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Jetzt waren die Menschen fort. Ebenso die Wölfe. Keine Trauernden, keine Trauerwölfe. Nur Bernstein. Sie war die einzige, die letzte Trauerwölfin, die noch hier lebte und den Wald am Leben erhielt. Als Bernstein in ihrem Heimatwald von einem wahnsinnigen Wolf angegriffen wird, stellt sich ihre Sichtweise auf den Kopf - sie hatte geglaubt, der letzte Wolf der Welt zu sein. Woher kam der Fremde, und was hat es mit dem seelenfressenden Monster auf sich, das er kurz vor seinem Tod erwähnte? Bernstein reist ins berüchtigte Kojotenland Runar, um das Rätsel zu lösen und den Seelenfresser zu bezwingen. Dort trifft sie auf die Kojotin Asche, die Bernstein mit ihrer lebensverneinenden Art ein Dorn im Auge ist. Doch je mehr Bernstein in Runar sieht und erlebt, desto mehr wird sie gezwungen, ihre eigenen Werte zu hinterfragen. Ist es richtig, wofür sie kämpft? Für Wolfliebhaber und erwachsene Tierfantasy-Fans - ein mythisches Abenteuer übers Festhalten und Loslassen, über Wiedergeburt und Unsterblichkeit, Freundschaft und Verlust.
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Seitenzahl: 303
Veröffentlichungsjahr: 2026
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»Meinst du, der Tod ist es nicht wert, dass man um ihn kämpft?«
– Asche
TEIL 1 - DER FLUCH DES WOLFES
WIE DIE SEELEN AUS DIESER WELT GEFÜHRT WURDEN
WIE DER WOLF SEINEN FLUCH INS PARADIES BRACHTE
WARUM DER TRAUERWALD VERLASSEN WURDE
WIE DER ALLTAG FORTBESTAND
WIE DIE SONNE SIE INS KOJOTENLAND BEGLEITETE
WIE EIN LEBEN DIESE WELT VERLIESS
WIE DER LETZTE MENSCH SEIN DASEIN FRISTETE
WIE WOLF UND KOJOTE EINE ABMACHUNG TRAFEN
TEIL 2 - KOJOTENLAND
WO DAS TAL SIE HINFÜHRTE
WIE DIE WÖLFE VERBUNDEN WAREN
WO SIE DIE KOJOTEN FANDEN
WIE SIE ZUM GESCHEITERTEN DAIMON WURDE
TEIL 3 - JARO UND DIE ALTEN LEUTE
WER SIE FAND
WIE MENSCH UND KOJOTE SICH FANDEN
WAS STAUBSTADT ZU ERZÄHLEN HATTE
WIE DIE VERFLUCHTE MAGIE ERWACHITE
TEIL 4 - WAS DIE SEELE LERNT
WO DAS UNGEHEUER KLAGTE
WO DER URSPRUNG DES LEBENS LAG
WEN SIE DORT FANDEN
WIE ER DEN FUCHS BERAUBTE
WIE ER ZUM SEELENFRESSER WURDE
WER DIE KOJOTIN WAR
WAS IHNEN GEMEIN WAR
WIE SIE GEMEINSAM DIESE WELT VERLIESSEN
WIE DAS LEBEN UNGERÜHRT WEITERGING
Zuerst gab es nichts als das Feuer. Das immerwährende Feuer, das diese Welt unaufhörlich verschlang. Geboren aus Hass, Groll und Rachsucht, hatte das Feuer alles frühere Leben ausgelöscht.
So brannte es seit jeher, bis schließlich, zu einem Zeitpunkt zwischen irgendwann und niemals, ein mächtiger Fuchsdaimon seinen Weg in diese Welt fand. Die Flammen konnten dem unsterblichen Wesen nichts anhaben. Der Daimon riss das gewaltige Maul auf, rannte und sprang durch die Welt und verschlang das Feuer, nahm es vollständig in sich auf. Durch diese Tat wurde er noch mächtiger, doch nahm er mit dem Feuer auch den Groll allen früheren Lebens in sich auf. Der Fuchsdaimon erschuf daraufhin zahlreiche füchsische Kinder – Kinder, die mit ebendiesem Groll behaftet waren. Sie waren die Ersten, welche die Welt, nun gelöscht und bereit, wieder Leben zu beherbergen, bevölkerten. Alles war neu, frisch, jung; doch mit den Fuchsdaimonen war der Samen desHasses gesät worden. Ein neuer Kreislauf begann. Ein Kreislauf, der von Anfang an mit dem Gewicht des Grolls belastet war. Dies war das Schicksal des neuen Lebenszyklus, und von Beginn an gab es nichts, was dieses Schicksal hätte verhindern können.
Bald kam der Wolf in diese Welt, Daimon des Lebens. Er ließ Pflanzen sprießen, kreierte Wiesen und Wälder und schuf aus Asche seine Nachfahren – die Menschen.
Gemeinsam mit dem Wolf kam der Kojote. Er war der Schatten des Wolfes, Daimon der Veränderung. Er brachte das Chaos und den freien Willen.
Der Lachs belebte die Gewässer, brachte Verstand und Vernunft, der Dachs brachte die Willenskraft, der Igel die Selbsterkenntnis, der Luchs die Intuition. Mehr Daimonen folgten. Sie alle trugen etwas zur neuen Welt bei. Mit einem Mal war sie so lebendig, als hätte das ewige Feuer nie existiert.
Die Kinder des Wolfdaimons pflegten eine besonders enge Beziehung zu den Menschen, sie bewunderten ihre Geschicklichkeit und Intelligenz. Bald taten die beiden Wesen sich zusammen, wanderten, jagten und lebten gemeinsam. Die Menschen wiederum verehrten den Wolfdaimon als Gott, denn als Daimon des Lebens besaß er eine einzigartige Fähigkeit: die Gabe, die Seelen von Toten wieder zurück ins Leben zu holen. Viele Menschen suchten den mächtigen Wolfdaimon auf und flehten ihn an, ihre Verstorbenen zurückzubringen. Von Zeit zu Zeit kam es vor, dass der Wolf besonders gnädig gestimmt war und einem Menschen diesen Wunsch gewährte. Er rief die Seele der kürzlich verstorbenen Person und wies ihr mit seinem Heulen den Weg zurück in ihren aufgebahrten Körper. So war sie wieder mit ihren Liebsten vereint.
Als der Kojote, Daimon der Veränderung, sah, was der Wolf tat, wurde er zornig. Er wollte nicht erlauben, dass die Menschen sich einfach so dem Tod, und damit der Veränderung, entziehen konnten. Er beschloss, die Fähigkeit des Wolfes zu unterbinden. So schuf der Kojote aus Sternenstaub und Überresten verlorener Seelen den Kojotenpfad. Dieser Pfad führt die Seelen aller Verstorbenen in den Dunklen Raum – einen Ort, weit weg von der Welt der Lebenden. Wie der Dunkle Raum aussieht, was sich in ihm verbirgt, dies vermögen nur diejenigen zu beantworten, die den Kojotenpfad bereits gegangen sind.
Seit jenem Tag kann keine Seele eines sterblichen Wesens mehr in dieser Welt verweilen, jede folgt dem Ruf des Kojotenpfades und begibt sich in den Dunklen Raum. Einzig die Seelen der Daimonen, die, sobald ihre vergänglichen Körper sterben, in einem neuen wiedergeboren werden, bleiben in dieser Welt bestehen.
Dieser Mythos gilt als der Ursprung allen Lebens und ebenso als Ursprung der Feindschaft zwischen Mensch und Kojote. Denn der Mensch konnte dem Kojoten nie verzeihen, dass er ihm die Möglichkeit der Rückkehr geraubt hatte.
Der Wolf aber gilt seit jeher als Begründer des Lebens. Schließlich war er derjenige, der das Leben überhaupt erst ermöglichte, nachdem der Fuchs das Feuer verschlungen hatte; derjenige, der die Pflanzen wiedererweckte. Sollte der Wolf die Welt eines Tages verlassen – so heißt es –, wird mit ihm auch alles Leben verenden. So wird diese Welt dann untergehen.
Bernstein träumte von früher.
Von der Zeit, als sie noch ein Welpe war. Sie träumte davon, wie sie gemeinsam mit ihrem Bruder Weißdorn den Trauerwald erforschte. Mit tapsigen Schritten stolperten sie durch Brombeerhecken und dichte Farngruppen, kullerten ins Bächlein, schnüffelten an jedem Grashalm und jedem Stein; sie zwickten sich gegenseitig in den Pelz, tollten auf dem moosigen Waldboden herum, versuchten, die viel zu flinken Eichhörnchen zu erwischen, und fiepten vor Vergnügen über ihre eigenen Fehlversuche.
Der Trauerwald blühte, war üppig, friedlich, freundlich – als wäre er noch nie Zeuge einer Grausamkeit geworden. Für Bernstein und Weißdorn existierten keine Gefahren, keine Sorgen, ihre Welt war perfekt.
Im Traum fühlte Bernstein sich wie damals, naiv und ahnungslos. Und dennoch … dennoch wusste sie, dass die sorgenfreie Zeit bald vorbei sein, dass ihr Bruder bald fortgehen würde. Sie wusste es, aber sie konnte nichts dagegen tun, es nicht verhindern, keinen anderen Weg einschlagen. Natürlich nicht. Was hätte sie schon tun können? Schließlich war das, was bald geschehen würde, längst geschehen. Das Wissen um dieses Schicksal und dessen Unveränderbarkeit stimmte Bernstein traurig.
Während sie herumtollten, spürte sie die gierigen Augen, die sie und Weißdorn beobachteten; spürte die Tötungslust des Wesens, als es näher kam, den heißen Atem auf ihrem gesträubten Pelz; doch ehe das Unausweichliche passieren konnte, war der Traum vorbei.
Mit schmerzenden Gliedern folgte sie der Blutspur, die sich quer durch den Trauerwald zog. Das Reh war anscheinend trotz seiner Verletzung noch weit gekommen. Es hatte Bernstein am Vortag einen kräftigen Tritt in die
Rippen verpasst – sie war daraufhin purzelbaumschlagend einen Hang runtergerollt. Danach musste Bernstein die Hatz abbrechen, um sich zu erholen. Sie war noch keine alte Wölfin, aber auch kein Jungspund mehr, der solch eine Attacke mit einem Ohrenzucken abgetan hätte. Abgesehen davon – Bernstein war der letzte Wolf im Trauerwald, und es gab keine anderen Beutegreifer in der Nähe; niemand, der ihr ihre Beute streitig machte. Also kein Grund zur Überanstrengung. Bestimmt hatte das Reh sich ins Dickicht verzogen, um dort zu sterben.
Dieser dumme Traum. Kein Wunder bin ich in letzterZeit so unaufmerksam, wenn mir ständig dieser Traum im Kopf herumgeistert.
Die Beute zu finden, würde nicht schwer werden. Sie hatte dem Reh ein ordentliches Stück Fleisch aus dem Leib gerissen, ehe es ihr mit seinem kräftigen Huf eine verpasst hatte. Deshalb war es jetzt ein Leichtes, seiner Spur zu folgen, der Blutdunst zog sich durch den gesamten Trauerwald, der Erdboden war rot gesprenkelt. Kein Zweifel: Das Reh war irgendwo im Wald verendet.
Während sie der Blutspur folgte, dachte Bernstein wieder über früher nach, ohne es zu wollen. Diesen Weg, den sie jetzt ging, hatte sie das erste Mal gemeinsam mit Weißdorn erforscht. Den anderen Wölfen und den Trauernden hatte es nicht gefallen, dass die beiden Welpen sich immer so weit von der Anlage entfernten; ihre Mutter hatte sie des Öfteren gerügt, aber Bernstein und Weißdorn konnten nichts dagegen tun – ihre Neugier war zu groß, ihre Entdeckerlust unzähmbar.
Diese Zeit war schon lange vorbei. Trotzdem kamen die Erinnerungen gelegentlich wieder. Oder die Träume, die die Erinnerungen wachriefen.
Wozu?
Nutzlose Erinnerungen, nutzlose Träume.
Aber Weißdorn … Er war jedes Mal so real. Sein Geruch, sein weicher Pelz, seine dünne, schier haarlose Rute; nie war er so real, wie wenn er Bernstein im Traum erschien. Im wachen Zustand konnte sie sich nicht so lebhaft an ihren Bruder erinnern, egal, wie sehr sie es versuchte. Nur im Traum war er lebendig. Nach demAufwachen verblasste die Erinnerung, und der Gedanke an ihren Bruder war nur noch das – ein Gedanke. Ohne Bedeutung. Etwas, das sie mit sich rumtrug, ohne dass es ihr etwas nützte; doch sie war unfähig, sich davon zu lösen. Warum nur war sie nicht in der Lage, etwas loszulassen, was schon so weit in der Vergangenheit lag?
Bernstein trabte die Spur entlang, folgte ihr bis in den dichtesten Teil des Waldes. Hier war der Himmel über den ineinander verwachsenen Baumkronen nicht mehr zu sehen. Die Sträucher verkrallten sich nahtlos zu einer Masse, eine endlose Decke Moos überwuchs den Boden. Der Wald war so dicht, das Leben so maßlos, dass es etwas schier Erdrückendes hatte. Süßliche, holzige, harzige Düfte, gewaltige Vegetation, übermächtig und ohne natürliche Feinde; nichts konnte diesem Ort etwas anhaben.
Je tiefer Bernstein vordrang, desto stärker wurde der Blutgeruch neben den üppigen Walddüften. Das grüne Moos wurde zunehmend rot, schleimige Fäden verlorener Innereien schmückten den Boden. Bernstein empfand bei diesem Anblick Mitleid mit dem Reh. Es wäre ihr lieber gewesen, sie hätte es auf der Stelle töten können, aber ein großes Beutetier ohne Hilfe zu reißen, war schwierig. Große Tiere jagte man normalerweise im Rudel. Es war nicht so, dass das Alleinsein ihr Kummer bereitete. Sie war schon lange allein und daran gewöhnt. Als Trauerwölfin tat sie, was ihre Bestimmung war, ohne sich zu beschweren. Nichtsdestotrotz, in Augenblicken wie diesen – allein auf der Jagd – fühlte sie sich schwer, einsam, leer. Sie war der letzte Wolf in diesem Wald, vielleicht sogar der letzte Wolf auf dieser Welt. Es gab niemanden, der sie unterstützen konnte. Niemanden, der sie überhaupt noch kannte. Niemanden, der sich an sie erinnern würde, wenn sie eines Tages ging. Die Niedergeschlagenheit drohte, sich über ihren Willen zu legen und ihn zu ersticken.
Bernstein schnaubte, schüttelte einmal kräftig den Kopf und verdrängte die schweren Gedanken. Derlei Zweifel konnte sie nicht gebrauchen. Sie zentrierte ihre Aufmerksamkeit auf das Reh, das es zu finden galt, blendete alles andere aus und ging weiter.
Ein unbekannter Geruch mischte sich mit dem metallischen Blutdunst, schwach und schleichend, sodass er Bernstein erst jetzt auffiel. Obgleich der Geruch ihr fremd war, besaß er gleichzeitig etwas Vertrautes, das sie nicht einordnen konnte. Unwillkürlich spannte sie all ihre Glieder an, ihr Herzschlag beschleunigte sich. Auf eine Auseinandersetzung konnte sie gern verzichten, und ihre schmerzenden Rippen waren der gleichen Meinung. Bernstein blieb allerdings keine Zeit, um darüber nachzudenken, denn ihre Nase sagte ihr, dass sie ihr Ziel erreicht hatte. Sie schlüpfte durch eine dichte Wand aus Brombeersträuchern, kam auf der anderen Seite hervor … und da war es. Bernsteins vor Nervosität wild pochendes Herz erstarrte mit einem Stich.
Das, was da lag, war nicht länger als Reh zu identifizieren. Zertrümmerte Knochen, Fellfetzen, Därme und der halbverdaute Mageninhalt des Rehs waren über der Moosdecke einer kleinen baumfreien Fläche verteilt.
Der Tod war Bernstein nicht fremd. Im Gegenteil, als Wölfin sah sie sich täglich damit konfrontiert. Dennoch, die Vorstellung, dass dieser Haufen Modder einen Tag zuvor noch gelebt hatte, war selbst für sie bizarr. Gelebt, geatmet, geblinzelt, einen Herzschlag gehabt, gefressen, getrunken, geschlafen, gefühlt. Es war grotesk.
Der fremde Geruch stieg Bernstein erneut in die Nase – sie hatte ihn schon beinahe wieder vergessen –, und im selben Moment leuchtete ein gelbes Auge zwischen den Farnen auf.
Ein tiefes Knurren erklang, die Büsche um das gelbe Auge herum erwachten zum Leben. Ein halbes Dutzend grünbraune Schlangen schlich aus dem Dickicht hervor und bewegte sich langsam auf Bernstein zu.
Sie wich zurück, wobei sie fast auf den Därmen des Rehs ausrutschte. Die Schlangen wurden schneller und schneller, die erste hatte Bernsteins Vorderpfoten beinahe erreicht. Eine Erkenntnis schoss durch Bernsteins Kopf – das sind keine Schlangen –, da preschte das gelbe Augemitsamt zugehörigem Gebiss hervor. Bernstein riss den Kopf zurück und ein gewaltiger Wolfsschlund flog knapp an ihrer Kehle vorbei. Geistesgegenwärtig drehte sie sich zu ihrem Angreifer um, mit hochgezogenen Lefzen, gezücktem Gebiss und gesträubtem Pelz … und ihre Drohgebärden wurden samt ihrem restlichen Leib zu Stein. Bei dem Anblick, der sich ihr bot, zerflossen sowohl all ihre Instinkte als auch ihr Scharfsinn zu einer Pfütze.
Es war ein Wolf, ohne Zweifel, ein riesengroßer noch dazu. Sein eigentlich weißer Pelz war rosa gefärbt und verklebt, und überall aus seinem Körper wuchsen … Pflanzen? Bernstein konnte noch so häufig blinzeln, das Bild vor ihren Augen blieb dasselbe: Ein Wolf, aus dessen Leib unzählige Ranken wuchsen. Sie krochen aus seinem verfilzten Pelz hervor und bewegten sich, als wären sie zusätzliche Gliedmaßen, die ebenso von seinem Nervensystem gesteuert wurden wie seine Läufe. Einige schlank und fragil, den Körper des Wolfes schier liebevoll umwickelnd, andere dick wie Lianen, aufgerichtet wie Giftschlangen, bereit zuzuschnappen.
Der Wolf drehte sich auf zitternden Beinen langsam zu Bernstein um, als hätte der Angriff von eben ihm alles abverlangt. Als sie seinen Kopf nun klar und deutlich vor sich sah, geschah etwas, was Bernstein einen Atemzug vorher nicht für möglich gehalten hätte: Ihre Verstörung steigerte sich noch.
Sein rechtes gelbes Auge fixierte sie. Aus der linken Augenhöhle hingegen wuchs eine dicke Liane hervor, fett und wulstig wie eine riesige Made, damit drohend, den Schädel des Wolfes zu zerbersten. Das Maul war leicht geöffnet, dampfender Geifer tropfte von den Lefzen hinab. Aus seinem rechten Maulwinkel schlängelte sich eine blutige Ranke hervor, die sowohl Kiefer als auch Zahnstellung des Wolfes auf groteske Weise verschoben hatte. Den Wolf kümmerte es nicht, er schien sich seiner Abnormität nicht einmal bewusst zu sein.
Einen Atemzug lang passierte gar nichts, der Wolf stand nur da, entstellt und zitternd, starrte Bernstein mit seinem einzelnen Auge an. Sie hatte die kurze Hoffnung, dass er gleich an Ort und Stelle tot umfallen würde, da bewegte sich sein entstelltes Maul und er krächzte heiser: »Er kommt … Seelenfresser … tötet alle Wölfe.«
Ehe Bernstein sich darüber Gedanken machen konnte, was der Fremde ihr versuchte mitzuteilen, stürzte er erneut mit aufgerissenem Maul auf sie zu. Sie zischte zur Seite, wich seinen Zähnen aus. Eine seiner Ranken peitschte nach ihr, ein heißer Schmerz zog sich durch ihre Flanke, Bernsteins rechter Hinterlauf knickte ein. Sie unterdrückte ein Winseln, zwang sich, den Lauf zu belasten, und schoss auf den Gegner los. Tollwütig kam er ihr entgegen, sein Gebiss schnappte ebenso gedankenlos drauflos wie seine Ranken peitschten. Fauchend prallten sie aufeinander, bissen sich gegenseitig in die Schnauze, die Läufe, die Brust; versuchten, die Kehle des anderen zu erwischen. Der Fremdling, obgleich unfokussiert, hatte zwei Vorteile auf seiner Seite: sein höheres Gewicht und seinen Wahnsinn. Es gelang ihm, Bernstein auf den Rücken zu werfen und sie zu Boden zu drücken. Sie wand sich, schlug aus, fügte seinem Bauch ein paar kümmerliche Kratzer zu. Der Wolf packte Bernsteins rechten Vorderlauf, direkt unter dem Ellenbogen. Seine Fangzähne bohrten sich fest in ihr Fleisch.
Bernstein jaulte auf, fühlte, dass ihr Knochen jeden Moment zersplittern würde. Sie schnappte nach der Ranke, die aus seiner Augenhöhle ragte – ein pulsierender Muskel, der sich wehrte und wand –, und riss mit einem einzigen kräftigen Ruck daran. Mit einem schmatzenden Geräusch war die Ranke raus aus dem Kopf, ihr Ende mit rötlich-grünem Brei überzogen. Erleichterung schoss durch Bernsteins Leib, als der Wolf ihren Lauf losließ und ein krächzendes Geheule ausstieß. Bernstein spuckte die ausgerissene Ranke auf den Waldboden, sprang auf und rannte los, den Schmerz in ihrem Lauf ignorierend. Dieser Gegner war zu stark, um ihn kopflos zu bekämpfen.
Ich muss nachdenken.
Der Wolf folgte ihr, geifernd, fauchend, bellend, zähnefletschend, peitschend; alles an ihm wollte töten. Bernstein musste Distanz zwischen sich und ihn bringen, um Zeit zu schinden und sich zu überlegen, wie sie den Wolf besiegen konnte.
Er war schnell, schneller, als sie von so einem krank aussehenden Tier erwartet hätte; schon bald hechelte sie lautstark und ihre Zunge hing ihr wie ein nutzloser Fleischlappen zum Maul heraus. Kreuz und quer rannte Bernstein durch den Trauerwald, schlängelte sich im Slalom um die Bäume herum, kroch still durch den hohen Farn, tauchte elegant wie ein Fuchs in die Büsche hinein; alles umsonst, ihr Verfolger ließ nicht locker. Sie äugte nach hinten und sah, wie der Wolf mit seinen Ranken alles in Reichweite niedermetzelte, während er vorbeirannte. Moos, Laub und Geäst flogen nur so herum.
Und als Nächstes meine Innereien. Schöne Aussichten.
»Verschlingt alle!«
Bernstein zuckte zusammen, als die Stimme des Wolfes erneut ertönte.
»Alle Seelen! Verschlingt alle Seelen! Kojote! Wo ist der Kojote! Wo ist er!«
»Die Kojoten sind mir gerade ausgegangen«, keuchte Bernstein.
Es hatte keinen Zweck mehr wegzurennen, ihre Ausdauer war erschöpft und der Wolf ließ sich nicht abschütteln. Also jetzt oder nie. Bernstein blieb abrupt stehen, drehte sich um und riss das Gebiss auf. Der Wolf rannte geradewegs auf sie zu, und seine Kehle landete direkt in Bernsteins Maul. Sie packte zu, mit aller Kraft, die sie besaß, körperlich und geistig, nicht gewillt loszulassen, solange diese Abnormität noch auf allen vieren stand. Die Ranken aus dem Körper des Wolfes peitschten unwillkürlich in alle Richtungen, erwischten Bernstein einige Male schmerzhaft präzise: ein Hieb in die Rippen, ein Hieb an die Läufe, ein Hieb in den Nacken, ein besonders schmerzhafter Hieb ans Ohr. Bernstein blieb unbeugsam, drückte die Kiefer zusammen; drückte, drückte, drückte, drückte, krack. Die Kehle des Wolfes gab nach, knackend wie ein morsches Holzbrett, weich wie ein pulsierendes Herz. Der schwere Körper sank zusammen.
Bernstein blickte auf ihn herab, in sein einzelnes Auge. Sie wollte nicht, dass er sich in den letzten Augenblicken seines verfluchten Daseins allein fühlte.
»…eelen…esser«, japste er, sein Auge starrte flehentlich zu Bernstein hoch. »…ojo…te. Tötet alle …eelen.«
Tötet alle Seelen? Kojote? Seelenfresser?
Bernstein horchte darauf, ob der Wolf noch etwas sagen würde, doch sein Auge war matt geworden, sein Körper ohne Anspannung; die Seele hatte den kranken Körper verlassen.
Bernstein senkte den Kopf, schloss die Augen und sang leise ein Trauerlied für den Wolf.
Sie humpelte den gesamten Weg durch den Wald zurück zur Anlage, ihren rechten Lauf angewinkelt – da, wo der Wolf sie unter dem Ellenbogen erwischt hatte. Er begann bereits anzuschwellen, und Bernstein hoffte, dass der Wolf sie nicht angesteckt hatte mit … mit was auch immer er befallen gewesen war. Im Maul trug sie eine Keule des Rehs, das größte zusammenhängende Stück des zerfetzten Tieres, das sie hatte finden können.
Bernstein atmete auf, als sie nach ewiger Humpelei endlich das Gebäude erblickte. Die Anlage der Trauernden war ein großer, grauer, eckiger Steinklotz. Im Grunde ein Fremdkörper in diesem Wald, und doch war er das, was den Wald überhaupt erst lebendig machte. Die Anlage stand an einer lichten Stelle in der Nähe des Waldrandes. Sie war absichtlich an einem Ort gebaut worden, wo die Menschen mit ihren Fahrzeugen problemlos hinkamen, um Vorräte zu liefern: Essen, Medizin, Kleidung, Werkzeuge; aber auch Dinge, die sie für die Wölfe benötigten, wie Milchpulver, Spritzen, Utensilien für ihre Forschungen und das ganze Zeug.
Jetzt waren die Menschen fort. Ebenso die Wölfe. Keine Trauernden, keine Trauerwölfe. Nur Bernstein. Sie war die einzige, die letzte Trauerwölfin, die noch hier lebte und den Wald am Leben erhielt.
Sie hinkte über das Gelände, vorbei am großen Gehege. Es machte einen beträchtlichen Teil der Anlage aus, doch es erfüllte schon lange keine Funktion mehr. In seinem Innern hielten sich keine Wölfe mehr auf. Das Gras stand inzwischen so hoch, dass es Bernstein fast überragte, die Gitterstäbe waren vollständig von Rost und Efeu ummantelt. Bernstein ging um das Gehege herum und erreichte den Eingang des Hauptgebäudes. Neben der Tür kletterten leuchtend rote Jungfernreben hinauf und schmückten das monotone Grau. Der Wald verleibte sich alles ein. Wie lange noch, bis die ganze Anlage von Reben, Winden und Efeu überdeckt sein würde?
Sie warf einen Blick auf den kleinen Hügel Moos direkt neben der offenen Stahltür. Vor geraumer Zeit hatten hier die Kadaver zweier Trauerwölfe gelegen. Jetzt waren sie von Moos bedeckt, von ihren Leibern darunter war wahrscheinlich nicht mehr allzu viel übrig. Japsis und Ginkgo. Wie jeden Tag sagte Bernstein die Namen der beiden in ihrem Kopf auf, um sie nicht zu vergessen, wozu auch immer das gut sein mochte. Bernstein fühlte sich verpflichtet, die Namen in ihrer Erinnerung festzuhalten. Wer sonst würde sich an die beiden erinnern? Japsis und Ginkgo. Zwei alte Trauerwölfe. Alle waren sie alt gewesen. Es hatte seit Langem keinen Nachwuchs mehr gegeben indieser Anlage. Bernstein und Weißdorn – sie beide waren der letzte Wurf gewesen, ehe die Trauernden mit der Zucht aufhörten.
Der ursprüngliche Plan der Trauernden war es gewesen, Wölfe zu züchten, die den Wolfdaimonen aus dem Mythos ähnlich waren. Wölfe, die es vermochten, Pflanzen wachsen zu lassen und das Leben zu fördern. Sie paarten Wölfe miteinander, die Magie besaßen, selbst wenn es nur ein Hauch war. Die Theorie, dass die Welpen mit jedem Wurf mächtigere Magie besitzen würden, ging in der Praxis allerdings nicht auf. Stattdessen schien es reiner Zufall zu sein, ob ein Welpe über Magie verfügte oder nicht.
In den vergangenen Jahren waren immer weniger Menschen der Organisation der Trauernden beigetreten, und viele ehemals überzeugte Mitglieder waren desillusioniert und verließen die Trauernden; die Ressourcen gingen nach und nach zur Neige. Letztendlich stellten die verbliebenen Mitglieder die Zucht ein und lebten hier mit den letzten Trauerwölfen ein ereignisloses Leben, abgeschirmt vom Rest der Welt. Für Außenstehende musste es wohl wie eine wunderliche Gemeinschaft alter Menschen und Wölfe aussehen; für Bernstein war es alles, was existierte. Nein, nicht alles, was existierte – nur alles, was von Bedeutung war. Jetzt war der Rest ihres Rudels tot, die Trauernden waren tot, nur Bernstein konnte dafür sorgen, dass der Trauerwald gesund blieb und gedieh, dass das Leben fortbestand. Dieser Aufgabe würde sie nachkommen, egal, welche Hindernisse sich ihr in den Weg zu stellen versuchten.
Allerdings, dachte Bernstein, als ihr rechter Lauf sich pochend meldete, ein Wolf, aus dessen Leib Ranken wucherten, war schon ein beeindruckendes Hindernis. Als ob ein normaler Wolf allein nicht schon ein genügend großer Schock gewesen wäre.
Ein Wolf.
Die vollständige Klarheit darüber, was vorhin geschehen war, hatte sich auf dem Rückweg zur Anlage schleichend in Bernsteins Gehirn vorgearbeitet; gleich einem Tautropfen, der träge an einem Blatt hing, nicht gewillt loszulassen und sich in den Abgrund zu stürzen. Jetzt war es so weit, der Tropfen der Erkenntnis fiel, und Bernsteins Verstand stürzte in den endlosen Abgrund.
Ein Wolf. Ein lebendiger, wenngleich wahnsinniger Artgenosse war in den Trauerwald eingedrungen und hatte versucht, Bernstein zu töten. Aber warum?
Sie ging durch die offene Tür des Hauptgebäudes und betrat den kühlen Plattenboden. Ihre Krallen klackerten durch das Humpeln mehr als sonst auf den Platten, und das Geräusch warf einen schwachen Hall durch die verlassenen Räumlichkeiten.
Seelenfresser.
Bernstein betrat die Küche. Riesige Plastiksäcke voller Trockenfutter verstreuten ihren Inhalt über den Boden, es gab niemanden, der sich daran hätte stören können. Das Futter war alt, aber lange haltbar. Gewöhnlicherweise erjagte Bernstein sich ihr Fressen selbst, aber in Notfällen begnügte sie sich mit den Unmengen an Vorräten. Nachdem sie die Keule des Rehs abgenagt hatte, verschlang sie zusätzlich eine Ladung Trockenfutter, eine Spezialrezepturder Trauernden. Sie hatten in der Vergangenheit mit verschiedenem Hundefutter experimentiert, um eine Mischung herzustellen, die speziell auf die Wölfe abgestimmt war und all ihre Bedürfnisse abdeckte.
Kojote.
Nachdem ihr gröbster Hunger gestillt war, verließ Bernstein die Küche und hinkte in den Aufenthaltsraum; vorbei an der Truhe mit dem alten, seit Langem unbenutzten Welpen-Spielzeug und dem massiven Holztisch, auf dem eine schlichte Vase stand (die Blumen darin längst verholzt, das faulige Wasser vor Jahren verdunstet). Sie trottete zu der löcherigen Stoffmatte, ließ ihren müden Leib drauf fallen und fühlte sich dabei wie ein kranker Baum, die Wurzeln verfault, der schwere Körper ohne Halt – kraftlos, leblos, nutzlos.
Mit müdem Blick musterte sie die Wand gegenüber. An ihr hing die Malerei eines weißen Wolfes mit gelben Augen, umgeben von prächtigen Blumen und Grünpflanzen. Der Name des Wolfes war Germer, er hatte vor Bernstein in dieser Anlage gelebt. Sie hatte ihn nie getroffen, kannte lediglich seinen Namen und die Geschichten, die über ihn erzählt wurden. Er musste ein mächtiger Wolf gewesen sein, ein seltener Erfolg für die Trauernden. Andernfalls hätten sie wohl kaum dieses verschnörkelte Gemälde von ihm angefertigt. Eines Tages verließ Germer die Traueranlage und ging auf eine Mission. Eine unmögliche Mission, wie es Bernstein schien. Denn ganz offensichtlich war sie gescheitert. Sie musste gescheitert sein, andernfalls hätten all diese Lebewesen … und Weißdorn … nicht so leiden müssen.
Augenverdrehend wandte Bernstein sich von der Malerei ab. Als Welpe war sie ganz begeistert davon gewesen. Bereits während es gemalt wurde und auch noch eine lange Zeit danach – sie hatte es geliebt, vor dem gewaltigen Gemälde zu sitzen und es zu bestaunen. Aber inzwischen langweilte sie das Bild nicht nur, es erschien ihr auch zunehmend kitschig und utopisch. Die übertrieben grellen Farben, die Üppigkeit, der pompöse vergoldete Bilderrahmen. Es war absurd. Nichts in der Wirklichkeit sah so aus. Alles an dem Bild wirkte falsch.
Bernstein schloss die Augen, fühlte das stetige Pochen ihrer Bisswunde und lauschte ihrem eigenen Atem, um sich von den lauten Gedanken abzulenken, die sich in ihren Verstand drängelten.
Das Geröchel des Wolfes, kurz bevor er starb, schlich sich wieder in ihren Kopf.
Seelenfresser.
Warum hat er das gesagt?
Verschlingt alle.
Warum hat er das gesagt?
Tötet alle Seelen.
Warum hat er das gesagt?
Kojote.
Seelenfresser!
Seelenfresser!
»Warum hat er das gesagt!«, fauchte Bernstein den einsamen Aufenthaltsraum an, der keine Antwort für sie hatte.
Ein Dutzend Bienen stach sie in den Kopf, sie kniff Augen und Zähne zusammen. Warum machte es sie so wütend, über das alles nachzudenken? Sie versuchte, ihre Gedanken zu ordnen, doch es waren zu viele. Zu viele Gedanken, zu viele Informationen, zu viele Komponenten, die keinen Sinn ergaben, alle auf einmal, alle an einem Tag. Es gab also tatsächlich noch Wölfe außerhalb des Trauerwaldes (sofern dieser wahnsinnige nicht der letzte gewesen war). Und die Ranken, die aus seinem Leib gewachsen waren, als wäre er ein außer Kontrolle geratener Daimon. Außerdem, was sollte das mit diesem Seelenfresser?
Bernstein schnaubte. In Ordnung, vergiss, was dieser Wolf gesagt hat, er war von Sinnen.
Aber er hat die Kojoten erwähnt …
Dieses ganze Durcheinander, die ganze Unlogik, die Erwähnung der Kojoten – dieser Wolf war ohne Zweifel aus Runar gekommen. Dem Kojotenland.
»Bernstein, du bist jetzt wohl der allerletzte Wolf. Das heißt, diese Welt ist auf dich angewiesen.«
Ein Stich in der Brust brachte ihr diese Erinnerung. Richtig. Einer der Trauernden hatte das irgendwann mal
zu ihr gesagt. Bernstein kramte in ihren Erinnerungen nach seinem Namen. Jakub. Jakub hatte das gesagt. Er war einer jener Trauernden, die die Organisation verließen, als sie keinen Sinn mehr darin sahen, weiterhin Wölfe zu züchten. Jakub war damals mit zwei anderen fortgegangen – Soley und Maya. Sie sahen ihre Mission, ihr Lebenswerk, als gescheitert an und verschwanden.
Du bist jetzt wohl der allerletzte Wolf.
Jakub hat sich geirrt. Was für eine Enttäuschung. Natürlich hatte Bernstein diesen Worten nie vollständig Glauben geschenkt, sie wusste um die dramatische Ausdrucksweise ihrer menschlichen Genossen. Dennoch, die Wölfe starben aus, das war kein Geheimnis. Niemandwusste, warum das passierte, nur, dass es in vielen Teilen der Welt immer weniger Wölfe gab.
Und währenddessen versinkt Runar in Kojoten, ganz toll.
Vielleicht hatte Jakub wirklich geglaubt, dass außer Bernstein kein Wolf mehr übrig war auf dieser Welt. Jedenfalls keiner, der die Fähigkeit dazu besaß, das Leben zu erhalten. Bernstein war nicht der letzte Wolf gewesen, das zumindest wusste sie jetzt mit Sicherheit. Viel mehr aber nicht.
Seit der Attacke des fremden Wolfes waren drei Tage und Nächte vergangen. Bernstein hatte die Wunde, die er ihr beigefügt hatte, lange und sorgsam geleckt, doch sie machte keine Anstalten, zu verheilen. Sie blutete nicht, bildete keinen Schorf, die Schmerzen wurden weder milder noch schlimmer. Kein kranker Geruch ging von ihr aus, und trotzdem hatte Bernstein das Gefühl, dass sich in ihrem Innern etwas ausbreitete. Sie bildete sich ein, so etwas wie dunklen Rauch um die Wunde herum wahrzunehmen. Dies war allerdings äußerst unlogisch – es musste eine Sinnestäuschung sein, ausgelöst durch den verstörenden Vorfall mit dem wahnsinnigen Wolf. Oder steckte mehr dahinter? War es das Werk der Kojoten? War dies ihre Art, die Wölfe endgültig auszulöschen? Der kranke Wolf hatte angestrengt versucht, ihr etwas mitzuteilen.
Seelenfresser.
War es möglich, dass Germers Mission damals doch geglückt war? Selbst wenn der Wolf in seinem Wahn einfach nur noch hirnrissiges Zeug geredet hatte, sie musste dem nachgehen. Seelenfresser. Dieser Ausdruck klang zu verdächtig, als dass sie es einfach ignorieren konnte. Falls Germer es damals wirklich geschafft hatte, dann war es nur logisch, dass die Kojoten einen Gegenangriff starteten. Schließlich wollten sie das Fortbestehen der Seelen um jeden Preis verhindern.
In den letzten Tagen war ihr immer wieder eine Erzählung aus den Mythen durch den Kopf gegangen. Darin ging es um die Rivalität zwischen einem Wolf und einem Kojoten – Kinder der Ersten Daimonen. Sowohl die Urdaimonen als auch ihre Daimonenkinder wurden stets wiedergeboren und waren dadurch quasi unsterblich. Der listige Kojote suchte nach einem Weg, den Wolf, der ihm ein Dorn im Auge war, endgültig und unwiederbringlich zu töten. Und schließlich fand er ihn – indem er sein eigenes Leben gab. Wolf und Kojote sind Gegenstücke, tötet ein Kojotendaimon einen Wolfdaimon oder umgekehrt, muss der Meuchler ebenfalls sterben. Der Plan des Kojoten funktionierte: Weder er noch sein Rivale kehrten je zurück. Da zwei gegensätzliche Kräfte zusammen ausgelöscht wurden, blieb das Gleichgewicht gewahrt.
Bernstein hatte sich immer gefragt, was der Kojote letztlich davon hatte; das eigene Leben hergeben, nur um einem anderen zu schaden? Sie konnte die Erzählung nie nachvollziehen. Aber vielleicht war genau diese Geschichte die Lösung.
So oder so, sie musste etwas unternehmen. Ein von einer ominösen Krankheit befallener Wolf war zu ihr in den Trauerwald gedrungen und hatte ihr diese Wunde beigebracht – schon allein deshalb konnte sie nicht bleiben. Siemusste herausfinden, was diese Krankheit war und wie man sie aufhalten konnte. Was, wenn noch mehr Wölfe davon betroffen waren? Was, wenn dies der Gegenangriff der Kojoten war?
Bernstein hatte sich entschieden: Sie würde die Spur des Wolfes zurückverfolgen, herausfinden, wo er hergekommen war, und die Ursache für seinen Wahnsinn auslöschen. Mit Runar hatte sie zumindest einen ersten Anhaltspunkt. Der Wolf war ganz sicher aus dem Kojotenland gekommen. Bernstein musste nach Runar pilgern, selbst wenn dies bedeutete, sich von ihrer wichtigen Verpflichtung abzuwenden.
Runar. Die Trauernden hatten ihr bereits früher vom berüchtigten Kojotenland erzählt. Auch mit Kojoten hatte Bernstein es schon zu tun gehabt, mit solchen, die sich in den Trauerwald einschlichen und ihr die Beute streitig machen wollten. Und diese Kojoten waren allesamt aus Runar gekommen. Niederträchtige, hinterlistige Viecher. Und sie hassten Wölfe, ebenso sehr wie die Wölfe sie hassten. Das Aussterben der Wölfe hatte seinen Ursprung in Runar, und Bernstein würde ihre eigene Rute verschlingen, wenn die Kojoten nichts damit zu tun hatten.
Allein beim Gedanken an die Kojoten zuckten ihre Lefzen gereizt, und sie verspürte das dringende Bedürfnis, eines dieser Mistviecher zwischen ihren Kiefern zu zermalmen. Seit wann war sie bloß so unbeherrscht?
Bernstein seufzte und ließ ihren Blick traurig über die Umgebung der Anlage schweifen. Es betrübte sie, ihre Heimat zu verlassen. An diesem Ort war sie geboren und aufgewachsen, sie hatte ihn so lange umsorgt und gepflegt. Und jetzt musste sie gehen. Sie musste diesen Ort loslassen. Der Gedanke löste in ihr eine bedrückende Melancholie aus, ihr Körper wurde schwer und ein böser Stich in der Brust plagte sie. Aber es musste sein. Es gab keine andere Option. Nur so konnte sie herausfinden, was mit diesem wahnsinnigen Wolf geschehen war; verhindern, dass es erneut zu einem solchen Zwischenfall kam. Und vielleicht konnte sie am Ende sogar ihre Schuld begleichen und endlich etwas Sinnvolles leisten als Trauerwolf. Bisher hatte sie nichts Großartiges geschafft. Sie hatte den Lebewesen um sich herum mehr Leid gebracht als sonst etwas.
In der darauffolgenden Nacht zog sie los. Ihr blieb keine Zeit, um darauf zu warten, ob der verletzte Lauf doch noch genesen würde. Es schmerzte, wenn sie auf den Boden auftrat, so als wäre der Lauf verstaucht, ansonsten war es zu verkraften. In raschem Trab verließ Bernstein den Trauerwald, versuchte dabei, trotz ihrer Eile noch ein letztes Mal alles in sich aufzunehmen: das weiche Moos unter ihren Ballen, die Gerüche, süß, harzig, holzig, faulig, frisch; die Geräusche, zirpend, heulend, summend, raschelnd, huschend. Es fühlte sich an, als durchquerte sie den Wald zum ersten Mal. Umso trauriger stimmte es Bernstein, dass es ein Abschied für immer war. Lebendig aus dem Land des Wolfsterbens zurückkehren … das war ein unlogischer Gedanke.
Kurz nachdem sie den Trauerwald verlassen hatte, fühlte sie sich leichter. Der Abschied war das Schwerste gewesen, jetzt konnte sie mit offenem Blick voranschreiten, und alles, was sie zurückließ, würde vielleicht auch ohne sie bestehen können, so hoffte Bernstein.
Sie überquerte die Wiese vor dem Wald, ein blühendes Stück Land voller Wildstauden. Das Zirpen der Grillen, das Bernstein durch die Dunkelheit begleitete, hatte etwas Tröstliches und erinnerte sie daran, dass sie nicht das einzige Lebewesen dieser Welt war. Die würzig und strohig duftende Wiese wurde lediglich an einer Stelle von zwei breiten Streifen trockener Erde unterbrochen; dem Weg, den die Trauernden mit ihren Fahrzeugen benutzt hatten, um zum Wald zu gelangen. Abgesehen davon war die Wiese beständig und zog sich schier unendlich durch die friedsame Finsternis.
Wie das plötzliche Aufwachen aus einem surrealen Traum endete die Wiese mit einem geraden Schnitt an einer breiten Asphaltstraße. Die Straße war mit Schmutz, Laub, Unrat und zwei, drei rostigen und verstaubten Fahrzeugen geschmückt. Es gab niemanden, den es hätte stören können. Kein Mensch kam hierher, die Einzigen, die diese Straße benutzt hatten, waren die Trauernden gewesen.
Es war still, während Bernstein die verlassene Straße entlangging. Ganz anders als im Trauerwald war hier kaum Leben anzutreffen, sie hörte lediglich ein paar Feldmäuse durch die Nacht huschen. Ansonsten schien dieser Ort tot, obschon er lebte; tot, obschon Leben um ihn herum war; tot, obschon ein Wolf ihn durchquerte.
Irgendwann erreichte der schwache Geruch von altem Blut auf dem Asphalt Bernsteins Nase, lange bevor sie die Ursache dafür vor sich sah. Die Blutspur, die sich ein paar Dutzend Wolfslängen hinzog, war braun und längst vertrocknet; Regen und Schnee hatten sie nicht wegwaschen können, stattdessen schien sie regelrecht in den Asphalt eingebrannt. Am Ende der Spur lagen drei Menschenleichen auf der Straße. Raubtiere hatten sich vor einiger Zeit an ihnen gütlich getan. Welche, war unschwer zu erraten, Bernstein kannte ihre Bissspuren nur zu gut. Kojoten. Sie untersuchte die drei Menschen. Trotz ihrer zerfressenen Leiber und veränderten Gerüche erkannte sie sie auf Anhieb.
Maya, Soley, Jakub.
Da lagen sie, nicht weit gekommen, nachdem sie dem Trauerwald den Rücken gekehrt hatten. Soleys Torso war zerfetzt, Jakubs Gesicht bis zur Unkenntlichkeit zerfressen, Mayas Kopf schier abgetrennt, bloß noch von der Wirbelsäule auf dem Leib gehalten. Sie alle trugen zudem Verletzungen menschlicher Schusswaffen. Aber warum?
Die drei Trauernden, hier auf dieser toten Straße; es fühlte sich an, als wären sie schon seit hundert Wolfsleben hier, als wären sie im Zeitpunkt ihres Todes stecken geblieben, ihre Seelen erstarrt, ihre Leiber dazu verdammt, bis zum Ende aller Welten in dieser Position zu verharren.
Bernsteins Seele schmerzte bei dem Anblick, ihr verletzter Lauf zitterte und pochte, als würde er gleich in einem einzigen Blutschwall zerplatzen. Sie versuchte, ihn ruhig zu halten, doch der Lauf zuckte nur umso heftiger – wie letzte Nervensprünge, unmittelbar nach dem Ende des Lebens. Die Trauerwölfe tot, die Trauernden tot. Was aus denen geworden war, die die Organisation verlassen hatten, hatte Bernstein nie erfahren – bis jetzt. Ebenfalls tot, erschossen von Menschen, zerfressen von Kojoten.
