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Wenn das Streben nach Perfektion in die Depression führt In diesem Buch geht es um einen zentralen Auslöser von Depressionen, dem bisher zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde: Perfektionismus. Glauben Sie, dass schmerzhafte Emotionen ein Zeichen von Schwäche sind? Verstecken Sie Ihre Unsicherheit und Verletzlichkeit hinter einer perfekten Fassade? Vielleicht sind Sie nach außen erfolgreich, engagiert und immer für andere da – spüren aber innerlich oft Scham, das Gefühl, nicht zu genügen, und üben schroffe Selbstkritik? Menschen, die unter dieser versteckten Form der Depression leiden, zerbrechen nicht selten daran. Das Perfide ist, dass Perfektionismus nicht nur Depressionen verursachen kann. Depressive Symptome bleiben auch oft hinter einem makellosen und souveränen Auftreten verborgen: unentdeckt von der Umwelt und manchmal auch von den Betroffenen selbst. Mit diesem mitfühlenden Leitfaden lernen Sie, Ihren Perfektionismus zu verstehen, destruktive Überzeugungen zu identifizieren und sich mit Emotionen zu verbinden, die viel zu lange unterdrückt wurden. Sie finden Tipps, wie Sie Ihre kritische innere Stimme zum Schweigen bringen, und wirkungsvolle Strategien, um mit schwierigen Gefühlen umzugehen. Ein Buch für alle, die an Depressionen leiden, sowie Angehörige und Psychotherapeut:innen.
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Seitenzahl: 361
Veröffentlichungsjahr: 2023
Margaret Robinson RutherfordDie versteckte DepressionWenn Perfektionismus krank macht
Über dieses Buch
Wenn das Streben nach Perfektion in die Depression führt
In diesem Buch geht es um einen zentralen Auslöser von Depressionen, dem bisher zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde: Perfektionismus. Glauben Sie, dass schmerzhafte Emotionen ein Zeichen von Schwäche sind? Verstecken Sie Ihre Unsicherheit und Verletzlichkeit hinter einer perfekten Fassade? Vielleicht sind Sie nach außen erfolgreich, engagiert und immer für andere da – spüren aber innerlich oft Scham, das Gefühl, nicht zu genügen, und üben schroffe Selbstkritik? Menschen, die unter dieser versteckten Form der Depression leiden, zerbrechen nicht selten daran.
Das Perfide ist, dass Perfektionismus nicht nur Depressionen verursachen kann. Depressive Symptome bleiben auch oft hinter einem makellosen und souveränen Auftreten verborgen: unentdeckt von der Umwelt und manchmal auch von den Betroffenen selbst.
Mit diesem mitfühlenden Leitfaden lernen Sie, Ihren Perfektionismus zu verstehen, destruktive Überzeugungen zu identifizieren und sich mit Emotionen zu verbinden, die viel zu lange unterdrückt wurden. Sie finden Tipps, wie Sie Ihre kritische innere Stimme zum Schweigen bringen, und wirkungsvolle Strategien, um mit schwierigen Gefühlen umzugehen.
Margaret Robinson Rutherford ist Psychotherapeutin in eigener Praxis in Arkansas. Seit mehr als 25 Jahren arbeitet sie mit Einzelpersonen und Paaren. Sie hat sich auf die Behandlung von (versteckten) Depressionen, Angstzuständen und Beziehungsproblemen spezialisiert.
Copyright: © Junfermann Verlag, Paderborn 2023
Copyright der Originalausgabe: © 2019 by Margaret Robinson Rutherford
Coverfoto: © Expono_shoot / stock.adobe.com
Die Originalausgabe ist 2019 unter dem Titel Perfectly Hidden Depression: How to Break Free from Perfectionism, Find Self-Acceptance, and Live a Happier Life bei New Harbinger Publications, Inc. erschienen.
All Rights Reserved.
Übersetzung: Lea Cyrus
Covergestaltung / Reihenentwurf: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn
Satz, Layout & Digitalisierung: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn
Alle Rechte vorbehalten.
Erscheinungsjahr dieser E-Book-Ausgabe: 2023
ISBN der Printausgabe: 978-3-7495-0415-2
ISBN dieses E-Books: 978-3-7495-0451-0 (EPUB), 978-3-7495-0452-7 (PDF).
Für meinen Mann, Richard. Jetzt bin ich mit der Wäsche dran.
Der Bezeichnung perfectly hidden depression („perfekt versteckte Depression“) bin ich zum ersten Mal in einem Facebook-Post von Dr. Margaret Rutherford begegnet. Was sie dort geschrieben hatte, führte mich zu ihrem Blog, wo ich ein Video anschaute, das ein wahrer Augenöffner für mich war.
Genau so ist es, dachte ich bei mir. Menschen mit perfekt versteckter Depression verbergen sich hinter einer Maske der Perfektion, aber eigentlich leiden sie unsäglich.
Und im selben Atemzug fragte ich mich: Aber warum muss es ihnen denn solche Schwierigkeiten bereiten, sich anderen anzuvertrauen? Wenn es ihnen so schlecht geht, müssten sie dann nicht ganz natürlich das dringende Bedürfnis haben, um Hilfe zu bitten?
Vor ein paar Jahren verlor eine Familie in meiner Heimatstadt auf tragische Weise ihren Sohn, der sich im Teenageralter befand, durch Selbstmord. Jay hätten alle für den idealen Schüler gehalten: intelligent, humorvoll, sportlich, beliebt bei seinen Mitschülern, hochmotiviert und sehr ehrgeizig – so etwas wie Scheitern kam für ihn nicht infrage.
Aber hinter dieser Maske der Perfektion ging es diesem begabten jungen Mann nicht gut. Von außen betrachtet wäre niemand auch nur auf die Idee gekommen, dass sich das Leben für Jay völlig anders anfühlte. Er litt unsäglich. Er hatte das Gefühl, dass nichts seine Not je würde lindern können – sie erschien ihm so aussichtslos, dass er entschied, seinem Leben ein Ende zu setzen.
Jays Mutter Erin lernte ich kennen, als sie bei der von mir mitgegründeten Organisation This Is My Brave Mutperlenarmbänder für Jays hinterbliebene Schwestern kaufte. Erin fühlte sich dadurch ermutigt, wie wir mit unserer Arbeit gegen die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen ankämpften, die viele Menschen davon abhält, sich Hilfe zu suchen. Unsere Organisation bietet Betroffenen eine Bühne, auf der sie ihre ganz eigene, individuelle Geschichte rund um ihre psychische Erkrankung oder Sucht kreativ zum Ausdruck bringen können. Indem das Publikum erlebt, wie sich Menschen vor einen Saal voller Fremder stellen, um darüber zu sprechen, wie sie es geschafft haben, aus den tiefsten Tiefen wieder zu neuem Lebensglück zu finden, kann es neue Hoffnung schöpfen. Unser Ziel ist es, die Perspektive zu verschieben: weg von Angst und Vermeidung hin zu Akzeptanz und Hoffnung. Wir tun das, indem wir unsere Geschichten mit anderen teilen.
Dasselbe Ziel verfolgt Dr. Rutherford mit ihrem Buch, in dem sie ein extrem wichtiges Thema in den Mittelpunkt rückt, von dem wir noch viel zu wenig wissen: die perfekt versteckte Depression. Psychische Probleme und hohe Suizidraten haben sich zu einer ernsten Gesundheitskrise entwickelt.
Von diesem Buch kann jeder profitieren, denn ob man sich dessen bewusst ist oder nicht – mit psychischen Problemen kommt jeder in Berührung. Innerhalb eines jeden Jahres ist fast jeder fünfte Amerikaner (das waren im Jahr 2020 52,9 Millionen) von einer psychischen Erkrankung betroffen (National Institute of Mental Health 2020b). Da jeder im Laufe des Lebens mehr als fünf Menschen kennenlernt, kennt auch jeder irgendjemanden, der mit einer psychischen Erkrankung zu kämpfen hat – und manchmal ist man dieser „irgendjemand“ auch selbst.
In den USA machen jedes Jahr 21 Millionen Erwachsene eine schwere depressive Episode durch (National Institute of Mental Health 2020a), und in der Altersgruppe der 10- bis 34-Jährigen ist Selbstmord gegenwärtig die zweithäufigste Todesursache (National Institute of Mental Health 2020c).1 Das Buch Die versteckte Depression ist nicht nur für Betroffene eine wertvolle Ressource, sondern für jeden aufschlussreich, der ganz allgemein mehr über Depressionen und Ängste und deren unterschiedlichen Ausprägungsformen erfahren möchte.
Ich bin der festen Überzeugung, dass die einzige Möglichkeit, wie wir als Gesellschaft psychische Erkrankungen von Stigma und Angst befreien können, darin besteht, dass wir zu unseren Geschichten stehen und ihnen ein Gesicht und einen Namen geben. Das bedeutet, dass wir den Mut aufbringen müssen, die schützenden Masken abzunehmen, hinter denen wir unsere Verletzlichkeit vor der Welt verborgen haben. Die Erkenntnis, dass es auch unsere Verletzlichkeit ist, die uns zu den komplexen, einzigartigen, wunderbaren Menschen gemacht hat, die wir sind, ist der Ausgangspunkt für ein reicheres, erfüllteres, sozialeres Leben.
Ich habe nicht die Gelegenheit gehabt, Jay vor seinem Tod kennenzulernen, aber ich habe das Gefühl, dass er, wenn er und seine Familie Dr. Rutherfords Buch gekannt hätten, eine reelle Chance gehabt hätte, seine Depression zu überleben. Dass sie keinen Zugang zu dem reichhaltigen Wissen hatten, das Sie nun vermittelt bekommen werden, bricht mir das Herz. Die versteckte Depression gibt Ihnen Strategien an die Hand, wie Sie sich aus dem einsam machenden, schmerzhaften Klammergriff des Perfektionismus befreien und zu neuer Selbstliebe und Akzeptanz finden können.
Mit diesem Buch begeben Sie sich auf einen Weg, der Ihnen neue Kraft geben wird. Warten Sie nicht länger, legen Sie gleich los!
Jennifer Marshall
Geschäftsführerin und Mitgründerin von This Is My Brave, Inc.
https://thisismybrave.org
1 In Deutschland sind laut Deutscher Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e.V. (DGPPN) jedes Jahr etwa 27,8 Prozent der erwachsenen Bevölkerung von einer psychischen Erkrankung betroffen (Stand 2023).
Ich bin Psychotherapeutin. Gelegentlich kommt es vor, dass Patienten2 mich in Notsituationen anrufen – in der Regel, weil sie sich akut überfordert fühlen.
Kurz vor Mittag an einem schönen Herbsttag 1998 kontaktierte mich Natalies Ehemann Rick über meinen Pager.
„Ich mache mir wirklich Sorgen um sie“, sagte er, „aber ich bin gerade nicht in der Stadt und frühestens in drei bis vier Stunden zurück.“
Natalie war wegen Ängsten bei mir in Behandlung. Sie hatte den Eindruck, den Anforderungen durch Beruf und Familie nicht mehr gerecht zu werden. Sie verabscheute ihr hektisches Leben, hatte gleichzeitig aber immense Schuldgefühle, sich das einzugestehen. Es ging ihr nicht gut damit, es ständig allen recht machen zu wollen, dabei aber immer das Gefühl zu haben, nicht genug zu tun. Fast schien sie sich dafür entschuldigen zu wollen, überhaupt über ihre Probleme zu sprechen, so, als wäre das ungehörig oder egoistisch. „Eigentlich sollte ich mich gar nicht beklagen“, sagte sie mir. „Im Vergleich zu den meisten anderen Leuten habe ich doch ein leichtes Leben.“
Wenn sie mal lachte, klang es nervös und gezwungen, aber sie trug immer ein Lächeln auf den Lippen, selbst wenn sie über Schmerzhaftes sprach. In letzter Zeit hatte Natalie häufiger zum Alkohol gegriffen – „immer erst, wenn die Kinder im Bett sind“ –, um mal ein bisschen abzuschalten.
„Ich glaube, sie ist zu Hause“, berichtete Rick am Telefon. „Sie hat die Kinder in die Schule gebracht, und heute ist ihr freier Tag. Ich habe bei ihr angerufen, aber sie geht nicht dran. Als ich sie zuletzt gesprochen habe, klang sie irgendwie komisch. Sie hat mich gebeten, die Kinder abzuholen. Hat sie Ihnen gegenüber vielleicht irgendetwas erwähnt? Dass es ihr nicht gut geht?“
Die Panik in Ricks Stimme war nicht zu überhören. Mein Verstand sagte mir, dass wahrscheinlich alles in Ordnung war, aber mein Bauchgefühl schlug Alarm. Ich bot an, den Notruf zu verständigen, aber er hatte Sorge, dass Natalie extrem verärgert wäre, wenn sie doch einfach nur aus irgendeinem Grund nicht ans Telefon ging. Ich wusste, dass sie um die Ecke von mir wohnte – ich sah sie ständig im Garten. Nur aufgrund dieser räumlichen Nähe entschied ich mich zu einer ansonsten sehr ungewöhnlichen Reaktion.
Eine oder zwei Minuten später kam ich bei ihrem von einem eleganten Garten umgebenen Haus an. Ich ging zur Haustür und klingelte. Nichts.
Ich ging ums Haus und klopfte an die Terrassentür. Wieder nichts. Ihr Auto war draußen vor der Garage geparkt. Ich schaute durch die Fenster, nur um sicherzugehen, dass sie nicht drinsaß.
Rick hatte mir den Sicherheitscode für die Garage mitgeteilt. Als ich die Zahlen eingab, kam ich mir wie eine Einbrecherin vor. Das Garagentor öffnete sich ächzend und gab den Blick auf ein tadellos aufgeräumtes Inneres frei, von wo aus eine weitere Tür ins Haus führte.
Auch im Haus mit seinen hohen Decken und großen Fenstern herrschte absolute Stille. Man hörte weder Musik noch den Fernseher. Alles war sehr sauber. Sehr aufgeräumt. Ich lief herum und rief Natalies Namen.
Die Küche war geräumig, die Elektrogeräte glänzten, der Kühlschrank war über und über mit sauber beschrifteten Kinderfotos bedeckt. Im Wohnzimmer, gleich neben der Küche, hätte man Gäste empfangen können: Die Kissen waren aufgeschüttelt, und gemütlich aussehende Strickdecken waren kunstvoll über den Armlehnen eines Modulsofas drapiert.
Immer wieder rief ich Natalies Namen – zunächst noch zurückhaltend, weil ich sie nicht unnötig erschrecken wollte, falls sie irgendwo schlief, dann immer lauter.
Ich ging durch den Flur zu einer Tür, hinter der sich, wie ich hoffte, das Elternschlafzimmer befand.
Sie lag im Bett – bewegungslos und mit einer leeren 750-ml-Flasche Wodka und einer halb leeren Packung verschreibungspflichtiger, potenziell tödlicher Benzodiazepine neben sich. Ich wählte den Notruf.
Sie war noch ansprechbar, aber nur so gerade eben. Sie konnte nur noch flüstern.
„Natalie, ich rufe einen Krankenwagen“, sagte ich.
„Nein … nein“, murmelte sie. „Nicht ins Krankenhaus. Bitte niemanden anrufen. Mir geht’s gut.“
Ihr ging es alles andere als gut. Während ich versuchte, sie wach zu halten und dazu zu bringen, mit mir zu reden, rief ich bei Rick an.
Innerhalb weniger Minuten war der Krankenwagen da. Natalie machte keine Anstalten, sich gegen die Sanitäter zur Wehr zu setzen, dafür war sie schon viel zu schwach. Nachdem sie weggebracht worden war, blieb ich noch ein Weilchen vor Ort und versuchte, mich wieder zu fangen. Ich war erschüttert.
Alles im Haus war an seinem Platz. Der Müll war geleert. Neben der Spüle waren Geschirr und Töpfe zum Trocknen aufgestellt, das Geschirrtuch war noch feucht. Neben dem Sofa standen ein paar Kisten mit ordentlich eingeräumtem Kinderspielzeug. Bis auf das zerwühlte Bett war auch das Schlafzimmer tipptopp. Nichts lag herum, keine Kleidung, keine Schuhe. Keine Papierstapel auf dem Schreibtisch in der Ecke.
Es wäre ein absolut gepflegter Selbstmord gewesen.
An diesem Tag begann ich, die traditionellen Diagnosekriterien für Depression infrage zu stellen und, ohne mir dessen schon so richtig bewusst zu sein, in meinem Kopf das Konzept der perfekt versteckten Depression (englisch perfectly hidden depression, kurz: PHD) zu formulieren.
Natalie war sehr erfolgreich in ihrem Beruf, gut vernetzt und allgemein beliebt. Sie arbeitete unermüdlich an allem, was sie sich vornahm, und war eine fürsorgliche und aufmerksame Mutter. Dazu kam noch ehrenamtliches Engagement sowohl an der Schule ihrer Kinder als auch für die Gesellschaft.
Nicht ein einziges Mal hatte sie Selbstmordabsichten geäußert. Sie war einfach nur in Hausarbeit versunken, insbesondere in letzter Zeit, wo Rick häufiger beruflich unterwegs war. Sie hatte eher ängstlich und nervös gewirkt als depressiv.
Zu Beginn ihrer Therapie hatte ich erfahren, dass Natalie von ihrem Großvater sexuell missbraucht worden war, wovon sie allerdings niemandem aus der Familie je erzählt hatte. Auch mir hatte sie es nur gesagt, weil ich sie direkt danach gefragt hatte. Ihre Eltern waren sehr dominierend, besonders ihre Mutter, der sie es nie recht machen konnte. Als Kind hatte Natalie erfolgreich Sportgymnastik betrieben und alle möglichen Medaillen und Preise gewonnen. Ihre Mutter hatte jedem Wettkampf beigewohnt, ihr Vater hatte vor lauter Arbeit keine Zeit dafür gehabt. Im Anschluss an die Wettkämpfe pflegte ihre Mutter ihr jedes Mal darzulegen, was sie noch hätte besser machen können oder woran sie künftig noch würde arbeiten müssen.
Steuerberaterin war Natalie geworden, weil auch ihr Vater in diesem Beruf arbeitete. Es war das Naheliegendste gewesen. Sie war in seinem Unternehmen angestellt und extrem darauf bedacht, exzellente Arbeit abzuliefern, hatte aber auch immer ein offenes Ohr für die Fragen und Anliegen der Klienten. Zunehmend hasste sie ihre Arbeit, fühlte sich dort aber aufgrund finanzieller Pflichten und anderer Verantwortlichkeiten extrem gefangen.
Zwar räumte sie ein, Wut zu empfinden, insbesondere ihrer Mutter gegenüber, schaffte es aber nicht, dieser Ausdruck zu verleihen. Die Vorstellung, auch mal abzuschalten und zu entspannen, statt immer zu versuchen, für alle da zu sein, trieb ihr allenfalls ein müdes Lächeln ins Gesicht. „Wann sollte ich dafür denn bitte die Zeit finden?“, lachte sie.
Ihr Selbstmordversuch war ein wirksamer Weckruf.
Natalie kam ins Krankenhaus und machte anschließend eine Entziehungskur. Nach ihrer Rückkehr fingen wir an, uns damit auseinanderzusetzen, was ihre Überlebensstrategien bei ihr angerichtet hatten.
Ihre Lösung – einen wesentlichen Teil ihres wahren Selbst verborgen zu halten – war zum Problem geworden.
Natalie hatte enorme Schuldgefühle wegen ihres Selbstmordversuchs. Sie musste akzeptieren, dass sie insgeheim eine große Hoffnungslosigkeit verspürt hatte. Zusammen mit Rick reflektierte sie dessen Gefühle in Bezug auf ihren Selbstmordversuch und schaffte es schließlich, sich ihm nach und nach mit ihren wirklichen Problemen anzuvertrauen. Sie brauchte Zeit und Raum, um ihre Kindheitsthemen aufzuarbeiten, darunter den sexuellen Missbrauch und die kritische Stimme in ihrem Kopf, die ständig Schamgefühle in ihr hervorrief.
Natalie gab sich große Mühe, ihr Alkoholproblem in den Griff zu bekommen. In der Beziehung zu ihrer Mutter schaffte sie es, klarere Grenzen zu setzen. Sie bereitete sich darauf vor, ihre Stelle zu kündigen, was ihr in Bezug auf ihre Lebenseinstellung, ihre Beziehung und ihre Finanzen große Veränderungen abverlangte. Aber sie wusste, dass sie sich unabhängig machen und etwas tun musste, woran sie Freude hatte.
Künftig würde ihr Selbstwertgefühl nicht mehr davon abhängen, welche Aufgaben sie erledigte oder ob sie anderer Leute Erwartungen erfüllte. Stattdessen würde es daraus erwachsen, dass sie ergründete, wer sie sein wollte und was ihr wirklich wichtig war. Natalie lernte, sich von ihrem Perfektionismus zu befreien, zu akzeptieren, dass es in Ordnung war, wütend oder müde zu sein, und zu erkennen, dass sie sich immer von intensiven Schamgefühlen hatte leiten lassen – ihr Leben lang.
Nach etwa einem Jahr hatte sie den Eindruck, es „geschafft“ zu haben.
Sie war froh, am Leben zu sein. Ihr Lächeln war echt, ihre Freude ansteckend.
Seitdem habe ich mit vielen Menschen gesprochen, die ähnlich gestrickt sind wie Natalie. Geschichten wie die ihre sind mir inzwischen sehr vertraut. Da Sie dieses Buch zur Hand genommen haben, erkennen auch Sie sich möglicherweise darin wieder.
Ich hoffe, dass Sie sich mit mir zusammen auf den Weg machen werden, aus Natalies Heilungsprozess zu lernen – und auch aus den Erfahrungen all der anderen, die viel dafür getan haben, aus dem Hamsterrad des Perfektionismus auszubrechen, in das sie sich begeben hatten oder in das man sie gesteckt hatte.
Es könnte Ihnen das Leben retten.
2 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher, weiblicher und diverser (m / w / d) Sprachformen verzichtet. Sofern durch den Kontext nicht anders ersichtlich, beziehen sich die Ausführungen auf alle Geschlechter gleichermaßen [Anm. d. Red.].
Wenn Sie sich in Natalies Geschichte wiedererkennen, wenn Sie immer nur sehen, wofür Sie dankbar sein sollten, ohne sich auch Ihre schmerzlichen Gefühle eingestehen oder zum Ausdruck bringen zu können, wenn Sie unter Perfektionismus und Sorgen leiden, wenn niemand weiß, wer Sie wirklich sind, dann lesen Sie weiter.
Als ich eines Samstagmorgens im April 2014 dabei war, meinen wöchentlichen Blogbeitrag zu verfassen, musste ich an Patienten wie Natalie denken – und daran, wie anders deren Weg zur Gesundung verläuft als bei Patienten mit einer klassischeren Depressionssymptomatik. In dem Blogbeitrag beschrieb ich eine Person, die nach außen hin ein perfektes Leben zu führen scheint, hinter deren Fassade sich jedoch belastende Geheimnisse verbergen. Ich wies darauf hin, dass auch ein scheinbar glückliches und erfolgreiches Leben eine Schattenseite haben kann, und ging kurz darauf ein, wie eine Therapie dazu beitragen kann, perfektionistische Selbstansprüche zu lockern. Als Überschrift für den Blogbeitrag wählte ich „Menschen mit perfekt versteckter Depression – sind auch Sie einer?“
Zu dem Zeitpunkt bloggte ich schon seit etwa einem Jahr, und an wirklich guten Tagen wurden meine Beiträge an die 50-mal geteilt. Der Beitrag von jenem Samstag jedoch war bis zum Abend bereits über 1500-mal geteilt worden. Man sagte mir, ich sei viral gegangen. Viel wichtiger war mir jedoch, dass ich offenbar einen emotionalen Nerv getroffen hatte, was durch Hunderte von E-Mails, die ich nach Veröffentlichung des Beitrags in der HuffPost erhielt, nur noch deutlicher bestätigt wurde.
Diese Tatsache bekam ich einfach nicht mehr aus dem Kopf. Wie vielen Menschen es wohl so ergehen mochte? Die nächsten vier Jahre brachte ich damit zu, Fachliteratur über Perfektionismus und Depression zu lesen und mit Wissenschaftlern zu sprechen, die sich auf diese Themen spezialisiert hatten. Ich befragte über 50 Personen, die sich nach der Lektüre meines Beitrags über die versteckte Depression bei mir gemeldet hatten und bereit waren, über ihre eigenen schmerzvollen Erfahrungen zu sprechen, damit andere davon profitieren konnten. Immer mehr Betroffene kamen auf der Suche nach Hilfe zu mir in die Praxis.
Dieses Buch baut auf allen hierbei gesammelten Erfahrungen sowie auf über 25 Jahren psychotherapeutischer Praxis auf. Wir werden uns mit der perfekt versteckten Depression (perfectly hidden depression, PHD) befassen – das ist die Bezeichnung, die ich diesem Syndrom gegeben habe – und uns damit beschäftigen, wodurch sie hervorgerufen wird, wie sie sich von einer klassischen Depression unterscheidet und was man dagegen tun kann.
Mein Selbstverständnis als Therapeutin ist das einer Vermittlerin: Ich gebe Erfahrungen von Menschen, die ihr Leid bereits erfolgreich überwunden haben, an Menschen weiter, denen es noch schlecht geht und die noch auf der Suche sind. Ich möchte Ihnen vermitteln, was ich bei Menschen gesehen und gelernt habe, die so sind wie Sie. Bei Menschen wie Natalie, die viele Jahre lang stillgehalten haben – bis irgendetwas sie dazu gebracht hat, etwas zu unternehmen. Ich werde ihre Geschichten weitergeben. Die gute Nachricht? Diese Menschen haben es geschafft, dass es ihnen besser geht. Und Sie können das auch!
Wenn Sie den Gedanken daran zulassen, die so sorgfältig vor Ihrem Leben errichtete Fassade niederzureißen, dann gibt es wahrscheinlich zwei Dinge, die Sie mehr als alles andere fürchten: Bloßstellung und Kontrollverlust. Dieser Angst werden wir uns behutsam stellen. Dem, was Sie zunächst als Kontrollverlust wahrnehmen, werden wir eine neue Definition von Sicherheit entgegensetzen – eine Sicherheit, die durch Selbstakzeptanz, Ehrlichkeit und Offenheit entsteht. Dieses Buch soll Sie dazu ermutigen, etwas in Ihnen zu verändern, egal ob mit oder ohne therapeutische Unterstützung.
Wenn Sie sich eingestehen, dass Sie sich angewöhnt haben, einen wesentlichen Teil von sich vor anderen zu verbergen, und wenn Sie allmählich ein Gefühl dafür entwickeln, wie befreiend und erfüllend es sein kann, sich in Ihrer Gesamtheit zu akzeptieren, sind zwangsläufig tiefgreifende Veränderungen die Folge. Sie werden – möglicherweise zum ersten Mal in Ihrem Leben – Ihr vollständiges emotionales und psychisches Potenzial entfalten. Sie selbst können entscheiden, ob und wann Sie diese Veränderungen anderen Menschen, denen Sie vertrauen, mitteilen. Allerdings werde ich Sie dazu ermutigen, sich mindestens einen Menschen zu suchen, der Sie auf Ihrem Weg begleitet. Wenn Sie hinter der Fassade hervorkommen, die für Sie zum Gefängnis geworden ist, werden Sie erkennen können, welchen Frieden Selbstakzeptanz mit sich bringt und dass in Verletzlichkeit auch Stärke liegt.
Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass das leicht ist. Das ist es nicht. Diese Schritte erfordern Mut. Anfangs wird es Ihnen vielleicht schwerfallen, darauf zu vertrauen, dass diese Veränderungen überhaupt etwas bringen. Was bitte soll denn falsch daran sein, sich um andere zu kümmern? Sich anzustrengen und hohe Ansprüche an sich selbst zu stellen ist doch wohl nichts Schlechtes? Nein, für sich genommen ist dagegen nichts einzuwenden. Wenn jedoch das Gleichgewicht zwischen dem, was Sie anderen geben, und dem, was Sie von ihnen bekommen, gestört ist – wenn Ihr Selbstwertgefühl durch Scham beeinträchtigt ist und Sie Verletzlichkeit als Charakterschwäche empfinden –, dann tritt die perfekt versteckte Depression auf den Plan.
An wen sich dieses Buch richtet
Leider muss ich sagen, dass niemand – egal welchen Alters, welchen Geschlechts, welcher ethnischen Herkunft oder welcher Religion – vor Perfektionismus und einer PHD gefeit ist. Wenn die Bezeichnung „perfekt versteckte Depression“ Sie anspricht, wenn der Titel dieses Buches bei Ihnen unmittelbar Erleichterung, Wiedererkennen oder Neugierde hervorgerufen hat, dann ist dies genau die richtige Lektüre für Sie.
Wenn Sie unter Selbstmordgedanken leiden oder solche Gedanken während der Arbeit mit diesem Buch bei Ihnen auftreten, müssen Sie sich unbedingt sofort professionelle Hilfe suchen.
Als jugendlicher Leser sollten Sie einen Erwachsenen wissen lassen, in welcher emotionalen Not Sie sich befinden. Hoffentlich wird dieses Buch Ihnen das Gefühl geben, sich das erlauben zu können. Aber unter solch gefährlichen Umständen reicht ein Buch als Unterstützung nicht aus.
Als Elternteil sollten Sie dieses Buch lesen, um Ihre Wahrnehmung in Bezug auf Ihr Kind zu schärfen und sich in Ihren Entscheidungen leiten zu lassen. Mich haben schon trauernde Eltern kontaktiert, die nach dem tragischen Selbstmord ihres nach außen hin so erfolgreichen Teenagers ratlos zurückblieben und sich fragten, was sie übersehen haben oder was sie hätten tun können. Indem Sie selbst lernen, Ihr gesamtes Gefühlsspektrum auszudrücken, machen Sie Ihren Kindern ein sehr wertvolles Geschenk, denn meistens werden diese sich in ihrem Verhalten eher daran orientieren, was Sie tun, als daran, was Sie sagen.
Wenn Sie besorgt beobachten, wie Ihr Partner sich Tag für Tag ungeheuer unter Druck setzt, oder wenn Sie von einem früheren Trauma wissen, über das er eisern schweigt, kann Ihnen dieses Buch dabei helfen, ihn umfassender zu verstehen. Sie werden darin eine Sprache finden, über die Sie mit Ihrem Partner ins Gespräch kommen können, um Ihre Beobachtungen mit ihm zu teilen, und vielleicht können Sie ihn ja sogar dazu bewegen, das Buch ebenfalls zu lesen.
Wenn Sie Therapeut sind, wird dieses Buch Ihren Horizont erweitern und Ihre Annahmen darüber infrage stellen, wie sich Depressionen manifestieren können.
Als Betroffene, Partner, Eltern, Ärzte und Therapeuten müssen wir die Warnzeichen erkennen. Wir brauchen ein System, um Handlungen und Überzeugungen richtig zu interpretieren, statt alles unhinterfragt so zu akzeptieren, wie es auf den ersten Blick zu sein scheint. Dieses System beinhaltet auch, dass wir eine perfekt versteckte Depression erkennen können. Vielleicht hilft uns der Blick durch die PHD-Brille, zu erkennen, wo etwas im Argen ist, und so zur Heilung beizutragen.
Wie dieses Buch Ihnen auf dem Weg zur Heilung Orientierung und Unterstützung bietet
Das Buch Die versteckte Depression soll Ihnen für Ihren Veränderungs- und Heilungsprozess Informationen, Orientierung und Unterstützung bieten. In Teil I wird es darum gehen, ein Verständnis dafür zu entwickeln, was eine perfekt versteckte Depression überhaupt ist. In Kapitel 1 werden die perfekt versteckte Depression und ihr Hauptmerkmal, Perfektionismus, zunächst definiert und gleichzeitig deren zehn wichtigste Symptome aufgezeigt. Auch wenn Sie sich selbst überhaupt nicht als perfektionistisch bezeichnen würden, kann es gut sein, dass Sie sich in einigen anderen dieser symptomatischen Verhaltensweisen und Überzeugungen trotzdem wiedererkennen. In Kapitel 2 werden wir untersuchen, wie sich eine perfekt versteckte Depression von gesunden Bewältigungsmechanismen einerseits und einer klassischen Depression andererseits unterscheidet. Kapitel 3 enthält einen Fragebogen, der ein hilfreiches Evaluierungswerkzeug ist, mit dem Sie herausfinden können, wo auf dem PHD-Spektrum Sie verortet sind. Wir werden uns auch mit dem Stigma befassen, das damit verbunden ist, offen mit psychischen Problemen umzugehen und sich Hilfe zu suchen, und überlegen, wie sich die Angst davor überwinden lässt.
In Teil II schalten wir in einen anderen Gang und arbeiten uns Stück für Stück durch die fünf Heilungsphasen: Verstehen, Verpflichten, Verbessern, Verbinden und Verändern.
Sich an diesen Heilungsphasen zu orientieren ist ein möglicher Weg. Aber auf dem Weg zur Heilung gibt es nicht die eine, einzig „richtige“ Vorgehensweise. Man kann nicht einfach klar abgegrenzte und aufeinander aufbauende Übungen nacheinander abhaken. Der Energiefluss zwischen den einzelnen Phasen ist zirkulär, fließt aber auch nach innen, ähnlich wie die Speichen eines Rades (vgl. Abbildung 1). So kommt es allmählich zu den Veränderungen, die Heilung nach sich ziehen. Ein Aha-Moment kann eine Erkenntnis in einer ganz anderen Phase nach sich ziehen. Eine mentale Blockade oder scheinbare Lähmung kann zu einem Gefühlsdurchbruch führen. Alle Orientierungsphasen tragen auf ihre ganz eigene Weise zu größerer emotionaler und praktischer Freiheit bei und haben zum übergeordneten Ziel, Selbstakzeptanz und Mitgefühl zu steigern.
Wie bei jedem anderen Veränderungsprozess ist es auch hier von besonderer Wichtigkeit, dass Sie in Ihrem eigenen Tempo voranschreiten. Wenn die Arbeit an diesen Phasen Ihnen zu unangenehm und schmerzhaft wird, legen Sie eine Pause ein. Machen Sie sich klar, dass Sie versuchen, ein Muster zu verändern, das Sie über viele Jahre hinweg geschützt und abgeschirmt hat. Eine andere Perspektive einzunehmen und neue Verhaltensweisen zu riskieren erfordert Mut und Zeit. Dafür sollten Sie sich Anerkennung zollen. Das hier soll nicht wieder etwas werden, was Sie meinen, perfekt erledigen zu müssen. Einen perfekten Weg oder eine perfekte Lösung gibt es nicht.
Abbildung 1: Heilungsphasen
Die letzten beiden Kapitel (Teil III) sollen Ihnen zeigen, wie Sie die Veränderungen aufrechterhalten und Rückfälle in alte, schmerzhafte Muster vermeiden können, sowohl als Individuum als auch in Ihren Beziehungen. Man muss mitunter eine ganz andere Art von Energie aufbringen, um eine Veränderung beizubehalten, als man brauchte, um sie herbeizuführen. Wir werden uns Situationen anschauen, die das Potenzial haben, Sie wieder in eine perfektionistische Spirale hineinzukatapultieren, und besprechen, wie Sie das Gelernte auch unter Stress beibehalten können. Vorherzusehen, wie sich diese Veränderungen auf Ihre Beziehungen auswirken werden, ist hierbei ein wichtiger Faktor, denn wenn man weiß, wie man diese Dynamik dem Partner, der Familie und den Freunden gegenüber am besten kommuniziert, kann das dazu beitragen, dass diese die Veränderungen begrüßen und unterstützen.
Jedes Kapitel enthält einige Übungen, die sogenannten Reflexionen. Diese sind mal eher introspektiv, mal eher handlungsorientiert, in jedem Fall aber darauf angelegt, Sie voranzubringen. Es kann sein, dass diese Übungen Erinnerungen und Gefühle wachrufen oder Erkenntnisse herbeiführen, die nur schwer zu ertragen sind. Aber mit jeder Veränderung und jeder Einsicht schaffen Sie Hoffnung. Und diese Hoffnung wird Ihnen wiederum dabei helfen, Ihre Angst zu beschwichtigen, sodass Sie weitere Risiken zulassen und auf dem Weg zur Heilung voranschreiten können.
Ich kann nicht genug betonen, dass es wesentlich zur Heilung beiträgt, Ihre Erfahrungen zu protokollieren und niederzuschreiben. Ich möchte Ihnen daher sehr ans Herz legen, ein eigenes Tagebuch dafür anzulegen, in dem Sie regelmäßig festhalten, welche Veränderungen Sie von Tag zu Tag in Ihren Denk- und Verhaltensweisen wahrnehmen und was das emotional, psychisch, seelisch oder sogar körperlich mit Ihnen macht. Es ist sehr hilfreich, all das an einem Ort zu haben – nicht nur für die Arbeit jetzt, sondern auch als künftige Erinnerung daran, wie sich Ihre Überzeugungen und Verhaltensweisen mit der Zeit gewandelt, vielleicht sogar radikal verändert haben. Ob Ihr Tagebuch eine wunderschön eingebundene Kladde, ein Ringbuch oder ein Ordner auf Ihrem Computer oder Tablet ist, ist dabei völlig unerheblich. Wenn Sie sich sorgen, jemand könnte Ihr Tagebuch finden und lesen (eine Befürchtung, mit der Sie nicht alleine wären), können Sie es im Büro aufbewahren, an einem sicheren Ort wegschließen oder auch einfach eine passwortgeschützte Tagebuch-App verwenden. Der Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt.
Abschließend noch ein Wort zu den Fallgeschichten in diesem Buch: Sie stammen entweder von Interviewpartnern, die bei sich selbst eine perfekt versteckte Depression diagnostiziert haben, oder von Patienten, die bei mir in Behandlung waren. Natürlich schütze ich ihre Identität, aber ihre Worte sind echt. Die meisten, die ich darauf angesprochen habe, ob ich ihre Geschichte verwenden darf, haben geantwortet: „Ich möchte alles in meiner Macht Stehende dazu beitragen, PHD bekannt zu machen, sodass es anderen erspart bleibt, sich so zu fühlen, wie ich mich mein ganzes Leben lang gefühlt habe.“ Diese Menschen möchten Ihnen zeigen, dass Sie nicht allein sind. Sie haben den Schmerz, den Sie durchmachen, am eigenen Leibe erlebt und wissen, wie real er ist. Bitte begeben Sie sich mit ihnen zusammen auf den Weg: Sie müssen nicht länger schweigen, sondern dürfen aus Ihrem Versteck herauskommen.
Man kann nicht zum Mut finden, ohne sich auf Verletzlichkeit einzulassen. Punkt.
– Brené Brown, Autorin von Die Gaben der Unvollkommenheit
An dem Tag, als Brittany – eine hochgewachsene, attraktive junge Frau – zum ersten Mal mein Behandlungszimmer betrat, fragte ich mich (wie bei jeder ersten Sitzung), welches Problem oder Thema sie wohl mitbringen würde.
„Ich habe Sie auf Periscope über das Thema ‚perfekt versteckte Depression‘ reden sehen“, sagte Brittany. „Ich habe noch nie eine Therapie gemacht. Aber ich weiß, dass Sie mich beschrieben haben und dass ich mir Hilfe suchen muss, weil es bei mir gerade den Bach runtergeht.“
Abrupt hielt sie inne, als bereute sie bereits, mir überhaupt so viel von sich preisgegeben zu haben. Etwas verlegen, aber mit einem strahlenden Lächeln saß sie auf dem Sofa und wippte nervös mit dem Knie. Sie wusste nicht, was sie tun sollte, und wartete auf eine Reaktion von mir.
„Nun, wenn Sie sich in der Beschreibung von PHD wiedererkennen, dann werden Sie es nicht gewohnt sein, offen über sich zu sprechen. Bestimmt fällt es Ihnen nicht leicht, hier zu sein.“
Sie nickte und schaute sich dabei auf die Füße.
Ich beruhigte sie: „Wir können das hier ganz ruhig angehen lassen. Ich höre Ihnen zu, aber Sie allein bestimmen, wie schnell oder langsam wir dabei vorgehen. Ist denn kürzlich irgendetwas vorgefallen, weshalb Sie sich jetzt verstärkt Sorgen um sich machen?“
In dieser Sitzung erfuhr ich noch nicht Brittanys gesamte Lebensgeschichte. Das sollte noch Monate dauern. Während ihre Risikobereitschaft, mich an ihrem wahren Leben teilhaben zu lassen, allmählich zunahm, kam immer mal wieder ein wohlgehütetes schmerzhaftes Geheimnis von ihr ans Tageslicht, wobei sie aber immer sehr genau beobachtete, wie ich wohl darauf reagierte. Die mit diesen Geheimnissen verbundenen Gefühle konnte sie jedoch nur sehr eingeschränkt ausdrücken. Gelegentlich bekam ich allenfalls mal eine Träne zu Gesicht, die dann aber gleich wieder durch einen ausdruckslosen Blick oder einen Themenwechsel überspielt wurde.
Und genau das ist eine perfekt versteckte Depression. Scham, Trauma, Verletzungen, Wut – Erfahrungen oder Gefühle dieser Art wurden so erfolgreich totgeschwiegen, dass es ein sehr langwieriger Prozess sein kann, sich zu öffnen.
Brittany war nicht die Erste, bei der ich eine solche affektive Diskrepanz zwischen der Schmerzhaftigkeit des Erzählten und den zugestandenen, zum Ausdruck gebrachten Gefühlen beobachtet hatte. Auch andere hatten schon eine ähnliche Distanziertheit oder Gleichgültigkeit an den Tag gelegt:
Elizabeth berichtete, wie sie nackt am Strand erwacht war, nachdem man sie unter Drogen gesetzt und anschließend vergewaltigt hatte. „Der Geschichte habe ich nie besonders viel Gewicht beigemessen. Ist schließlich schon ewig her“, erzählte sie und lächelte zurückhaltend.
Linda hatte schon seit Jahren nicht mehr geweint, noch nicht einmal nach dem unerwarteten Tod ihrer Mutter. „Ich weine einfach ungern“, sagte sie. „Für mich ist das ein Zeichen von Schwäche.“
Jackson redete davon, immer mal wieder insgeheim den eigenartigen Impuls zu verspüren, das Auto einfach von der Straße abkommen zu lassen, und schob diesem Geständnis dann hinterher: „Ich habe eine gute Frau und eine wunderbare Familie. Ich bin nur ein bisschen gestresst.“
Wie die anderen wirkte auch Brittany nicht im klassischen Sinne depressiv. Sie war extrem rational und ausgesprochen durchorganisiert (wenn auch etwas rigide), ihr Kalender war voller Post-its und ausführlicher To-do-Listen. Sie war sehr beschäftigt, hatte einen festen Freund und verabredete sich häufig mit Freundinnen zum Essen. Auch beruflich war sie sehr erfolgreich, machte sich allerdings immer große Sorgen darüber, ob sie für ihre Zukunft die richtigen Entscheidungen traf. Sie sah überhaupt nicht traurig aus, sondern war im Gegenteil oft sehr munter und lustig. Was andere von ihr zu sehen bekommen durften, war ziemlich perfekt.
Wenn Sie unter einer perfekt versteckten Depression leiden, erkennen Sie nicht, dass es sich bei Ihrem Zustand überhaupt um eine Depression handelt. Depressive Menschen sind traurig. Depressiven Menschen mangelt es an Energie. Außenstehenden fällt auf, dass sie antriebslos oder aufgewühlt sind oder dass sie immer nur schlafen. Die bloße Idee, Sie könnten depressiv sein, wird Ihnen aberwitzig erscheinen – jedenfalls bevor Sie anfangen, sich mit PHD zu beschäftigen.
Wenn Sie ganz ehrlich sind, können Sie sich vielleicht eingestehen, dass es Sie unruhig macht, sich vorzustellen, was andere Leute denken könnten, wenn Sie zugäben, dass Sie sich niedergeschlagen oder hoffnungslos fühlen. Das mit psychischen Problemen verbundene Stigma macht Ihnen Angst. Sie haben zu sich gesagt: Bitte, ich bin doch nicht depressiv. Extrem eingespannt vielleicht. Aber doch nicht depressiv. Sie haben einer Stress- oder Drucksituation nach der anderen standgehalten, sind wiederholt mit Verlusten umgegangen, aber immer haben Sie weitergemacht. Sie haben sich kopfüber in Arbeit, Familie und Ehrenamt gestürzt. Und sind dabei immer bester Laune.
Vor allem aber würde Ihnen das Eingeständnis, depressiv zu sein, wie eine Unzulänglichkeit vorkommen. Und wenn man perfektionistisch veranlagt ist, gilt es, Unzulänglichkeiten um jeden Preis verborgen zu halten.
Sie sind wie Brittany. Und wie Elizabeth und Linda und Jackson. Denn Ihre Depression ist keine klassische Depression.
Niemand würde ahnen, dass irgendetwas nicht stimmt. Und doch könnten Sie jemand sein, der sich umbringt und sein Umfeld damit vor ein völliges Rätsel stellt. Monate nach unserer ersten Sitzung gestand mir Brittany, dass sie, bevor sie zu mir kam, vorgehabt hatte, sich das Leben zu nehmen. Sie hatte gewusst, dass sie so nicht mehr hätte weiterleben können, mit all dem Schmerz und all den Verletzungen, die sie vor allen geheim hielt, und mit dem hinter ihrem Lächeln verborgenen Gefühl von Hoffnungs- und Ausweglosigkeit.
Doch, natürlich ist so etwas eine Depression. Eine perfekt versteckte Depression.
Bei PHD handelt es sich nicht um eine Diagnose, die Ihnen ein Arzt oder Therapeut stellen würde. Es ist keine psychische Störung. Vielmehr handelt es sich um ein Syndrom, also um eine Reihe charakteristischer Symptome, die, wenn sie gemeinsam auftreten, auf eine konkrete Störung oder ein bestimmtes Problem hinweisen. Möglicherweise haben Sie schon auf gewisse Weise gemerkt, dass nicht alles so ganz in Ordnung ist. Vielleicht haben Sie sich im Netz auf die Suche nach Antworten gemacht und sich über Depressionen informiert, sich in den Diagnosekriterien jedoch nicht wiedererkannt. Vielleicht haben Sie sich langsam schon gefragt, ob Sie sich diesen Knoten im Bauch nicht vielleicht doch nur einbilden.
Aus psychologischer Perspektive ist es interessant, wie diese charakteristischen Symptome – diese Verhaltensweisen mitsamt den ihnen zugrunde liegenden Überzeugungen – einen Zweck erfüllen können. Bei perfekt versteckter Depression besteht der Zweck darin, Sie abzuschirmen, Sie zu schützen, Ihnen ein Überleben zu ermöglichen.
Welches sind nun die charakteristischen Symptome bei perfekt versteckter Depression? Wenn Sie unter PHD leiden, ist es wahrscheinlich, dass Sie …
extrem perfektionistisch sind und einen inneren Kritiker haben, der ständig etwas an Ihnen auszusetzen hat und Schamgefühle hervorruft.
ein ausgeprägtes oder sogar exzessives Verantwortungsgefühl an den Tag legen.
schmerzhafte Gefühle von sich fernhalten, indem Sie kopflastig an Dinge herangehen und die Gefühle aktiv ausblenden.
sich viele Sorgen machen und das Bedürfnis haben, sich und Ihr Umfeld unter Kontrolle zu halten.
sehr leistungsorientiert sind und Erfolge brauchen, um sich wertvoll zu fühlen.
sehr um das Wohlbefinden anderer bemüht sind, diese aber nicht an Ihrem Innenleben teilhaben lassen.
Ihre eigenen Verletzungen und Sorgen kleinreden und es Ihnen schwerfällt, Selbstmitgefühl zu empfinden.
unter einer psychischen Begleiterkrankung leiden, zum Beispiel an einer Ess-, Angst-, Zwangs- oder Suchtstörung.
überzeugt davon sind, dass Dankbarkeit die Grundlage für Ihr Wohlbefinden ist.
im Berufsleben erfolgreich sind, aber Schwierigkeiten damit haben, in Beziehungen emotionale Nähe zuzulassen.
Erkennen Sie sich darin wieder? Wenn Ihnen die meisten oder alle dieser charakteristischen Symptome bekannt vorkommen, sind Sie wahrscheinlich erleichtert, endlich einen Namen für das zu haben, was Sie schon lange als geheime Gewissheit mit sich herumschleppen. Das ungute Gefühl im Bauch ist echt. Sie sind nicht einfach nur extrem eingespannt.
Möglicherweise weicht die erste Erleichterung dann aber schnell zusätzlichem Stress, sobald Ihnen der Gedanke kommt, dass Ihre PHD zu einem weiteren Punkt auf Ihrer ohnehin schon endlosen Liste von Dingen werden könnte, die Sie „regeln“ müssen. Bitte gebieten Sie sich da sofort Einhalt! Denn während Sie sich die Fertigkeiten aneignen, die Sie für den Umgang mit PHD brauchen, werden Sie sich auch mit Ihrer Neigung auseinandersetzen müssen, dies perfekt erledigen zu wollen.
Bevor wir weitermachen, legen wir erst einmal eine kurze Pause ein und befassen uns mit dieser Neigung.
REFLEXION 1
Ein Mantra überlegen, um Scham und Perfektionismus die Stirn zu bieten
Nur zur Erinnerung: Die Arbeit, zu der dieses Buch Sie anregt, ist nichts, was Sie perfekt machen müssen. Seien Sie nachsichtig mit sich selbst. Geben Sie sich Zeit, haben Sie Geduld mit sich und erlauben Sie sich, Fehler zu machen. Zu lernen, deutlich weniger selbstkritisch zu sein, ist ein wesentlicher Bestandteil der Veränderung, die Sie herbeiführen werden.
Beginnen Sie diese Reflexion, indem Sie an einem ruhigen, ungestörten Ort Ihr Tagebuch aufschlagen und ein paar tiefe Atemzüge nehmen. Fragen Sie sich: Woran muss ich mich jeden Tag erinnern, während ich darauf hinarbeite, die perfekt versteckte Depression zu überwinden?
Spielen Sie ein bisschen damit herum, sich ein Mantra zu überlegen – eine mentale Erinnerung an ein positives Ziel oder Erleben, das Sie erstrebenswert finden. Ein mögliches Mantra wäre: „Egal, wie lange ich brauchen werde, es wird gut investierte Zeit sein“ oder „Ich bin schon gespannt darauf, was ich hier alles aufschreiben werde“.
Am besten legen Sie eine Liste an, auf der Sie Mantras oder positive Affirmationen sammeln, die Ihnen im Laufe der Zeit einfallen. Es ist in Ordnung, wenn Ihnen diese Übung noch schwerfällt. Ihr Mantra könnte sein: „Es wird dauern, bis ich mir selbst positiver begegnen kann, aber ich werde unvoreingenommen an die Sache herangehen.“
Mit Ihrem Mantra im Hinterkopf wenden wir uns nun ausführlicher jedem der zehn charakteristischen Symptome von perfekt versteckter Depression zu. Denken Sie daran, dass einige dieser Verhaltensweisen und Überzeugungen in Maßen durchaus gesund sind, im Übermaß jedoch zu PHD führen können.
Sie sind extrem perfektionistisch und haben einen inneren Kritiker, der ständig etwas an Ihnen auszusetzen hat und Schamgefühle hervorruft
Sie haben höchste Ansprüche an sich und verlangen sich immer nur das Beste ab. Sie feilen stundenlang an Dingen herum, bis auch der letzte Fehler ausgemerzt ist, für jeden kleinen Gefallen bedanken Sie sich mit einer handgeschriebenen Dankeskarte und abends, wenn die Kinder längst schon im Bett sind, arbeiten Sie noch bis in die Puppen weiter.
Das Buch Taming Your Gremlin: A Surprisingly Simple Method for Getting Out of Your Own Way (2003) von Rick Carson enthält herrliche Illustrationen mit kleinen, gemeinen Gnomen, die ihren menschlichen Opfern Schameinflößendes ins Ohr flüstern, wie zum Beispiel: „Wie kommst du darauf, etwas zu taugen? Was du da machst, könnte doch jeder.“ Die Gremlins sind unsere inneren Kritiker, und wenn Sie Perfektionist sind, mischt sich der Ihrige permanent in Ihre Gedanken ein. Auch wenn Sie sich jede Mühe geben, ihn zu ignorieren, bewertet er doch jeden Ihrer Schritte und findet auch unablässig etwas auszusetzen.
Brené Browns Forschungen zum Thema Scham und ihre eigenen diesbezüglichen Erfahrungen haben sie dazu gebracht, über ihre Erkenntnisse zu schreiben. Dass ihre Bücher zu Bestsellern wurden, spricht für sich und zeigt, wie viele Menschen nach Perfektion trachten – und diesen Kampf jeden Tag aufs Neue verlieren. In Die Gaben der Unvollkommenheit definiert Brown Perfektionismus als „… selbstzerstörerisches und abhängig machendes Glaubenssystem, das den folgenden primären Gedanken schürt: Wenn ich perfekt aussehe, perfekt lebe und alles perfekt mache, kann ich schmerzhafte Gefühle aufgrund von Beschämung, Verurteilung und Schuldzuweisungen vermeiden oder verringern“ (2012). Im Weiteren weist sie darauf hin, dass Perfektion unmöglich zu erreichen ist, da man es nicht selbst in der Hand hat, wie man von anderen gesehen wird. Und je perfektionistischer man veranlagt ist, desto verzweifelter wird man versuchen, dieses unmögliche Ziel trotzdem zu erreichen. Auf diese Weise kommt es zu einem schmerzhaften Teufelskreis aus unglaublicher Anstrengung und unmittelbar folgender heftiger Selbstkritik.
Woran kann man erkennen, ob man perfektionistisch ist oder einfach nur Spitzenleistungen anstrebt? Angenommen, Sie trainieren für Ihren ersten Marathon. Sagen Sie sich: Ich trainiere für den Marathon, also muss ich den Vorsitz des Finanzausschusses mal für eine Weile ruhen lassen? Oder sagen Sie sich: Ich trainiere für einen Marathon. Also muss ich Sonntag mal richtig früh aufstehen, um den Finanzbericht vor der Sitzung am Montag noch rechtzeitig fertig zu bekommen?
Die erste Reaktion spiegelt Flexibilität wider: Sie haben sich eine neue Aufgabe vorgenommen und dafür eine andere abgegeben, um sich nicht zu übernehmen. Sie streben eine Spitzenleistung an, setzen sich dafür aber realistische Grenzen. Hoffentlich bemerken Sie, welche Inflexibilität aus der zweiten Aussage spricht und wie sehr diese auf Perfektionismus und Scham beruht. Ihr Gremlin flüstert: „Du kannst auf keinen Fall eine Verantwortung abgeben. Das wäre egoistisch.“
Das hektische Tempo, das das Leben vieler Familien heutzutage bestimmt, kann die Entstehung einer perfekt versteckten Depression ganz klar begünstigen. Wenn Ihre drei Kinder jeweils zwei Sportarten betreiben und noch einem weiteren Hobby nachgehen und obendrein Hausaufgaben machen müssen, dann kommt schon einiges zusammen an Snacks, die Sie perfekt zubereiten, Aufsätzen, bei denen Sie Hilfestellung leisten, und Turnieren, bei denen Sie am Spielfeldrand stehen müssen (und Ihre eigene Arbeit ist da noch gar nicht mit eingerechnet). Aber sehr wahrscheinlich hätten Sie das Gefühl, eine schlechte Mutter oder ein schlechter Vater zu sein, wenn Sie Ihr diesbezügliches Engagement reduzieren oder die Verantwortung delegieren würden – möglicherweise kämen Sie sich geradezu wie ein Versager vor. Folglich investieren Sie mit jeder neuen Aufgabe nur noch mehr Energie und Mühe, bis auch Ihre Erschöpfung zu etwas wird, was Sie perfekt verbergen müssen.
Je mehr Sie sich zutrauen werden, Ihr Schamerleben zu hinterfragen, desto mehr werden Sie auch daran arbeiten, die Erwartungshaltung nach ständiger Perfektion Schritt für Schritt abzulegen. Sie werden einen Weg finden, der Scham einflößenden Stimme Einhalt zu gebieten und ihr nur dann Gehör zu schenken, wenn es wirklich um Gewissensfragen oder Ihr eigenes Interesse geht und die Botschaft Sie nicht zermürbt oder herabwürdigt. Sie werden zurückverfolgen, wie der Perfektionismus zu einem Teil von Ihnen geworden ist, und ihn durch Gedanken und Gefühle ersetzen, die Akzeptanz und Verletzlichkeit ermöglichen.
REFLEXION 2
Schambesetztes identifizieren und einen Namen für den inneren Kritiker finden
Suchen Sie sich einen Ort, an dem Sie sich ungestört mit Ihrem Tagebuch hinsetzen können, und nehmen Sie ein paar tiefe Atemzüge. Vielleicht schließen Sie sogar einen Moment lang die Augen, konzentrieren sich von Kopf bis Fuß auf Ihren Körper und spüren nach, ob Sie irgendwo angespannt sind oder Schmerzen haben.
Nehmen Sie sich ein wenig Zeit, um über die Familie und Kultur nachzudenken, in der Sie aufgewachsen sind, und darüber, was Ihnen als schambesetzt vermittelt worden ist. Was durften Sie auf keinen Fall tun oder fühlen? Gab es Dinge, die unbedingt zu unterlassen waren oder nicht geduldet wurden?
