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Nichts bewegt sich in deinem Leben, wenn du dich nicht selbst bewegst!
Katrin Huß bewegte Tausende Menschen, als sie auf dem Höhepunkt ihrer Fernsehkarriere einfach ausstieg. Seit 1992 in der Medienwelt zu Hause, gehörte sie zu den Publikumslieblingen im MDR-Fernsehen. Mehr als 20 Jahre lang arbeitete sie bei Funk und Fernsehen, unter anderem für das Nachmittagsmagazin Hier ab vier, später MDR um 4. Sie interviewte rund 2000 Gäste aus allen Lebensbereichen und bereiste als Reporterin für den MDR
die Welt.
Wie ein Interview die Karriere der Moderatorin beendete
Im Januar 2016 interviewte sie in MDR um 4 Professor Hans-Joachim Maaz. Der Psychotherapeut und Autor ist ein Kritiker der Merkel'schen Flüchtlingspolitik. In dem Interview vertrat Maaz die Ansicht, dass es unmöglich sei, alle Flüchtlinge in Deutschland zu integrieren. Die Zuschauer reagierten begeistert auf die Offenheit und Ausführlichkeit, mit der über das Thema gesprochen wurde. Doch innerhalb des MDR brach ein Sturm der Entrüstung über Katrin Huß herein. In mehreren Gesprächen wurde sie von Vorgesetzten aufs Heftigste kritisiert. Man warf ihr vor, Professor Maaz nicht genügend widersprochen zu haben. Ihr wurde unterstellt, sie hätte »Naziwörter« in den Mund genommen, wie »Überfremdung«, und die ganze Sendung wäre wie eine Pegida-Demo gewesen.
»Sie sind haftbar und verantwortlich für das, was die Gäste in der Sendung sagen, und Sie haben politisch einzuschreiten im Sinne des MDR.« MDR-Chefredakteur
Katrin Huß wurde im MDR massiv unter Druck gesetzt und gemobbt. In diesem Buch beschreibt die Journalistin in allen Einzelheiten die Demütigungen, Beleidigungen und Schikanen, denen sie ausgesetzt war. Der schockierende Bericht enthüllt nicht nur die politische Einseitigkeit des öffentlich-rechtlichen MDR, er beleuchtet auch die äußerst bedenklichen Zustände bei diesem Sender.
Macht Fernsehen (machen) glücklich? Die Antwort darauf fand Katrin Huß im Yoga und auf ihren Reisen durch Indien. Ehrlichkeit, Respekt und Wertschätzung fehlten ihr in der »Sende-Anstalt«. Sie zog die Konsequenzen.
Die traut sich was! ist auch ein sehr persönliches Buch über Katrin Huß. Sie erzählt aus ihrem Leben, sagt ihren Zuschauern danke und macht ihren Lesern Mut, sich in ihrem Leben mehr zuzutrauen.
»Hier habe ich aufgeschrieben, was meinen Traumberuf zum Albtraum machte und wie und wodurch ich stark genug wurde, endlich aufzuwachen.« Katrin Huß in ihrem Vorwort
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2020
»Ich habe vermutlich mehr als 2000 Menschen interviewt in den letzten 20 Jahren meiner beruflichen Laufbahn als Journalistin, Reporterin und Moderatorin, Menschen wie du und ich, Künstler, Lebenskünstler, Sportler, Politiker. Ich war fasziniert von ihren Lebensgeschichten, und es machte mir Spaß, mich auf meine Gäste einzulassen, sie zu öffnen, mit ihnen zu lachen und zu weinen, zu tanzen und zu singen. Irgendwann kam der Punkt, an dem ich gemerkt habe, dass ich vergessen hatte, meine eigene Lebensgeschichte zu schreiben. Ich habe keine Kinder, keine eigene Familie, wenig Zeit für Freunde und noch weniger Zeit für die Liebe. Ich bin erfolgreich mit dem, was ich tue. Aber bin ich erfüllt? Auch ein Hamsterrad sieht von innen aus wie eine Karriereleiter, und oft merkt man zu spät, dass man auf der Stelle tritt.
Deswegen und aus vielen anderen Gründen auch, habe ich, vermutlich völlig überstürzt, aber das weiß man ja erst hinterher, meine über alles geliebte Sendung MDR um 4 verlassen.
Vielleicht brauche ich einfach dringend eine Pause, um wieder genau zu wissen: Wer bin ich? Wohin geh ich? Mit wem? Herzlichen Dank an alle Freunde, Kollegen und Zuschauer, die mich bisher unterstützt und begleitet haben.«
Als ich diese Zeilen am 15. Juli 2016 bei Facebook gepostet hatte, lag die dritte schlaflose Nacht in Folge hinter mir. Gegen 5:00 Uhr morgens sprang ich hellwach mit dem Gedanken aus dem Bett: Ich muss mich von meinen Zuschauern und Kollegen verabschieden. Die wissen immer noch nicht, dass ich nicht wieder in den Sender komme. Ohne Groll meinem Arbeitgeber gegenüber setzte ich mich an meinen Schreibtisch, fuhr meinen Laptop hoch und schrieb auf, was ich schon lange fühlte. Ich hörte das erste Mal wirklich auf mein Herz und folgte meiner Intuition. Dass ich mit diesen einfachen Zeilen eine so große Welle von zustimmenden Kommentaren, E-Mails und Glückwünschen auslöste, hatte ich nicht erwartet.
Wer wurde schon belohnt, wenn er Schwäche zeigte? War es eine Schwäche, mir einzugestehen, dass ich die Freude an meiner Arbeit verloren hatte? Ich sah keinen Sinn mehr in dem, was ich tat, ging angespannt und überspannt zur Arbeit und wollte bestimmte Gesichter in meiner Redaktion nicht mehr sehen. Die Medienwelt, in der ich zu Hause war, wurde mehr und mehr geprägt von selbstverliebten, dominanten Führungspersönlichkeiten, die entweder alles dafür taten, weiter oben Karriere machen zu können, oder innerlich längst gekündigt hatten. Sie lebten ihre Unzufriedenheit cholerisch im Kollegenkreis aus, pushten diejenigen, von denen sie hofiert wurden, und gaben anderen kaum Chancen zur Entfaltung. Es sei denn, sie ließen sich im Honorar drücken. Mich störte die Oberflächlichkeit im Journalismus, die politische Ungenauigkeit in der Berichterstattung und der zwischenmenschliche Umgangston in meiner Redaktion. Zeitweise hatte ich das Gefühl, nicht von erwachsenen Menschen umgeben zu sein, sondern mich inmitten einer Kindergartengruppe zu befinden. Meine Lebensfreude, Begeisterung und Neugierde lebte ich mehr und mehr außerhalb des Senders aus und merkte am Ende, dass es so nicht weitergehen konnte.
Nach meinen wenigen Zeilen nahmen mehr als 3000 Menschen innerhalb von 24 Stunden, allein übers Internet, Kontakt zu mir auf, zollten mir Respekt und sahen in mir eine Heldin. War ich denn eine? Ich hatte selber Angst, wie es weitergehen sollte und in welche Richtung. Zurück zum Fernsehen wollte ich auf keinen Fall, meine Entscheidung stand fest.
In den Tagen danach sprach ich mit vielen Menschen, die mir von ihrem eigenen Hamsterrad erzählten, weil sie sich durch meine Zeilen angesprochen fühlten und sich mir öffnen wollten. Ehemalige Kollegen, Lehrer, Klassenkameraden, Fernsehzuschauer und wildfremde Menschen schrieben mir lange Briefe. Ich saß 3 Tage lang an meinem Rechner, schrieb, emotional aufgewühlt, so vielen Menschen zurück, wie ich konnte, und beantwortete Fragen. Am 4. Tag spürte ich das erste Mal ein Gefühl von Freiheit. Ich sang lauthals im Auto, fühlte mich überglücklich und fing an, mich mit Freunden zu treffen, die ich schon lange nicht mehr gesehen hatte. Jeden Tag ging ich in meinen Schrebergarten in Markkleeberg, genoss den Sommer, meine traumhaft schönen Pflanzen, setzte mich unter meine große Magnolie und fing an, alles, was mir aus meinem Leben einfiel, aufzuschreiben. Abends ging ich mit meinen Teilnehmern aus den Yogakursen in den Park und gab unter alten Eichen, direkt am Teich, Yogaunterricht. Ich war dankbar für diese schönen Momente und für die Zeit, die ich dafür plötzlich hatte. Der Sommer 2016 ging, und das Angebot eines Freundes kam, ihn als Übungsleiterin für Rehabilitationssport in seinem Gesundheitszentrum in Delitzsch zu unterstützen. Das tat ich gern, denn somit war ich nun öfter in meiner alten Heimat Delitzsch bei meinen Eltern. Erst vertrat ich die Sportkurse einer Kollegin, und dann arbeitete ich regelmäßig 1–2 Tage pro Woche als Trainerin. Ich pendelte täglich zwischen Markkleeberg und Delitzsch, war dafür pro Strecke etwa eine Stunde unterwegs.
An meinem ersten Arbeitstag im Gesundheitssportzentrum fiel mir eine Frau auf, die ich kurz zuvor in einem Imagevideo des Sportstudios gesehen hatte. Sie war ca. 50 Jahre alt, von kräftiger Statur, mittelgroß und trug eine freche blonde Strubbelfrisur. In dem Video hielt sie in der einen Hand einen Blumenstrauß, in der anderen Hand ein Schild mit der Aufschrift: »Herzlichen Glückwunsch unserem 2000. Mitglied bei VitaMed.«
Ich sah ihr zu, wie sie trainierte und ihren Trainingsplan exakt abarbeitete. Als sie damit fertig war und sich gerade mit dem Handtuch den Schweiß von der Stirn wischte, sprach ich sie schelmisch an mit den Worten, die ich selbst schon so oft gehört hatte: »Ich kenne Sie aus dem Fernsehen.« Sie lachte mich herzerfrischend an und meinte dann etwas verhalten zu mir: »Du bist Katrin? Das gibt es ja nicht! Ich habe gerade erst über dich in der Zeitung gelesen, auch deinen Post bei Facebook. Das hat mich so berührt, ich musste gleich weinen.«
Sie stockte einen Moment, wischte sich ihre Tränen ab, sammelte sich wieder, und dann sprudelten die Sätze nur so aus ihr heraus. »Deine Geschichte hat mich so an mich selbst erinnert. Weißt du, ich arbeite in der Schokoladenfabrik, liebe meinen Beruf über alles, hab mich 35 Jahre lang kaputtgeackert für meinen Job und bin dann dieses Jahr im Januar zusammengebrochen. Ich musste zur Kur! Da wollte ich gar nicht hin. Was soll ich denn herumsitzen und ausspannen? Ich bin ein Kraftpaket. Doch in der Therapie hab ich gemerkt, was wirklich wichtig ist im Leben. Diese Auszeit hat mir total gutgetan. Vor 2 Monaten hab ich mich hier beim Sport angemeldet. Jetzt gehe ich wieder viel mit Freunden aus. Dazu hatte ich ja früher nie Lust, ich war ja immer müde. Ich denke jetzt einfach mehr an mich, und damit geht es mir Woche für Woche immer besser.« Sie freute sich, mich zu sehen, redete und redete, und ich war gerührt, dass sie sich mir anvertraute. »Das ist ja ein Ding, dass du hier bist. Der Tag hat sich für mich schon gelohnt. Ich dachte immer, beim Fernsehen gibt es so was nicht, da sind alle eine große Familie und die Welt ist in Ordnung.«
Wir plauderten noch eine ganze Weile, dann ging jeder seiner Arbeit nach. Sie trainierte ihre Bauchmuskeln, und ich übernahm das Probetraining mit einem 12-jährigen Mädchen, das zum ersten Mal im Fitnessstudio trainieren wollte.
Laut einer Statistik arbeiten 80 Prozent der Deutschen in einem Arbeitsumfeld, in dem sie unglücklich sind. Sie jammern jahrelang, fühlen sich als Opfer, aber sie verändern nichts. Ich habe auch viel geschimpft, Freunde und Familie mit meiner Unzufriedenheit und mit meinem Kummer genervt. Sie hörten sich immer wieder die gleichen Geschichten an, konnten mir aber nicht helfen. Das konnte nur ich selbst.
Als ich nach 20 Jahren Fernsehen merkte, dass ich mich immer noch über die gleichen Sachen, Menschen und Umstände ärgerte wie am Anfang und sich weder meine Mitmenschen noch die Situation änderte, zog ich die Konsequenzen. Ich konnte meine Kollegen nicht ändern, nur meine Einstellung zu ihnen. Dabei hatte ich es auf verschiedene Art und Weise versucht. Es brachte mir nichts, außer ein paar graue Haare und einen verspannten Rücken. Also ließ ich los, was mich ausgebremst, unter Druck gesetzt und unglücklich gemacht hatte.
Wenn schon ein paar Sätze von mir im sozialen Netzwerk so viele Menschen zum Nachdenken über sich selbst angeregt hatten, dann wollte ich aufschreiben, was meinen Traumberuf zum Albtraum machte und wie und wodurch ich stark genug wurde, endlich aufzuwachen.
Ich war ein sehr vielseitiges, begeisterungsfähiges Kind und hatte vor allem untypische Hobbys für ein Mädchen. Ich trainierte im Judo und im Tauchsport, spielte mit den Jungs Fußball und brauste als Teenager auf einer braunen Schwalbe mit einer Motorradgang durch meine sächsische Heimatstadt Delitzsch. Ich sang und rezitierte im Schulchor, führte durch Jugendweihe- und Weihnachtskonzerte und spielte im Landestheater Dessau in Märchenproduktionen mit.
Meine erste Rolle bekam ich in der zweiten Klasse. Im Märchen Frau Holle, durfte ich einen großen bemalten Baum aus Pappe vor meinen Körper halten und zweimal im ganzen Stück den Satz sprechen: »Rüttelt mich, schüttelt mich, meine Äpfel sind alle schon reif!« So konnte natürlich unmöglich jemand mein Schauspieltalent entdecken.
Mein großer Durchbruch kam dann aber im Alter von 16 Jahren in gleich zwei Nebenrollen: als Förster und als Fuchs im Rotkäppchen. Später spielte ich noch in Hänsel und Gretel das Sandmännchen, eine Art Märchenerzähler, der durch das Programm und durch die Geschichte führte, sang mit Hunderten Kindern im Saal Weihnachtslieder und spielte auf der Gitarre dazu.
Klar, welchen Beruf ich mir erträumt hatte. Ich wollte auf die Bühne und Schauspielerin werden.
Mit Fernsehverbot konnten meine Eltern mich nicht bestrafen, ich machte schon immer mein eigenes Programm. Mein Vater Heinrich sagte oft zu mir, wenn ich doch mal zu Hause saß und fernsehen wollte: »Sieh dir nicht die Geschichten der anderen im Fernsehen an, erlebe deine eigenen. Fernsehen ist was für Menschen, die selbst keine Ideen haben, was sie mit ihrem Leben anstellen sollen!«
Mein Vater war Lehrer für Geografie und Sport und bei seinen Schülern beliebt, weil er im Unterricht gern Witze aus seiner Armeezeit erzählte. Zu mir war er allerdings sehr streng. Besonders fleißig im Unterricht war ich nicht, erst vor den Prüfungen fing ich an zu lernen. Fürs Abitur hatte es dann auch gereicht. Ich fand »gut« ausreichend und wollte ja schließlich nicht Medizin studieren. In der elften Klasse bewarb ich mich an drei Schauspielschulen der DDR: in Berlin, Potsdam und Leipzig. An jeder Schule kam ich bis in die zweite Runde, und dann ging es für mich nicht weiter. Die Anzahl der Studienplätze war begrenzt und mein Talent vermutlich auch.
Nach den Ablehnungen wusste ich lange nicht, was ich studieren sollte. Als kleines Kind wollte ich Tierärztin werden. Mein Vater wollte mir sogar einen Affenkäfig bauen, wenn ich das Abitur schaffen würde. Ich hatte mir nämlich in den Kopf gesetzt, mir einen frechen Schimpansen zu halten, so wie ich es in einem Kinderfilm gesehen hatte. Als mein Vater mir dann, als ich größer wurde, erklärte, dass ich als Tierärztin in der LPG den Kühen mit dem gesamten Arm in den Hintern fassen und die Kälbchen aus dem Mutterleib zerren müsste, war es aus mit der Vorstellung, ein Leben mit Kleintierpraxis zu führen. Mit meiner zierlichen Statur wäre das wohl nicht lange gut gegangen.
Ich wollte dann lieber Lehrerin werden, meinem Vater nacheifern. Deshalb fing ich an, Philosophie zu studieren. Mein Vater gab mir den Rat, Hochschullehrerin zu werden, denn mit Studenten könne man als Lehrer besser umgehen als mit Jugendlichen in der Pubertät.
Als ich Studentin wurde, schrieben wir das Jahr 1990. Philosophie während der Wende zu studieren war sinnlos, denn die ehemaligen Doktoren und Professoren für Marxismus-Leninismus wussten nicht mehr, was sie uns beibringen sollten. Wir philosophierten in den Seminaren stundenlang über »Sein und Nichtsein«, und ich fand das alles staubtrocken und langweilig. Im zweiten Semester besuchte ich stattdessen die Vorlesungen der Journalistikstudenten und wechselte das Studienfach. Ich lernte nun alles Wichtige über Medien, lernte Texte schreiben für Presse, Rundfunk und Fernsehen, machte meine ersten Beiträge und nahm Rhetorikunterricht. Als Nebenfach wählte ich Sportwissenschaften an der Sportwissenschaftlichen Fakultät in Leipzig. So hatte ich viele Praxisfächer zu absolvieren und weniger Referate zu schreiben, also insgesamt mehr Freizeit.
1992 war die Zeit, in der auch der ostdeutsche Markt von Privatradiosendern erobert wurde. Der erste Moderator, den ich bei Radio PSR, dem ersten privaten sächsischen Rundfunk, hörte, war Thomas Böttcher. Ich kannte und mochte ihn, denn er kam aus meiner Heimatstadt Delitzsch, ging in die gleiche Schule wie ich, hatte dort die Platten in der Schuldisco aufgelegt und war bekannt für seine schlagfertigen Sprüche.
»Wenn der im Radio moderieren kann, dann kann ich wenigstens das Wetter vorlesen«, dachte ich mir, als ich ihn hörte. Ich schrieb einen Brief auf gelbem Briefpapier an den damaligen Chef von Radio PSR und legte eine Tonbandkassette dazu, auf die ich Nachrichten aus der Zeitung gesprochen hatte. Ich war gerade im 2. Studienjahr an der Uni Leipzig und wollte mich so schnell wie möglich für ein Praktikum beim Radio bewerben.
Kurz darauf bekam ich Post, mit dem Hinweis, doch eine ausführlichere Bewerbung nachzureichen. Das tat ich dann auch gleich persönlich im Funkhaus in Leipzig. Ich ließ mich von der Sekretärin nicht abwimmeln und wartete so lange im Hausflur, bis der Programmchef herauskam. Irgendwann musste er ja mal auf die Toilette, in die Kantine oder nach Hause gehen. Es dauerte keine 15 Minuten, da wurde er neugierig, steckte seinen Kopf aus der Tür, und dann ging alles sehr schnell. Es wurden nämlich gerade Reporter gesucht. Die Chemie stimmte zwischen uns, und ich bekam den Auftrag, in den darauffolgenden 3 Ferienwochen mit einem Audi-Glücks-Cabriolet durch Sachsen zu reisen und Kurzreportagen per Telefon zu machen. Dreimal täglich sollte ich mich jeweils aus einer anderen Stadt live ins Programm schalten lassen und 2 Minuten lang berichten, was vor Ort los war.
An Bord hatte ich einen etwa 20 x 10 x 20 Zentimeter großen schwarzen Kasten mit Hörer, ein C-Netz-Funktelefon, als Arbeitsmittel. Wenn das nicht funktionierte, was die Regel war, musste ich mir eine öffentliche Telefonzelle suchen und von dort aus berichten, was ich mit wem wo erlebt hatte.
Auf den Marktplätzen der Stadt hatte ich ein Gewinnspiel mit einem Hauptpreis von 700 D-Mark zu organisieren und den Gewinner dann möglichst live zu interviewen. Ich war insgesamt in 45 Kleinstädten in Sachsen unterwegs und danach fit für so ziemlich jede Livereportage.
Nach der Tour lernte ich das Digitalradio von der Pike auf kennen, machte Umfragen, schnitt Beiträge und arbeitete redaktionell, sprach mit Thomas Böttcher Sketche ein für seine Wochenendsendung und fühlte mich in der Redaktion pudelwohl.
Eines Tages lud mich mein Programmdirektor überraschend zum Abendessen ein. Ich war verwirrt und fragte mich, ob es normal sei, dass neue Mitarbeiter zum Essen ausgeführt und damit an ihren Arbeitgeber gebunden wurden. Bestimmt, dachte ich reichlich naiv. Auf dem Schreibtisch hatte mein Chef Kinderfotos stehen. »Er ist sicher verheiratet. Und mal Essen gehen, da ist ja nichts dabei. Oder?« Wir waren in einem Chinarestaurant in der Stadt und redeten die ganze Zeit über die Arbeit, über Projekte und lachten viel. Es war ein schöner Abend, und ich war beruhigt. Kurze Zeit später kam die nächste Einladung.
Wir sollten meine Tour auswerten bei einem Mittagessen. Das taten wir auch, und ich bekam von meinem Chef viel Lob für meine Arbeit. Bei der Fahrt zurück ins Funkhaus fragte er mich, ob ich auch sonst Zeit und Lust hätte, kulturell was mit ihm zusammen zu unternehmen. Ich hatte damals einen sehr eifersüchtigen Freund und kein Interesse an einem anderen Mann, schon gar nicht an meinem Chef. Wie sich herausstellen sollte, war das für meine verbleibende Zeit beim Sender ein Fehler. Meine Tage bei Radio PSR waren nun gezählt, meine Einsätze in der Redaktion wurden immer weniger, und Moderieren im Nachtprogramm, worüber wir beim Essen auch gesprochen hatten, war plötzlich kein Thema mehr.
Olaf, bester Freund und lieber Kollege aus der Sendetechnik, wechselte in dieser Zeit gerade zu einem anderen neuen Sender in Leipzig. Er schwärmte von seiner neuen Arbeit und fragte, ob ich auch den Sender wechseln wollte. Also ging ich mit, verdiente nur noch einen Bruchteil im Vergleich zu vorher, konnte mich jedoch journalistisch bei »Radio Leipzig 91,3« austoben. Ich moderierte, arbeitete als Reporterin und gestaltete meine erste eigene Sendung Leipziger Allerlei – Sonntags von eins bis drei!. Neben meinen Vorlesungen und Seminaren an der Uni produzierte ich Beiträge über Leipzigs Kultur-, Kunst- und Kneipenszene, entwickelte mit einigen Kabarettisten der Stadt kleine Satirereihen und sorgte mit meiner ansteckenden Lache im Radio dafür, dass so mancher Autofahrer gute Laune bekam, weil er mitlachen musste. Das Motto der Sendung damals hieß: »Wer zuletzt lacht, hat’s nicht eher begriffen.«
Da unser Radiochef in Bayern zu Hause war und am Wochenende nicht in Leipzig lebte, konnte er auch das Programm nicht hören. Also hatten wir, mein Lieblingskollege Olaf und ich, Narrenfreiheit. Wir hatten nämlich keine Lust, jeden Sonntag kurz nach eins Peter Maffay zu spielen mit Sonne in der Nacht, gefolgt von Keimzeit mit Kling, Klang, die Straße entlang und Foolsgarden mit Lemon Tree. Als ob diese Künstler nur einen Hit gehabt hätten!
Unsere CD-Auswahl im Funkhaus beschränkte sich 1992 auf rund 500 Scheiben im Archiv. Diese rotierten 24 Stunden lang im Vollprogramm, unterbrochen von einigen Werbeblöcken und Jingles. Also suchte ich im Musikregal nach meiner Lieblingsmusik und fand sie auch. Die 80er-Jahre-Party-CD spielte ich fast komplett ab, drehte im Studio die Boxen laut und mich selbst im Rhythmus auf dem Drehstuhl hin und her. Olaf musste mich festhalten, damit das Quietschen nicht auf Sendung zu hören war. Nicht auszumalen, was passiert wäre, wenn das unser Chef mitbekommen hätte.
3 Jahre lang arbeitete ich beim Radio in Leipzig. Ich liebte meinen Job und die Kollegen, lernte viel, viel mehr Praxis als beim Studium an der Uni. Zudem war ich neugierig, wie interessant die Arbeit beim Fernsehen wohl sein würde. Beim privaten Rundfunk und beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen gleichzeitig arbeiten, durfte ich nicht. Deshalb musste ich meine Sendung Leipziger Allerlei abgeben und meine Radioarbeit beenden.
In der Leipziger Volkszeitung las ich 1994 eine Ankündigung für eine Rundfunkausstellung im Leipziger Rathaus. Dort sollte der Ausbildungsleiter vom MDR anwesend sein. Nachdem ich in den Monaten zuvor mehrfach versucht hatte, einen Praktikumsplatz beim Fernsehen zu kriegen, jedoch nur Absagen bekommen hatte, hoffte ich nun auf eine Chance.
Ich schaute mich im Alten Rathaus in Leipzig um, bekam schnell heraus, wer der Mann sein könnte, der mein Leben verändern sollte, steuerte dann gezielt auf ihn zu und fragte ihn, was ich als Studentin tun müsste, um beim Fernsehen arbeiten zu können. »Tja, junge Frau«, sagte er etwas von oben herab und zupfte dabei an seinem Oberlippenbart, »da müssen Sie sich bewerben, ich kann da persönlich nichts für Sie tun.«
Ich hatte das Gefühl, er wollte mich abwimmeln. Der Tag schien für mich gelaufen zu sein.
Ich blieb dann aber doch noch etwas in der Ausstellung, sah mir alte Radios und Fernseher an und entdeckte in einer abgelegenen Ecke eine aufgeregte Menschenmenge. Beim Näherkommen stellte sich heraus, dass hier in einem kleinen Fernsehstudio Probeaufnahmen gemacht wurden und jeder, der wollte, mitmachen konnte. Ich stellte mich in der Reihe hinten an und sah einigen Kommilitonen beim Vorlesen von Nachrichten zu. Dann war ich dran. Nachrichten waren noch nie mein Ding gewesen. Mit versteinerter Miene die Meldungen über einen Straßenbahnunfall oder die Sprengung einer Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg vorzulesen fand ich zu eintönig. Also erfand ich eine Gesprächssituation, so wie ich sie vom Frühstücksfernsehen her kannte, live auf dem Torgauer Marktplatz mit prominenten Gästen. Die Moderatorin Hella von Sinnen und Moderator Hugo Egon Balder bat ich zum Gespräch, natürlich nur fiktiv. Ich mochte die beiden Entertainer mit ihrer Torten-Show im Fernsehen, imitierte eine Interviewsituation zu dritt und spielte alle Rollen selbst.
Das muss so komisch gewesen sein, dass es spontanen Applaus von den Zuschauern gab. Selbst der anfangs mufflig wirkende Ausbildungsleiter, der mich beobachtet hatte, prustete vor Lachen los. Es war aber auch nicht schwer, ihn zum Lachen zu bringen, er kam schließlich aus Köln.
»Wann sind Sie noch mal fertig mit Ihrem Studium?«, meinte er plötzlich zu mir. »Im März beginnt das nächste Volontariat beim MDR, Sie können sich noch bis nächste Woche bewerben.«
Ich bewarb mich also erneut beim MDR und musste feststellen, dass sich außer mir noch weitere 400 aufstrebende Journalisten aus ganz Deutschland für einen der 10 Ausbildungsplätze beworben hatten. Voraussetzung für ein Volontariat war ein abgeschlossenes Hochschulstudium und ein Höchstalter von 26 Jahren. Ich war 25 und noch nicht fertig mit meinem Studium.
Es folgte eine umfangreiche Aufnahmeprüfung, die einen ganzen Tag in Anspruch nahm, bei der ich einen schriftlichen Wissenstest bestehen, einen Artikel schreiben und einen Hörfunkbeitrag produzieren sollte. Wie gut, dass ich schon 3 Jahre beim Radio gearbeitet hatte und mir daher der praktische Teil sehr leicht fiel. Für den Artikel, der anderthalb A4-Seiten lang werden sollte, suchte ich mir an einer Pinnwand eines der fünfzig vorgegebenen Fotos aus. Ich wählte ein Motiv, auf dem nur ein Fußabdruck am Strand zu sehen war. Eine Woche zuvor war ich für Radio Leipzig bei einer Pressekonferenz zum Thema »Die Deutschen und ihre Lieblingsreiseziele« gewesen. Die Zahlen und Fakten hatte ich noch im Kopf und den Artikel dann auch schnell geschrieben. Für den Hörfunkbeitrag machte ich einen Slogan der Messestadt zum Thema, der gerade aktuell war: »Leipzig kommt«. Damit konnte ich mich über Kuriositäten bezüglich Bauboom, Baustellen und Verkehrschaos lustig machen. Prompt gehörte ich nach dem Eignungstest zu den zwanzig Bewerbern, die wenig später zum Vorstellungsgespräch eingeladen wurden. Jetzt wusste ich, es zählte Sympathie. Die Chancen standen 2:1, und ich könnte es schaffen.
Als ich den Konferenzraum betrat, schauten mich vielleicht zehn Augenpaare an. Es mussten die Chefredakteure der einzelnen Programmbereiche beim MDR gewesen sein. Wir hörten uns gemeinsam meinen Hörfunkbeitrag vom Tonband an, was mir peinlich war, weil ich über mich selbst lachen musste und stolz auf meine Leistung war. Dann wurde mir auf den Zahn gefühlt: »Sie sind ja noch gar nicht fertig mit Ihrem Journalistik-Studium, normalerweise dürften wir Sie nicht aufnehmen.« Danach musste ich den Raum verlassen. Mein Ausbildungsleiter kam hinterher und klopfte mir mit einem vielsagenden Blick auf die Schulter.
Keine 5 Minuten später wurde ich noch einmal in den Konferenzraum hineingebeten. Ich musste dem Gremium hoch und heilig versprechen, dass ich meine Diplomarbeit noch schreiben und mein Nebenfach im Bereich Sportwissenschaften abschließen würde. Das sicherte ich zu und wurde angenommen. Es dauerte dann noch 3 Jahre, bis ich meine Diplomarbeit geschrieben und meine Prüfungen alle bestanden hatte, aber ich hielt die Bedingung ein. 18 Monate lang war ich nun Volontärin, und zwar in den unterschiedlichsten Rundfunk- und Fernsehredaktionen der MDR-Landesfunkhäuser. Bei MDR-Info, dem Nachrichtenradio in Leipzig, lernte ich mehr über Nachrichtensprache und machte seriöse Radiobeiträge mit Themen aus aller Welt. Bei Sputnik, dem Jugendradio, musste ich mich komplett wieder auf Jugendsprache und Themen umstellen, die gerade dem Zeitgeist entsprachen. In der Sportredaktion Magdeburg durfte ich vom ersten Tag an Fernsehbeiträge über Motocross, Regionalfußballspiele, die WM im Turniertanz, über Trampolinturnen oder Klettern produzieren. Zeitgleich büffelte ich 2 Tage in der Woche für mein Sportstudium, Anatomie und Trainingslehre, belegte Praxis-Seminare im Schwimmen, Badminton, in Leichtathletik und im Boxen und schaffte meine schriftlichen und mündlichen Prüfungen fürs Diplom.
Kein Mensch hat sich jemals wieder für meine Zeugnisse interessiert. Nur das MDR-Archiv wollte ein Exemplar meiner Diplomarbeit haben.
Ich wurde als Volontärin zu einem Fußballspiel der Regionalliga in Magdeburg geschickt, sollte einen kurzen Filmbeitrag abliefern, hatte aber absolut keine Ahnung von der Magdeburger Fußballszene. Also schaute ich mir zuvor einige Fußballberichte an und notierte mir die Auffälligkeiten im Sprachduktus: »Kabinenpredigt«, »Torraumspiel«, »taktisches Foul«, »Strafraum«, »Abseits« usw. bis zur »roten Laterne«. Dann fuhr ich schon eine Stunde vor Spielbeginn mit meinem Kamerateam ins Stadion, fragte mich nach dem Trainer durch und wollte von ihm wissen, welche Spieler voraussichtlich die meisten Tore schießen würden. »Die Acht und die Elf«, bekam ich zur Antwort. Diese Information gab ich an meinen Kameramann weiter, der diese beiden Spieler nun besonders oft filmte. Glücklicherweise fielen auch gleich die beiden einzigen Tore in den ersten 4 Spielminuten, geschossen vom Spieler mit der Nummer 11, den wir im Bild hatten. In der Halbzeitpause gab es ein spontanes Ständchen der Fans im Stadion und einen Blumenstrauß für den Kapitän, der Geburtstag hatte. Da war es für mich nicht schwer, aus diesen Bildern einen netten Fußballbeitrag für die Regionalnachrichten zu schneiden, zu texten und zu sprechen. Ich schaute mir mein kleines Kunstwerk bestimmt fünfmal hintereinander an und war mächtig stolz auf diese 90 Sekunden.
Hineingeschlittert war ich in den Schönheitszirkus 1992 durch ein Modenschau-Team. Ich tanzte seit meinem 18. Lebensjahr in einer Modegruppe, trat zusammen mit einem Bodybuilder in einer Posing-Show auf und verdiente mir damit, neben meinem Studium, an den Wochenenden mein Taschengeld. Die Chefin unserer Modenschau ging nach der Wende in den Westen. Wir brauchten eine neue, also übernahm ich schließlich die Leitung und Organisation der Gruppe. Wir hießen »Nightchick« und suchten talentierte Mädchen. Doch wo fand man sportliche, schlanke junge Frauen, die sich gut bewegen konnten? Bei einer Misswahl zum Beispiel. Die nächste Miss Leipzig sollte im Disco-Zirkus an der A14 gewählt werden. Also fuhr ich zum Disco-Zelt und sprach dort mit dem Chef, wann das Spektakel denn losgehen würde und ob ich nach der Wahl einige Mädchen ansprechen dürfte. »Warum machst du nicht selbst mit?«, fragte er mich. Bis dahin war ich immer der Meinung gewesen, ich sei mit meinen 1,63 Metern viel zu klein für eine Model-und-Miss-Karriere und nahm an, der Typ wollte mich veralbern. »Hier haben sich ganz andere Grazien angemeldet, bis jetzt sind es 24 junge Damen, da fällst du gar nicht auf.« Das war ja mal ein Kompliment!
Ich füllte die Anmeldeformulare für mich und für meine vier Mädchen der Modenschau-Gruppe aus, und 2 Tage später ging der Spaß los. Meine Freundin Carola borgte mir ihre elegante glänzend weiße Keilhose und eine sportliche weiße Bluse mit silbernen Pailletten, Taillenbund, Schößchen und Schulterpolstern. Dazu trug ich weiße hohe Pumps und eine frisch getönte toupierte Lockenmähne in der Nuance »wilde Kirsche«. Das war Anfang der 90er-Jahre Trend. So tänzelte ich über den Laufsteg, als wäre es ein Auftritt bei einer Modenschau. Wir Modemädels hatten sowieso unseren Spaß vor und hinter den Kulissen, tranken Sekt, ernteten böse Blicke von unserer Konkurrentinnen und hatte ihnen gegenüber einen großen Vorteil: Wir konnten uns sogar im Badeanzug gut bewegen. Zehn Mädchen kamen ins Finale, und ich war dabei. Ich war die Kleinste und die einzige Brünette. Da ich schon damals imstande war, in ganzen Sätzen zu reden, konnte ich beim Interview mit der Moderatorin punkten und damit letztendlich Jury und Publikum überzeugen. Ich wurde Miss Leipzig, gewann eine Reise nach Spanien an die Costa Brava und wurde zur Wahl der Miss Sachsen nach Chemnitz delegiert. Dort wiederholte sich das Prozedere, nur mit dem Unterschied, dass ich einen Fanclub dabeihatte.
Zu diesem Zeitpunkt arbeitete ich neben meinem Journalistik-Studium in einem Leipziger Fitnessstudio als Trainerin, und von dort kamen mehr als zwanzig Sportler mit zur Veranstaltung, drückten mir die Daumen und machten ordentlich Lärm, wenn ich den Laufsteg betrat. Ich wurde Miss Sachsen und bekam ein Auto im Wert von 15 000 D-Mark versprochen. Während einer Liveübertragung im Radio wurde mir der Schlüssel für einen orangefarbenen Talbot Mantra übergeben. Er hatte Mittelmotor, drei Sitze vorn und sah aus wie eine Flunder. Ich posierte vor dem Oldtimer für die Presse, doch als ich das Fahrzeug dann eine Woche später in Chemnitz abholen wollte, hieß es vom Sponsor Autohaus Weise: »Tut uns leid, wir rücken das Auto nicht raus, es wurde für uns zu wenig Werbung gemacht.« Für einen Anwalt hatte ich weder das Geld, die Erfahrung, die Zeit noch die Nerven. Der Verzicht auf den schönen Wagen tat mir aber nicht weh. Eine andere Sponsorin der Miss-Sachsen-Wahl legte sich nämlich für mich ins Zeug: Hella Erler, eine engagierte Modedesignerin mit einem Fachgeschäft für elegante Damenmode in Chemnitz, schneiderte für mich einen schwarzen Hosenanzug aus Samt, mit kurzer Hose und Frack. Ich liebte diesen Zweiteiler und diese Frau mit ihrer Power und ließ mich noch oft von ihr in Sachen Mode beraten.
Als Miss Sachsen ging es für mich weiter zur Miss-Germany- Wahl nach Oldenburg. Ein Jahr später zur Miss-Ostdeutschland-Wahl, wieder zur Miss-Germany-Wahl nach Saarlouis und das Jahr darauf zum ZDF in die Show Unsere Miss Deutschland mit Gunther Emmerlich. Ich wurde insgesamt Miss Sachsen, Miss Thüringen, Miss Mitteldeutschland und Miss Ostdeutschland.
Einmal drin in einer Agentur für Schönheitsköniginnen, wurde ich immer wieder gern angerufen und traf überall die gleichen Mädchen. Ich bekam nette Preise, Reisen und Gutscheine, was für mich als Studentin, die nur BAfög bekam und nebenbei beim Radio arbeitete, so schlecht nicht war. Die Chance, bei einer Miss- Germany-Wahl ein nagelneues Auto zu gewinnen, stand ja doch nur 1:20. Schließlich waren die Mitbewerberinnen auch Schönheitsköniginnen, aus den sechzehn Bundesländern, zuzüglich noch die Misses Nord-, Süd-, Ost- und Westdeutschland.
Ich lernte unter anderem die amtierende Miss Norddeutschland und Heidekönigin näher kennen, die nach der Miss-Germany- Wahl im superkurzen Schlauchkleidchen breitbeinig auf der Treppe saß, kein Höschen darunter trug und jeden Mann, der die Treppe hochwollte und an ihr vorbeimusste, in Verlegenheit brachte. Einer von ihnen war Fernsehkommissar Fritz Wepper, der an diesem Abend in der Jury saß.
Es gab damals mehrere Agenturen in Deutschland, die Schönheitswettbewerbe veranstalteten. Um bei der Miss Germany Association ins Finale zu kommen, mussten wir Mädchen eine Erklärung für den Fall eines Sieges unterschreiben, dass wir ein Jahr lang für Werbezwecke zur Verfügung standen und deutschlandweit zu Veranstaltungen reisen würden. Diese Erklärung wollte ich nicht unterschreiben, denn ich hatte bereits die Zusage vom MDR für ein Volontariat in der Tasche. Der Weg als Journalistin war mir wichtiger. Auch ein Angebot, für den Playboy zu posieren, schlug ich damals aus. Ich wollte nicht irgendwann später einmal als seriöse Reporterin mit meinen Nacktfotos konfrontiert werden.
Als ich mein Volontariat gerade angefangen und die ersten Wochen bei MDR Info, dem Nachrichtenradio, gearbeitet hatte, bekam ich das Angebot, Deutschland bei der Wahl zur »Miss World University« in Südkorea zu vertreten. Achtzig Studentinnen aus aller Welt, konkurrierten für 3 Wochen in Seoul um den Titel. Von allen Finalistinnen der Miss Germany Association kam nur ich infrage, denn ich war die einzige Studentin. Innerhalb von 48 Stunden sollte ich losfliegen.
Bis dahin wusste niemand beim MDR von meinen »Miss-Erfolgen«. Ich hatte es bewusst verschwiegen, da ich es selbst nicht für so wichtig nahm und ich lieber mit Leistungen überzeugte. Ich hätte es nicht ertragen, wäre getuschelt worden: »Die ist doch jetzt nur beim Fernsehen, weil sie Miss war …!«
Da ich aber gerne nach Korea reisen wollte, musste ich zu meinem Ausbildungsleiter gehen und ihn kurzfristig um Urlaub bitten. Natürlich wollte er wissen, warum. Für mich war das die Gelegenheit, ihm gleich den Nutzen für den MDR einzureden. Schließlich fliegt nicht jede Mitarbeiterin mal schnell nach Seoul, um in der Olympiahalle die schönste Studentin der Welt zu werden. Er lachte und lachte, kriegte sich nicht wieder ein und meinte schließlich: »Das ist ja großartig! Mach das! Und wenn du in Korea bist, melde dich per Telefon aus Seoul als Reporterin und berichte von dem, was du erlebt hast. Wir zeichnen das nachts auf und senden es im Frühprogramm im Radio.«
Wenige Stunden später saß ich im Flieger, war fast 2 Tage lang unterwegs mit einem kleinen Rollkoffer, in den ich ein paar geborgte Kleider meiner Freundinnen gepackt hatte, noch nicht ahnend, wie gigantisch die Fernsehshow in Korea werden sollte, live gesendet aus der Olympiahalle in Seoul, mit mir dabei!
Nach 23 Stunden Flug begegnete ich als Erstes Miss Mexiko und Miss Brasilien bei meiner Ankunft auf dem Flughafen in Seoul. Die beiden Mädels, Anfang 20, waren nicht zu überhören und schon gar nicht zu übersehen. Auffallend hübsch, super sexy in kurzen Hosenkleidern aus Seide und High Heels, versuchten sie mit lautem Geplapper ihre Gepäckwagen mit je fünf Koffern und Beautycase zum Ausgang zu schieben. Mit einem Großraumtaxi fuhren wir zusammen zum Hotel. Wir wurden schnell dicke Freundinnen und erlebten diese riesige, graue, eintönige Stadt im Jahre 1995 voller Hochhäuser mit ihren verstopften Straßen, auf denen nur Fahrzeuge von Kia und Hyundai unterwegs waren, auf unsere eigene quirlige Art.
Täglich hatten wir Proben, studierten Tänze ein, sangen für ein Musikvideo im Tonstudio, drehten Werbeclips, wurden zu Pferderennen, Galaabenden und anderen Events in der Stadt geladen und überall hofiert. Egal, wo wir auftauchten, sorgten wir achzig Frauen auf einem Haufen, alle aufgedonnert und in hochhackigen Schuhen, für Aufregung und neugierige Blicke. Wir ließen uns feiern und genossen das Leben im Mittelpunkt. Geschlafen haben wir in diesen 3 Wochen wenig in unseren winzigen Zimmern mit Doppelstockbetten in einem Hotelhochhaus. Überall lagen Klamotten und Koffer herum, über die wir klettern mussten, wenn wir zum Bad wollten. Ehe die letzte Lady ihren Schnabel gehalten hatte, jede redete ja in ihrer Landessprache, war es gegen 2:00 Uhr morgens. 4 Stunden später klingelte der Wecker, und es dauerte eine Weile, bis wir alle wieder schön aussahen und unsere Mal-Meditation vor dem Spiegel im Zimmer beendet hatten. Ich lernte Beautygeheimnisse aus aller Welt kennen, zum Beispiel von Monica, der Miss Brasilien, die sehr gut deutsch sprach, da sie sich beim Skifahren in Kitzbühel einen Geschäftsmann aus München geangelt hatte. Sie schlief zum Beispiel immer mit BH, damit ihr Busen schön straff blieb.
Eine Nacht musste ich mir das Zimmer mit drei Koreanerinnen teilen. Wir lächelten uns meistens nur an und verstanden uns ohne viele Worte. Ich bewunderte die kleinen zierlichen Frauen, wie sie den ganzen Tag lang in 12 Zentimeter hohen Plateauschuhen laufen konnten, ohne Blasen an den Füßen zu bekommen, und fragte mich, wie es sein konnte, dass diese doch von Natur aus eher flachbrüstigen Geschöpfe so kurvig waren, mit üppigem Busen und rundem Po. Das war sehr ungewöhnlich für asiatische Frauen. Sie hatten beneidenswert enge Miniröcke und knappe Oberteile ohne Träger an. Einen BH hätte man sehen müssen. Eines Abends kam ich nun doch hinter das Busen-Po-Geheimnis meiner Zimmermitbewohnerinnen. Alle drei Mädels hatten sich gemeinsam im Bad eingeschlossen, es rauschte jedoch kein Wasser, und ich dachte: »Was zum Teufel machen die da drin so lange?« Eine geschlagene Stunde wartete ich, dann klopfte es an der Hotelzimmertür und zwei weitere asiatische Schönheitsköniginnen kamen in unser Zimmer. Die Badezimmertür ging auf, ich konnte kurz hineinsehen und traute meinen Augen nicht. Die Mädels hatten aus dem dünnen weißen Toilettenpapier lauter Kugeln geformt und diese am Körper in Höhe von Brust und Po mit dicken Klebestreifen befestigt. So kreierten sie sich ihren Wunderbusen sowie ihren Sexy-Po und konnten damit sogar unbekümmert herumhopsen. Das war ein ziemlicher Aufwand, aber immerhin gesünder als eine Schönheitsoperation.
Wie eine Jury unter 80 Schönheitsköniginnen aus aller Welt die eine herausfischen konnte, die gewinnen sollte, blieb mir ein Rätsel. Ich hatte mir von Anfang an keine Chancen ausgerechnet und genoss die Zeit mit den Mädchen, lernte sehr viel von ihnen über ihre Länder, ihre Traditionen, ihre Körperpflege, auch über ihre Schminktipps und erfuhr viel über Südkorea.
Mir fiel auf, dass koreanische Männer sehr kinderlieb, aber unhöflich und respektlos Frauen gegenüber waren. Mir passierte es beispielsweise mehrfach, dass ich mit meinem Koffer in der Hand hinter einem Mann durch die Hotellobby ging und er mir die Tür vor der Nase zuknallte, statt sie aufzuhalten. In einem wunderschönen Park hatte ich Brautpaare beim Fotoshooting beobachtet. Nicht eine Braut hatte gelächelt. Einen Taxifahrer fragte ich während der Fahrt, warum man keine Hunde in der Stadt sieht, und bekam zur Antwort: »Hier leben nur Minihunde für die Miniwohnung, große Hunde kommen in den Topf. Die Koreaner essen eben alles, was Beine hat, außer Tische, ha ha ha!«
Eines Abends im Hotel sollten wir Schönheitsköniginnen uns selbst gegenseitig bespaßen. Jede von uns sollte einen eigenen Kulturbeitrag auf der Bühne zeigen. Ich überlegte, was ich wohl darbieten könnte, und da ich aufgrund der übereilten Abreise auf Entertainment nicht vorbereitet war, hatte ich außer einer kurzen bunten Sporthose und einer neuen CD der britischen Band OMD, die ich auf dem Flughafen gekauft hatte, nichts weiter im Gepäck. Ich sah begeistert zu, wie Miss Brasilien eine Samba-Show im Glitzerkostüm, mit riesigen bunten Federn auf dem Kopf, hinlegte, Miss Mongolei auf einer Maultrommel spielte, Miss Peru uns zu Tränen rührte mit ihrer Panflöte und Miss Russland einen Folkloretanz zum Besten gab, als Wassilissa die Wunderschöne. Eine Gitarre hatte ich nicht dabei, sonst hätte ich was singen können.
Ich ließ also meine CD einlegen und machte das, was ich im Fitnessstudio gewöhnt war, ich zeigte einen Ausschnitt aus meinem Aerobic-Programm. Das kam gut an, denn alle Mädels hatten Lust auf Bewegung und machten spontan mit. Nach unserer Vorstellung kamen die Miss-World-Veranstalter auf die Bühne und verkündeten, wer von den Damen nun am folgenden Tag in einer koreanischen Fernsehshow live auftreten durfte, ähnlich dem deutschen Fernsehformat Wetten dass ...? Ich hörte die Verlesung der Namen. »Mit dabei sind: Miss USA, Miss Brasilien, Miss Schweden, Miss Korea und … Miss Germany!« Das war ich!
Mir blieb das Herz stehen. Ich sollte in einer TV-Show, vor Millionen Menschen tanzen. Ich konnte mich weder gut genug bewegen, noch sah eine Sporteinlage von mir professionell aus, so allein im bunten Baumwolltrikot auf einer riesigen Bühne. Ich war doch nicht Jane Fonda! Jetzt musste ich da durch und das Beste daraus machen. In Deutschland würde das eh keiner sehen, und für meine Radioreportage hätte ich was zu erzählen.
Einen Tag später: Die Show lief, die Halle war voller Menschen, überall waren Kamerateams, Monica wackelte mit ihren Pobacken auf der Showbühne in ihrem neongelben Dress und den langen Federn um die Wette. Das Publikum tobte begeistert, ich stand verkrampft hinter dem Vorhang und sollte als Nächste raus. Ich fühlte das Scheinwerferlicht auf meinem Rücken, die ersten Takte meiner CD von OMD erklangen, es lief Pandoras Box, und dann ging es los.
Ich machte eine paar Posen im Stand, drehte mich um, tanzte mit einem Lächeln im Gesicht nach vorne auf das Publikum zu und sah erst in diesem Moment, dass direkt vor der Bühne etwa 200 kleine Kinder im Schneidersitz saßen, mir gespannt zusahen, mit der Musik mitwippten und anfingen zu klatschen.
Das war meine Chance! Ich lachte den Kleinen zu, winkte sie zu mir nach oben, und binnen weniger Sekunden war die ganze Bühne voller Kinder. Alle versuchten, meine Bewegungen mitzumachen. Die Eltern und Verwandten der Kinder im Publikum standen von ihren Sitzen auf und klatschten begeistert den Takt mit. Die Stimmung in der Halle war großartig. Ich war in einem Land, das Kinder über alles liebte, und hatte in diesem Augenblick intuitiv wohl genau das Richtige getan. Ich machte die Kinder zum Mittelpunkt der Show.
Wenige Tage später war dann die alles entscheidende Miss-University-Wahl in der Olympiahalle in Seoul. Geschminkt und frisiert wurden wir von asiatischen Visagisten, die meine Haare einfach zum Dutt hochbanden, mir ein Haarteil mit langen Locken ansteckten und meine Lippen passend zum Kleid lila malten. Meine Zähne wirkten dadurch gelb, und ich lächelte den ganzen Abend nur noch mit geschlossenem Mund. Wir liefen in den schönsten Outfits angesagter asiatischer Designer eine Modenschau über einen kreisrunden Laufsteg, der durchs Publikum führte. Im zweiten Durchgang tanzten wir in Badeanzügen zur Filmmusik von Arielle, die Meerjungfrau eine wundervolle Choreographie mit blauen Chiffon-Tüchern, die das Meer symbolisieren sollten. Zwischen uns tauchten kleine Kinder in Fischkostümen auf und ab. Es gab zwei weitere Durchgänge in Abendgarderobe, und dann war gegen Mitternacht Siegerehrung. Meine Freundin Monica belegte den fünften Platz, den Siegerpokal konnte Miss Island mit nach Hause nehmen. Die neue Miss World University war ein Frauentyp wie Claudia Schiffer, die Anfang der 90er-Jahre ja weltweit noch sehr gefragt war.
Als die Wahl vorbei war, machte der Moderator der Show noch auf einen weiteren Pokal aufmerksam: »Wir wählen jedes Jahr auch unsere ›Miss World University Friendship‹, die freundlichste Studentin der Welt, mit dem größten Herzen. Dass ist 1995 Miss Germany – Katrin Huß«. Was für eine angenehme Überraschung!
In der Leipziger Volkszeitung las ich Anfang der 90er-Jahre eine Anzeige, in der Menschen gesucht wurden, die gut vor Publikum reden konnten. Als Studentin brauchte ich Geld, also fuhr ich zum Casting in ein Leipziger Hotel. In der Lobby saßen zwei Männer aus München, die eine Kamera aufgebaut hatten und sich gerade von einem älteren, grau melierten Herrn verabschiedeten. Sie baten mich, vor der Kamera Platz zu nehmen und Witze zu erzählen. Das fand ich etwas merkwürdig, aber da die zwei Herren selber sehr lustig wirkten und damit anfingen, erzählte ich ihnen meine aktuellen Lieblingswitze. Die beiden Männer nahmen alles auf und erzählten mir, das seien Probeaufnahmen für eine Fernsehshow in München und sie würden sich wieder melden. Daran glaubte ich zwar nicht, aber nach etwa zwei Wochen bekam ich tatsächlich einen Anruf aus Bayern. Die Redaktion Gaudimax vom Bayerischen Fernsehen lud mich in ihre gleichnamige Unterhaltungssendung mit Gerd Rubenbauer ein. Ich sollte in ihrer Show auftreten, in der drei Kandidaten im Witze-Wettstreit gegeneinander antraten. Um auszuschließen, dass alle die gleichen Witze erzählten, musste ich nun in mehreren Kategorien (Arztwitz, Beamtenwitz, Lieblingswitz) je zehn Witze aufschreiben und nach München faxen. Die besten Witze standen bei mir ganz oben auf der Liste. Erzählen sollte ich dann aber die, die ich persönlich nicht so lustig fand. Ich fuhr zum Bayrischen Fernsehen und wurde Anfang der 90er-Jahre Teil der Gaudimax-Show. Von der Redaktion wurde ich professionell und liebenswürdig betreut, überstand die Generalprobe mit zitternden Knien und anschließend auch die Aufzeichnung. Ich fand das alles sehr aufregend, mich selbst jedoch weder komisch noch lustig, sondern viel zu normal und brav. Ich redete zu schnell und fuhr mit der Erkenntnis nach Hause, dass ich weder passend aussah noch das schauspielerische Talent besaß, auf der Bühne ein Comedian zu sein.
Alles in allem war ich froh, dass diese Sendung nur im Bayerischen Fernsehen ausgestrahlt wurde und ich etwas Taschengeld verdient hatte. Nicht nur das! Meine Nachbarin, beschäftigt im Delitzscher Schokoladenwerk, brachte mir einen ganzen Stapel Pralinenschachteln nach Hause. Ihr Chef hatte die Sendung gesehen und sich gefreut, dass ich als Delitzscher Besonderheit die Schokoladenproduktion genannt hatte.
Jahre später, als ich bereits Fernsehmoderatorin war, wiederholte man die Sendung in allen dritten Programmen, auch beim MDR.
Als Miss Ostdeutschland bekam ich 1992 eine Einladung nach Frankfurt die Talkshow Zeil um zehn beim Hessischen Rundfunk mit Alice Schwarzer. Außer mir waren noch weitere Gäste aus dem Osten Deutschlands eingeladen, zum Beispiel ein Professor von der Uni in Dresden. Es ging darum, wie wir Deutschen im Osten so ticken, vor allem die Sachsen, und warum. Frau Schwarzer bediente all die Vorurteile, die es über uns im »Tal der Ahnungslosen« gab. Der Professor schlug sich wacker gegenüber der resoluten Alice und war sehr redegewandt. Dann war ich an der Reihe. Die Redaktion hatte sich gewünscht, dass ich meine schwarz-rot-goldene Schärpe trage. Schon vor der Sendung hatte ich den Eindruck, dass mich keiner so richtig ernst nahm. Ich war zwar anwesend, bekam meinen Platz von der Redaktion zugewiesen, aber anfangen konnte und wollte mit mir niemand etwas. Ich war nervös und aufgeregt, denn ich wusste, Alice Schwarzer konnte sehr direkt sein.
Sie fragte im Talk freundlich, aber mit einem spitzen Unterton in der Stimme, was ich denn so machen würde als Schönheitskönigin. Anschließend runzelte sie die Stirn, als ich ihr erklärte, ich würde Journalistik studieren und bei einem Radiosender in Leipzig arbeiten. Damit hatte sie offensichtlich nicht gerechnet. Sie sprach nun noch langsamer und bedächtiger als vorher, schaute über ihren Brillenrand und bohrte weiter: »Fühlen Sie sich nicht wie eine Litfaßsäule, wenn Sie hier mit dieser Schärpe sitzen?« Ich setzte mich gerade hin und antwortete ihr daraufhin, dass sie ja wohl auch Werbung für ihre Sendung machen müsste und die Kleidung, die sie tragen würde, bestimmt gesponsert sei.
Das nachfolgende Gespräch war auf einmal sehr herzlich und auf Augenhöhe, und mit dem Professor aus Dresden trank ich nach der Sendung vergnügt ein Glas Sekt.
Während meines Volontariates beim MDR hielt unser damaliger Fernsehdirektor Dr. Henning Röhl einen Vortrag übers Fernsehen. Er erzählte uns, dass das Durchschnittsalter der MDR-Zuschauer bei 63 Jahren liege und dass wir uns als Nachwuchs doch mal das Programm genau ansehen sollten, Vorschläge zur Verbesserung machen und unsere Ideen einbringen könnten. So was musste man mir nicht zweimal sagen. Ich wusste sofort, was im Programm fehlte. Sport! Damit meinte ich nicht Fußball, Wintersport oder Leichtathletik, sondern Rand- und Trendsportarten. Die Geschichten hinter den Sportarten wollte ich erzählen und den Menschen, die sie betrieben, Ernährungs- und Gesundheitstipps geben. Als Vorlage für mein Konzept diente die Zeitschrift Fit for Fun. Diese war gerade erst vor wenigen Monaten auf den Markt gekommen.
