Ein stürmischer Sonntag - Ronnith Neumann - E-Book

Ein stürmischer Sonntag E-Book

Ronnith Neumann

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Beschreibung

Zornige Geschichten vom Aufbegehren. Seltsame Geschichten von der Begegnung mit dem Fremden, Außergewöhnlichen. Phantastische Geschichten, die Reales und Surreales ineinandergreifen lassen. (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)

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Seitenzahl: 286

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Ronnith Neumann

Ein stürmischer Sonntag

Zornige Geschichten

FISCHER E-Books

Inhalt

Die Frau in der [...]Für Ima und Günter, [...]Was wir Monstren nennen, [...]Das Haus auf dem HügelEin grauenhaftes KindAn einem warmen Septemberabend im ParkEin UrlaubstagEin Stück ZeitBegegnung am MeerContainer-GhettoEin stürmischer SonntagDie TotenmaskeDie PartyDie seltsame Geschichte der Maria Fernanda SoarezDie StoryDie Kastration eines PolizistenHäutungRassenschändungDie SchwesterEines langen Tages TraumDie WasserrättinEin Büschel Haar oder Ruhe in FriedenHohes HausReise durch ItalienZeitwanderungJene endliche Erlösung nach dem FallThuja 2000Die BegegnungIch danke Hjalmar Hagedorn [...]

Die Frau in der Gesellschaft

Herausgegeben von Ingeborg Mues

Für Ima und Günter, Rosemarie, Ruth und Merula

Was wir Monstren nennen, ist nicht monströs für Gott, der in seinem ungeheuren Werk die Unendlichkeit von Formen einbegreift, die er selbst entwarf.

Michael E. Montaigne

 

Jeder Mensch ist ein Abgrund: es schwindelt einem, wenn man hinabsieht.

Georg Büchner

Das Haus auf dem Hügel

Die Villa lag auf dem Plateau des Hügels, eingebettet in den Schatten eines Pinien- und Zypressenhains. Ein Weg führte steil und kurvenreich vom Fluß zu ihr hinauf, an seinen Seiten kämpften wuchernde Heckenrosen, Lilien und Beerenbüsche ums Überleben. In dem Haus mit dem Giebeldach aus roten Ziegeln – ein sattes, schimmerndes Rot – hörte man das gleichmäßige Rauschen des Flusses, die Sonne schien neun Monate im Jahr, es war das einzige Haus auf dem Hügel.

Kate hat es die ganze Zeit über geahnt. Das Banalste der Welt, und ausgerechnet ihr muß es passieren. Sie tritt voller Wut gegen die Verandatür, marschiert quer durch die Küche, die Treppe hinauf, den Flur entlang, stößt die Tür zum Bad auf, betrachtet sich minutenlang ohne jeglichen Ausdruck im Spiegel, spuckt ihn an, ihn, der ihr Bild dreigeteilt und so peinlich selbstverständlich, so hämisch zur Schau stellt, knallt die Badezimmertür wieder zu und wirft sich im Schlafzimmer aufs Bett. Das Banalste der Welt und dazu sie, die sich nicht anders verhält, als Millionen andere Frauen vor ihr. Wie konnte es nur …? Wie konnte es …?!

Aber die Zeichen sind untrüglich: Das parfumduftende Briefchen in seiner Jackettasche, das Klingeln des Telefons und niemand, der sich meldet, wenn sie ihr ›Hallo‹ hineinruft, das lange rotblonde Haar auf dem Beifahrersitz, das verwischte Rosé und Braun auf seinem Hemdkragen, die nicht mehr auffindbare Batikkrawatte, die sie ihm erst letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hat, die Abende, an denen es immer später wird, die Konferenzen bis Mitternacht oder länger. Das Banalste der Welt in ihrer Ehe, in dieser geheiligten, einzigartigen Beziehung, bis daß der Tod … mein Gott, die Klischeesituation schlechthin!

Unten klappt die Tür. Sie hört Schritte die Treppe heraufkommen, dann im Flur, die Schritte nähern sich dem Schlafzimmer.

Er steht im Rahmen der Tür, hinter ihm in der Fensterscheibe die Abendsonne, blutend auslaufend, in dem diffusen, glühenden Licht kann sie sein Gesicht nicht erkennen, aber sie spürt die Frage, nach vierundzwanzig Jahren spürt man Fragen, ohne daß sie vom andern gestellt werden.

Etwas scheint ihn nach Hause getrieben zu haben, sein Anruf am Mittag, eilig, wegwerfend, entschuldigend, und nun war er doch gekommen.

»Was ist mit dir?« Er steht in der Tür, er füllt ihren Rahmen fast aus, ein hünenhafter dunkler Schatten, scharf abgegrenzt, konturenlos, ohne Gesicht.

»Was ist? – Ich habe etwas gefühlt. Etwas ist nicht in Ordnung. Ich fühle es.« Sie liegt auf dem Bett, richtet sich auf, seitlich auf den Ellbogen gestützt, betrachtet sie den riesigen Schatten, lauscht der Stimme, die so weit entfernt, so weit …

Auf einmal löst sich der Schatten aus dem Rahmen der Tür, ein zum Leben erwachter Scherenschnitt bewegt sich auf sie zu. Kate versteinernd, eine Betonmasse, die sich ihren Weg durch die Mitte ihres Körpers bahnt, sie von außen umschließt, härtet, die Augen weit nach oben gerichtet, ihm entgegen, liegt sie wie eine Statue auf dem Bett, eine lebende Statue ohne Leben. Die Hand verharrt über ihrem Kopf, prallt von irgend etwas ab, fällt seitlich neben sie auf das Bett, fällt wie ein toter Vogel herab. Dumpfer Aufschlag. Stille.

John, in der Hocke neben dem Bett, er ist machtlos gegen Kates Trauer. Gegen diese Art von Trauer. Gegen sie. Würde sie weinen, in Hysterie ausbrechen, würde sie die stinknormale Reaktion betrogener Ehefrauen zeigen, könnte er normgerecht und wie in solcher Situation von einem Ehemann erwartet reagieren. Er könnte die Hand auf ihren Arm legen, seinen Arm um ihre Schultern, könnte irgendwelche Wörter, einschmeichelnde, pflichtlose Banalitäten, mit sanfter Stimme gegen ihren abgewandten Kopf flüstern, so aber muß er in ihre Augen blicken, in diese wasserklaren, schmalen Schlitze, die keine Spur von Trauer, die weiblicher Trauer, so, wie er sie sich vorstellt, zeigen, keine Wut, keine Enttäuschung, keine Verachtung, nur ausgrenzende Distanz, eine stählerne, unüberwindbare Wand. Er kommt nicht an sie heran. Und Kate weiß das.

Kate kennt Johns Angst, seine Hilflosigkeit, wenn sie sich hinter ihrer Mauer verschanzt. Als Kind hatte sie die Technik des Sich-Einkapselns bei ihren Eltern und dem älteren Bruder trainiert, Vater und Bruder mieden jeden Streit mit ihr, mit der Mutter hatte sie stundenlange nächtliche Debatten, mit zunehmendem Alter wurden sie einander wie Schwestern. Kate kennt die Macht ihrer Mauer. Sie ist das Symbol ihres anderen Ichs, Fluchtort, Schutzhaut, Stahlkammer, die Mauer ist der Kokon, der Schutzpatron ihrer eingeschlossenen Seele, so oder ähnlich hat sie es einmal als Kind in ihr Tagebuch geschrieben.

John reibt mit den Handballen die Knöchel seiner Finger, beißt sich auf die Oberlippe, zwirbelt sein Haar, knetet wieder die Knöchel. Kate schweigt. Sie kennt die mechanische Abfolge seiner Hilflosigkeit. Beschämt registriert sie, daß sie die Situation genießt. Im Fenster treiben rostbraune Schlieren abendlichen Himmels dahin. Kate erscheint es, als treibe die Zukunft wie ein Film auf der Fensterleinwand dahin, uneinholbar. Im Zimmer breitet sich eisige Kälte aus. John erhebt sich, blickt zum Fenster.

»Seltsam«, sagt er, »diese Kälte, wo doch die Sonne erst eben untergegangen ist.« Er geht zum Kamin, legt Holzscheite auf, aber so sehr er sich auch mit dem Blasebalg abmüht, er bringt das Holz nicht zum Brennen. Irgend etwas hat es feucht werden lassen, obwohl es bei hohem Luftdruck seit Monaten nicht geregnet hat. Im Zimmer wird es zunehmend kälter. Kate liegt auf dem Bett und fröstelt.

 

In der Nacht erwacht sie. Irgendein Geräusch, etwas klackt dumpf durch die Finsternis, im Fenster mondlose Schwärze. Die Leuchtzeiger des Weckers vierteln das Blatt. Regen prasselt auf das Dach des Hauses. Das Aufschlagen der Tropfen klingt wie kurze, erstickte Schreie.

Kate, mit aufgerissenen Augen, faßt an sich hinunter, wie eine Blinde tastet sie sich abwärts, ihre Decke gleitet seitlich über die Bettkante zu Boden. Sie ist vollständig bekleidet. Nachts um halb drei. Sie erinnert sich vage: Sie hatte geweint, John, der neben ihr kniend die Tränen nicht sah, weil man die Art ihrer Tränen nicht sehen konnte. Sie war einfach eingeschlafen, mitten im Weinen, inmitten der Tränen, die nur ihr gehörten, nur sie etwas angingen, noch mit all den Sachen an ihrem Körper. Sie greift in das Bett nebenan. Es ist leer.

Kate, die Finger gestreckt, spielend im kühlen, glatten Leinen, braucht einen Moment, um zu begreifen. Bestimmt liegt John auf der Couch, unten, im Wohnzimmer. Bei allem, was geschehen ist und das jetzt mit unbarmherziger Klarheit in ihr Gedächtnis zurücktröpfelt. Er ist immer ein taktvoller, dezenter Ehemann gewesen. Stets auf die feine Art, jeder Satz, jedes Wort präzise, leise, schleichend, Brutalität, die zur Hintertür hereinkriecht. Kate preßt ihre Handflächen gegen die Schläfen, ein Pochen und Schlagen, daß sie zu zersprengen droht, preßt sie kreuzweise gegen die Stirn, diese Hitze, die sie ausbrennt, preßt wild im Gesicht herum, Hals, Dekolleté, Bauch, dort ist der Stoff des Kleides dazwischen, sie reißt ihn auf, spürt die glatte, kühle Haut, die Höhlung des Bauchnabels, so glatt, so kühl, so fremd, ihre Hände kriechen zwischen die Schenkel, und sie will nicht denken, nur geborgen sein, alles, nur nicht denken, nicht jetzt, nicht jetzt, nie mehr, nie mehr …

 

… aber wieder ist da dieses Geräusch. Es ist direkt neben ihr. Sie hebt den Kopf. Ihre Augen haben sich an die Dunkelheit gewöhnt. Sie kann nichts erkennen außer den gewöhnlichen Umrissen des Zimmers. Draußen prasselt der Regen auf das Dach. Die kurzen erstickten Schreie. Sie stellt sich das schimmernde Rot des Daches vor. Dieses eigenartige Rot. Wie Blut, manchmal, wie ausblutend. Das Geräusch scheint neben ihrem Bett zu sein, scheint irgendwo zu sein, kommt von irgendwoher aus dem Haus.

Sie stützt sich auf die Ellbogen, zwingt sich hoch, ihr Körper formlos, bleischwer. Auf der Bettkante kniend, starrt sie in die Dunkelheit des Türrahmens. Etwas darin hat sich bewegt. Der Bruchteil einer Sekunde, ein Schatten, der vorbeihuscht, ein Trugbild, vielleicht, hinter geschlossenen Lidern. Sie faßt sich über die Augen. Sie sind geöffnet. Weit aufgerissen starren sie in den Rahmen der Tür. Sie hört ein Klopfen, ein Stampfen wie von schweren Schritten, direkt über ihr. Wieder einmal kann sie nicht glauben, daß es lediglich die Ausdehnung des Holzes im kühlenden Regen nach der Hitze der vergangenen Tage ist. Es ist schwierig, in solcher Finsternis derart Banalem zu vertrauen. Sie murmelt sich diese Tatsache in einem leisen, monotonen Singsang zu, bestärkt sich in dem Gedanken, aufzustehen, durch das dunkle Haus zu gehen, hinunter zur Küche.

In der Küche ist es hell und warm. Das Licht der Lampe fällt wie eine Glocke über den Tisch. Ein gefälliges, anheimelndes Bild. Sie hat Hunger. Sie läßt den Laib Brot durch das runde, kreischende Sägemesser der Maschine gleiten, bestreicht die abgeschnittene Scheibe mit Butter und belegt sie dick mit Käse. Sie ißt mit Appetit, trinkt dazu ein Glas lauwarme Milch, am Küchentisch sitzend, unter der Geborgenheit der Lichtglocke. Der gestrige Abend, das entsetzliche Erwachen in der Dunkelheit, die stampfenden Schritte; alles scheint jetzt so fern, so unnahbar, so unerlebt.

Über ihr klopft es. Die Schritte marschieren hin und her. Das Aufatmen des Holzes nach der Hitze, lebende Materie, Holz ist lebende Materie, es atmet, es bewegt sich, es lebt, so hat John es ihr erklärt, vor acht Jahren, in der ahnungslosen, glücklichen Zeit ihres Einzugs.

 

Sie hatten das Haus wieder und wieder miteinander besprochen, es wohl zwei Dutzend Male besichtigt, es in der Erinnerung in alle nur möglichen Varianten zerlegt, gestrichen und möbliert. Die Tatsache, daß seine Besitzerin unter unerklärlichen Umständen plötzlich verstorben war und es keine Erben gab, senkte den Preis des Hauses erheblich. Ein Makler bot es ihnen an, und schließlich nahmen sie die Gelegenheit wahr, endlich aus der Enge der Kleinstadtwohnung in die blühende Einsamkeit oberhalb des Flusses zu übersiedeln, etwa dreißig Kilometer außerhalb der Stadt und somit jeglicher menschlichen Ansiedlung. Es gab Stimmen, die behaupteten, Eleonore Waterfield, die Vorbesitzerin des Hauses, habe den bösen Blick gehabt, andere, sie sei lediglich ein altes, gehässiges Weib gewesen, und wiederum solche, die von einer kranken, vereinsamten Dame sprachen. Die Aussagen über Eleonore Waterfield klafften weit auseinander, und die Erwähnung ihres Todes verebbte meist in stummem, hilflosem Schulterzucken.

Die alte Frau hatte zurückgezogen gelebt und war nur selten aus dem Haus gegangen, so daß sich die giftigen Gerüchte wie Spinnennetze fortweben konnten. Das jedenfalls schlußfolgerten Kate und John, und kaum waren sie in das Haus eingezogen, stießen sie alle Fensterläden auf, und das Licht des frühen Sommertages und die Gerüche der Felder und des Flusses fluteten herein. Das Haus dankte es ihnen mit leisem Ächzen, über ihnen war das Auf und Ab von Schritten zu hören. Das Holz zieht sich zusammen oder dehnt sich aus, hatte John gesagt und über Kates Angst gelacht. Er hatte sie in die Arme genommen, in diese starken, alles umfassenden Arme – jenen Moment sollte Kate noch Jahre später träumen …

 

Sie spült das Glas, aus dem sie die Milch getrunken hat, das Messer und den Teller, stellt alles in den Abtropfer, löscht das Licht und steigt in der frühen Dämmerung des Tages die Treppe nach oben. Im Zimmer empfängt sie der zurückgelassene feuchtwarme Mief ihres Nachtschlafes. Mit den Jahren verstärkte er sich in erschreckendem Maße, sie denkt an den Geruch ihrer Mutter, morgens im elterlichen Schlafzimmer, sie, die kleine Katie, die Tasse dampfender Schokolade vorsichtig in beiden Händen balancierend, am Rande der Untertasse der Vanillekeks, um sie her, aus jedem Winkel des Zimmers kriechend, aus den schweren Damastvorhängen, sich zusammenrottend, sie einkreisend, ihr bei lebendigem Leibe die Luft absaugend, der Geruch der alten Frau, die Ausdünstung jener Frau, dieser Frau, die behauptete, einmal ein Kind gewesen zu sein, rosig und blütenduftig wie Katie. Niemals sollte eine Mutter dem Kind ihren morgendlichen Duft preisgeben, denkt Kate, es ist wie ein Verrat. Es schleppt diesen Verrat ein Leben lang mit sich herum, bis es eines Tages erfährt, daß es den gleichen Verrat begeht. Kate beschnüffelt den Mief ihres Schlafzimmers, sie spürt eine Übelkeit in sich aufsteigen und beschließt, sich nicht wieder hinzulegen.

Das Haus ist jetzt still, kein Stampfen von Schritten, keine erstickten Schreie. Ein grauer Streifen kriecht den Horizont entlang, färbt sich blau und beginnt allmählich silbrig zu schillern. Kate lauscht dem leisen Rauschen des dahingleitenden Flusses, dem Wind, der durch das Schilfrohr streicht, diesen hohlen, feinen Panflötentönen, dem Klacken zusammenstoßender Halme. Bis zu diesem Augenblick, als sie im Morgenmantel an ihrem Schreibtisch sitzt und lauscht, ist ihr in keiner Sekunde der Gedanke gekommen, wo sich John aufhalten könnte. Sie lauscht in die plötzlich eintretende vollkommene Stille, und da sind sie wieder, die Schreie, die Schritte, hämmernd, wütend, fordernd, sich von oben auf sie zubewegend, sich niederwälzend wie eine Lawine, der man nicht entkommen kann. Kate schreit auf. Das Dach des Hauses, blutrot, klafft über ihr auseinander, der Dachboden bricht herab, die Giebel bersten, blutig regnet es auf sie nieder, Sturzbäche von Blut, die sie überschwemmen, Kate, rudernd in einem Meer aus Holz, Ziegeln, Mörtel und Eisen …

»Der Regen hat einige Überschwemmungen unten im Haus angerichtet«, sagt John, »ich mußte ganz schön Wasser schöpfen, ein richtiges Unwetter heute nacht.« Er steht in der Tür, dunkel und warm, Kate läßt sich nach vorn fallen, ihre Stirn schlägt auf die Platte des Schreibtisches. Sie weint lautlos. Ohne Tränen.

John dreht sich ab, er hat Hunger, das Beben ihrer Schultern ist ihm peinlich. Das ist nicht die Art von Tränen, mit der er zurechtkommt. Das sind Tränen aus Eis, und die gefrieren ihm in den Handflächen und hinterlassen Frostmale, deren er sich nicht entledigen kann.

 

Das Wurstbrot schmeckt ihm nicht. Er hat mit Heißhunger in den dickbelegten Kanten hineingebissen, und er hat den Geschmack von Bittermandel auf der Zunge behalten. Er wird der Kälte, die von ihr abstrahlt, nicht Herr. Er begreift sie nicht. Was auch immer geschieht, ob sie weint oder auch nur dasitzt und ihn anstarrt, immer ist diese Kälte um sie, diese unfaßbare, eisige Unnahbarkeit, diese Mauer, von der er mit jedem Schritt auf sie zu nur weiter abprallt. John ist unfähig, diese Mauer zu durchbrechen, das hat er in den vierundzwanzig Jahren ihres ehelichen Zusammenlebens begriffen. Und er hat andere Ventile gefunden, sich notdürftig dünne, schleimige Furchen gegraben, zeitbegrenzte Durchschlupfe, durch sie rutscht er hindurch, wann immer sich die Gelegenheit dazu bietet, konfus und mit der nervösen Naivität eines halbwüchsigen Jungen.

Über ihm kracht das Holz. Er entdeckt einen Riß in der Wand neben der Anrichte und gleich daneben einen ovalen ausgefransten Nässefleck. Er kaut gelangweilt auf der Wurst herum und betrachtet nachdenklich die beiden Stellen. Der Riß hat die gezackte Form eines Blitzes, herrlich und furchterregend. John grinst, weil das Holz wieder einen explosiven Kracher entläßt und weil er weiß, daß Kate oben im Schlafzimmer Angst hat. Diese Art von Angst ist eines der Dinge, die er an Kate begreift. Sie symbolisiert für ihn den Inbegriff aller Weiblichkeit, ebenso wie die Angst vor Mäusen und Spinnen oder vor der Eisernen Jungfrau, die sie einmal in einem Museum besichtigt hatten. Es ist, als erhalte die Männlichkeit durch jene Angst ihren ewigen gültigen Rahmen.

John springt auf und fährt mit der Hand vorsichtig über den Riß und dann über die ausgefransten Ränder des Nässeflecks. Als er die Hand zurückzieht, bemerkt er erstaunt das Blut auf seinen Fingerkuppen. Er geht zur Spüle und hält die Hand unter das kalte fließende Wasser, und nachdem das Blut in sanften, durchscheinenden Schlieren von seiner Hand abgeflossen ist, entdeckt er einen kurzen rotbraunen Holzspan, der wie ein Nagel in der Haut seines Mittelfingers steckt. Er zieht den Span mit Daumen- und Zeigefingernagel der anderen Hand heraus und untersucht abermals den Riß und den Nässefleck. Aus dem Riß sickert eine rötliche Flüssigkeit, die rasch und wie eine Verschorfung menschlicher Haut erstarrt. Seines Wissens besteht diese Wand aus Ziegel, und sie enthält nicht einen Millimeter Holz.

Der Einstich in Johns Hand färbt sich tintenblau, und obwohl die Wunde nicht schmerzt, sich eher taub anfühlt, rührt sie etwas in ihm auf, eine seltsame, orientierungslose Unruhe, ein undefinierbares Verlangen. Er schlendert zur Anrichte und zieht die Schublade mit dem Vorlege- und Tranchierbesteck auf. Sein Blick heftet sich auf die Geflügelschere und dann auf das Fleischmesser, auf die lange, spitzzulaufende Schneide. Seine Finger tänzeln über den Holzgriff des Messers, gleiten sanft über die Schneide bis hin zur Spitze. Er verspürt einen Heißhunger auf Brathuhn.

Im Kühlschrank findet er einen gegrillten, paprikagewürzten Hühnerschenkel. Er verschlingt ihn hastig im Stehen neben der geöffneten Kühlschranktür. Aus dem Seitenfach langt er sich eine Flasche Bier heraus. Die eiskalte Flüssigkeit prickelt durch seine Kehle, er rülpst, klopft sich mit der flachen Hand auf den Bauch und läßt sich, von neuem rülpsend, auf einen der Stühle fallen, die Beine über Kreuz auf eine Ecke des Küchentisches gelegt. Er fühlt sich schon nach den wenigen Schlucken Bier angetrunken, er schiebt es der vorangegangenen Hitze zu, dem Streit, seiner gesamten Gemütsverfassung. Sein Kopf senkt sich rückwärts auf die Stuhllehne, und als er schläfrig durch die halbgeschlossenen Lider blinzelt, sieht er Kate im Dämmerlicht des Türrahmens stehen.

 

Zum Nachmittag trübt es wieder ein. Der Regen kam in diesem Jahr früher, er kam plötzlich, heftig und ohne jegliche Voranzeigen. Zudem brachte er eine Schwüle, die in dieser Region zu dieser Jahreszeit ungewöhnlich ist. Der Fluß schwoll an in trägen Wellen, eine dahingleitende, von Zeit zu Zeit aufschäumende Masse, die sich gegen einen ungewohnten Wechsel der Gezeiten aufzubäumen schien.

Kate steht am Fenster, sie hat die Gardine zur Seite geschoben und sieht hinaus. Hier, vom oberen Stockwerk, ist es möglich, den vorderen Garten und einen Teil des Weges, der zum Fluß hinunterführt, zu überblicken. Das Schlammbecken mit den abgerissenen dahintreibenden Zweigen der Büsche, mit den Blättern und bunt schillernden Blüten, die an kleine sterbende Tiere erinnern, aus denen das Leben unaufhaltsam herausfließt, hinterläßt in ihr ein schwammiges Gefühl von Leere, von Verlust, von verlorener Ewigkeit. Die schmutziggelben Rinnsale bahnen sich ihren Weg hinunter zum Fluß, verlieren sich in willkürlich ineinander verwobene Strukturen.

Kate sieht das Messer vor sich. Jetzt sieht sie es wieder deutlich vor sich, und wie John es in den Händen hält, am Küchentisch sitzend, die Beine hochgelegt, über Kreuz, auf einer Ecke des Tisches. Er hatte sie grinsend angestarrt, herausfordernd, während seine Finger langsam die Schneide des Messers entlangglitten. In seinen Augen lag ein eigenartiger Glanz, er schien betrunken, er rülpste, und seine Zungenspitze glitt über den Rand seiner oberen Schneidezähne. Nach einer Weile erlahmten seine Bewegungen, sein Kopf fiel auf die Rückenlehne des Stuhls, und er schlief ein, während das Grinsen als eingefrorenes Bild auf seinen Lippen blieb. Kate starrte auf seine geschlossenen Augenlider, durch die sich der seltsame Glanz wie durch ein Brennglas hindurchfraß. Das Fleischmesser lag auf seinem Bauch, die Finger der rechten Hand unklammerten den Holzgriff. Ein Schnarchen zersägte die Stille, und das Grinsen verschwand augenblicklich aus seinem Gesicht, machte dem einfältigen, harmlosen Ausdruck eines Schlafenden mit herabgefallener Kinnlade Platz.

Kate hört hinter sich ein Geräusch. Sie fährt herum, John steht in der Tür.

»Ich muß eingeschlafen sein. Ich hätte das Bier nicht trinken sollen. Ich habe wie ein Toter geschlafen.« Er tritt einen Schritt auf sie zu, Kate weicht zurück, ihr Arm streift die Gardine.

»Hast du das Messer wieder zurückgelegt?«

»Welches Messer?«

»Das Fleischmesser. Du hast es in deiner Hand gehalten, als du schliefst.«

John runzelt die Stirn.

»Du mußt dich irren. – Was sollte ich auch mit einem Messer?«

Über ihnen kracht es. John zuckt zusammen, grinst und verläßt wortlos das Zimmer.

Kates Fingernägel krallen sich in das Netz der Gardine. Sie war am Mittag in die Küche gegangen. Sie hatte sich etwas zu essen gemacht und John dort nicht angetroffen. Das Messer hatte nicht in der Schublade gelegen. So angestrengt und verzweifelt sie auch nach ihm suchte, sie hatte es nirgends finden können. Kate vergräbt ihr Gesicht in dem weichen Stoff, beißt hinein und saugt den Staub der Zeit tief atmend in sich ein. Als sie sich wieder lösen will, gibt die Gardine sie nicht frei. Sie haftet an ihren Armen und Beinen, an ihrem Gesicht, verfängt sich in ihren Haaren, und je heftiger Kate rudernd versucht freizukommen, um so dichter wickelt sich die Gardine um ihren Körper. Wie das gefangene Insekt in einem Spinnennetz reißt und zappelt Kate um ihr Leben. Die Netzarme greifen um sie her, legen sich über sie, umschlingen sie allseitig, dehnbare, unerbittliche, erstickende Tentakeln, die sie in irgendeine Mitte zu ziehen drohen, in irgendeine Tiefe, eine milchige Tiefe mit dumpfen, röhrenden Lauten, im Auge des Orkans plötzlich und unerwartet diese ungeheure, schmerzende Stille, das Lauern des schwarzen Todesengels, im Sturz des Körpers der grelle, zischende Riß durch die glühende Iris, Pupillen, die sich weiten, Kate liegt auf dem Boden, über ihr weht die Gardine im Wind.

Sie stützt sich auf, ihre Hände klettern die Wand empor, ziehen sich am Fensterbrett hoch. Sie schließt das Fenster. Sie kann sich nicht erinnern, es geöffnet zu haben. Eine Berührung mit der Gardine vermeidet sie. Als sie in den Flur hinauswankt, sieht sie John um die Ecke verschwinden. Sie hört ihn die Treppe hinuntersteigen, die Haustür klappt zu, dann ist alles still.

Kate hetzt den Flur entlang, die Treppe hinunter, sie spürt, wie ihr der Schweiß aus allen Poren schießt. Sie rüttelt und zerrt am Griff der Haustür, das Eisen brennt Eiseskälte in ihre Handflächen, tastend sucht sie nach dem Schlüssel, ihre Fäuste trommeln gegen das Eichenholz der Tür. Über ihr ein Krachen, ein Bersten von Holz, Schritte auf und ab. Dumpfe Schwüle legt sich ihr auf die Lungen. Sie keucht, hechelt, durch die sich ausbreitenden Schlieren gelben Nebels schreit sie Johns Namen, aber ihre Stimme will nicht aus ihrem Innern heraus. Sie hört die erstickenden Schreie einer Ertrinkenden, es ist, als würde sie in sich selbst ertrinken. Sie fühlt das Anschwellen des Flusses, fühlt sich selbst in einer Schlammlawine ihm entgegentreiben, ein hilfloses Tier, dem Aufbäumen der Gezeiten ausgesetzt.

Als sie die Spitzen der Holzstifte wie Nägel durch die Tür dringen, durch Decke und Wände wachsen sieht, weiß sie, daß es zu spät ist. Sie hat die Zukunft verpaßt, irgendwo hätte sie von der Strecke abspringen müssen, aber sie hat den Zeitpunkt verpaßt, und nun ist es zu spät. In dem Gitterkäfig eines Museums hatten sie sich einmal vor langer Zeit die Eiserne Jungfrau angeschaut, und als Kate sich vor Grauen schüttelte, hatte John seine starken, alles umfassenden Arme um sie gelegt.

Ein grauenhaftes Kind

Das Kind blickte hinüber zu dem Bett der Frau und fragte sich, wann diese endlich aus ihrem Schlaf erwachte. Es fragte sich ferner – und das schon seit Tagen –, was man in einem Krankenhaus ohne die Gesellschaft anderer Kinder während der langen Tage und der noch längeren Nächte anfangen sollte. Das Kind war ein grauenhaftes Kind, jedenfalls nach Meinung der Schwestern und Ärzte. Aber welches Kind würde nicht zu einem grauenhaften, unschuldig dreinblickenden Alptraum werden, wenn seine Phantasie, nicht gerade von Fieber und schwerer Krankheit geschüttelt, doch von den dunklen Mächten der Langeweile in weitaus unheilvollere Zonen getrieben wird.

So starrte das Kind also unentwegt zu dem anderen Bett hinüber, dessen Insassin erst vor gut einer Stunde in sein Zimmer verlegt worden war und wo das tiefe, gleichmäßige Atmen allmählich in ein unstetes, herzhaftes Schnarchen überging. Einige Male flatterte eine Schwester herein, um nach der Frau zu sehen, das Kind würdigte sie dabei keines Blickes, denn wie ihre Kollegen hatte auch sie nicht viel oder überhaupt nichts übrig für das grauenhafte Kind.

Nach einer Weile des angespannten Wartens und Beobachtens reckte sich das Kind seitlich über die Kante seines Bettes hinaus und angelte mit den Fingerspitzen nach dem rechteckigen Päckchen, das auf dem Nachttisch der Frau lag und wie alle vermeintlich verbotenen Dinge einen magischen Reiz auf den Wissensdurst einer Kinderseele ausübte. In dem Päckchen bewegten sich glatte, flache, offenbar bizarr geformte Gegenstände verschiedener Größen, und das Kind drückte und preßte auf dem Päckchen herum und riß es schließlich an der dafür vorgesehenen Banderole auf. Es stülpte die Öffnung nach unten, und die Teile eines Puzzles glitten heraus und verteilten sich über die Bettdecke. Von draußen drang das Grölen und Jaulen der Verrückten ins Zimmer, denn jenseits des Fensters lag ein paradiesischer Garten, der zum Krankenhaus gehörte, an dessen anderem Ende sich eine Nervenheilanstalt befand, auf deren vergittertem, die ganze Hausfassade einnehmendem Balkon sich die Irren von Morgens an bis spät in die Nacht herumtummelten.

Das Kind betrachtete die Teile des Puzzles, die sich auf der weißen Bettdecke eigenartig plastisch abhoben und wie kleine nervige Tiere ein Eigenleben entwickelten. Es versuchte, einige der Teile ineinander zu stecken, aber das Puzzle war zu kompliziert für ein neunjähriges Kind – schließlich stand auf dem Einband Nur für Erwachsene –, und so holte die Langeweile es rasch wieder ein und streckte ihre unheilvollen, giftigen Tentakeln nach ihm aus. Das Kind begann, vor sich hinzupfeifen und Lieder zu trällern – der Lärm vom gegenüberliegenden Balkon brachte es nicht aus dem Rhythmus, nach so vielen Tagen gewöhnt man sich an das kehlige, disharmonische, aufpeitschende Gekreisch von Verrückten –, das Kind pfiff und trällerte immer lauter, und endlich öffnete die Frau ihre Augen, hob den Kopf, neigte ihn zur Seite wie ein junger Hund und sagte mit piepsiger Stimme:

»Wer da?«

»Ich da«, sagte das Kind. Es grinste, die Frau sah jetzt noch komischer aus mit ihrer bandagierten Nase, die wie ein weißer Tennisball auf ihrem flachen Gesicht klebte und die das Kind vorher gar nicht richtig hatte sehen können, und mit dem Schlauch, der aus dem Tennisball hervorlugte, dort, wo sich vermutlich das Nasenloch befand. Die Frau räusperte sich:

»Wer ist ›ich‹?« Sie ließ einen dümmlichen Blick über die Zimmerdecke, die Wand hinab und dann durch den Raum schweifen, wobei ihr Kopf mit der Bewegung hin und her schaukelte.

»Ich ist ›Raja‹!«

Verblüfftes Schweigen.

»Raja …? Ist das ein Name?«

»Raja ist ein Mädchen, und das Mädchen bin ich!«

»Wie kommt das Mädchen Raja in mein Zimmer?«

»Du bist in meins gekommen!«

Stille. Dann:

»Bin ich …? So … Ich bin Helen.«

»Hallo, Helen!«

»Hallo, Raja! – Raja …?«

»Ja?«

»Was ist das für ein Lärm?«

»Lärm?«

Raja überlegte, sich taub zu stellen, disponierte aber blitzschnell um, da die zweite Lösung doch weitaus mehr Spaß zu bringen versprach. Die Frau stellte ihre Ohren auf, es sah wirklich so aus, die Frau sah wirklich wie ein junger Hund aus.

»Das Kreischen. Hörst du es nicht?«

»Ach, das meinst du, dieses Kreischen«

»Ja, was ist das?«

»Oh, das sind nur die Verrückten von der anderen Seite.«

»Wer?«

»Die Verrückten … die Irren. Die spielen drüben auf dem Balkon ihre Spiele.«

Helen setzte sich mit einem Ruck auf, ihr Gesicht verzog sich in einem jähen Schmerz. Sie lehnte den Kopf gegen die Wand, das Kopfkissen knickte zerbeult unter dem Druck ihrer Ellenbogen in sich zusammen. Sie wendete mühsam den Kopf, bis sie das Kind mit schielenden Augen in ihr Blickfeld bekam. Aus dem Tennisball in ihrem Gesicht pendelte der Schlauch, und das Kind gluckste vor Vergnügen, hielt sich die Hand vor den Mund, und schließlich brach das Lachen aus ihm heraus.

»Du siehst so komisch aus, Helen!«

»Dort, wo ich vorher lag, gab es keine Verrückten. Dort gab es nur …« Doch Helen konnte ihre Ausführungen nicht beenden, denn eine Schwester rauschte herein und sagte emsig ihr ›Na-wie-geht’s-uns-denn-heute?‹ auf.

»Schlecht«, sagte Raja, »wie es Ihnen geht, wissen wir nicht«, Helens helle Lache, »und ehrlich – es interessiert uns auch nicht.« Helens Gesicht zog sich zusammen.

»Da haben wir’s!« intonierte die Schwester. »Sie dürfen noch nicht lachen! Der Doktor hat’s verboten. Außerdem, Sie müssen sich wieder hinlegen!« Man sah ihr die Kränkung an. Und auch die Verantwortung. Sie schüttelte Helens Bettdecke auf, kontrollierte den Schlauch aus ihrer operierten Nase und rauschte ohne ein weiteres Wort wieder hinaus.

»Immer stellen sie die gleiche blöde Frage. ›Wie geht’s uns denn heute?‹ Nur weil wir krank sind, sind wir noch lange keine Idioten«, sagte Raja.

»Sag mal«, Helen tastete mit ihrer linken Hand auf dem Nachttisch herum, »hast du hier nicht ein Päckchen liegen sehen, siehst du es nicht, hat die Schwester es nicht gebracht, oder … oder … hab ich es vielleicht …?«

»Meinst du das hier?« Raja hielt eines der Puzzleteile in die Höhe.

»Ich habe es mir nur ausgeliehen.«

Helen stützte sich auf. Sie wandte den Kopf sehr langsam, mechanisch puppenhaft herum und starrte dem Kind mit einem seltsamen, leeren Blick direkt in die Augen. An ihrem Hals klopfte eine Ader, ihr rechtes Augenlid zuckte wie aus jeder Kontrolle geraten. Plötzlich blitzte aus ihren Pupillen kalter Haß. Um den weißen Tennisball herum lief die Haut dunkelrot an, Stirn und Hals besprenkelten sich mit roten erhabenen Flecken und Flechten. Sie atmete heftig und schnell, und Raja, bemüht, dem feindseligen, unheimlichen Blick auszuweichen, scharrte die Teile des Puzzles zusammen, stopfte sie in den kartonierten Umschlag und reichte ihn der Frau hinüber. Die riß ihr den Umschlag aus der Hand, schüttete den Inhalt über der Bettdecke aus und begann, fiebrig jedes einzelne Teilchen des Puzzles zu befingern. Es sah aus wie eine Spinne, die mit zittrigen Beinchen ihre Beute abtastet, bevor sie sie auszusaugen beginnt.

»Es fehlt nichts«, sagte Raja leise. »Ich habe alles wieder in den Umschlag gesteckt. Du kannst ganz ruhig sein.« Sie ließ den Blick nicht von der Frau. Die schien dem Kind jetzt wie ein wildes Tier, das sich anschickt, seine Beute zu reißen.

Raja hatte ein wenig Angst. Das mußte sie sich eingestehen. Sie hatte Angst vor plötzlichen Geschehnissen, die nicht ihrer eigenen selbstgesetzten Normalität entsprachen. Doch darin hatte sie noch ein sehr kindliches Maß. Schließlich war sie erst neun. Aber sie zügelte ihr Erschrecken und lächelte Helen tapfer und freundschaftlich zu.

»Ich habe wirklich nichts herausgenommen. Ich habe es mir nur angeschaut. Aber es ist langweilig. Es ist ein sehr langweiliges Puzzle.«

»Ich liebe Puzzlespiele. Sie sind mein ein und alles. Sie sind mein Leben«, sagte Helen. Sie lächelte Raja an. Ihre Gesichtsfarbe war wieder normal, Flecken und Flechten verschwunden. Ein seliger Glanz lag in ihren Augen. Raja fand sie trotz des Tennisballs hübsch, obwohl sie schon recht alt sein mußte, mindestens fünfundzwanzig.

»Wie alt bist du, Helen?«

»Fünfundzwanzig. In zwei Monaten werde ich fünfundzwanzig. Und du?«

»Neun«, sagte Raja. Sie konnte sich nicht vorstellen, jemals fünfundzwanzig zu werden. Es lag etwas absolut Bewundernswertes darin, doch keinesfalls Erstrebenswertes. Raja beschloß, mit zwanzig – spätestens – zu sterben. Sie teilte es Helen mit, aber die lächelte nur dieses alte und schrecklich weise Erwachsenenlächeln.

Auf dem gegenüberliegenden Balkon begannen die Irren ihren allabendlichen monotonen Singsang in die beginnende Dunkelheit zu jaulen, die Zimmertür wurde aufgestoßen, und die Wagen mit dem Abendessen rollten herein. Sie aßen schweigend – Helen den Brei für die Frischoperierten, Raja Hühnchen und Reis –, und Helen blickte alle paar Sekunden hoch und ängstlich zu dem offenstehenden Fenster hinüber.

Raja schien sich mit äußerster Konzentration ihrem Essen zu widmen, und dennoch entging ihr nicht die geringste Bewegung, nicht die feinste Muskelzuckung der Frau im Bett nebenan, und sie hob den Kopf wie beiläufig, sah zu Helen, sah zum Fenster und wieder zu Helen, lächelte und sagte dann sehr sanft:

»Mach dir keine Sorgen. Sie sind harmlos. Doch … eigentlich sind sie harmlos. Viel ist noch nicht passiert. Nur manchmal … da kommen sie eben zu uns herüber. Aber sie sind vollkommen harmlos. Glaub mir, Helen, es ist wirklich noch nicht viel passiert dabei.«

Helen mußte ein Klumpen von dem Brei in den Hals gekommen sein, denn sie hustete ganz plötzlich los, prustete, röchelte, keuchte und stöhnte und lief dunkelrot an.

»Ich würde dir gern den Rücken klopfen«, rief Raja, »aber ich darf nicht aufstehen. Die Ärzte haben es verboten.«

»Ist der Balkon denn nicht vergittert?« krächzte Helen zwischen zwei Hustenanfällen.

»Nein«, sagte Raja. »Nicht, daß ich wüßte.«

Offenbar konnte Helen das Gitter von ihrem Bett aus nicht erkennen. Dies war ein weiterer glücklicher Umstand.

 

Nachts träumte Helen: Die Hitze des Sommers. Sie geht durch eine breite, schattige Allee. Plötzlich teilen sich die Baumwipfel über ihr, biegen sich herab und fächern sich auf zu ihren Füßen. Die Glut der Sonne trifft sie wie die Strahlen einer Laserkanone. Die Straße zerbröselt unter ihren Schritten, und die Fußzehen, auf einmal nackt, die Nägel schwarz lackiert, krallen sich wie die Krallen von Greifvögeln in den zerfallenden Teppich der Äste. Sie weiß, um dem unaufhaltsamen Absturz zu entfliehen, muß sie die Straße Steinchen für Steinchen wieder zusammensetzen. Schreiend stürzt sie durch das Gewirr der Äste, die sie nicht länger halten können, in die Tiefe, an gräßlich verzerrten Fratzen vorbei, züngelnden Feuermeeren entgegen.

»Helen! – Helen!«

»Ja … wa … was ist?«

Helen wühlte sich aus einem Chaos von zerfledderten Ästen, berstenden Steinen, Schlamm und Morast hinaus in die blaue geordnete Kühle der Nachtbeleuchtung, ein fiebriger, pulsierender Fötus, im letzten Augenblick der feuerspeienden Schippe des Höllenwärters entsprungen.

»Du hast geschrien, Helen! Du hast ganz laut geschrien!«

»Ich habe geträumt. Es war schrecklich. Einfach schrecklich.«

»Du hast mich geweckt. Ich habe gerade so schön geträumt, aber du hast mich mit deinem Geschrei geweckt.«

»Oh, es war schrecklich! Ganz entsetzlich war es! Immer träume ich so entsetzliche Sachen.«

»Jetzt werde ich nie erfahren, wie der Traum weitergeht. Ich werde nie sein Ende kennen. Erst einmal habe ich nach dem Aufwachen die Fortsetzung eines Traumes geträumt. Aber hätte ich ohne die Unterbrechung dasselbe geträumt? – Niemand weiß es, nicht wahr, Helen?«

»Ich will das Ende meiner Träume gar nicht kennen. Sie sind so furchterregend, daß ihr Ende nur noch eine weitere Katastrophe bedeuten kann.«

»Aber Träume sind die Seele des Menschen. Sie sind sein Spiegel. Das habe ich gelesen. In so einem dicken, alten Buch von meinem Großvater.«

»Blödsinn. Das ist dummer Unfug. Ein altes, verstaubtes Klischee.«