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Die sechsjährige Nir lebt mit ihrer Mutter in einem Frauengefangenenlager nach irgendeinem Krieg, in irgendeinem Land, zu irgendeiner Zeit. Während der Lager-Aufseher – auf skurrile Weise Nir zugetan – die Mutter in einem Bunker verhungern läßt, entwirft Nir vor dem Gitterfenster des Bunkers ihre »Stadt«. »Nirs Stadt« wird für das Kind zu einer Insel der Phantasien inmitten einer mörderischen Realität. (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)
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Seitenzahl: 276
Veröffentlichungsjahr: 2015
Ronnith Neumann
Nirs Stadt
FISCHER E-Books
Für Günter
Ich danke Jutta Montag, die mich durch ihr Kindheitserlebnis zu dieser Erzählung inspiriert hat.
Zeit wird alles heilen
Aber was ist, wenn die Zeit selbst die Krankheit ist?
(Peter Handke in Wim Wenders’ Film »Himmel über Berlin«)
Gerade als die Kleine dachte, ihre Mutter sei tot, da bewegte die Frau ihren Arm. Sie betastete mit den Fingerspitzen ihre Stirn, strich sich den Haaransatz hinunter, über die Schläfen, rieb sich die Wangen, mit den Handballen die Augen wie nach einem langen, wohligen Schlaf. Dann verlagerte sie ihr Gewicht von dem einen Bein auf das andere und starrte, mit dem Rücken gegen die Mauer gelehnt, weiter ins Dunkle.
Es war so dunkel um sie herum, daß sie die untersten Stufen der Treppe, die nach oben führte, nur mühsam erkennen konnte. Die Dunkelheit roch nach Moder und Ratten. Der Mief und die Nässe krochen ihr unter den Kittel. Ungeziefer krabbelte in ihrem Haar, das ihr in Strähnen über die mageren Schultern hing. Das Haar glänzte noch immer, aber jetzt waren es das Fett und der Schmutz, die darin glänzten.
Sie drehte den Kopf ein wenig, eine leichte Verrenkung, dann ließ sie ihren Blick die Treppe nach oben wandern. Stufe um Stufe wurde die Vermutung zur Gewißheit. Dort. – Dort oben war das Licht. Oben war noch immer das gleiche Licht. Ihre Augen blitzten ins Helle, wurden zu schmalen Schlitzen, die wachsam durch das Gitter spähten. Irgend etwas … Nur wo? Wo, wo, wo? – Dieses Gitter. Schrecklich, dieses harte Gitter! Auf einmal stand es zwischen ihr und dem Kind.
Hinter dem Gitter lag ein Stück Himmel, blaßblau und scharf abgegrenzt, das von dem gleitenden Flug eines Raubvogels durchschnitten wurde. Der Vogel kreiste. Er schien auf Nahrungssuche. Immer wieder sah sie ihn hineingleiten in das Bild des Himmels und nach einem weiten Bogen wieder hinaus. Ungefähr ein Viertel seiner Kreisbahn verlief hinter dem Gitter, in dem Himmelsbild, das sie sehen konnte. Es war Frühling, und das Tier hatte Junge.
»Mama … Mama!«
Nir preßte das Gesicht gegen das Gitter.
»Mama, hörst du mich?«
»Nir, mein Kind! – Wie geht es dir?«
Die Frau sah das Gesicht des Kindes im weißen Licht hinter dem Gitter und die plattgedrückte Nase und die von den Stäben des Gitters geteilte Stirn, die Wangen und die Lippen.
»Ich dachte schon, du wärst tot, Mama. Ich habe mich so erschreckt.«
»Mach dir keine Sorgen, Nir, es wird alles gut. Alles wird gut werden. Hörst du? Sei bitte ohne Sorge.«
»Der Aufseher hat gesagt, ich darf hier sitzen, Mama.«
»Sei bitte vorsichtig, Nir. Paß auf dich auf. Und, Nir, iß mit den andern. Hörst du, iß, wenn die andern essen.«
»Wann lassen sie dich raus, Mama, wann darfst du wieder zu mir?«
»Das weiß ich nicht, Nir.«
»Warum, Mama, haben sie dich da unten eingesperrt?«
»Weiß nicht, Nir, weiß nicht.«
Nir hatte einen Kanten Brot. Er war alt und hart und schimmelig. Den wollte sie der Mama durch das Gitter die Treppe hinunterwerfen. Das Gitter war eng, und Nir drückte und preßte das Brot dagegen. Aber das Brot war zu groß für die engen Stäbe des Gitters, und schließlich aß Nir es selbst. Dann setzte sie sich im Schneidersitz vor das Gitterfenster und begann Erdhügelchen zu bauen. Die Erde war trocken und bröckelig, und so sahen die Erdhügelchen wie nach einem Erdbeben aus. Nir zog Straßen und Wege und ließ ihre Finger von einem Hügel zum andern laufen. Jeder Finger war eine andere Person. Jede Person hatte einen Namen. Manchmal ließ sie alle zehn Personen auf einmal über die Wege hüpfen. Dann war es wie Donnerstag nachmittags, die Fingerübungen auf dem Klavier.
Nirs Menschen hetzten über die Erdhügel, wurden getrieben von einem unsichtbaren, unsteten Geist. Nur die Mama … Die Mama lag friedlich in einem der Erdhügel und schlief. Mama hatte Zeit zum Schlafen. Denn Mama war reich. Mama war glücklich. Mama hatte einen Mann, der zu seiner Arbeit ging, und Dienstboten, die für sie arbeiteten.
Und Mama hatte eine Tochter, die jeden Nachmittag von eins bis drei Klavier spielte.
Als Nir gerade einen der Dienstboten ausschicken wollte, die Mama aus ihrem Nachmittagsschlaf zu wecken, fiel ein langer Schatten über die Erdhügel. Der Dienstbote blieb waagerecht in der Luft schweben, und Nir rief erbost: »Wer verdunkelt da die Sonne über meiner Stadt?«
»Interessante Stadt, die du da gebaut hast«, sagte der Schatten. »Bin ich auch einer von denen, die in deiner Stadt wohnen?«
»Nein«, sagte Nir, »du bist der Aufseher. Du darfst nicht in meine Stadt. Aufseher dürfen nicht in meine Stadt.«
»So streng sind die Gesetze deiner Stadt?«
»Ja«, sagte Nir, »es ist meine Stadt.«
»Dann bist du die Königin?«
»Nein, ich bin die Präsidentin.«
»Die Präsidentin? – Hm. Darf man fragen, wie alt Frau Präsidentin sind?«
Die Präsidentin mußte einige Menschen ihrer Stadt und Mamas Dienstboten zu Hilfe nehmen, dann sagte Nir:
»Sechs. Ich bin sechs.«
»Das ist gut«, sagte der Aufseher. »Ein reifes Alter für eine Präsidentin.«
Er ging dichter an das Gitter heran, kniff die Augen zusammen, bis sie sich an die Dunkelheit gewöhnten. Stufe um Stufe ließ er seinen Blick nach unten wandern. Dann sah er sie. Sie hockte auf dem Boden, an die Mauer gelehnt. Sie starrte nach oben. Sie starrte ihn an. Direkt in die Augen starrte sie ihm.
Was konnte ER dafür? ER hatte die Gesetze nicht gemacht. All diese fremden Schicksale. Wie die Perlen endloser Ketten. Reihen sich aneinander, stumm, bis die einen verkümmern, die andern zersplittern. Am Ende jedenfalls fallen sie alle ab. Er sieht sie fallen. Reihenweise. Tag für Tag. So wie das Gesetz es will. Was konnte er dafür? Das fragte er sich. Wieder und wieder fragte er sich das. Er war nur der Aufseher. Der oberste Aufseher. Der Kommandore. So nannten ihn seine Männer. Er wandte sich um. Hatte schließlich noch mehr zu tun. Machten immer Putz. Gleich eins über mit dem Knüppel, sondieren, wer die Rädelsführer waren. Sonst hatte man keine Chance. Also marsch.
Der Aufseher machte eine rechte Kehrtwende und marschierte zackig und quer durch Nirs Stadt.
Fünf der Erdhügel stürzten ein. Drei überlebten den Angriff. Auch Mamas Erdhügel wurde dem Erdboden gleichgemacht. Nir sah dem Aufseher nach. Jetzt kann ich die ganze Stadt noch mal bauen. Die machen immer alles kaputt. Mit ihren großen Stiefeln trampeln sie alles kaputt. Wenn ich groß bin, kaufe ich mir eine Uniform. Ich nähe mir Sterne auf die Uniform. Viele glitzernde Sterne. Kleine und große, rote und grüne und blaue und gelbe. Dann gehe ich umher in meiner Uniform, und alle sehen mich und stehen stramm vor mir und meiner Uniform. Sie legen ihre Hände an die Mützen und grüßen. Ich lasse sie abzählen, und jeder einzelne muß vortreten. Ich frage sie, wie viele Gefangene haben wir heute gemacht? – Vierhundertneununddreißig, schreien sie. Hurra! – Laßt sie alle frei! befehle ich. Sie hören nicht. Sie wollen mich nicht hören. – Laßt alle Gefangenen frei! Alle Gefangenen sollen nach Hause gehen! befehle ich noch einmal. Aber meine Soldaten wollen nicht hören. – Kompanie, kehrt marsch! brülle ich. Die Kompanie macht kehrt marsch. Sie stehen mit ihren Rücken zu mir. Ich nehme mein Gewehr und schieße sie alle tot. Die Gefangenen sind froh, wieder nach Hause zu kommen. Sie bauen eine Stadt für mich, oben auf dem Berg. Unten fließt ein Fluß. Man kann weit hineinsehen ins Tal. Im Tal ist es immer Sommer. Es gibt viele Vögel, und die Bäume werfen lange Schatten. Der Sommer im Tal ist bunt, und der Fluß ist breit und kühl, und die Stadt bekommt meinen Namen.
Nir hatte die fünf eingestürzten Erdhügel wieder aufgebaut. Die Mama lag in ihrem Haus und schlief. Jetzt konnte Nir die Dienstboten ausschicken, die Mama zu wecken.
»Mama, schläfst du?«
»Nein, Nir, ich bin wach. – Hast du gegessen, Nir?«
»Der Aufseher hat meine Stadt kaputtgemacht. Auch dein Haus, Mama, hat er zertrampelt.«
»Versprich mir, daß du essen wirst, Nir.«
»Aber ich habe die Stadt wieder aufgebaut, Mama. Jetzt hast du das größte und schönste Haus.«
»Nir, bitte …«
»Ich spiele dir etwas auf dem Klavier, Mama. Ja?«
»Nir …«
Die Frau lehnte sich an die Mauer. Die Mauer war feucht. Die Feuchtigkeit drang durch den Kittel auf die Haut. Der Kittel war am Rücken geknöpft, und zwischen den Stellen, an denen die Knöpfe saßen, klaffte er weit auseinander. Die Frau hörte das Kind leise singen. Es sang eines der Kinderlieder, die sie ihm beigebracht hatte. Es sang sehr leise und sehr entfernt. Sie konnte es kaum hören. Wie durch einen Trichter hörte sie seine Stimme. Die Sonne sah sie nicht. Nur das Licht sah sie. Weit oben sah sie es. Durch das winzige Gitter. Der Himmel war jetzt dunkelblau. Mittagsblau. Der Raubvogel kreiste noch immer. Oder schon wieder? – Hatte sie geschlafen? Muß wohl. Das Licht, die Farbe des Himmels, alles ist verändert.
Bin ich schon so geschwächt, daß ich nicht merke, ob ich wache oder schlafe? – Die Lider fallen mir zu. Ich habe Träume. Aber es ist immer der gleiche Traum. Ich weiß nicht, ob ich wache oder träume. Ist der Traum die Wahrheit? – Wenn der Traum die Wahrheit ist, dann wache ich, erlebe. Wenn der Traum Erleben ist, dann ist seine Wahrheit schlimmer als jeder Traum.
Als Kind, da träumte ich von Gnomen und Hexen, kleine verhutzelte Männlein und Weiblein, die stachen mir die Augen aus und brannten mir die Zehennägel bis auf die Haut. Ich schrie. Die Mutter befreite mich von dem Traum. Wiegte mich in ihren Armen, bis ich schluchzend wieder einschlief.
Kinderträume, sagten die Erwachsenen. Das hier ist kein Traum. Das ist Wahrheit, und ich wache. Ich bin erwachsen, und die Wahrheit wacht über mich, und der Traum von Gnomen und Hexen liegt weit hinter dem Gitter, dort, hinter den Kreisen des Vogels, hinter dem Himmel.
Sie hörte den hellen Gesang der Kleinen. Sie sang von Fröschen und Meerjungfrauen, von kleinen Jungen, die auszogen, die Märchen zu entdecken, von Wurzelgeistern und lieblichen Waldfeen.
Ihr Blick kletterte die Treppe hinauf, Stufe um Stufe dem Licht entgegen, schlüpfte durch die engen Stäbe des Gitters, hinauf in den Himmel, wo der Raubvogel seine Bahnen zog.
Plötzlich aber war der Raubvogel kein Raubvogel mehr. Er war ein Bär. Dann wurde der Bär zum Pferd. Und bald darauf verwandelte sich das Pferd zum Löwen. Der Löwe brüllte, gebärdete sich wie toll, warf seinen schweren Kopf von einer Seite auf die andere, die Mähne, da, plötzlich sah sie zwei Flügel aus seinen Flanken wachsen. Die Flügel wuchsen in den schwarzblauen Mittagshimmel, bis der mächtige Kopf des Löwen sich in einen Raubvogelkopf verwandelte. Sein Maul brüllte auf im letzten Protest, dann bog es sich hinab im Gebrüll zum Schnabel des Raubvogels und verstummte.
Die Frau rieb sich die Augen. Die Kleine hatte aufgehört zu singen.
»Mama, es ist drei Uhr. Ich bin fertig mit Klavierspielen.« Nir preßte ihr Gesicht an das Gitter, und weil sie keine Antwort bekam, rief sie: »Mama, hörst du, es ist drei Uhr. Hat es dir gefallen?«
»Ja, Nir, es war wunderschön.«
»Mama, willst du, daß ich dir noch etwas spiele?«
»Nir, hast du gegessen? – Iß bitte mit den anderen. Vergiß es nicht, Nir.«
»Mama, ich bin fleißig. Eines Tages werde ich eine große Pianistin. Oder eine Ballerina oder Tierärztin. Bist du dann stolz auf mich, Mama?«
Der Aufseher kam über den Platz. Er packte Nir am Arm und zog sie mit sich fort.
Nir wehrte sich, aber seine Finger waren wie ein Schraubstock um ihr dünnes Handgelenk.
»Erst machst du meine Stadt kaputt, und jetzt tust du mir weh«, klagte sie.
»Entschuldige«, sagte der Aufseher und lockerte seinen Griff, »aber du mußt etwas essen. Kleine Mädchen müssen essen, damit sie groß und stark werden.«
»Ich bin die Präsidentin«, sagte Nir.
»Natürlich, du bist die Präsidentin«, sagte der Aufseher.
»Merk dir das!« sagte Nir.
Sie gingen über den Appellplatz und von dort einen schmalen Sandweg entlang zur Küchen- und Eßbaracke. Die Baracke war ein langgestreckter Flachbau mit Wellblechdach, und der Aufseher drückte Nir in eine Reihe von Frauen, die auf ihr Essen warteten, und blieb selber am Rande stehen. In der Baracke war es heiß. Dünste von Essen und Schweiß standen im Raum.
Gefangene haben etwas von abgeschossenen Tauben. Man hat über sie bestimmt, und sie lassen die Köpfe hängen, dachte der Aufseher. Alle Gefangenen lassen die Köpfe hängen. In welchem Lager er auch war, die Gefangenen ließen überall die Köpfe hängen und die Arme. Nur die Kinder. Die Kinder gehen immer aufrecht, und ihre Arme sind immer in Bewegung, ihre Hände, Neues zu entdecken.
Die meisten der Frauen hatten geschorene Köpfe, und alle trugen blaue Kittel, die am Rücken geknöpft wurden. Die Kinder gingen mit den Müttern. Nir war die Kleinste, und sie ging allein. Der Aufseher stand an der Seite und ließ sie nicht aus den Augen.
»Aufrücken, ihr Lahmärsche! – Los, weiter! Habe nicht den ganzen Tag Zeit, auf euch zu warten!«
Wie ein hungriger Wolf lief der Aufseher plötzlich die Reihen der Frauen und Kinder entlang. Andere Aufseher kamen eilig dazu. Sie liefen die Reihen ab und schlugen hier und da einer Gefangenen auf den Rücken, der sich schmerzvoll krümmte.
»Beeilung!« brüllten die Aufseher. Bewegung kam in die Reihen.
Dann waren alle Blechnäpfe gefüllt. Die Frauen standen an den Wänden und löffelten schweigend übelriechenden Hirsebrei. Die Kinder bekleckerten den Boden, bewarfen einander mit dem pampigen Zeug. Eine Frau glitt aus, fiel in die klebrige Pampe, blickte um sich mit ängstlich verstohlenem Blick. Die Aufseher standen in kleinen Gruppen und sprachen miteinander. Der Steinboden bedeckte sich mit weißen glitschigen Bahnen. Die Kinder traten sie fest. Rutschten auf ihnen herum. Mit ihren Schuhen oder nackten Füßen. Kicherten. Stießen leise Schreie aus vor Lust. Die Frau, die gefallen war, hinkte zurück an die Wand, stellte sich zwischen die essenden Frauen. Ihr Blechnapf war leer.
Ein Wachposten kam gelaufen. »Zweihunderteinundachtzig Frauen – vierundzwanzig Kinder – davon eine Frau im Bunker!« meldete er, die Hand an der Mütze.
Der Aufseher sah in das hingehaltene aufgeschlagene Heft, nahm den Bleistift, der an einer Kordel seitlich herunterhing, und kritzelte seinen Kringel. »Abtreten!«
Wie haßte er diesen ganzen Zirkus. Ewig die Brüllerei. Dazu diese verhärmten Gesichter. Frauengesichter. Kindergesichter. Greisinnengesichter. Armengesichter. Gesichter, die nichts verstehen. Kennen den Krieg nur aus den Prahlereien ihrer Männer, Väter oder Söhne. Wer hatte ihm das eingebrockt?
Dieser Offizier damals war’s. Dieses aufgeschossene Arschloch. Dieser Fähnchennachdemwindstrecker. Untauglich für die Front. Daß ich nicht lache. Hahaha. Disqualifiziert. Ersatzdienstmann. Lagermann. Was wußte dieser wichtigtuerische Emporkömmling. Noch nicht trocken hinter den Ohren, aber schon in die Uniform gehüpft. Fangen gar nicht erst an mit einem Stern. Nein. Beileibe nicht, nein. Sechs müssen es sein. Mindestens. Sechs für den Anfang. Das ist gut. Das ist gerade gut. Unter dem machen sie’s nicht. Hatte eine Karriere vor mir. Eine große Karriere. Bin ihrem Köder gefolgt. Wie die Maus dem Käse. Blind, folgsam, mit einem Kopf voller Pläne. Bin aus meiner sicheren Festung hinausgeschwommen, wie ein Fisch hinter dem Köder hergeschwommen, hinter dem blinkenden, lockenden Stern.
Schon nach der ersten Schlacht haben sie mich zurückgeschickt. Vermerk: Untauglich – Abgestellt zur Bewachung von untauglichem Kriegsmaterial. Acht Jahre sind es jetzt her. Acht Jahre in diesem Lager. Wachhabender. Unteraufseher. Aufseher. Oberaufseher. Kommandore nennen sie mich. Die steile Leiter stetig emporgeklettert. Fleißig, fleißig! Und immer brav das Kriegsmaterial verwaltet. – Das Kriegsmaterial. Sie kommen, um zu sterben. Die Greisinnen, die Frauen, die Mütter. Nur die Kinder kennen kein Ziel. Sie kichern und kreischen und klatschen mit ihren Löffeln Hirsebrei auf die Steinböden. Laßt sie nur, lächeln die Mütter, das gibt Hoffnung. Hoffnung im Hirsebrei. Seltsame Vorstellung. Lächerlich.
»Aufwischen! Die ersten zehn – Putzkolonne!«
Der Aufseher brüllte, schnaufte. Er umkreiste die Frauen. Zehn Frauen liefen hastig und mit nach vorn gebeugten bleichen Gesichtern zur Küche. Sie brachten Putzlumpen und Eimer mit Wasser. Dann rutschten sie auf ihren Knien über den Steinboden und schrubbten mit löcherigen Putzlumpen den Hirsebrei herunter. Die anderen Frauen standen an den Wänden. Sie drängten sich aneinander mit gesenkten Köpfen.
Kratzen ihre eigene Hoffnung vom Boden, dachte der Aufseher. Kratzen sich den Boden unter den Füßen weg. Kopfschüttelnd trat er zur Seite.
Nir stand mit großen dunklen Augen in einer Ecke. Der Aufseher ging zu dem Kind, griff es am Arm und zerrte es hinaus auf den Hof.
»Warum schlägst du die Frauen?« fragte Nir.
»Hier bin ich der Präsident. Verstanden?« sagte der Aufseher.
»Verstanden«, sagte Nir. Sie sah ihn nicht an.
Er sah hinunter auf das Kind an seiner Hand, und etwas in dieser kleinen warmen Handmuschel gab ihm eine vage, unerklärbare Hoffnung.
Der Aufseher zog Nir über den Platz. Nir mußte fast rennen, um mit ihm Schritt zu halten. Spitze Steinchen drückten sich in ihre nackten Fußsohlen. Der Boden war heiß. Die Sonne stand schon niedrig am Himmel. Aber der Boden atmete noch die Glut des Tages. Die Fußsohlen des Kindes brannten. Sie hatten starke Hornhaut. Aber Steine und Sonne brannten sie.
»Wann läßt du meine Mutter wieder heraus?« fragte Nir. »He, Präsident!«
Aber der Präsident blieb stumm.
»Du bist die Präsidentin«, sagte der Aufseher. Er ließ Nir in ihrer Stadt zurück und ging.
Nir hockte sich auf den Boden und legte die Handflächen an das Gitter: »Mama! – Mama?«
Die Sonne hatte ihre Farben gewechselt, und keiner der rotgoldenen Strahlen war dem Gitterloch geblieben. Nur die Schatten umkreisten es dunkel und einsam. So war es sehr still und sehr finster in dem Gitterloch, und Nir konnte trotz größter Anstrengung nichts darin erkennen.
Plötzlich aber sah Nir all die andern Kinder. Die Kinder liefen durch die Straßen ihrer Stadt, und Nir lachte und lief ihnen entgegen. Nir kannte nicht alle Kinder, aber doch die meisten. Die Kinder erklommen lärmend die Erdhügel und verteilten sich zwischen den Häusern. Nur an Mamas Haus durften sie nicht heran. Mama brauchte Ruhe, und Nir mußte ihr diese Ruhe geben. Mama war krank. Mama hatte einen Mann, der in den Krieg gegangen war.
»Paß auf die Mama auf«, sagte der Vater, und sie sahen einander fest in die Augen. Dann hob er Nir ganz nah an sein Gesicht, drückte ihr einen Kuß ins Haar, und Nir fühlte, wie ihre Kopfhaut und auch einzelne Haarsträhnen feucht wurden. Die Mama weinte einen Tag lang und den folgenden und den darauf folgenden. Danach hatte sie keine Tränen mehr.
Nir wußte, daß der Krieg älter war als sie. Er stolzierte schon auf der Welt umher, bevor sie geboren wurde. Nir spielte mit dem Krieg. Sie liefen um die Wette mit den anderen Kindern. Wer verlor, mußte umfallen. Die Kinder machten bumm bumm bumm bumm. Einer fiel um. Der war dann tot. Die anderen liefen weiter. Am Ende blieb der Krieg. Er war immer der Sieger.
Manchmal sprach Nir mit dem Krieg. »Warum bleibst du so lange bei uns«, fragte sie ihn, »wo es doch spannendere und wichtigere Welten zu entdecken gibt?«
»In eurer Welt liegt die Nahrung für meinen hungrigen Bauch auf den Straßen«, antwortete der Krieg. »Ich brauche mich nur nach ihr zu bücken, und schon verdreifacht sie sich. In anderen Welten hätte ich Angst zu verhungern, und ich habe immer Hunger.«
Nir fragte den Krieg, ob er den Vater irgendwo in den Straßen gesehen hatte.
»Vielleicht habe ich ihn gesehen, vielleicht habe ich ihn nicht gesehen. Vielleicht habe ich ihn verschlungen, vielleicht werde ich ihn noch verschlingen. Die Mahlzeiten sind reichhaltig, da kann man nicht immer unterscheiden«, sagte der Krieg.
Nir bat den Krieg, ihren Vater zu verschonen. Aber der Krieg lachte und verschlang anderntags gleich vier junge Burschen aus ihrem Dorf. Nir lief ins Haus. Drei Tage lang ging sie nicht in die Straßen, spielte nicht mit dem Krieg.
Am vierten Tag ging sie zum alten Krämer. Da spielte der Krieg mit ihr. Er warf ihr eine graue Taube in den Weg, ganz dicht vor ihre Fußspitzen. Die hatte ein Leutnant abgeschossen. Der lachte, schob prahlend die Brauen nach oben und die Brust nach vorn, blies in den Lauf seines Gewehrs und leckte sich über die Lippen.
»He, Kleine«, brüllte er, »Taubenbraten! – Wirst dir noch die Lippen lecken danach.«
Eine Frau aus dem Dorf zog Nir in einen Hauseingang. An den Augen der Frau erkannte Nir, daß dies ihr letztes Spiel mit dem Krieg gewesen war.
Die Kinder spielten Räuber und Gendarm und Katz und Maus. Der Krieg wurde von Tag zu Tag dreister. Er lauerte hinter jeder Ecke, wartete auf die Kinder und ließ die Mütter weinen. Er gab die Hoffnung nicht auf. Eines Tages sind die Kinder erwachsen, sagte er zu sich. Dann werden sie wieder mit mir spielen. Alle Kinder spielen mit mir, wenn sie erwachsen geworden sind. Er hatte es in allen Dörfern und Städten seiner Welt so erlebt. Dieser Trost gab ihm den Mut zu bleiben. Und er blieb in seinem Dorf und in der Welt seines Dorfes.
Es dunkelte, und die langen Schatten des Mondes tanzten vor dem Gitter des Fensters und durch die Straßen der Stadt. Die Kinder waren schon lange nach Hause gegangen. Der klagende Ruf eines Kauzes hallte durch die Einsamkeit der Stadt, auf deren Marktplatz Nirs Beine lang ausgestreckt und nackt ruhten.
Ein Zwerggeist ließ Nirs Lider beben, und sie seufzte ein wenig, sah ihn im Wald der tausend schönen Feen hinter den Wunderbäumen verschwinden. Die Wunderbäume bogen ihre Kronen herab, flüsterten, tuschelten leise miteinander und ließen ihre goldenen Arme über Nirs Körper gleiten.
Plötzlich schoß ein glühender Schweif zwischen den Wunderbäumen empor, schnellte nach oben, bog seinen Hals, formierte sich zischend, ein Feuervogel stürzte kreischend und brennend auf Nir herab. Nir schrie.
Verwirrt saß sie auf dem Marktplatz ihrer Stadt. Es war dunkel. Es war stockfinstre Nacht. Hinter einem schwarzen Gitter hörte sie die fremde Stimme einer Frau. Schatten machten ihr angst. Sie fiel, fiel, fiel, dann lief sie zurück in den Wunderwald, wo die Feen sie lautlos gleitend und freundlich empfingen.
Als die Frau den Schrei des Kindes hörte, sprang sie auf, lief zur Treppe, krallte sich mit Händen und Füßen in die Stufen der Treppe, krallte sich in den Weg nach oben, wieder und wieder nach dem Kind rufend.
Aber die Frau war schwach. Sie kam über die beiden untersten Stufen nicht hinaus. Sie fiel zurück auf den Boden, lag auf dem Rücken, Arme und Beine weit von sich gestreckt. Wie ein verlorener Käfer lag sie auf dem Rücken mit zuckenden Beinen und Armen.
Sie wußte nicht, ob das Kind ihren Ruf gehört hatte. Er war zu leise gewesen. Bestimmt war der Ruf zu leise gewesen. Das Kind hatte auch nicht geantwortet. Es soll wissen, daß die Mutter bei ihm ist. Ein Kind muß wissen, daß die Mutter bei ihm ist. Ein Kind muß die Mutter fühlen, atmen. Durch das Gitter hörte sie das Kind seufzen.
Damals sprach Nir im Schlaf. Sie stöhnte, und ich bedeckte ihr Gesicht mit meinen Tränen. Sie lag neben mir in dem großen alten Eisenbett, ihr Gesicht verloren in den Kissen. Da, wo Tage zuvor noch ihr Vater gelegen hatte, sich im Schlaf wälzend, von den blutigen Heeren seiner Träume gepeinigt. Ich steckte die Decke fester um ihren Körper. Es war ein heißer Sommer, aber sie fror. Sie zitterte, und ihre Haut hatte einen fahlblauen Schimmer.
Als sie vier junge Burschen aus dem Dorf erschossen, wurde Nir krank. Sie fieberte. Drei Tage lang sprach sie in wilden Phantasien, immer wieder nach ihrem Vater rufend. Am vierten Tag schickte ich sie hinaus. Sie kam zurück, verschreckt, kroch unter den Tisch und weinte. Auf meine Fragen gab sie keine Antwort. Sie hatte Angst, mich weinen zu sehen.
Am Nachmittag ging sie wieder in die Straßen. Die Kinder spielten Räuber und Gendarm und Katz und Maus. Nir lachte und balgte mit ihnen, versteckte sich hinter den Bäumen. Am Abend kam sie strahlend und mit dem Staub des Vergessens bedeckt nach Hause.
In der Nacht weinte ich. Nir träumte den Traum der blauen Elfen. Bleierner Schlaf trocknete meine Augen. Heute habe ich keine Tränen mehr.
Heute weiß ich: Mein Kind liegt oben am Fenster und schläft. Ich weine nicht, denn es ist nicht mein Kind. Es ist irgendein Kind. Ein Kind liegt oben am Fenster und schläft. Irgendein Kind. Irgendein Kind liegt oben am Fenster und schläft und wartet auf meinen Tod. Es gibt vieles, auf das es warten könnte. Aber es wartet auf meinen Tod. Und schläft.
Die Ratten schlafen nicht.
Die Ratten warten auf mich. Sie warten nicht auf meinen Tod. Sie warten auf mich. Ganz wenige sind es. Sie kommen aus dem Dunkel, von überall her, aus den Löchern, aus der Erde, sie kriechen zu mir, kriechen über meinen Bauch, immer mehr werden es, sie wachsen aus meinem Bauch, Massen von Ratten wachsen aus meinem Bauch, kratzen und scharren, nagen sich in mich hinein, nagen sich hinaus, Blut spritzt aus mir und schleimiger gelber Eiter, die Wunden meines Bauches pumpen die Gedärme aus meinem Körper.
Die Frau schrie. Sie erwachte. Sie stürzte aus den Tiefen in neue Höllen.
Draußen war heller Tag. Zikaden zirpten, aber die Frau konnte sie nicht hören.
»Mama! – Mama?«
Am vergitterten Himmel trieben Zirruswolken. Der Raubvogel drehte seine Kreise.
»Mama! – Bist du wach, Mama?«
Wie viele Junge so ein Vogel wohl hat? Heißt das Junge oder Küken? Oder Babys? Wo ist sein Horst? Wie hat er ihn gesichert? Wer paßt auf die Kleinen auf, wenn die Feinde kommen? Aber es ist Tag, und die Feinde kommen in der Nacht.
Immer kommen sie in der Nacht. Sie hämmern an die Türen der Häuser mit ihren Fäusten aus Eisen, stoßen sie auf mit ihren Stiefeln, dringen in die Dünste der Küchen, der Bäder, in die Schubladen geheimer Wünsche, in die Truhen vergessener Bilder und Bücher.
Sie trieben uns durch die Straßen. Alle Frauen und Kinder des Dorfes. Wer nicht parierte, bekam einen Schuß. Auf dem Marktplatz lag ein Mädchen lang ausgestreckt, mit dem Gesicht nach unten, die Hände im Kreuz gefesselt. Sie war zierlich, und die Spitzen ihrer krausen Haare vibrierten im Wind. Auf ihrem nackten Schenkel stand der Stiefel eines Soldaten. Auf dem Knie des Soldaten ruhte das Gewehr. Ihre Schultern zitterten. Der Gewehrlauf malte ein Kreuz zwischen ihre Schulterblätter. Ihre Schultern zuckten. Es war ein kaltes Kreuz von der kalten Mündung eines kalten Gewehrlaufes. Der Gewehrlauf ließ sich Zeit. Die Kugel traf sie im Genick. Ein rotes Kreuz stand zwischen ihren Schulterblättern. Sie deckten es mit einer Zeitung ab. Zehn Frauen wurden auf der Flucht erschossen.
Lastwagen standen bereit. Viehwagen mit eingezäunten, breitflächigen Anhängern und knurrenden Motoren. Sie luden uns auf die Ladeflächen, warfen unsere Kleiderbündel hinterher. Kot lag noch in den Ecken. Zusammengepfercht standen wir Rücken an Rücken, Bauch an Bauch, Angst an Angst. Sie genossen ihre Stärke, ihre Befehle, ihre Gewalt. Sie waren die Sieger. Unsere Bauern waren im Krieg gefallen.
Sie brachten uns in ein Lager weit außerhalb des Dorfes. Die Kinder und die meisten der Frauen waren noch nie so weit gefahren. Die alten Frauen beteten und schlugen sich mit den Händen in die Gesichter. Ihre Gesichter waren müde, zerfurcht, die Hände runzelig, die Haut mit den Flecken des Alters und der Sonne übersät. Durch die Lücken zwischen den Fingern bewegten sich ihre Lippen. Weiße aufgesprungene Krater, Speichelblasen speiend.
Wir jüngeren Frauen krallten uns in die Kinder. Die Kinder hielten einander an den Händen und starrten mit großen, neugierigen Augen auf die Gewehre und Uniformen. In dem Lager trafen wir auf die Frauen und Kinder eines anderen Dorfes. Wir waren uns nie zuvor begegnet. Unsere Dörfer lagen weit auseinander, aber alle trugen wir die schwarzen langen Kleider, manche zwei, drei übereinander. Wir sprachen miteinander. Mit stummen Augen.
Noch Tage danach kamen die Transporte mit den Frauen und Kindern. Alle Frauen und Kinder der Welt. Unsere Männer lagen auf den Feldern. Das Blut ihrer Schlachten floß jetzt aus unseren Poren. Die verlassenen Dörfer dämmerten in der Sonne dahin, die Brunnen trockneten aus, das Vieh wurde aus den Ställen getrieben und geschlachtet, die Sieger veranstalteten Freßorgien. Die Dörfer verglühten, die Palmen vergilbten im heißen Wind.
Mit dem Wechsel des Mondes brachten sie uns in ein Konzentrationslager. Es war eines von fünf. Sie teilten uns in Gruppen und fuhren uns mit den Lastwagen in die verschiedenen Lager. Das erste Lager war nur ein Durchgangslager gewesen. Dort hatten wir mit leeren Gesichtern gesessen. Stunden, Tage, nichts verstehend, unsere Überraschung, unsere Erinnerung, den Schmerz.
Sie hatten uns Zeit gelassen zum Trauern. Auf einmal mußten wir arbeiten.
Die Arbeit im Konzentrationslager brennt rasch ihre Spuren auf unsere Hände und Füße, beugt unsere Rücken, setzt Zeichen in die Gesichter, Wundmale ohne Blut.
Wir heben Gruben aus, legen den Sumpf trocken, graben die Äcker um und bauen eine Straße durch den heißen Sand, die unser Lager mit einem anderen verbindet. Die Hitze dampft über dem frischen, glühenden Asphalt. Dumpfe Gerüche steigen aus ihm empor. Die Kleidung klebt am Körper. Wir stinken. Schweiß und Fischgeruch. Menstruationsblut. Wir haben die Pest in uns.
Am leichtesten ist der Dienst in der Küche. Dort schmuggeln wir die Kranken ein, die Schwachen, die wir draußen nicht mehr stützen können. Sie reißen sich zusammen, legen ihre ganze Kraft, ihren Willen in die Arbeit, um uns nicht zu verraten. Unsere Bewacher sind scharf. Der Sieg blitzt ihnen in den Augen.
Es scheint, sie haben sich eingerichtet, uns länger zu behalten. Wir trennen unsere Jacken auf, um Wollzeug für die Kinder zu stricken. Der Sommer ist heiß und lang.
Ich strickte gerade einen Pullover für Nir, als der Aufseher kam. Das Verhör war kurz. Er schlug mir ins Gesicht. Meine Lippe platzte, klaffte weit auseinander, ich schmeckte Blut. Er warf mich an die Wand. Ich prallte mit dem Kopf dagegen. – Ja, ja, ja. Ich habe es getan. Ich habe die Alte in die Küche geschleust. Sie war meine Nachbarin. Sie hat Nir aus mir herausgeholt, nachdem ihr die Ammen getötet habt.
Nir wird frieren, im Winter. Die alte Frau ist tot. Der Aufseher ist oben. Er spricht mit Nir. Ich kann seine Stimme hören. Aber ich habe keine Angst.
Dunkelheit umgibt mich. Ich rieche den Atem der Ratten. Aber ich habe keine Angst. Nir beschützt mich. Sie spricht mit dem Aufseher. Ihre Amme ist tot. Aber Nir wird mich schützen. Nir, Kleines. Meine Liebe, Kleine, Süße.
Das Kind breitete seine Arme, legte sie wie einen Gürtel um die Stadt, bis die Fingerspitzen zusammentrafen und einige Erdhügel an den Seiten einstürzten.
»Die Kinder sind in der Stadt. Und die Mama. Du darfst sie nicht sehen«, sagte Nir.
Der Aufseher sah stumm auf das Kind herab. Es saß, die Beine gegrätscht, den Oberkörper wie ein Dach über der aufgewühlten Erde, die Arme ausgebreitet.
»Du wirst sie fressen. Die Kinder und die Mama. Du bist hungrig. Du bist der Wolf«, sagte Nir.
»Hör auf mit dem Unfug«, sagte der Aufseher.
»Du bist der Wolf. Ich sehe es in deinen Augen«, sagte Nir.
Ich bin müde, dachte der Aufseher. Ich sollte das Kind lassen. Es regt mich nur auf, und ich kann jetzt keine Aufregung brauchen.
Ob die in der Kommandantur überhaupt wissen, was das heißt? Die Herren in den Plüschsesseln! – Bequeme Sache: Schnippen mit dem Finger, und schon tanzen die Püppchen. Die ziehen an den Fäden, und wir hampeln für sie herum. Feine Sache, feine Sache. Meine Damen, hier ziehen wir an den Fäden. Wir kleinen Arschlöcher der Kompanie.
Wie sie einen anstarren, wenn man sie schlägt. Ihre Lippen bluten, aber ihre Augen glänzen. Augen – diese Mauern!
Arzt wollte ich werden, als die Wünsche noch offen waren. Die Mädchen sollten mich begehren. Heiß sollte es in ihren Augen stehen.
Diese Verachtung, Mutter, du hast das nie verstanden! Warum verachten sie mich? – Sie lächeln mit ihren Augen. Augen – diese Widersprüche. Drehen ihre Rücken, schreiten davon, stolz, mit langen Schritten.
Ich komme nicht an sie heran. So schnell ich auch renne. Ich kann sie nicht erreichen. Nicht einmal die Kleinste oder die Häßlichste von ihnen kann ich erreichen.
Als ich zum ersten Mal in meiner neuen Uniform durch unsere Straße ging, da sahen sie hinter mir her. Dort geht er, seht, flüsterten sie und zeigten mit ihren Fingern auf mich. Er wird kämpfen. Er wird unser Land beschützen. Und eines Tages werden wir Kinder gebären. Große, starke Kinder. Die nicht meine Kinder sind, Mutter. Weil keine von ihnen je ein Kind für mich gebären wird.
Hier gehen die Frauen aus dem Weg, wenn ich komme. Sie krümmen die Rücken und kriechen davon wie verlorene Tiere. Angst steht in ihren Augen. Das ist gut so. Denn ich bin der Wärter ihrer Angst. Ihre Angst umgibt mich, gibt mir das Gefühl, gebraucht zu werden, trotz der Widerstände. Diese Widerstände. Die Frau da unten ist voll davon. Randvoll. Bis unter die Kopfhaut. Dieser Stolz. Ihre Augen.
Man muß ein Exempel statuieren! – Hast du die Alte in die Küche geschmuggelt, Frau? – Ja oder nein? Wer, sagst du, hat die Ammen getötet? – Ich nicht! Ich muß es dir nur geben, Frau.
