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Deutsche Naturforscher J. R. und Georg Forster auf Weltreise Im Sommer 1772 bricht James Cook zu seiner zweiten Weltumsegelung auf. Mit ihm an Bord der „Resolution“ sind 112 Männer, darunter der Deutsche Johann Reinhold Forster und sein Sohn Georg. Der Auftrag der britischen Krone lautet: Das sagenhafte Südland muss gefunden werden! Man glaubt seit alter Zeit, es soll das Paradies auf Erden sein. Drei Polarsommer lang kämpfen die Männer sich durch Stürme, Eis und Schnee, immer entlang des 60. Breitengrades. Hunger, Skorbut und Todesangst sind ihre ständigen Begleiter. Doch trotz aller Tapferkeit kommen sie nicht ans Ziel. Am Ende haben sie den Globus umrundet, und die Forsters ahnen, dass ihre Beobachtungen und Leistungen nur ein erster Schritt zur wissenschaftlichen Erforschung der Welt sein können. Mit beeindruckender Sicherheit balanciert Michael Pantenius zwischen historischen Fakten und literarischer Phantasie. Sein historischer Roman setzt den Naturforschern Johann Reinhold und Georg Forster ein Denkmal.
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Seitenzahl: 498
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Michael Pantenius, geb. 1938, ursprünglich Buchhändler, dann in verschiedenen Berufen tätig, u. a. Seemann bei der Handelsflotte. Studierte in Leipzig Kulturwissenschaften und wurde in Halle als Historiker promoviert, Werbeund Presseleiter bei Buchverlagen, zehn Jahre Feuilletonchef einer liberalen Tageszeitung in Halle, Cheflektor eines Kinderbuchverlages, Lektor, Redakteur und Fotograf. Zahlreiche Veröffentlichungen, so die historischen Romane „Im Dienste der Zarin“ und „Johanna Elisabeth – Fürstin, Spionin und Geliebte – Das Leben der Mutter Katharinas II.“ sowie Essays, Feuilletons und Reiseführer.
Umschlagabbildung: Cooks Schiffe „Resolution“ und „Adventure“ (Bildmitte) liegen in der Matavai-Bucht von Tahiti im August 1773 vor Anker. William Hodges, View of Maitavie Bay, 1776, Öl auf Leinwand, 1.372 mm × 1.932 mm, National Maritime Museum (Signatur BHC1932); © National Maritime Museum, Greenwich, London, Ministry of Defence Art Collection.
© 2020 Morio Verlag, Heidelberg
www.morio-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten.
Gesamtherstellung: Morio Verlag, Heidelberg
Lektorat: Anett C. Oelschlägel
ISBN 978-3-945424-82-7
Printed in the EU
Inhalt
Das Ende
Der Erste Lord lässt bitten
Am Kai von Plymouth
Das schwankende Zuhause
Kurs Süd
Ein weißer Widerschein am Horizont
Im Neuen Seenland
Seeteufel, Rochen und Medusen
Tayo, der Friedensruf
Die Vergiftung
Fressen und gefressen werden
Weißer Regen
Götzen, Geister oder Götter?
Kindermorde und vergiftete Pfeile
Griechische Göttinnen in der Südsee
Schüsse und brennende Berge
Und noch einmal ins Eis
Ein grauer Holzhaufen
Enttäuschte Hoffnungen
Der Gefangene der Insel
Galltinte und Schwanenfeder
Letzte Ausfahrt
Biografische Notizen
Glossar
Ausgewählte Quellen
Nachbemerkung
Das Ende
Bei Halle, 10. Dezember 1798 Der Hund kam den Hang herunter, umkreiste die Herde, sah seinen Herrn an und forderte, ihm zur Höhe über der Talmulde zu folgen. Mit schweren Schritten ging der Schäfer nordwärts. Dort oben, an einer Stelle, an der das Plateau steil zum Fluss abfiel, an der kaum Gras wuchs und nur wenige Magerpflanzen den Boden bedeckten, lag ein Mensch auf dem Rücken. An einem Tag wie diesem? Noch war kein Frost zu spüren, aber die Sonne stand am hellen Mittag tief, sie wärmte nicht mehr.
Vorsichtig trat der Schäfer näher, kniete nieder und sah dem Liegenden ins Gesicht, in die offenen, starren Augen, die der Regen der letzten Nacht mit Wasser gefüllt hatte. Ich habe den Mann nie hier gesehen, auch nicht unten in den Dörfern, es wird ein Städter sein, der sich verirrt hat, dachte er, sprach ein schlichtes Gebet und bemühte sich, dem Toten die Augen zu schließen. Das gelang so wenig wie der Versuch, ihm die starren Hände über der kalten Brust zu falten.
Was tun?, fragte sich der Schäfer. Die Glocken läuten zum Ende des Gottesdienstes, bald wird es zwölf Uhr sein. Vielleicht kommt mein Sohn aus Mücheln herüber und bringt mir eine Suppe. Wenn nicht, mir ist noch etwas Brot verblieben. Ich muss Nachricht geben. Mühsam erhob er sich, stand eine Weile unsicher da und rieb sein rechtes Bein. Dicht unter dem Knie war anno 1760 bei Torgau eine Kugel durchgefahren. Da hatte er noch Glück gehabt, mehr als sechzehntausend Grenadiere waren auf dem Platz geblieben, er war davongekommen und nun ein Invalide, aber immerhin, man hatte ihn mit diesem Posten hier abgefunden. Mehr konnte er vom Vaterland nicht erwarten.
Ein leichter Wind wehte über den Hang. Das Land sah kahl und trostlos aus. Noch eine halbe Handbreit soll die Sonne wandern, dachte er, dann werde ich hinunter an die Saale gehen, den schmalen Uferpfad nach Döblitz nehmen und dem Pastor meinen Fund anzeigen. Er wird wissen, was zu tun ist.
Pastor Johann Grasemann schaute nachdenklich auf den Toten, den vier Knechte des Gutsherrn auf einer Trage in die Kirche geschafft und auf einen Tisch in der Nähe des Altars gelegt hatten. Nun schauten sie ihren Seelsorger fragend an. „Ja“, flüsterte Grasemann, „ich kenne ihn. Das ist Johann Reinhold Forster aus Halle. Ein berühmter Mann, ich werde mich kümmern.“
Der Erste Lord lässt bitten
London, 1. Juli 1772 Neun Mal schlug Great Bell vom Turm. Ihre harten, dunklen Schläge waren überall in der City of Westminster zu hören und wer gute Ohren hatte, konnte sie selbst am Tower, eine gute Meile flussabwärts noch wahrnehmen. Mit dem letzten Glockenschlag betrat der Butler Henry das große Kabinett im ersten Stockwerk der Admiralität, stellte wortlos eine prächtige Servierplatte und eine kleinere auf den Tisch und zog sich umgehend zurück. John Montagu, der Vierte Earl of Sandwich, wartete bis die Tür ins Schloss fiel, dann griff er zu. Er hob das Kristallglas, das gut gefüllt auf der kleinen Platte stand, hielt es gegen das Licht und betrachtete missmutig seinen Inhalt. So eine trübe Plörre, Sherry mit Wasser, ärgerte er sich, aber er wusste, dass da nichts zu machen war, jedenfalls nicht an diesem Vormittag. Sherry verdünnen!, lautete sein Befehl, und Henry hatte sich danach gerichtet. Selbstverständlich. Dennoch: gepanschter Sherry! Oh mein Gott, dachte er, davor kommt nur die Lästerung des Herrn oder ein Meineid auf die Bibel. Er schüttelte sich angewidert. Sherry mit Wasser! Undiskutabel. Aber leider brauchte er gerade heute einen klaren Kopf. James Cook war für die elfte Stunde einbestellt. Dem wollte er noch einmal sagen, was nun zu tun sei. Für die Flotte. Für Großbritannien. Für den König. Genau in dieser Reihenfolge.
Mit der Linken griff er in den Packen des sehr weißen Brotes, von dem die auf ihn gehäuften Schinkenscheiben nur so herunterhingen, biss in das erste Sandwich und lächelte zufrieden. Er wusste, was die Domestiken in der Küche unten raspelten und höhnten: Der Kerl frisst heute schon zum zweiten Male und dabei ist noch nicht Mittag!
John Montagu störte es nicht, dass man über ihn abfällig redete. Er kannte all die Schmähungen, die über ihn im Umlauf waren. Wozu hatte er seine Zuträger. Sollen die Leute denken und plappern, was sie wollen, sagte er sich, mir ist es so gleich, wie es mich freut, dass meine Leib- und Magenspeise in Westminster, überall in London, am Ende gar in ganz England allgemein nur Sandwich heißt. Niemand spricht mehr von meat and bread, das schaffe mal einer, seinen Namen so etwas Nützlichem, Schönem, ja Unvergleichlichem aufzuprägen.
Freuden dieser Art bewegten den Mann, von dem hinter der Hand umlief, dass er einen unwiderstehlichen Vorzug besaß: Er verstand nichts, aber auch gar nichts von der Seefahrt. Warum sollte er auch. Kaum ein Minister hatte sein Fach erlernt geschweige denn studiert. Auf Fachwissen kommt es bei den hohen Herren nie an. Selbst ein Finanzminister muss nicht rechnen können, es reicht, wenn seine Mitarbeiter und Berater etwas von den Sachen verstehen. Um Sandwich stand es nicht anders, seine Admirale, Kapitäne und deren Mannschaften kannten sich aus in ihrem Metier. Nicht nur irgendwie, sie waren, das durfte man ohne zu übertreiben sagen, die besten der Welt. Britannia beherrschte die Meere. Wenn Lord Montagu von seiner Marine sprach, hatte dies Berechtigung, denn er nahm, wenn man vom König absah, das höchste Amt im Staate ein. Er war der Erste Lord der Admiralität, mithin der Kriegsminister des mächtigsten Landes auf Erden, und wenn man hier vom Krieg sprach, meinte man immer den Krieg zur See. Rule Britannia! Die heimliche Nationalhymne kannte und ehrte jeder Mann der Flotte, sie enthielt sein Glaubensbekenntnis. Rule, Britannia! Britannia rule the waves! Bei diesem Lied lief sogar ihm, der nie auf den Planken eines Schiffes gestanden hatte, dem nie die Gischt einer Sturmsee ins Gesicht gefahren war, ein heiliger Schauer den Rücken hinunter. Leise summte er die Melodie zum patriotischen Text:
Die Nationen, die nicht so gesegnet sind wie du,
werden mit der Zeit Tyrannen anheim fallen;
während du blühen sollst groß und frei,
zu ihrer aller Schrecken und Neid.
Dir gehört die Herrschaft über das Land,
Deine Städte sollen im Glanze des Handels strahlen;
Ganz dein soll sein das Meer als Untertan,
und jedes Gestade dein, das es umschließt.
Den Refrain aber sang er laut:
Rule, Britannia! Britannia rule the waves:
Britons never will be slaves.
Herrsche, Britannia! Britannia beherrsche die Wellen;
Briten werden niemals Sklaven sein!
Der einfache Bürger, die Hafenarbeiter, der kleine Landbesitzer und wer weiß noch wer mochte God Save the King singen, die Seeleute taten das nur, wenn es ihnen befohlen wurde. Sandwich nahm sich ein besonders leckeres Stück von der Servierplatte. Sollen sie den König ruhig an die erste Stelle setzen, freute er sich, meine Matrosen, die Offiziere und Seesoldaten singen selbst im Donner der Bordkanonen Rule, Britannia! Und das werden James Cook und seine Männer auch so halten. Der König? Da gibt es immer mal einen anderen. Charles I. hat das Volk sogar den Kopf vom Rumpf geschlagen und zuweilen gab es sogar eine Königin. Die Royals kommen in unserem Lied gar nicht vor. Was wollen die Seeleute schon vom König. Aber Britannien! Die Welt wird untergehen ohne dieses Land der Länder.
Sandwich teilte seine Überzeugung mit der Mehrzahl der königlichen Untertanen. Zwar ging das Land nicht unter. Noch nicht! Noch wehte seine Flagge, aber so, wie es in letzter Zeit gelaufen war, konnte es nicht weitergehen. Obwohl man die Franzosen jenseits des Atlantiks mörderisch verdroschen hatte, war die Lage in den amerikanischen Kolonien alles andere als rosig. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Siedler, die sich nun Amerikaner nannten, dieser bunte Haufen aus aller Herren Länder, die Rotröcke ernsthaft bedrängte. Wie aber sollte man Männer schlagen, die für ihre ureigenste Sache, für ihre Unabhängigkeit von England kämpften? Von den Indianern gar nicht erst zu reden. Kurz und schlecht, beinahe jedermann konnte absehen, dass sich die Krone bald aus der Neuen Welt zurückziehen musste. König Georgs Befehl war eindeutig: Es ist anderweitig Ersatz zu schaffen. Neue Territorien sind zu erobern. Die Erde bietet dazu Raum genug. Ein Drittel des Globus’ weist noch immer weiße Flecken auf, die größten liegen im Südmeer.
Also das Südmeer! Und wieder James Cook! Sandwich hob sein Glas. Der Kerl hat mehrfach bewiesen, dass er nicht nur ein exzellenter Seemann ist, sondern auch ein begnadeter Kartograf. Ohne seine präzisen Karten hätten wir vor Quebec kaum den entscheidenden Sieg über die Franzosen errungen. Auch in den Jahren nach 1759 hat er sich dutzendfach bewährt, vor allem aber bei der Südseefahrt von 1768 bis 1771. Drei Jahre ist er mit der Endeavour da unten herumgekreuzt und hat dafür gesorgt, dass die mitreisenden Astronomen den Durchgang der Venus vor der Sonne beobachten konnten. Das hat uns vorangebracht, die Flotte navigiert nun sicherer. Vor ein paar Monaten ist er zurückgekommen, zufrieden und unzufrieden in einem. Bei dieser Fahrt ist Alexander Dalrymple als Navigator und Kartograf an Bord gewesen. Dieser Schotte gilt als der glühendste Verfechter der Südlandtheorie und nimmt mir noch immer übel, dass ich nicht ihn, sondern Cook als Leiter der Expedition eingesetzt hatte. Cook und Dalrymple, dachte Sandwich, da ist mir ein Fehler unterlaufen. Das musste ja ein unersprießliches Verhältnis zeitigen. Mit Joseph Banks, der als Botaniker mitgefahren ist, ging es nicht anders. Zwei, in diesem Fall gar drei Hähne taugen nicht auf einem Mist.
Ungeachtet all der Missverständnisse, allen Ärgers wusste Sandwich, nicht nur Cook, auch Dalrymple und Banks besaßen große Verdienste! Sie hatten zusammen Neuholland entdeckt, nicht unbedingt als Erste, es aber als Erste betreten und – das vor allem zählte! – den Union Jack aufgepflanzt und erhebliche Teile der Ostküste des offenbar riesigen Landes in seinen Umrissen kartografiert. Dabei schien endgültig klar geworden, Neuholland war nicht die sagenhafte Terra Australis Incognita, das große Südland, von dem bereits Ptolemäus vor mehr als eintausendsechshundert Jahren gemutmaßt hatte. Bedenklich stimmte, dass aus Neuholland offenbar keine großen Ströme ins Meer mündeten. Das hieß, da drinnen war alles weitgehend trocken, eine wasserarme Gegend, also gab es keine Wälder, keine Weideflächen. Aneignen konnte man sich das Land trotzdem, zu irgendwas würde es schon nütze sein. Vielleicht konnte man Gold und Diamanten finden? Vielleicht handelte es sich um Ophir, das Goldland, von dem das Alte Testament berichtete? Doch wo lag das Südland? Wo? Die Inseln und Archipele, die Cook in dem schier unendlichen Meer nordöstlich von Neuseeland bei seiner ersten großen Fahrt entdeckt hatte, konnten es ebenso wenig sein. Also noch einmal ansetzen. Die Akademiker würden doch nicht so ins Blaue spekuliert haben.
Der Erste Lord war wie viele seiner Zeitgenossen überzeugt: Weiter unten auf der Erdkugel, vielleicht erst hinter dem 60. oder 70. südlichen Breitengrad musste es eine große Landmasse geben, andernfalls befände sich die Erde nicht in der stabilen, berechenbaren Lage, in der sie nun einmal ihre Bahn um die Sonne zog und sich dabei drehte. Bislang stimmten alle ihre Folgerungen. Als Astronomen und Mathematiker verstanden sie ihr Handwerk. Hätte Cook sonst vor zwei Jahren in Tahiti den Durchgang des Planeten Venus vor der Sonnenscheibe, den diese Fachfüchse zuvor errechnet hatten, beobachten und vermessen können? Also die Südlandtheorie … Auf der Nordhalbkugel überwogen eindeutig die Landmassen, es stand 8 : 1. Das konnte aber so nicht sein, denn die Erde eierte nicht auf ihrer Bahn um die Sonne, das hieß: Die Suche nach den ausgleichenden Massen durfte nicht aufgegeben werden, sie musste weitergehen. Noch war ein großer Teil des südlichen Meeres nicht befahren worden, da blieb viel Raum, in den sich dieser Glaube flüchten konnte.
Sandwich war mit Cook beim König gewesen, schon, um sich im Ruhm des großen Seefahrers zu sonnen. Georg III. hörte sich den Vortrag des Kapitäns an. Ob er dabei etwas begriff, wagte der Erste Lord nicht zu entscheiden. Das war ja auch nicht so wichtig, es genügte, dass der Monarch Cook zum Master and Commander ernannte, und das war so gut wie eine Garantie, dass die nächste Expedition nach Süden ausgerüstet werden durfte und dass die Krone erheblich dazu beisteuern würde. Eine neue Unternehmung! Genau deshalb war Cook zum Earl of Sandwich geladen.
Als der Commander mit dem elften Glockenschlag vor ihm erschien und ohne sonderliche Begeisterung die vorgeschriebene Zeremonie absolviert hatte, die linke Hand am Degen und mit dem Hut in der rechten mal eben so den Boden gefegt, begann Sandwich das Gespräch. Sein erster Satz lautete: „Nicht nur Dalrymple, auch Joseph Banks hat endgültig hingeschmissen.“
Diese Nachricht freute Cook. Der Gedanke, dass Banks, dieser Gentleman der Wissenschaften, wie er von der Journaille bezeichnet wurde, dieser blaublütige Botaniker, der ihm mit seinen andauernden Forderungen noch in jüngster Zeit zugesetzt hatte, ihm erneut über Jahre vor und auf der Nase herumtanzen würde, hatte ihn beunruhigt. Und Dalrymple? Nun, der war auch nicht besser. Dennoch gab er zu bedenken: „Zehn Tage vor dem geplanten Auslaufen? Sir, wer macht den Ersatzmann?“
Die Antwort fiel einsilbig aus. „Ihr nehmt statt seiner Forster mit.“
„Forster?“ Cook sah seinen Vorgesetzten fragend an. Der zögerte mit der Antwort, besann sich aber und erklärte kurz und knapp, um wen es sich da handelte. Er sagte fast alles, was er wusste. Fast alles, denn das war sein Prinzip: Jeder Mann muss nur so viel wissen, wie er für die Erledigung seines Auftrags braucht. Also verschwieg er, dass er die treibende Kraft bei dieser Berufung gewesen war und zwar aus einem guten Grund. Banks hatte sich beim König über ihn beschwert. Auch beim Premierminister North. Völlig unmöglich! Wenn dem Ersten Baronet etwas nicht passte, musste er zunächst mit ihm sprechen. Umgehung des Dienstweges! Diese Beleidigung konnte er nicht auf sich sitzen lassen. Nach einigen Überlegungen machte er einen kühnen Schachzug. Vorbei an Banks, der glaubte, dass er unentbehrlich sei, schlug er den Deutschen vor und wusste, das würde ihm, wenn er damit nicht ganz und gar daneben läge, die Sympathie des Königshauses sichern. Gab es etwas Wertvolleres?
Also Forster, sagte Sandwich, Johann Reinhold Forster. So hieße der Mann, der zwar ein Deutscher sei, aber zu Deutsch nun auch nicht, er hätte schottische Wurzeln. Das wäre nicht eben eine Empfehlung, denn wie die Schotten zu England stünden, wisse man ja. Die Deutschen? Denen müsse man halt trauen, schließlich sei König Georg III. auch ein Deutscher und seine Frau Charlotte ebenso. Die Hoheiten stammten allerdings aus drei Fürstentümchen, deren Lage man auf der Karte des Heiligen Römischen Reiches nur schwer finden könne, aber dennoch: Deutscher ginge es wohl kaum. Forster sei nur formal gesehen ein naturalisierter Engländer, im Prinzip aber ein Preuße. Preußen und England seien alte Verbündete und die preußischen Werte, die unter König Friedrich seit eben dreißig Jahren sehr groß geschrieben würden und sich bestens bewährten, fänden sich mit Sicherheit bei ihm. Also Ordnung, Disziplin, Pünktlichkeit, Ehrlichkeit, Fleiß und zwanzig weitere Begriffe, kurz und gut, es wäre so, wie das Glockenspiel der Garnisonskirche in Potsdam alle Tage fordern würde: Üb’ immer Treu und Redlichkeit. Dagegen wäre nichts zu sagen, ganz im Gegenteil, obwohl, er denke schon, dass diese Werte einmal aus der Mode kommen und ganz am Ende zu Schimpfbegriffen niedersinken würden. Aber bis dahin wäre Zeit. Er, in seinem Amte als Erster Lord, beabsichtige nicht, sich das Wenn und Aber der königlichen Räte und der üblichen Bedenkenträger anzuhören. Der Mann würde gemustert und gut.
Cook fragte dennoch nach. „Was kann er denn? Zu was soll ich ihn gebrauchen?“
„Er hat sich den Titel Schiffsphilosoph ausgebeten“, antwortete der Lord.
Cook staunte. Auf den Schiffen der Royal Navy gab es Ränge zuhauf. Schiffsphilosoph? Das hatte er noch nie gehört. Der Erste Lord, in diesem Punkt gebildeter als Cook, erklärte dem Seemann, dass Forster wohl meine, er wolle nicht nur von den alten Gestaden, sondern ebenso von überkommenen Denkgewohnheiten ablegen und in gänzlich unbekannten Weltgegenden ohne sicheren, tausendfach beackerten Boden unter den Füßen auf neue Gedanken kommen. Schließlich würde man in der Terra Australis auf nie gesehene und gehörte Menschen treffen. Forster wolle sie studieren in ihrem ganzen Sein und aus diesem Studium Nützliches ableiten, dies sei kein schlechter Ansatz für die Wissenschaft, denn schließlich sei das vornehmste Studium des Menschen der Mensch. Darüber hinaus wolle Forster auch Tiere, Pflanzen, Mineralien und die sonstigen Verhältnisse beachten, mithin Klima, Wetter und alles ohne jedes Vorurteil betrachten und in seinen Zusammenhängen bedenken. „Der Vorsatz findet meinen Beifall, er stimmt mit unseren Intentionen überein“, bekannte Sandwich und lehnte sich zurück in seinen Sessel.
„Aber etwas ganz Konkretes wird er doch machen wollen, machen müssen. Er wird doch wohl nicht so ins Blaue denken und hie und da mal eine Rosine aufpicken. Was soll ich denn mit einem Denker anfangen?“, erwiderte Cook, denn er wusste, die neue Reise musste sich am Ende rechnen. Sein Rückhalt bei den Mächtigen und ganz besonders bei seinem Gönner Sandwich würde nur so lange währen, wie seine Expedition in überschaubarer Zeit die Schatzkammern des Reiches mit Gold füllte.
„Er kann auch etwas Praktisches“, merkte Sandwich noch an und bildete mit seinen Händen eine Raute. „Immerhin ist er Naturwissenschaftler, Botaniker, auch Geograf, versteht sich ein wenig auf die populäre Medizin, sogar auf Strategie und Taktik, spricht und versteht siebzehn Sprachen und ist schon seit Jahren hier im Lande. Forster hat Vorlesungen am College in Warrington gehalten, wie Ihr wisst sind das Glaubensdissidenten, da sammeln sich allerlei Nonkonformisten, unabhängige Köpfe, Leute bis zum Rand gefüllt mit diffusen Ansichten. Mit denen hat er sich schnell überworfen. Warum? Weil er selbstständig denken kann. Der Rauswurf? Ich denke, er hat das Problem, nicht einfach mal den Mund zu halten, und dass er, wenn er ihn weit aufmacht, den geschliffenen Hofton und die notwendige Heuchelsprache beherrscht, glaube ich auch nicht.“
Cook, der keineswegs beabsichtigte, außer einem tüchtigen Astronomen und einem versierten Arzt schon wieder Gelehrte, also irgendwelche Kräuter- und Käfersammler und Leute, die sich weder ein- noch unterordnen konnten, an Bord zu nehmen, sich Sandwich aber fügen musste, fragte nach, wovon der Mann bislang gelebt hätte.
„Von Übersetzungen und anderen literarischen Notarbeiten“, lautete die Antwort, „und das so schlecht wie recht. Jüngst hat er für mich unbesoldet einige Chargen von Naturalien der Hudsons Bay Company geordnet. Da wollte ich ihn auf die Probe stellen. Arbeiten kann er. Er hat sogar herausgefunden, dass man eine der Wurzeln aus dem großen Haufen gut zum Färben gebrauchen kann. Das ist doch mal etwas Nützliches aus der Wissenschaft. Was seine Loyalität angeht nur ein Hinweis: Forster hat die Reisebeschreibung von Bougainville übersetzt, auf dessen Irrtümer deutlich hingewiesen, also unseren Konkurrenten buchstäblich fertiggemacht. Seine Arbeit lässt die Leistungen unserer Nation in einem noch helleren Licht erstrahlen. Die Critical Review, man kennt die Dauermäkler ja, hat ihn mit Lob überschüttet. Ist das nichts?“ Bei Cook war vor allem das Wort unbesoldet hängen geblieben. Also will dieser Forster jetzt endlich mal Geld machen, dachte er. Na, der wird sich wundern.
Als er die Treppe in der Admiralität hinunterging, murmelte er verdrossen vor sich hin. Da hatte er ja Neuigkeiten erfahren! In der Halle begegnete ihm ein hoch aufgeschossener, bartloser Mann mittleren Alters. Er hielt sich gerade, wirkte nahezu stocksteif. Neben ihm ging ein junger Bursche, der dem Älteren ähnlich sah. Beide waren durchschnittlich gekleidet und wirkten nicht wie Engländer.
Commander Cook trat vor die Tür, warmer Wind strich über die Themse. Schiffsphilosoph … Schiffsphilosoph! Er schüttelte mehrfach heftig den Kopf. Gut, dass er seinen Hut noch in der Rechten hielt.
Am Kai von Plymouth
Wenige Tage später saß auf einem Schemel vor einer Spelunke am Sutton Harbour ein großer hagerer Mann mit mittellangen dunklen Haaren auf dem schmalen Schädel. Erste Falten durchzogen sein Gesicht. Er mochte um die vierzig Jahre alt sein. Die Farbe auf der Stirn und den blank rasierten Wangen hatte Johann Reinhold Forster von seinen Exkursionen mitgebracht, zusätzlich zu den Pflanzen, die nun zwischen saugenden Blättern sorgfältig geordnet und gepresst in seinem Londoner Quartier lagen. Sammeln und ordnen wären nicht nötig gewesen, in England schon gar nicht, denn in der Umgebung von London gab es keine neuen Pflanzen mehr zu entdecken. Auch keine Schmetterlinge und keine Käfer. Die Muscheln am Strand der Themse kannte jedes Kind. Aber er sammelte. Das tat er schon in jungen Jahren. Sammeln war ihm zur zweiten Natur geworden, und er hatte einiges dabei entdeckt. Damit prahlte er nicht, stellte seine Erfolge aber auch nicht unter den Scheffel. Immerhin waren Gelehrte wie Carl von Linné auf ihn aufmerksam geworden, Politiker auch, dass er nun den Ruf erhalten hatte, sich an Cooks nächster Reise zu beteiligen, kam nicht von ungefähr.
Was an Johann Reinhold Forster auffiel, waren seine unverhältnismäßig großen und ausdrucksstarken Augen. Da wurde ein Charakter offenbar. Bereits ein erster Blick verriet, dass sie zu einem jähen Wechsel fähig waren. Er konnte verständnisvoll und gütig schauen, neugierig und abweisend, auch zornig und das im Wechsel weniger Sekunden. Güte und Zorn im Ausdruck waren ungerecht verteilt. Sie verhielten sich gegeneinander etwa wie drei zu sieben Teilen. Beachtlich waren seine Ohren, ziemlich groß, doch immerhin eng anliegend, beachtlicher aber war, was er mit ihnen hören konnte oder wollte. Vieles ließ er an sich vorbeirauschen, erreichte die Blödigkeit, von der er meinte, dass sie eine wäre, diese Ohren und sein Hirn, so fuhr er aus der Haut, brüllte herum, tobte und warf seinem Gegenüber Unflätigkeiten an den Kopf. Kurzum, er besaß einen problematischen Charakter und deshalb kaum Freunde. Das aber glich er aus durch einen Fleiß, der seinesgleichen suchte, wenn er auch dem Jahrhundert der Gelehrsamkeit nicht fremd war. Fleiß und Gewissenhaftigkeit verschafften ihm, wenn schon nicht Freunde, so doch Anerkennung in der Gelehrtenrepublik, die sich feudaler Arroganz und religiöser Engstirnigkeit nur noch notgedrungen unterwarf. Sein Tag maß achtzehn Arbeitsstunden und das bedeutete, dass er zur Winterszeit neun Stunden Kerzen brennen musste. Seinen Augen war das nicht bekommen, aber er weigerte sich, eine Brille zu tragen. Oft blinzelte er, rieb sich die Augen, die schon bei leichten Winden tränten. Bei seiner Sammelwut in Feld und Flur und an den Stränden ein Ärgernis, zumal in England, wo der Wind allgegenwärtig ist.
Johann Reinhold war mit einem einspännigen Karren auf den Kai gefahren, der nicht einer unter vielen war in Plymouth, sondern der größte und bedeutungsvollste. Von hier aus war der Freibeuter Francis Drake zu seinen Kaperfahrten aufgebrochen und aufgrund seiner außerordentlichen Erfolge zum Vizeadmiral befördert und sogar geadelt worden. Seine Weltumsegelung nahm hier 1577 ihren Anfang. Die sagenhafte Terra Australis Incognita hatte er nicht entdeckt, und das war auch gut so, denn nun, mit besserer Ausrüstung und eben erst erfundenen Instrumenten, bestand die reale Chance, sie wirklich zu sehen und zu betreten, die günstigste Gelegenheit, noch größeren Ruhm zu ernten. Ruhm und Anerkennung waren nur das Eine. Natürlich käme Forster beides zupasse. Was ihn aber wirklich trieb, war Wissbegierde. Sein enges Umfeld hatten die Altvorderen schon mehrfach ausgeschritten. Doch nun: Südwärts segeln bis ans Ende der Welt! Cooks Resolution würde sich einreihen in die Phalanx der Schiffe, die hier zu großen und kühnen Taten ausgelaufen waren. Die Mayflower konnte man getrost dazu rechnen. Sie hatte 1620 hier gelegen und geladen, 133 Menschen waren an Bord gegangen, um von diesem Kai für immer abzulegen und die Neue Welt zu besiedeln. Die Männer nannte man wenig später Pilgerväter, leider waren deren Enkel eben dabei, sich gegen das Mutterland zu erheben. Jetzt lag die Resolution an diesem berühmten Kai, und ihre Leinen zerrten an den Eisenringen, die sie hinderten, in See zu gehen. Bald käme sie frei, und er würde dabei sein, bei ihrer großen Fahrt um die Welt! Resolution! Entschlossenheit! Ein Name ganz nach seinem Herzen.
Johann Reinhold sah auf das Schiff, und bei aller Freude kam es ihm erbärmlich klein vor. Das war es auch. Knapp hundertzehn Fuß in der Länge, knapp sechsundachtzig in der Breite, drei nicht sehr hohe Masten und zwei Decks. Dunkles Holz, wohin er sah. Die aschgrauen Segel waren bereits an den Rahen angeschlagen. Diese dickbäuchige Arche soll für Jahre mein Zuhause werden? Arche, das traf’s. Eben wurden ein paar Schweine, mehrere Hunde, Schafe und Ziegen die Gangbretter hochgetrieben, Käfige voller Hühner vor die Geschützpforten gehoben und hineingezerrt. Die Tiere bellten, meckerten, gackerten aufgeregt, und über allem schwebte der Geruch von Pferdemist und frischem Teer. Vom Achterkastell ließ ein Papagei saftige Flüche hören. Johann Reinhold lachte in sich hinein, denn er verstand alles. Viel Worte machte das Tier nicht, aber es schrie jedes lauthals heraus und es war zudem ein wenig polyglott. Scheiße, Suffköppe hallte es über den Kai. Auf Englisch, Französisch und Spanisch. Whoreshit, schimpfte das knallbunte Federviech, und Johann Reinhold verstand auch diese seltene Vokabel. Er sprach fließend Englisch, wenn er es wollte sogar Jargon, denn er war bereits seit sechs Jahren im Land und hatte in dieser Sprache, die er bereits als Zwölfjähriger weitgehend beherrschte, seine Studenten unterrichtet. Er zog die Taschenuhr, klappte sie auf. Endlich! In wenigen Minuten sollte seine Karre entladen werden, auf der sich Kisten und Kasten stapelten. Sie enthielten alles, was er in der Eile der letzten Tage zusammentragen konnte: Papier, Papier. Papier in allen Formaten, dazu Hunderte Federn, Behälter voller farbiger Tinten, Streusand, Aquarellfarben, und – das war besonders wichtig – englische Bleistifte, in Holz gebettete Graphitstäbe, die selbst unter den widrigsten Umständen funktionierten. Viele Seiten würde er beschreiben, zwischen dem gröberen Papier sollten noch unbekannte Pflanzen getrocknet und gepresst werden. Große Gläser, kleine Gläser, Röhrchen, Korken jeden Formats, Kästchen, um all die Insekten aufzunehmen, die er auf dem zu entdeckenden neuen Kontinent sehen, fangen und genauestens untersuchen und klassifizieren wollte. Dünne Netze, Fässchen voll Alaun, Arsenik und Tabakstaub zum Präparieren unbekannter Tiere. Bretterbündel, die sich zu Kisten zusammensetzen ließen. In denen sollten, wenn man denn dazu kommen würde, Gegenstände verstaut werden, die sie von den Wilden auf den Südseeinseln, die man ja anlaufen musste, wenn in der Nähe des südlichen Pols Winter herrschte, im Tausch gegen allerhand Krimskrams erhalten würden. Cook, der es wissen musste, hatte ihm empfohlen eiserne Nägel und kleinere Messer, eventuell auch ein paar schlichte Beile mitzunehmen. Er hatte diesen Rat befolgt. Weitere Truhen enthielten Bücher, Messgeräte, ein Mikroskop, in einem mittelgroßen Kasten lag seine Pistole nebst der dazu notwendigen Munition, auch ein ausziehbares Fernrohr, Präparationsbestecke, Werkzeuge und etwas Zinngeschirr. Messer, Gabel und Löffel konnte er am Gürtel tragen oder in die Stiefel stecken, wenn er sie nicht einfach an eine Wand hängte. Alle Kleider, die er besaß, steckten in einem Sack, er hatte sie hineingestopft, wie sie ihm eben in die Hände fielen. Hosen, Hemden, ein paar Strümpfe, drei Lagen Leinen, Nadel, Faden – aus. Putz und Tand und Firlefanz? Das war was für Frauenzimmer. Nein, es gab Wichtigeres. Ob alle diese Sachen reichen werden, uns über die Jahre zu tragen? Da gab es nichts zu überlegen. Es musste reichen. Und wenn er etwas vergessen hatte? Auf See war es zu spät. Was sich nicht an Bord befand, ließ sich nicht mehr beschaffen in den Jahren, die nun vor ihnen lagen. Seine Kammer, die er gestern zum ersten Male betreten durfte, maß dreieinhalb mittlere Schritte im Geviert. Das sagte alles. Plötzlich krachte und schepperte es vernehmlich. Johann Reinhold fuhr von seinem Schemel hoch. Er stürmte zur Karre, brüllte, schlug dem Fuhrknecht seine Rechte ins Gesicht und trommelte mit den Fäusten auf den Rücken des sich ängstlich Duckenden. Der Mann hatte eine Kiste hart aufgesetzt. Wahrscheinlich war dabei einiges zu Bruch gegangen. Von hinten trat Georg an seinen Vater heran, legte einen Arm um seine Schultern und sagte – nichts. Der Wütende hielt ein und beruhigte sich. Sein Sohn hatte ihn schon oftmals wieder auf den Boden geholt. Auch diesmal tat seine ruhige und ausgleichende Art ihre Wirkung. Ganz sachte klopfte Georg auf die rechte Tasche im Wams seines Vaters. Da steckte der Horaz, ohne diese Sammlung der Oden und Sentenzen des alten Römers ging Johann Reinhold seit vielen Jahren nicht aus dem Haus. Das Büchlein sah noch immer ziemlich neu aus, denn sein Besitzer las nur selten in ihm. Er konnte jede Zeile auswendig und so besaß er, was ihn und seinen Charakter betraf, wenig Hoffnung. Quintus Horatius Flaccus, eben dieser Horaz, sagte: Den Himmelsstrich, nicht ihr Innerstes wechseln, die das Meer überschiffen. Georg schaute auf den Vater. Er liebte, er verehrte ihn. Alles, was er konnte und wusste, verdankte er ihm. Er war ihm ähnlich in vielen Dingen. Seinen problematischen Charakter habe ich zum Glück nicht geerbt, dachte er, da komme ich wohl nach der Mutter. Die ist stets milde gestimmt, schimpft selten, und brüllen habe ich sie noch nie gehört. Wie anders hätte sie auch sonst mit meinem Vater leben können. Mein mütterliches und mein väterliches Erbe … verstecken darf ich mich nicht, weder hinter diesem noch jenem, ich muss ich selbst sein, und das werde ich.
James Cook warf eine Plane über den Käfig des Papageien, lehnte sich auf das Schanzkleid der Kampanje über seinem Quartier und ging gemessen auf und ab. Von seiner Höhe aus konnte er alles überschauen, das Deck unter ihm, die tiefere Kuhl zwischen dem Haupt- und dem Fockmast, die höhere Back am Bug und alles verfolgen, was sich auf seinem Schiff tat. Oder eben nicht. Er rief Leutnant Clerke etwas zu, dann bedeutete er dem Zweiten Segelmeister mit einer Armbewegung, was zu erledigen sei. Nötig war das nicht. Beide Männer kannte er seit seiner ersten Südseereise, denen musste er kaum sagen, was zu tun war. Aber dieser Johann Reinhold Forster? Der war vor drei Tagen zum ersten Male bei ihm gewesen. Nach der Begegnung im Vorübergehen auf Sandwichs Treppe, hatte er eine kurze Besprechung anberaumt, zu der auch alle anderen Gelehrten erschienen waren. Klug war er aus dem Deutschen nicht geworden. Zwar wusste er, was dieser bartlose Akademiker bislang getan hatte, konnte ihn aber nicht einordnen. Er sollte unter anderem im Auftrag der russischen Zarin das Land an der tiefen Wolga bereist, die dorthin geworbenen deutschen Kolonisten besucht und daraufhin ein Gesetz für die Feldpolizei vorgeschlagen haben. Gesetze für die Steppe? Zu was sollte das gut sein? Andererseits, Arbeit für und mit den Kolonisten war sicher nötig. Auch wenn er nichts Genaueres wusste, so viel aber doch: Da unten, an der Grenze zu Asien, wurde Neuland betreten und Ordnung geschaffen, wo bislang keine war. Genau das stand ihnen ja bevor. Auf dem Südkontinent würden zwar Menschen eigener Art leben, doch für die neuen Untertanen der Krone würde wie für alle Britannia rule the waves gelten. Da sei Gott vor.
Auf dem Kai schoben die Matrosen Wache, und vor der Gangway standen sie wie scharfe Kettenhunde. Das empfahl sich. Keine Frage. Man war nicht irgendwo, sondern in Plymouth. Von den paar Bettlern und der Handvoll stumpfer Gaffer, die sich hier herumtrieben und Kautabak aufs Pflaster spuckten, ging keine Gefahr aus, auch nicht von den übernächtigten Huren, die da flanierten. Aber in Plymouth war Francis Drake Bürgermeister gewesen, Drake, der berühmt-berüchtigte Pirat der Krone. Der Kerl war zwar schon lange tot und zur Sicherheit hatte man seinen Leichnam mit einer schweren Ritterrüstung bekleidet und in einem Bleisarg gepackt tief in der See versenkt. Ob sich die Bürger an Drake ein Beispiel genommen hatten und noch immer nicht Dein und Mein unterscheiden konnten? Darauf musste man es ja nicht ankommen lassen. Also Umsicht vorn und achtern, dazu wachsame Augen auf der Wasserseite.
Ein Matrose hisste den Union Jack am Stock hinter dem Achterkastell. Johann Reinhold sah, dass diese Hafen- und Paradeflagge größer als sein Logis war, vom Verschlag, der Georgs Reich sein sollte, nicht zu reden. Platznot allenthalben, dachte er, aber: Dass ich meinen Sohn mitnehme, war meine unabdingbare Forderung, sonst hätte ich mich verweigert. Wir sind unzertrennlich. Ich habe ihn ab seinem dritten Lebensjahr selbst unterrichtet. Andere Lehrer kennt er nicht. Bereits jetzt, eben siebzehn Jahre alt, ist er den meisten Menschen überlegen. Sein Potenzial ist ungeheuerlich. Er wird noch von sich reden machen.
Das schwankende Zuhause
Nordatlantik, 14. Juli 1772 Die erste Nacht auf See. Johann Reinhold träumte seit langer Zeit wieder einmal. In den folgenden Nächten schlief er dumpf und fest, aber diese erste Nacht machte ihm noch einige Zeit zu schaffen. Da war ihm wirres Zeug aus seiner verflossenen Lebenszeit vollkommen ungeordnet durch Kopf, Herz und Gemüt geflogen. Er überlegte, woran das gelegen haben mochte. Weil ich in meinen Kleidern schlief und nur die Stiefel in die Ecke geworfen habe? Das kann es ja wohl nicht sein. Zu Hause habe ich mich auch hin und wieder so ins Bett gelegt, wie ich vom Schreibtisch aufgestanden war. Schlafrock? Ich bin kein Spießer. Hier habe ich keinen Schlafrock und schon gar keinen Schreibtisch. Und so eine Spielerei wie Georg? Was will ich mit einem solchen Möbelchen, einem Mahagony-Boureaux. Aber er wollte das Ding unbedingt mitnehmen. Sei’s drum. Jeder ist auf andere Art merkwürdig. Wenn ich was notieren will, mache ich das aus der freien Hand oder lege mein Oktavbuch auf eine Kiste. In der Großen Messe geht das nicht, da sitzen immer viele um die Tafel. James Cook, Joseph Gilbert, der selten den Mund aufmacht, und Isaac Smith, die beide Master sind, dann die vier Offiziere, Robert Cooper, der den Ersten gibt, das aber nicht herauskehrt, ihm folgen die Leutnante Richard Pickersgill, der lange hagere Charles Clerke und John Edgecumbe. Dazu kommt James Patton, der den Chirurgen, vornehmlich aber nur den Wundarzt abgeben soll. Ein richtiger Arzt ist der kleine untersetzte Mann nicht. Ihm wurde eingeschärft, keineswegs Experimente mit den Kranken anzustellen, die es bei der Reise zweifelsfrei geben wird, sich also nicht einzumischen, wenn er nicht dazu gebeten würde. Das gilt auch für William Anderson, den jungen Kandidaten der Medizin, der Patton unterstützen soll. Ferner sind da noch der Maler William Hodges und der schafsköpfig ausschauende Astronom William Wales.
Mehr als zwölf Männer passten nicht an die Tafel, man trat sich so schon dauernd auf die Füße. Frauen? Die gab es nicht an Bord. Alles, was nicht über die Schanz pinkeln kann, gehört nicht auf ein Schiff. Das hatte Cook beiläufig gesagt und eine Wahrheit ausgesprochen, die man nicht begründen musste. Ein Weib oder gar mehrere Weiber an Bord? Unter 112 Männern? Ein Unding. Da waren Zank und Streit, wenn nicht am Ende sogar Mord und Totschlag abzusehen. Zu was sollten Frauen hier nützlich sein? Fleisch garen? Die Hühner schlachten, wenn die nicht mehr legten, Wäsche waschen? Das konnte jeder Mann ebenso gut. Auf Frauen, gar auf zarte Nerven Rücksicht nehmen? Das fehlte noch. Und das, was jeder Mann von einer Frau erwartete? Da müssten die Kerle halt ihre Triebe im Zaum halten, er musste das ja auch. Außerdem, sie würden das Südland entdecken und wenn sie es nicht auf der Stelle finden würden, südlich des 60. Breitengrades, so mussten sie ja doch ab und an in nördlichere Gefilde. Am besten nach Tahiti. Das war so angewiesen von der Admiralität: Im Winter ist die Polarregion zu verlassen. An ihrer statt müssen die bereits entdeckten Inseln im Südmeer nördlich des Wendekreises genauer untersucht, gründlicher vermessen und kartografiert werden, neue sind zu entdecken, die Natur ist weiter zu erforschen.
Er kannte bereits manche der Inseln um den 20. Breitengrad unter dem Äquator, und recht genau Tahiti. Da würde man in allem, was man sich wünschte, schon auf seine Kosten kommen. Dort waren die Frauen schöner als in England. Das stand schon mal fest. Und ihre größte Tugend konnte man nur rühmen – sie forderten nichts, gar nichts für ihre Freundlichkeit und die Beweise ihrer Gunst.
Johann Reinhold lag in seiner Koje und versuchte zu schlafen. Noch wollte ihm das nicht recht gelingen, denn sie war unbequem, zu eng, um sich zu drehen ohne aufzuwachen. Er würde sich gewöhnen müssen. Eine andere Lösung gab es nicht. Hier musste er sich einfügen und, er ahnte es, auch unterordnen. Letzteres schien ihm das Schwerste, denn er kannte sich nur zu genau. Zwischen Traumschleiern war ihm der Rote Turm in Halle an der Saale erschienen. Im Schatten der mächtigen Stadtkirche hatte er studiert. Theologie, ein wenig Medizin, Chronologie, Antike Geographie, sich für Botanik interessiert und dies und das. Dann sah er die elende Pfarre in Nassenhuben bei Danzig vor sich, an der er volle elf Jahre verbringen musste mit Frommtun und Arbeiten unter seinem Interesse. Den Dienst als Seelsorger hatte er gleichgültig verrichtet. Broterwerb. Nachmittags mit seinem Erstgeborenen ein wenig botanisieren. Nachts über Büchern sitzen und alte und neuere Sprachen studieren … Billiger Rotwein. Die Gemeinde war unzufrieden, denn es war mehr als einmal vorgekommen, dass er, während sie sang, schlief und schnarchte.
Morgengrauen. Leise schwappte die See an die Planken. Johann Reinhold lag auf seinem Strohsack. Schlechte Luft unter Deck. Egal. Alles war ihm im Traum durcheinandergegangen. Dem Ruf nach Russland war er mit Freuden gefolgt. Sankt Petersburg, Moskau und Saratow, dann ein Städtchen in den norwegischen Schären, in dem er auf der Fahrt nach England einen Monat zubringen musste. Er hatte von allem und jedem blitzlichtgewitterig geträumt, nur nicht von seiner Frau und den in London zurückgelassenen Kindern. Warum? Weil er sich schämte? Nein, das tat er nicht. Sie waren versorgt, glaubte er fürs Erste und verdrängte die Gedanken rasch. Wenn Elisabeth das Geld nicht richtig einteilen konnte, war das ihre Sache. Aber sie konnte es auf jeden Fall weit besser als er selbst. Ihm zerrann immer alles unter den Händen. Zum wichtigsten Hebel bürgerlichen Seins, zum Geld, unterhielt er nur eine lockere, kaum durchdachte Beziehung. Die aktuellen Münzen interessierten ihn nur am Rande. Sie hatten da zu sein und basta. Wozu sie aufheben. Vorsorge? Ach was. Die uralten tatarischen Münzen verdienten mehr Aufmerksamkeit. Prägungen dieser Art hatte er in Russland gesammelt und sie in London glücklich verkauft. Das war leider nötig, denn Graf Orlow, der Chef der kaiserlichen Kanzlei für Ausländer, wollte ihn für seine Arbeit nicht entlohnen, weil er, der brave Theologe aus Nassenhuben, in seinen Mitteilungen zu freimütig gewesen war, Willkür, Misswirtschaft und Korruption deutlich benannt und so den Zorn des Wojewoden von Saratow auf sich gezogen hatte. Orlow hielt ihn hin. Geld? Statt der geforderten 2.000 Rubel allenfalls 1.000. War er denn ein Bettler? Einen Posten an der Akademie? Bei der Kolonialverwaltung? Sawtra Budjet – warten wir das mal ab, es wird schon werden, irgendwie … vielleicht. Abwarten? Wie denn? Er brauchte Geld, denn die Familie musste essen, wohnen … also stimmte er dem letzten Angebot zu: 1.000 Rubel. Doch er forderte, um, wie er meinte, seine Würde zu bewahren, eine Kopeke obendrauf. Orlow hatte ihn grimmig angesehen und dann ausgelacht. Da war er aus Russland fortgegangen, aus verletztem Stolz. Zurück nach Danzig … Dort legte man auf ihn keinen Wert mehr. Geld! Dieser verdammte Hebel allen Seins! Er verkaufte seine mühsam zusammengetragene Bibliothek – 1.200 Bände, Landkarten, wertvollste Publikationen – nahm den zehnjährigen Georg, der ihm trotz seiner jungen Jahre schon in Russland ein scharfsichtiger Gehilfe gewesen war, bei der Hand und machte sich auf den Weg nach England. Irgendwann würde er die Familie nachholen. Irgendwann.
Noch vor Sonnenaufgang stand der alte Forster am Schanzkleid, und ein paar Bilder vom Auslaufen aus Plymouth zogen an ihm vorüber, obwohl es da nichts weiter zu erinnern gab. Lord Sandwich hatte es nicht für nötig gehalten, die Schiffe noch einmal zu besichtigten, geschweige denn bei ihrem Auslaufen zu erscheinen. Auf dem Kai lehnten ein paar Leute an den Kisten, die da herumstanden, ein Zeremoniell war nicht vorgesehen. Staatszelebritäten? Nein, da hätten die Agenten der Franzosen, die ja überall herumschnüffelten, Wind bekommen und sich ihren Vers gemacht. Dass keine Kapelle lärmte, hatte Cook gefreut. Er hielt nichts von Gepauke, Gepfeife und Dudelei. Musik? Da liebte er nur die der See: das Rauschen der Brandung und vor allem die Melodie, die der Wind im Rigg aufspielte. Wenn der Sturm die straff durchgeholten Seile und Drähte zum Klingen brachte, wenn Hagelschauer auf das Deck trommelten, Brecher das Vorderkastell unter sich begruben und donnernd nach achtern rollten, wenn das Wasser durch die Speigatten gurgelnd zurück in die See stürzte, dann konnte er mitsummen. Das und nur das war Musik in seinen Ohren. Und Abschiedsreden? Die wurden ebenso wenig gehalten. Auch gut. Das fehlte noch. Wozu sich eine Mauldrescherei, Wortgepränge, kurz gesagt Pfaffengewäsch und Politikergeschwätz anhören? Cook wusste, warum niemand erschienen war, es ging nicht nur um Geheimhaltung. Der Kai und die Gesellschaft der Seeleute waren nichts für Hofschranzen, die spöttischen Blicke der old salts hielten sie schon gar nicht aus.
Und die Familien der Matrosen und Soldaten? Kaum einer besaß eine. Ein paar Dirnen, mit denen die Matrosen und Seesoldaten die letzte Nacht noch einmal zum Tag gemacht hatten, winkten aus den Fenstern der Spelunken. Mach’s gut, merry old England – dich werden wir so bald nicht wiedersehen, falls wir überhaupt zurückkommen. Und wenn nicht? So lustig war es ja, sah man aufs Ganze, auch nicht gewesen auf dieser lausigen Insel.
Der Abschied war den meisten leicht gefallen. Und Georg auch. Was ihn wie alle Expeditionsteilnehmer aber beeindruckt hatte, war der Gesang der Männer! Kaum lagen die Festmacherleinen auf Deck, donnerte eine Breitseite aus den Kanonen im Mitteldeck seewärts und dann hob es an: Rule Britannia! Britannia rule the wave! Commander Cook hatte auf der Kampanje gestanden, seine lange kräftige Nase vielleicht etwas zu hoch erhoben, die Hand an den Hut gelegt und mitgesungen. Das war nun acht Tage her, aber wenn er daran dachte, lief ihm noch immer ein Schauer den Rücken hinab.
Sonnenaufgang. Raise, Raise! Hoch mit den Ärschen! Die beiden Forsters standen in der Kuhl zwischen dem Fockund dem Hauptmast, ließen eine Schlagpütz in die See fallen, gossen sich ihren Inhalt wechselseitig über die Köpfe und kletterten dann in den Ausguck über der höchsten Rah. Von hier oben konnte man achteraus sehen. Etwa zwei Meilen hinter ihnen segelte die Adventure als Begleitschiff südwärts. Cook ließ sie aufkommen, bis die Flaggenzeichen lesbar wurden. Tobias Furneaux, der Kapitän, war seit vergangenem Jahr ebenfalls Commander, aber ihm dennoch unterstellt. Der Hugenottenabkömmling war als Second Lieutenant mit Samuel Wallis um die Welt gesegelt, hatte mit ihm Tahiti entdeckt, und war, obwohl acht Jahre jünger als Cook, ihm als Seemann ebenbürtig und in der Lage, ihn im Fall der Fälle zu ersetzen, auf jeden Fall selbstständig zu entscheiden und zu handeln. Seine Schaluppe Adventure war geringfügig kleiner als die Resolution, wie sie bewaffnet, segeltüchtig und auf ihr herrschte die gleiche gute Ordnung wie auf dem Flaggschiff der Expedition. Die Abenteuer folgte der Entschlossenheit!
Vater und Sohn schauten nordwärts, da lief die Sloop dahin. Die Sloop! Das hieß: ein kampffähiger Verband der britischen Marine. Zwei solide Schiffe, zwar nur vom sechsten Rang und beide eine merkwürdige Mischung von Kauffahrteischiff und Kanonenboot, aber: Zusammen 224 Mann, 36 Geschütze, voll aufgetakelt, turmhohe Segel an schlanken Masten – ihnen konnte sich keiner in den Weg stellen. Die Holländer, die Franzosen, die Spanier, eventuell die Portugiesen … Mancher von denen würde das wohl wollen, aber nicht wagen. Zurzeit herrschte in Europa Frieden, doch der war im Grunde nur ein Waffenstillstand und jeder wusste, lange konnte es kaum dauern und der Kampf um neue Kolonien würde wieder ausbrechen.
Es glaste sechs Mal. Sieben Uhr a. m. Breakfast! Als die Forsters die Große Messe betraten, saß Cook schon an der Tafel, die trug ihren Namen zu Recht. Es handelte sich lediglich um vier starke Bohlen, die eng aneinandergefügt auf breiten Böcken lagen, man konnte sie jederzeit aufheben und beiseite tragen, oder, das war noch praktischer, kraft der Tampen an ihren vier Ecken unter die niedrige Decke heißen. In ihrer Mitte, in der Kuhle, stand der Topf mit der Mehlsuppe. Die gab es jeden Morgen, ausnahmslos für alle, denn darauf hatte Cook geachtet: Keine Sonderverpflegung für das Achterdeck, andernfalls würde schnell etwas einreißen, was unter dem Vorderdeck bei den Matrosen, Maten und Seekadetten, auch im Geschützdeck bei den Soldaten zum Murren und – das war schließlich schon vorgekommen – zu Meuterei und Aufstand führen konnte.
Cook aß schweigend, dann legte er den Löffel weg und schaute sich in der Runde um. Er sah sich in der Minderheit. Ihn eingerechnet gab es hier nur vier britische Seeoffiziere, der Rest war mehr oder weniger gelehrtes Volk. Experimentel Gentlemen. Der merkwürdige Name stammte von Sir Banks. Gentlemen! Gently? Grimmig verzog er sein Gesicht. Die und liebenswürdig? Da hatte er seine Erfahrungen. Solche Leute fehlten ihm gerade. Schwafelten Latein. Davon verstand er nichts. Ärger stieg in ihm auf und wuchs von Minute zu Minute. Er hieb mit der flachen Hand auf den Tisch, dass die Zinnschüsseln leise klapperten. Laut sprach er das erste Verbot auf dieser Reise aus. „Hier ist England!“, sagte er, und als die anderen am Tisch einander verständnislos anblickten, ergänzte er direkt, und seine Stimme klirrte leicht: „Hier wird nicht angeordnet, hier wird befohlen! Und zwar durch mich! Hier wird Englisch gesprochen!“ Es reichte ihm, dass Edegumbe eben etwas vor sich hingenuschelt hatte, was ihm wallisisch klang. So weit käme es noch, fehlte nur, dass man an Bord auch Jiddisch, Französisch, Portugiesisch und so weiter zuließe.
Natürlich, dachte Georg, der Commander hat Recht, was er verlangte, war doch eine Selbstverständlichkeit. Was denken wir uns denn, wenn wir uns auf Französisch und Latein spreizen! Er war der Einzige, der ohne Unterton Aye, aye, Sir sagte, und Cook lächelte ihm zu. Sein Lächeln fiel ein wenig schief aus, das lag daran, dass ihm zwei Vorderzähne fehlten, die hatte ihm vor Jahren ein in Lee schlagender Block zertrümmert. Da war er noch Matrose gewesen. Ein Mitshipman glaubte, wenn die Talje Steuerbord am Marssegel des Hauptmastes auf Radau steht, muss ich windabgewandt nichts festsetzen. Der Glaube hätte Cook das Leben kosten können. So hatte er nur ein paar Stunden bewusstlos auf einer aufgeschossenen Trosse gelegen, und der Offiziersanwärter war mit einer vorläufigen Degradierung davongekommen. Dieser Georg Forster war so alt wie er damals. Siebzehn Jahre, was für eine Unschuld! Was für ein offenes Gesicht, in Gänze glatt wie eine Mädchenstirn und umrahmt von schulterlangem blondem Haar, welch ein Gemüt.
Nur selten dachte Cook daran, dass er verheiratet war und drei Söhne besaß. Aber wann sah er sie schon mal? Von Elizabeth hieß es, sie sei eine selbstlose Frau und gut zu den Kindern, von denen sie behauptete, dass sie zu großen Hoffnungen berechtigten. Ja und? Was würde eine Mutter denn sonst über ihre Söhne sagen? Eine Ehe führen, wie es sich gehörte? Wie denn? Er war Seemann mit Herz und Seele. Seit Jahren fuhr er über die Weltmeere. Frau und Kinder? Ja, aber von seinen Jungs waren zwei bereits gestorben, doch Elizabeth war wieder schwanger … Andere Nachkommen? Das wäre möglich. Nur wie alt sie mittlerweile waren, wo sie lebten und von was, das wäre die Frage, die er sich jedoch nie stellte. Er selbst war erst mit achtzehn Jahren zur See gegangen, davongelaufen vor der Fuchtel seines Vaters, eines schlichten Tagelöhners, der ihn zwingen wollte, aufzusteigen aus seiner Klasse und Gemischtwarenhändler zu werden. Das Brot kommt nicht von allein, betonte er beinahe alle Tage. Man muss es sich verdienen. Das stimmte. Aber doch nicht so! Als Krämer und Farthingfuchser in einer Kleinstadt herumsitzen? Bis an das Ende aller Tage? Nie und nimmer! Seine Flucht hatte er nie bereut, jetzt lebte er schon vierundvierzig Jahre, sechsundzwanzig davon fast ohne Unterlass unter dem Himmel des Herrn auf See – mein Gott!
Für dieses entbehrungsreiche, oftmals auch wüste Leben sah Cook noch gut aus. Sechs Fuß und ein Inch groß überragte er jeden Mann der Besatzung, war schlank und kräftig, anscheinend unverbraucht und beweglich, obwohl seine rechte Hand beschädigt war. Vor Jahren hatte ihn ein explodierendes Pulverhorn so zugerichtet. Nun trug er ständig einen dünnen, weichen Handschuh, um den Mangel zu verdecken. Das war auch schon die einzige Eitelkeit, die man an ihm bemerken konnte. Er sprach nicht viel und bemühte sich, seinem Gesicht einen gleichmütigen Ausdruck zu geben. Oft gelang ihm das nicht, der Maler Hodges hatte ihn, kaum dass er an Bord gekommen war, porträtiert. Auf der Zeichnung sah er bärbeißig aus, und als Hodges sie kolorierte war das Bild in dunklen Farben gehalten. Dicke Nase, kleine Augen. Finsterer, ja sogar störrischer Blick. Wie eine Bulldogge der Königin, wie ein gewöhnlicher Kohlentrimmer. Soll das eine Anspielung sein?, argwöhnte Cook. Ja, er war auf Kohlenschiffen gefahren. Da hatte er sein Handwerk gelernt, sich später alles, was ihn zum Leiter der Expeditionen empfahl, selbst angeeignet. Mathematik, Navigation, Astronomie, Kartografie … Dem Hodges würde er bei kommender Gelegenheit Bescheid stoßen.
Wortlos ging Cook in den großen Raum unmittelbar hinter seiner schmalen Kajüte an Steuerbord. Er nahm fast die volle Breite des Schiffes ein. Hier war es – wenigstens am Tage – hell. Das Licht fiel durch sechs verglaste Fenster im Heck, die immerhin je drei mal zwei Fuß maßen. Ansonsten gab es solchen Luxus nirgends auf dem Schiff. Den großen hellen Raum brauchte er auch, um Seekarten auszubreiten und überhaupt: Er war der Master and Commander! Hatten die Gelehrten nicht merkwürdig auf ihn gesehen? Das fehlte noch, seine Autorität im Leisesten in Zweifel zu ziehen. In ihren Universitäten mochten sie schwadronieren, disputieren, einander ihre Meinungen streitig machen. Da konnten sie Parteiungen, ja Parteien bilden, denn das blieb ja nicht aus, wenn man dieser Art Mensch die Zügel schießen ließ. Parteiungen! Parteien an Bord! Ekelhaft, das Allerletzte, was sich denken ließ! Zehn Männer, zehn Meinungen! Landratten, verdammte. Er hatte keine Meinungen, sondern feste Überzeugungen und die fußten auf Erfahrungen, die von ihm mühsam und hart gesammelt worden waren. Hier galt sein Wort, hier wurde auch nicht alles und jedes erklärt und langatmig ventiliert. Kurzum: Hier gab es gar nichts zu diskutieren. Und wenn denen das nicht passte? Ja, was dann? Auspeitschen mit der neunschwänzigen Katze, nicht unter zwölf Hieben. Im Notfall, bei Befehlsverweigerung, erschießen oder an die Fockrah knüpfen und dann ab zu den Fischen. Ohne Fahne! Ohne Ehrensalve! Alles war schon vorgekommen.
Cook war, ganz im Sinne Machiavellis, dessen bereits zwei Jahrhunderte alten Ratschläge an Herrscher er wahrscheinlich nie gelesen hatte, gerecht, aber streng gegen sein Schiffsvolk, strenger gegen jeden Opponenten am allerstrengsten aber gegen sich selbst. Auch in seiner Kajüte hatten die Zimmerleute, wie überall auf dem Schiff, die Bretter nur flüchtig mit der Axt geglättet und ziemlich kunstlos zugehauen. Das zu monieren, wäre ihm nie eingefallen.
Es war nicht viel Zeit gewesen für den Bau der Resolution. Von Planmäßigkeit konnte kaum die Rede sein. Das fing schon bei der Namensgebung an. Als man sie vor knapp zwei Jahren vom Stapel laufen ließ, Cook segelte da noch mit der Endeavour im Südmeer, wurde sie auf den Namen Marquis of Granby getauft. Vermutlich weil die Witwe des Generals John Manners, also des Marquess of Granby, der sich im Siebenjährigen Krieg gegen Frankreich mehrfach auszeichnen konnte, Geld für den Bau gegeben hatte. Aber nun deckte die Frau der Rasen und es gab keinen Grund das neue Expeditionsschiff nach ihr zu benennen. Außerdem warben bereits zwei Londoner Pubs mit ihrem Namen. Humor haben wir wenigstens, dachte Cook und fragte sich: Warum trägt ein Schiff eigentlich einen Namen am Bug? Die Galionsfigur tut’s allemal. Obwohl da meist ein halbnacktes Weib grimmig auf die See starrt, ist jede verschieden und bunt angemalt. Diese hat riesige Titten, jene so gut wie keine, eine lächelt hold, die andere schaut aus wie der Scharfrichter von London. Es gibt immer Merkmale, an denen man erkennen kann, was für einen Pott man vor sich hat. Ich habe mir beides verbeten. Mein Schiff trägt seinen Namen weder am Heck noch am Bug. Und eine Galionsfigur? An unseren Taten sollt ihr uns erkennen. Und an unserer Fahne.
Als das Schiff zu Wasser kam, ausgerüstet und nach den Plänen des jungen, stinkend reichen Joseph Banks noch einmal umgebaut wurde, hieß es auf einmal Drake. Der adlige Kräutersammler plante, siebzehn Leute mitzunehmen, darunter zwei Musikanten zu seiner Belustigung, und er wollte zudem komfortabel untergebracht werden. Weiche Pfühle! Seidenkissen, feines Porzellan. Ach herrje! Woher der Platz? Er forderte allen Ernstes Cooks Kajüte, für den Commander sollte eine Deckshütte gebaut werden. Ein Vorschlag völlig aus der Welt. Cook sagte erst mal nichts dazu, er wusste, dass seine Zeit bald kommen würde. Hastig wurden die Aufbauten erhöht. Zwei Etagen auf das Vorschiff gezimmert, Innenwände versetzt, Niedergänge verlegt … Als ob das alles problemlos möglich gewesen wäre. Das gab einen kreuzgefährlichen Windfang und erst die Wasserlage! Dachte Banks, die Physik ließe sich etwas befehlen? Der Schwerpunkt kam viel zu hoch und außerdem nach vorn. Die Anker hingen keinen Fuß mehr über dem Wasser. Ein ganz und gar unmöglicher Trimm.
Cook lächelte in sich hinein. Er weiß, das von ihm bevorzugte Schiff sieht zwar aus wie eine Arche, doch auf das Äußere kommt es nicht an. Es ist dickbäuchig, ganz schön plump, sein Mitteldeck ist heftig breiter als das Oberdeck, Staat kann man mit ihm nicht machen, doch ein solches Schiff kann alles überstehen. Ich bin mit diesem Typ durch hundert Stürme gefahren und das mit schwerster Last. Meine Resolution ist besser konstruiert als Noahs Arche. Gut, Noah will ich nicht schmähen, der war kein Schiffbauer, doch dem hat Gott geholfen, er sollte gar nicht steuern, musste kein Ziel verfolgen, er brauchte sich mit seiner Bretterbude bloß auf den Wellen treiben lassen. Schließlich ist er, nachdem die unheimlichen Wasser abgelaufen waren, gestrandet, aber eben auf Beschluss des Höchsten. Dennoch eine reife Leistung und seinen Titel, erster Seemann der Weltgeschichte, hat er sich durchaus verdient. Wer tief religiös war, konnte auch sagen: Er hat auf göttlichen Ratschlag sauber angelegt. Oben auf dem Berge Ararat, oder wie die Höhe hieß. Er, James Cook, Offizier des Königs, war aber nicht sonderlich religiös, glaubenstrunken schon gar nicht, obwohl ihn sein Vater als Quäker erzogen hatte.
Gott gab es sicherlich, an ihn musste man glauben, das sagte ihm allein die Logik. Der Mensch konnte und durfte nicht die Krone alles Lebendigen, ja des ganzen Universums sein, dazu waren ihm zu oft Unverstand, Unverschämtheit und Grausamkeit unter die Augen gekommen. Der Mensch braucht eine Instanz, die über ihm steht. Die ihn antreibt, bremst, vor der er sich verantworten muss. Gott? Das ging schon in Ordnung. Gottesferne führte zur Belebung der teuflischen Triebe. Zum Glauben an den Höchsten musste angehalten werden, aber wie? In der Familie? Ja, das war ein guter Weg. Erfolg versprechender als das Geschwurbel der Pfaffen, das Geleiere der Troubadoure des Herrn, und das konnte er nun mal nicht ab. Er brauchte keinen Gottesmann, der seine Rolle als Erster Liebhaber der Moral spielte. Von denen kam ihm keiner an Bord. Wenn hier einer etwas zu sagen hatte, dann er. Nein. Falsch! Nicht sagen! Er hatte alles zu bestimmen, er musste den Ton vorgeben und streng darauf bedacht sein, dass der gehalten wurde. Nichts anderes erwartete die Admiralität von ihm. Nicht herumreden. Keine Meinungen verbreiten und keine fragwürdigen Bemerkungen zulassen. Eindeutige Befehle. Deren Ausführung kontrollieren. Sonst nichts. Und die Moral? Er würde dafür sorgen, dass jeder Mann die Gebote einhielt. Hier wurden sie nicht gepredigt. Hier sollte nach ihnen gelebt werden, wenn es anging. Für den Verstoß gegen das siebente, das war an Bord das Wichtigste, gab es mindestens zwölf Peitschenhiebe. Keine Gnade für Leute, die ihre Kameraden bestehlen! Andachten mit der versammelten Mannschaft? Zu was sollten die gut sein? Beten konnte jeder für sich allein und vom Herrgott erbitten, was er sich wünschte und für zumutbar hielt. In diesem Sinne war er den religiösen Lehren seiner Jugend treu geblieben.
Was aber, wenn die Klerisei tatsächlich die Stellvertreter oder doch wenigstens die Mittler Gottes auf Erden abgab? Bei seiner Einstellung blieb es fraglich, ob sich Gott in der Not um Schiff und Mannschaft kümmern würde. Also Selbstvertrauen. Unbedingtes Selbstvertrauen. Gepaart mit Erfahrung. Weiter nichts.
*
Cook schaute sich den Umbau nach den Plänen Banks ein Weilchen an. Dann schlug er zu. Wer denn das überhohe Schiff steuern solle, fragte er Sandwich. Er, Cook, jedenfalls nicht, denn es würde in der See nur so rollen und bei der ersten Gelegenheit kentern, zumindest durfte man schon bei mittlerer See die schrecklichsten Verwüstungen unter den Ausrüstungen des Schiffes erwarten. Der ganze Krempel, die zierliche Suite des Herrn Ersten Baronets und so weiter, alles müsste wieder runter. Zusätzliche Leute an Bord? Niemals! Einhundertzwölf Mann! Fertig! Und keine Lady Banks!
Nach schlimmen Wortgefechten reichte es dem Ersten Baronet. Er ließ sich nicht mehr auf der Resolution blicken. Na bitte schön, dachte Cook, ein Ärger weniger. Ob ich mit dem Ersatzmann Johann Reinhold Forster welchen bekommen werde, wird sich rausstellen. Mit seinem Sohn sicher nicht, der scheint in Ordnung zu sein, das habe ich mitgekriegt.
*
Johann Reinhold ging in seine Kammer. Kajüte mochte er sie nicht nennen, es war nicht mehr als ein im zweiten Deck zwischen Hauptmast und Niedergang eingerichteter Verschlag, ein notdürftiges Logis aus dünnen Brettern, an einer Seite bestand die Wand nur aus Segeltuch. Was für eine Zumutung für ihn, für einen Mann, der schon einmal in der weiten Steppe gelebt hatte, zumindest meist in einem großen Haus. Auf den paar Quadratfuß Fläche konnte er weder laufen noch stehen. Einen Schemel gab es nicht, der hätte auch bloß im Weg gestanden. Eine Koje musste genügen, und sie genügte ihm, denn in der Mitte des Brettes, das genau in Kniehöhe vor ihr angebracht war, hatte der Zimmermann einen Bogen geschnitten, der bis hinunter auf den Strohsack reichte. Da diese Ruhestatt kaum zwei Fuß in der Breite maß, ließ es sich durch diese schlichte Maßnahme gut sitzen, er konnte sich sogar anlehnen und wenn er einen Arm ausstreckte, berührte der fast die gegenüberliegende Wand.
Was soll’s, sagte sich Johann Reinhold. Bett oder Brett, wenn ich mich gewöhnt habe und richtig müde bin, werde ich schon schlafen wie ein Bär im Winter. Tief und traumlos. Unter der Koje waren drei Backskisten eingebaut, breite, tiefe, gut verankerte Schubladen, eine sinnige Erfindung. Sie machte eine gewisse Ordnung möglich, er fand schnell, was er suchte. Viele Bücher und Reserven mussten freilich in den Kisten bleiben, die sich im Zwischendeck stapelten. An sie war, wenn überhaupt, nur bei ruhiger See heranzukommen. Bot das einen Grund zur Klage? Nein. Er hatte zwar nicht alles, was er sich wünschte, aber alles, was er brauchte und es trotz aller Enge im Ganzen gut getroffen.
