Die Tür - Ronnith Neumann - E-Book

Die Tür E-Book

Ronnith Neumann

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Beschreibung

Eindringliche Geschichten von Wandel und Vergänglichkeit, von sozialer und politischer Unterdrückung, von der Suche aus der Ausweglosigkeit, nach der befreienden Tür. Erzählungen ohne Pathos und falsche Sentimentalität. (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)

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Seitenzahl: 364

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Ronnith Neumann

Die Tür

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Inhalt

Für meine Eltern meinen [...]Ende der SaisonSeptembernachmittag in Loulé ISeptembernachmittag in Loulé IISeptembernachmittag in Loulé IIIBegegnung am MeerIch denke …Der blinde JungeTod durch TotschlagDie FabrikFrühlingKind am FlußDer StreikEin Abend wie jeder andereEin gedeckter TischDer HutDie TürDer ClownDas BrotNashkachIm Schatten der SonnenblumenBegegnungAber was ist, wenn die Zeit selbst die Krankheit ist …Insel ohne WiederkehrEine ganz kurze GeschichteSelberschuldGeruch des MississippiDas Protokoll12345678910111213141516171819202122232425262728Die rosafarbene StolaIntermezzoDie letzte Reise

Für meine Eltern meinen Großvater

Schwer zu gehen ist es auf des Messers Schneide, noch viel schwerer ist der Weg zum Heil.

 

(Indisches Sprichwort)

Es gibt keinen Weg zum Frieden – der Frieden ist der Weg.

 

(Mahatma Gandhi)

Ende der Saison

Es war naßkalt; ein dünner Schneeregen fiel ins Tal und verwandelte die letzten Reste des spärlichen Schnees in pappige, dicht aneinandergereihte Hügel, die sich seitlich der Hauptstraße den Berg hinanzogen.

Maria Pescosta ging die Hauptstraße hinab, über die Kreuzung, über die Brücke, unter der der Dorfbach jetzt, im Frühling, aus Eis und Schnee hervorbrach und zu neuem Leben erwachte, ging die Hauptstraße bis zum Ende des Dorfes, ging, zwei große, schwere Einkaufskörbe je zur Rechten und zur Linken, ging, seufzend über die Last, die ihren Buckel krümmte, so sehr sie sich auch bemühte, aufrecht und mit erhobenem Kopf zu gehen, ging, im Schritt langsamer werdend, und bog schließlich von der Hauptstraße in eine enge Gasse, wo sie vor einem alten, mit Efeu berankten Haus stehenblieb. Sie setzte die Körbe auf dem Boden ab, kramte den Schlüssel aus der Manteltasche und tastete mit ihm nach dem Schloß.

In der Küche stand die Kanne mit dem dampfenden Milchkaffee schon auf dem Herd. Albert Pescosta saß, den Kopf in beide Hände gestützt, auf der Eckbank am Küchentisch. Der Blick seiner zusammengekniffenen Augen wanderte langsam über die Buchstaben der vor ihm ausgebreiteten Morgenzeitung.

»Gibt nichts Neues«, knurrte er, ohne den Kopf zu heben. »Höchstens, daß die Saison sehr schlecht war. Den Erwartungen nicht entsprochen«, zitierte er.

»Du wirst dir die Augen verderben. Warum nimmst du nicht deine Brille?« sagte Maria Pescosta, die Bänder der Schürze im Kreuz verknotend. Sie stellte die Einkaufskörbe auf die beiden dafür vorgesehenen Schemel, nahm die Kanne mit dem Milchkaffee vom Herd und trug sie zum Tisch. Von draußen hörte man das Klappen von Autotüren. Gelächter, Versprechungen, Wünsche und Hoffnungen. Abschiedsrufe.

»Das war’s dann wohl«, sagte Albert Pescosta. Er sah von seiner Zeitung hoch und zum Fenster hinaus. »Die letzten Touristen. Der Winter ist zu Ende.«

Maria Pescosta ging an die Küchentür, die einen Spaltbreit geöffnet stand, und rief in den Flur hinaus, die Treppe hinauf nach Elisabeth.

»Ich glaube, es wird uns nichts anderes übrigbleiben. Wir werden umbauen müssen«, sagte Albert Pescosta. Die Zeitung lag zusammengefaltet vor ihm auf dem Tisch; er stützte sich mit den Ellenbogen auf sie, die Hände unter dem Kinn gefaltet.

»Mein Gott, wo bleibt das Mädel nur!« Maria Pescosta stapfte an die Tür und brüllte den Namen ›Elisabeth‹ in den Flur, die Treppe hinauf. Ein schwaches ›Ja‹ kam von weit oben und gleich darauf ein ›Ich-komme-gleich‹.

»Aber fix«, brüllte Maria Pescosta.

»Was meinst du, Frau?« sagte Albert Pescosta.

»Gar nichts, mein’ ich«, sagte Maria Pescosta. »Das mit dem Umbau habt ihr seit drei Jahren vor, und bis jetzt ist alles nur Gerede.«

»Aber es wird uns nichts anderes übrigbleiben, wenn wir mithalten wollen«, sagte Albert Pescosta.

»Mithalten! – Vor drei Jahren hättest umbauen solln! Als der Kostner umgebaut hat. Da hättest mithalten müssen! Jetzt ist’s zu spät.«

»Es ist nie zu spät, Frau, nie, wenn man nur will.«

Elisabeth kam in die Küche.

»Pack die Körbe aus, aber fix! Ewig diese Trödelei«, sagte Maria Pescosta und goß Milchkaffee in vier verschiedene auf dem Tisch stehende Becher.

»Für was ist’s nie zu spät?« fragte Elisabeth. Sie stand da mit großen, runden Augen, ein rotes Taschentuch in den Händen.

»Hör, was deine Mutter sagt, und pack die Körbe aus«, sagte Albert Pescosta.

Maria Pescosta warf ihr einen wütenden Blick zu: »Aber fix! Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit!«

»Ja, ja, schon gut«, sagte Elisabeth gedehnt, steckte das Taschentuch weg und beugte sich über die Körbe. Sie trug einen blaßrosa Jogging-Anzug mit der Aufschrift ›Racing‹ und mit einem roten Tuch im Reißverschlußausschnitt.

»Wir sollten die Sache einmal in Ruhe durchrechnen«, sagte Albert Pescosta. »Der Josef, der Karl und der alte Christian haben angeboten, uns zu helfen.«

»Und wo willst du den Kredit herbekommen?« sagte Maria Pescosta. »Du kennst doch die Banken. Das alte Haus ist für die noch lang keine Sicherheit.«

Sie setzte sich über Eck an den Tisch zu Albert Pescosta; ihre Finger zupften unruhig an der weißen Schürze herum.

»Ich habe mir überlegt … vielleicht kann der Micha da etwas machen«, sagte Albert Pescosta.

»Wie das?« Maria Pescostas Finger verharrten für einen Augenblick, aber angespannt und hoch aufgerichtet; wie Spieße stachen sie in die Luft.

»Ja – der Micha – der bekommt doch eine Studienhilfe für Begabte …«

»Die braucht der doch selbst!«

»Wir zahlen sie ihm ja zurück!«

Maria Pescosta biß sich auf die Lippen. Elisabeth ließ eine Obstdose fallen. Stille.

»Nein, das geht nicht. Der Micha, der muß studieren«, sagte Maria Pescosta in die Stille.

»Und ich? – Was wird mit mir?«

Albert und Maria Pescosta starrten zu Elisabeth hinüber, die mit der eingedellten Obstdose in der Hand zwischen den beiden Einkaufskörben stand.

»Du hast doch gar kein Abitur!« platzte Maria Pescosta heraus.

»Ich will in die Boutique. Das wißt ihr genau«, sagte Elisabeth.

»Das ist keine Zukunft, Kind«, sagte Albert Pescosta.

»Es ist sehr wohl eine, sehr wohl ist das eine Zukunft!«

»Es ist keine. Vater hat recht.«

»Was für Jasmin eine Zukunft ist, ist auch eine für mich.«

»Jasmin – Jasmin hat reiche Eltern«, sagte Maria Pescosta. Ihre Hände glätteten die Schürze und legten sich in den Schoß. Elisabeth knallte die Obstdose auf den Tisch.

»Jasmin, Elke, Valeria, Marie – für alle diese Mädchen ist es eine Zukunft! Elke und Marie haben keine reichen Eltern. Trotzdem ist es ihre Zukunft. Warum nicht auch für mich?«

»Weil deine Zukunft hier im Haus ist«, sagte Maria Pescosta. Sie lehnte sich in der Bank zurück, die Hände im Schoß.

»Niemals«, zischte Elisabeth, »niemals!«

Sie ballte die Hände zu Fäusten und schlug mit ihnen auf die Tischplatte. Sie stand gekrümmt über der Mutter, die beiden Frauen starrten einander in die Augen. Ohne den Blick zu senken, richtete sich Maria Pescosta auf:

»Sehr wohl – du wirst sehr wohl hierbleiben. Du wirst die Betten machen und die Küche machen und die Zimmer und die Bäder und die Kloschüsseln genau wie ich. Das wirst du machen. Den ganzen Dreck! Den ganzen verdammten Dreck!« schrie sie.

»Jetzt ist es heraus«, sagte Elisabeth. »Jetzt hast du es endlich herausgebracht. Wenn du nicht, dann ich auch nicht! So ist es doch, Mutter? Oder?«

»Jahrelang hab’ ich den Dreck für euch gemacht, hab’ mich kaputtgemacht für ein Taschengeld, für das nicht einmal ein Lippenstift drin gewesen wäre! Und jetzt soll ich weiter den Dreck machen? Ich allein? Während meine liebe Tochter, die sich für was Besseres hält, in die Boutique geht und sich für das viele Geld, das sie dort verdient, feinmacht und all das kauft, was ich nie haben konnte!«

Maria Pescosta vergrub das Gesicht in beiden Händen.

»Für mich hast du den Dreck gemacht …? – Für mich hast du nie irgendeinen Dreck gemacht, Mutter!«

»Doch, doch. Für dich. Auch für dich«, schluchzte Maria Pescosta, das Gesicht in den Händen vergraben.

»Für Micha hast du es gemacht. Das wissen wir beide. Für Micha und sonst niemanden. Das weißt du, das weiß ich, Vater weiß es, und Micha weiß es auch.«

Albert Pescosta räusperte sich und senkte den Blick. Maria Pescosta weinte hemmungslos, das Gesicht in den Händen vergraben.

Albert Pescosta erhob sich von der Bank, ging zum Kühlschrank und nahm eine Flasche Bier heraus.

»Hättest du mich in Ruhe gelassen bei meinen Schulaufgaben, wie du es bei Micha getan hast; hättest du mit mir gelernt, wie du mit Micha gelernt hast; hättest du auch mich Vokabeln abgehört, hättest du mir den Mut zugesprochen, den du Micha zugesprochen hast, dann hätte auch ich mein Abitur geschafft! Dann wäre ich nicht die dumme Sitzengebliebene geworden!«

»Hätte, hätte – willst du ein Bier?«

Albert Pescosta hielt seiner Tochter die Flasche hin. Das Mädchen schlug sie ihm aus der Hand. Die Flasche zerschellte am Boden. Das Bier breitete sich aus. Die Lache schäumte und zischte. Albert Pescosta stand da und starrte auf die Lache am Boden. Dann ging er zum Tisch und setzte sich auf die äußerste Ecke der Bank. Seine Lippen bewegten sich stumm. Die Hände zitterten ihm auf den Knien.

Maria Pescosta hatte aufgehört zu weinen. Sie sah Elisabeth mit geradem Blick an. Sie zog ein Taschentuch aus der Schürzentasche und schnaubte sich die Nase. Sie behielt das Taschentuch in den Händen und sah ihre Tochter unverändert gerade an. Elisabeth holte einen Handfeger und eine Schippe aus dem Wandschrank.

»Laß«, sagte Maria Pescosta.

Elisabeth stand unschlüssig, in der einen Hand die Schippe, in der anderen den Feger. Sie blickte auf die Bierlache mit den Glasscherben, dann blickte sie zu ihrem Vater hinüber. Der sah vor sich auf den Boden. Seine Lippen waren geschlossen, die Hände zitterten nicht mehr.

»Setz dich«, sagte Maria Pescosta.

Elisabeth machte eine Handbewegung

»Dort hin«, sagte Maria Pescosta.

Elisabeth setzte sich auf einen Stuhl ihr gegenüber.

»Leg die Schippe und den Feger weg.«

Elisabeth legte beides neben den Stuhl auf den Boden. Die beiden Frauen sahen einander an. Es war, als sähen sie sich zum ersten Mal. Es war wie eine Umarmung. Es war das erste Mal, daß sie sich umarmten.

Draußen fuhr ein Wagen durch die Gasse vor das Haus. Ein junger Mann sprang pfeifend heraus. Er kam in die Küche gestürzt, stand groß im Raum und intonierte:

»Sagt nichts. Ich habe mir alles genau überlegt. Wir bauen das Haus um und machen ein Hotel Garni daraus. Mutter und Elisabeth kümmern sich um die Zimmer, Vater und ich ums Frühstück und um die Bar.«

Albert Pescosta hob den Blick und sah seinen Sohn an: »Und woher nimmst du das Geld für den Umbau?«

Micha lächelte. Er sah zum Fenster hinaus. Die Windschutzscheibe des Wagens, draußen vor dem Haus, reflektierte im Sonnenlicht. Die Sonne war für einen Augenblick hinter einer dunklen Wolkenwand hervorgebrochen. Es war nur ein kurzes Aufflackern des Lichts in der Scheibe des Wagens. Danach regnete es wieder.

Ich danke der Gemeinde von Corvara (Alta Badia), wo während meines Aufenthaltes diese Geschichte entstand.

Septembernachmittag in Loulé I

Zwei alte Männer saßen in einer Bar in einer Seitenstraße von Loulé. Jeden Tag um die gleiche Zeit saßen sie dort, aber sie saßen an getrennten Tischen, denn sie kannten einander nicht oder nur vom Sehen, so kannten sie sich. Der eine alte Mann saß im hinteren Teil der Bar am letzten Tisch vor den Toiletten, und er trug eine helle Leinenjacke und einen dazu passenden hellen Hut. Der andere saß vorn am ersten Tisch, gleich neben der Eingangstür. Er war ärmlich gekleidet, blickte mit lidlosen, runden Augen vor sich hin, und die fünf Zähne seines Unterkiefers standen spitz und lang heraus, so daß sie sich, wenn er den Mund schloß, über die Oberlippe schoben und ihm das Aussehen eines Piranhas verliehen.

Es war einer der letzten heißen Nachmittage im September, und durch die weitgeöffnete Tür sah man die Straße, weiß, staubig und menschenleer, aber drinnen war es dämmerig und angenehm kühl. Die Bar war wie ein langer Schlauch. Der Gang zwischen den Tischen und der Theke war sehr schmal. Auf der äußersten Ecke der Theke stand ein Ventilator. Der Ventilator lief leise surrend, und die Kellnerin ging mit einem kleinen runden Tablett in der linken Armbeuge durch den schmalen Gang zu dem Tisch an der Tür und stellte ein Glas Bier auf den Pappdeckel des einen alten Mannes, dann ging sie den Gang zurück in Richtung der Toiletten und stellte ein Glas Weißwein auf den Tisch des anderen.

›Wie dumm‹, dachte sie, ›wieviel lieber wäre ich mit zum Strand gefahren.‹ Es war Samstag, und ihre Freunde waren zum Einkaufen auf den Markt von Loulé gekommen und anschließend ans Meer gefahren. Die Kellnerin war jung und dunkelhäutig, ihre Eltern stammten noch aus Moçambique, eine der früheren Kolonien Portugals, und sie war hübsch und lebenshungrig und begierig darauf, nichts zu versäumen. Jetzt, zum Nachmittag, war der Markt vorüber, und die Stände waren abgebaut, bis auf einige Wäsche- und Kleiderstände, die immer die Rua Combatentes da Grande Guerra[1] hinauf standen, und es war kaum zu erwarten, daß außer den beiden Alten, die jeden Nachmittag in der Bar saßen, und den drei Burschen am Tresen, die sie nicht einmal kannte und die in einer fremden Sprache miteinander sprachen, noch irgendwelche Gäste in die Bar kommen würden. Der Junior hätte ihr also ruhig freigeben können, aber der war so eifersüchtig, daß sie keine Lust verspürt hatte, ihn darum zu bitten, und sich deshalb vorhin sehr schnell von ihren Freunden an der Tür verabschiedet hatte.

Sie lehnte an der Theke und warf einen verstohlenen Blick hinter den Tresen, wo der Junior am Becken Gläser spülte, sie trocknete und nacheinander in das Regal hinter sich einordnete. Sie beobachtete mißbilligend, wie er pedantisch ein Glas neben das andere reihte, und erblickte sich dabei in der Spiegelwand zwischen Gläsern und Flaschen, wie sie über ihre Schulter sah mit den krausen schwarzen Haaren, zu einem Zopf geflochten, der zwischen ihren mageren, spitz hervorspringenden Schulterblättern über ihrer dunklen Haut in dem pinkfarbenen Top lang herunterhing, und als sie wieder nach vorn blickte, sah sie die beiden Alten, die zur gleichen Zeit die Hand hoben. Sie nickte kurz hinüber zur Eingangstür, dann ging sie zu dem Alten, der vor den Toiletten saß, und fragte ihn, was er haben wolle. Sie brachte ihm ein zweites Glas Weißwein und schob den Rechnungszettel für beide Gläser unter den Aschenbecher, dann ging sie zu dem, der an der Tür saß, stellte ihm das Bier hin und machte zwei Striche auf dem Pappuntersatz. Sie überlegte, auf die Toilette zu gehen und sich die Haare zu richten. Sie ging den Gang hinunter und an dem Alten mit dem Weißwein vorüber, dessen Blick sie bis in die Toilette hinein verfolgte.

Der alte Mann kramte eine Pfeife, ein Feuerzeug und ein Päckchen Tabak aus einem dunklen ledernen Beutel, den er neben dem Glas Wein auf dem Tisch liegen hatte. Er stopfte die Pfeife, hielt das brennende Feuerzeug an die Öffnung des Pfeifenkopfes und sog ein paarmal kräftig an der Pfeife, bis sie brannte. Der Hut hatte sich ihm ins Gesicht geschoben, und die breite Krempe verhängte ihm die Sicht. Er schob ihn zurück, sog an der Pfeife und sah hinüber zu dem alten Mann an der Tür. Der blickte mit lidlosen, runden Augen vor sich auf das Bier, mahlte dabei mit den Kiefern, und jedesmal, wenn die Lippen sich schlossen, klappten sich die fünf Zähne des Unterkiefers über die Oberlippe, und er sah aus wie ein Piranha-Fisch. ›Welche Gedanken einen solchen Menschen wohl bewegen?‹ dachte der alte Mann mit der Pfeife. ›Was mag er denken, wenn die anderen über ihn lachen? Bekommt er Angst, wenn er sich im Spiegel sieht? Aber vielleicht hat er gar keinen Spiegel. Spiegel sind bequem. Sie sind zeitlos. Sie bleiben im Dunkeln. Wenn man es will. Da kann man ihnen aus dem Wege gehen‹, dachte der alte Mann und sog an seiner Pfeife. Er war Schriftsteller, und sein Arbeitszimmer lag im obersten Stockwerk, unter dem Dach eines Hauses, das in der Rua David Teixeira stand, jener Straße, die der andere Alte kehrte.

Der war ein guter Straßenkehrer; er war nie etwas anderes gewesen, und obwohl er nun alt war und das Handwerk langsam ausstarb, gab ihm die Stadt das Gnadenbrot. Jetzt saß er wie jeden Nachmittag in der Bar und gab rund die Hälfte von dem Geld, das er am Tage verdiente, für die drei Glas Bier aus, und weiter hinten in der Bar, am Tisch vor den Toiletten, saß wie immer der Schriftsteller.

O ja, er kannte ihn. Wenn er seine Straße kehrte, konnte er ihn oben in seinem Fenster unter dem schrägen Dach sitzen und arbeiten sehen, und jetzt saß er wie jeden Nachmittag in der Bar, ganz hinten, an seinem Tisch, und er selbst saß vorn an der Tür, und ein frisches Glas Bier stand vor ihm auf dem Tisch, und er kannte die Kellnerin, er brauchte nur mit dem Kopf zu nicken, und auch die Bar, die kannte er, schon viele Jahre kannte er diese Bar, und es war alles in Ordnung, so, wie es war, so war es gut und in Ordnung. Er trank einen Schluck von dem Bier, es war erst das zweite Glas, und er kaute das Bier, er kaute es langsam und genüßlich, und er schloß den Mund, während er das Glas auf den Tisch zurückstellte. Dann lugte er mit einem Auge hinüber zu dem anderen Tisch, und als er sah, daß der Schriftsteller ebenfalls zu ihm herüberblickte, ließ er seine Augen schnell über die Theke schweifen und zu den drei jungen Burschen, die dort auf den hohen Hockern saßen und in einer fremden Sprache miteinander sprachen. Der Schriftsteller lächelte und klopfte die Pfeife im Aschenbecher aus. Die Kellnerin kam aus der Toilette, und er rief sie an seinen Tisch.

»Was wünschen Sie, bitte?« fragte die Kellnerin.

»Bringen Sie mir bitte ein neues Glas von dem Wein, und fragen Sie den alten Mann an der Tür, was er trinken möchte. Er soll sich etwas auf meine Rechnung bestellen.«

»Sehr wohl, mein Herr. Ich werde ihn sofort fragen«, sagte die Kellnerin und ging an der Theke entlang und an den drei jungen Burschen vorbei, und der Schriftsteller sah, wie sie sich zu dem Straßenkehrer hinunterbeugte und eindringlich mit ihm sprach. Der alte Mann nickte, er blickte kurz auf und mahlte mit den Kiefern.

Die Kellnerin brachte dem Schriftsteller das Glas Wein und schob den Rechnungszettel zu dem anderen unter den Aschenbecher. Dann ging sie an der Theke entlang in Richtung Tür und stellte ein Glas Bier auf den Tisch des Straßenkehrers, ohne einen Strich auf den Pappdeckel zu machen. Der Straßenkehrer hob das Glas, hielt es vor sich in Augenhöhe und nickte zweimal sehr bedächtig und sehr feierlich zu dem Schriftsteller hinüber. Der hob ebenfalls sein Glas und prostete dem Straßenkehrer zu. Beide tranken die randgefüllten Gläser vorsichtig ab, blickten einander nochmals an und stellten die Gläser auf die Tische zurück.

Der Straßenkehrer kaute das Bier, er schloß die Kiefer und spürte, wie sich seine fünf Zähne über die Oberlippe schoben. Es war ein vertrautes Gefühl, und er dachte:

›Ein netter Mann. Gibt mir einfach ein Bier aus, obwohl er mich gar nicht kennt. Wahrscheinlich weiß er nicht einmal, daß ich seine Straße kehre. Wirklich, ein netter Mann, gibt mir einfach das Bier aus, obwohl er mich gar nicht kennt. Eigentlich würde ich ihn gerne kennen. Morgen werde ich den Platz vor seinem Haus besonders gut kehren. Ein netter Mann, gibt mir einfach ein Bier aus.‹

Und der Schriftsteller dachte:

›Jetzt sitzen wir beiden Alten Tag für Tag – ich weiß nicht, wie lange – in der gleichen Bar, und beide sitzen wir hier nach der Arbeit und sehr allein, und niemals wechseln wir auch nur ein Wort oder gar einen Blick miteinander. Dabei wäre es interessant für mich, den alten Straßenkehrer kennenzulernen, seine Sprache, seine Wünsche und Gedanken zu studieren. Wie spricht ein Mensch mit solchen Zähnen, kann er überhaupt deutlich artikulieren? Du machst dir wieder was vor‹, dachte der Schriftsteller. ›Du machst dir verdammt noch mal wieder etwas vor, und du sollst dir nichts vormachen, oder doch, mach dir etwas vor, wenn es das einzige ist, das dich beruhigt, wenn es das einzige ist, das bleibt, dann mach dir verdammt noch mal was vor.‹

Er stopfte sich eine neue Pfeife und zündete sie an. Er sah zur Theke. Dort stand die Kellnerin, und sie war jung und hübsch und dunkelhäutig, und hinter der Theke spülte der Junior Gläser, er hielt den Kopf gesenkt, und seine Augen schielten finster von unten herauf, und er ließ die Kellnerin nicht aus den Augen. Das Mädchen sprach mit den drei Burschen, sie sprachen alle vier sehr laut und in verschiedenen Sprachen und fuchtelten dabei mit ihren Armen in der Luft und gestikulierten wild mit den Händen, und das Mädchen lachte schrill auf, und die Burschen wieherten und klopften einander auf die Schultern.

Er sog an seiner Pfeife, dann sah er hinüber zu dem Straßenkehrer. Der blickte mit lidlosen, runden Augen vor sich hin und mahlte mit den Kiefern, und die fünf Zähne schoben sich langsam über seine Oberlippe, während er den Mund schloß. Das Glas Bier, das der Schriftsteller ihm ausgegeben hatte, stand noch immer vor ihm. Nur war das Glas jetzt leer.

Septembernachmittag in Loulé II

Eine alte Frau kehrte den Hof einer Kapelle. Es war einer der letzten heißen Nachmittage im September; es war vollkommen windstill, und unterhalb der drei Stufen, die zum Hof führten, lag die Straße, weiß, staubig und menschenleer.

Die Frau war schon sehr alt, und seit dreiundvierzig Jahren arbeitete und lebte sie in der Kapelle in einer kleinen Gasse von Loulé. Ihre Haare waren schlohweiß, und aus ihren Augen funkelte das, was man die Weisheit des Alters nennt und dem immer auch ein Hauch kindlicher Naivität und das Feuer der Jugend anhaften. Sah man aber genauer in ihre Augen, so fand man in ihnen ebenfalls das ›saudade‹, die ›Sehnsucht‹, den ›Weltschmerz‹ der portugiesischen Mentalität, der sich im Spiegel der Augen offenbart.

Im Hof der Kapelle wuchsen drei junge Bäumchen. Sie wuchsen aus runden Erdlöchern, die aus dem weißen Steinfußboden herausgebrochen waren. Die alte Frau mußte die Bäumchen morgens und abends wässern, da die Sonne den ganzen Tag über schattenlos auf den Hof brannte.

Die Kapelle war viel kleiner als der Hof. Sie stand am Ende des Hofes, und sie war sehr klein und sehr alt, sie war viel älter als der Hof, und aus der Seite wuchs ihr ein Türmchen, das ein wenig schief zu stehen schien. In der Kapelle gab es vier Betbänke und einen einfachen Altar. In einem der beiden Seitenräume, rechts vom Altar, standen ein Bett, ein Tisch und ein Stuhl. Über dem Stuhl hing ein Kleid mit Blumenmuster und zwei großen aufgesetzten Taschen, auf dem Bett lag eine grellfarbene, grobgewebte Decke. An der Wand war ein Waschbecken angebracht, auf dem Rand des Waschbeckens lag ein Frotteelappen, und neben ihm ragte ein Haken aus der Wand, an dem ein Handtuch herunterhing.

Im anderen Seitenraum, links vom Altar, stand ein Holztisch. Auf dem Tisch lag ein weißes Tischtuch, und sowohl dort als auch auf dem Altartisch standen Wachsblumen in bauchigen Gefäßen und unterschiedlich abgebrannte Kerzen in verschiedenen Farben und Formen. Aus einer Wandnische über dem Holztisch ragte die Skulptur einer Heiligen im langen Gewand mit geneigtem Kopf und niedergeschlagenen Augen. An der Wand hinter dem Altar hingen Wachsblumen wie Girlanden herunter und allerlei Bilder diverser Stilrichtungen, dazwischen abgegriffene Postkarten mit aufgerauhter, rissiger Oberfläche und geknickten Ecken. Die alte Frau hatte über die Jahre alles gesammelt und aufgehoben, was die Besucher entweder in Spendierlaune oder in ihrer Achtlosigkeit der Kapelle hinterlassen hatten. Mit diesen Resten menschlicher Zivilisation hatte sie nach und nach die Kapelle geschmückt. Sie hatte es für die Liebe Frau getan. Der war die Kapelle gewidmet.

Die alte Frau stellte den Besen in eine Mauernische seitlich der Kapelle, rieb sich die Hände an ihrem Kittel ab und ging hinein. Sie warf einen kritischen Blick über den Fußboden. Sie hatte die Fliesen erst vor einer Viertelstunde gewischt. Jetzt war es in der Kapelle kühl, und es roch angenehm frisch, und die Fliesen glänzten noch feucht.

Es mußte alles sehr sauber sein, wenn sie in die Kapelle kamen. Sie kamen jeden Sonnabend um die gleiche Zeit. Wenn der Markt vorüber war und nur noch die Kleider- und Wäschestände die Rua Combatentes da Grande Guerra hinauf standen. Die alte Frau achtete auf die Sauberkeit in der Kapelle. Es war ihre Aufgabe. Sie erfüllte diese Aufgabe gern. Sie tat es für die Liebe Frau. Es war das einzige, was sie für die Liebe Frau tun konnte. Sie hielt sich mit beiden Händen am Rande des Altartisches fest und zog sich die Stufe zum Altar hinauf. Gebückt fingerte sie eine Weile an den Wachsblumen herum, hielt sich dann abermals mit beiden Händen am Rande des Altartisches und stieg die Stufe rückwärts wieder hinunter. Sie ging in ihre Kammer, nahm das geblümte Kleid vom Stuhl und legte es auf das Bett neben die grellfarbene, grobgewebte Decke. Dann zog sie ihren Kittel aus und legte ihn über die Stuhllehne. In Büstenhalter und Unterhose ging sie ans Waschbecken, drehte den Wasserhahn auf und betupfte mit dem nassen, kalten Lappen sehr langsam und Stück für Stück Gesicht, Hals, Brust und Arme. Sie nahm das Handtuch vom Haken und tupfte sich damit trocken. Dann ging sie zum Bett, nahm das Kleid und stülpte es sich über den Kopf. Sie glättete es sorgfältig vorn und an den Seiten, faßte in die Taschen, fühlte in der einen das Plastiksäckchen und ordnete mit den Fingern die Haare. ›Jetzt ist es wohl an der Zeit, die Kerzen anzuzünden‹, dachte die alte Frau. ›Bald werden sie kommen. Da müssen die Kerzen brennen.‹ Sie war gerade dabei, die letzte Kerze anzubrennen, da hörte sie die Schritte im Hof.

Die drei schwarzgekleideten Frauen traten hintereinander in die Kapelle. Zwei von ihnen waren schwere Frauen mit einem wiegenden Gang; die älteste war klein, gebückt und knochig. Die Frauen trugen die schwarzen Tücher und Röcke übereinander, und die älteste trug ein Tuch um den Kopf, während die beiden anderen ihr Haar im Nacken zu einem Knoten gebunden hatten, aber alle drei hatten sie das ›saudade‹ der Portugiesen in den Augen.

Noch im einfallenden Licht der Tür beugten sie die Knie, bekreuzigten sich und beteten stumm mit sich bewegenden Lippen. Sie bekreuzigten sich ein zweites Mal und schritten dann hintereinander auf die Betbänke zu. Die alte Frau trat leise zur Seite. Die drei Schwarzgekleideten gingen an ihr vorüber, grüßten sie stumm und knieten sich in die zweite, dritte und vierte Bank. Sie knieten auf den Kniebänken, die Hände vor den Gesichtern gefaltet, und beteten mit geschlossenen Augen.

Die alte Frau hielt die Arme auf dem Rücken verschränkt und blickte hin und wieder prüfend zu den Kerzen hinüber. Die Kerzen brannten ruhig, und die alte Frau lächelte und sah hinter sich und hinauf zu der Nische, aus der die Liebe Frau sanft zu ihr niederblickte. Die alte Frau sah lächelnd nach vorn und vor sich auf den Boden. Sie hielt die Arme auf dem Rücken verschränkt, und sie stand eine ganze Weile so da, lächelnd und mit gesenktem Blick, bis die drei Schwarzgekleideten sich von den Kniebänken erhoben, sich bekreuzigten und auf den Sitzbänken niederließen.

Die alte Frau trat behutsam einen Schritt nach vorn. Die Schwarzgekleideten lösten ihren Blick vom Altar und wandten sich ihr zu. Eine von den beiden Frauen mit dem Knoten im Haar sprach:

»Ach, Armenia, Sie wissen ja gar nicht, wie gut Sie es haben. Sie waren nie verheiratet und wissen nicht, was es bedeutet, als Witwe einsam zu sein.«

Armenia lächelte. Sie nahm ihre Hände nach vorn und trat an die Betbänke heran. Die ältere der Witwen seufzte:

»Ja, ja, es ist die Einsamkeit, die Einsamkeit, die ist es.« Sie strich mit ihren Händen über das Kopftuch: »Seien Sie froh, Armenia, seien Sie nur froh.«

Armenia lächelte. Sie zeigte ihre Hände. Sie drehte sie hin und her und hielt ihre Handflächen nach oben. Sie sagte:

»Ich habe meine Arbeit. Die hier, die brauche ich für meine Arbeit.« Sie streckte ihre Hände noch weiter nach vorn und spreizte die Finger: »Nur die hier, die brauche ich. Sonst brauche ich nichts.«

»Und hast du dir nie etwas anderes gewünscht, Armenia?« fragte die andere Witwe mit dem Knoten im Haar.

»Ich weiß nicht. Vielleicht früher einmal«, sagte Armenia, »vielleicht … aber das weiß ich nicht mehr. Es ist alles schon so lange her.«

»Gab es denn nie einen Mann in Ihrem Leben, Armenia?« fragte die älteste Witwe mit dem Kopftuch. Armenia zog die Schultern hoch, wiegte den Kopf hin und her und lächelte. Die zweite Witwe mit dem Knoten im Haar sah Armenia an:

»Damals, es ist viele Jahre her, damals bist du mit den bunten Bändern im Haar umhergelaufen. Damals, Armenia … erinnerst du dich?«

Armenia lächelte. Sie sah die drei Witwen der Reihe nach an. Ihr Lächeln schien eingefroren.

»Ja, ich erinnere mich.«

»Dann, eines Tages, waren die Bänder aus deinem Haar verschwunden.«

»Auch daran erinnere ich mich.«

Armenia lächelte mit ihrem eingefrorenen Lächeln. Ihre Augen glänzten.

»Damals waren wir alle jung«, sagte sie.

»Und wie jung wir waren«, sagte die Witwe.

»War es nicht die Zeit, Armenia, in der wir uns immer hier, in der Kapelle, trafen? Du wolltest es so, Armenia. Erinnerst du dich? Immer wolltest du, daß wir uns in der Kapelle trafen. Nie sah man dich woanders. Wir gingen zum Tanz, aber dich sahen wir nur in der Kapelle«, sagte die Witwe.

Armenia senkte den Blick. Sie lächelte. Sie sagte nichts. Die älteste Witwe fingerte am Knoten ihres Kopftuches. Ihre Hand zitterte.

»Seien Sie froh, Armenia, daß Sie ihn nicht geheiratet haben«, sagte sie. »Sonst säßen Sie heute hier mit den schwarzen Sachen am Leib, und Sie würden sich grämen, ebenso wie wir uns grämen, Tag für Tag, Stunde um Stunde, und es gäbe keinen Trost für Sie auf dieser Welt, nur die Einsamkeit und die Aussicht auf ein anderes Leben jenseits aller traurigen Gedanken.«

Sie lehnte sich in ihrer Bank zurück. Die lange Rede hatte sie erschöpft. Sie war es nicht mehr gewohnt, so lange zu sprechen. Jetzt zitterte auch ihre andere Hand. Sie legte beide Hände in den Schoß. Dort lagen sie gekrümmt beieinander und zitterten.

Die Witwen saßen noch eine Weile bewegungslos in den Bänken. Sie starrten auf den Altar, die älteste Witwe mit dem Kopftuch bewegte stumm die Lippen, und Armenia stand vor dem Seitenraum, aus dessen Nische die Liebe Frau sanft auf sie herabblickte. Armenia lächelte zu ihr hinauf, dann blickte sie die Witwen der Reihe nach an. Sie sah zu den Kerzen hinüber. Sie brannten gleichmäßig und ruhig. Es war Beständigkeit und Vergänglichkeit zugleich. Armenia liebte Kerzen. Sie waren für sie der Inbegriff des Lebens. Gerade und schön gewachsen, zerflossen sie schließlich im Nichts. Kerzen waren für Armenia das Symbol allen Wandels. Und der Wandel war die Vergänglichkeit, der sich Armenia seit dem ersten Tag ihres wahrhaften Denkens anvertraut hatte. Nur wer den Wandel und die Vergänglichkeit will, der will auch das Leben. Es war Armenias Grundsatz geworden. Sie lebte danach. Seit dreiundvierzig Jahren lebte sie nach diesem Gesetz. Seit dem Tag, an dem sie in die Kapelle der Lieben Frau gekommen war. Die Liebe Frau war unwandelbar. Sie war unvergänglich. Sie gab Armenia die Beständigkeit, die sie brauchte, um ihr eigenes kleines Leben nach dem Gesetz des Wandels und der Vergänglichkeit leben zu können. Sie hatte die Relation ins rechte Licht gerückt und Armenias Augen geöffnet. Damals hatte Armenia begonnen zu sehen. Sie hatte angefangen zu verstehen.

Der Aufbruch der Witwen riß Armenia aus ihren Gedanken. Die Frauen waren bereits aus den Betbänken herausgetreten, und jede gab Armenia die Hand, in der ein Geldstück lag, das Armenia mit einem Nicken in die Tasche ihres geblümten Kleides gleiten ließ. Die drei Witwen schritten stumm und hintereinander zur Tür, wandten sich im Türrahmen noch einmal um, beugten die Knie, bekreuzigten sich und traten dann hinaus in die flimmernde Helle des Hofes, die Stufen hinab. Drei schwarze Schatten, die mit dem weißen Licht der Gasse verschmolzen, mit ihrem Staub und ihrer Leere. Die alte Frau kramte das Geld aus der Tasche ihres Kleides hervor und zählte es. Sie nahm das Plastiksäckchen aus der anderen Tasche des Kleides und zählte das Geld hinein. Dann steckte sie das Plastiksäckchen mit dem Geld in die erste Tasche und ging, um die Kerzen zu löschen. Während sie die Kerzen löschte, erinnerte sie sich wieder an die Zeit mit den bunten Bändern in ihrem Haar.

Es war lange her. Es war das erste Mal, daß sie sich daran erinnerte:

Als sie das erste Band in ihr Haar geflochten hatte, dachte sie, daß sie ihn damit vielleicht halten könnte. Es war ein unsinniger Gedanke gewesen, und als sie ihn dachte, schämte sie sich und wußte, daß es dafür zu spät war.

Sie hatte nie wieder einen anderen geliebt. Es gab nur einen im Leben einer Frau, den sie lieben konnte. Liebe war etwas Unwiderrufbares, und die Liebe zu einem Mann war unwandelbar und nicht übertragbar auf einen anderen. Davon war sie überzeugt. Damals hatte sie nicht mehr weitergewollt. Sie war in die Kapelle gekommen, um ein letztes Mal zu beten. Sie hatte dagestanden und zur Lieben Frau hinaufgeschaut, um Vergebung bittend. Auf einmal war jenes Gefühl eines warmen, fließenden Stromes über sie gekommen, und sie hatte nicht aufhören können, zur Lieben Frau hinaufzuschauen. Die Liebe Frau hatte aus ihrer Nische zu ihr herabgeblickt, hatte in die Tiefe ihrer Seele gesehen, und sie hatte gespürt, wie das Elend und die Einsamkeit wie ein Mantel von ihr glitten und in der Wärme des Stromes davonflossen. Das war dreiundvierzig Jahre her, aber jenes Gefühl der Wärme war noch immer in ihr.

Sie sah hinauf. Die Liebe Frau blickte sanft zu ihr herab. Die alte Frau löschte die letzte Kerze. Draußen lag der Hof im weißen Licht der Sonne. Wind kam auf. Die drei jungen Bäumchen bewegten ihre Zweige. Die alte Frau schloß die Tür und ging in ihre Kammer.

Septembernachmittag in Loulé III

Die Witwen von Loulé saßen in ihren schwarzen Kleidern und Tüchern auf den Mauern und Treppen des Denkmals Duarte Pachecos’[2] am Ende der Hauptstraße. Es waren auch jüngere Frauen dabei, und sie hockten in Reihen wie ein Schwarm schwarzer Krähen, eine neben der anderen. Unterhalb des Denkmals, abseits der Straße auf einem kiesbestreuten Platz zwischen den Platanen, spielten alte und junge Männer ein kegelartiges Spiel mit flachen Metallplatten. Sie tranken Bier aus Flaschen und lachten, und einige der Frauen blickten zu den Männern hin, während sie über sie sprachen. Aber die Männer waren zu sehr in ihr Spiel vertieft und in das Abzählen der Gewinne und Verluste. In den schattigen Ecken der Mauern lagen Hunde langausgestreckt und wie tot im Schlaf. Ein schwarzer Hund mit zotteligem Fell rappelte sich hoch, hob schwankend das Bein und pinkelte neben dem Kopf eines anderen. Unter einer der Platanen stand ein schwachsinniges Mädchen mit seiner Mutter. Die schwergewichtige Frau trug ein schwarzes Kleid mit einem Tuch darüber und einen Haarknoten im Nacken. Sie sprach mit einer anderen Witwe, und das Mädchen klappte währenddessen seine Arme vor und zurück. Wie zwei Klappmesser klappten die Arme des Mädchens aus den Ellenbeugen heraus nach vorn, vor und zurück, vor und zurück. Dabei grinste es irgendwohin und kratzte sich am Hinterkopf. Die Mutter schlug ihm die Hand herunter, aber das Mädchen hatte Flöhe. Es grinste einfältig, hob die Hand und kratzte. Die Mutter schlug ihm ein zweites Mal die Hand herunter, ohne ihr Gespräch zu unterbrechen. Das Mädchen trug eine schwarze Bluse und einen dunkelgeblümten langen Wollrock. Es grinste unentwegt und spielte wieder Klappmesser.

Es war einer der letzten heißen Nachmittage im September, und die Straße unterhalb des Denkmals lag weiß, staubig und menschenleer. Es war Sonnabend, und der Markt war lange vorüber, und es standen nur noch die Wäsche- und Kleiderstände, die immer dort standen, die Rua Combatentes da Grande Guerra hinauf.

Begegnung am Meer

Ich stelle mir vor:

Ich bin eine sehr alte Frau. Ich bin glücklich, denn ich schreibe Bücher für Kinder, und ich lebe auf einer Insel, ich lebe am Meer.

In den Zimmern meines Hauses hört man das Sägen der Zikaden und das Kommen und Gehen der Wellen, das Verebben im Sand. Mein Haus steht am Rande einer hohen Klippe der Sonne entgegen. Es ist nicht groß, es ist geräumig und hell. Im Garten blüht Oleander, Bougainvillea klettert die Hauswand hinan, ein Ölbaum überschattet die hölzerne Sitzgruppe, in der ich morgens sitze und arbeite, nachts duftet der Jasmin.

Von der Veranda überschaut man die weite Bucht und das Meer, die geheimnisvollen Farben des Wassers, sorgsam abgestuft, Schlieren zerrissener Felder, zerfließend, Flechten in Blaugrün, weiße Gischtkrönchen glitzern. Die Veranda ist weinberankt, die schweren dunklen Trauben wachsen mir in den Mund. Die Straße ein Stück weiter hoch liegt das Dorf. Die kleine schnörkelige Kirche läutet in der Frühe, am Mittag und am Abend.

Sonntags feiern sie ihre Feste.

 

Ich stelle mir vor:

Ich gehe die steile, von Pinien und Zypressen umsäumte Treppe hinunter zu der Bucht unterhalb des Hauses. Ich gehe langsam, aber ich bin gesund und stark, und meine Beine wollen noch, ich bin alt und glücklich.

Aus der Bucht schallt mir das Lachen der Urlauber entgegen, Düfte von Sonnenöl steigen mir in die Nase.

 

Ich stelle mir vor:

In der Bucht unterhalb meines Hauses begegne ich einem jungen Mädchen. Das Mädchen und ich: Wir sitzen einander gegenüber. Wir sitzen an einem Tisch auf der Terrasse des Fischrestaurants. Alle Tische sind besetzt. Das Restaurant trägt den Namen der Bucht. Es ist ein sehr kleines Restaurant, es hat keine Auswahl an Speisen, aber es hat einen guten Koch. Er bereitet die Gerichte nach uralten Rezepten, die sonst niemand mehr kennt. Viele kommen von weither. Der Koch ist auf der Insel bekannt. Die Touristen profitieren davon. Ich kenne den Koch schon lange Jahre.

Das Mädchen mir gegenüber ist glücklich, denn es schreibt Geschichten für Kinder, und es macht gerade einen langen und fröhlichen Inselurlaub am Meer. Es wohnt in einem gemieteten Zimmer oberhalb der Bucht, schräg unterhalb meines Hauses. Es wohnt allein, aber es wohnt gern allein. Es beschreibt die Einrichtung des Zimmers. Es beschreibt sie als einfach, praktisch und hübsch. Im Zimmer nebenan wohnt eine Familie mit zwei Kindern. Die Kinder sind laut, aber das stört das Mädchen nicht. Es liebt Kinder. Es spricht unbeschwert, in knappen, klaren Sätzen, ohne Koketterie. Seine Natürlichkeit gefällt mir. Ich höre ihm gern zu.

Wir trinken beide Kaffee. Um uns herum lärmen die Menschen. In der Ferne schreit ein Esel. Ein Hund jault auf. Langgezogen und heiser.

 

Ich stelle mir vor:

Die alte Frau spendiert dem Mädchen ein Stück Kuchen. Darüber freut sich das Mädchen, es lacht ein helles, klingendes Lachen. Die alte Frau denkt: wie das Läuten der Glocke oben im Kirchturm. So hell und klingend. Das Lachen gefällt ihr. Sie mag das Mädchen. Sie möchte es noch mehr lachen hören.

Sie trinken beide eine zweite Tasse Kaffee. Und essen den Kuchen. Am Strand spielt ein Pärchen Beachball. Einer versucht, den Motor seines Schlauchbootes anzulassen.

 

Ich stelle mir vor:

Die alte Frau lädt das Mädchen ein, hinauf in ihr Haus. Auf dem Weg gehen sie am Zimmer des Mädchens vorbei. Das Mädchen kramt ein T-Shirt und ein Paar Shorts aus der Kommode. Die Kommode ist alt und verstaubt wie das übrige Zimmer auch. Das Zimmer ist dunkel, aber kühl. Die Toilette ist draußen auf dem Flur. An den Wänden blättert der Putz. Das Zimmer gefällt der alten Frau nicht. Sie kennt die Vermieterin flüchtig. Die Hauswand ist brüchig und morsch. Vor Jahren gab es einmal eine Kontrolle. Aber die ist längst vergessen. Die Vermieterin ist wortkarg und zickig. Niemand bringt den Mut oder die Lust auf, mit ihr zu sprechen. Das Mädchen hat sie nie gesehen. Es hat das Zimmer über eine Agentur gemietet.

Die Badetasche mit den nassen Sachen läßt es einfach auf dem Boden stehen. Überall liegen verstreut Haarnadeln herum.

 

Ich stelle mir vor:

Die alte Frau und das Mädchen sitzen auf der Veranda des Hauses. Es ist September, und der Wein ist reif. Das Mädchen bewundert die Trauben. Eine Rebe liegt schwer und blutvoll in seiner Hand. Es hat sie selbst gepflückt. Die Augen des Mädchens strahlen. Es ruft: Was für ein Traumhaus, und dieser Blick, davon kann man nur träumen, schwärmt: ach, wenn ich mal …

Die alte Frau erinnert sich an ihre Träume. Die Erinnerung ist schon ziemlich verblaßt. Über dem Berg schwebt die Nachmittagswolke zu Tal.

 

Ich stelle mir vor:

Das Mädchen erzählt von der Disco unten am Strand, von den Jungen und ihrer Aufdringlichkeit, ihren derben Späßen, es erzählt von seinem Freund, in der Stadt, in der es studiert, und es stopft sich die Trauben aus seiner Hand in den Mund. Seine Augen strahlen, um die lachenden Mundwinkel bilden sich braune, feuchte Krusten.

Auf die Frage erzählt es von den Geschichten, die es schreibt, für die Kinder, nur so. Es blickt sich um und fragt. Die alte Frau hört zu und lächelt. Es befallen sie längst erloschene Erinnerungen. Ganz plötzlich. Und wie ein angreifendes Tier.

 

Ich stelle mir vor:

Das Mädchen bleibt zum Abendessen. Die alte Frau findet im Kühlschrank noch aufgeschnittenes Hühnchen, Salat und einen trockenen Landwein. Das Mädchen sagt: Der Wein ist gut, aber er staubt. Darüber müssen sie beide lachen. Der Wein ist kalt und erfrischend. Sie lassen ihn gurgelnd die Kehlen hinablaufen. Zum Nachtisch gibt es Feigen in Joghurt und Honig. Die Feigen sind noch warm vom Baum. Baumwarm, sagt die alte Frau. Das Mädchen hat noch nie frische Feigen gegessen. Nur die zu Weihnachten. Die getrockneten. Vom Teller. Zum Abschluß trinken sie einen Mokka. Da bleibt ja der Löffel drin stehen, sagt das Mädchen. Aber der Stiel des Löffels kippt weg zum Rand. Da müssen sie beide lachen. Den Mokka versüßen sie mit einem Likör.

Aus der Ferne tönt der seltsame Ruf eines frühen Nachtvogels.

 

Ich stelle mir vor:

Die alte Frau und das Mädchen schlendern durch das Dorf. An der Kirche bleibt das Mädchen stehen. Es bewundert die alten Fresken, die regenverwitterte Fassade. Die Glocke läutet den Abend ein. Sie stehen unter den Platanen. Das Läuten der Glocke und das Lachen des Mädchens vermischen sich zu einem hellen, fröhlichen Klang.

Drinnen leuchten die Kerzen. Warm, wohlig und ruhig.

Nur das Knistern der Dochte erfüllt noch die Stille.

 

Ich stelle mir vor:

Die Bewohner des Dorfes betrachten das Mädchen, sehen ihm nach. Ein hübsches Mädchen, sagen sie, fragen: die Tochter? Enkelin? Die alte Frau lächelt, schüttelt den Kopf. Sie versteht die Worte, die Sätze. Aber nur ein paar. Den Zusammenhang denkt sie sich selbst.

Sie ist angesehen. Hier. Sie braucht die Geborgenheit. Die Bewohner des Dorfes lieben sie schüchtern. Einige kennen ihre Bücher. Andere kennen sie aus Erzählungen. Die übrigen geben vor, sie zu kennen. Die Sprache der Kinder ist international. Ihre Sprache kennt keine Grenzen.

 

Ich stelle mir vor:

Dem Mädchen gefällt es in dem Dorf. Es mag das Lachen der alten Männer und Frauen, den Klang der hingeworfenen Worte, die es nicht versteht. Es steht auf dem platanenbeschatteten Platz vor der Kirche und lacht mit den Männern und Frauen.

Die Männer klopfen ihm auf die Schultern, die Frauen nehmen es in den Arm, streicheln ihm das Haar. Über allem flüstern die Platanen. Die alte Frau hakt sich bei dem Mädchen ein. Sie spürt die feuchte, samtige Kühle der Haut, die feinen schweißbeperlten Härchen. Das Mädchen war noch nie in dem Dorf. Es war überhaupt noch nicht so weit den Berg hinaufgegangen.