Die verhängnisvolle Phryne - C. J. Wills - E-Book

Die verhängnisvolle Phryne E-Book

C. J. Wills

0,0

Beschreibung

Der junge Mr. Leigh, Maler der romantischen Schule, ist seit Jahren Untermieter des älteren Junggesellen Doktor Tholozan. Leigh wird von seinen weiblichen Modellen und Kundinnen angehimmelt, aber der Ästhet und Idealist zeigt sich von deren Reizen und Betörungsversuchen unbeeindruckt – er will sich nicht verlieben, bis er für ein Bild "dieses Ideal, von dem wir alle träumen" gefunden hat. Das von ihm geplante Großgemälde hat bereits einen Titel – "Phryne vor ihren Richtern" –, aber noch fehlt das taugliche weibliche Modell. Phryne, diese berühmte Hetäre der griechischen Antike, soll sich, so geht die Legende, vor ihren Richtern entkleidet und sie dadurch zwar nicht von ihrer Unschuld, aber doch von ihrer Schönheit derart überzeugt haben, dass der Eindruck genügte, um einen sofortigen Freispruch zu erwirken. Als Tholozan dem jungen Künstler nun ahnungslos eine Fotografie seiner künftigen Frau Helene Montuy zeigt, beginnt ein furchtbares Drama von fast antiken Dimensionen seinen Lauf zu nehmen. Denn Leigh glaubt, sein Ideal nun endlich gefunden zu haben, und das beileibe nicht nur als Künstler ... Ein gleichermaßen amüsanter wie anrührend-tragischer Roman aus dem 19. Jahrhundert.-

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 266

Veröffentlichungsjahr: 2017

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



F. C. Phillips und C. J. Wills

Die verhängnisvolle Phryne

Roman

Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen

Saga

Erstes Kapitel.

Das Haus stand zwar in einem vornehmen Stadtviertel von Paris, machte aber selbst einen sehr wenig vornehmen Eindruck. Der Baumeister hatte seiner Phantasie in einem riesenhaften, reichgegliederten Einfahrtsthor freien Spielraum gelassen. Im übrigen war das Haus gross, hässlich und verwickelt genug, um das eines Herzogs oder eines eben mit einem Orden geschmückten Fabrikanten sein zu können. Aber der Künstler schien mit dieser stolzen Einfahrt, dieser Himmelspforte, seine Schaffenskraft erschöpft zu haben, und war zum Alltäglichen herabgesunken. Der Rest des Hauses war nichts mehr und nichts weniger, als die Verkörperung des Ideals der Verehrer des Nützlichkeitsprinzips, alles entsprach diesem Prinzip, mit Ausnahme des grossen Ateliers, welches der Eigentümer wohl sarkastisch „das Narren-Paradies“ nannte. Das war eine Härte gegen den Narren, welcher es mit seinem sauer verdienten Geld erbaut und Doktor Tholozan, dem gegenwärtigen Besitzer, seinem Bruder und einzigen lebenden Verwandten, hinterlassen hatte.

Doktor Tholozan war genötigt, in dem Haus zu wohnen, denn das war eine der Bedingungen, an welche das Vermächtnis geknüpft war, und der Doktor hatte einen Mieter in der Person des jungen Mr. Leigh, eines vielversprechenden Malers der romantischen Schule angenommen. Der junge Leigh bildete einen grossen Gegensatz zu den meisten seiner Kunstgenossen. Aehnlich wie vor einiger Zeit die ästhetischen Leute durch ihre auffallende und phantastische Kleidung unsre Aufmerksamkeit auf sich zogen, versucht neuerdings auch die romantische Schule der Hauptstadt der Welt ihre Gesinnungen durch ihren Anzug zum Ausdruck zu bringen. Der Schriftsteller, dessen Werke kein Mensch liest, trägt sein Haar ungeheuer lang oder er lässt es so kurz schneiden, dass er wie ein durchgegangener Tollhäusler aussieht. Ein schwarzer oder brauner Samtrock ist bei diesen Leuten de rigueur, und ihre Hüte werden auf besondere Bestellung gefertigt. Sonderbar, dass die Schüler so von ihrem Meister, einem kleinen, starken, alten Herrn mit einer Brille, abweichen.

Die Maler gehen noch einen Schritt weiter. Auch sie haben eine entschiedene Vorliebe für Samtröcke und finden, wie eben entlassene Sträflinge, eine ganz besondre Freude daran, ihr Haar lang wachsen zu lassen, so dass es, wie die Mähne eines Löwen, in wirrer Masse über ihre Schultern herabhängt. Einige kräuseln und salben es, während andre in Bezug auf die Länge ihres Bartes sogar Aaron in den Schatten stellen. Manche staffieren sich als Van Dycks des neunzehnten Jahrhunderts oder moderne Raphaels heraus, indes die, welche von der Natur eine gedrungene Gestalt empfangen haben, sich Rubens zum Muster nehmen. Die Mehrzahl derjenigen Künstler, welche hauptsächlich Scenen aus dem Soldatenleben oder Schlachten und Gefechte zum Vorwurf ihrer Bilder wählen, schwelgen in ungeheuren Schnurrbärten oder gewichsten Knebelbärten, und alle sind mehr in den Cafés und auf den Boulevards zu finden, als vor ihren Staffeleien oder Modellierstühlen.

Der junge Leigh that nichts von alledem, zum Teil vielleicht weil er ein Engländer war, jedenfalls war er stets nett und sauber, und er arbeitete so angestrengt, dass ihm keine Zeit übrig blieb, Studien über die vorteilhafteste Ausschmückung seiner Person zu machen. Er kleidete sich also lediglich sauber, nahm jeden Morgen sein Bad und zeichnete sich durch keine Absonderlichkeiten aus. Wenn man ihn ansah, machte er den Eindruck eines hübschen jungen Gesellen, der sich gut anzuziehen verstand und sich des Lebens freute. Er war nicht grösser als fünf Fuss zehn Zoll, also keineswegs eine Heldengestalt, aber er war fest wie Stahl, hatte ein offnes, ehrliches Auge und eine klare, reine Hautfarbe, trotzdem er täglich wohlgemessene acht Stunden in dem grossen Atelier arbeitete, welches einst das Paradies des verstorbenen Narren, Doktor Tholozans Bruder, gewesen war.

Obgleich sechsundzwanzig Jahre alt, hatte der junge Leigh noch nie geliebt. Auch dazu hatte er keine Zeit gehabt, wenn es ihm auch an Gelegenheit nicht gefehlt hatte. Seine Modelle hatten ihn oft genug, in süsse Träumereien verloren, angesehen, allein vergeblich; einige der gefühlvollern seiner Gönnerinnen, die ihm gesessen hatten, — denn Leigh hatte seine ersten Erfolge als Porträtmaler zu verzeichnen gehabt — hatten ihn angeseufzt und ihm verliebt zugelächelt und hatten ihn sogar mit ziemlich unverhüllten Absichten auf sein Herz zum Diner eingeladen, aber die Seufzer waren ebenso verschwendet gewesen, wie das Lächeln, und die Einladungen hatte Leigh klugerweise abgelehnt. Von der Porträtmalerei hatte sich Leigh ganz allmählich mehr romantischen und klassischen Vorwürfen zugewandt. Dabei waren seine Bilder auch immer grösser geworden, und das war es hauptsächlich, was ihn veranlasst hatte, Doktor Tholozans Mieter und Besitzer des geräumigen Ateliers in dem alltäglichen Haus mit der grossartigen Einfahrt zu werden.

Des Doktors verstorbener Bruder hatte buchstäblich Meilen von Leinwand bemalt. Die Hälfte der modernen Kirchen Frankreichs und die meisten öffentlichen Gebäude besassen eins seiner riesigen Meisterwerke. Er hatte ein sehr ansehnliches Einkommen gehabt, und da er für sich fast nichts verbraucht hatte, so war er im stande gewesen, die Ersparnisse seines Lebens auf die Erbauung des grossen Hauses mit dem grossen Atelier zu verwenden.

Als Doktor Tholozan seines Bruders Besitztum erbte, gab er sich die grösste Mühe, einen Mieter dafür zu finden. Als Atelier war es vollkommen, aber die zahlreichen Maler, welche es infolge der vom Doktor erlassenen Anzeige besichtigten, wurden von der ungeheuren Grösse erschreckt. Allein just diese war es, welche den jungen Leigh veranlasste, sofort einen Mietsvertrag mit dem Doktor abzuschliessen; es war gerade das, was er suchte. Natürlich empfing das Atelier sein Licht durch ein entsprechend grosses Fenster. An einem Ende führte eine, durch einen grossen goldgestickten Vorhang von rosa Samt verdeckte Thüre in ein halbrundes, mit tropischen Pflanzen gefülltes Gewächshaus. Dieser Thür gegenüber, am andern Ende des Ateliers, befand sich in einer tiefen Nische ein ungeheurer Kamin, der aber mehr als zur Erwärmung zum Schmuck und dazu diente, durch sein helles Feuer den mächtigen Raum behaglich zu machen, denn die wirkliche Heizung wurde durch geschickt verborgene Heisswasserröhren bewirkt. Ausser dem Atelier gehörten noch ein Vorzimmer und ein mit spartanischer Einfachheit ausgestattetes Schlafzimmer zur Wohnung. Leigh und der Doktor verständigten sich rasch und ohne Schwierigkeit. Doktor Tholozan, gleichfalls unverheiratet, war Lehrer an der Ecole de Médecine. Er hatte ausserdem eine grosse Praxis und eine einträgliche Stelle an einem Hospital, und da er sehr viel Neigung für wissenschaftliche Streitfragen hatte, so war er auch ein fleissiger Mitarbeiter verschiedener medicinischer Zeitschriften. Die beiden Männer fühlten sich gegenseitig zu einander hingezogen. Dem jungen Künstler war nach seiner langen Tagesarbeit eine Plauderei oder ein Spiel Ecarté oder Trictrac mit seinem Hauswirt eine angenehme Erholung, und dem Doktor machte es Freude, die alte Gewohnheit aus der Zeit, wo sein Bruder noch lebte, — die gemütliche Plauderstunde am Kamin — wieder aufzunehmen.

Vier Jahre lang hatten Leigh und der Doktor das grosse Haus zusammen bewohnt. Der Bequemlichkeit halber nahmen sie ihr Diner gemeinsam ein und zogen sich nachher gewöhnlich in das Atelier zurück. Auch heute war es so gewesen. Sie hatten ihre Partie Trictrac beendet und sassen nun in ihren bequemen Armstühlen zu beiden Seiten des Feuers.

„Ich werde heute einundsechzig,“ begann der Doktor mit einem Seufzer. „Ich beneide Sie, mein Freund. Die Welt steht Ihnen noch offen, wie einstmals mir. Der Ball liegt vor Ihren Füssen, Leigh, Sie brauchen weiter nichts zu thun, als ihn fortzustossen.“

„Sie können sich doch auch nicht beklagen, Herr Doktor. Jedermann hat von Doktor Tholozan gehört, alle Welt spricht von ihm, während ich ausserhalb des kleinen Kreises von Künstlern, Kunstfreunden, Schriftstellern und Kunsthändlern unbekannt bin.“

„Aber Sie haben Ihre Freunde, Leigh.“

„Nun, das ist auch nur so-so. Ich habe eine grosse Menge von Bekannten, wenn Sie die meine Freunde nennen —“

„Und Bewunderer, Leigh, — Sie Glücklicher — Bewunderer beiderlei Geschlechts.“

Ein ehrliches, tiefes Erröten erschien im Angesicht des jungen Mannes.

„Weit gefehlt, Herr Doktor. Es gibt allerdings eine grosse Anzahl fein gekleideter Leute, welche nachmittags nichts bessres anzufangen wissen, als hierherzukommen und dem lieben Gott und mir die Zeit zu stehlen. Sie kommen aber nur, um die Bilder anzusehen.“

„Und den Maler, lieber Freund. Der Maler ist durchaus nicht Nebensache.“

„O ja, natürlich. Ich gehöre mit zum Schauspiel, wie die Affen im Jardin des Plantes.“

Der Doktor lachte. „Und ihr Interesse an Ihnen, mein junger Freund, bethätigen sie dadurch, dass sie Ihnen getrüffelte Puter, Blumen und solche Kleinigkeiten, wie diese hier schicken,“ und dabei klopfte der Doktor lachend auf einen neben ihm stehenden prachtvollen Bouletisch. „Ihre Freunde, Leigh, müssen aufrichtige Bewunderung für Sie als Künstler, wie als Mensch empfinden.“ Die schmalen Kinnbacken des Doktors öffneten sich einem hyänenartigen Lächeln und er blies eine grosse Rauchwolke in die Luft.

Wieder stieg das beredte Erröten in des jungen Engländers Wangen.

„Bah, Firlefanz, an dem es Ihnen gefällt Ihren Witz zu üben, lieber Doktor; das sind nur die Nüsse, womit sie den Affen füttern.“

„Eine kostspielige Nuss, diese hier, die Madame Pichon ihrem Lieblingsaffen zugeworfen hat.“ Und wieder trommelte der Doktor auf dem Tisch und grinste wie ein Satan. „Es wäre übrigens das dümmste nicht, was Sie thun könnten, Leigh, Madame Pichon ist noch ein sehr stattliches Tierchen und reich à faire peur. Ja, ja,“ fuhr er fort, während er sich die Hände rieb und seine Fingergelenke auszog, bis sie knackten, „es wäre wirklich noch lange nicht das dümmste, mein junger Freund. Der Reichtum der Witwe ist über allen Zweifel erhaben; der selige Pichon ist als Millionär gestorben.“

„Lieber will ich Steine klopfen, als mich an ein Weib verkaufen, das mir gleichgültig ist. Steineklopfen ist wenigstens eine ehrliche Beschäftigung, Doktor, und es liegt eine eigenartige, wenn auch nicht gerade sehr erhabene Poesie darin. Ein Künstler, lieber Freund, bedarf keiner Frau; seine Kunst ist schon an sich eine sehr anspruchsvolle Herrin, und Sie selbst, Doktor, sind ja ganz gut ohne Frau fertig geworden.“

„Wenn Sie erst einundsechzig sind, wie ich jetzt, lieber Leigh, dann werden Sie wohl auch ernstlich ans Heiraten zu denken anfangen. Ich stimme Bacon zu. Ich brauche eine Haushälterin und werde sehr bald auch eine Pflegerin nötig haben. Warum soll ich nicht beides vereinigen und die Einrichtung durch das heilige Band der Ehe weihen lassen?“

Leigh zuckte die Achseln. Er meinte, der Doktor sähe wie ein rechter Kobold aus, als er diesen wenig romantischen Gedanken Worte lieh.

„Ganz recht, warum nicht?“ erwiderte er. „Es ist vielleicht etwas prosaisch, aber wenn das Ihrem Ideal einer Frau entspricht, warum nicht?“

„Sie meinen also, dass es in meinem Alter ein ganz verständiger Schritt wäre?“

„Sie sind viel zu weise, Herr Doktor, als dass ein so unerfahrener Mensch wie ich auch nur andeuten dürfte, ein von Ihnen in Erwägung gezogener Schritt könne unverständig sein.“

„Sie geben mir verzuckerte Pillen zu schlucken, mein Freund. Madame Pichon und die übrigen machen einen vollkommenen Mann von Welt aus Ihnen. Aber wenn ich mich vierzig Jahre nach einem Ideal umgeschaut habe, warum sollte ich es nicht endlich in einer Frau von angenehmem Aeussern und, sagen wir einmal, fünfunddreissig Jahren gefunden haben, die für meine Bedürfnisse sorgen, meine kleinen Eigenheiten liebevoll übersehen und bei den grässlich langweiligen Diners, die ich einmal wöchentlich zu geben gewohnt bin, meinen Gästen die Ehren des Hauses erweisen wird — in einer Dame, die sich damit begnügt, mir meine letzten Lebensjahre freundlicher zu gestalten und mich dann durch ihr Ideal zu ersetzen, das sie vielleicht schon im Auge hat.“

„Jedermann nach seinem Geschmack, Doktor. Sie nennen jedenfalls die Dinge bei ihrem rechten Namen.“

„Vielleicht hat in meinem Falle das Alter Anspruchslosigkeit mit sich gebracht, Leigh. Ihre Anschauung über die Ehe ist ohne Zweifel eine idealere. Mein lieber Abelard, beschreiben Sie mir die Heloïse Ihrer Träume. Aber tönen Sie ihre Schilderung etwas ab, legen Sie Ihrer Phantasie Zügel an und nehmen Sie Rücksicht auf meine beschränktere und mehr prosaische Natur.“ Der Doktor zündete sich eine frische Cigarre an, und der junge Mann erhob sich und begann mit unruhigen Schritten auf dem dicken türkischen Teppich auf und ab zu gehen.

„Sie ist bis jetzt nur ein Bild meiner Träume. Ich sehe sie nur unklar, immer in andrer Gestalt, wie die Bilder eines Kaleidoskops, und wenn ich versuche, sie auf die Leinwand zu bannen, so befriedigt mich mein Werk niemals. Die Gemälde, die von meiner Staffelei kommen, sind schliesslich nur Träume von schönen Weibern, unbestimmte Erinnerungen, Unmöglichkeiten und Uebertreibungen, — Ungeheuer, die ich aus einzelnen Stücken zusammengesetzt habe, künstliche Geschöpfe, die mir widerwärtig sind, sobald ich sie vollendet habe. Ich betrachte sie mit einer Art von Entsetzen. Sehen Sie sich dieses letzte an,“ sagte er mit einem geringschätzigen Lachen. „Ich habe es für viertausend Franken verkauft, das ist aber auch das beste, was ich darüber sagen kann. Israels, der Kunsthändler, wird es zum doppelten Preis verkaufen. Und wenn ich es anschaue, könnte ich mich hassen. Was ist es anders, als eine halb bekleidete, einfältig lächelnde Unmöglichkeit, eine erbärmliche Täuschung? Die untern Gliedmassen sind die der Julie Pasdeloup, die Arme sind für fünf Franken pro Stunde von einem hässlichen bretonischen Mädchen mit roten Haaren gekauft, und das Gesicht ist eine geschickte Zusammensetzung —“

„Während das Haar eine wirklich herrliche Wiedergabe von Madame Pichons chevelure ist, he, mein junger Freund? Madame Pichon muss ein ganz ausserordentliches Interesse für die Kunst haben und ganz besonders für die Werke eines gewissen Mr. Leigh, dass sie sich hat bereit finden lassen, ihre wunderbaren Flechten zu lösen. Sie hat gewiss aus Liebe Modell gesessen.“

„Oder aus Eitelkeit, wie Sie es nennen wollen, Doktor,“ antwortete der Maler lachend. „Das Ungeheuer ist jedenfalls fertig,“ fuhr er fort. „Es ist eine Abart der siamesischen Zwillinge, und morgen wird Israels kommen, es mit vergnügtem Grinsen betrachten, sich die Hände reiben und ein neues, ähnliches bestellen, und ich werde die Geschichte von den Ziegelsteinen ohne Stroh wiederholen. Es wird eine frische Leinwand aufgespannt und ein neues Ungetüm für so und so viel pro Quadratfuss produziert.“

„Und Mr. Leigh ist seinem Ideal nicht um einen Schritt näher gekommen, he? Sie sollten hinaus in die Welt gehen, mein Freund. Die Gesellschaft würde Sie mit offenen Armen aufnehmen. Dort würden Sie Gelegenheit finden, das Wesen und die Gewohnheiten der Jungen, der Geistreichen und der Unschuldigen des andern Geschlechts zu beobachten; weshalb wollen Sie nicht dort Ihr Ideal suchen?“ und dabei kicherte der Doktor. „Oder haben die Stunden, die Sie in der Gesellschaft der Mademoiselle Pasdeloup und der jungen Dame mit den schönen Armen und dem roten Haar verlebt haben, Sie sür die herkömmliche ingénue des täglichen Lebens verdorben?“

„Sie sind ungerecht, alter Freund. Die Pasdeloup ist für mich weiter nichts, als ein Paar wohlgeformter Beine; gesellschaftlich interessiert sie mich ebensowenig, als die Scheusslichkeiten, die Sie mir neulich im Museum Orfila in Spiritus gezeigt haben. Sie sind zwar menschlich, aber, wie die Pasdeloup, sind es nur anatomische Präparate. — Könnte ich es nur finden, dieses Ideal, von dem wir alle träumen und nach dem wir ausschauen, wie die alten Spanier, die immer getäuscht, und doch immer voll Hoffnung, mit unermüdlicher Energie nach dem erträumten El Dorado suchten, — wenn ich es nur finden könnte. Ich würde es sofort für das grosse Bild verwenden, das ich im diesjährigen ‚Salon‘ auszustellen beabsichtige. Der Entwurf ist heute fertig geworden.“

„Und was für einen Gegenstand wird dies Bild behandeln, mein junger Freund? Sie haben mir Ihren Vorwurf noch nicht genannt.“

„O, der Gegenstand ist schon ziemlich abgenutzt: ‚Phryne, vor ihren Richtern.‘ Allein es soll ein Protest gegen die Scheusslichkeiten sein, die heutzutage Erfolg haben. Die Realisten verderben den Geschmack des neunzehnten Jahrhunderts. Ist es nicht eine himmelschreiende Schande,“ rief der junge Mann entrüstet und mit blitzenden Augen, „dass die Menschen fünf Reihen tief und ausser sich vor Entzücken vor ‚la Dame au Perroquet‘ stehen, einer schamlosen Nacktheit, die sich auf einem Haufen Kissen rekelt, der Triumph des Rohen, Sinnlichen und Realen? In meiner Phryne wird nichts Rohes sein, und doch soll sie schön sein, ihre Gestalt soll den Gegenstand veredeln, ihn aus dem Schmutz des Alltäglichen zum Erhabenen und Poetischen erheben.“

„Ah, auch mein armer Bruder hat stets nach dem Erhabenen gestrebt. Er hat es nie erreicht, aber das Riesenhafte, das ist ihm gelungen, dem armen Kerl! Manchmal habe ich die Besorgnis, dass ihr Künstler beim Suchen nach dem Ideal nur das Lächerliche entdeckt.“

Eine Pause trat ein, die endlich von Doktor Tholozan unterbrochen wurde.

„Sie waren in den letzten Jahren hier gut aufgehoben, denke ich, Leigh?“

Der Maler sah ihn fragend an. „Gewiss, Doktor, weshalb fragen Sie?“

„Weil ich im Begriff stehe, einen Schritt zu thun, der für uns beide Unbequemlichkeiten im Gefolge haben kann, mein junger Freund. Es darf Sie nicht überraschen, und ich hoffe, es wird Ihnen auch nicht unangenehm sein, vor allem aber machen Sie keine Einwendungen: binnen einer Woche werde ich mich wahrscheinlich verheiraten.“

„Aha! Die Dame von angenehmem Aeussern und fünfunddreissig Jahren, von der Sie vorhin gesprochen haben, Doktor; die freundliche Frau, die Ihre letzten Lebensjahre verschönen soll?“

„Es wäre vielleicht besser, wenn es so wäre. Mein Antrag ist übrigens noch nicht angenommen. Es ist immerhin möglich, dass die Dame Armut in Ehren und die Möglichkeiten, welche die Zukunft hübschen Mädchen immer offen hält, vorzieht.“

„Sie ist also hübsch?“

„Mehr als das, sie ist, was Sie, wie ich glaube, schön nennen würden. Hier, sehen Sie, ob sie Ihrem Ideal nahe kommt, Leigh,“ und Doktor Tholozan überreichte seinem Freunde eine Photographie.

Als der Maler das Bild erblickte, fuhr er erstaunt empor.

„Hat es Ihren Beifall, junger Freund? Billigen Sie meine Wahl?“

„Sie ist reizend, Doktor.“

„Nun, Leigh, Sie werden wahrscheinlich Gelegenheit haben, ihr selbst das sagen zu können,“ und dabei stiess der Heiratskandidat ein leises, spöttisches, sardonisches Lachen aus.

Der junge Mann antwortete nicht, er studierte das Bild noch immer mit dem gespanntesten Interesse, und je länger er es betrachtete, um so mehr wuchs sein Erstaunen.

„Sie haben mich noch nicht beglückwünscht, Leigh. O, entschuldigen Sie sich nicht,“ sagte der Doktor, als der Maler anfing eine Entschuldigung zu stammeln. „Gestehen Sie es nur offen ein, Sie sind überrascht über mein Glück, nicht wahr?“

„Ich bin versunken in Bewunderung der Schönheit der Dame, Doktor.“

„Nehmen Sie sich Zeit und behalten Sie die Photographie; sie kann Ihnen vielleicht von künstlerischem Standpunkt aus nützlich werden,“ fügte der abscheuliche Mensch hinzu.

Leigh starrte den Doktor ungläubig an und murmelte einige unverständliche Dankesworte. Dann wurden seine Augen wieder unwiderstehlich, wie mit magnetischer Kraft, auf die Photographie gezogen.

„Sie sind der Ansicht, dass ich mich zum Narren mache?“ fuhr der ältere Mann fort. „Hören Sie zu, ich will Ihnen die Geschichte der Dame erzählen. Ich habe das Original dieses Bildes von ihrer Kindheit an erziehen lassen. Sie ist jetzt erwachsen, und morgen werde ich ihr einen einfachen Vorschlag machen. Wenn sie will, bin ich bereit, sie zu heiraten; gefällt ihr das nicht, so kann sie als Lehrerin an der Schule, en der sie erzogen worden ist, verbleiben, und ich werde ihren magern Gehalt aus eignen Mitteln verbessern. Das Kind hat keine wirklichen Ansprüche an mich, und ich wäre der letzte, ein falsches Gefühl der Dankbarkeit auszubeuten, um mich ihr aufzudrängen. Sie wird schwerlich ihr Ideal in mir finden, Leigh, aber trotzdem wird sie einwilligen, meine Frau zu werden. Werft einem hungrigen Hund einen Knochen hin — das Vieh wird sofort danach schnappen. Ich bin der Knochen — ein trockner, hässlicher Knochen.“ Der Doktor blickte ins Leere und wartete auf eine Antwort seines Gefährten.

Der Maler schwieg, er schien noch immer in Betrachtung des Bildes versunken. Weiche, traurige, träumerische Augen blickten ihn daraus an, als ob sie bei ihm Teilnahme suchen wollten. Die Stellung war natürlich und in ihrer ungekünstelten Einfachheit anmutig. In dem ausdrucksvollen Mund lag eine Weichheit, die an Schwäche grenzte, und während er das Bild betrachtete, verging die Zeit in Schweigen, das nur durch das Ticken der grossen Uhr à la Louis Quinze und das noch lautere Schlagen seines eignen Herzens unterbrochen wurde, ein Ton, der, wie der junge Mann fürchtete, beinahe an das Ohr seines Gefährten dringen musste.

„Es scheint mir jedenfalls gelungen zu sein, Sie in Erstaunen zu setzen,“ hob Doktor Tholozan endlich an. „Ich werde Sie einige Wochen nicht sehen und dann meiner jungen Frau vorstellen, oder ich komme als abgewiesener Freier zurück, um mich von Ihrer Freundschaft trösten zu lassen. Sie wünschen mir kein Glück auf den Weg — das ist ein böses Omen, obgleich Spieler das Gegenteil behaupten. Nun ja, die Ehe ist eine Lotterie, vielleicht bringt mir also Ihr Schweigen Glück. Wer weiss? Gute Nacht, mein Freund, ich muss mich zurückziehen und versuchen vor der widerwärtigen Reise morgen, eine Nacht ruhigen Schlafs zu erlangen. Morgen mittag bin ich in Banquerouteville-sur-Mer. Ich werde Ihnen brieflich Mitteilen, welchen Entschluss die Dame gefasst hat. O, behalten Sie nur die Photographie, gute Nacht.“

Sie schüttelten sich die Hände, und dann verliess der Doktor das Atelier, wobei er ein Liedchen pfiff, dessen Text lautete:

„Marlbrouck s’en va-t-en guerre.“

Zweites Kapitel.

Unter Nichtbeachtung der drei grossen dramatischen Einheiten bitten wir unsere Leser sich um achtundvierzig Stunden zurückzuversetzen.

Die Hitze in Paris war furchtbar. Die Boulevardbummler waren geflohen, die englischen und amerikanischen Vergnügungsreisenden waren zu Tausenden angekommen. Selbst das Quartier Latin war verlassen, denn die langen Sommerferien hatten eben begonnen, und wenn auch noch viele da waren, die allabendlich in ihre Wohnung zurückkehrten, so wandten sie doch tagsüber der heissen Stadt den Rücken und suchten sich in Auteuil oder sonstwo durch Bootfahrten auf dem Fluss, Landpartieen und Bäder zu erfrischen. Auch die Künstler waren alle fortgezogen, um malerische Gegenden aufzusuchen, und die besser Gestellten unter ihnen, die sich schon einen gewissen Namen gemacht hatten, suchten ihre Erholung in den zahlreichen Seeoder andern Badeorten. Der junge Leigh aber arbeitete noch tapfer in seinem grossen Atelier, das wahrscheinlich der kühlste Ort in Paris war, und Frau Pichon schob ihren alljährlichen Sommerausflug immer wieder hinaus.

Doktor Tholozans Behauptung, der selige Pichon sei als Millionär gestorben, war keineswegs übertrieben. Dieser hatte Fräulein Sophie Plon wegen ihrer unleugbaren Schönheit geheiratet, das heisst, er hatte einen herrlichen Teint, ein Paar strahlender, lachender Augen und ein Köpfchen, dessen Haare bis zu den Füssen der jungen Dame reichten, gegen sein Vermögen eingetauscht, und er hatte damit kein schlechtes Geschäft gemacht. Wo er mit seiner jungen Frau erschien, wurden die so erhandelten Güter allgemein bewundert. Allein der alte Herr sollte sich seines Triumphs nicht lange erfreuen. Sechs Monate nach der Hochzeit starb Herr Pichon und hinterliess alles, was er besass, bis zum letzten Pfennig seiner jungen Witwe. Während der ersten drei Monate war ihr Gram schrecklich anzusehen. Bei der blossen Erwähnung des seligen Pichon brach sie in Thränen aus. Sie hatte auf einer der schönsten Stellen des Père-la-chaise einen ungeheuren Sarkophag von weissem Marmor, ohne Rücksicht auf Kosten, errichten lassen. Ihr Vetter, Doktor Tholozan, hatte auf ihren Wunsch eine pomphafte lateinische Grabschrift verfasst, die in Buchstaben von vergoldeter Bronze an dem Sarkophag angebracht war. Die Witwe hatte sehr geschmackvolle und sehr tiefe Trauer angelegt und war täglich zur Messe gegangen, bis sie mit der Unbeständigkeit der weiblichen Natur die Trauer plötzlich wieder abgelegt hatte, weil der junge Leigh, — der als Künstler und folglich als Sachverständiger sprach — in einem schwachen Augenblick gesagt hatte, dass Schwarz ihr nicht gut stände. Schon am nächsten Tage erschien Frau Pichon in einem entzückenden Anzug in der blassesten Lavendelfarbe im Atelier, — denn da sie, wie erwähnt, eine nahe Verwandte des Doktors war, so verbrachte sie einen grossen Teil ihrer Zeit in dessen Haus. Sie vertrieb sich die Langeweile dadurch, dass sie dem jungen Maler als „Niobe, in Thränen schwimmend“ sass. Er hatte eben eine Studie von ihr als „Sigismonda, die in tiefer Trauer die goldene Kapsel betrachtet, die das Herz ihres Guiscardo umschliesst“, vollendet.

„Ah, Monsieur George,“ rief sie, als sie heute unerwartet in das Atelier des jungen Mannes trat, „Sie dürfen nicht schlecht von mir denken, weil ich das hässliche Schwarz abgelegt habe. Ich habe es nur aus Pflichtgefühl gethan, Monsieur George. Man muss es ertragen, schön zu sein, und ich habe meinen Empfindungen lediglich im Interesse der Kunst Gewalt angethan — und um Ihretwillen, lieber Monsieur George,“ fügte sie mit einem kleinen Seufzer hinzu. „Ich fühlte, dass es meine Pflicht sei, alles fernzuhalten, was Ihre göttlichen Eingebungen stören könnte. Me voici! Wie gefalle ich Ihnen?“ und dabei machte die strahlende Erscheinung einen kleinen Knix.

„Liebe Madame Pichon, Sie sind reizend, immer reizend, natürlich! Aber auf Ehre, wie eine Niobe sehen Sie weniger aus, als je.“

„Sie wollen doch nicht, dass ich immer Niobe bin, wie, lieber Monsieur George?“ fragte die junge Witwe mit einem allerliebsten Schmollen, und dabei funkelte etwas in ihren Augen, das möglicherweise eine Thräne war, das aber entschieden mehr wie ein Blick des Triumphs aussah. „Es ist mir einerlei, was Sie sagen,“ fügte sie schnippisch hinzu. „Niobe hätte doch auch nicht ewig weinen können.“

„Aber bedenken Sie doch, sie hat zwölf Kinder verloren, liebe Madame.“

„Zwölf!“ rief die Dame entsetzt. „Dann war’s mit ihrer Schönheit auch vorbei, und sie muss eine höchst langweilige Person, wenn nicht geradezu unanständig gewesen sein. Und ich muss sagen, ich kann es keineswegs als eine Schmeichelei Ihrerseits betrachten, dass Sie mich zum Modell für ein Frauenzimmer wählen, das zwölf Kinder gehabt hat.“

„Ah, Madame,“ erwiderte der Maler, sich entschuldigend, „für mich sind Sie die lebende Verkörperung untröstlichen Schmerzes gewesen.“

„In meinem Haar kann ich aber doch keinenfalls Schmerz zum Ausdruck bringen, und heute wollten Sie ja das Haar malen, nicht wahr, Monsieur George? Wird’s so gehen?“ fuhr sie fort, während sie sich träge in einen grossen Stuhl fallen liess und eine Stellung annahm, wie jemand, der sich photographieren lassen will. Frau Pichon war eine Dame, die ihre Reize ins beste Licht zu stellen wusste, denn sie war auf die Eroberung des Malers erpicht und fest entschlossen, ihn zu heiraten. Sie hatte kein Mittel unversucht gelassen, ihm alles, was ihre Persönlichkeit anziehend machte, vor Augen zu bringen. Bis jetzt aber hatte der junge Leigh noch durch kein Zeichen verraten, dass sich eine wärmere Empfindung in ihm rege; sie hatte ihm gesagt, wie reich, wie einsam, wie elend sie sei, aber alles vergeblich.

„Ah, liebe Madame,“ sagte Leigh, „ich darf es nicht wagen, Sie zu bitten, mir Ihre Zeit dadurch zu opfern, dass Sie mir für das Haar sitzen; das reizende Antlitz genügt vollständig für meinen Zweck.“

Frau Pichons Fuss, der für einen strengen Richter vielleicht etwas zu sehr in die Augen fiel, klopfte ärgerlich auf den Teppich, als sie diese schrecklich nüchterne Antwort des Malers hörte. „Und bitte, mein Herr, weshalb nicht?“

„Also erstens, liebe Madame Pichon, weil das Haar der Niobe aufgelöst und wirr sein muss, und es hiesse wirklich Ihre Güte auf eine allzuharte Probe stellen, wenn ich Sie bitten wollte, diese herrlichen Flechten aufzulösen.“

„Monsieur Leigh, es gibt nichts, was ich nicht um der Kunst willen zu thun bereit wäre. Sie machen sich nur über mich lustig; Sie sind gerade wie andre Männer. Männer sind immer sarkastisch und grausam,“ fügte die junge Witwe mit einem leisen Seufzer hinzu. „Ich weiss sehr wohl, was Sie sagen wollen. Sie bilden sich ein, dass das, was Sie in Ihrer grausamen, spöttischen Weise meine ‚herrlichen Flechten‘ nennen, nicht mein eignes Haar sei. Ich werde Sie sofort überzeugen. Hier, Monsieur George, und da! und da! und da!“ Und ehe der erstaunte Maler wusste, wie ihm geschah, hatte die entrüstete Kunstenthusiastin alle Kämme und Haarnadeln herausgerissen, und die wallenden kastanienbraunen Locken sanken in überreichen Wellen hernieder.

„Es ist alles eignes Wachstum,“ rief die Dame, wirklich gereizt. „Und nun vernehmen Sie Ihre Strafe. Ich verurteile Sie dazu, es nach Ihrem Belieben zu ordnen. Ich wiederhole, Monsieur George, es gibt kein Opfer, das ich nicht bringen würde, wenn ich die Kunst dadurch fördern kann.“

Der junge Maler errötete, aber er konnte weiter nichts thun, als gehorchen. Er trat auf die Erhöhung, auf der die Dame sass, und mit Fingern, die wie unter elektrischen Schlägen zuckten, ordnete er geschickt den üppigen Haarwuchs der Witwe des seligen Herrn Pichon. Als er sich darauf hinter seine Staffelei geflüchtet hatte, hielt er sich einige Minuten dort verborgen. In diesem interessanten Augenblick trat der Hauswirt des Malers und Vetter der Dame ins Zimmer.

„Bon jour, Sophie,“ begann Doktor Tholozan mit leichtem Nicken und liess dann ein leichtes Kichern hören. „Du nimmst wirklich den berufsmässigen Modellen das Brot vom Munde.“

„Sei ruhig, Felix; wenn nur ein einziges Haar verschoben wird, geht die ganze Wirkung verloren. Ich bin der personifizierte Jammer.“

„Das weiss ganz Paris,“ entgegnete er. „Ja, die Aehnlichkeit ist verblüffend, Liebste. Du bist augenscheinlich das Original der ‚Dame mit der Mähne‘, der Zauberin, die uns als Reklame eines amerikanischen Haarwuchsmittels in zwanzigfacher Lebensgrösse anlächelt. Leigh, ich gratuliere, wahrhaftig, ich gratuliere euch beiden.“

„Felix, ich schäme mich deiner,“ sagte die Dame. „Es gibt wirklich nichts, was deinem Witz heilig ist. Ich bin Niobe, mein Herr!“ fügte sie würdevoll hinzu.

„O, sehr möglich, meine Liebe, sehr möglich. Alles, was dir gefällt. Vom Standpunkt des Arztes aus möchte ich sagen, du seiest die Göttin der Gesundheit. Aber ich will nicht länger stören. Adieu, Niobe, leb’ wohl, Galatea, au revoir, Pygmalion, wir treffen uns beim Diner,“ und er verschwand diskret.

„Das ist wieder ganz Felix,“ sagte die Dame. „Wir waren so hübsch im Zug, und es war so gemütlich,“ fügte sie, wie ein Kätzchen schnurrend, hinzu, „da muss er hereinkommen und uns beide aus der Stimmung bringen, und er hat mich veranlasst, meinen Kopf zu drehen und aus der richtigen Stellung zu kommen. Ich bin ernstlich böse auf Felix. Was würde er wohl denken, wenn ich während seiner Sprechstunde in sein Konsultationszimmer käme, das möcht’ ich wohl wissen? Sie müssen wieder alles in Ordnung bringen,“ fuhr sie kokett fort, und der Künstler kam, errötend wie eine Päonie, aus seinem zeitweiligen Versteck hervor.

„O, ich weiss, was Sie gern thun möchten,“ fuhr die Dame fort. „Sie vergehen vor Verlangen zu rauchen. Ich bin ganz fest überzeugt, wenn ich ein gewöhnliches Modell wäre, würden Sie ohne Umstände rauchen. Tabaksrauch ist mir nicht im geringsten unangenehm, wahrhaftig, ich bin daran gewöhnt, denn der selige Pichon rauchte vom Morgen bis zum Abend. Sie werden ganz entsetzt sein, wenn ich Ihnen ein Geheimnis anvertraue. Er hat mich das Rauchen auch gelehrt, und sogar, eine Cigarette zu drehen. O, lassen Sie mich Ihnen eine Cigarette machen, ich kenne keinen grösseren Spass,“ und Niobe machte sich daran, mit ihren zierlichen Fingern einen kleinen weissen Cylinder aus türkischem Tabak zu drehen, denn sie hatte die dazu nötigen Materialien, zum Gebrauche bereit, auf einem grossen eichenen Tisch in der Nähe der Staffelei entdeckt. Als sie damit fertig war, überreichte sie Leigh ihr Machwerk mit einem gefälligen Knix und hielt ihm ein brennendes Streichhölzchen vor; dann drehte sie gewandt eine zweite Cigarette, und sich behaglich in den grossen Lehnstuhl kauernd, begann sie mit augenscheinlichem Genuss zu rauchen. „Sind Ihnen Unterbrechungen nicht sehr verhasst, Monsieur Leigh?“ fragte sie nachdenklich.

„In Ihrer Gesellschaft, Madame, müssen sie das jedem sein.“

„O, natürlich! Etwas andres konnten Sie ja gar nicht sagen, Monsieur George. Ob’s wohl wirklich Ihr Ernst ist?“

„Ehrlichkeit ist eine meiner wenigen Tugenden, Madame. Sie ist mir ost genug sehr nachteilig gewesen. Das Hässliche und Abstossende kann ich nicht malen, denn es ist mir die Gabe versagt, es zu mildern, ich bin faktisch eine Art unbarmherziger menschlicher Camera und — ich male die Leute so, wie mein Auge sie mir zeigt, und nicht so, wie sie gern aussehen möchten. Ich kann die Pfeffernüsse nicht vergolden, und ich kann nicht schmeicheln. Ich wollte, ich könnte es. Ich bin viel zu aufrichtig, Madame Pichon. Betrachten Sie sich zum Beispiel ’mal dies,“ dabei zog der junge Mann ein Bild hervor, welches, gegen die Wand gekehrt, neben der Staffelei stand. Es war ein grinsendes Porträt, und es zeigte so viel Frechheit und Verworfenheit, wie man sich im Angesichte eines anscheinend jungen und hübschen Weibes nur denken kann. „Das ist Mademoiselle Saint Ventadour vom Palais Royal,“ sagte Leigh. „Sie stellte mir den Antrag, sie als ‚Comédie‘ zu malen. Alle Welt hält sie für sehr bezaubernd und anziehend, mit einem Wort, sie ist jetzt Mode. Ich kann nichts Anziehendes an ihr finden, für mich ist sie weiter nichts, als eine grinsende Larve.“ Frau Pichon lächelte beifällig. „In einem schwachen Augenblick nahm ich den Auftrag an. Sie kam mit einer sehr achtbar aussehenden Mama hierher, die alle drei Minuten eine Prise nahm.“

„Schrecklich!“ rief Frau Pichon. „Ich bedaure Sie aufrichtig, Sie armer Monsieur George.“