Ollie bei sich einziehen.
»Ich bin wie Zsa Zsa Gabor«, trällerte sie auf Partys. »Ich bin eine gute Hausfrau: Ich halte immer an meinem Haus fest.« Nach achtzehn Monaten machte Ollie ihr im Palazzo Gritti in Venedig einen Antrag.
»Beim ersten Mal heiratest du deinen jungen, leidenschaftlichen Liebhaber«, sagte Helena bei ihrer Hochzeit zu Bramble. »Beim zweiten Mal, damit deine Kinder versorgt sind«, zufrieden betrachtete sie ihr cremefarbenes Seidenkostüm, »und beim dritten Mal ... tja, das ist der Richtige. Der Eine.«
»Na, wie auch immer«, sagte Helena in Primrose Hill mit drei Kindern und einem Ehemann, der sich nur widerstrebend für den Fototermin fertig machte. »Wir könnten uns Earls Court heutzutage gar nicht mehr leisten. Sollten wir einmal all unser Geld verlieren, müssten wir nach ...«
Sie schritt durchs Zimmer, um Eddies Vorhänge aufzuziehen, und hob ein paar schmutzige Wäschestücke vom Boden auf, während sie darüber nachdachte, was in London wohl noch bezahlbar wäre.
»Wir müssten nach Catford gehen. Genau. Catford. Du weißt ja, wir haben dich nach deinem Mittelstufenabschluss nur auf dein Versprechen hin, fleißig zu lernen, auf die Tagesschule in London gehen lassen. Also steh auf, zieh dich an, lerne und sei nett zu den anderen.«
»Catford wäre cool«, sagte Eddie. »Und ich kann entweder lernen oder nett sein, beides geht nicht. Das ist einfach nicht möglich.«
Helena musste unwillkürlich lächeln. Sie liebte ihn wirklich sehr.
Es läutete an der Tür. Davor standen der Fotograf Paul und seine Assistentin Tang mit einem Haufen Taschen und Stativen sowie Fi, die Journalistin, die selbst in Schwarz noch pummelig wirkte.
»Was für ein reizender Pulli«, sagte Helena zu Fi. »Ist das Kaschmir? Also wer möchte Kaffee und wer möchte Tee? Kräuter? Koffeinfrei? Grüner Tee?«
»Nur ein Builder’s, danke«, sagte Paul und löste damit leichte Unsicherheit bei Helena aus. Das war bereits das zweite Mal in letzter Zeit, das jemand nach Builder’s gefragt hatte, und einen Moment lang glaubte sie, es handele sich um eine schicke neue Teesorte. War Tee etwa nicht mehr in?
Fi folgte Helena hinunter in die Küche.
Helena erzählte ihr, es wäre eine wichtige Entscheidung gewesen, ob sie alles in Stahl nehmen sollten, vielleicht mit blau lackierten Vorderfronten und einem riesigen amerikanischen Kühlschrank, oder ob es doch lieber etwas zurückhaltender und wohnlicher wirken sollte. Eine Landhausküche war natürlich von vornherein ausgeschlossen. Bloß nichts, was sie an den vollgestopften Geschirrschrank im Stil der Zeit König Edwards und an den alten Herd in Lorenden erinnerte. Helena konnte sich darüber aufregen, wie ihr Vater und Bramble in diesem Juwel von einem Landhaus lebten und absolut nichts daraus machten.
»Ihre Küche ist umwerfend«, meinte Fi. »Ehrlich gesagt, wollten wir Ihr Haus genau deshalb bringen. Ganz schön clever, wie Sie das hingekriegt haben, dass sie so modern und überhaupt nicht nach Küche aussieht.«
»Wir wollten einen Raum haben, in dem die ganze Familie wohnen kann«, erklärte Helena. »Schließlich hat man keine Lust, immer auf das schmutzige Geschirr zu starren, stimmt’s? Und wir wollten natürlich eine Küche, in der gekocht wird. Wir sind nämlich beide ziemlich gefräßig und essen für unser Leben gern.«
»Für unser Leben gern«, notierte Fi. »Und wer kocht? Sie oder Ollie?«
»Ollie ist ein unglaublich talentierter Koch«, erwiderte Helena.
Fi kritzelte aufs Papier, dass Helena Harris trotz ihres Ruhms von charmanter Bescheidenheit war. »Wie genau funktioniert diese Küche denn nun?«
»Nun, selbstverständlich wollten wir nicht die üblichen Schrankreihen und haben uns daher für eine Insellösung entschieden.« Helena drückte auf einen Knopf. »Wie Sie sehen, verbergen sich unter dieser Oberfläche aus rostfreiem Stahl die Spüle und das Kochfeld. Sie gleiten weg, und schon haben Sie eine Frühstückstheke. In geschlossenem Zustand ist nichts davon zu sehen. Und dieses dunkle Holz ist natürlich sehr haltbares Hartholz. Irgendwo habe ich das auch schriftlich.«
»War das teuer?«, fragte Fi. »So etwas interessiert unsere Leser.«
»Oh, ich werde Ihnen den Prospekt des Herstellers geben, da steht alles drin. Wir haben das Ganze ein wenig auf unsere Bedürfnisse zuschneiden lassen.« Außerdem hatten sie Rabatt bekommen – wegen Helenas Namen und der in Aussicht gestellten Werbewirkung. Wenn auch nicht ganz so viel, wie Helena gern gehabt hätte. Raumausstatter waren stets weniger großzügig als Modeläden. Für besondere Anlässe lieh Helena sich gern Designerkleider aus.
Sie führte Fi durchs ganze Haus und wies darauf hin, dass die Tatsache, Kinder zu haben, nicht zwangsläufig bedeuten musste, man könne nicht stilvoll wohnen.
»Alles nur eine Frage der Einstellung und des gut durchdachten Stauraums. Ruby und Roly räumen gern ihr Spielzeug auf und verstauen es in den Küchenschränken, weil es ihnen Spaß macht.«
Das Telefon klingelte, und sie wäre beinahe gar nicht rangegangen.
Es war Bramble.
»Kann ich dich zurückrufen?«, fragte Helena. »In ... sagen wir ... in einer Stunde?« Sie sah Fi an, die nickte. »Ich bin nämlich mitten in einem Fotoshooting.«
In Kent schleppte sich Savannah, gefolgt von Darcy, die Treppe hinauf. Sie zog ihre Zimmertür etwas lauter hinter sich zu, als sie beabsichtigt hatte, und ließ sich aufs Bett fallen. Die Sprungfedern quietschten. Darcy sah sie an und nahm sorgfältig Maß. Erst lehnte er sich gefährlich weit zurück auf die Hinterbeine, schnellte vor und war mit einem Satz neben ihr, wo er sich mit einem tiefen Seufzer häuslich niederließ.
Sie streichelte ihm den Kopf und umarmte ihn.
Er gähnte, blies ihr seinen Hundeatem ins Gesicht, rollte sich zusammen und schlief im Nu ein. Einen Moment lang blickte sie ihn zärtlich an und nahm dann ihr Handy.
»Grandpa tot. Ruf an. xxx S.« Sie zögerte kurz, bevor sie auf Senden drückte. In Druckbuchstaben sah es sehr nüchtern aus, doch war sie sich nicht sicher, ob sie die Worte laut aussprechen wollte.
»Nachricht gesendet.« Savannah ließ den Kopf aufs Kissen sinken und starrte zur Decke. Normalerweise hätte sie die Wahl zwischen Hausaufgaben und den Pferden, aber nichts von beidem kam ihr angemessen vor. Die freien Morgenstunden dehnten sich vor ihr aus.
Als ihr Großvater und ihre Mutter am vergangenen Abend ins Haus gekommen waren, hatte sie gehört, wie sie sich gegenseitig angeschrien hatten. Und als sie nach unten gekommen war, um nachzusehen, was los war, hatte ihre Mutter den Raum verlassen und die Tür hinter sich zugeknallt.
Dass ihre Mutter die Nerven verlor, kam selten vor. Savannah hatte ihren Großvater fragend angesehen, doch er hatte nur geseufzt und den Kopf geschüttelt. Alt und müde hatte er ausgesehen. Und nun war er tot.
Ihr Handy vibrierte, und sie nahm es ans Ohr »Ja?«
»Bist du okay?« Lottie klang erschüttert.
»Ich glaube schon.« Savannah war sich nicht sicher, wie sie sich fühlte, aber es war nett, dass jemand danach fragte.
»Was ist passiert?«
»Er ist auf der Weide einfach umgefallen. Wahrscheinlich hat er nach Ben gesehen oder sonst etwas. Sein Blick war wirklich komisch: Das eine Auge hatte er auf mich gerichtet und mit dem anderen sah er irgendwie zum Himmel. Dann wurde er ganz ruhig und gelb. Es war schrecklich. Er dachte, ich wäre meine Tante, meine Tante Felicity. Irgendwas wollte er ihr noch sagen.«
»Ich wusste gar nicht, dass du eine Tante Felicity hast.«
»Habe ich eigentlich auch nicht. Ich meine, sie ist die Schwester meiner Mutter und so weiter, aber sie ist vor etlichen Jahren von zu Hause weg, und sie lässt auch nichts von sich hören. Na, du weißt schon, nur Weihnachtskarten und so. Normalerweise legt sie mir einen Zwanziger hinein. Also muss sie wohl recht nett sein. Wir sehen sie nur immer im Fernsehen, wenn sie über irgendwelche Kriege berichtet.«
Keine von ihnen war an Krieg oder an Felicity wirklich interessiert, und sie sagten deshalb beide nichts dazu.
»Kann ich zu euch kommen? Nachdem wir heute Abend die Pferde versorgt haben?«
Savannah bekam plötzlich Sehnsucht nach Lotties hellem, heiterem und ordentlichem Zuhause.
»Na klar. Ich frag nur kurz.«
Im Hintergrund ertönte lautes Gezeter, und Lotties Au-pair-Mädchen kam ans Telefon.
»Savannah! Das ist ja schrecklich. Soll ich kommen und dich abholen? Oder braucht deine Mutter dich?«
»Ich glaube nicht, dass sie mich braucht.« Savannah war schon unterwegs die Treppe hinab. »Mum! Kann ich zu Lottie? Die holen mich ab, sobald wir heute Abend mit den Pferden fertig sind.«
Bramble, die gerade die Papiere auf dem Küchentisch durchwühlte, hielt zerstreut inne. »Was ist?«
»Lottie. Kann ich zu ihr?«
»Oh ... ähm ... na ja ... Oh Gott, ich kann nicht mehr denken. Die Pferde. Die Hausaufgaben.« Bramble war vor Kummer ganz grau im Gesicht, und Savannah verspürte Gewissensbisse. Doch eigentlich war ihre Mutter immer viel zu beschäftigt, um ihre Fragen vernünftig zu beantworten.
»Okay. Gut. Wie auch immer.« Bramble griff sich an den Kopf und fing dann an, die Post zu öffnen. »Oh, was ist das alles für ein Durcheinander!«
»Wäre toll, wenn ihr mich abholt«, informierte Savannah ihre Freundin. Und nach einem weiteren, unnötig langen Gespräch darüber, ob Lottie kommen und ihr helfen sollte, die Pferde zu versorgen, vorausgesetzt, ihre Mutter würde nichts davon mitbekommen, legte sie auf. Lotties Mutter Cecily war geradezu besessen von den Hausaufgaben und ließ Lottie jeden Abend zwei Stunden lang den Stoff wiederholen, obwohl ihre Abschlussprüfungen erst in acht Monaten waren.
»Helena wird gerade fotografiert«, sagte Bramble zu Savannah, als diese endlich aufgelegt hatte. »Ich konnte ihr das mit Pa gar nicht sagen.«
»Von wem?« Savannah hob einen Stapel Bücher und Papiere auf, damit sie sich auf einen der Küchenstühle setzen konnte, und wünschte, ihr Hosenbund würde beim Sitzen nicht so kneifen. Sie hätte die Schokoladenkekse gestern Abend lieber doch nicht essen sollen.
Bramble antwortete nicht auf ihre Frage. »Du bist ziemlich blass.«
Savannah war überrascht. Eigentlich machte Bramble nie viel Aufhebens von etwas, und einige ihrer Schulfreunde sagten, sie würden sie um Brambles entspannte Einstellung zu ihrer Mutterrolle beneiden.
»Dir wird wenigstens eine gewisse Unabhängigkeit zugestanden«, war der allgemeine Tenor. »Ich muss immer sagen, wo genau ich mich jede Minute am Tag aufhalte.«
Manchmal fragte Savannah sich, ob Bramble sich überhaupt etwas aus ihr machte oder ob sie tatsächlich nur an die Pferde dachte. Ab und an betrachtete Bramble ihre Tochter wie durch einen Schleier von Erschöpfung, so als fragte sie sich, wer Savannah eigentlich war und wo sie wohl herkam.
Bramble schaute sie an. »Du hast noch nicht gefrühstückt. Iss doch was!«
Savannah sah im Brotkasten nach. Darin lag ein altes Brot mit bläulichen Flecken. Sofort klappte sie den Deckel wieder zu und verspürte leichte Übelkeit.
»Wer hat Helena fotografiert? Vogue?«
»Das hat sie nicht gesagt. Wie wäre es mit einer Scheibe Toast? Mit Hefepaste?« Bramble nahm das Brot aus dem Kasten und merkte offenbar nicht, was damit los war.
»Ich habe keinen Hunger.« Savannah knibbelte an der Nagelhaut und sah aus dem Fenster. Das Leben erschien ihr plötzlich sehr kalt und unsicher.
Fi bekam allmählich einen Krampf im rechten Handgelenk, während Helena sich mit ihrer Einrichtungsphilosophie rühmte.
»Ich mag schlichte Räume mit nur ein oder zwei herausragenden Stücken«, erklärte sie. »Und ich kann nicht widerstehen, mich auf Flohmärkten und in Antiquitätenläden umzusehen. Diese Art-déco-Lampen beispielsweise habe ich in einem komischen kleinen Laden am linken Seineufer gefunden.«
Sie konnte ebenfalls nicht widerstehen, sich in dem Durcheinander von Lorenden umzusehen. Dort gab es eine reizende bronzene Pferdeskulptur, die wunderschön aussehen würde, wenn man sich nur richtig um sie kümmerte und sie in einer schlichten – aber phänomenalen – Umgebung aufstellte.
Skulpturen hatten in letzter Zeit eine wahre Renaissance erlebt, und Helena hatte erst kürzlich ihren Vater gefragt, ob sie die Pferdeskulptur nicht ausleihen dürfte. Ausgerechnet in der Küche stand sie und war nahezu vergraben unter Siegerschleifen, hin und wieder auch unter einem Schal und dem allgemeinen Chaos ringsum.
»Wenn ich tot bin, kannst du sie haben, Missy«, hatte er gefaucht und sie böse angesehen.
Helena hakte sich bei ihm ein. »Oh Pa, rede doch nicht so düsteres Zeug. Ich wollte doch nur wissen, ob ich sie mir ausleihen kann.«
»Du solltest lieber nicht denken«, schnaubte er. »Jedenfalls nicht, wenn dein Denken zu so etwas führt.« Doch er kniff sie liebevoll in die Wange.
Sie hatte seine Gunst wiedererlangt, weil sie sich nach den Pferden erkundigt hatte.
Es sollte Männer geben, die etwas über ihre Enkelkinder hören wollten, dachte sie. Nicht so Edward Beaumont.
»Wie ich höre, sollen wir das Familienfoto zuerst machen.« Paul kam herein, gefolgt von Tang mit den Kameras. »Ihr Mann sagt, er muss an die Arbeit.«
Helena sah, wie Ollie ihr Zeichen gab. »Derzeit sind Blumenmuster angesagt«, fuhr sie fort und hob ein Kissen auf. »Wenn man sie richtig platziert. Weniger ist mehr. Weniger ist mehr«, wiederholte sie ein wenig lauter, »das habe ich immer schon gesagt. Haben Sie das?«
Fi schrieb das in ihr Notizbuch und überlegte sich, ob es für ältere, etwas träge Journalisten nicht vielleicht noch andere Jobs gäbe. Helena verfügte über diese besondere Mischung aus knopfäugigem, sprödem Charme, der einem ganz schön auf die Nerven ging, und der Neigung, einem haarsträubende Komplimente zu machen. Wenn Fi dann tatsächlich darauf reagierte, sah Helena sie erstaunt an, als hätte Fi nicht zu reden, sondern nur Fragen zu stellen. Ob sich unter all diesen Schichten wohl ein echter Mensch verbarg?
Konzentriere dich auf die Blumen, Fi, ermahnte sie sich, und schlug die nächste Seite ihres Notizbuchs auf, während Helena ihre Familie antreten ließ.
»Großartig«, sagte Paul, stellte den Sucher ein und winkte Helena zu sich, damit sie sich selbst davon überzeugte.
Sie konnte ihm nur beipflichten: der schlanke, muskulöse Ollie mit seinem unergründlichen Blick und seinem schulterlangen Haar mit Roly, seinem Miniaturebenbild, der göttliche Eddie und dann natürlich Ruby, die ihr eigenes glattes, exakt geschnittenes Blondhaar und ihren hellen Teint widerspiegelte. Das I-Tüpfelchen auf dem Foto bildete Oscar, ihr entzückender kleiner Shih-Tzu, der wie ein winziger zerlumpter Bettvorleger aussah. Genau das hatte sie sich immer gewünscht: in einem wunderhübschen Heim im Mittelpunkt einer glücklichen, zauberhaften Familie zu stehen.
Savannah spielte mit Darcys seidigen Ohren, während sie auf Lottie wartete. Den ganzen Tag über hatte sie einfach nicht glauben können, dass es noch eine Welt da draußen gab, dass Unterricht erteilt und Pferde geritten werden mussten und dass jeder andere seinen Aufgaben nachging, ohne zu merken, dass sich alles verändert hatte. Hier in der warmen Küche, wo jede freie Fläche mit Kaffeebechern, dem Terminkalender des Hauses, einer Trense, ein wenig Sattelseife, einer Teedose, mehreren ausgespülten Milchflaschen, der Zeitung von gestern und halb leeren, verkorkten Bordeauxflaschen bedeckt war, wo die Stiefel ihres Großvaters vor dem alten Herd standen und seine Tweedkappe auf dem Küchentisch lag, machte alles einen völlig normalen Eindruck. Doch das täuschte.
Wie üblich strömten Leute über den Hof, sperrten bestürzt den Mund auf und drängten Bramble ihre Hilfsangebote auf. Donna brach immer wieder in Tränen aus, wodurch Savannah Schuldgefühle bekam. Sie meinte, sie hätte die Pflicht zu weinen, doch irgendwie ging es nicht. In ihrem Leben gähnte ein riesiges Loch, und sie hatte das Gefühl, als sei es immer schon da gewesen, nur verdeckt. Und plötzlich klaffte dieser furchteinflößende Riss weit vor ihr auf.
Savannah dachte nicht oft an ihren Vater – sie war noch sehr jung gewesen, als er starb. Wäre er hier, würde er sich doch sicher um sie kümmern? Und Bramble. Ihre sonst so tüchtige, geschäftige Mutter, die auf alles eine Antwort parat hatte, ließ sich auf dem Hof umhertreiben wie ein Gespenst. Also blieb einzig und allein Savannah übrig, von der nun alles abhing. Zumindest kam es ihr so vor.
Gelegentlich klingelte das Telefon, und wenn Savannah in Edwards Arbeitszimmer ging und den Hörer abnahm, spürte sie deutlich die Gegenwart ihres Großvaters, den schwachen Duft nach Seife und Zitrone, den Geruch nach altem Mann und Pferd – so als könnte er jeden Augenblick das Zimmer betreten und das Gespräch übernehmen. Sein Schreibtisch war mit Briefen und Ordnern überhäuft, am Telefon klebte eine Notiz »Nicky anrufen«, und auf dem Kaminsims lehnten in Dreierreihen alte Einladungen. Sein Terminkalender war aufgeschlagen.
»Wer ist da?« Bramble kam herein und streckte sogleich die Hand nach dem Hörer aus, als wäre ein Anruf für Savannah so ungewöhnlich, dass es sich gar nicht erst zu fragen lohnte. Am liebsten hätte Savannah gesagt, sie habe auch Freunde, beschloss aber, dass heute nicht der richtige Tag dafür sei.
Es war Barratt’s, der Lebensmittelladen, der einen Auftrag bestätigte. Ob es recht wäre, gegen halb sechs zu liefern?
»Ja, das würde passen«, murmelte Bramble.
Sie seufzte. »Vielleicht sollte ich Pas Verabredungen lieber absagen. Ich weiß, er hatte da so sein System, was ich aber nie durchschaut habe.« Sie machte einen hilflosen Eindruck, wie sie da so mitten im Zimmer stand. »Und es klingt verrückt, aber ich habe nicht den leisesten Schimmer, wie ich Felicity erreichen soll. Arbeitet sie eigentlich für CNN? Oder für die BBC? Ich kann mich erst um die Beerdigung kümmern, wenn ich sie ausfindig gemacht habe, oder?«
Savannah sah keinen Grund dazu. Na ja, eigentlich schon, aber wenn Felicity keinen Wert auf den Kontakt zu ihrer Familie legte, war das schließlich ihre Sache. Sie konnte doch nicht erwarten, dass die anderen alles für sie zusammenhielten.
»Was glaubst du, was Grandpa ihr sagen wollte?«, fragte sie.
Bramble schüttelte den Kopf. »Weiß ich nicht. Ich habe schon so lange nicht mehr mit ihr gesprochen.«
»Sie war nicht mehr hier, seit ich die St Mary’s School verlassen habe«, sagte Savannah. »War es nicht bei Helenas Hochzeit mit Ollie? Weißt du noch, wie sie beim Sektempfang in einem Helikopter aufgetaucht ist und gleich nach dem Anschneiden der Torte wieder entschwand?«
Bramble lächelte geistesabwesend.
»Oh ja, daran erinnere ich mich. Hatte sie nicht einen Kampfpiloten dazu angestiftet, seinen Flug umzuleiten und mit seinem Helikopter eine Notlandung zu machen oder etwas ähnlich Ungeheuerliches? Ich frage mich, was wohl aus ihm geworden ist? Jedenfalls hat sie einen Helikopterflug aus ihm herausgeholt. Es hieß, sie hätte der Braut die Schau gestohlen. Helena war ganz schön sauer.«
Savannah wanderte in die Eingangshalle und sah in den Spiegel mit dem versilberten Rahmen über dem Kamin.
»Hat Grandpa wirklich gedacht, ich wäre Felicity? Ich meine, ich sehe ihr überhaupt nicht ähnlich, habe ich recht? Oder vielleicht sah sie so aus wie ich, als sie in meinem Alter war?« Sie wartete auf die Antwort und hielt den Atem an. Denn wenn das stimmte, wäre es eine sehr, sehr gute Nachricht.
Felicity war schmal und hatte dunkle Augen und haselnussbraunes Haar, das sie mit einem Stift hochgesteckt hatte, sodass man ihren langen, anmutigen Hals sah. Ihr Gesicht war von einigen wenigen Locken umrahmt, die so aussahen, als hätten sie sich absichtlich aus ihrer Frisur gelöst, um ihrem Aussehen zu schmeicheln. Nicht einmal die Drehflügel eines Helikopters hatten vermocht, den für sie charakteristischen Stil einer Bohemien zu zerzausen: die um den Hals gewickelten Ketten und die wirbelnden Röcke in leuchtenden Farben, die bei jeder anderen nur lächerlich gewirkt hätten. Doch für Felicity war dieser Look völlig natürlich. Felicity, die Rebellin. Auch als die Selbstsüchtige bekannt.
Wie jeder in dieser Familie war Savannah mit dem Wissen aufgewachsen, dass die Rollenverteilung der drei Mädchen jeweils wenige Jahre nach ihrer Geburt feststand wie in Stein gemeißelt. Felicity galt als rebellisch und egozentrisch, aber auch als brillant. Nur leider hatte sie ihre Talente vergeudet, da sie nie lange bei einer Sache bleiben konnte. Helena war schön, ehrgeizig und manchmal auch skrupellos. Bramble schien diejenige zu sein, die am wenigsten Probleme machte, die Nette, die sich immer um alle kümmerte. Bramble dachte grundsätzlich das Beste von jedem, konnte jedoch auch erbittert kämpfen, sobald es um die Pferde ging.
