Die Unruhe des Uhrmachers - Wolfgang Stephan - E-Book

Die Unruhe des Uhrmachers E-Book

Wolfgang Stephan

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Beschreibung

Eine Zeit- und Raumreise, durch sonder- und wunderbare Welten der Realität und Fantasie, die uns vom Niederrhein nach Andalusien und ans Mittelmeer führt, in der wir braven Bürgern und eitlen Königen, Zauberern und Verliebten begegnen, allerlei unfassbare Wesen und Getier unseren Weg kreuzt, wir einen Blick in etwaige Zukunft erhaschen und abtauchen ins dunkle Mittelalter. Welch' ein buntes Kaleidoskop!

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Seitenzahl: 257

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Die Unruhe des Uhrmachers

Manchmal schwitzt auch der Zauberer

Das Logbuch Julius’

Das Qwertzui Opü

Scalaria

Warum das Wasser im Flussbett bleibt?

Die Unruhe des Uhrmachers

1

Vor vielen Jahren, als die Haustüren und Fenster im Dorf in einem harten Winter völlig zuschneiten, erzählte man sich in den warmen Stuben die Geschichte eines Uhrmachers aus der Nachbarstadt. Alle hörten andächtig zu, denn es war schon eine sonderbare Sache, die dem Uhrmacher passiert war.

Unten an der Mündung des kleinen Flusses sammelte er häufig große runde und auch flache Steine für Uhrgewichte. Weil er nicht nur goldene Uhren machte, sondern auch althergebrachte mit einfachen Gehwerken. Bei seinen Wanderungen mit Stock und Brotbeutel verweilte er dann lange vor den Toren der mehrtausendjährigen Stadt. Im Gnadental und wie sich die schönen Flecke sonst noch nannten!

Und wenn es windstill war, nahm er aber auch den einen oder anderen der Flachsteine und ließ ihn wie einen Frosch über den großen Strom vor der Mündung des kleinen Flüsschens springen. Falls es ihm dann auch noch Spaß machte, blieb oft nur ein einziger Stein seiner Sammlung übrig. Mal eine Achatscheibe oder ein weißer, geschliffener Quarzit. Dann wurde die bestellte altmechanische Uhr leider nicht so schnell fertig, und ein schlechtes Gewissen hatte er auch.

In seiner Werkstatt hingen und lagen etliche, eigentlich unzählige Uhren, unfertig, zerlegt, tickend, schlagend und mit der Zeit auf alle möglichen Arten verwandt.

Vorn an der Hoftür hieß es: Ernst A. Schmied – Uhrmacherei und Reparaturen. Das A stand, wie er behauptete, für Anachronos, den Unzeitgemäßen. Tiefer Eingeweihte wussten aber, dass er Antonius hieß. Jeder, der dort hinkam, mochte also glauben, ein aufrechter, aber ernster Handwerker mit Lupe und Pinzette würde oben in der Werkstatt rumoren. Oder war der Name Schmied etwa das Zeichen einer unbekannten groben Wahrheit?

2

Nein, nein!

Ernst A Punkt S Punkt bemühte sich redlich, es allen recht zu machen. Aber es fiel ihm auch auf, dass er selbst deshalb oft zu kurz kam. Seine Frau Lisa, die ehemalige Handarbeitslehrerin, mied seine Werkstatt, weil das geordnete Chaos, das Ernst zuweilen Chaosmos nannte, ihr sehr widerstrebte. Sie war tagsüber lieber noch als Aushilfe in einem Krümelladen tätig. Dort konnte sie Wolle, Stricknadeln, Weizenschrot, Kümmel und Henna nach Belieben ordnen und an die Frauen der Nachbarschaft bringen. In einem Krümelladen eben!

Ein Mann wie er, eingebaut als ruhiges Rädchen zwischen Pendel und Unruhe der Zeit, war durchaus beliebt in Vereinen der Stadt. Er konnte ja zuhören, wenn andere von Zeitläuften und Geschichten erzählten. Gelernt hatte er so etwas beim Hören auf die feinen Geräusche, auf den Gang der Dinge, auf die Schläge des Herzens, auf das Ticken der Uhren. Einmal hatte er beispielsweise berichtet, wie für ihn durch Mischplomben im Gebiss ein direkter Empfang des Signals der Normalzeit eines nahen Radiosenders möglich würde. Oder von Radio Norddeich oder gar aus Braunschweig? Alle glaubten ihm die scheinbare Mär sogar, weil seine umgebauten oder operierten Uhren völlig genau gingen und zuweilen auch einen sehr harmonischen Klang erzeugten.

Ernst A. Schmied hatte zudem auch eine Grille im Haus, ein Heimchen, wie man sagt. Und der antike Wasserhahn am Ausguss tropfte in stetiger, äußerst penibler Zeitfrequenz, mit der man die Standuhren ebenso einstellen konnte wie seine Erbsenuhr. Alles Zeugs, was einen fast genialen Uhrmacher auszeichnete!

3

Ja! Und die Erbsenuhr! Die war etwas Besonderes.

Eine Entwicklung früherer, ungestümerer Jahre, als er sich noch als unbegrenzter, überirdischer Erfinder wähnte. Aber keiner wollte das Maschinen-Unikum erwerben, so dass es ihm und seiner Frau in einer längst vergangenen, schlechten Zeit mit den 3600 Erbsen dieser Uhr wenigsten für zwei komplette nahrhafte Mahlzeiten reichte. 3600 Erbsen gingen auf ein Kilo, und 3600 Sekunden zählte man in einer Stunde.

Die Grille, das sollte noch gesagt werden, hatte sich vor langer Zeit bei ihm eingenistet – irgendwo in einer Spalte zwischen Ersatzteilkommode und dem feurigen Elias, dem allesbrennenden Ofen – auf dem ständig der Knochenleim für die Reparatur von großen, hölzernen Uhrenkästen köchelte. Die Grille gab Tag und Nacht unbeirrbar ihre Frequenz zum Besten. Auch wenn der Leim zischte oder mal Sauerkraut gekocht wurde!

Schlechte Zeiten hatte es doch immer gegeben. Für Uhrmacher blieb dann nicht viel Zeit zum Erfinden und Basteln. Jede Arbeit musste Ernst mit Ernst annehmen, um sich und die Seinen durchzufüttern. Da gab’s die Pegeluhr im Hafen, die Turmuhren der Kirche, des Münsters und im Rathaus und alle möglichen Thermometer und Barometer in und an Geschäften und Apotheken als Ersatzliebe. Und natürlich auch alle Chronometer und Zeitzeichen im Schloss, das man so prächtig hingestreckt und gepflegt vom Kirchturm aus in einem riesigen, paradiesischen Garten sehen konnte.

Die Hacken lief er sich schief für ein paar Pfennige. Von Drogist zu Drogist wegen der Barometer! Bei den Optikern warteten auch noch die Hygrometer. Welch ein Leben in jenen Zeiten!

Und da waren übrigens auch noch die Uhren seiner Mitmenschen, ihre Unruhe, ihre Gesichter und Zeiger. In jenen Zeiten hatte er sich in seinem alten Haus bis in jeden Winkel ausgedehnt und verkrochen zugleich. Und er hatte glücklicherweise seine Sorgen und Sehnsüchte nicht in Bier und sonstigen Alkoholika ertränkt, sondern sie eher mit den Uhren geteilt, wenn sie mit dem Maß der Zeit nicht zurecht kamen, und ihnen dieses besondere Leben wiedergegeben: Aktualität, Genauigkeit, Treue ...

4

Am Sonntag nahm er sich natürlich auch die Zeit, auf die Turmuhr zu hören. Am Stammtisch legten der Lehrer, der Ratsherr oder der Autohändler manchmal eine Taschenuhr oder eine Digitaluhr zur Diagnose vor. Während er dann beispielsweise den Springdeckel öffnete oder die wackelige Krone des Aufziehmechanismus kontrollierte, palaverten die anderen von guten und schlechten Zeiten. Jeder nach seiner Facon mit Übertreibungen, Unterstellungen, Besserwisserei und auch mit Humor, so wie es die Umstände erforderten.

Nur bei der Turmuhr der Pfarrkirche war es etwas anders. Weder der Küster noch der Pfarrer begleiteten ihn, wenn der Tag nicht mit dem Stundenschlag harmonierte oder die Gebete und Predigten zur falschen Zeit aufgerufen wurden. Ernst Anachronos ging die Stufen des Turms schon viele Jahre hinauf. So in den Jahren seiner frühen Ehe, während des Krieges und natürlich auch zu Friedenszeiten. Und später auch! Ach, du liebe Zeit: wie oft!

Manchmal versuchte er, die Zahl der Stufen im Turm zu ritualisieren. Sie mit der Stundenzahl des Tages, mit den Daten von Monat und Jahr zu multiplizieren. Oder so! Und wenn er dann dort oben – dem Himmel gar nicht so nahe, wie es eigentlich schien – zwischen Schlagwerk, Glocken und Antrieben der Zeiger stand, puzzelte er mit der menschlichen Technik an den menschlichen Maßen der Zeit und der Zeitalter.

Wie viel mehr Kraft erforderte aber die Umstellung der Uhren dort oben auf die Winter- und die Sommerzeit! Das war kein Puzzle. Er gewann dabei für alle Mitmenschen um sich herum, bis weit ins Land hinein, so weit man vom Turm sehen konnte, an einem dieser Tage der Zeitumstellung eine Stunde, eine ganze lange Stunde im Tageslauf hinzu, so als wäre doch Zeit vermehrbar. Aber sie ging ja später wieder verloren. An einem bestimmten Tage wiederum mit zwei, drei anstrengenden Hebelzügen war halt wieder ein anderes Gleichgewicht eingerichtet.

Der Blick nach dieser Arbeit lief über die Dächer, die Bäume, die Wiesen, die Höfe, das Schloss, den Park, die alle ohne Zeit da lagen, sich sonnten oder auch nicht und irgendwie sorglos dahin lebten. Die Blätter der Bäume kannten nur Tag und Nacht. Und der Gärtner im Schlosspark stand auf, wenn es die Sonne gebot. Ihm folgte ein Hund gänzlich ohne Programm. Und dem ging es wie den Dächern, den Bäumen, den Wiesen und so weiter. Er kannte nur Tag und Nacht.

Die Köchin im Schloss holte sich Gemüse und Kraut, so wie die Sonne stand und, wenn es regnete, eben auch mal etwas später. Und der König erhob sich von seinem breiten, roten, purpurroten Bett, wenn es ihm beliebte. Heute jetzt! Morgen später! Und übermorgen gar nicht!

Das konnte Ernst A. Schmied genau sehen, wenn er pflichtbewusst im Kirchturm werkelte. Er sah, dass das so geschah an jedem Arbeitstag, der ihm allerdings flink die Zeit zur Muße stahl. So keimte in der Höhe des Turmes allmählich der Wunsch, es denen im Park, im Treibhaus, ja im Schloss sogar gleich zu tun. Zeit zu haben. Ohne Zeit zu leben. Am besten eben König zu werden!

5

Die springenden, hüpfenden Steine an der Flussmündung, die seiner Hand entglitten, beschrieben mit ihrem Flugsprung eigentlich den Weg, den er nehmen sollte, um seinen Wunsch zu verwirklichen. Große Sprünge! Schnell ins Ziel! Und weite Kreise ziehend!

Er kehrte nach dem Gottesdienst in seine Werkstatt zurück. Recht eilig tat er das, weil seine Frau noch nicht mit dem Mittagessen fertig war. Und wie gerade in der Kirchturmuhr getan korrigierte er alle gehenden, betriebsfähigen Uhren im Laden und stellte sie auf 12 Uhr ein. Die hohe Zeit, high noon, wie die Amerikaner sagen, dachte er. Dann strich er gedankenverloren über das Schneckenfossil der Clymenia undulata, das mitten auf dem Zahltisch neben der Kasse stand. Er hatte es immer als Symbol seines Gewerbes angesehen, sich aber nicht getraut, auch das Firmenschild so gestalten zu lassen. Die Schnecke, die versteinerte, als Symbol der unendlichen Zeit.

Was war dagegen schon die moderne Zeit, die er mit den kleinen Krümelbatterien aus Quecksilber in Uhren abfüllte. Und wie traurig wirkte erst die Sonnenuhr im Hof bei Nacht. Und wie schnell war das Maß der Zeit so flüchtig und zerronnen, wenn die Sanduhr zur Ruhe kam. Die Schnecke im Stein nahm ihn auf besondere Weise in ihrer Spirale auf.

Zeitlos. Endlos.

Zum Leidwesen seiner Frau hatte er das Haus bis in alle Winkel mit Werkzeug und Büchern und anderem zeitlosen Krimskrams ausgefüllt. Sogar der Staub auf Pendeluhr, Sonnenstein und Meteorit wurde von ihm als Zeichen der Zeit akzeptiert. Und immer wieder hatte er genüsslich die Schilderungen der Pendelversuche Galileo Galileis im Pisanischen Turm gelesen. Dabei kam zu ihm ganz langsam und leise immer das Gefühl für die Zeit wie ein müder, treuer Hund zurück. Aber eigentlich wollte er zeitlos sein, denn er fühlte sich von seinem Beruf bestraft.

6

Im Rathausturm gab es ähnliche Aufgaben wie im Kirchturm. Doch ein wesentlicher Unterschied betraf den Abstand zwischen Wirklichkeit und Ewigkeit. Im Rathaus legte man nur Wert auf die genaue Zeit für Arbeitsbeginn, Feierabend, Steuertermine und Ladenschluss. Und Ernst A. Schmied sah dann auch, wie der Bürgermeister und seine Vasallen gebückt zum Schloss eilten, um sich, wie sie es nannten, miteinander abzustimmen.

Die normalen Kirchgänger bewegten sich dagegen eher auf den Wegen der Vergänglichkeit und warfen nur ab und zu einen verstohlenen Blick auf die hohe Uhr im Rathausturm, um sich vielleicht für den Frühschoppen und das Vereinsfestessen zu sputen.

Wenn Ernst am Sonntag dann mit seiner Frau zu Tisch gesessen hatte, sprach man auch über die vergangene Woche und plante die kommenden Tage. Sie, die Lisa, ermunterte ihn zu mehr Ordnung und Genauigkeit und gleichzeitig auch zur Mahnung säumiger Kunden. Es würde Zeit, dass sich etwas in seinem Leben änderte, bestimmte sie recht deutlich.

Am Nachmittag gingen sie gemeinsam an die Flussmündung, um die Gezeiten der Staustufen und Wehre zwischen dem kleinen Fluss und dem großen Rhein zu verfolgen. Sie kamen gerade zurecht, um das ablaufende Wasser in einem Glas einzufangen und ein paar Gewichtssteine aufzusammeln. Trotz dieser Beschaulichkeit, die die Umgebung auf ihn und sie ausgoss, spürte er seine Unruhe.

Einem Uhrmacher geht das wohl immer so!

Schon dem ersten Kunden am nächsten Morgen versuchte er im plaudernden Ton klarzumachen, dass etwas geändert werden müsste. Renten, Postgebühren, Notgroschen, Zinssätze, Feuerwehrmelder. Aber der Kunde hörte nicht zu. Und er war offenbar recht froh, den Laden auch schnell wieder zu verlassen.

Und dieser Montag hatte wie üblich einen Abend, an dem regelmäßig der Treff des Literaturzirkels stattfand. Der eine las seine Frühlingsgefühle vor. Die Frauen verdiskutierten einen Leitartikel über Theaterfestspiele in Dingsda, Posemuckel und Schilda. Und die, die wie Ernst A. Schmied bei ihren heißen Eisen, so genannten Gewissensangelegenheiten, geduldig und schweigsam zuhörten, begannen gegen Ende des Zirkels auch noch über Fußball zu fachsimpeln. Gerade konnte unser Ernst noch sagen, dass wohl und eigentlich ganz bestimmt was zu ändern wäre, aber es wollte ihm schon keiner mehr zuhören. Zu viele Worte waren gefallen.

7

Am Dienstag, der ja zeitgemäß auf den Montag folgte, reparierte er emsig die Kuckucksuhr. Sie war ein Urtyp, der sich immer wieder einer rationalen Betrachtung entzog. Schmied konnte sich konzentrieren, wie er wollte, und trotz aller Anstrengungen, trotz genau tarierter Gewichte gelang es ihm nicht zu verhindern, dass diese Uhr rückwärts ging. Der Zeitverlust, der diese Uhr betraf, sie erfüllte und antrieb, beherrschte plötzlich auch ihn. Und so fand er sich unversehens im Literaturzirkel vom Vorabend wieder. Er hörte also die anderen und sich selbst wie in einer Aufführung.

Und als er in diesem Moment das Pendel anhielt, war er wieder im Dienstag. Dieses Experiment wiederholte er mehrmals, immer mit dem gleichen Ergebnis. Und der Eindruck des Montagabends blieb auch heute noch am Dienstag so, wie es sich ergeben hatte – wie weh es doch tat, wenn ihm partout keiner zuhören wollte.

Als er sich am Abend im Kleintierzüchterclub mehr aus Langeweile als aus Passion zu den Biertrinkern setzte, konnte er endlich unter 8 oder 10 Augen seine Wünsche nennen. Bei den Hasenfreunden, Kanarienvogeltrainern, Schildkrötenerziehern und Meerschweindompteuren!

»He, du Zifferblatt«, hatten sie ihn hier zuvor recht freundlich begrüßt.

Ernst erklärte dann den Leuten, wie sie wenigstens an diesem Abend die Hast ablegen sollten. Und den Ehrgeiz. Muße sollte man einkehren lassen. Mal die Beine unterm Tisch ausstrecken!

»Hört den Uhrmacher!« lachten sie über ihn.

Und er antwortete, sie sollten sich schon daran gewöhnen, dass er mal König werden wollte und dass sich dann einiges ändern würde.

Es begab sich aber auch, dass er an diesem schon mehrfach mit der Arbeit an der Kuckucksuhr unterbrochenen Dienstag in aller Frühe von einem Boten aus dem Schloss aufgesucht wurde. Der Bote trug eine unförmige Pendule auf ausgestreckten Armen. Schwer atmend kam er die Stufen in den Laden hinauf, wo Ernst, der Anachronos, noch im Morgenmantel eiligst die Strähnen ungekämmten Haars aus Gesicht und Brille strich.

Der König wäre, so keuchte der Bote, nicht nur an einer Restaurierung, sondern auch an einer zeitgemäßen Justierung und Änderung im Sinne vom Weltlauf interessiert. Er sollte einen Vorschlag machen und am Nachmittag damit im Schloss vorstellig werden.

8

Schmied packte später seine aufgenordete Kuckucksuhr ein und lief zur angegebenen Stunde zum Schloss. Und er ertappte sich sogar, pünktlich sein zu wollen, obwohl er eigentlich an seiner Macht über Zeit und was noch arbeiten sollte. Macht durch Zeit oder auch durch Unzeitgemäßes? Mit diesem eigenen Hader heftig umgehend erreichte er währenddessen das Schlosstor, bekam auch Zutritt und konnte nach eingehender Visitation im königlichen Sekretariat vorsprechen.

Von zwei feierlich gekleideten Bediensteten begleitet, wurde er ins Studio des Königs geführt. Und schon war er seinem Wunsch ganz nahe, zu erfahren, wie Könige lebten und strebten. Denn er wollte natürlich viel auf einmal lernen, um selbst König zu werden! Wie erschrocken war er deshalb, als er in diesem majestätischen Kabinett auf einem schnörkellosen, blankgescheuerten Tisch einen Aktenstoß und ein Regiment bunter Zinnsoldaten, einen digitalen Taschenrechner und kugelig zusammengerollte Hosenträger liegen sah. Und es stapelten sich dort offenbar auch Rechnungen neben einer Schale mit Zuckertütchen und -stückchen, die die Adressen bekannter Kur- und Badeorte trugen.

Und hinter diesem Tisch saß auf einem übermäßig vergoldeten, prunkvoll geschnitzten Stuhl sowie auf federlassenden, schäbigen Kissen im Morgenrock mit Brokat: der König.

9

Ernst hatte ihn ja dort schon von Ferne bei seinen Türmerarbeiten im Kirchturm gesehen, jedoch nie tiefere Einblicke ins königliche Kabinett und die Gewohnheiten gewonnen. Aber dass dieser Fürst ein Lupenglas, das auch er für Feinarbeit benutzte, in den Augenwinkel geklemmt hatte, wunderte ihn doch sehr.

Sie eröffneten das Gespräch zugleich mit Guten Tag, und während der König Meister sagte, rief Ernst A. Schmied Majestät, und es klang wie ein Wort. Deckungsgleich!

Dann begann Ernst davon zu berichten, wie er versucht hätte, die Pendellinse der Pendule zu justieren, am Grahamgang zu arbeiten, aber dabei irgendwie mit der Astronomie des Schlosses nicht zurecht gekommen wäre. Er wollte jetzt nicht unbedingt sagen, dass sich im Schloss nicht alles um die Sonne drehte oder so, aber gedacht hatte er das irgendwie schon.

Der König nickte, hörte zu, schürzte den Mund, legte den Kopf mal in die eine Hand, dann in die andere und sagte schließlich, man habe so viele Uhren, es komme auf die eine Pendule gar nicht an. Obwohl, wenngleich, zwar und aber.

Na ja! Endlich wagte Ernst A. Schmied dann noch zu sagen, er würde einen Tausch anbieten wollen. Nämlich die Kuckucksuhr anstatt der Pendule! Und er packte das Ding also sogleich aus dem Pack- und Zeitungspapierberg aus und hängte den Kasten an den goldenen Kleiderhaken für das königliche Barett.

Dann erklärte er, wie diese mit den Steingewichten betriebene Zeitmaschine arbeitete, aber einen kuriosen Fehler besonderer Art aufwiese. Als er jedoch noch erläuterte, man könnte damit sofort in die Vergangenheit gleiten, wenn man sich mit dem Zeigefinger nur ihren Zeigern anvertrauen würde, fiel dem König das Lupenglas vom Auge. Die Diener traten mit verschränkten Armen an den Tisch, weil sie Verrat witterten.

E. A. Schmied bewahrte jedoch die Ruhe, als er merkte, wie peinlich der Vorfall dem König war. Konnte ein König so kleinlich sein, etwa etwas nicht begreifen, gar Ängste haben? War das ein König, dieses beleibte Männlein inmitten der zeitlosen und dennoch unzeitgemäßen Pracht?

Schließlich versprach Ernst doch noch, die Pendule einer erneuten, genauen Prüfung zu unterziehen und den Reparaturpreis telefonisch durchgeben zu wollen. Und der König war wohl damit zufrieden, weil er Ernst zuvorkommend und beidhändig beim Verpacken der Kuckucksuhr half.

10

Lisa schalt ihren Mann nicht zu Unrecht einen ausgemachten Revolutionär. Und er widersprach ihr aber heftig, denn er wollte ja selbst König werden. Sein nebelhafter Wunsch hatte sich indes verstärkt, seit er auf dem Rückweg die Schlossgemächer, die Halle der Audienz beflissen passiert hatte und die devoten Gesichter all der wartenden Bürger sah. Das war vielleicht ein Gefühl, wenn man es bedachte und so weiter ...

Er sagte seiner Lisa klipp und klar, dass er den Finger am Zeiger der Geschichte hätte und ihn auf keinen Fall mehr zurückziehen wollte. Seine Abendruhe verbrachte Ernst diesmal nicht zu Hause, obwohl Weib und Uhren unbedingt der Pflege bedurften. Aber überzeugt, ja besessen von seinem Zukunftstraum, ritt ihn an diesem Abend schon ein kleiner Teufel.

Aber noch nicht der richtige Königsteufel!

Ernst spazierte allein zum Feuerwehrball. Sowohl beim Quarter Dance als auch bei der Polonaise stampfte er wie ein Uhrwerk, aber nur unterm Biertisch. Dann, als Rock und Tango angesagt waren, kamen einige Bekannte vom Parkett an seinen Tisch. Sie fragten ihn, ob er sich amüsiere und noch mehr. Und er ergriff geschwind den Faden, den sie ausgelegt hatten. So sagte er daher, wie wenig Amüsement das tagtägliche Leben mit sich brächte. Und er, er trüge ja nicht umsonst den Vornamen Ernst.

Danach spielte man noch den Frühlingsstimmenwalzer, den Marsch der Königstreuen und das Lied der Seemannsbräute. Ernst tanzte auch dann immer noch nicht, als endlich die SzieänddabbeljuhSongs, die Country-Schwänke, fast alle auf den Tanzboden lockten. Dem einen oder anderen, auch den Mädels, hatte er zwischendurch in Brocken von seinen Hoffnungen auf ein besonderes, neues Leben erzählt. Keiner hatte aber die Geschichte ganz mit angehört und noch dazu auch ernst genommen. Kurz nach Mitternacht ging er deswegen etwas verstört heim und fühlte sich unverstanden.

11

Am nächsten Morgen stürmte es vom Meer, dem Atlantik, in die Region des Niederrheins so sehr, dass die Zeiger auf der seezugewandten Seite des Kirchturms aus ihrer Führung sprangen und eine völlig verkehrte Zeit anzeigten. Um neun Uhr hing dort oben die gleiche Zeit wie um elf Uhr! Prompt kam die Aufforderung aus der Rendantur der Kirche zur Reparatur. Es blieb also Werkstattarbeit liegen. Aber er gewann auf dem Weg zur Kirche doch etwas Zeit, um noch einmal über die Königswürde, die er anstrebte, nachzudenken. Und er tröstete sich mit dem Gedanken an einen langen, steinigen Weg bis zu diesem Gipfel. Irgendwann würde es besser werden und klappen!

Aber schon die Kirchentür erwies sich als widerspenstiger Partner.

Und dann die Stufen der Treppenstiege in den Turm ebenso! Sie zeigten ihm mit ihrem Ächzen, wie überdrüssig sie seiner waren. In der großen Übersetzung der Gewichtstransmission, stellte er dann fest, hatte sich der verschlissene Zipfel einer Kirchenfahne verfangen, so dass gerade das dem fernen Meer zugewandte Zeigerpaar dem Wind nicht mehr den nötigen Widerstand entgegenzusetzen wagte. Ernst stemmte sich in das ausgehakte Widerlager, stöhnte und haderte in kirchenunwürdigen Sprüchen mit dem Getriebe, bis er jäh vom schrillen Schrei des Turmfalken unterbrochen wurde.

Da riss die Fahne vollends an den Nähten zwischen Kreuz und Grundstoff auseinander und haspelte sich auf. Draußen rasten für alle weithin sichtbar die Tages- und Nachtstunden, von den rotierenden Zeigern getreu ihre Bestimmung durch die Gewichte der Zeit angezeigt, in wenigen Sekunden vorbei.

Und das Geläut, das durch Ernstens erschrecktes Festhalten am Glockentau gestartet wurde, ließ dieses Ereignis bis ins Schloss hörbar werden. Mit wahrscheinlich letzter Kraft stemmte er sich gegen diese Haspel, und die in völliger Verzweiflung aufgebrachte Kraft wirkte sich auf die Treppengeländer und die ersten beiden Stufen aus. Sie splitterten und brachen einfach weg.

Begleitet vom gellenden Schrei des Turmfalken rutschte er jetzt blitzschnell weg, ergriff das Glockenseil und noch eines der Turmgewichte und rauschte auf den Turmsockel zu. Sein Gewicht war natürlich für das gesamte Werk der Spindelhemmungen zu schwer, und so zerbrach manches. Als sich Ernst A. Schmied – in diesen Momenten seinem Namen etwas mehr gerecht werdend als sonst – vom allgemeinen Schrecken erholt hatte, schlich er sich beschämt und humpelnd in seine Werkstatt zurück.

War er heute doch erneut bestärkt worden, weder für das grobe Türmerhandwerk noch für den Feinmechanikerkram geeignet zu sein. Wahrscheinlich war er doch für Höheres geboren.

12

Da aber kam schon der bekannte Bote des Königs dahergelaufen. Und der bestellte den Uhrmacher erneut ins Kabinett. Nach der Teestunde wohlgemerkt.

Ernst blieb also nichts anderes übrig, als nun geschwind und gründlich die Pendule nach den Regeln der uralten Zeitkunst Stück für Stück zu zerlegen und zu reinigen. Er feilte ihr die Zähne und richtete den Gang und spannte das Torsionsgetriebe in jenem Rhythmus, den ihm seine Grille – hinter welchem Schrank oder Ofen auch immer – vorgab.

Und plötzlich klappte es. Die Pendule schlug die Viertelstunden, gab auch die Mondviertel preis und zeigte an, dass – wer hatte bisher daran gedacht! – in wenigen Tagen eine Sonnenfinsternis zu erwarten wäre. Eilig packte er das Prachtstück ein und tippelte mit ihm ins Schloss.

Nach der üblichen Zeremonie der Kontrollen stand der Uhrmacher vor seinem König. Sobald die Pendule an ihrem althergebrachten Platz wieder reibungslos und peinlich genau arbeitete, verschränkte der König unmajestätisch die Arme. Er nickte mit dem Kopf im Tempo des Uhrengangs und pfiff mit dem Stakkatorhythmus in fis. Eindeutig in fis! Und nach einer Weile wurde es tatsächlich die volle Stunde, und die Pendule schlug. Weiterhin pfiff der König genüsslich den Glockenschlag d fis a. Abwesend. Versunken und verträumt, wie es schien.

Dann jedoch, als die fünfte Stunde gänzlich ausgeläutet war, wandte sich der König an Ernst A. Schmied.

Er streckte ihm den goldberingten Zeigefinger auf die Brust und sagte gebieterisch: »Mir hat, Herr, Ihr augenscheinliches Unvermögen bei der Kirchturmreparatur und der gesamten Verwaltung doch sehr zu denken gegeben. Die Staatshoheit ist mit dem unnötigen Ausfall der Zeit verletzt worden. Und Ordnung und Recht wurden damit in Frage gestellt.«

Nach einer längeren Denkpause, bei der der strafende Zeigefinger immer noch auf Ernstens Brust ruhte, bestimmte der König, Ernst hätte bis zur völligen Herstellung der Turmuhr jede Nacht ab Null Uhr in der Stadt die Uhrzeit zu jeder vollen Stunde auszurufen.

Er sagte das majestätisch, drehte sich auf dem Absatz um und schlurfte mit seiner roten Robenschleppe in seinen Uhrensaal zurück. Schmied stand lange, bis ihn der Diener mit erheblichem Druck aus dem Schlosstor bugsierte. Während des Heimwegs keimte nun doch gewaltiger Ärger auf.

So durfte doch kein König reagieren! Es wurde Zeit. Es wurde höchste Zeit!

Er musste diesen König unbedingt ablösen. Vielleicht konnte man nach dessen Sturz auch einen König auf Zeit einführen. Er, der Zeitgenosse im eigentlichen Sinne, wollte das schon richten. Ein Programm machen. Den Leuten zuhören. Problemen nachgehen. Sie lösen. Und so weiter. Und auch durchaus als König auf Zeit wollte er weise handeln. Sollten sich, wenns nicht klappte, auch andere Naseweise oder so eine blutige Nase holen.

13

Ernst war von diesem Tage an nicht mehr zu Schabernack aufgelegt. Seine Frau reagierte nur mit einem langen Kopfschütteln und dem lakonischen Satz: »Ich hab’ das kommen sehen.«

Solcherlei Trost hatte Ernst nicht erwartet. Er wollte sich ja wehren, aber wenn ihn schon die eigene Frau abgeschrieben hatte, wie mussten andere erst darüber denken?

Und tatsächlich geschah es auf dem Weg in den Skatclub, der immer am Mittwoch auf dem Programm stand, dass die Leute riefen: »Sag' mal, was machst Du denn ständig im Schloss?« Oder es lautete auch: »Uhrmacher müsste man sein!«

Er glaubte nun doch, dass das Ganze erklärungsbedürftig wäre, und nutzte den Skatabend zum Gespräch über Reformen, Schulsystem und Beamtengehälter.

Und all das Lamento endete natürlich mit der Bemerkung: »Wenn ihr mich zum König machen würdet, dann würde alles ganz anders.«

Paul, einer seiner Skatbrüder, antwortete dazu trocken: »Nun leg' schon den Kreuzkönig rein, wenn wir aus dem Schneider kommen wollen!«

Kurz vor Mitternacht erschien auch der bekannte Königsbote im Lokal, um die Befolgung der königlichen Order zu überwachen. Deswegen blieb Ernst nun wirklich nichts anderes übrig, als alle Buben und Könige im Stich zu lassen. Versprechen und Befehle hatten einen höheren Stellenwert als noch so spannende Spiele! Seinen Lodenmantel warf er sich über und nahm das Horn und schritt den ihm befohlenen Weg ab. Vom Goldenen Ross zum Rathaus, dann zum Spritzenhaus, am Kirchtor vorbei bis zum Genossenschaftshaus. Und überall hielt er inne, um mit gemäßigter Stimme den Spruch zu rufen:

Unser König hat’s befohlen,

Uns die Stunden oft gestohlen.

Aber mit der Zeit erwachen,

Nicht den Mond verlachen.

Mit der Sonne sich erheben,

In Morgenstrahlen sich verweben.

Null! schlägt jetzt die Uhr,

Ach, für die Sekunde nur.

Und stille steht die Zeit.

Schläfer, Träumer: S’ist soweit!

14

Mit jedem Halt wurde sein Wille mehr und mehr gebrochen. Er kehrte dann irgendwie verstört in die Werkstatt zurück, um die erste Stunde des neuen Tages allein abzuwarten. Und er verglich die Uhren, die zu ihm gekommen waren, auf welchen Wegen auch immer, und fand, dass nicht eine, ja wirklich nicht eine zu gleicher Zeit mit der Zeit der anderen übereinstimmte. Offenbar hatte er sich immer getäuscht. Keine hatte die richtige Zeit. Keine beherrschte die Zeit.

Kurz vor ein Uhr trat er wieder den Weg an, um auch diese Stunde auszurufen, in der vorgegebenen Reihenfolge vom Goldenen Ross bis zum Genossenschaftshaus.

Um zwei Uhr in dieser Nacht war es nicht anders als um drei oder um vier. Und nach sechs Uhr endlich streckte er sich völlig ausgehöhlt und apathisch auf seiner Bank am Ofen aus und schlief schlagartig ein.

Erst der Duft von Assamtee und Gebäck aus dem Krümelladen machte ihn wach. An eine ertragreiche, handwerkliche Tätigkeit war an diesem Tag gar nicht mehr zu denken. Aber es bestärkte ihn, die Verquickung von Macht und Willkür, wie er seine Lage augenblicklich empfand, noch intensiver zu überdenken. Auch die Königswürde auf seinen Schultern wollte er weiter betrachten. Warum sollte nicht ein Uhrmacher, der mitten in der Zeit stand, zum König berufen werden, wenn sich in den Nachbarrepubliken Tischler, Elektriker und Sattler zu Präsidenten erhoben?

Um seine denkbar langen Leiden als Zeitgeist und Zeitansager und Zeitgenosse in den kommenden Nächten zu verkürzen, rannte er noch mit Gebäckbissen im Mund und mit allem nötigen Grobwerkzeug in der Hand zum Kirchturm und begann in Erinnerung an die Ermahnungen seiner fast vergessenen Lehrmeister, die allfällige Reparatur der Turmuhr wieder aufzunehmen.

»Verteile die Gewichte richtig«, hatte einst der Meister Konrad gesagt.

So begann er mit dem Gehänge, den Ketten, dem großen Zahngetriebe und mit der vierfachen Zeigerübersetzung. Dieses Geschäft reichte schon bis in den späten Nachmittag. Und es wurde ihm dabei auch ganz eilig zumute. Denn die Runde der Schachfreunde erwartete ihn natürlich an der altbekannten Stelle im Apothekenstübl, wo es auch geistige Destillate zur Stärkung gab.

15

Es war die Runde der Schachspieler, in der auch der Hufschmied und der Installateur saßen, deren Hilfe er nunmehr benötigte. Aber diese Entrückten während der Schachspiele zu stören war eine Sünde. So saß er erst still dabei, sah ihnen Zug für Zug zu und plante mit diesen Zügen auch seine Gedanken und Meinungen. Je mehr er den Rochaden und manchem Springeropfer zusah, umso deutlicher wurde der Eindruck von diesem hölzernen König. Der konnte niemanden schlagen. Trippelnde Schritte waren typisch. Selbst die Bauern waren irgendwie beweglicher als der König. Aber die Festungstürme fielen, und die Dame musste ihr Leben lassen. Dem alten König passierte aber nichts.

Nach der letzten Partie bat er zwischen zwei Glas Bier den Grobschmied, die notwendigen Stahlbänder für die gebrochenen Uhrwellen anzufertigen. Dem Installateur erklärte er mit schnellen Strichen auf zwei Bierfilzen die Reparatur der Messingräder und Zahnstangen, in die die vermaledeite Kirchenfahne wie ein Teufelsschwanz gefahren war. Und gerade noch rechtzeitig konnten sie sich für den nächsten Nachmittag verabreden, dann musste Ernst heimkehren.

Die Nachtzeit brach an.

Er wagte ja nicht, sich schon jetzt den königlichen Anordnungen zu widersetzen. Seine Zeit würde noch kommen, dachte er, während er sich den Lodenmantel und das Horn umhing. Seinen Rundgang konnte er freilich mit dem auferlegten Gesang auf wenige Minuten zur jeweiligen Stunde verkürzen. Aber die Stunden dazwischen, im Beichtstuhl der Kirche oder am Dichterbrunnen verbracht, waren keine Freude. Schon in der zweiten Nachtstunde nickte er ein, ohne sein Regierungsprogramm als neuer König zu Ende zu denken. Die nächtliche Kälte weckte ihn aber rechtzeitig, so dass er seinen Singsang mit notwendiger Variation vortragen konnte.

Als der Morgen graute – und es war ja nun schon Freitag – lag er halbangezogen oder halbausgezogen im Ehebett und schnarchte sich den Frust aus dem Halse. Zur Teestunde wiederum wurde er geweckt. Die Frau hatte ja allen Grund, ihn aufzurütteln, weil sie die Kasse im Laden leer fand. Nichts an Reparaturen oder neuen Uhren war verkauft worden. Und die Kosten liefen davon. Schuhwerk, Strom, Tee, Gewerbesteuer. Alles hatte seinen Preis.

16

Der Uhrmacher Schmied war nicht aufgelegt, seinen geheimen Trost beredt und ausführlich zu erläutern. Er sagte lediglich mit allerletzter Bestimmtheit, dass er des Königs überdrüssig sei und diese Geschäfte nun selbst in die Hand nehmen möchte. Ein König hätte sich um seine Untertanen redlich zu kümmern. Seine Sammlungen abzustauben, Diener für den Morgen und den Abend zu gängeln und dem Müßiggang die höchste Rangordnung einzuräumen, das konnte doch nicht die Profession eines Königs sein!