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Panorama ist nicht nur eines der erfolgreichsten Polit-Magazine im deutschen Fernsehen, sondern auch das älteste. Seit 50 Jahren berichtet es regelmäßig über soziale Missstände, politische Fehltritte und Skandale. Es deckt auf, was andere lieber vertuschen und verschweigen wollen – bei der Regierung ebenso wie bei der Opposition, bei Gewerkschaften ebenso wie bei Arbeitgebern. Anja Reschke, seit 10 Jahren Moderatorin des traditionsreichen Magazins, berichtet von 50 Jahren engagiertem Fernsehjournalismus, der nicht nur die deutsche Fernsehlandschaft, sondern auch die Gesellschaft prägte. Das Buch verdeutlicht die Bedeutung von Panorama für Politiker, Gegner und Zuschauer. Interviews mit Politikern wie Olaf Scholz und Günther Beckstein zeigen, wie wichtig das Magazin für unsere Demokratie geworden ist. Das Buch dokumentiert einen unverzichtbaren Teil des politischen Fernsehens in Deutschland – Krawallfernsehen mit Anspruch.
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Seitenzahl: 270
Veröffentlichungsjahr: 2011
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1. Auflage 2011
© 2011 by Redline Verlag, FinanzBuch Verlag GmbH, München,
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Redaktion: wortvollendet, Marion Appelt, Wiesbaden Satz: HJR, Jürgen Echter, Landsberg am Lech
Epub: Grafikstudio Foerster, Belgern
ISBN 978-3-86414-255-0
Weitere Infos zum Thema
www.redline-verlag.de
Einleitung
Krawallfernsehen
Panorama und die Spiegel-Affäre
Streit um Panorama
Was darf Fernsehen: der Paragraf 218
Der Fall Sonnenschein
Ein ganz heißes Eisen
Die Todesurteile des Hans Karl Filbinger
BND in Bagdad
Reingefallen
Der falsche Barschel-Brief
Ein ominöser Abhörknopf und seine Folgen
Panorama und die Politiker: »Es waltet ein Unstern über der Sendung Panorama«
Kein Interview für Panorama?
Erwischt!
Panorama »schlimmer als Goebbels-Propaganda«?
David gegen Goliath
Carsten Maschmeyer
Freiherr August von Finck
Name-dropping
Gert von Paczensky
Sebastian Haffner
Bernt Engelmann
Joachim Fest
Manfred Bissinger
Ulrike Meinhof
Peter Merseburger
Alice Schwarzer
Lukrezia »Luc« Jochimsen
Stefan Aust
Tod eines Demonstranten
Früher war alles besser: Panorama und die Presse
Panorama und Bild
Der Fall Schill
Tabubrüche
Sexualität
Das Recht auf Heimat
Was zeigen und was nicht?
Sturz eines Säulenheiligen
Panorama und die (Alt-)Nazis
Kriegsopferrente für NS-Verbrecher
Die neuen Rechten
Dafür zahle ich gerne Gebühren! Und für so etwas soll ich Gebühren zahlen?
Den Nerv treffen
Alles zu seiner Zeit
Empörung ist auch eine Reaktion
Und nu: Ausblick auf die nächsten 50 Jahre
Als ich 1998 von München nach Hamburg zog, um mein Volontariat beim Norddeutschen Rundfunk anzutreten, war die Panorama-Redaktion für mich eigentlich keine Option. Wer dort arbeitete, musste immer im Sumpf wühlen, so stellte ich es mir jedenfalls vor. Ich hatte Politikwissenschaften studiert und nebenher beim Privatradio gearbeitet, hauptsächlich als Verkehrsfee, die Staumeldungen und Blitzer on air brachte. Als Autorin hatte ich Beiträge über den Frühling, Flirten an der Eisdiele oder neue Trendsportarten gemacht. Aber dem war ich langsam entwachsen, ich wollte mehr. Journalistin wollte ich werden. Die meisten meiner Volontariatskollegen beim NDR hatten bereits genaue Vorstellungen, in welcher Redaktion sie später arbeiten wollten, viele von ihnen schielten auf Panorama. Mir war das nicht so wichtig, ich wollte mir erst mal die Grundlagen aneignen und alles ausprobieren.
Während eines Volontariats durchläuft man die verschiedenen Stationen eines Senders. Ich arbeitete also in den Landesfunkhäusern, beim Radio, bei der Tagesschau, machte aktuelle Beiträge, boulevardeske oder auch satirische. Irgendwann führte mich der Weg dann zu Panorama. Ich kam im Sommer in die Redaktion, als viele der Mitarbeiter gerade im Urlaub waren und etwas Personalnot herrschte. So ergab es sich, dass ich als Volontärin ganz allein einen Film machen durfte. Es ging um Betriebskrankenkassen, die ältere Mitglieder einfach rausgeschmissen hatten, weil sie höhere Kosten verursachten. Für diesen Beitrag führte ich auch das erste konfrontative Interview meines Lebens. Ich war unglaublich nervös, bevor ich den Geschäftsführer einer Betriebskrankenkasse traf. Der freute sich mächtig, dass das Fernsehen zu ihm kam, hatte schon Wasser und Kekse bereitgestellt und dachte, er könnte seine Kasse jetzt in der ARD groß rausbringen. Das Interview verlief freundlich bis zu dem Punkt, als ich plötzlich meine Frage zu dem Fall eines älteren Ehepaars stellte, dem von der Betriebskrankenkasse aus fadenscheinigen Gründen gekündigt worden war. Der Geschäftsführer stockte, stotterte und verlangte, die Kamera abzustellen. Was tun? Ich hatte ja keinerlei Erfahrung mit einer solchen Situation. Instinktiv blieb ich hart und erwiderte, dass es seine Gelegenheit wäre, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Tatsächlich konnten wir das Interview weiterführen, wobei er irgendwelche Ausflüchte stammelte. Ich hatte es geschafft, ich hatte ganz allein einen richtigen Panorama-Beitrag zustande gebracht, der dann tatsächlich auch gesendet wurde.
Nach dieser Erfahrung wollte ich nichts anderes mehr machen als fürPanoramazuarbeiten. Die Möglichkeit, sich richtig tief in ein Thema einzuarbeiten, das Gefühl, als Anwalt des Zuschauers einen – zugegebenermaßen nicht riesigen, aber dennoch relevanten – Missstand aufgedeckt zu haben, erfüllte mich mit tiefer Zufriedenheit. Es gab den vielen Nächten, in denen ich mir den Kopf zermartert hatte, wie und ob ich diesen Beitrag nun hinkriegen würde, einen Sinn.
Im Januar 2000 fing ich dann also tatsächlich als freie Mitarbeiterin bei Panorama an. Es war großartig. Irgendwie hatte man das Gefühl, Teil etwas Bedeutungsvollen zu sein. Es wurde über Themen gestritten, in den Tagen vor der Sendung liefen übernächtigte Redakteure über die Flure, ja, es gab tatsächlich Redaktionskonferenzen nachts um 2 Uhr, in denen wir die gesamte Sendung umschmissen, weil plötzlich ein anderes Thema viel wichtiger erschien. Ich machte Beitrag für Beitrag und lernte immer mehr. Gut ein Jahr später, im Juni 2001, wurde ich die neue Moderatorin von Panorama. Ich mit meinen 28 Jahren sollte eine Sendung moderieren, die knapp zwölf Jahre älter war als ich. Ich wurde die jüngste Moderatorin, die es je in einem ARD-Politmagazin gegeben hatte. Bei vielen stieß das auf große Bedenken, die ich aus heutiger Sicht gut nachvollziehen kann. Bezeichnenderweise war dieser Tag in doppelter Hinsicht historisch. Mein Start als neues Gesicht von Panorama fiel zusammen mit dem 40. Geburtstag dieser Sendung.
Anlässlich dieses Jubiläums waren viele Politiker gekommen, Oskar Lafontaine beispielsweise, der Panorama mal als Schweinejournalismus bezeichnet hatte, und die alten Haudegen der Politmagazine, darunter Peter Merseburger, Gerhard Löwenthal, Gert von Paczensky, Franz Alt, Heinz Klaus Mertes. Sie stritten sich in einer Podiumsdiskussion über alte Ideologien und darüber, wer mit welcher politischen Interpretation damals recht gehabt hatte. Ich glaube, erst an diesem Tag wurde mir die historische Bedeutung dieser Sendung, die ich da nun präsentieren sollte, so richtig bewusst.
Von diesem Moment an habe ich mich immer wieder mit der Vergangenheit der Politmagazine beschäftigt, besonders mit der von Panorama. Mit zwei Kollegen schnitt ich die lange Nacht der Skandale, Affären und Enthüllungen zusammen, eine dreieinhalbstündige Dokumentation über die bewegte Geschichte der politischen Fernsehmagazine. Ich habe Dutzende alter Beiträge gesehen, brisante und aufregende, langweilige und witzige aus den Anfängen, aus den 70ern, den 80ern, den 90ern, und ich habe mit ehemaligen Redaktionsleitern und Autoren gesprochen sowie Hunderte von Presseartikeln zu den jeweiligen Sendungen gelesen. Und je mehr ich wusste, desto spannender fand ich es.
Und nun wird Panorama 50. Ein halbes Jahrhundert!
Da muss man doch ein Buch schreiben, war sofort mein Gedanke. »Ein Buch über eine Fernsehsendung, wen soll denn das interessieren?«, war die häufigste Reaktion auf meinen begeisterten Vorstoß. Na, alle! Denn es geht nicht um eine Fernsehsendung, es geht um die Geschichte der Bundesrepublik. Vorrangig um die westdeutsche Geschichte. Erst durch die Sicht eines Politmagazins habe ich verstanden, wie unglaublich viel Mühe, harte Auseinandersetzung und Kämpfe es gekostet hat, unsere Gesellschaft zu der zu machen, die sie heute ist. Nur durch sie wurde unsere Demokratie auch tatsächlich demokratisch: mit einer Politik, die sich in ihren von der Verfassung gegebenen Schranken bewegt, mit einer Presse, die jederzeit kritisch berichten kann, mit einer aufgeklärten Bevölkerung. All das war keine Selbstverständlichkeit, all das war nicht einfach von vornherein da, sondern musste erst mühsam über Jahrzehnte erkämpft werden – auch von unerschrockenen Journalisten, auch von Panorama.
Mein Schulwissen über Deutschland endete mit der deutschen Teilung, mehr wurde nicht gelehrt bis zum Abitur. Und ich hatte immerhin Geschichte als Abiturfach und das in Bayern. Willy Brandts Ostpolitik hatten wir noch so eben in einer Stunde am Rande durchgenommen, aber natürlich ohne je darüber zu sprechen, wie schwer der Weg bis zur Versöhnung mit dem Osten gewesen war.
Notstandsgesetze, Studentenproteste, die Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit, die RAF, der Mauerbau, die Frauenbewegung, die Einführung der Antibabypille, die Antiatomkraftbewegung, das Zusammenwachsen Europas, all das, was so entscheidend war für die Bundesrepublik, wurde mit keinem Wort erwähnt. Wenn man also das Pech der späten Geburt hat, kann man sich vieles von dem, was auch heute noch politisch relevant ist, gar nicht erklären. Panorama und die anderen politischen Magazine haben diese Prozesse, die prägend sind für unsere heutige Gesellschaft, mit begleitet, zum Teil sogar mitgestaltet.
Sie haben den Zuschauern und damit den Bürgern gezeigt, dass man Missstände benennen muss, dass man sich gegen sie auflehnen kann, dass Obrigkeitshörigkeit in einer gesunden Demokratie nicht förderlich ist. Die Politmagazine haben den Blick eines breiten Fernsehpublikums über Jahrzehnte geschärft. Sie haben unermüdlich politische Mauscheleien aufgedeckt, große gesellschaftliche Debatten mitverfolgt, vielleicht teilweise auch angeheizt. Sie haben auf Defizite hingewiesen und versucht, auf verständliche Art und Weise deutlich zu machen, welche Auswirkungen politische Entscheidungen haben können. Die politischen Magazine haben letztlich entscheidend dazu beigetragen, aus Bürgern mündige Demokraten zu machen.
Dieses Buch erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Viele interessante Geschichten musste ich weglassen und habe das beschrieben, was mich fasziniert hat. Das meiste habe ich persönlich nicht miterlebt, aber ich habe mit vielen Zeitzeugen gesprochen, die dabeigewesen sind. Ich habe das Pressearchiv durchforstet, um zu erfahren, wie einzelne Beiträge in ihrer jeweiligen Zeit aufgenommen wurden, welche Wirkung sie entfaltet haben. Viele Skandale, viel Empörung lässt sich nur verstehen, wenn man die Atmosphäre kennt, in der sie entstanden sind. Und oft musste ich erleben, dass Missstände, die man eigentlich für überwunden glaubte, heute plötzlich wieder auftauchen. Ausbeuterische Arbeitgeber zum Beispiel. Schon in den 70ern war das häufig Thema bei Panorama. Und heute, 40 Jahre später, beschäftigen wir uns erneut damit. Mit dem Bericht über die unfairen Arbeitsbedingungen des Textildiscounters kik beispielsweise haben wir 2010 bundesweit Schlagzeilen gemacht.
Dieses Buch erzählt Teile der Geschichte der Bundesrepublik durch die Brille von Panorama. Es ist keine Chronik, sondern ein ganz persönlicher Blick auf Deutschland. Auf große Themen, die die Menschen zur jeweiligen Zeit bewegt haben, auf Enthüllungen, die vielleicht doch mal die Republik »erschüttert« haben, auf Personen, die bei Panorama gearbeitet haben, vielleicht sogar damit berühmt geworden sind. Es gibt Einblicke in die Arbeitsweise von kritischen, investigativen Journalisten, auf das Verhältnis zwischen den Menschen, die Macht haben, und denen, die sie kontrollieren sollen, vor allem zwischen Politikern und Journalisten. Die Geschichte von Panorama verdeutlicht, wie sehr sich unsere Gesellschaft in den letzten 50 Jahren verändert hat und welchen Anteil auch kritischer Journalismus daran trägt.
»Nun wollen wir uns noch ein wenig mit der Bundesregierung anlegen.« Mit diesen Worten kündigte Gert von Paczensky im Jahr 1963 einen Panorama-Beitrag an. Dieser Satz charakterisiert die Sendung vortrefflich. Panorama ist kritisch, kämpferisch und unerschrocken. Bis heute ging und geht es seinen Mitarbeitern stets darum, den Mächtigen auf die Finger zu sehen, immer wieder nachzuhaken und das Publikum aufzuklären. Dass man dafür auch ordentlich Ärger kassieren kann, gehört zum Geschäft.
Panorama wollte von Beginn an Aufregung erzeugen. Nicht um der Aufregung willen, sondern weil genügend Dinge passieren, die es wert sind, dass man über sie berichtet. Ob das nun politische Skandale sind, die Machenschaften irgendwelcher Unternehmen oder soziale Missstände. Man möchte, dass der Zuschauer zu Hause nach Ansicht eines Beitrags im besten Falle aufgerüttelt wird. Dass er auf die Kante seines Fernsehsessels haut und sagt: »Das gibt’s doch nicht!« Vielleicht gelingt es, dass er sich mit etwas auseinandersetzt, von dem er noch nie gehört hat. Panorama hat stets versucht, neue Sichtweisen zu bieten und gesellschaftliche Debatten anzustoßen.
Heute ist es selbstverständlich in der Bundesrepublik, dass jeder zu jedem Thema frei seine Meinung äußern kann. Die Presse kann berichten, worüber sie will, und kritisieren, wen sie will. Ohne, dass sie schlimmere Konsequenzen befürchten müsste. Diese äußerst komfortable Situation, in der wir uns alle heute befinden, ist keine Selbstverständlichkeit. Presse- und Meinungsfreiheit mussten in Deutschland nach dem Krieg mühsam erkämpft werden.
Und es waren vor allem kritische Journalisten, die diesen Kampf ausgetragen haben. Die sich über Jahre den Unterdrückungsversuchen aus Politik und konservativen Kreisen widersetzt haben. Die teilweise mit ihren Jobs dafür bezahlen mussten, dass wir heute diese offene und tolerante Gesellschaft sind.
In den 60er-Jahren Aufregung zu erzeugen war verhältnismäßig einfach, denn viele Politiker nahmen sich Dinge heraus, die sich heute niemand mehr erlauben würden. Die Bundesrepublik war noch jung, und Demokratie musste erst noch gelernt werden. Die Weichen, in welche Richtung unsere Gesellschaft gehen würde, waren noch nicht gestellt – so gab es eine Menge Stoff für Aufregung.
Und dafür war das Fernsehen als neues Medium hervorragend geeignet. Gert von Paczensky, der erste Leiter und Gründer von Panorama, beschreibt die Fernsehlandschaft der 60er-Jahre als todlangweilig: »Es gab wenig kritische Sendungen. Es gab überhaupt keine politischen Sendungen. Es wurde halt nachgeplappert, was aus Bonn kam, aber es wurde halt wenig untersucht. Und wir haben doch sehr früh angefangen, bisschen kritischer zu betrachten, was macht die Bundesregierung alles.«
Das kam in Bonn nicht so gut an. Denn das Adenauer-Kabinett fand eigentlich nicht, dass es dem relativ jungen Fernsehen und seinen Machern zustünde, sie in irgendeiner Weise zu kritisieren. Und auch die Zuschauer waren teilweise darüber erstaunt, was Panorama jede Woche den Politikern entgegenknallte. Viele waren begeistert, aber einige waren auch regelrecht empört: »In der heutigen Zeit, in der die Regierung vor so schwierigen Aufgaben steht, ist es notwendig, dass wir alle zusammenstehen, und da meine ich, sei es Aufgabe von Panorama, die Politik der Regierung durch eine positive Kritik zu unterstützen«, schrieb ein Zuschauer erbost der Redaktion. Ob nun von Freund oder Feind, Panorama wurde eingeschaltet. Nicht etwa, weil das Publikum alles gut fand, was gesendet wurde, sondern weil es das Gefühl hatte, das müsse man gesehen haben. Da kommt etwas Aufregendes. Etwas, worüber man am nächsten Tag spricht.
Allerdings war die Zuschauerzahl von Panorama zu Beginn noch recht übersichtlich. Zwei Jahre vor dessen Gründung 1961 hatte man den millionsten Fernsehanschluss gefeiert. Anfangs sendete Panorama noch im damaligen zweiten Programm der ARD, das man nur mit einem Zusatzgerät empfangen konnte. Dieses zweite Programm sollte später das ZDF werden. Bis zu dessen Sendestart war es Aufgabe der ARD, diese Frequenz mit Inhalten zu füllen. Man entschied sich wohl auch für Panorama, weil man dachte, es lasse sich relativ billig produzieren. Damals wurde ja noch auf Film gedreht, was richtig viel Geld kostete. Das Anfangsbudget für eine einstündige Panorama-Sendung lag bei 25.000 D-Mark.
Panorama vorausgegangen waren schon zwei Versuche, eine Art politisches Magazin im Fernsehen zu etablieren. Von Januar 1957 bis Anfang 1958 strahlte der NDR unter demselben Namen einen zwölfteiligen, eher feuilletonistischen Vorläufer aus, allerdings nicht regelmäßig. Er wurde schließlich sang- und klanglos eingestellt. Offensichtlich fehlte es dabei an pointierten politischen Stellungnahmen. Rüdiger Proske, dem damaligen Leiter der Hauptabteilung Zeitgeschehen im NDR-Fernsehen, schwebte etwas anders vor. In der britischen BBC hatte er eine Sendung namens Panorama gesehen. Ein kritisches, freches, meinungsstarkes Magazin. So etwas wollte er in Deutschland auch haben. Im Jahr 1960 ging dann Anno an den Start, der Versuch des Bayerischen Rundfunks, ein Politmagazin zu etablieren. Gesendet wurde wöchentlich im Ersten, direkt nach der Tagesschau. 1962 wurde Anno in Report umbenannt und alle 14 Tage im Wechsel mit Panorama ausgestrahlt, und zwar im »echten« Ersten Programm. Dies bescherte beiden Sendungen eine Vielzahl an Zuschauern und somit auch Durchschlagskraft.
Panorama lief erstmals am 4. Juni 1961. Der NDR hatte dafür ein paar Zeitungsleute angeheuert, die zwar keine Ahnung vom Fernsehen, sich aber als Journalisten bereits einen Namen gemacht hatten. Sie würfelte man zusammen mit ein paar sogenannten Realisatoren, die stark in der Bildgestaltung waren und die die Themen optisch umsetzten. Als Redaktion lernte man gegenseitig voneinander.
Die erste Panorama-Sendung war nicht besonders herausragend. Oder, wie Gert von Paczensky es ausdrückte: »Die erste Ausgabe war ausgesprochen schlecht. Wir hatten lauter Bonbons geplant. Aber leider trafen sich an diesem Tag Chruschtschow und Kennedy und wir waren angehalten worden, das in Panorama zu berücksichtigen.« Panorama sollte sonntags ausgestrahlt werden, und da dies damals der einzige Tag war, an dem es keine Tagesschau gab, war die Redaktion verdonnert worden, auf das Kennedy-Chrustschow-Treffen einzugehen. Die erste Sendung drehte sich also ausschließlich um außenpolitische Belange.
Aber schon zwei Monate später machte sich Panorama das erste Mal einen Namen. In der Nacht vom 12. auf den 13. August 1961 hatten Truppen der NVA begonnen, den östlichen Teil Berlins abzuriegeln. Für das Fernsehen eine echte Herausforderung, am nächsten Morgen aktuell dabei zu sein. Wie schreibt es die Frankfurter Rundschau vom 15. August 1961 so schön: »Das Fernsehen nutzte seine Chance als schnellster Übermittler bewegter Bilder. [...] Schon am frühen Nachmittag wartete man mit ersten (freilich arg gestörten) Dokumentarberichten von der Sektorengrenze auf.« Schon am Nachmittag! Mit arg gestörten Bildern! Damit würde man sich heute keine Lorbeeren mehr verdienen.
Dieser für Deutschland historische Tag begann im Fernsehen mit Werner Höfers Frühschoppen, der sich und seine Sendung ganz auf Berlin eingestellt hatte. Gegen Nachmittag lief dann die Dokumentation »Diesseits und Jenseits der Zonengrenze«. Es gab zwar Bilder aus Berlin, nur waren leider eben fast 90 Prozent gestört. So richtig viel bekam man also nicht zu sehen. Die Sendung wurde gegen 18.30 Uhr wiederholt, dann ohne Störung. Das war’s. Und am Abend, zur Hauptsendezeit strahlte das Erste den Südseeabenteuerfilm Verdammte der Insel aus. Im Anschluss daran folgte noch eine Dokumentation mit dem Titel »So war es bis gestern Abend«. Der Zuschauer konnte also verfolgen, wie es in Berlin BIS zum bedeutenden Moment der Abriegelung der Sowjetzone war, er erfuhr aber nicht, was DANACH geschehen war. Das ist ungefähr so, als hätte man am 11. September 2001 abends nach der Tagesschau zunächst einen schönen Spielfilm gezeigt und dann eine Dokumentation über das hübsche New York und seine strahlenden Twin Towers.
Wer also an diesem historisch bedeutsamen 13. August 1961 abends irgendetwas mitbekommen wollte, musste ins zweite Programm der ARD schalten. Da lief Panorama. Die Redakteure hatten angesichts der Ereignisse die Sendung komplett umgeschmissen und beschäftigten sich nun monothematisch mit den Ereignissen in Berlin. Das schreibt sich leicht. Tatsächlich aber ist es für eine Redaktion ein echter Kraftakt, eine mehr oder weniger fertige Sendung über den Haufen zu werfen, auf die aktuelle Lage zuzuschneiden und neu zu produzieren. Man kommt morgens nichts ahnend in den Sender und sofort bricht unglaubliche Hektik über einen herein. Was für Stücke sollen neu gemacht werden, wer geht in den Schnitt, wer besorgt die Bilder, wer telefoniert, wer treibt Interviewpartner auf? Es gibt eine Menge zu tun, bevor man eine Sendung mal eben so »umschmeißen« kann.
Am 13. August begann Panorama mit einem Bericht zur aktuellen Lage in Berlin, in dem die Situation an der Zonengrenze gezeigt wurde. Man muss sich vorstellen, dass Filme damals nicht wie heute mal eben schnell über Satellit nach Hamburg geschickt werden konnten, sondern über eine Art Richtfunkstrecke von Berlin Adlershof nach Westberlin und dann über postalische Leitungen weiter nach Hamburg. Das dauerte endlos. Nach dem Bericht sendete Panorama einen Ausschnitt aus dem Ostfernsehen, in dem zu sehen war, wie das Ulbricht-Regime seine Maßnahmen verteidigte und den Hass gegen den Westen und die Bundesrepublik schürte. Der westdeutsche Zuschauer war aufgebracht. Die Sendung endete schließlich mit dem Interview Richard Crossmans, ein britischer Labour-Abgeordneter, der erst am Morgen aus der sowjetischen Zone ausgereist war. Er nahm dem Publikum alle Hoffnung auf eine baldige Klärung der Lage. In Panorama sagte er, dass man sich wohl auf eine vollständige Teilung Deutschlands einstellen müsse. Eine klare Aussage, die später noch für Verwerfungen sorgen sollte.
Panorama war an diesem Tag, abgesehen von der Tagesschau, die einzige Fernsehsendung, die dem Zuschauer Hintergründe, neue Bilder und Einschätzungen zu diesem in der deutschen Geschichte einschneidenden Ereignis lieferte, was in vielen Zeitungen auch ausgiebig gelobt wurde: »Noch klang uns das Deutschlandlied im Ohr, das wir am Brandenburger Tor angesichts der Waffen der kommunistischen Söldnertruppe von den Zehntausenden an diesem schrecklichen Sonntag unserer Nationalen Demütigung singen hörten, als wir den Fernsehapparat einschalteten, um das ›Panorama‹ zu sehen. Die Wirklichkeit dieses Berliner Sonntags war unser Panorama – was hatte die Bildröhre hinzuzufügen? Rüdiger Proske und seine Mitarbeiter waren auf dem Posten. So aktuell sahen wir diese Sendung noch nie. Die Filmberichte von der Militärgrenze in Berlin, vom Stacheldrahtzaun, der von den 18jährigen Söldnern Ulbrichts gezogen wurde, die winkenden Gefangenen drüben, dieses unfaßbare Geschehen mitten im trügerischen Frieden einer Stadt wurde eingefangen und in die Stuben der Deutschen geschleudert.« (Kölnische Rundschau 15. August 1961/Bonner Rundschau, 16. August 1961)
Es war mit das erste Mal, dass aktuelles politisches Geschehen eingeordnet und auf Sendung gebracht werden konnte. Der Zuschauer konnte sich auf das Fernsehen verlassen.
Später allerdings, CDU und CSU hatten Gert von Paczensky bereits auf dem Kieker, wurde ausgerechnet die Sendung über den Bau der Mauer dazu benutzt, dessen angeblich so linke Gesinnung anzuprangern. Hatte er es doch gewagt, den »für seine radikalen politischen Ansichten bekannten« Richard Crossman ins Panorama-Studio einzuladen. Dieser habe somit Gelegenheit gehabt, »Verständnis für die Untat des Zonenregimes« zu zeigen und dafür zu werben. (Union in Deutschland, 03.10.1963) Auch Franz Josef Strauß wetterte, dass es unmöglich sei, in Panorama die Wiedervereinigung Deutschlands infrage zu stellen.
So heroisch es im Nachhinein anmuten mag, wenn ein Beitrag für ordentlich Beachtung und Wirbel gesorgt hat, so anstrengend ist es mitunter für die Beteiligten in der Redaktion, dies zu bewerkstelligen. Dutzende Stellungnahmen müssen für die Intendanz, das Justiziariat, gegebenenfalls den Rundfunkrat sowie den Programmbeirat verfasst werden. Man muss Presseanfragen beantworten, die Flut von Zuschauerzuschriften bearbeiten, ganz zu schweigen von möglichen anwaltlichen oder gerichtlichen Auseinandersetzungen. Kurzum, ein derart umstrittener Beitrag kann eine Redaktion ganz schön in Schach halten. Wenn man das alles einmal miterlebt hat, fragt man sich, wie die Panorama-Redaktion der 60er-Jahre es überhaupt geschafft hat, erst wöchentlich und dann alle 14 Tage eine neue Sendung zustande zu bringen, bei dem Ärger, mit dem sie ständig zu kämpfen hatte.
Vom 1. Juli 1962 an wurde Panorama auch im »echten« Ersten Programm gesendet, das heißt unter wesentlich höherer Zuschauerbeteiligung. Das bedeutete Segen und Fluch zugleich, denn nun stand man unter verstärkter Beobachtung. Im Keller des NDR lagern 80 Ordner mit Presseartikeln und Beschwerdeprotokollen zu Panorama. Teilweise nehmen die Reaktionen auf und Berichte über eine einzige Ausgabe einen halben Ordner ein. Und worüber man sich alles empört hat! Im Prinzip konnte Panorama senden, was es wollte, irgendeiner regte sich immer auf. Etwa Anfang der 60er, nachdem in einem Beitrag gezeigt worden war, wie leicht die kurz zuvor eingeführten Autolenkradschlösser zu knacken waren. Sofort kam es zum Protest, prompt folgten Dutzende Artikel der Empörung und eine Beschwerde der CDU, Panorama hätte Unterricht im Stehlen gegeben, was nun wirklich zu weit ginge.
Ähnlich nach einem Bericht über einen Arzt aus Baden-Württemberg, der es gewagt hatte, zweimal sonntags auf seinem eigenen Grundstück Fichten zu pflanzen, weshalb er wegen Störung der Sonntagsruhe angezeigt und verurteilt worden war. Eine tolle Geschichte, die Panorama heute sicher auch noch senden würde. Sofort gab es massive Kritik aus den konservativen Reihen: »tendenziöse Entgleisung« von Panorama. CDU und Kirche verlangten Gegendarstellungen und regten sich mächtig auf.
Auch ein Beitrag über Lobbyismus, heute eines der Standardthemen kritischer Journalisten, sorgte bei Panorama im Januar 1963 für Riesenwirbel. Die Redaktion hatte gewagt zu fragen, wieso denn eigentlich den Interessen einiger Verbände so intensiv nachgegeben würde. In diesem Zusammenhang untersuchte man auch die Rolle der deutschen Landwirtschaft. Daraufhin forderte neben Bauernvertretern auch ein Mitglied des Programmbeirats der ARD die unverzügliche Entlassung von Panorama-Redakteuren. Nur so könne verhindert werden, dass weiterhin »diskriminierende Sendungen über die deutsche Landwirtschaft« ausgestrahlt würden. So ein Vorgang bedeutet ebenfalls Mahn- und Antwortschreiben sowie Stellungnahmen der Beteiligten. Die Intendanz des NDR wies die Angriffe als völlig unbegründet zurück, man sehe keine Veranlassung, irgendwen zu entlassen.
Höhepunkt der Auseinandersetzungen in der Ära Paczensky, die insgesamt doch nur knapp zwei Jahre dauerte, aber gar nicht hoch genug geschätzt werden kann, weil sie den Charakter von Panorama bis zum heutigen Tag prägt, war die Spiegel-Affäre. Den Älteren ist sie zwar noch ein Begriff, für jüngere Generationen lediglich ein historisches Datum, das man vielleicht kennt oder auch nicht. Diese Affäre war jedoch ganz entscheidend für die Stärkung der Pressefreiheit in Deutschland, sozusagen der erste Pflock, der für die Unabhängigkeit der Presse von der Politik eingeschlagen wurde. Bei diesem Ereignis bezog erstmals nach Ende des Krieges eine breite Öffentlichkeit politisch Stellung. Das tat sie mitunter auch deshalb, weil sie von Journalisten darüber unterrichtet wurde, was wirklich passiert war.
Am Abend des 26. Oktober 1962 waren die Redaktionsräume des Spiegel von der Polizei gestürmt, Unterlagen beschlagnahmt und Herausgeber Rudolf Augstein nebst anderen leitenden Mitarbeitern verhaftet worden. Den Redakteuren war es zunächst nicht möglich weiterzuarbeiten, weil ihnen der Zugang zu ihrem Arbeitsplatz sowie dem Archiv von der Polizei verwehrt wurde. Der Vorwurf lautete, der Spiegel habe mit seinem Artikel »Bedingt abwehrbereit« militärische Geheimnisse verraten und damit Landesverrat begangen. Darin wurde dargestellt, dass die Ausstattung der Bundeswehr damals unzureichend war, um Deutschland gegen einen möglichen Angriff aus dem Osten zu verteidigen. Ein »Abgrund von Landesverrat«, wetterte Konrad Adenauer im Bundestag.
Panorama widmete die Sendung am 4. November 1962 komplett der Spiegel-Affäre. Heute wäre das vermutlich selbstverständlich, damals war es mutig. Denn die öffentliche Berichterstattung war in dieser Zeit zweigeteilt, da es neben Zeit, Spiegel und Stern vor allem viele kleine regionale Zeitungen gab, die jeweils einem der beiden politischen Lager – links-liberal oder rechts-konservativ – zuzuordnen waren. Zwar hatten viele der Blattmacher die Aktion als solche verurteilt, aber mit dem Vorwurf des Geheimnisverrats taten sich die meisten schwer. Was, wenn doch etwas dran wäre am Vorwurf des Landesverrats? »Die noch immer nicht abgeschlossene Spiegel-Affäre ist in diesen Tagen ein bitter ernstes Thema, das nach wie vor im Mittelpunkt des Interesses steht. Das Hamburger Nachrichtenmagazin ist dabei vielleicht nur ein Teilstück jener latenten Gesinnung des Geheimnisverrats, die im Bonner Dunstkreis lagert. Kein Staat ist gegen Landesverrat gefeit. Es wird aber auch keinen Staat geben, der sich nicht mit äußerster Schärfe gegen landesverräterische Umtriebe zur Wehr setzt.« (Cellesche Zeitung, 03.11.1962)
Auch wenn viele Menschen auf die Straße gingen, war die öffentliche Stimmung bei Weitem nicht eindeutig auf Seiten des Spiegel. Für Panorama allerdings war der Fall sofort klar. In der Redaktion hielt man sich gar nicht erst lange auf mit dem Thema Landesverrat, sondern verurteilte die ganze Aktion deutlich – was Panorama sofort den Vorwurf der Einseitigkeit und unglaublichen Ärger einbrachte.
Aus heutiger Sicht ist es völlig unverständlich, warum dermaßen scharf auf diePanorama-Sendung reagiert wurde. 45 Minuten lang reihen sich Kommentare von unterschiedlichen Journalisten aneinander, es folgt Interview auf Interview. Die Ehefrauen der verhaftetenSpiegel-Mitarbeiter kommen ebenfalls zu Wort, Artikel der in- und ausländischen Presse wurden abgefilmt, Karikaturen über Franz Josef Strauß aus den Zeitungen werden eingeblendet. Filmisch aufregend ist aus heutiger Sicht eigentlich nur, dass es einemPanorama-Reporter gelungen war, mit der Kamera bei der Hausdurchsuchung desSpiegel-Verlagsleiters Becker dabeizusein. So konnte er miterleben, wie die Polizeibeamten etwas unbeholfen durch dessen Haus liefen und schließlich unverrichteter Dinge wieder abziehen mussten. Schärfe bekam die Sendung vor allem durch die teilweise gewitzten, süffisanten Kommentare des Moderators Paczensky. Der machte unmissverständlich klar, dass sich die Regierung da gerade eine große Schweinerei erlaubte und dass deren Verteidigungsminister Franz Josef Strauß wohl eine ziemlich unrühmliche Rolle einnahm. Zu diesem Zeitpunkt waren es noch Einschätzungen, Mutmaßungen.Panoramalieferte keine Hintergrundinformationen, Beweise oder Zeugen, die in irgendeiner Weise der Aufklärung dieser Affäre gedient hätten. Heute würde man in so einer Situation genau das erwarten.
Diese Sendung war auch für eine Redaktion wie die von Panorama, die schon Ärger gewohnt war, nicht ganz ohne. Während die ersten Beiträge schon liefen, wurden in den Schnitträumen noch eifrig weitere Sendeteile zusammengefügt. Im Studio ging es ähnlich hektisch zu. Gert von Paczensky moderierte vorn vor der Kamera, hinten in der Ecke des Studios hatten sich Intendant und Justiziar eingerichtet und überprüften die ständig neu hereinkommenden Sendetexte. Und während der laufenden Berichte schrieb Paczensky hastig weitere Moderationstexte, die sofort in der Ecke gegengelesen und teilweise ein wenig abgemildert wurden. Ihm war das in diesem Fall ganz recht. Man legt sich ja mit der Bundesregierung und Franz Josef Strauß lieber an, wenn man einen Juristen hinter sich weiß, der die Texte auf ihre Stichhaltigkeit geprüft hat.
Die Sendung endet mit einem Monolog von Sebastian Haffner, heute mit seinem Buch Anmerkungen zu Hitler vielen bekannt als einer dessen berühmtesten Biografen. Haffner war vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nach England emigriert und arbeitete seit Mitte der 50er-Jahre wieder für diverse deutsche Zeitungen. Seine Stimme fand Gehör. Zur Spiegel-Affäre hielt er nun in Panorama eine Art Ansprache an die Fernsehnation: »Mir sind an der Spiegel-Aktion vier Dinge unangenehm aufgefallen: Erstens, es hat hier gegen ein vollkommen bekanntes deutsches Magazin eine offensichtlich generalstabsmäßig vorbereitete, polizeiliche große Nacht- und Nebeloperation stattgefunden, ohne dass dem deutschem Publikum je erklärt worden wäre, warum diese Art von Aktion in diesem Fall notwendig war. Zweitens, es scheint jetzt erwiesen zu sein, dass die Minister, die für so eine Aktion […] die Verantwortung tragen, nicht informiert worden sind, ja sogar absichtlich uninformiert gehalten worden sind. [...] Drittens, es ist dem deutschen Publikum überhaupt kein klarer Bericht darüber gegeben worden, was nun eigentlich vorliegt […] und außerdem sei die Aktion anscheinend dazu benutzt worden viertens die weitere Produktion des Spiegel zu erschweren oder sogar unmöglich zu machen durch übermäßig lange Versiegelung der Redaktionsräume, Sperrung des Telefons, Sperrung der Buchhaltung, sodass keine Gehälter mehr ausgezahlt werden konnten, auch Versuche einer Vorzensur. [ …] Wenn diese vier Punkte durchgehen, wenn die deutsche Öffentlichkeit sich das gefallen lässt, wenn sie nicht nachhaltig auf Aufklärung drängt, dann adieu Pressefreiheit, adieu Rechtsstaat, adieu Demokratie!«
Es ist eigentlich unvorstellbar, dass diese Sendung heute eine derartige Empörung auslösen könnte, denn sie war im Endeffekt »nur« ein 45-minütiger Kommentar. Aber die Zeiten waren damals eben anders. Es gehörte sich für eine Sendung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nicht, offen die These der Regierung vom Landesverrat infrage zu stellen. Kaum war die Sendung vorüber, hagelte es schon Protest seitens der konservativen Presse und der CDU. So schriebBildgleich am nächsten Morgen:
»So nicht! Das deutsche Fernsehen gab gestern Abend in seiner Sendung ›Panorama‹ […] Millionen Zuschauern ein völlig einseitiges und verzerrtes Bild der Spiegel-Affäre. Es ging immer darum, ob bei den Verhaftungen mit zu deutscher Gründlichkeit vorgegangen wurde und ob Verteidigungsminister Strauß der Drahtzieher der Aktion ist. Daß es um den Verdacht des Landesverrats, landesverräterischer Fälschung und aktiver Bestechung geht, wurde kaum erwähnt. Das alles ist ein heimtückischer Angriff auf die junge deutsche Demokratie. Besonders gefährlich deshalb, weil die Sendung außerordentlich gekonnt und raffiniert gemacht war. Bild sagt es noch einmal: Wenn Unkorrektheiten bei den Verhaftungen vorgekommen sind, dann ist das schlimm. […] Aber schlimmer ist, wenn Verrat begangen und unser aller Sicherheit gefährdet wird. Das Fernsehen als Körperschaft des öffentlichen Rechts hat objektiv zu sein. Es ist nicht seine Aufgabe, das Vertrauen in die deutsche Justiz zu untergraben. [...] Das ist ein Betrug an Millionen deutscher Zuschauer.« (Bild, 05.11.1962)
Und die ZeitungDer Tagsetzte noch eins drauf: »Das deutsche Fernsehen mit seinemPanoramaglaubt offensichtlich an denSpiegel. Der Staat aber, der sich seit Jahren im Zeichen der uneingeschränkten Pressefreiheit von diesemSpiegelattackieren läßt, schützt auch in diesen Stunden, da der Bundesgerichtshof seine Pflicht tut, die Freiheit aller in und mit demSpiegelArbeitenden.« (Der Tag, 06.11.1962)
Aber dem nicht genug. Die CDU war außer sich. Der Intendant des NDR, Gerhard Schröder, wurde bombardiert mit Protestschreiben aus den Landesleitungen der Partei. Aus Hamburg hieß es, die Grenze des Tragbaren sei überschritten, solche Vorgänge dürften sich nicht wiederholen. Die Landtagsleitung der CDU Niedersachsen erklärte, »die Sendung sei so einseitig gestaltet worden, dass der Eindruck der Demagogie erweckt worden sei«. Der deutsche Unionsdienst der CDU/CSU forderte, »die zuständigen Instanzen in Rundfunk und Fernsehen sollten endlich und deutlich die Verantwortlichen der Sendung zur Ordnung rufen«.
Und der schleswig-holsteinische Ministerpräsident von Hassel hob in einem Schreiben hervor, »dass alles getan werden müsse, um Geheimnisverrat ohne Rücksicht auf Rang, Amt, Parteizugehörigkeit zu verfolgen und aktive Bestechung von Geheimnisträgern zu bestrafen. [...] umso bedenklicher sei aber der Eindruck von der Panorama-Sendung, die ein völlig verzerrtes Bild der bisher bekannten Tatbestände der sogenannten Spiegel-Affäre gibt, damit werde in ein schwebendes Verfahren eingegriffen und die Pflicht zu objektiver Berichterstattung auf das schwerste verletzt.«
Der geschäftsführende Bundesvorsitzende der CDU, Josef Hermann Dufhues, beklagte schließlich auf einer Delegiertenversammlung des Ringes Christlich-Demokratischer Studenten, Panorama verstoße dauernd gegen die Rundfunkgesetze und man frage sich, ob der NDR dieses Programm weiterhin zulassen dürfe. Auch die anderen Rundfunkanstalten müssten sich fragen, ob sie diese Sendung noch ausstrahlen wollten.
Dieser Vorwurf war insofern dreist, weil genau eben jenem Herrn vor der Sendung angeboten worden war, sich in Panorama zu den Vorwürfen zu äußern – ebenso wie dem Sprecher des Verteidigungsministeriums. Beide hatten aber abgelehnt.
Die Pressereaktionen zur Panorama-Sendung über die Spiegel-Affäre vom 4. November 1962 erfolgten bis weit in den Dezember. Die
