Die verlorenen Spuren - Kate Morton - E-Book

Die verlorenen Spuren E-Book

Kate Morton

4,9
9,99 €

oder
Beschreibung

Eine unheilvolle Lüge, eine verbotene Sehnsucht, ein geheimes Verbrechen

England, Greenacres Farm 1961: Während einer Familienfeier am Flussufer beobachtet die junge Laurel, wie ein Fremder das Grundstück betritt und ihre Mutter aufsucht. Kurz darauf ist der idyllische Frieden des Ortes jäh zerstört. Erst fünfzig Jahre später gesteht sich Laurel beim Anblick eines alten Fotos ein, dass sie damals Zeugin eines Verbrechens wurde. Doch was genau geschah an jenem lang zurückliegenden Sommertag?

Weltbestseller-Autorin Kate Morton erschafft eine einzigartige Welt, in der die Vergangenheit die Gegenwart nicht loslässt.

Als Laurel nach langer Zeit anlässlich des neunzigsten Geburtstags ihrer Mutter Dorothy in ihr Elternhaus zurückkehrt, holen sie schon bald verdrängte Erinnerungen ein. Der Gedanke an den geheimnisvollen Fremden, der fünfzig Jahre zuvor Unheil über ihre Familie brachte, lässt sie nicht mehr los. Sie ist entschlossen, endlich das Rätsel um die Vergangenheit ihrer Mutter zu lösen. Ein Foto aus dem Jahr 1941 scheint der Schlüssel zu sein: Es zeigt Dorothy in London, Arm in Arm mit einer Frau namens Vivien. Warum zerbrach die Freundschaft der beiden Frauen? Und wer ist Jimmy, den Dorothy wohl sehr liebte und doch vor der Familie verbarg? Auf der Suche nach Antworten muss Laurel erfahren, dass sie sich immer in ihrer Mutter getäuscht hat …

In ihrem neuen großen Roman erzählt Kate Morton eine mitreißende Geschichte, die von den 1930ern bis in die Gegenwart reicht und von einer kleinen Farm in Suffolk bis nach Australien führt.



Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 841

Bewertungen
4,9 (96 Bewertungen)
82
14
0
0
0



Kate Morton

Die verlorenen Spuren

Roman

Aus dem Englischen von Charlotte Breuer und Norbert Möllemann

Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel The Secret Keeper bei Allen & Unwin, Australia

Copyright © Kate Morton 2012

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2013 by Diana Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Redaktion | Heiko Arntz

Umschlaggestaltung | t.mutzenbach design, München unter Verwendung eines Motivs von © Adam Burton/Robert Harding World Imagery/Getty Images; shutterstock

Satz | Leingärtner, Nabburg

ePub:978-3-641-08330-4

www.diana-verlag.de

Für Selwa,

Freundin, Agentin, Heldin

Teil 1

Laurel

1

Das ländliche England, ein Bauernhaus mitten im Nirgendwo, ein Sommertag Anfang der Sechzigerjahre. Das Haus ist bescheiden: Fachwerk, an dem die weiße Farbe abblättert, rankende Clematis. Aus dem Kamin steigt Rauch auf, ein untrügliches Zeichen dafür, dass in der Küche etwas Köstliches auf dem Herd steht. Die Gemüsebeete hinter dem Haus sind mit Liebe angelegt, die Bleiglasfenster auf Hochglanz geputzt, und das Schindeldach ist mit großer Sorgfalt ausgebessert.

Ein Holzzaun umgibt das Haus, und ein robustes Tor trennt den gepflegten Garten von den umliegenden Weiden und einem weiter entfernten Wäldchen. Zwischen den knorrigen Bäumen plätschert ein Bach, sprudelt munter über Steine, schlängelt sich wie schon seit Jahrhunderten durch Sonnenlicht und Schatten. Aber das Plätschern kann man von hier aus nicht hören. Der Bach ist zu weit weg. Das Haus steht allein da, am Ende einer langen, staubigen Einfahrt, nicht sichtbar von der Landstraße aus, nach der es benannt ist.

Bis auf eine leichte Brise, die hin und wieder aufkommt, ist alles still und ruhig. Zwei weiße Hula-Hoop-Reifen, im vergangenen Jahr der letzte Schrei, lehnen an einem Glyzinienbogen. Ein Teddybär mit Augenklappe und einem würdevoll ernsten Gesichtsausdruck bewacht das Ganze in seinem Ausguck im Klammerbeutel auf einem grünen Wäschewagen. Neben einem Schuppen wartet geduldig eine mit Blumentöpfen beladene Schubkarre.

Trotz der Stille, oder vielleicht gerade deswegen, strahlt die Szene etwas Erwartungsvolles aus, wie eine Theaterbühne, kurz bevor die Schauspieler auftreten. Ein Moment, in dem noch alle Möglichkeiten offen sind, wenn das Schicksal noch nicht durch die äußeren Umstände besiegelt ist, und da –

»Laurel!« – ertönt in einiger Entfernung eine ungeduldige Kinderstimme.

»Lau-rel! Wo bist du?«

Es ist, als wäre ein Bann gebrochen. Das Licht im Saal geht aus, der Vorhang hebt sich.

Ein paar Hühner tauchen aus dem Nichts auf, um zwischen den Steinen des gepflasterten Gartenwegs zu picken, ein Häher stößt einen einzelnen Schrei aus, ein Traktor auf einer Weide beginnt zu tuckern. Und hoch über allem, auf dem Boden eines Baumhauses, reckt und streckt sich ein sechzehnjähriges Mädchen, auf dem Rücken liegend, drückt das Zitronenbonbon, das es im Mund hat, an seinen Gaumen und seufzt …

Es war sicher grausam, dachte sie, die anderen so lange nach ihr suchen zu lassen, aber die Hitzewelle, das Geheimnis, das sie hütete, die anstrengenden Spiele – noch dazu so kindische Spiele –, all das war einfach zu viel gewesen. Im Übrigen gehörte es zur Herausforderung und, wie Daddy immer sagte, war es nur gerecht, und sie würden es nie lernen, wenn sie es nicht versuchten. Es war nicht Laurels Schuld, dass sie besser im Verstecken war. Die anderen waren kleiner als sie, das stimmte, aber sie waren auch keine Babys mehr.

Außerdem legte Laurel auch keinen besonderen Wert darauf, gefunden zu werden. Jedenfalls nicht heute. Nicht jetzt. Sie wollte nur hier oben liegen und den dünnen Stoff ihres Kleids an ihren nackten Beinen spüren, während sie an ihn dachte.

Billy.

Sie schloss die Augen, und sein Name schrieb sich in schwungvollen Buchstaben auf ihre Lider. Pink, neonpink. Sie drehte das Zitronenbonbon um, sodass es mit der hohlen Mitte auf ihrer Zungenspitze balancierte.

Billy Baxter.

Wie er sie über seine schwarze Sonnenbrille hinweg anschaute. Sein schiefes Lächeln. Sein dunkles Haar mit der Elvis-Tolle …

Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen, genau so, wie sie es sich immer vorgestellt hatte, wie echte Liebe sein würde. Als Shirley und sie am Samstag vor fünf Wochen aus dem Bus gestiegen waren, hatten Billy und seine Freunde auf den Stufen des Tanzlokals gestanden und geraucht. Ihre Blicke hatten sich getroffen, und Laurel hatte dem lieben Gott dafür gedankt, dass sie einen ganzen Wochenendlohn für ein Paar neue Nylonstrümpfe geopfert hatte.

»Komm schon, Laurel.« Das war Iris, ihre Stimme klang müde von der Hitze. »Das ist gemein.«

Laurel schloss die Augen noch fester.

Sie hatte keinen Tanz ausgelassen. Die Band hatte immer wilder gespielt, ihr Haar, das sie sich mühsam nach dem Vorbild der letzten Ausgabe der Bunty hochgesteckt hatte, hatte sich gelöst, und ihr hatten die Füße wehgetan, aber sie hatten immer weitergetanzt. Erst als Shirley, offenbar eingeschnappt, weil sie nicht beachtet worden war, wie eine Anstandsdame ankam und sagte, dass gleich der letzte Bus fuhr und ob sie mitkommen wolle (ihr, Shirley, sei es selbstverständlich egal, was sie mache), hatte sie aufgehört. Und dann, als sie sich verschwitzt verabschiedet hatte und Billy ihre Hand genommen und sie an sich gezogen hatte, da hatte etwas tief in ihrem Innern gewusst, dass sie schon ihr ganzes Leben auf diesen wunderbaren Augenblick gewartet hatte …

»Okay, wie du willst.« Iris klang jetzt wirklich sauer. »Aber du bist selbst schuld, wenn nachher nichts mehr von der Geburtstagstorte übrig ist.«

Zwölf Uhr war gerade vorbei, ein Sonnenstrahl fiel durch das Fenster des Baumhauses und ließ Laurels Lider von innen rot erglühen wie Cherry-Cola. Sie setzte sich auf, machte jedoch keine Anstalten, ihr Versteck zu verlassen. Es war eine ernst gemeinte Drohung – denn es war allgemein bekannt, wie versessen Laurel auf die Victoria-Torte ihrer Mutter war –, aber sie zog nicht. Laurel wusste ganz genau, dass das Kuchenmesser auf dem Küchentisch lag. Es war in dem allgemeinen Chaos vergessen worden, als sie Picknickkörbe, Decken, Limonade, Badetücher und das neue Transistorradio eingepackt hatten und zum Fluss gegangen waren. Sie wusste es, weil sie während des Versteckspiels ins Haus zurückgeschlichen war, um das Buch zu holen. Da hatte sie das Messer neben der Obstschüssel liegen sehen, mit einer roten Schleife um den Griff.

Das Messer war Tradition – mit ihm war bislang jeder Festtagskuchen, jede Jubiläums- und Geburtstagstorte in der Geschichte der Familie Nicolson angeschnitten worden –, und ihrer Mutter waren Traditionen heilig. Deswegen bestand für Laurel kein Grund zur Eile, bis jemand losgeschickt wurde, um das Messer zu holen. Und das war auch gut so. In einem Haus wie dem ihren, wo ruhige Minuten so selten waren wie Sternschnuppen, wo ständig jemand durch eine Tür hereinkam oder eine andere zuschlug, musste man es ausnutzen, wenn man einmal Zeit für sich allein hatte.

Und gerade heute brauchte Laurel Zeit für sich.

Das Buch war am vergangenen Donnerstag mit der Post angekommen, und zum Glück hatte Rose das Päckchen entgegengenommen, nicht Iris oder Daphne oder – Gott bewahre – ihre Mutter. Laurel hatte sofort gewusst, von wem es kam. Sie war hochrot angelaufen, aber sie hatte es gerade noch geschafft, etwas von Shirley zu stammeln und von der neuesten Schallplatte einer bestimmten Band, die sie sich von ihrer Freundin ausleihen wollte. Die Ausrede war völlig überflüssig gewesen, denn die ewig verträumte Rose hatte ihre Aufmerksamkeit längst einem Schmetterling zugewandt, der auf dem Zaunpfahl saß.

Als sie am Abend alle im Wohnzimmer gehockt und Juke Box Jury im Fernsehen gesehen hatten und Iris und Daphne darüber gestritten hatten, wer männlicher aussah, Cliff Richard oder Adam Faith, und ihr Vater unmutig eingeworfen hatte, dass sie alle mit amerikanischem Akzent redeten und überhaupt die Menschen in England immer dicker wurden, hatte Laurel sich hinausgestohlen. Sie hatte sich im Bad eingeschlossen, sich auf den Boden gesetzt und mit dem Rücken an die Tür gelehnt.

Mit zitternden Fingern hatte sie das Päckchen aufgerissen.

Ein dünnes, in Seidenpapier eingewickeltes Buch war ihr in den Schoß gefallen. Als sie den Titel durch das Papier gelesen hatte – Die Geburtstagsfeier von Harold Pinter –, war ihr ein Schauer über den Rücken gelaufen, und sie konnte nur mit Mühe einen Jubelschrei unterdrücken.

Seitdem schlief sie mit dem Buch unter dem Kopfkissen. Das war zwar nicht besonders bequem, aber sie wollte es in ihrer Nähe haben. Sie brauchte es in ihrer Nähe. Es war wichtig.

Es gab Momente im Leben, davon war Laurel überzeugt, da stand der Mensch an einem Scheideweg; Momente, in denen aus heiterem Himmel etwas passierte, das alles änderte. Die Premiere von Pinters Theaterstück war ein solcher Moment gewesen. Sie hatte in der Zeitung davon gelesen und den unwiderstehlichen Drang verspürt hinzugehen. Sie hatte ihren Eltern erzählt, sie würde Shirley besuchen, hatte Shirley darauf eingeschworen, den Mund zu halten, und dann war sie in den Bus nach Cambridge gestiegen.

Es war das erste Mal gewesen, dass sie allein irgendwohin gefahren war, und als sie im dunklen Theater gesessen und miterlebt hatte, wie Stanleys Geburtstagsfeier sich zu einem Albtraum entwickelte, war sie von einem nie gekannten Hochgefühl ergriffen worden. Es schien die Art Offenbarung zu sein, die die Schwestern Buxton jeden Sonntag mit erhitzten Gesichtern in der Kirche erlebten, auch wenn deren Begeisterung wahrscheinlich eher dem jungen Kaplan galt als dem Wort Gottes. Jedenfalls, als sie mit klopfendem Herzen auf ihrem billigen Platz gesessen hatte und das Drama auf der Bühne seinen Gang nahm und sie in ihren Bann schlug, da hatte sie es plötzlich gewusst. Sie hätte nicht genau sagen können, was es war, aber sie war sich ganz sicher gewesen: Das Leben hatte mehr zu bieten, und was auch immer es sein mochte, es wartete auf sie.

Sie hatte ihr Geheimnis für sich behalten, unsicher, was sie damit anfangen sollte, wem in aller Welt sie es erklären sollte, bis sie es am vergangenen Samstag, in seinen Arm geschmiegt, die Wange an seine Lederjacke gepresst, Billy anvertraut hatte …

Laurel nahm seinen Brief aus dem Buch und las ihn noch einmal. Er war kurz, Billy teilte ihr darin nur mit, dass er am Samstagnachmittag um halb drei mit seinem Motorrad am Ende der Straße auf sie warten würde – er wolle ihr eine Stelle an der Küste zeigen, seine Lieblingsstelle.

Laurel warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Nur noch zwei Stunden.

Er hatte genickt, als sie ihm von der Aufführung der Geburtstagsfeier erzählt hatte und wie sie sich dabei gefühlt hatte; er hatte von London und vom Theater gesprochen, von all den Bands, die er in namenlosen Nachtklubs gehört hatte, und Laurel war ganz schwindelig geworden angesichts der ungeahnten Möglichkeiten, die sich vor ihr auftaten. Dann hatte er sie geküsst. Es war ihr erster richtiger Kuss gewesen, und in ihrem Kopf war ein Feuerwerk explodiert, bis sie nur noch weißes Licht gesehen hatte.

Laurel rollte sich auf die Seite, um in den kleinen Handspiegel schauen zu können, den Daphne dort aufgestellt hatte. Sie betrachtete die winzigen schwarzen Pünktchen, die sie sich mit äußerster Sorgfalt in die Augenwinkel gemalt hatte. Zufrieden, dass sie noch kein bisschen verwischt waren, richtete sie ihren Pony und versuchte, das dumpfe, nagende Gefühl abzuschütteln, dass sie etwas Wichtiges vergessen haben könnte. Ein Badetuch hatte sie eingesteckt, den Badeanzug trug sie schon unter ihrem Kleid; ihren Eltern hatte sie erzählt, Mrs. Hodgkins hätte sie gebeten, ein paar Stunden außer der Reihe im Salon aufzuräumen und zu putzen.

Laurel knabberte sich einen Hautfetzen vom Nagelbett. Diese Heimlichtuerei war eigentlich nicht ihre Art; sie war ein wohlerzogenes Mädchen, das sagten alle – ihre Lehrer, die Mütter ihrer Freundinnen, Mrs. Hodgkins –, aber was blieb ihr übrig? Wie sollte sie das alles ihrer Mutter oder ihrem Vater erklären?

Sie war sich ganz sicher, dass ihre Eltern sich nie richtig geliebt hatten, egal was sie ihr für Geschichten darüber erzählten, wie sie sich kennengelernt hatten. Das heißt, sie liebten sich natürlich auf ihre Weise, aber das war die Liebe zwischen alten Leuten, die sich darin äußerte, dass man einander die Schulter tätschelte und gemeinsam Tee trank. Nein – Laurel seufzte mit einem wohligen Schauder. Man konnte mit Sicherheit davon ausgehen, dass die beiden nie die andere Art Liebe gekannt hatten, das Feuerwerk der Gefühle, das Herzklopfen, die körperliche Begierde.

Ein Windstoß trug das Lachen ihrer Mutter herüber, und das Bewusstsein, so vage es auch sein mochte, dass sie an einem Wendepunkt ihres Lebens angelangt war, erfüllte sie mit Zuneigung. Die liebe Ma. Es war nicht ihre Schuld, dass sie den größten Teil ihrer Jugend an den Krieg verschwendet hatte. Dass sie schon fast fünfundzwanzig gewesen war, als sie geheiratet hatte; dass sie immer noch mit Begeisterung Papierschiffchen bastelte, wenn die Kinder einmal Langeweile hatten; dass das schönste Erlebnis in diesem Sommer für sie war, dass sie den ersten Preis des örtlichen Gartenbau-Vereins gewonnen hatte und ein Foto von ihr in der Zeitung erschienen war, und zwar nicht nur im Lokalblatt – der Artikel war sogar in Londoner Zeitungen abgedruckt worden, als Teil einer Serie über besondere Ereignisse im ländlichen England. (Shirleys Vater, ein Rechtsanwalt, hatte die Zeitung mitgebracht, um allen den Artikel zu zeigen.)

Laurels Ma hatte so getan, als wäre es ihr peinlich, und sie hatte protestiert, als ihr Daddy den Artikel an den neuen Kühlschrank geklebt hatte, aber sie hatte ihn auch nicht wieder abgenommen. Nein, sie war mächtig stolz auf ihre besonders langen Stangenbohnen, und genau das war es, was Laurel meinte. Sie spuckte ein winziges Stückchen Fingernagel aus. Irgendwie schien es ihr menschlicher, jemanden, dessen ganzer Stolz Stangenbohnen waren, mit einer Notlüge zu täuschen, als ihn zu der Einsicht zu zwingen, dass die Welt sich geändert hatte.

Laurel hatte keinerlei Erfahrung mit Notlügen. In ihrer Familie standen sich alle sehr nahe. Das war allgemein bekannt. In den Augen der Leute hatten die Nicolsons sich der äußerst verdächtigen Sünde schuldig gemacht, einander wirklich zu lieben und zu respektieren. Aber in letzter Zeit hatte sich irgendetwas geändert. Zwar benahm Laurel sich wie immer, aber es fühlte sich an, als würde sie nicht mehr dazugehören. Sie runzelte die Stirn, als die Sommerbrise ihr ein paar einzelne Haare ins Gesicht blies. Wenn sie beim Abendessen saßen und ihr Vater seine üblichen Witze machte, die keiner lustig fand und über die sie trotzdem lachten, kam sie sich vor wie eine Zuschauerin; als säßen die anderen in einem Zugabteil und ließen sich von dem vertrauten Rhythmus einlullen, während sie allein am Bahnhof stand und ihnen hinterherschaute.

Nur dass sie es war, die weggehen würde. Und zwar schon bald. Sie hatte sich alle nötigen Informationen besorgt: Sie würde auf die Central School of Speech and Drama gehen. Was würden ihre Eltern wohl sagen, wenn sie ihnen erklärte, dass sie sich entschlossen hatte, von zu Hause fortzugehen? Sie waren beide alles andere als weltgewandt – ihre Mutter war nicht ein einziges Mal in London gewesen, seit Laurel auf der Welt war –, und wenn sie erfuhren, dass ihre älteste Tochter nicht nur vorhatte, dorthin zu ziehen, sondern auch noch eine fragwürdige Existenz als Schauspielerin führen wollte, würde sie der Schlag treffen.

Unter ihr flatterte die nasse Wäsche an der Leine. Die Beine der Jeans, die Grandma Nicolson nicht ausstehen konnte (»Du siehst ordinär aus in der Hose, Laurel; es gibt nichts Schlimmeres als ein Mädchen, das sich wegwirft«), schlugen gegeneinander, sodass die Henne, der ein Flügel fehlte, aufgeregt gackernd im Kreis lief. Laurel schob sich die Sonnenbrille mit dem weißen Rahmen auf die Nase und lehnte sich gegen die Wand des Baumhauses.

Das Problem war der Krieg. Er war jetzt schon über sechzehn Jahre vorbei – so lange, wie sie auf der Welt war –, und die Welt hatte sich weitergedreht. Alles war jetzt anders. Ihr Vater hatte in einer großen Truhe auf dem Dachboden Gasmasken, seine Uniform, Essensmarken und alles mögliche andere aus dieser Zeit verstaut, und da gehörte es auch hin. Leider gab es viele Leute, die das nicht einsehen wollten – um nicht zu sagen, fast alle, die älter waren als fünfundzwanzig.

Billy meinte, sie würde es ihnen nie begreiflich machen können. Er sagte, man bezeichne das als Generationenkonflikt, und es sei zwecklos, es erklären zu wollen. Es sei genauso wie in dem Buch von Alan Sillitoe, das er ständig bei sich trug, dass Erwachsene ihre Kinder eben nicht verstünden und dass man etwas falsch machte, wenn sie es doch taten.

Zuerst hatte Laurel ihm widersprechen wollen, schließlich war sie ein wohlerzogenes Mädchen, immer ehrlich ihren Eltern gegenüber, aber sie hatte es nicht getan. Sie hatte daran denken müssen, wie sie sich neuerdings, wenn ihre Schwestern schliefen, aus dem Haus stahl, hinaus in die laue Nacht, ihr Transistorradio unter der Bluse versteckt, und mit klopfendem Herzen ins Baumhaus kletterte. Oben angekommen schaltete sie Radio Luxemburg ein und ließ sich in der Dunkelheit von leiser Musik berieseln. Und wenn die Musik in die stille Landluft hinausgetragen wurde und die neuesten Hits sich über die uralte Landschaft legten, bekam Laurel eine Gänsehaut von dem berauschenden Gefühl, Teil von etwas Großem zu sein, einer weltweiten Verschwörung, einer geheimen Vereinigung. Sie gehörte einer neuen Generation von jungen Menschen an, die alle in diesem Moment dieselbe Musik hörten, die wussten, dass das Leben, die Welt, die Zukunft auf sie warteten …

Laurel öffnete die Augen, und die Erinnerung verflüchtigte sich. Aber das Gefühl der Gänsehaut blieb. Sie streckte sich genüsslich und schaute einer Krähe hinterher, die unter einem Wolkenstreifen dahinsegelte. Flieg, kleiner Vogel, flieg. Genauso würde sie es machen, sobald sie die Schule abgeschlossen hatte. Sie schaute der Krähe nach, bis sie nur noch ein winziger schwarzer Punkt am blauen Himmel war, und sagte sich, wenn ihr dieses Kunststück gelang, dann würden ihre Eltern ihre Welt mit ihren Augen sehen, und die Zukunft würde ihr offenstehen.

Das Triumphgefühl trieb ihr die Tränen in die Augen. Sie sah sich um, betrachtete das Haus: das Fenster ihres Zimmers, die Bergastern, die sie mit ihrer Ma auf dem Grab von Constable, dem armen Kater, gepflanzt hatte, der Spalt zwischen den Backsteinen, wo sie als kleines Mädchen ihre Milchzähne versteckt hatte, damit die Zahnfee sie abholen konnte.

Sie hatte vage Erinnerungen an die Zeit davor, wie sie in Pfützen am Strand Schnecken gesammelt und jeden Abend in der Pension ihrer Grandma zu Abend gegessen hatte, aber sie waren wie ein Traum. Das Bauernhaus, in dem sie jetzt wohnte, war das einzige Zuhause, das sie kannte. Es gefiel ihr, ihre Eltern Abend für Abend in ihren Sesseln sitzen zu sehen, zu wissen, dass die beiden, während sie einschlief, im Nebenzimmer leise miteinander redeten, dass sie nur einen Arm auszustrecken brauchte, um eine ihrer Schwestern zu berühren.

Sie würden ihr alle fehlen, wenn sie fortging.

Laurel blinzelte. Sie würden ihr schrecklich fehlen. Die plötzliche Erkenntnis traf sie wie ein Schlag. Ihre Schwestern liehen sich, ohne zu fragen, ihre Kleider aus, brachen ihre Lippenstifte ab, zerkratzten ihre Schallplatten. Aber sie würden ihr fehlen. Ihr wildes Treiben, das Streiten, das ausgelassene Lachen. In dem Zimmer, das sie sich teilten, führten sie sich auf wie junge Hunde. Für Außenstehende war es unerträglich, aber ihnen gefiel das. Sie waren die Nicolson-Mädchen: Laurel, Rose, Iris und Daphne. Ein Blumenbeet voller Töchter, wie ihr Daddy sich gern ausdrückte, wenn er ein oder zwei Bier zu viel getrunken hatte. Satansbraten, wie ihre Grandma stöhnte, wenn die Schwestern mal wieder ein paar Stunden bei ihr verbracht hatten.

Aus der Ferne hörte Laurel das Lachen und Kreischen der anderen unten am Bach. Ihre Kehle schnürte sich zusammen. Sie sah ihre drei Schwestern vor sich wie auf einem alten Gemälde. Wie sie einander mit gerafften Röcken durch das seichte Wasser jagten. Rose, die sich auf den Felsen in Sicherheit gebracht hatte und die dünnen Beine ins Wasser baumeln ließ, während sie mit einem nassen Stöckchen Bilder auf den Stein malte, Iris, völlig durchnässt und wütend, Daphne mit ihren Ringellocken, die sich den Bauch hielt vor Lachen.

Die karierte Picknickdecke lag im Gras am Ufer ausgebreitet, ihre Mutter stand an der Biegung, wo der Bach schneller floss, knietief im Wasser und ließ ihre Papierbötchen schwimmen. Ihr Vater saß mit hochgekrempelten Hosenbeinen da und schaute zu, eine Zigarette im Mundwinkel, ein beseligtes Lächeln im Gesicht – Laurel sah es genau vor sich –, als könnte er sein Glück nicht fassen, dass das Schicksal ihn genau in diesem Moment an genau diesen Ort geführt hatte.

Und zu Füßen ihres Vaters, im flachen Wasser, planschte der Kleine und versuchte lachend und quiekend, mit seinen Patschhändchen Mummys Bötchen einzufangen. Der Kleine. Ihrer aller Sonnenschein.

Natürlich hatte er einen Namen, Gerald, aber niemand nannte ihn so. Es war ein Name für einen Erwachsenen, und er war doch noch so klein. Heute wurde er zwei Jahre alt, aber er hatte immer noch rosige Pausbäckchen mit Grübchen, seine Augen funkelten verschmitzt, und dann diese dicken, weichen Beinchen. Manchmal musste Laurel sich zusammennehmen, um sie nicht zu fest zu drücken. Sie alle wollten seine Lieblingsschwester sein, und sie alle hielten sich dafür, aber Laurel wusste, dass der Kleine ganz besonders strahlte, wenn er sie sah.

Wie konnte es also sein, dass sie auch nur eine Minute seiner Geburtstagsfeier verpasste? Was dachte sie sich eigentlich dabei, sich so lange im Baumhaus zu verstecken, vor allem wo sie vorhatte, schon bald mit Billy durchzubrennen?

Schuldbewusst runzelte Laurel die Stirn, doch dann fasste sie einen Entschluss. Sie würde alles wiedergutmachen. Sie würde vom Baum klettern, das Geburtstagsmesser vom Küchentisch holen und damit zum Bach gehen. Sie würde die wohlerzogene Tochter spielen, die vorbildliche große Schwester. Wenn sie das alles hinbekam, bevor auf ihrer Armbanduhr zehn Minuten verstrichen waren, würde sie auf dem imaginären Punktekonto, das sie insgeheim führte, zehn Bonuspunkte bekommen. Der warme Wind umspielte ihren sonnengebräunten Fuß, als sie ihn hastig auf die oberste Sprosse der Leiter setzte.

Später sollte Laurel sich fragen, ob alles anders gekommen wäre, wenn sie sich mehr Zeit gelassen hätte. Ob die ganze schreckliche Geschichte vielleicht nie passiert wäre, wenn sie vorsichtiger gewesen wäre. Aber es war passiert, weil sie nicht vorsichtig gewesen war. Weil sie in Eile gewesen war. Und deswegen würde sie sich immer die Schuld an dem geben, was dann geschehen war. Aber damals hatte sie einfach nicht nachgedacht. So sehr, wie sie sich zuerst danach gesehnt hatte, allein zu sein, hatte sie jetzt unbedingt dazugehören wollen, und zwar sofort, als wäre es plötzlich das Wichtigste auf der Welt.

So war es ihr in letzter Zeit oft ergangen. Sie war wie die Wetterfahne auf dem Dach von Greenacres, als wären ihre Gefühle den Launen des Winds ausgesetzt. Es war seltsam, manchmal sogar beängstigend, aber irgendwie auch aufregend. Wie eine Bootsfahrt auf einem stürmischen Meer.

Und diesmal war es auch noch schmerzhaft. Denn in ihrer Eile, zu den anderen zu gelangen, scheuerte sie sich das Knie am Boden des Baumhauses auf. Sie unterdrückte einen Fluch, und als sie hinunterschaute, sah sie frisches, überraschend rotes Blut. Anstatt nach unten zu klettern, zog sie sich wieder ins Baumhaus hoch, um den Schaden zu begutachten.

Sie saß immer noch da oben und betrachtete ihr blutendes Knie und fragte sich, ob Billy die hässliche Schürfwunde auffallen würde und wie sie sie verdecken könnte, als sie aus dem Wäldchen ein Geräusch hörte. Es war ein Rascheln, das einerseits natürlich klang, sich andererseits so sehr von allen anderen Nachmittagsgeräuschen abhob, dass sie darauf aufmerksam wurde. Als sie aus dem Fenster schaute, sah sie Barnaby durch das hohe Gras tollen, wobei seine Ohren auf und ab schlenkerten wie samtene Flügel. Und kurz dahinter folgte ihre Mutter. Sie ging mit großen Schritten in ihrem selbst genähten Sommerkleid über die Wiese, auf der Hüfte den Kleinen in seinem Spielhöschen, der vergnügt mit den nackten Beinchen strampelte.

Die beiden waren zwar ziemlich weit weg, aber der Wind trug das Lied, das ihre Mutter sang, bis zu Laurel herüber. Es war ein Lied, das sie allen Kindern vorgesungen hatte, als sie Babys gewesen waren, und der Kleine jauchzte vor Vergnügen, wenn ihre Mutter mit den Fingern an seinem Bauch hochkrabbelte und ihn am Kinn kitzelte. Die beiden waren so in ihrer Welt versunken und die ganze Szene auf der sonnendurchtränkten Wiese wirkte so idyllisch, dass Laurel spürte, wie sich in das Vergnügen, die beiden beobachten zu können, Eifersucht mischte, weil sie an ihrem Glück nicht teilhaben konnte.

Als ihre Mutter die kleine Pforte öffnete und den Garten betrat, begriff Laurel, dass sie gekommen war, um das Kuchenmesser zu holen.

Mit jedem Schritt ihrer Mutter rückte Laurels Chance auf Wiedergutmachung in weitere Ferne. Die Enttäuschung darüber verdarb ihr so gründlich die Laune, dass sie, anstatt sich bemerkbar zu machen oder vom Baum zu klettern, wie versteinert im Baumhaus hocken blieb. Mit einer dumpfen Wut im Bauch, die ihr ein seltsames Gefühl der Befriedigung verschaffte, schaute sie zu, wie ihre Mutter das Haus betrat.

Als ein Hula-Hoop-Reifen umfiel und lautlos auf dem Boden landete, betrachtete Laurel das als Zeichen der Solidarität und beschloss zu bleiben, wo sie war. Sollten sie sie ruhig noch eine Weile vermissen; sie würde an den Bach gehen, wenn sie so weit war. In der Zwischenzeit würde sie Die Geburtstagsfeier noch einmal lesen und sich eine Zukunft erträumen, weit weg von hier, in der sie schön war und gebildet und erwachsen und ohne Schorf am Knie.

Als sie den Mann zum ersten Mal sah, war er kaum mehr als ein undeutlicher Fleck am Rand ihres Blickfelds, ganz unten am Ende der Einfahrt. Später war Laurel sich nicht einmal mehr sicher, warum sie ausgerechnet in dem Moment aufgeblickt hatte. Als sie ihn ums Haus kommen sah, dachte sie eine Schrecksekunde lang, es wäre Billy, der früher gekommen war, um sie abzuholen. Erst als sie ihn deutlicher erkennen konnte und sah, dass die Kleidung nicht stimmte – dunkle Tuchhose, Hemd und ein schwarzer Hut mit einer altmodischen Krempe –, atmete sie erleichtert auf.

Die Erleichterung wich schnell der Neugier. Es kamen nur selten Besucher, erst recht nicht zu Fuß. Und doch spukte eine vage Erinnerung in Laurels Hinterkopf herum, während sie den Mann näher kommen sah, ein seltsames Gefühl von Déjà-vu, das sie beim besten Willen nicht einordnen konnte. Laurel vergaß ihre schlechte Laune und verfolgte das Geschehen von ihrem sicheren Versteck aus.

Die Ellbogen auf das Fenstersims gelehnt, stützte sie das Kinn in die Hände. Für einen älteren Mann war er ganz ansehnlich, und seine Haltung drückte Entschlossenheit aus. Ein Mann, der es nicht eilig hatte. Auf keinen Fall jemand, den sie kannte, keiner von den Freunden ihres Vaters aus dem Dorf und auch kein Landarbeiter. Natürlich bestand die Möglichkeit, dass es sich um einen Reisenden handelte, der nach dem Weg fragen wollte, aber dafür lag das Bauernhaus eigentlich zu weit von der Landstraße entfernt. Vielleicht ein Zigeuner oder ein Landstreicher? Einer von diesen Männern, die hin und wieder auftauchten, glücklose Gestalten, die dankbar jede Arbeit annahmen, die ihr Vater ihnen anbot. Oder – der schreckliche Gedanke ließ sie erschaudern – es war der Mann, über den sie in der örtlichen Zeitung gelesen hatte, der, über den die Erwachsenen mit besorgter Miene sprachen, der Kerl, der Leute beim Picknick erschreckte oder Frauen belästigte, die allein zum Bach gingen.

Laurel schüttelte sich bei dem unheimlichen Gedanken, dann gähnte sie. Der Mann war nicht gefährlich; sie sah seine lederne Aktentasche. Wahrscheinlich ein Vertreter, der ihrer Mutter die neueste Lexikonreihe verkaufen wollte.

Sie wandte sich wieder ihrem Buch zu.

Einige Minuten waren vergangen, als sie am Fuß des Baums Barnaby knurren hörte. Laurel richtete sich wieder auf, und als sie aus dem Fenster schaute, sah sie den Spaniel auf dem gepflasterten Weg stehen. Er beobachtete den Mann, der gerade dabei war, die kleine schmiedeeiserne Pforte zu öffnen, die in den Garten führte.

»Aus, Barnaby!«, rief ihre Mutter aus dem Haus. »Wir sind gleich so weit.« Sie erschien in der Tür, blieb kurz stehen, um dem Kleinen etwas ins Ohr zu flüstern und ihm einen Kuss auf das dicke Bäckchen zu geben. Der Kleine krähte glücklich.

Hinter dem Haus quietschte das Tor neben dem Hühnerstall – die Scharniere mussten mal wieder geölt werden –, und der Hund begann erneut zu knurren.

»Aus, Barnaby!«, sagte Laurels Mutter erneut. »Was ist denn bloß in dich gefahren?«

Der Mann kam um die Hausecke und schaute sich um. Ihr Lächeln erstarb.

»Guten Tag«, sagte der Fremde und blieb stehen, um sich mit einem Taschentuch den Schweiß von den Schläfen zu wischen. »Schönes Wetter heute.«

Der Kleine strahlte den Fremden an und streckte die Ärmchen nach ihm aus.

Es war eine Einladung, der niemand widerstehen konnte, und der Mann steckte sein Taschentuch ein, trat näher und hob eine Hand, als wollte er das Kind segnen.

Wie im Reflex zog Laurels Mutter den Kleinen von dem Fremden weg. Dann setzte sie ihn unsanft hinter sich auf den Boden. Spitze Kieselsteine bohrten sich in die Haut an seinen nackten Beinchen, und für ein Kind, das nur Liebe und Wohlbefinden kannte, war der Schreck zu groß. Er begann zu weinen.

Am liebsten wäre Laurel losgelaufen, um ihren kleinen Bruder zu trösten, aber sie war wie gelähmt. Sie spürte, wie ihre Nackenhaare sich aufrichteten. Das Gesicht ihrer Mutter nahm einen Ausdruck an, den sie noch nie bei ihr gesehen hatte. Das war Angst, schoss es ihr durch den Kopf. Ihre Ma hatte Angst.

Die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag. Die Sicherheit eines ganzen Lebens löste sich in Rauch auf und wurde von Panik abgelöst.

»Hallo Dorothy«, sagte der Mann. »Lange nicht gesehen.«

Er kannte den Namen ihrer Mutter. Der Mann war kein Fremder.

Wieder sagte er etwas, diesmal so leise, dass Laurel es nicht verstehen konnte, und ihre Mutter nickte schweigend. Sie hörte dem Mann zu, den Kopf zur Seite geneigt. Die Sonne schien ihr ins Gesicht, und sie schloss für einen Moment die Augen.

Dann geschah alles sehr schnell.

Der silberne Blitz brannte sich Laurel für immer ins Gedächtnis. Das Sonnenlicht, das die metallene Klinge aufleuchten ließ, in einem kurzen Augenblick voller Schönheit.

Dann fuhr das Messer herab, das besondere Messer, und versank tief in der Brust des Mannes. Der Mann schrie auf, in seinem schmerzverzerrten Gesicht spiegelten sich Verblüffung und Entsetzen. Laurel sah, wie seine Hände nach dem Messergriff fassten, dem Griff aus Elfenbein, um den herum sein Hemd sich rot färbte, während er langsam zu Boden sank und der warme Wind seinen Hut durch den Staub trieb.

Der Hund bellte wie verrückt, der Kleine saß auf dem Boden und weinte erbärmlich, sein Gesicht gerötet und tränenüberströmt, während ihm das kleine Herz brach, aber für Laurel verblassten all diese Geräusche. Sie hörte nur noch das Rauschen des Bluts in ihren Ohren, das laute Keuchen ihres eigenen Atems.

Die Schleife um den Messergriff hatte sich gelöst, die Enden des bunten Bands berührten die Steine, die das Beet einfassten. Es war das Letzte, was Laurel sah, ehe ihr schwarz vor Augen wurde.

2

Suffolk, 2011

Es regnete in Suffolk. In ihren Kindheitserinnerungen von Suffolk regnete es nie. Das Pflegeheim lag auf der anderen Seite der Stadt, und der Wagen kam nur langsam voran, weil die High Street streckenweise unter Wasser stand. Schließlich bogen sie in die Einfahrt ein und hielten am Ende des Wendekreises. Laurel holte ihren Taschenspiegel hervor und klappte ihn auf. Sie schob die Haut an einer Wange hoch und beobachtete, wie die Falten sich zusammenschoben und wieder entspannten, als sie losließ. Sie machte dasselbe mit der anderen Wange. Die Leute liebten ihre Falten. Ihre Agentin sagte es, die Besetzungschefs sagten es, und selbst blutjunge Visagisten gerieten ins Schwärmen, wenn sie sich mit ihren Pinseln an ihrem Gesicht zu schaffen machten. Vor ein paar Monaten hatte eine Internet-Zeitung ihre Leser dazu aufgerufen, »das Lieblingsgesicht der Nation« zu wählen, und Laurel war auf dem zweiten Platz gelandet. Ihre Falten, hieß es, gaben den Leuten ein Gefühl von Sicherheit.

Nun, das war schön für sie. Laurel gaben sie nur das Gefühl, alt zu sein.

Ja, sie war tatsächlich alt, dachte sie und klappte den Spiegel zu. Und zwar durchaus nicht nur relativ alt à la Mrs. Robinson. Es war mittlerweile fünfundzwanzig Jahre her, dass sie die Rolle in Die Reifeprüfung im National Theatre gespielt hatte. Wo war die Zeit geblieben? Irgendjemand musste die verdammte Uhr vorgestellt haben, als sie nicht aufgepasst hatte.

Der Fahrer öffnete die Tür und hielt einen großen schwarzen Schirm über sie.

»Danke, Mark«, sagte sie, als sie das Vordach erreichte. »Haben Sie die Adresse, wo Sie mich am Freitag abholen sollen?«

Mark stellte ihre Reisetasche ab und schüttelte den Schirm aus. »Bauernhaus auf der anderen Seite der Stadt, schmale Straße, Einfahrt ganz am Ende. Bleibt es bei zwei Uhr?«

Nachdem sie das bestätigt hatte, nickte er knapp und eilte dann durch den Regen zur Fahrertür. Sie schaute dem Wagen nach und sehnte sich plötzlich nach einer langen Fahrt über die nasse Autobahn, egal wohin. Nur nicht hierher.

Laurel betrachtete die Eingangstür, aber sie trat nicht ein, sondern nahm ihre Zigaretten aus der Tasche. Sie zündete sich eine an und inhalierte tief und geradezu gierig. Sie hatte eine fürchterliche Nacht hinter sich. Sie hatte furchtbar wirres Zeug geträumt, von ihrer Mutter, von diesem Ort hier, von ihren Schwestern, als sie noch Kinder waren, und von dem kleinen Gerry. Ein kleiner, ernster Junge, der ein Raumschiff aus Blech hochhielt, das er gebastelt hatte, und ihr erzählte, dass er eines Tages eine Zeitkapsel erfinden, in der Zeit zurückreisen und alles in Ordnung bringen würde. Was denn in Ordnung bringen?, hatte sie ihn im Traum gefragt. Na, alles, was schiefgegangen ist, hatte er geantwortet. Sie könne mitkommen, wenn sie wolle.

Und ob sie wollte.

Die Eingangstür des Pflegeheims öffnete sich mit einem Zischen, und zwei Krankenschwestern kamen heraus. Eine warf einen Blick in Laurels Richtung; ihre Augen weiteten sich, als sie sie erkannte. Laurel nickte knapp zum Gruß und ließ ihre Kippe fallen, während die Schwester sich zu ihrer Freundin beugte und ihr etwas ins Ohr flüsterte.

Rose saß auf einem der Stühle im Foyer, und einen ganz kurzen Moment lang betrachtete Laurel sie, als wäre sie eine Fremde. Sie trug eine violette Häkelstola um die Schultern, die vorn von einer rosafarbenen Schleife zusammengehalten wurde, und ihr widerspenstiges Haar, inzwischen silbergrau, war zu einem lockeren Zopf geflochten, der über ihre Schulter hing. Laurel hätte vor Zuneigung zerfließen können, als sie sah, dass der Zopf ihrer Schwester von einem Tütenverschluss zusammengehalten wurde. »Rosie«, sagte sie und verbarg ihre Gefühle hinter übertrieben guter Laune, auch wenn sie sich insgeheim dafür ein bisschen schämte. »Gott, wie lange haben wir uns nicht gesehen!«

Rose erhob sich, und sie umarmten sich. Laurel roch Rosies Lavendelduft, so vertraut und zugleich so deplatziert. Er gehörte zu Sommernachmittagen im guten Zimmer in Grandma Nicolsons Pension, dem »Sea Blue«, nicht zu ihrer kleinen Schwester.

»Ich bin so froh, dass du kommen konntest«, sagte Rose, nahm Laurel an der Hand und führte sie den Korridor hinunter.

»Das hätte ich mir doch nicht entgehen lassen.«

»Natürlich nicht.«

»Ich wäre früher gekommen, wenn das Interview nicht gewesen wäre.«

»Ich weiß.«

»Und ich würde länger bleiben, wenn die Proben nicht wären. In vierzehn Tagen fangen die Dreharbeiten an.«

»Ich weiß.« Rose drückte Laurels Hand noch fester, wie um ihre Worte zu unterstreichen. »Mummy wird glücklich sein, wenn sie erfährt, dass du überhaupt gekommen bist. Sie ist so stolz auf dich, Lol. Das sind wir alle.«

Lob von Angehörigen war lästig, und Laurel überging die Bemerkung. »Und die anderen?«

»Sind noch nicht da. Iris steckt im Stau, und Daphne trifft erst heute Nachmittag ein. Sie kommt vom Flughafen aus direkt zum Haus. Sie will von unterwegs noch mal anrufen.«

»Und Gerry? Wann kommt er?«

Es war ein Scherz, und selbst Rose, die nette Nicolson, die Einzige, die nicht ständig über andere lästerte, musste kichern. Ihr Bruder berechnete Kalender für kosmische Distanzen, mit denen man die Position weit entfernter Galaxien exakt berechnen konnte, aber fragte man ihn, wann er ankommen würde, war er ratlos.

Sie folgten dem Korridor um eine Ecke bis zu der Tür, an der »Dorothy Nicolson« stand. Rose legte die Hand auf den Türknauf, zögerte jedoch, ehe sie ihn drehte. »Bekomm keinen Schreck, Lol«, sagte sie. »Mummy hat ziemlich abgebaut, seit du das letzte Mal hier warst. Es geht auf und ab mit ihr. Mal ist sie ganz die Alte, und dann wieder …« Roses Lippen zitterten, und sie umfasste ihre lange Perlenhalskette. Beinahe flüsternd fuhr sie fort: »Manchmal ist sie verwirrt, und manchmal regt sie sich richtig auf, dann erzählt sie von der Vergangenheit, sagt Dinge, die ich manchmal nicht verstehe. Die Schwestern meinen, das hat nichts zu bedeuten, das passiert oft, wenn die Leute … wenn die Leute das Stadium erreichen, in dem Mummy sich jetzt befindet. Die Schwestern geben ihr dann ein Medikament; es soll sie eigentlich nur beruhigen, aber es macht sie immer ganz benommen. Ich würde heute nicht zu viel erwarten.«

Laurel nickte. Der Arzt hatte ihr ungefähr das Gleiche gesagt, als sie vor einer Woche angerufen hatte, um sich nach dem Zustand ihrer Mutter zu erkundigen. Er hatte sich zu Formulierungen verstiegen wie »die letzte Reise antreten«, und »den Weg allen Fleisches gehen«, von »Heimgang« war die Rede – und dies in einem so salbungsvollen Ton, dass Laurel sich nicht hatte verkneifen können zu fragen: »Wollen Sie damit sagen, dass meine Mutter im Sterben liegt?« Sie hatte mit kalter Autorität gesprochen, nur um ihn stottern zu hören. Er tat ihr den Gefallen, aber die Befriedigung darüber war nur von kurzer Dauer gewesen – bis er schließlich mit der Antwort herausrückte.

Ja.

Es war wie ein Urteil.

Rose drückte die Tür auf – »Schau mal, Mummy, wer da ist!« –, und Laurel wurde bewusst, dass sie den Atem anhielt.

In Laurels Kindheit hatte es eine Zeit gegeben, da hatte sie Angst gehabt. Vor der Dunkelheit, vor grausamen Zombies, vor fremden Männern, die in dunklen Ecken lauerten, wie Grandma Nicolson immer wieder behauptete, um sich kleine Mädchen zu schnappen und ihnen schlimme Dinge anzutun. (Was für Dinge? Schlimme Dinge. Es wurde nie mehr gesagt, was die Gefahr umso bedrohlicher wirken ließ.) Ihre Großmutter war sehr überzeugend gewesen, und Laurel hatte in der bleiernen Gewissheit gelebt, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis das Schicksal sie ereilte.

Manchmal waren ihre Ängste so übermächtig geworden, dass sie nachts schreiend aufwachte, weil ein Zombie im dunklen Wandschrank hockte und sie durch das Schlüsselloch beobachtete, bereit, ihr schlimme Dinge anzutun. »Schsch, Kleines«, hatte ihre Mutter geflüstert, »es war nur ein Traum. Du musst lernen, zwischen Wirklichkeit und Einbildung zu unterscheiden. Das ist nicht immer einfach – ich habe lange gebraucht, um es zu lernen, viel zu lange.« Und dann hatte sie sich zu ihr ins Bett gelegt und gesagt: »Soll ich dir eine Geschichte erzählen? Von einem kleinen Mädchen, das von zu Hause wegläuft, um zum Zirkus zu gehen?«

Es war schwer zu glauben, dass die starke Frau, die jeden nächtlichen Schrecken hatte verbannen können, dieses bleiche Geschöpf war, das da in dem Krankenhausbett lag. Laurel hatte geglaubt, sie sei auf die Situation vorbereitet. Sie hatte Freunde sterben sehen, sie wusste, wie der Tod aussah, sie hatte einen BAFTA-Award gewonnen für ihre Darstellung einer Frau mit Krebs im Endstadium. Aber das war etwas anderes. In dem Bett lag ihre Mutter. Am liebsten hätte sie auf dem Absatz kehrtgemacht.

Aber das tat sie nicht. Rose, die vor dem kleinen Regal stand, nickte ihr aufmunternd zu. Laurel rettete sich in die Rolle der pflichtbewussten Tochter, trat ans Bett und nahm die knochige Hand ihrer Mutter. »Hallo«, sagte sie. »Ich bin’s.«

Dorothys Augen öffneten sich kurz und schlossen sich wieder. Ihre Brust hob und senkte sich kaum merklich, als Laurel sich hinunterbeugte und einen Kuss auf die papierdünne Haut ihrer Wangen drückte.

»Ich habe dir was mitgebracht. Ich konnte nicht bis morgen warten.« Sie stellte ihre Sachen ab und nahm das kleine Päckchen aus ihrer Handtasche. Anstandshalber wartete sie einen Moment, dann wickelte sie das Geschenk aus. »Eine Haarbürste«, sagte sie und drehte die Bürste an ihrem silbernen Griff hin und her. »Mit ganz weichen Borsten – Wildschweinhaar, glaube ich. Ich habe sie in einem Antiquitätenladen in Knightsbridge gefunden. Ich habe deine Initialen darauf gravieren lassen – schau mal, hier. Soll ich dir das Haar bürsten?«

Sie hatte nicht mit einer Antwort gerechnet, und es kam auch keine. Laurel fuhr zärtlich mit der Bürste durch die feinen weißen Strähnen, die sich auf dem Kopfkissen wie ein Strahlenkranz ausbreiteten, Haar, das einmal kräftig und dunkelbraun gewesen war und sich jetzt zu verflüchtigen drohte. »So«, sagte sie und legte die Bürste so auf dem Regal ab, dass das Licht auf die Gravur fiel. Ein elegant geschwungenes großes D. »So ist es schön.«

Rose musste das irgendwie gefallen haben, denn sie reichte ihr das Fotoalbum, das sie aus dem Regal genommen hatte, und flüsterte, sie wolle in die Küche gehen, um Tee aufzusetzen.

Jede Familie hatte ihre Rollenaufteilung, da bildeten die Nicolsons keine Ausnahme. Laurel setzte sich auf einen orthopädisch wirkenden Stuhl am Kopfende des Betts und schlug vorsichtig das alte Buch auf. Das erste Foto war in Schwarz-Weiß, inzwischen verblasst und übersät mit braunen Sprenkeln. Unter den Stockflecken war eine junge Frau mit Kopftuch für immer in einem Schreckmoment festgehalten. Sie blickte von etwas auf, mit dem sie gerade beschäftigt war, und hatte eine Hand gehoben, um den Fotografen zu verscheuchen. In ihrem Gesicht lag ein angedeutetes Lächeln, in ihren Unmut mischte sich Belustigung, und sie schien etwas zu sagen, an das sich längst niemand mehr erinnerte. Ein Scherz, hatte Laurel sich immer vorgestellt, eine witzige Bemerkung zu der Person hinter der Kamera. Wahrscheinlich einer von Grandmas zahlreichen, längst vergessenen Gästen: ein Handelsreisender, ein einsamer Urlauber, irgendein stiller Bürokrat mit polierten Schuhen, der den Krieg bei einer »kriegsnotwendigen Tätigkeit« aussaß. Ein schmaler Streifen ruhigen Meers war im Hintergrund erkennbar, aber nur, wenn man wusste, dass es da war.

Laurel hielt das Album über den reglosen Körper ihrer Mutter und begann zu erzählen. »Das bist du, Ma, in Grandma Nicolsons Pension. Es ist 1944, kurz vor Ende des Kriegs. Mrs. Nicolsons Sohn ist noch nicht aus dem Krieg heimgekehrt, aber er wird bald kommen. In wenigen Wochen wird sie dich in die Stadt schicken mit den Essensmarken, und wenn du mit den Einkäufen zurückkommst, wird ein Soldat am Küchentisch sitzen, ein Mann, den du noch nie gesehen hast, den du aber von dem Foto erkennst, das auf dem Kaminsims steht. Als ihr euch kennenlernt, ist er älter als auf dem Foto, und trauriger, aber er trägt dieselbe Kakiuniform, und er lächelt dich an, und du weißt sofort, dass er derjenige ist, auf den du gewartet hast.«

Laurel blätterte die Seite um und glättete mit dem Daumen die Ecke des vergilbten Schutzblatts aus Seidenpapier. »Dein Hochzeitskleid hast du dir selbst aus zwei Spitzengardinen aus einem der oberen Gästezimmer der Pension genäht, die Grandma Nicolson dafür geopfert hat. Alle Achtung, Ma, das war bestimmt nicht einfach, sie dazu zu überreden. Wir wissen ja alle, wie Grandma an ihren Gardinen hing. Du hattest Angst, dass es bei eurer Hochzeit regnen würde, weil es in der Nacht vorher ein Gewitter gegeben hatte. Aber es hat nicht geregnet. Die Sonne ging auf, und der Wind blies die Wolken fort, und die Leute sagten, es sei ein gutes Omen. Trotzdem bist du auf Nummer sicher gegangen und hast dafür gesorgt, dass Mr. Hatch, der Schornsteinfeger, als Glücksbringer vor den Kirchenstufen stand. Die Aufgabe kam ihm gerade recht, denn von dem Geld, das Daddy ihm dafür gegeben hat, konnte er seinem ältesten Sohn ein Paar neue Schuhe kaufen.«

In den letzten Monaten war Laurel sich nie ganz sicher gewesen, ob ihre Mutter sie überhaupt hörte, aber die nette Schwester versicherte ihr jedes Mal, dass sie keinen Zweifel daran habe, und manchmal nahm Laurel sich die Freiheit, etwas hinzuzudichten – ohne zu übertreiben; sie ließ es nur geschehen, wenn ihre Fantasie vom Pfad der Haupthandlung abschweifte. Iris gefiel das nicht, sie meinte, die Geschichte ihrer Mutter sei ihr wichtig, und Laurel habe kein Recht, sie auszuschmücken. Doch der Arzt hatte, als er von dem Frevel erfuhr, nur die Schultern gezuckt und gesagt, es komme vor allem auf das Reden an, nicht so sehr darauf, dass alles der Wahrheit entspreche. Dann hatte er mit einem Augenzwinkern hinzugefügt: »Vor allem von Ihnen, Miss Nicolson, sollte man keinen ausgeprägten Hang zur Wahrheit erwarten.«

Zwar hatte er ihre Partei ergriffen, aber Laurel hatte sich über die Anspielung geärgert. Sie hatte kurz überlegt, ob sie den unverschämten Arzt mit seinem allzu schwarzen Haar und seinen allzu weißen Zähnen auf den Unterschied zwischen einem Theaterstück und dem wirklichen Leben hinweisen und ihm sagen sollte, dass es in beiden Fällen auf die Wahrheit ankam; aber sie wusste, dass es keinen Zweck hatte, mit einem Mann eine intellektuelle Auseinandersetzung zu führen, der einen albernen Kugelschreiber in Form eines Golfschlägers in der Brusttasche trug.

Sie schlug die nächste Seite auf, mit den Fotos von ihr als Kleinkind. Zügig erzählte sie die Geschichte ihrer Kinderjahre – die kleine Laurel schlafend in einer Wiege, an der Wand darüber Sterne und Feen, die kleine Laurel missmutig blinzelnd in den Armen ihrer Mutter, die kleine Laurel, schon ein bisschen größer, wie sie auf ihren stämmigen Beinchen am Strand durch das seichte Wasser läuft – bis zu der Stelle, wo das Wiedergeben von Gehörtem endete und ihre eigene Erinnerung begann. Sie blätterte die Seite um, und sofort ertönten der Lärm und das Lachen der anderen in ihrem Kopf. War es Zufall, dass ihre Erinnerungen so stark an die Ankunft ihrer Schwestern gekoppelt waren? Bilder, auf denen sie im hohen Gras herumtollten, aus dem Baumhausfenster winkten, wie die Orgelpfeifen aufgereiht vor ihrem Haus standen – frisch gewaschen und gekämmt und herausgeputzt für irgendeinen Ausflug.

Laurels Albträume hatten mit der Geburt ihrer Schwestern aufgehört. Das heißt, sie hatten sich verändert. Sie wurde nicht länger heimgesucht von Zombies und Monstern und bösen Männern, die tagsüber im Wandschrank hausten; jetzt träumte sie stattdessen, dass eine Flutwelle kam, dass die Welt vor dem Untergang stand, dass ein Krieg ausbrach und sie allein ihre jüngeren Schwestern beschützen musste. Die Ermahnung ihrer Mutter gehörte zu ihren deutlichsten Kindheitserinnerungen: »Pass auf deine Schwestern auf. Du bist die Älteste, lass sie nicht aus den Augen.« Damals war Laurel nicht in den Sinn gekommen, dass ihre Mutter womöglich aus Erfahrung sprach; dass in ihren Worten die jahrzehntealte Trauer um einen jüngeren Bruder mitschwang, den sie im Zweiten Weltkrieg bei einem Bombenangriff verloren hatte. Kinder können sehr egoistisch sein, vor allem glückliche. Und die Nicolson-Kinder waren glücklicher gewesen als die meisten.

»Schau mal, das war Ostern. Das Baby im Hochstuhl ist Daphne, das muss also 1956 gewesen sein. Ja, genau. Rose hat einen Arm in Gips, diesmal den linken. Iris albert herum und lacht, aber das Lachen wird ihr bald vergehen. Weißt du noch? An dem Nachmittag ist sie heimlich an den Kühlschrank gegangen und hat alle Krebsscheren ausgesaugt, die Daddy am Tag davor vom Angeln mitgebracht hatte.« Es war das einzige Mal, dass Laurel ihren Vater wirklich wütend erlebt hatte. Er war von seinem Mittagsschlaf aufgestanden, voller Vorfreude auf das köstliche Krebsfleisch, und dann hatte er im Kühlschrank nur die leeren Scheren vorgefunden. Laurel erinnerte sich, wie Iris sich hinter dem schweren Sofa versteckt hatte – der einzige Ort, wo ihr Vater nicht an sie herankam, um sie sich zu schnappen und übers Knie zu legen (eine leere Drohung, die dennoch ihre Wirkung tat) – und sich weigerte herauszukommen. Wie sie flehte und bettelte, einer möge ihr doch bitte, bitte ihr Pippi-Langstrumpf-Buch unters Sofa schieben. Laurel musste lächeln. Sie hatte ganz vergessen, wie lustig Iris sein konnte, wenn sie ausnahmsweise mal nicht eingeschnappt war.

Etwas fiel hinten aus dem Album, und Laurel bückte sich, um es aufzuheben. Es war ein Foto, das sie noch nie gesehen hatte, eine alte Schwarz-Weiß-Aufnahme von zwei jungen Frauen, die einander untergehakt hatten. Sie standen in einem Raum voller Luftschlangen; Sonnenlicht fiel durch ein Fenster, das nicht zu sehen war, und sie lachten Laurel aus dem weißen Rahmen heraus an. Sie drehte es um, auf der Suche nach einem Kommentar, aber auf der Rückseite stand nur das Datum: Mai 1941. Wie seltsam. Laurel kannte das Familienalbum in- und auswendig, und dieses Foto, diese beiden Frauen, gehörten nicht dazu. Die Tür ging auf, und Rose kam wieder herein, zwei unterschiedliche Teetassen in den Händen, die auf ihren Untertassen klapperten.

Laurel hielt das Foto hoch. »Hast du das schon mal gesehen, Rosie?«

Rose stellte eine Tasse auf dem Nachttisch ab, betrachtete das Foto mit zusammengekniffenen Augen und lächelte. »Ja, ja«, sagte sie. »Es ist vor ein paar Monaten in Greenacres aufgetaucht – ich dachte, du könntest es irgendwo ins Album einsortieren. Ist sie nicht hübsch? Wie schön, etwas Neues von ihr zu entdecken, nicht wahr? Vor allem jetzt.«

Laurel betrachtete noch einmal das Foto. Die beiden jungen Frauen mit den Haarrollen auf beiden Seiten und knielangen Röcken. Die eine hielt lässig eine Zigarette in der Hand. Das war natürlich ihre Mutter. Sie war anders geschminkt. Sie war insgesamt anders.

»Komisch«, sagte Rose. »So habe ich sie mir nie vorgestellt.«

»Wie?«

»So jung. Wie sie mit einer Freundin herumgackert.«

»Nicht? Warum nicht?« Aber Laurel ging es genauso. In ihrer Vorstellung – und anscheinend ebenso in der Vorstellung ihrer Schwestern – war ihre Mutter ins Leben getreten, als sie auf Grandma Nicolsons Kleinanzeige hin an die Küste gekommen war und als Zimmermädchen in der Pension angefangen hatte. Natürlich kannten sie die Fakten: dass sie in Coventry geboren und aufgewachsen war, dass sie kurz vor Ausbruch des Kriegs nach London gegangen war, dass ihre gesamte Familie bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen war. Laurel wusste auch, dass der Verlust der Familie ihre Mutter tief getroffen hatte. Dorothy Nicolson hatte keine Gelegenheit ausgelassen, ihre Kinder daran zu erinnern, dass die Familie das Wichtigste im Leben war; es war das Mantra von Laurels Kindheit gewesen. Einmal, als sie gerade eine besonders schlimme pubertäre Phase durchmachte, hatte ihre Mutter sie an den Händen genommen und gesagt: »Mach es nicht wie ich, Laurel. Warte nicht zu lange, bis du erkennst, was wichtig ist. Deine Familie mag dir ja manchmal das Leben schwermachen, aber sie ist mehr wert, als du dir vorstellen kannst.«

Über die Einzelheiten ihres Lebens vor ihrer ersten Begegnung mit Stephen Nicolson hatte Dorothy ihren Kindern nie etwas erzählt, und sie waren auch nicht auf die Idee gekommen, sie danach zu fragen. Das war nichts Ungewöhnliches, dachte Laurel mit leichtem Unbehagen. Kinder erwarteten von ihren Eltern keine Vergangenheit, ja, sie empfanden es als irgendwie unglaublich, nahezu peinlich, wenn Eltern etwas von einem Vorleben durchblicken ließen. Aber als Laurel jetzt das Gesicht dieser Fremden aus Kriegszeiten betrachtete, empfand sie diese Wissenslücke als sehr schmerzlich.

In ihrer Anfangszeit als Schauspielerin hatte ihr einmal ein bekannter Regisseur erklärt, sie habe nicht das Gesicht für eine Hauptrolle. Sie hatte sich zutiefst gekränkt gefühlt, hatte geheult und getobt, sich stundenlang immer wieder im Spiegel betrachtet und sich schließlich in einem Anfall von Selbstzerstörungswut das lange Haar zentimeterkurz geschnitten. Das war der Beginn ihrer Karriere gewesen. Sie wurde zur Charakterdarstellerin. Besagter Regisseur hatte sie als Schwester der weiblichen Hauptrolle besetzt, und sie war von der Kritik hoch gelobt worden. Man staunte über ihre Wandlungsfähigkeit, die sie immer wieder neu unter Beweis stellte. Und es war kein Trick dabei; sie versuchte lediglich jedes Mal, das Geheimnis der Figur zu ergründen. Denn damit kannte Laurel sich aus. Sie war überzeugt, dass jeder Mensch über einen charakteristischen Makel verfügte, den er vor den anderen Menschen verbarg.

»Weißt du, dass wir noch nie ein Bild von ihr gesehen haben, auf dem sie so jung ist?« Rose setzte sich auf die Armlehne von Laurels Sessel und nahm das Foto. Der Duft nach Lavendel erfüllte den Raum.

»Wirklich nicht?« Laurel griff nach ihren Zigaretten, erinnerte sich, dass sie sich in einem Pflegeheim befand, und nahm stattdessen ihre Teetasse. »Mag sein.« Die Vergangenheit ihrer Mutter war für sie im Grunde ein einziges Geheimnis. Warum hatte sie das bisher nie beschäftigt? Sie betrachtete noch einmal das Foto, die beiden jungen Frauen, die über ihre Unwissenheit zu lachen schienen. »Wo hast du das noch mal gefunden, Rose?«, fragte sie, um einen beiläufigen Ton bemüht.

»In einem Buch.«

»In was für einem Buch?«

»Ein Theaterstück – Peter Pan.«

»Ma hat in einem Theaterstück mitgespielt?« Ihre Mutter hatte immer begeistert Verkleiden gespielt und Scharaden, aber Laurel konnte sich nicht erinnern, dass sie je in einem richtigen Theaterstück mitgewirkt hätte.

»Das weiß ich nicht. Das Buch war ein Geschenk. Vorne drin stand eine Widmung.«

»Und was genau steht da?«

»Für Dorothy.« Rose verschränkte die Finger und versuchte, sich an den Wortlaut zu erinnern. »Und dann: ›Wahre Freundschaft ist ein Licht im Dunkel – Vivien‹.«

Vivien. Der Name berührte Laurel auf seltsame Weise. Ihr wurde heiß und kalt, und sie spürte ihren Puls in den Schläfen. Eine verwirrende Bilderflut tauchte vor ihrem geistigen Auge auf – eine blitzende Klinge, das angstvolle Gesicht ihrer Mutter, eine rote Schleife, die sich gelöst hatte. Alte Erinnerungen, hässliche Erinnerungen, die der Name der Unbekannten irgendwie freigesetzt hatte … »Vivien«, wiederholte sie lauter als beabsichtigt. »Wer ist Vivien?«

Rose blickte überrascht auf, aber was auch immer sie hatte antworten wollen, blieb ungesagt, weil Iris plötzlich ins Zimmer gestürmt kam. Beide wandten sich zu ihrer Schwester um, die sich sofort entrüstet darüber ausließ, dass die Parkgebühren für Besucher eine Unverschämtheit seien; und so entging ihnen, wie Dorothy bei der Erwähnung von Viviens Namen nach Luft schnappte und sich ihr Gesicht verzerrte. Als die drei Schwestern sich um das Bett ihrer Mutter versammelten, schien Dorothy friedlich zu schlafen, und ihre Züge ließen nichts davon erahnen, dass sie das Pflegeheim, ihren müden Körper und ihre erwachsenen Töchter verlassen hatte und sich auf eine Zeitreise zurück zu jener finsteren Nacht im Jahr 1941 begeben hatte.

3

London, Mai 1941

Dorothy Smitham lief die Treppe hinunter und rief Mrs. White ein kurzes »Gute Nacht« zu, während sie sich ihren Mantel überzog. Die Vermieterin blinzelte hinter ihren dicken Brillengläsern, als sie vorbeieilte. Liebend gern hätte die alte Frau einen Plausch angefangen, der zumeist darin bestand, dass sie über ihre unmögliche Nachbarin herzog, aber Dolly ließ sie gar nicht erst zu Wort kommen. Sie warf einen kurzen Blick in den Garderobenspiegel und zwickte sich ein bisschen Farbe in die Wangen. Zufrieden mit dem, was sie sah, öffnete sie die Tür und trat hinaus in die verdunkelte Nacht. Sie hatte es wirklich eilig, denn Jimmy wartete bestimmt schon im Restaurant. Sie hatten so viel zu bereden – was sie mitnehmen mussten, was sie tun würden, wenn sie dort waren, wann sie aufbrechen würden …

Mit einem freudigen Lächeln langte Dolly in ihre tiefe Manteltasche und fühlte nach der geschnitzten Holzfigur. Sie hatte sie neulich im Fenster des Pfandleihers entdeckt. Eine bunt bemalte Punch-Figur. Sie hatte sie an ihn erinnert, und jetzt, wo London um sie herum in Trümmer fiel, kam es darauf an, alle wissen zu lassen, wie viel sie beide einander bedeuteten. Dolly konnte es kaum erwarten, Jimmy zu treffen – sie konnte sich sein Gesicht genau vorstellen, wie er lächeln würde, wenn sie ihm die Figur überreichte, und wie er ihr sagen würde, wie sehr er sie liebte. Der kleine hölzerne Mr. Punch, ein wichtiger Bestandteil der Volkskultur an der Küste, war nichts Großartiges, aber er war das perfekte Geschenk; Jimmy liebte die Küste. Genau wie sie.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!