Die Toten vom Petritorwall - Martina Wolff - E-Book

Die Toten vom Petritorwall E-Book

Martina Wolff

0,0

Beschreibung

Der frühere Busunternehmer Wolfgang Bredel wird in seiner Wohnung tot aufgefunden. Norbert Wenger und Gaby Brandt stoßen bei ihren Ermittlungen auf einen Strudel aus Lügen, Missbrauch und Erpressung. Bald geschieht im direkten Umfeld des Opfers ein zweiter Mord. Als die beiden Hauptkommissare schon fast nicht mehr an die Aufklärung des Falles glauben, kommt ihnen der Zufall zu Hilfe. Am Ende muss Norbert Wenger bis in das kleine Dorf Kepino in Niederschlesien reisen, um Antworten auf seine Fragen zu bekommen. Wird es ihm und seinem Team gelingen, die Morde aufzuklären?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 300

Veröffentlichungsjahr: 2020

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Martina Wolff

Die Toten vom Petritorwall

Ein Braunschweig-Krimi

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Impressum neobooks

Kapitel 1

Mai 2018

Wolfgang Bredel betrachtete neugierig das flache Päckchen in seinen alten Händen. Es war schon am Tag zuvor bei ihm angekommen, aber Johannes hatte ihm am Telefon das Versprechen abgenommen, dass er bis Vatertag mit dem Auspacken warten würde. Er schickte ihm immer etwas zu Himmelfahrt. Er war so aufmerksam. Wie man es sich von einem Sohn eben wünschen konnte.

Der alte Mann zog die Schleife auf, die um das Geschenkpapier gewunden war. Der kleine Streifen Tesafilm, der das Papier zusammenhielt, riss dabei ein wenig von der Farbbeschichtung herunter. Freudig sah er seine Lieblingspralinen unter dem Papier hervorlugen, die teuren aus Italien, die Johannes ihm immer mitbrachte, wenn er von seinen Geschäftsreisen kam. Gianduia-Pralinen. Ihm lief das Wasser im Mund zusammen, als er das Etikett las. Italienisch verstand er nicht. Nur dieses eine Wort. Gianduia. Nougat. In dem großen Eiscafé in den Herzog-Arkaden gab es Gianduia-Eiscreme. Manchmal fuhr Wolfgang Bredel dorthin. Nur für das Eis. Oft waren ganze Haselnüsse darin.

Mühselig erhob er sich aus seinem Ohrensessel aus rotem Samt. Seit Jahrzehnten stand er hier am Fenster. Seitdem er mit Ilse in die schöne Altbauwohnung am Petritorwall gezogen war. Die Villa am Zuckerbergweg hatte er verkauft, obwohl Ilse dagegen gewesen war. Aber sie war zu groß geworden, nachdem die Kinder aus dem Haus gegangen waren. Es war das Vernünftigste gewesen, und schließlich hatte Ilse sich fügen müssen.

Er ging in die Küche, um eine Porzellanschale zu holen. Es wäre ihm zuwider gewesen, die kostbare Schokolade aus der Verpackung zu essen. Er wollte die Pralinen bei einer guten Tasse Kaffee und einem Glas Cognac genießen. Mit einem Messlöffel füllte er Kaffeepulver in den Filter seiner Kaffeemaschine und schaltete sie an. Sofort fing sie an, leise zu glucksen. Niemand hatte so guten Kaffee kochen können wie Ilse. Seit ihrem Tod musste ein elektrischer Apparat diese Aufgabe übernehmen, auch wenn Wolfgang Bredel das störte.

Als der Kaffee durchgelaufen war, holte der alte Mann eine Meißner Tasse aus dem Schrank und stellte sie zusammen mit dem gefüllten Cognacschwenker auf den kleinen Beistelltisch neben dem Ohrensessel. Ilse hatte immer Wert auf einen schön gedeckten Tisch gelegt. Das Meißner Porzellan hatte er ihr zur Silberhochzeit geschenkt, die große Feldblume mit zwei Nebenblumen, die sie sich immer gewünscht hatte. Wolfgang Bredel seufzte bei dieser Erinnerung und platzierte die Schale mit den Pralinen zwischen dem Glas und der Tasse. Dann schenkte er sich Kaffee ein. Schwarz mochte er ihn am liebsten. Er setzte sich nieder und legte sich die bunte Patchworkdecke auf die Knie, die ihm seine alte Freundin Wally zu Weihnachten genäht hatte. Draußen waren über zwanzig Grad, aber in seiner Wohnung war es kühl. Die dichten alten Bäume am Petritorwall ließen nur wenig Sonne durch. Obwohl es ihm finanziell gut ging, weigerte er sich beharrlich, nach dem dreißigsten April noch zu heizen.

Er stieß einen wohligen Seufzer aus und griff nach einer der Pralinen. Er betrachtete sie einen Augenblick, um die Vorfreude zu steigern, dann steckte er sie sich in den Mund und ließ sie genussvoll auf der Zunge zergehen. Sie waren einfach unwiderstehlich. Während er die süße Sünde genoss, hörte er draußen im Treppenhaus ein Geräusch. Er lauschte. Jemand schien sich an der Wohnungstür zu schaffen zu machen. Er schlug die Decke zur Seite und stand auf. Verdammt, wann war er so unbeweglich geworden? Obwohl er mit seinen siebenundachtzig Jahren noch schlank und drahtig war, ließen die Kräfte in seinen Gelenken nach, was er nicht verstand, denn er hatte sein Leben lang Sport getrieben. Er wischte den Gedanken wieder weg. Immerhin konnte er noch eigenständig in seiner Wohnung leben, wo viele seiner Bekannten schon einen Platz im Seniorenwohnheim ihr Eigen nannten oder schlimmer, bereits tot waren.

Langsam schlurfte er in den Flur. Hinter der Riffelverglasung der Wohnungstür konnte er schemenhaft einen Mann erkennen, der offenbar versuchte, sich Zutritt zur Wohnung zu verschaffen. Wolfgang Bredel atmete schneller und begann zu zittern. Was wollte der Kerl von ihm? So leise er konnte, ging er zurück ins Wohnzimmer. Er hoffte, dass der Fremde ihn noch nicht gesehen hatte, und ging zu dem kleinen Telefontischchen, wo ein uraltes, aber funktionstüchtiges Telefon mit Wählscheibe stand. Die modernen Dinger mit Tasten und ohne Kabel hatte er noch nie leiden können.

Er nahm den Hörer ab und wählte die erste Ziffer des Notrufes. Weiter kam er nicht. Ein scharfer, spitzer Gegenstand bohrte sich mit voller Kraft in seinen unteren Rücken. Ein unerträglicher Schmerz durchfuhr ihn, und er versuchte, zu schreien. Vergeblich. Seine Beine gaben nach, und er sank zu Boden. Das Messer wurde aus seinem Leib gezogen. Wieder dieser schreckliche Schmerz! Eine für ihn unsichtbare Hand griff seinen noch immer üppigen Haarschopf und riss seinen Kopf nach hinten. Die Klinge des großen Messers, das sich zuvor in seine Rippen gebohrt hatte, wurde nun an seinem Hals angesetzt. Er konnte noch wahrnehmen, wie das scharfe Instrument seine Kehle durchschnitt, und er versuchte vergeblich, mit der Hand den Blutschwall aufzuhalten, der in nicht enden wollenden Strömen aus seiner Halsschlagader gepumpt wurde. Dann kippte sein Körper leblos nach vorn auf den Boden. Dass sein Mörder ihm noch einen Tritt versetzte, um festzustellen, ob er tot war, bekam er nicht mehr mit.

Kapitel 2

Freitag, 27. Oktober 1944

Langsam rumpelte das Pferdefuhrwerk mit dem behäbigen dunkelbraunen Kaltblüter über das regennasse Kopfsteinpflaster des kleinen Dorfes Kampen. Kurt Bremer saß auf dem Kutschbock und blickte grimmig geradeaus. Er war vierzig Jahre alt, und vom Körperbau her mittelgroß und schmächtig, was nicht in seiner Natur lag, sondern eher einer unregelmäßigen Versorgung mit Nahrung geschuldet war. Sein Gesicht war verhärmt, und auf der rechten Wange trug er eine lange, dunkelrote Narbe, ein Andenken an seinen letzten Abend im Schützengraben, wo der Granatsplitter nur knapp sein Auge verfehlt hatte. Das war nun drei Jahre her. Draußen waren es an diesem kalten Oktobernachmittag kaum fünf Grad, und aus dem wolkenverhangenen Himmel über Niederschlesien fiel Sprühregen.

Als die schmale Dorfstraße sich gabelte, zog Kurt Bremer an den langen, schwarzen Lederzügeln, um das Pferd zum Stehen zu bringen. Ein Dorfbewohner, der das offenbar beobachtet hatte, kam mit unverhohlen misstrauischem, aber vor allem neugierigem Blick auf den Fahrer zu.

„Wohin des Weges?“, fragte er ihn.

Dabei spuckte er ein Streichholz, auf dem er zuvor herumgekaut hatte, auf die Straße. Kurt Bremer befestigte die Zügel an einer Stange vor dem Kutschbock, stand mühselig auf und glitt hinunter auf das Pflaster. Dort angelangt, rutschte er mit seinen schweren ledernen Militärstiefeln auf dem glatten Untergrund aus und wäre beinahe gestürzt, hätte der Dorfbewohner ihn nicht in letzter Sekunde festgehalten.

„Danke“, sagte er nur.

Der Mann aus dem Dorf warf einen Blick auf die Ladefläche des Wagens.

„Was bewegt sich denn da?“

Kurt Bremer folgte seinem Blick. In dem Moment kam eine große Schiebermütze unter der grauen Plane hervor. Er lächelte kaum merklich.

„Das ist mein Sohn Heinrich.“

„Wie alt ist denn der junge Mann?“

„Zwölf.“

Kurt Bremer war von der langen Fahrt erschöpft und beschränkte sich auf eine kurze Antwort.

„Ich suche den Hof von Fritz Heckner“, erklärte er dem Dorfbewohner.

„Da müssen Sie hier links runter“, bekam er zur Antwort, „es ist der letzte Hof auf der linken Seite. Gegenüber den Insthäusern.“

Kurt Bremer hob die Hand zum Dank und stieg wieder auf seinen Wagen. Er schnalzte mit der Zunge, und der Kaltblüter setzte sich in Bewegung.

Bald konnte er den Eingang zum Hof erkennen. Ein grünes schmiedeeisernes Eingangstor, das von zwei Backsteinpfosten gehalten wurde, zeigte dem Besucher sogleich, wer hier das Sagen hatte. Auf dem linken Torflügel prangte ein großes, geschwungenes F, auf dem rechten ein H. Ein kräftiger schwarzer Hofhund, der die Fremden bereits lange bemerkt zu haben schien, denn er lief nervös vor dem Tor hin und her, schlug nun lautstark an. Der Lärm des Hundes rief unvermittelt einen etwa sechzigjährigen Mann in dunkelgrauer Arbeitskleidung auf den Plan. „Arko! Sei still!“

Der Hund sah ihn fragend an und trottete dann davon.

„Wohin wollen Sie?“

Der Hofbewohner sah Kurt Bremer nun eher freundlich als misstrauisch an. Dieser deutete wieder ein Lächeln an.

„Ich soll mich hier als Landarbeiter melden. Mein Name ist Kurt Bremer.“

„Warten Sie einen Moment, ich bin gleich zurück.“

Der ältere Mann ging nach rechts und betrat das Herrenhaus. Bremer betrachtete das Gebäude, in dem der Mann verschwunden war. Es musste mehrere hundert Jahre alt sein, war jedoch in einem sehr gepflegten Zustand. Es war verputzt und in einer Mischung aus hellem Beige und Gelb gestrichen. Die Dachziegel waren rostrot und glänzten vom Regen. Im Erdgeschoss nahm er die Haustür aus dunklem Holz wahr, deren Verglasung durch ein grün lackiertes Gitter geschützt wurde. Auch darin hatte ein Kunstschmied die Initialen des Gutsherren eingearbeitet. Links von der Haustür befand sich ein hölzerner Windfang mit einer weiteren Tür. Kurt Bremer konnte Essensdüfte riechen, die aus dem Windfang kamen. Das musste die Gutsküche sein. Der gesamte Hof machte den Eindruck, dass hier ein wohlhabender Grundbesitzer lebte. Auf dem Gelände standen mindestens zehn in einem eckigen Hufeisen angeordnete, teilweise zusammenhängende Gebäude. Kurt Bremer war beeindruckt. Noch nie hatte er auf einem so großen Gut gearbeitet. Die Insthäuser, wie die kleinen Landarbeiterhäuser genannt wurden, gehörten sicher auch dazu. Ob er mit Heinrich in einem dieser Häuser wohnen würde? Er sah sich weiter um. Die Gebäude, die sich an das Herrenhaus anschlossen, waren offenbar die Stallungen und die Scheunen. Auf der linken Seite des Hofes bemerkte Kurt Bremer ein weiteres, nicht ganz so großes, aber nicht weniger gepflegtes Wohnhaus. Auf dem letzten Hof, auf dem er vor dem Krieg als Knecht gearbeitet hatte, war ein ähnliches Haus gewesen. Darin hatten die Eltern des Hofbesitzers gewohnt. Kurt Bremer vermutete, dass es sich auch hier um so etwas wie ein Altenteil handelte.

Der Hofbedienstete kam zurück und öffnete das Tor. „Führen Sie den Wagen auf den Hof! Hinten links ist der Pferdestall, dort können Sie Ihren Gaul unterstellen und ihn mit Futter und Wasser versorgen. Den Wagen lassen Sie erstmal da unter dem Walnussbaum stehen, um den kümmert sich nachher ein Helfer. Ich bin in einer halben Stunde wieder da, dann zeige ich Ihnen, wo Sie wohnen werden. Sind Sie allein?“

Bremer schüttelte den Kopf. „Mein Sohn Heinrich ist bei mir.“

Er deutete nach hinten auf die Ladefläche, wo sein Junge inzwischen aufgestanden war und gerade herunterspringen wollte.

„Nun, dann mal herzlich willkommen! Wir können jede helfende Hand gebrauchen. Viele unserer Arbeiter sind in den Krieg gezogen und nicht mehr zurückgekehrt. Wie ich sehe, haben Sie Glück gehabt.“ Der Mann deutete auf Bremers Narbe. Dieser nickte nur bestätigend.

„Ich heiße übrigens August Joost. Aber alle hier nennen mich nur Gustl. Ich bin der Großknecht und werde sozusagen Ihr Vorarbeiter sein.“

Kurt Bremer lüftete seine alte Feldmütze zum Gruß, packte dann die Zügel seines Pferdes und zog es auf den Hof, gefolgt von seinem Sohn. Während er das Tier in Richtung Stall lenkte, bemerkte er neben der Haustür des Altenteils einen Jungen, der einige Jahre älter zu sein schien als Heinrich. Er war groß und recht gut gekleidet, was Bremer vermuten ließ, dass es sich um den Sohn des Gutsherren handelte. Er sah Heinrich an.

„Der Junge da ist sicher der Sohn der Herrschaft. Mit dem musst du dich gut stellen.“

Heinrich zuckte die Schultern, riskierte aber dann doch einen Blick zu dem Jungen. Kurt Bremer bemerkte, dass dieser seinen Sohn von oben bis unten musterte und dann spöttisch grinste. Verunsichert sah Heinrich seinen Vater an. Kurt Bremer zuckte die Schultern und begann, das Pferd abzuschirren.

„Komm schon, hilf mir! Der Gutsherr wartet nicht ewig auf uns.“

Heinrich nahm seinem Vater das Halsgeschirr aus der Hand, legte es auf den Wagen und breitete die Plane darüber aus, um das Leder vor dem Nieselregen zu schützen. Kurt Bremer führte das Tier in den Stall und versorgte es mit Heu und Wasser. Er rieb es trocken, um es bei dem feuchtkalten Wetter vor Verkühlungen zu schützen. Dann warf er ihm eine Wolldecke über und ging wieder zum Ausgang. Er wollte gerade hinaustreten, als er den Jungen von vorher dabei beobachtete, wie er seinem Sohn auf den Rücken schlug.

„Na, du Hänfling?“, sagte er, „du willst mir doch wohl nicht erzählen, dass du und dein narbengesichtiger Vater uns bei der Hofarbeit helfen wollt! Ihr brecht doch schon zusammen, wenn ihr einen Grashalm gepflückt habt.“

Dabei lächelte er kalt und versetzte Heinrich mit den ausgestreckten Fingern seiner rechten Hand einen so kräftigen Stoß unters Schlüsselbein, dass dieser aufjaulte. Kurt Bremer trat aus dem Stall und sah den Jungen an. Doch dieser schien sich davon nicht gestört zu fühlen.

„Rüdiger! Komm rein, es gibt Kaffee!“, rief eine Frauenstimme aus dem Herrenhaus. Erleichtert nahm Bremer wahr, dass der Junge gemeint war, denn der rannte, ohne sich noch einmal umzudrehen, über den Hof zum Eingang des Gutshauses. Kurt Bremer seufzte. Sein Sohn würde auf diesem Hof kein einfaches Leben haben, das ahnte er. Sehnsüchtig dachte er an die Zeit zurück, als seine Frau noch gelebt hatte. Drei Jahre war es nun her, dass er aus dem Krieg zurückgekehrt war. Er war schwer verwundet worden. Aber die Familie war wieder beieinander, das allein zählte. Es dauerte nicht lange, bis sich ein Geschwisterchen für Heinrich ankündigte. Alle freuten sich auf die Ankunft des neuen Familienmitgliedes, doch wenige Tage nach der Geburt seiner kleinen Tochter Gerda starb ihre Mutter im Kindbett. Auch der Säugling überlebte nicht, und so blieben Kurt Bremer und sein Sohn allein zurück. Der Verlust seiner Frau und seiner Tochter hatte aus ihm einen gebrochenen, schweigsamen Mann gemacht. Jeden Tag vermisste er Hedwig und Gerda mehr. Manchmal wusste er nicht, wie es weitergehen sollte. Er musste sich und seinen Sohn ernähren. So hatte er begonnen, sich als Landarbeiter zu verdingen, weil er Heinrich auf diese Weise in seiner Nähe haben konnte. Er hatte bisher mit seinen Herrschaften Glück gehabt, jedoch konnte er sich nicht daran erinnern, wann er zum letzten Mal gelacht hatte.

Kurt Bremer war müde von der Kutschfahrt, aber er musste noch durchhalten. Gustl Joost war inzwischen aus dem Herrenhaus gekommen und wartete bereits am Eingangstor. Kurt Bremer legte seinem Sohn den Arm um die Schulter. Joost führte sie zu einem der Insthäuser und schloss die Tür auf.

„Das wird fortan eure Bleibe sein. Die Möbel gehören zum Haus, aber ansonsten könnt ihr euch so einrichten, wie es euch gefällt. Packt erstmal eure Sachen aus. Um sechs Uhr gibt es Abendessen, das nehmen alle noch verbliebenen Hofarbeiter mit ihren Familien gemeinsam ein. Kommt einfach herüber zum Tor, ich hole euch dann ab.“

Er lächelte Kurt Bremer und Heinrich freundlich an und verließ das Insthaus.

12. Mai 2018

Hauptkommissarin Gaby Brandt saß an ihrem Küchentisch und hielt sich die Hand vor den Mund, um vor einem nicht vorhandenen Zuschauer ihr Gähnen zu verbergen. Es war zehn Uhr morgens. Sie hatte den Freitagabend nach Himmelfahrt gemeinsam mit ihrem Mann Ekki auf einer Grillparty bei Freunden verbracht. Ekki trank so gut wie niemals Alkohol, denn er achtete als Fitnesstrainer mit eigenem Studio auf eine gesunde Ernährung. Ein Glas Wein hier und da, mehr war nicht drin. Im vergangenen Jahr war er schwer verletzt worden, während sie an einem Mordfall arbeitete, in den er selbst involviert gewesen war. Seitdem nahm er es mit der Gesundheit noch genauer. Aber an diesem Abend war alles anders gekommen. Sie hatten bei ihren Freunden auf der Terrasse gesessen, hatten gegessen und getrunken und freuten sich auf das freie Wochenende, das sie mit Ausschlafen und spätem Frühstücken im Bett verbringen wollten. Doch dann hatte einer der anderen Gäste ein kleines Fass Borkumer Bohntjesopp geöffnet. Er hatte das teuflische Gebräu aus dem Urlaub auf der Ostfriesischen Insel mitgebracht. Es schmeckte köstlich süß, und die in Rum eingelegten Rosinen sorgten dafür, dass der Alkohol noch schneller in den Kopf stieg.

Ekki hatte zunächst abgelehnt, doch dann hatte er sich doch zu einem Probeschluck überreden lassen, was sich als fataler Fehler erwiesen hatte, denn bei diesem Getränk würde sich niemand mit nur einem Schluck bescheiden. Nicht einmal Ekki.

Während er seinen Rausch ausschlief, saß Gaby im Bademantel in der Küche. Sie hatte sich einen starken schwarzen Kaffee gekocht und wollte gerade den ersten Schluck zu sich nehmen, als ihr Diensthandy klingelte. Sie fluchte, denn sie wusste, dass das das Ende ihres freien Sonnabends bedeutete.

„Brandt?“ Sie merkte selbst, wie genervt sie klang, als sie sich meldete.

„Tut mir leid, Gaby, wir haben einen Mordfall, du musst leider dein Frühstück mit deinem Mann abblasen.“

Ihr Kollege Norbert Wenger war ihr in dem einen Jahr, seitdem sie im FK1 arbeitete, ans Herz gewachsen. Sie lächelte. Er war ein guter Ermittler, aber manchmal brauchte er einen kleinen Schubs von ihr, um auf die richtige Spur zu gelangen.

„Ekki liegt ohnehin noch in sauer. Wohin?“

„Petritorwall 13, erster Stock, Bredel.“

Sie legte auf und ging ins Bad, duschte, putzte sich die Zähne besonders gründlich, um ihre Fahne zu verbergen, und zog sich an. Dann lief sie ins Schlafzimmer, in dem Ekki noch immer fest schlief. Er schnarchte laut. Gaby ging zu ihm und küsste ihn auf die Wange.

„Ich muss los, wir haben einen Mordfall.“

Ekki grunzte nur und drehte sich zur anderen Seite. Gaby verließ die Wohnung in der Karlstraße, in der sie seit einigen Monaten mit Ekki zusammenlebte, und setzte sich in ihren kleinen Opel Corsa. Sie hoffte, dass sie nicht von den Kollegen von der Streife angehalten würde, denn sie war sich sicher, dass die letzten Fragmente der Bohntjesopp auch noch durch ihre Blutgefäße waberten.

Als sie am Petritorwall ankam, konnte sie schon von weitem die vielen Streifenwagen erkennen. Sie erblickte einen alten goldfarbenen Peugeot und schmunzelte. Der schlaue Rolf war also schon da. Gaby stieg die Treppe in den ersten Stock hinauf. Rolf-Peter Allershausen, wie der schlaue Rolf in Wirklichkeit hieß, war mit seinen Kollegen aus der KTU noch dabei, die Spuren zu sichern. Deshalb wurde sie von Norbert Wenger im Hausflur empfangen. Um unerwünschte Mithörer musste er sich dabei keine Sorgen machen, denn das Mordopfer hatte allein in der großen Etagenwohnung im ersten Stock gelebt, und im Erdgeschoss rührte sich nichts. Vielleicht war die Bewohnerin nicht zu Hause. Gaby hatte im Vorbeigehen auf dem Türschild flüchtig den Namen einer Frau wahrgenommen.

„Der Tote heißt Wolfgang Bredel. Er war siebenundachtzig Jahre alt und, was

Zutschke auf den ersten Blick feststellen konnte, kerngesund.“

„Und was hat den alten Herrn dahingerafft?“

„Ihm wurde mit einem scharfkantigen Gegenstand die Kehle durchgeschnitten. Die Tatwaffe fehlt.“

Gaby verzog das Gesicht. „Blutige Angelegenheit.“

Norbert nickte. „Das Opfer ist hier in Braunschweig nicht ganz unbekannt. Er war der Gründer von Bredel Busreisen. Das Unternehmen wurde vor zwanzig Jahren mit einem riesigen Gewinn verkauft. Die Wohnung gehört ihm, darüber hinaus ist er Besitzer mehrerer Immobilien in Braunschweig und Umgebung.“

„Wie hast du das so schnell herausgefunden?“

„Der Vater von Klorenz hat bei Bredel als Busfahrer gearbeitet.“

Gaby konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Der Spitzname von Kommissar Klaus Lorenz hatte sich in der Abteilung durchgesetzt, aber sie wusste, dass der Kollege genug Humor hatte, um damit fertig zu werden. „Vielleicht können wir mit Klorenz sprechen. Möglicherweise erinnert er sich an etwas, das sein Vater mal erzählt hat und das mit dem Mord in Zusammenhang stehen könnte“, schlug sie in ihrer breiten Braunschweiger Mundart vor. Norbert lächelte sie amüsiert an. „Manchmal geht wirklich deine Phantasie mit dir durch.“ Er lachte und legte ihr dabei freundschaftlich seine Hand auf die Schulter. Gaby schürzte beleidigt die Lippen.

„Immerhin haben wir im letzten Jahr mit meiner Phantasie die Prinzenparkmorde gelöst.“

„Eins zu Null für dich, Geegee“, gab er lachend zurück, „was wäre das FK1 ohne dich? Ich bin wirklich froh, dass du die Sitte in der Verbotenen Stadt verlassen hast!“

Gaby lachte. „Verbotene Stadt! Das lass mal nicht meine ehemaligen Kollegen in Hannover hören! Und eigentlich müsstest du mich jetzt GeeBee nennen, ich heiße ja seit September nicht mehr Grothewohl, sondern Brandt.“

„Geegee gefällt mir besser. Ich habe mich daran gewöhnt.“ Er zuckte die Schultern.

„Mach, wie du denkst. Meine Freunde sagen auch noch Geegee.“

Jemand räusperte sich an der Tür.

„Wir haben fertig. Alle Flaschen leer. Will sagen: alle Spuren gesichert.“ Allershausen grinste.

Er hatte offenbar schon eine Weile interessiert Gabys Unterhaltung mit Norbert gelauscht. Dieser sah ihn an.

„Irgendetwas Ungewöhnliches?“

Rolf-Peter Allershausen rieb sich nachdenklich das Kinn.

„Abgesehen davon, dass die Tatwaffe fehlt, eigentlich nicht. Aber etwas wundert mich ein bisschen. Ich habe am Boden eine zerbrochene Kaffeetasse gefunden. Auf dem äußeren Tassenboden kann man blaue gekreuzte Schwerter erkennen, Unterglasurmalerei. Das ist das Zeichen der Meißner Porzellanmanufaktur. Die Tasse ist mit mehreren großen bunten Blumen bemalt, Aufglasur, reine Handarbeit. Meißner Porzellan ist mit das teuerste der Welt. Wer sich so etwas leisten kann, hat davon nicht nur eine Tasse. Es sei denn, er hat sie mal als Einzelstück gekauft oder geschenkt bekommen. Aber das kann ich mir nicht vorstellen.“

„Willst du damit sagen, dass das restliche Servi fehlt?“

„Service, Herr Hauptkommissar, mit ce am Ende. Man spricht es Service aus“, korrigierte der schlaue Rolf.

„Klugscheißerischer Fischkopf!“

Gaby fing über Norberts Spruch an zu lachen. Ihr Kollege hatte sich im Lauf der Jahre den drögen Humor der Niedersachsen angeeignet. Man hätte ihn fast für einen Einheimischen halten können, wenn nicht sein unüberhörbarer schwäbischer Akzent gewesen wäre, den er sich vergeblich abzugewöhnen versuchte.

Aufmerksam sah sie zu Allershausen hinüber, der nun seine Ausführungen fortsetzte. „Ich habe die ganze Wohnung nach dem Rest abgesucht. Ich habe nur die eine kaputte Tasse gefunden.“

Norbert sah ihn verwundert an. „Kannst du dir vorstellen, dass jemand einem alten Herrn wegen Meißner Porzellan die Kehle durchschneidet?“

Allershausen zuckte mit den Schultern. „Menschen sind schon für bedeutend weniger Wertvolles ermordet worden. Aber ungewöhnlich ist das schon.“

Im Erdgeschoss ging die schwere hölzerne Haustür auf, und über das Treppenhaus näherten sich Schritte. Gaby packte Norbert und den schlauen Rolf an den Ärmeln, um sie zur Seite zu ziehen, als der Bestatter und ein Mitarbeiter den Zink-

sarg in die Wohnung tragen wollten. Die zwei Männer nickten dem Hauptkommissar und seinen Kollegen zum Gruß zu und betraten die Wohnung des Mordopfers. Gaby und Norbert folgten ihnen, um noch einen Blick auf den Leichnam zu werfen, bevor er abtransportiert wurde.

Sie musste an sich halten, als sie den Toten sah, und hoffte, dass ihr nicht schlecht wurde. Das Opfer war von dem Rechtsmediziner Dr. Christoph Zutschke bereits auf den Rücken gedreht worden. Der Mörder hatte dem alten Mann den kompletten vorderen Hals durchgeschnitten, sodass man Teile der Halsschlagadern und des Kehlkopfes erkennen konnte. Der Parkettfußboden war mit dunklem geronnenen Blut bedeckt. Große Teile des Wohnzimmers machten den Eindruck, als hätte hier eine Viehschlachtung stattgefunden.

Zutschke wandte sich an die beiden Hauptkommissare und hielt ihnen ein Polaroid-Foto unter die Nase, das das Opfer in der Position zeigte, in der es von seiner Putzfrau gefunden worden war. Der Tote hatte merkwürdig verdreht auf dem Bauch gelegen, der Kopf hatte in einem unnatürlichen Winkel vom Hals abgestanden, sodass die klaffende Wunde erkennbar war.

„Das Opfer ist fast vollständig ausgeblutet“, erklärte Zutschke, „die Obduktion wird jedenfalls nicht annähernd so eine Schweinerei wie das hier.“ Er deutete auf die getrocknete Blutlache.

„Kannst du die Tatzeit eingrenzen?“, fragte Gaby.

„Das ist hier auf keinen Fall mehr möglich, dazu muss ich den Toten auf dem Tisch haben. Blut ist bereits eine halbe Stunde nach dem Kontakt mit Sauerstoff vollständig geronnen, das hilft uns erst recht nicht weiter. Bleibt nur noch die Körpertemperatur. Innerhalb von sechsunddreißig Stunden kann man den Todeszeitpunkt relativ genau bestimmen. Die Temperatur von Bredel entspricht in etwa der Umgebungstemperatur, gemessen habe ich zwanzig Grad. Ich kann nur sagen, dass der Tod vor über sechsunddreißig Stunden eingetreten ist. Sonst würden sich Körper- und Umgebungstemperatur signifikant unterscheiden. Bisher konnten wir Rechtsmediziner dann erst wieder zehn Tage nach dem Tod aufgrund der Larvenentwicklung von Insekten versuchen, den Todeszeitpunkt zu ermitteln. Aber dank einiger findiger Wissenschaftler aus Österreich gibt es jetzt ein Verfahren, dass diesen komplizierten Untersuchungsprozess abkürzt. Aber wie gesagt, das geht nur in der Celler Straße. Ich muss dafür Gewebeproben entnehmen.“

Zutschke nickte den beiden Bestattern zu, die den Toten an seinen Gliedmaßen packten, um ihn in den Zinksarg zu hieven. Plötzlich begann Gaby zu würgen. Sie hielt sich die Hand vor den Mund. Dann lief sie in den Flur. Sie öffnete hektisch einige Türen, bis sie das Badezimmer gefunden hatte. In letzter Sekunde gelang es ihr, den Toilettendeckel anzuheben. Dann übergab sie sich. Keuchend und nach Luft schnappend kam sie schließlich zurück ins Wohnzimmer. Sie steckte sich einen Kaugummi in den Mund, den sie in ihrer Hosentasche hatte, und tat, als wäre nichts passiert.

„Alles in Ordnung?“ Norbert legte Gaby besorgt die Hand auf die Schulter. Sie bemühte sich um Haltung, musste sich aber dann ein Taschentuch vor den Mund halten.

„Normalerweise machen mir Tote in diesem Zustand nichts aus“, erwiderte sie, „aber Ekki und ich haben gestern schwer gezecht. Ein Freund von uns hatte in Rum eingelegte Rosinen mitgebracht, ein ganzes Fass voll. Borkumer Bohntjesopp, ein Teufelszeug!“

„Und ich dachte schon, du wärst schwanger.“ Er lächelte.

Gaby sah ihn entgeistert an. „Wie kommst du denn darauf? Ich bin zweiundvierzig, da wird man nicht so einfach schwanger. Ich habe gesoffen, das ist alles.“

Norbert zuckte mit den Schultern. „War nur so eine Idee. Ich finde, du siehst in letzter Zeit ein bisschen blass aus. Vielleicht solltest du doch mal zum Arzt gehen. Wenn es ein Mädchen wird, kannst du es ja Bohntjesopp nennen.“

Sie knuffte ihn in die Seite und lachte.

Eine Weile untersuchten sie noch die Wohnung, um Hinweise auf den Mord zu finden, die der schlaue Rolf möglicherweise übersehen haben konnte. Aber sie wusste, dass sie vergeblich suchten. Der schlaue Rolf übersah niemals etwas.

Kapitel 3

Donnerstag, 15. November 1944

„Wach auf, Heinrich, du musst in die Schule!“

Sanft, aber nachdrücklich rüttelte Kurt Bremer seinen Sohn an den Schultern. Es war bereits fünf Uhr morgens, und der Weg von Kampen zur Volksschule in Deutsch Lauden war lang. Der Junge brauchte morgens etwa anderthalb Stunden, bis er zu Fuß das Schulhaus erreichte. Nun stand der Winter vor der Tür, was den Weg noch beschwerlicher machen würde. Zum Glück war Heinrich hart im Nehmen, dass wusste Bremer. So hatte er ihn erzogen. Er dachte an den verweichlichten Sohn des Gutsbesitzers, der schon wieder erkältet war und von seiner Mutter aufopfernd gepflegt wurde. Kurt Bremer gefiel es auf dem Hecknerschen Gutshof. Der Gutsherr war ein freundlicher Mensch, der seine Arbeiter mit Respekt behandelte. Er hatte sich sofort wohl gefühlt. Noch nie zuvor hatte er in so etwas wie einem eigenen Haus gelebt. Die ärmlichen Unterkünfte, die er bislang gekannt hatte, strahlten nicht einmal ein Mindestmaß an Behaglichkeit aus. Aber das kleine Insthaus, das er nun mit seinem Sohn bewohnte, war anders. Es hatte einen kleinen Eingangsbereich und eine gemütlich eingerichtete Stube mit einem Kohle-ofen. Auch die Schlafräume waren mit kleinen Öfen ausgestattet. Die niederschlesischen Winter konnten kalt werden. Bremers Sohn besaß ein eigenes Zimmer und das Haus hatte fließend kaltes Wasser, ein Luxus, den die Herrin für die Arbeiter gefordert und bekommen hatte. Ida und Fritz Heckner waren der Auffassung, dass Arbeiter, die gut behandelt wurden, mehr leisteten. Damit hatten sie recht, denn auch wenn es im Spätherbst auf den Feldern nicht mehr sehr viel zu tun gab, legte Kurt Bremer sich dennoch ins Zeug, um die Herrschaft zufrieden zu stellen. Er reparierte und wartete die teuren Landmaschinen und versorgte täglich das Vieh, inklusive seines Kaltblüters, den ihm sein letzter Herr für seine treuen Dienste geschenkt hatte. Der Gutsherr war meistens gut gelaunt, und niemals ging er an seinem neuen Landarbeiter vorbei, ohne nach dessen Befinden zu fragen. Dennoch gab es einen kleinen Wermutstropfen. Der Sohn des Herrn, Rüdiger, schien nichts von der Freundlichkeit seiner Eltern mitbekommen zu haben. Manchmal ertappte Kurt Bremer ihn dabei, wie er Heinrich in die Rippen boxte, wenn er sich unbeobachtet fühlte. Er konnte sehen, dass sein Junge die Lippen zusammenkniff, um nicht zu weinen. Obwohl er sein Vater war, griff er jedoch niemals ein. Zu groß war die Angst, in diesem Kriegsjahr seine Arbeit zu verlieren und seinen Sohn nicht mehr ernähren zu können. Heinrich würde sich durchbeißen müssen. Meistens war Rüdiger ohnehin den ganzen Tag nicht da. Er ging aufs Gymnasium in Strehlen, wohin er jetzt vor dem Winter morgens von Gustl mit der Kutsche gebracht und von wo er nachmittags wieder abgeholt wurde. Wenn Heinrich aus der Schule kam, hatte er noch gute zwei Stunden Ruhe vor Rüdiger. Gedankenversunken kochte Kurt Bremer Getreidekaffee für sich und den Jungen und bereitete ihm das Schulbrot zu. So hatte es seine Frau immer getan, und er führte das fort. Ihm war es wichtig, dass sein Sohn nicht mit leerem Magen dem Unterricht folgen musste. Obwohl der Junge die Schule in Deutsch Lauden erst seit zwei Wochen besuchte, fiel ihm das Lernen leicht. Die Umstände waren nicht einfach, denn Heinrich saß mit über vierzig weiteren Kindern dreier unterschiedlicher Klassenstufen in einem Raum. Bremer versuchte ein winziges Lächeln, als sein Sohn die Küche betrat. Er setzte sich an den Tisch und biss hungrig in das Butterbrot, das sein Vater ihm zubereitet hatte. Seit sie das kleine Insthaus bewohnten, hatte der Junge rosige Wangen bekommen und etwas zugenommen. Doch in seinen Augen sah Bremer einen Ausdruck, der zuvor nicht da gewesen war, eine Mischung aus Angst und Schmerz. Er wusste, dass Heinrich nicht von sich aus erzählen würde, was ihm fehlte. Sicher fühlt er sich noch ein bisschen fremd, dachte er, und Rüdiger wird ihm auch ein wenig zusetzen. Bremer beschloss, es auf sich beruhen zu lassen, denn das gute Leben, das sie hier führten, machte solche unbedeutenden Probleme wieder wett.

Nachdem der Junge sich auf den Weg gemacht hatte, räumte Bremer die Küche auf und setzte dann einen Kessel mit Wasser auf. Bevor er seine Arbeit auf dem Hof begann, wollte er noch das Geschirr abwaschen. Er hatte diese Arbeit immer gehasst, aber seit Hedwigs Tod blieb ihm nichts anderes übrig als selbst die Hausarbeit zu erledigen. Ein lautes Dröhnen riss ihn aus seinen Gedanken. Es kam vom Gutshof. Bremer lief zum Stubenfenster, von dem aus er den Hof überblicken konnte. Entsetzt sah er einen Trupp von mindestens zwanzig Wehrmachtssoldaten, die dabei waren, die Landmaschinen auf Lastwagen zu laden. Er ließ das schmutzige Geschirr stehen, rannte aus dem Haus und lief hinüber zum Gutshof. Vor dem Herrenhaus standen Ida und Fritz Heckner. Als Bremer den verzweifelten Gesichtsausdruck seines Herrn sah, erschrak er. So hatte er den immer fröhlichen Mann noch nicht erlebt. Heckner bemerkte Bremer.

„Sie requirieren unsere gesamten Landmaschinen“, sagte er, wobei er versuchte, den ohrenbetäubenden Lärm der Laster zu übertönen, „jetzt müssen wir im nächsten Frühjahr unsere Felder wieder mit Egge und Pflug bestellen.“ Und etwas leiser, so, dass es die Soldaten nicht hören konnten, fügte er hinzu: „Als ob das noch etwas bringen würde! Der Krieg ist doch ohnehin verloren. Wir haben noch Glück gehabt. In anderen Dörfern sind die Maschinen schon vor Jahren abgeholt worden. Ich dachte, die hätten uns vergessen.“

Voll Mitgefühl sah Bremer ihn an.

„Ich kann gut mit Egge und Pflug umgehen“, erwiderte er, „und mein Kaltblüter ist ein erfahrenes Ackerpferd. Wir werden es auch ohne die Maschinen schaffen.“

Dankbar blickte Heckner ihn an.

„Ich bin froh, dass Sie hier sind, Herr Bremer“, sagte er und legte ihm die Hand auf die Schulter. Bremer atmete tief durch. Herr Bremer. So hatten seine früheren Herrschaften ihn nie genannt. Gemeinsam beobachteten sie, wie die Wehrmachtssoldaten wieder in ihre Laster stiegen. Und die Landmaschinen, die Heckner gekauft hatte, weil seine moderne Ehefrau darauf gedrungen hatte, verschwanden in der beginnenden Morgendämmerung.

Sonnabend, 12. Mai 2018

Konzentriert beugten sich Dr. Christoph Zutschke und sein Assistent Dr. Bramann über den kalkweißen Leichnam Wolfgang Bredels. Bramann hatte den toten Körper geöffnet und Gewebeproben entnommen, um nach ungewöhnlichen Substanzen zu suchen, die dort nicht hineingehörten. Interessiert beobachtete Hauptkommissar Norbert Wenger die Rechtsmediziner bei ihrer Arbeit.

„Wie willst du jetzt herausfinden, seit wann er tot ist?“

Dr. Zutschke unterbrach seine Arbeit und sah den Ermittler an.

„Es gibt wie gesagt ein relativ neues Verfahren, um den Todeszeitpunkt von Opfern zu ermitteln, die länger als sechsunddreißig Stunden und weniger als zehn Tage tot sind. Entdeckt wurde dieses Verfahren von einem Zellbiologen und einem Rechtsmediziner von der Universität Salzburg. Diese Wissenschaftler haben herausgefunden, dass sich bestimmte große Proteine im Muskelgewebe von Säugetieren, zu denen ja auch der Mensch gehört, innerhalb eines konstanten Zeitraumes abbauen. Und so ist es heute möglich, den Sterbezeitpunkt eines Opfers auch nach Ablauf von sechsunddreißig Stunden ziemlich genau zu bestimmen. Allerdings ist es wichtig, dass der Tote untersucht wird, ohne ihn vorher zu kühlen, denn das würde den Abbauprozess verzögern und damit das Ergebnis verfälschen. Das Feststellen des genauen Todeszeitpunktes ist sehr wichtig, um Alibis von möglichen Tätern zu bestätigen oder zu widerlegen, aber das weißt du ja selbst am besten. Wir Rechtsmediziner nennen diese Methode das Salzburger Verfahren. Ich habe also jetzt von dem Toten sieben Gewebeproben aus der Skelettmuskulatur entnommen und werde sie nach verschiedenen Proteinen untersuchen. Dann kann ich ziemlich sicher sagen, wann der Tod eingetreten ist.“

„Wann hast du das Ergebnis?“

„Frühestens heute Abend, spätestens morgen früh.“

„Ich danke dir, Christoph. Gib Laut, wenn du fertig bist.“

„Wuff!“, kläffte Zutschke und grinste.

Norbert verließ die Rechtsmedizin und fuhr zurück zur Polizeidirektion. Unterwegs erhielt er ein WhatsApp-Nachricht seiner Lebensgefährten Manuela. War es wirklich erst ein Jahr her, seit sie sich kennen gelernt hatten? Kurz vor der Hochzeit von Gaby und Ekki war sie zu ihm gezogen. Er hatte jeden Tag mit ihr genossen und fragte sich, wie er jahrelang seiner Ex hatte nachweinen können.

Es juckte ihn, Manuelas Nachricht zu öffnen, aber er ließ es bleiben. Er wollte zumindest bis zur nächsten roten Ampel warten. Du bist ein vorbildlicher Polizist, dachte er ironisch. Als er endlich halten konnte, nahm er sein Smartphone in die Hand und öffnete die Nachricht. Seine Erstarrung löste sich erst wieder, als ihm das Hupkonzert hinter ihm klarmachte, dass die Ampel wieder grün war. Mechanisch lenkte er seinen schwarzen Golf zur Polizeidirektion in der Friedrich-Voigtländer-Straße. Auf dem Weg zu seinem Büro begegnete er Klorenz, der Norbert sofort anzusehen schien, dass etwas nicht stimmte.

„Was ist passiert? Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.“

Norbert holte sein Smartphone aus der Jackentasche und öffnete Manuelas Nachricht. Ein Ultraschallbild erschien. Klorenz strahlte.

„Oh, mein Gott, das ist ja wundervoll!“

Norbert schluckte. Jahrelang hatten er und Suse vergeblich versucht, ein Kind zu bekommen. Mit Manuela hatte es nun endlich geklappt. Sie war schon vierzig, er selbst war neunundvierzig. Er hatte nicht damit gerechnet, in diesem Leben Vater zu werden, aber mit ihr würde sein Wunsch nun in Erfüllung gehen.

„Norbert, du hast ja Pipi in den Augen!“

Norbert fing den gerührten Blick seines Kollegen auf. Er holte ein Tempotuch hervor und wischte sich die Tränen ab.

„Ich muss Manuela anrufen“, sagte er heiser. Dann ging er in sein Büro und schloss die Tür.

Als Norbert sein Telefonat beendet hatte, war die Nachricht von seinen kommenden Vaterfreuden bereits wie Lauffeuer durch das Kommissariat gerast. Dafür hatte Klorenz gesorgt.

„Wer von uns beiden ist nun schwanger?“, fragte Gaby grinsend, als Norbert den Besprechungsraum betrat, in dem die ersten Erkenntnisse zum Tod von Wolfgang Bredel zusammengetragen werden sollten.

Er grinste zurück. „Ich muss jedenfalls nicht beim Anblick einer ausgebluteten Leiche kotzen gehen“, konterte er.

„Hoffentlich hat Manuela das Problem nicht!“ Geegee lachte.

„Keine Sorge, sie hat mir gerade gesagt, sie würde während der Schwangerschaft zu Einbruch und Betrug wechseln. Dort macht sie Schreibtischdienst.“

Gaby nickte verständnisvoll. „Das ist sicher besser. Aber ich glaube, ich würde mich langweilen.“

„Das befürchtet Manu auch. Aber Klein Wenger geht vor. Ich will nicht, dass ein durchgeknallter Killer meinen Sohn umbringt.“

„Ist Wolfenbüttel denn so ein gefährliches Pflaster?“

Norbert rieb sich das Kinn.