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In der eigenen Partei gelten sie vielfach als «Verräter», in den Medien als «Rebellen» – die vier hessischen SPD-Landtagsabgeordneten, die verhindert haben, dass sich Andrea Ypsilanti im November 2008 mit Duldung der Linkspartei zur Ministerpräsidentin einer rot-grünen Minderheitsregierung wählen ließ. Dagmar Metzger, Silke Tesch, Carmen Everts und Jürgen Walter fühlten sich, wie sie sagen, ihren Wählern gegenüber im Wort. Aber sie mussten für ihre Entscheidung einen hohen Preis zahlen; ihre politische Karriere ist auf absehbare Zeit beendet. Volker Zastrow, Politikchef der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung», hat die vier Politiker aus nächster Nähe erlebt und ausführliche Gespräche mit ihnen geführt – über das Zustandekommen ihrer aufsehenerregenden Entscheidung, über Spannungen und Intrigen, über den kaum erträglichen Druck, dem die vom Volk gewählten Abgeordneten seitens der politischen Nomenklatura ausgesetzt werden. Über ihr Leben, über ihre Auffassung des Abgeordnetenberufs, über ihre Partei, ihren Ruhm, ihr Angefeindetsein. Was er erfahren hat, führt sein Buch über die Grenzen einer politischen Monographie weit hinaus und macht es zu etwas Außergewöhnlichem: zu einem Bericht über den spektakulärsten politischen Eklat der jüngsten Vergangenheit, einer Erzählung mit der Genauigkeit, der psychologischen Tiefe und der Dramatik eines Romans, einem Lehrstück über den Umgang mit der Linkspartei und den Opportunismus der politischen Klasse.
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Seitenzahl: 537
Veröffentlichungsjahr: 2009
Volker Zastrow
Die Vier
Eine Intrige
PROLOG
ERSTER TEIL Ein mal Vier
EINS Im Hotel
Ypsilanti wählen, Ypsilanti nicht wählen?
Drei Frauen
Letzte Vorbereitungen
Bökels Tränen
Statements Tesch, Walter, Metzger
Carmen Everts’ große Stunde
ZWEI Die wahre Stimmung
Sauerscharfsuppe
Die SPD krümmt sich
Eine öffentlich-rechtliche Treibjagd
Wie man durch Niederlagen gewinnt
Frankfurter Verhältnisse
DREI Der Mensch ist kein einsamer Jäger
Homo homini
Die phantastischen Vier
Auftritt Stegner: Das Krokodil
Trauerarbeit zorniger Art
Gewissen
Frau XY und die Agenda 2010
Freie Abgeordnete
VIER Eine Tauchfahrt in die Schweiz
Lange Wege
Unterwegs nach Süden
Weck, Worscht un Woi
Die Schönste im ganzen Land
Schlummers Bande
Auf dem Parkplatz
Girls Camp
Schwestern
feige@hinterfötzige.verräterin.uk
ZWEITER TEIL Vier mal Eins
EINS Silke Tesch oder Die Geschichte eines Kindes
Häschenschule
In die Klinik
Blut und Wunden
Dieser Weg
Wenn? Warum?
Fünfundzwanzig Jahre
Der Blick aus der Schaufel
ZWEI Jürgen Walter oder Wie im Herbst 2006 die Dame den König schlug
Schach mit Knoblauch
Tolle Tage
Der Riss
Mit PowerPoint zum Wir
Dumm gegen Böse
Kann eine Frau das?
DREI Dagmar Metzger oder Das Nein zum Wortbruch
Straßennamen
Von Haus zu Haus
Bauchschmerzen
Die letzte Chance, Februar 2008
Wer ist politikfähig?
Urlaubs-Telefonverkehr
Der Beschluss B 53 neu
Mauerkinder
Vor dem Partei-Tribunal
VIER Carmen Everts oder Der zweite Anlauf im Sommer 2008
Die Frau in der Frau
Ein politisches Paar
Endlich angekommen
Die Kunst der Politik
Rauchende Colts
DRITTER TEIL Zwei mal Zwei
Die letzten Tage vor der Pressekonferenz
Das große Handwerk
Punkte und Linien
Sirup, Honig, Bökel
Offene Fenster
Der Schutzschild
EPILOG
DANK
Der 4.November 2008 sollte in die Geschichte eingehen. So war es geplant. An diesem Tag sollten Träume wahr werden.
Den ersten hatte 1963Martin Luther King geträumt: dass seine vier Kinder eines Tages in einem Land leben würden, in dem man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilte. «I have a dream!» Damals herrschte in den Vereinigten Staaten von Amerika noch Rassentrennung – ein Apartheidregime, das die Nachkommen der eingeschleppten Sklaven von denen der freien Weißen trennte. Gut ein halbes Jahrhundert später kämpfte der schwarze Senator Barack Obama um den Einzug ins Weiße Haus. In einem virtuosen Wahlkampf hatte er zunächst die demokratische Favoritin Hillary Clinton aus dem Feld geschlagen, und dass er auch gegen den republikanischen Mitbewerber John McCain das Rennen machen würde, bezweifelte inzwischen so gut wie niemand mehr. Ein schwarzer Präsident: ein beflügelndes Ereignis von ungeheurer Symbolkraft.
Für Hessen war Ähnliches vorgesehen. Die dortige SPD-Führung hatte für diesen 4.November im Landtag die Wahl Andrea Ypsilantis zur Ministerpräsidentin geplant. Auch das sollte ein neuer Anfang werden, eine neue Politik, ein neues Verhältnis zur Macht, eine neue Kultur… ein neuer Himmel und eine neue Erde. Das war der zweite Traum. Sozialdemokraten und Grüne hatten ihn in einen Koalitionsvertrag gegossen und der Linkspartei gewissermaßen zur Beglaubigung vorgelegt. Mit der Wahl Ypsilantis sollte nun das «Projekt der sozialen Moderne» in Hessen beginnen.
Der Termin würde, so meinte man, die Wahl Obamas mit der Wahl Ypsilantis gleichsam zu einem politischen Ereignis verschmelzen. Die Crew um Ypsilanti verglich den eigenen zurückliegenden Wahlkampf mit Obamas Erfolgen: Auch die hessische Spitzenkandidatin war als Außenseiterin gestartet, am Anfang selbst in der eigenen Partei hochumstritten. Aber durch eine emotionale Kampagne und mitreißende Reden hatte Ypsilanti erst die Partei hinter sich gebracht und dann auch mehr und mehr Wähler – so etwas wie ein Sog war entstanden. Es schien, als ob man tatsächlich mit der eigenen Begeisterung Herzen gewinnen konnte und mit diesen Herzen neue Begeisterung.
Im Januar hatte Ypsilanti ihren Wahlerfolg errungen und den scheinbar unbesiegbaren Ministerpräsidenten Koch niedergekämpft. Na ja, nicht ganz. Eine Winzigkeit fehlte: die Abstimmung im Landtag. Denn die Bürger wählen Parteien und Abgeordnete, aber erst die Abgeordneten bestimmen die Landesregierung, und genau damit hatte es Schwierigkeiten gegeben, weil sich die SPD zur Regierungsbildung auf die Stimmen der Linkspartei angewiesen sah, mit der sie eine Zusammenarbeit im Wahlkampf kategorisch ausgeschlossen hatte. Namentlich Andrea Ypsilanti selbst. Dass sie sich nun trotzdem von den Linken zur Ministerpräsidentin wählen lassen wollte, wurde ihr als Wortbruch verübelt.
Und doch schien in diesem hessischen Herbst endlich sicher, dass alles laufen würde wie geplant – so sicher wie bei Obama. Der Koalitionsvertrag von SPD und Grünen, die gemeinsam eine von der Linkspartei tolerierte Regierung stellen wollten, wurde schon behandelt wie ein Regierungsprogramm. Selbst die CDU hatte sich auf das Ende der Regierung Koch eingestellt. Seltsamerweise: Denn die SPD-Abgeordnete Dagmar Metzger hatte bereits im März angekündigt, dass sie nicht für ihre Partei- und Fraktionsvorsitzende stimmen würde. Ein einziger weiterer Abgeordneter aus den Reihen von SPD, Grünen und Linkspartei, der es ihr gleichtun würde, reichte aus, um die Wahl scheitern zu lassen. Eine geheime Wahl, wohlgemerkt.
Ein Himmelfahrtskommando.
Eine vergleichbare Konstellation hatte einige Jahre zuvor bereits die schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin Heide Simonis das Amt gekostet. Auch dort hatte eine offene Probeabstimmung der Fraktion nur Zustimmung ergeben; im Kieler Landtag jedoch, wo jede Stimme wirklich zählte, hatte Simonis sich nach vier Fehlversuchen geschlagen geben müssen, sodass die Amtszeit der ersten deutschen Ministerpräsidentin nach mehr als zehn Jahren entwürdigend geendet war.
In Wiesbaden allerdings, das glaubten fast alle, würde so etwas sich nicht wiederholen.
Roland Koch hatte gepackt. Nach bald zehn Jahren im Amt, die letzten sieben Monate nur mehr als geschäftsführender Ministerpräsident einer Regierung ohne parlamentarische Mehrheit, machte er sich bereit, beiseitezutreten für Andrea Ypsilanti. In Kochs Amtsräumen in der neuen Staatskanzlei in Wiesbaden waren Schubladen und Regale schon ausgeräumt, stapelten sich braune Umzugskartons. Nicht anders bei Regierungssprecher Dirk Metz, Kochs langjährigem Vertrauten. Wenn die sozialdemokratische Parteichefin am morgigen Dienstag im Landtag gewählt werden würde, wollte man imstande sein, den Zauberberg zügig zu räumen. Jedenfalls sollte es so aussehen.
Das gewaltige Gründerzeitgebäude hat beinah die Anmutung eines Schlosses. Einst das Hotel Rose, war es aus der Konkursmasse des Frankfurter Baulöwen Schneider an das Land Hessen gegangen und hatte trotz vorzüglicher Lage mitten in der Landeshauptstadt lange Zeit leer gestanden, bis die Koch-Regierung es Anfang des neuen Jahrtausends elegant modernisieren ließ. 2004 war dann der zuvor auf mehrere Liegenschaften verteilte Verwaltungsapparat des Ministerpräsidenten dort eingezogen. Und wie bei jedem Hotel heißt es irgendwann wieder ausziehen; das Vorgespräch mit Andrea Ypsilanti für den Regierungswechsel hatte bereits stattgefunden.
Auch Ypsilantis Superschattenminister Hermann Scheer war schon in der vermeintlichen Stätte seines künftigen Wirkens aufgekreuzt, dem Wirtschaftsministerium. Der neobarocke Bau mit der eindrucksvollen Fassade beherbergte einst den kommunalen Landtag der preußischen Provinz Hessen-Nassau. Auch dieses Gebäude ist imposant, es spiegelt wider, dass der hessische Wirtschaftsminister etwas zu sagen hat. Andrea Ypsilanti wollte seine Kompetenzen ursprünglich noch um den Umweltschutz erweitern, genau wie Scheer es sich gewünscht hatte. Das aber ließen die Grünen nicht zu, die das Umweltressort für ihren Vorsitzenden Tarek Al-Wazir verlangten. Am Ende sollte das Ministerium auf Scheer neu zugeschnitten werden, die Verkehrspolitik verlieren, aber um jene umfassenden Zuständigkeiten erweitert werden, mit denen die angestrebte «Energiewende» in Hessen verwirklicht werden konnte. Damit wäre, trotz aller Einschränkungen, so etwas wie eine planwirtschaftliche Kommandobrücke entstanden, und dieses Superministerium sollte der Mann, der schon Ypsilantis Wahlprogramm maßgeblich bestimmt hatte, in die Hände bekommen. Am Freitag hatte Scheer seine neue Unterkunft am Kaiser-Friedrich-Ring aufgesucht und besichtigt. Er entdeckte ein Nebenzimmer, das er sich zum Ruheraum ausgestalten lassen wollte, und fällte auch gleich die ersten Grundsatzentscheidungen für den Einbau einer Solardusche gleich nebenan. Die Pläne waren am Freitag nicht zur Hand, also hatte er sie sich für diesen Montag bestellt und sollte sie gegen Mittag erhalten.
Ein Tag noch.
Am Wochenende allerdings hatte in den Zeitungen gestanden, dass Ypsilantis größter Konkurrent in der eigenen Partei, ihr Stellvertreter Jürgen Walter, den Koalitionsvertrag mit den Grünen nun doch ablehnte. Das hatte er den Delegierten am Samstag auf einem Sonderparteitag in Fulda erläutert. Seine vorherige Ankündigung, Ypsilanti zur Ministerpräsidentin zu wählen, hatte er dennoch nicht zurückgenommen. Er wurde danach gefragt, gab aber ausweichende Antworten – und damit ein Bild merkwürdiger Unschlüssigkeit. Wenn die Folgen einer rotgrünen Regierung für die Wirtschaft in Hessen wirklich so verheerend sein würden, wie Walter es auf dem Parteitag dargestellt hatte, wie konnte er dieser Regierung dann in den Sattel helfen? Darüber rätselten viele.
Der Herr, der an diesem Montagvormittag den Vorraum einer Sparkassenfiliale in Wiesbaden betrat, staunte daher nicht schlecht, als er dort an einem Geldautomaten ausgerechnet den Mann erkannte, von dem am Wochenende so viel die Rede gewesen war – auch wenn er etwas jungenhafter aussah als im Fernsehen. Er sprach ihn an: «Sie sind doch Jürgen Walter, der SPD-Politiker?» Walter bejahte, und der Mann sagte: «Ich teile ja Ihre Kritik. Aber morgen: Sie dürfen die Ypsilanti nicht wählen. Das würde unserem Land schaden.»
Walter dachte: «Wenn du wüsstest…» Er antwortete ausweichend. Er konnte einem Fremden nicht auf die Nase binden, dass er Ypsilanti nicht wählen würde.
Aber sein Entschluss stand fest, und ihm war zu diesem Zeitpunkt bereits klar, dass die Landtagssitzung am nächsten Tag gar nicht mehr stattfinden würde. Bald würde das ganz Deutschland wissen, sicher auch dieser freundliche, besorgte Sparkassenkunde; jetzt aber musste Walter noch eine Weile schweigen. Drei Stunden, die sich anfühlten wie sechs.
Von der Sparkasse war es nicht mehr weit zum Dorint Hotel. Walter ging zu Fuß, er hatte den Wagen am Bahnhof abgestellt. Er machte sich Sorgen, ob er nach der Pressekonferenz mit seinem schwarzen Fünfer BMW mit Friedberger Kennzeichen heil davonkommen würde. Es war schon zehn vorbei, als er schließlich in der Auguste-Viktoria-Straße durch die Drehtür ins Hotelfoyer trat.
Niemand nahm groß Notiz davon.
Zum selben Zeitpunkt trat in Berlin das SPD-Präsidium unter dem Vorsitz von Franz Müntefering zusammen. Auf der Tagesordnung stand die Finanzmarktkrise mit ihren allwöchentlichen Hiobsbotschaften– Münteferings 2005 gebrauchtes Wort von den «Heuschrecken» hatte dadurch unliebsame Anschaulichkeit gewonnen. Im Präsidium wollten die Genossen darüber diskutieren, wie man einen Schutzschirm über die deutschen Arbeitsplätze spannen könnte. Da kam, etwa eine Viertelstunde vor Beginn der Sitzung, der Hinweis, dass in Hessen wieder irgendetwas passierte. Wie damals im März. Ypsilantis zweiter Anlauf würde ebenfalls scheitern, wie es sich anhörte.
Der Novembertag hatte kühl und klar begonnen. Im Lauf des Vormittags, hieß es, sollten die Temperaturen in Wiesbaden an diesem Montag auf zwölf Grad ansteigen. Carmen Everts stand in ihrer Neubauwohnung im südhessischen Erfelden vor dem Spiegel und machte sich für den mutmaßlich größten Auftritt ihres bisherigen Lebens zurecht. Nein: ohne jeden Zweifel für den größten Auftritt ihres Lebens.
Nicht dass sie sich darauf freute. Aber Angst hatte sie seltsamerweise auch nicht.
Im Fernsehen möchte man gut aussehen – schon gar in einem Zeitalter, in dem sogar Bundeskanzler vor Gericht erstreiten, dass ihre Schläfen nicht mehr grau sind. Aber so einfach war das an diesem Morgen nicht. Hinter Carmen Everts lagen harte Wochen und ein noch härteres Wochenende. Sie hatte in letzter Zeit ungeheuer abgenommen, was ja zunächst erfreulich sein mochte. Aber jetzt hatte sie seit Tagen Magenprobleme.
Sie war sehr blass. Die Haut ihrer Unterarme und Hände war heller als das Gesicht, fast so weiß wie Schnee.
Everts hatte sich schön zurechtgemacht. Sie pflegte Kleidung, Schmuck und Make-up mit Sorgfalt aufeinander abzustimmen. An diesem Montag trug sie ein kurzes schwarzes Etuikleid und darunter eine grüne Bluse, am Hals eine Kette aus verschieden grünen Steinen und Ohrstecker mit dunkelgrünen, sattleuchtenden Kristallen. Zusammen mit dem kurzen roten Haar, dem Lippenstift und der natürlichen Blässe ihres schmalen Gesichts schuf das einen hübschen Kontrast.
Doch beim Blick in den Spiegel bewegte sie ein anderer Gedanke – ein Gedanke wie ein Gefäß, in das die Hoffnungen und Sorgen dieses Morgens immer wieder strömten: als sie die Wohnung aufräumte, in der alles so vertraut war, als sie den Koffer für ihre Reise in die Schweiz packte, als sie den Arztbrief des Internisten aus Biedenkopf bereitlegte, um ihn anschließend in ihrer Hausarztpraxis abzugeben und die Überweisungen abzuholen, und auch jetzt, beim Blick in den Spiegel: Ihre Welt würde nicht mehr dieselbe sein, wenn sie hierher zurückkehrte. Das ging ihr an diesem Morgen unzählige Male durch den Kopf.
Seit zwanzig Jahren hatte Carmen Everts Politik gemacht, «für die Politik gelebt». Andere sagten, sie sei mit der Politik verheiratet. Mann und Kinder hatte sie nicht. Und in diesem Jahr 2008 hatte sie den ersten richtig großen Sprung geschafft, gleichsam in die politische Selbständigkeit. Sie war Landtagsabgeordnete geworden – und Abgeordnete haben keinen Herrn mehr über sich. So ungefähr steht es jedenfalls in der Verfassung. Außerdem war Everts durch das Landtagsmandat endlich imstande, von dem zu leben, was sie am liebsten tat und am besten beherrschte. Sie hoffte, nicht ganz und gar aufgeben zu müssen, was sie sich aufgebaut hatte. Aber zugleich kannte sie alle Gründe dagegen. Dass nichts so bleiben würde wie vorher, war fast schon das wenigste, was passieren konnte; ihre Welt würde eine andere sein; eine Rückkehr ins Vertraute würde es nicht geben. Und würde sie dieselbe bleiben?
Wenn irgendetwas die Frau auf dem Beifahrersitz des schwarzen Busses, der an diesem Morgen aus dem nordhessischen Hinterland nach Wiesbaden rollte, nicht beschäftigte, dann das: Silke Tesch schaute nie zurück, das war nicht ihre Art. Was geschehen ist, ist geschehen. Also nahm sie den Blick zurück auch nicht vorweg.
Dennoch hatte sie kaum ein Auge zugetan in dieser Nacht. Sie war froh, dass ihr Mann die 150Kilometer von Kleingladenbach nach Wiesbaden fuhr. Und dass sie nicht allein war. Die beiden sprachen wenig; nach fast dreißig Jahren Ehe weiß man in so einer Lage, was dem anderen durch den Kopf geht. Im Übrigen gehörte Silke Tesch zu den Menschen, die erst denken, dann reden: sobald ihnen die Sache wirklich klar ist. Ihr Mann, ein knorriger Typ, hielt sowieso meistens den Mund.
«Ducati Performance» stand auf dem Bus. Er diente gelegentlich dazu, ein oder zwei dieser knallroten italienischen Motorräder mit dem narzisstischen Gitterrohrrahmen an den Nürburgring zu schaffen. Wenn auf einem Kleinbus, in dem Ducatis sind, auch Ducati draufsteht, kommt man ziemlich leicht ins Fahrerlager, auch als Hobby-Biker. Lothar Tesch fuhr nicht mehr gern auf der Straße, sondern lieber auf der abgesperrten Rennstrecke, weil das weniger halsbrecherisch ist. Im vergangenen Sommer hatte auch Silke nach langen Jahren mal wieder einige Runden in der Eifel gedreht. Als junge Mutter hatte sie das Motorradfahren aufgegeben, aber inzwischen war ihre Tochter erwachsen.
Im vergangenen Jahr, 2007, hatte sich über die ganze Bordwand des Busses noch ein knallroter SPD-Aufkleber gezogen: «Unsere Region in gute Hände». Auf dem Heck hatte das überlebensgroße Foto der Wahlkämpferin Tesch geprangt, das Bild, das auch auf ihrer Internetseite zu sehen war und als Abgeordnetenfoto diente. Es zeigt eine andere Frau: mit röteren Bäckchen und, vor allem, ohne Doppelkinn. Dass Frauen mit fünfzig ein Doppelkinn bekommen, hielt Tesch für eine der ganz großen, politisch noch nicht aufgearbeiteten Benachteiligungen von Frauen.
Vielleicht hatte Gott dem schweigsamen Ehepaar im VW-Bus trotzdem mehr Aufmerksamkeit geschenkt als anderen, freilich nicht die Art Aufmerksamkeit, die man sich wünscht. Lothar Tesch hatte seinen Krebs nur dank einer Lebertransplantation überlebt; der drahtige Mann mit dem Vollbart war von Dächern und Leitern gefallen, hatte sich in seinem Beruf gleich reihenweise Wirbelknochen und Rippen gebrochen. Silke Tesch wurde als kleines Mädchen nach einem schweren Unfall ein Bein amputiert, das andere blieb nachhaltig geschädigt. Sie machten beide kein Aufheben davon.
Im Bus hatte Silke Tesch an diesem Morgen keine Schmerzen: Das Sitzen war kein Problem. Aber das Laufen. Im Spätsommer hatte sie eine neue Prothese bekommen; das war immer, um das Mindeste zu sagen, sehr lästig, aber diesmal war es extrem gewesen. Alle vier Jahre zahlt die Kasse so ein Ersatzteil. Und der technische Fortschritt ist wirklich beachtlich. Früher gab es das Holzbein, heute bewegen sich Prothesenfüße um drei Achsen im Raum und passen sich flexibel dem Boden an. Vom Südafrikaner Oscar Pistorius, der sich selbst «der schnellste Mann ohne Füße» nennt, weiß man, welche sportlichen Höchstleistungen mit Prothesen heutzutage möglich sind. Er war ohne Wadenknochen zur Welt gekommen, mit elf Monaten wurden ihm beide Beine knieabwärts amputiert. «Nur weil ich keine Beine habe, bin ich nicht behindert», sagte er.
So sah Silke Tesch das auch. Oder, andersherum: Sie konnte sich nicht für behindert halten. Sie würde sich nie so nennen. Auf ihrem Bus klebte kein Rollstuhlzeichen. Zwar hatte sie nicht vor, die hundert Meter wie Pistorius in weniger als elf Sekunden zu laufen, aber eine der modernen, sportlicheren Prothesen wollte sie sich schon zulegen, so ein «richtiges Hightechteil». Allerdings schreckte sie, wie die meisten Beinamputierten, vor dem Umstieg gleichzeitig zurück, sie bestellte sich nur alle sechs, sieben Jahre eine neue. Das Einlaufen einer Prothese ist mit Strapazen und Schmerzen verbunden.
Deshalb muten weniger disziplinierte Patienten sich das nicht zu. Andere gewöhnen sich nie an den künstlichen Körperteil, tragen ihre Prothese nicht und nehmen lieber beträchtliche Einschränkungen in Kauf, mit weiteren nachteiligen Folgen für die Gesundheit und Lebensqualität. Silke Tesch war anders, und sie hatte als Kind ohne Zweifel die besseren Chancen gehabt: Eine frühe Behinderung gleichen Körper und Seele besser aus als eine späte. Trotzdem ist das Einlaufen einer neuen Prothese so, als müsste man beständig Schuhe tragen, die nicht etwa nur eine, sondern gleich drei Nummern zu klein sind. Unvorstellbar! Und man muss immer wieder rein. So entstehen Druckstellen, Schwellungen, mitunter Wunden. Und mit dieser neuen Prothese, die durch Unterdruck halten sollte, wollte und wollte es nicht klappen.
Jetzt, im Wagen, im Sitzen, tat nur der Kopf noch weh, im Grunde auch schon seit Wochen. Als der Bus kurz nach neun nach Wiesbaden rollte, hoffte Silke Tesch, dass die Zeit der Kopfschmerzen endlich vorüber wäre.
Für Dagmar Metzger war das Schlimmste schon vorbei. Das Schlimmste: die Einsamkeit. Seit sie im März ihr Wahlversprechen bekräftigt hatte, Andrea Ypsilanti nicht gemeinsam mit den Abgeordneten der Linkspartei zur Ministerpräsidentin zu wählen, war sie in der SPD-Fraktion und im ganz überwiegenden Teil der Partei dramatisch isoliert worden, in einer Art, für die sich in der Geschichte der Bundesrepublik kein Beispiel nennen lässt. Gewiss: Eine Partei schöpft ihre Kraft aus der Gemeinschaft, sie ist ein Personenverband. Gemeinsam sind wir stark, das ist das Motto. Darum nennen Sozialdemokraten sich von alters her «Genossen». Aus dieser Gemeinsamkeit auszuscheren stellt das Grundprinzip der Partei in Frage. Jeder Partei. Entsprechend heftig sind die Reaktionen. Die Partei schließt sich zusammen, sie wird zum Kampfverband. Und der richtet seine ganze geballte Wut und Kraft nicht mehr nach außen, gegen andere mächtige Institutionen, die sich ihrer Haut schon erwehren können, sondern nach innen, auf eine Einzelne.
Durch ihr Abgeordnetenmandat wurde Dagmar Metzger allerdings zumindest rechtlich vor der Rache bewahrt, denn das Mandat gehört einer anderen Sphäre an, der des Staates. Und das gilt sogar für die Fraktion, den Zusammenschluss der Abgeordneten im Parlament. Die stammen zwar in der Regel aus einer Partei. Aber die Fraktion ist kein Teil der Partei, sondern des Parlamentes, sie ist ein Verfassungsorgan.
Von der Verfassung geschützt, konnte Dagmar Metzger dem Zorn der Partei standhalten. Aber sie wurde als Ausgestoßene behandelt. Kaum einer aus der eigenen Fraktion, der sie im Landeshaus auch nur grüßte. Wer auf Zeitungsfotos oder Fernsehbildern mit ihr gesehen wurde, musste sich Verdächtigungen gefallen lassen. So wurde sie vom ersten Tag an zum lebenden Mahnmal dafür, was die zu erwarten hatten, die Ypsilantis neuen Weg nicht mitgehen wollten. Ein abschreckendes Beispiel.
Trotzdem hatten sich zuletzt drei andere zu ihr gesellt. Seit gestern, Sonntag, dem 2.November. Jetzt war Dagmar Metzger in der Fraktion nicht mehr allein, und wer will schon allein sein? Ihrem ganzen Wesen nach war sie keine Querulantin, eher eine Frohnatur, die gerne unter Menschen ging, als Berlinerin in Hessen den Karneval lieben gelernt hatte und schön laut mitsang. Abseitsstehen lag ihr nicht.
In Romanen macht sich die Rolle des einsamen Rechthabers vielleicht ganz gut, in der Wirklichkeit nicht. Da ist sie qualvoll.
Nun würde es damit vorbei sein, und für Dagmar Metzger bedeutete das fast so etwas wie eine Rehabilitation. Sie wusste zwar, dass sie keine benötigte. Trotzdem: Bald würde es ihren Gegnern nicht mehr möglich sein, mit dem Finger auf sie zu zeigen. Und tatsächlich sollten noch am Nachmittag dieses Tages Politiker und Publizisten, die sie zuvor vehement bekämpft oder diskret entehrt hatten, in Dagmar Metzger eine Heldin entdecken und ihre frühe, klare Haltung loben.
Seit der Wahl am 27.Januar hatten SPD und CDU im Landtag jeweils 42Mandate, die FDP 11, die Grünen 9 und die Linkspartei 6.Um mit der vorgeschriebenen absoluten Mehrheit zur Ministerpräsidentin gewählt zu werden, benötigte Andrea Ypsilanti 56Stimmen – und die sogenannte linke Mehrheit von SPD, Grünen und Linken bestand aus gerade 57Abgeordneten. Anders ausgedrückt: Wenn nur zwei Sozialdemokraten nicht mitspielten, wurde nichts aus dieser Wahl.
Schon damals konnte man sich über Ypsilantis Wagnis nur wundern. Sie hatte beileibe nicht nur Freunde in der Fraktion, und Dagmar Metzger war auch keineswegs die Einzige, von der man wusste, dass ihr die Vorstellung einer Zusammenarbeit mit der Linkspartei zuwider war. Nach Ypsilantis offenem Bruch ihres Wahlversprechens und dem dramatischen Ansehensverlust, der die Sozialdemokraten daraufhin getroffen hatte, verbot sich für die SPD zudem der Gedanke an eine vorgezogene Neuwahl. Vielleicht also hat Dagmar Metzger damals Ypsilanti den Hals gerettet, ihr Scheitern bei der Ministerpräsidentenwahl im Landtag verhindert – denn in geheimer Abstimmung hätten ihr womöglich noch weitere sozialdemokratische Abgeordnete die Stimme versagt.
Seither hatte Metzger eine Lektion gelernt, von der sie im März noch nicht gewusst hatte: Eine wichtige politische Entscheidung muss man als Erste selbst erläutern, sonst überlässt man die Interpretation anderen. Genau das hatte sie damals erlebt. Dann wird es doppelt schwer, sich noch Gehör zu verschaffen. Obwohl – hatte es ihr seinerzeit an Aufmerksamkeit gefehlt? Sie war doch in allen Zeitungen, auf allen Kanälen gewesen, man schlug sich um Interviews mit ihr. Vielleicht war es doch eher Jürgen Walters Idee gewesen, eine Pressekonferenz zu geben, um gewissermaßen einen Pflock in den Boden zu schlagen. Oder stammte sie von Carmen Everts? Beide schoben sie im Nachhinein Dagmar Metzger zu: Jedenfalls seien deren Erfahrungen im März bestimmend dafür gewesen. Seither war allen klar, dass ein Sturm über sie hereinbrechen würde, wenn sie aus der Reihe tanzten.
Für halb zehn hatten sich die Vier im Dorint verabredet, einem modernen Tagungshotel in Bahnhofsnähe. Zuvor, am Wochenende, hatten sie noch den Rat des vormaligen Landesvorsitzenden Gerhard Bökel gesucht, der auch Ypsilantis Vorgänger als Spitzenkandidat gewesen war – und ein wesentlich schlechteres Wahlergebnis erzielt hatte als sie. Bökel hatte zunächst das Hotel Oranien empfohlen, den Ort, wo die Politik in Wiesbaden gewöhnlich ihre größten Schatten wirft. Aber für den erwarteten Presseansturm würden die Räumlichkeiten und Parkplätze dort nicht genügen. Schließlich schaute in diesen Tagen die ganze Republik auf Hessen.
Metzger und Everts fuhren fast gleichzeitig in die Tiefgarage des Dorint. Sie begrüßten sich mit einer Umarmung. Everts war allein gekommen, Dagmar Metzger wurde von ihrem Mann Mathias und ihrem Mitarbeiter Sören Fornoff begleitet. Fornoff lud das Gepäck seiner Chefin um, in den Kofferraum von Everts’ silbernem Opel Cabrio, denn nach der Pressekonferenz wollten die drei Frauen in die Schweiz fahren; dort in den Bergen besaßen die Metzgers ein Ferienhaus.
Silke Tesch und ihr Mann standen bereits in der Lobby, als die anderen heraufkamen. Fehlte nur noch Jürgen Walter, auf den sie bei einem Latte macchiato warteten. Dann stieß Michael Metzger zu der kleinen Gruppe: Dagmars Schwager, der als Journalist beim Hessischen Rundfunk arbeitete und sich bereiterklärt hatte, die Pressekonferenz zu moderieren. Als auch Walter eingetroffen war, wie gewöhnlich mit einer gewissen Verspätung, ging der Trupp nach oben in ein kleines Besprechungszimmer neben dem großen Saal, der Platz für gut dreihundert Personen bot. Den kleinen Raum nannte die Hotelleitung «Aachen», den großen «Genf».
Dreierlei stand für diese drei Stunden bis zum Beginn der Pressekonferenz auf dem Programm: Eine Reihe von Telefonaten mussten geführt und Handynachrichten verschickt werden, die Einladung zur Pressekonferenz musste heraus, und die Stellungnahmen der vier Abgeordneten mussten noch einmal durchgegangen, abgeglichen und verbessert werden. Den Beginn der Pressekonferenz, 13Uhr, hatten sie so gewählt, dass für die Tageszeitungen genug Zeit für eine gründliche Berichterstattung blieb. Die Einladungen mussten so verschickt werden, dass Reporter, Fernsehteams und Fotografen auch der überregionalen Medien rechtzeitig im Dorint eintreffen konnten, überdies gab es einige Personen, die von dem Schritt der Vier nicht erst aus den Nachrichten erfahren sollten oder durften. Das traf zuallererst auf Andrea Ypsilanti, außerdem auf die SPD-Führung in Berlin zu.
Übrigens behauptete schon vor Beginn der Pressekonferenz der Sprecher des Senders Phönix in einer Liveübertragung, Ypsilanti habe von der Entwicklung erst aus dem Internet erfahren, sie sei von den «Abweichlern» nicht angerufen worden. Das hätte als Keim einer Dolchstoßlegende getaugt, doch Everts hatte die richtige Nase gehabt. Ihre Mitteilung gleich zu Beginn der Pressekonferenz lautete: «Wir haben heute Vormittag die SPD-Landes- und Fraktionsvorsitzende Andrea Ypsilanti darüber informiert, dass wir die Bildung einer rotgrünen Minderheitsregierung mit den Stimmen der Linkspartei nicht mittragen können.» Mithin korrigierte schon ihr erster Satz eine Falschbehauptung. Auch weitere waren zu diesem Zeitpunkt bereits in der Welt; von Anfang an tobte der Kampf um die Deutungshoheit.
Carmen Everts sollte das Gespräch mit Ypsilanti führen: Tesch und Walter wollten nicht, Metzger, logisch, musste nicht. Vielleicht drückten die anderen sich auch vor diesem unabdingbaren Telefonat. Es war merkwürdig: In den Tagen zuvor hatte Everts den Eindruck erweckt, sich nicht entscheiden zu können, in ihren Gedanken unablässig hin und her zu springen oder sich im Kreise zu drehen, mit sich uneins und zugleich mit sich selbst beschäftigt zu sein. Oft hatte sie dabei ohne Punkt und Komma geredet. Doch nun legte sie eine erstaunliche Kaltschnäuzigkeit an den Tag.
Gegen zehn Uhr, kurz vor Beginn der Berliner Präsidiumssitzung, versuchte sie die Vorsitzende auf deren Handy zu erreichen, aber Ypsilanti nahm nicht ab. Weil sie die Nummer nicht erkannte, vermutete Everts. Deshalb lieh sie sich Teschs Handy, deren Name in Ypsilantis Mobiltelefon vermutlich gespeichert war, und wählte erneut, doch auch jetzt kam kein Gespräch zustande. Daraufhin rief Everts in Wiesbaden in Ypsilantis Vorzimmer an und bat, der Fraktionsvorsitzenden die dringende Bitte um Rückruf auszurichten; anschließend informierte sie, wie abgesprochen, Gerhard Bökel per SMS, dass sie jetzt Kontakt zu Ypsilanti aufgenommen hatten. Das war für den ehemaligen Innenminister das Startsignal, sich bei seinem Nachfolger in diesem Amt, dem Gießener CDU-Politiker Volker Bouffier, um Polizeischutz für die vier Abgeordneten zu bemühen.
Ypsilanti befand sich zu dieser Zeit gar nicht in Berlin, wie die Vier vermutet hatten, sondern war von ihrem Wohnort Frankfurt in das vierzig Autobahnkilometer entfernte Wiesbaden unterwegs. Nach etwa fünf Minuten rief sie unter Teschs Nummer zurück, jetzt allerdings nahm im Dorint keiner ab. Dort war die ohnehin schon übergroße Spannung in Hektik umgeschlagen, weil es nicht gelingen wollte, mit den Laptops über Funkmodem eine Netzverbindung zustande zu bringen. Daran hing die weitere Kommunikation; vor allem die Einladung zur Pressekonferenz musste über E-Mail versandt werden. Fornoff hatte sich deshalb schon auf die Suche nach dem Hotelmanager gemacht. In der allgemeinen Aufregung ging Ypsilantis Anruf unter, zumal Teschs Handy zwar auf Vibrationsalarm gestellt, aber stummgeschaltet war. Als Everts kurz darauf einen Blick auf das Display des Handys warf, sah sie den verpassten Anruf.
Nun rief sie zurück, und diesmal kam die Verbindung zustande. Es war zehn nach zehn. Everts teilte Ypsilanti mit, dass Silke Tesch, Jürgen Walter und sie selbst am Wochenende «nach reiflicher Überlegung» entschieden hätten, die Ministerpräsidentenwahl mit Hilfe der Linken und «diesen Koalitionsvertrag» nicht mittragen zu können – und das auf einer Pressekonferenz auch öffentlich zu machen. Everts berichtet, dass Ypsilanti überrascht und wütend reagiert habe: «Das könnt ihr nicht machen nach all dem, was ich in den letzten beiden Jahren für die Partei getan habe.» Darauf Everts: «Andrea, es geht einfach nicht. Wir können das nicht mittragen. Du kennst unsere Bedenken.» Ypsilanti fragte: «Wo seid ihr? Ihr müsst nach Wiesbaden kommen, wir müssen reden.» Everts erwiderte: «Andrea, das hilft nicht weiter. Wir haben unsere Bedenken oft genug gesagt. Die Entscheidung ist gefallen.»
So ging es hin und her. Ypsilanti versuchte einerseits, den Gesprächsfaden nicht abreißen zu lassen, und andererseits, herauszufinden, wo die Vier sich aufhielten; es war ja klar, dass, wenn überhaupt, nur ein Gespräch das Schlimmste noch abwenden könnte. Everts wiederum war, wie sie sagt, «einen Moment im Wanken, ob wir doch nochmal mit ihr reden sollten» – das teilte sich den Zuhörern im Raum mit, vor allem Silke Tesch, die ihrerseits fand, die Zeit des Redens sei vorbei. Schließlich sei es Ypsilanti gewesen, die seit neun Monaten jedes ernsthafte Gespräch verweigert habe.
«Sie hat sich nie einer Diskussion gestellt, ist immer ausgewichen», erzählt Silke Tesch: «Ach, du weißt doch, ich hab einen engen Terminplan, ich muss jetzt los», das sei die Standardreaktion gewesen, wenn sie mit ihr habe reden wollen. Bei einem Vieraugengespräch im Juli habe sie von vornherein eine Dreißig-Minuten-Frist gesetzt. «Das sind keine Grundlagen. Es wäre sicher viel Zeit gewesen für ausführliche Gespräche.»
Jetzt dauerte ihr das Telefonat, das sich nach dem ersten Wortwechsel offensichtlich im Kreis bewegte, schon viel zu lang. Sie dachte: «Carmen, nun leg endlich auf.» Zumal Carmen Everts mehrfach sagte: «Andrea, daran gibt es nichts mehr zu rütteln.» Sie kenne doch die Bedenken, oft genug seien sie ausgesprochen worden, freilich ohne Reaktion ihrerseits. Ypsilanti erwiderte schließlich scharf, laut Everts mit schneidender Stimme: «Wer hat euch gekauft?» Everts glaubte, zu schmalen Schlitzen verengte Augen vor sich zu sehen. Sie antwortete: «Uns hat niemand gekauft, auf der Basis brauchen wir nicht weiterzureden. Es geht um unsere Grundüberzeugungen.»
Durch diese Antwort – «Uns hat niemand gekauft» – bekamen die anderen im Raum indirekt die vorausgegangene Frage mit. Nachdem Everts aufgelegt hatte, wurde sie deshalb sogleich mit Fragen bestürmt, ob Ypsilanti wirklich unterstellt habe, ihre Widersacher seien gekauft. Everts bestätigte das. Die Empörung darüber war groß. Und anhaltend.
Everts beendete den Wortwechsel mit den Sätzen: «Andrea, wir haben uns das gut überlegt.» Sie werde zwar noch einmal mit den anderen reden, doch die Entscheidung sei gefallen. Ypsilantis Bitte, mit Jürgen Walter, dann mit Silke Tesch zu sprechen, wies Everts zurück. Walter telefonierte selbst gerade und hatte den Raum verlassen, Tesch winkte ab. «Wenn es noch Gesprächsbedarf geben sollte, melden wir uns», sagte Everts und legte auf. Aber alle im Raum «Aachen» fanden, dass es den nicht mehr gab. Auch Carmen Everts, die geschwankt haben mochte, war durch Ypsilantis «Unverschämtheit» wieder ernüchtert worden.
Knapp vier Minuten hatte das Telefonat gedauert.
Danach, um 10.17Uhr, rief Carmen Everts SPD-Generalsekretär Hubertus Heil an und sprach ihm auf die Mailbox. Sie versuchte es sofort noch einmal über die Zentrale des Parteivorstands, wo sie mitteilte, dass sie Heil wegen der bevorstehenden MP-Wahl in Hessen dringend sprechen müsse. Er wurde aus der Präsidiumssitzung geholt, und Everts teilte ihm mit, dass die Vier gerade Andrea Ypsilanti angekündigt hätten, sie nicht zu wählen. Und dass sie nicht anders handeln könnten, weil das nicht mit ihrem Gewissen zu vereinbaren wäre. Außerdem würde es Hessen schaden. Sie bat Heil, Franz Müntefering umgehend zu informieren. Der Generalsekretär machte keine Anstalten, sie umzustimmen.
Zu diesem Zeitpunkt verlief die Präsidiumssitzung in Berlin schon in nicht mehr ganz geordneten Bahnen, denn auch Andrea Ypsilanti hatte mit dem Parteivorsitzenden telefoniert. Sie sagte ihm, dass «die Aktion» gescheitert sei. Viele Worte wurden nicht gewechselt. Kurz darauf teilte Müntefering den Genossen mit: «Jetzt habe ich gerade von der Andrea erfahren, dass das mit Hessen nichts wird.» Wirklich überrascht war keiner, die große Überraschung in Berlin und Wiesbaden, die am nächsten Tag in allen Zeitungen ihren Niederschlag in Politikerzitaten fand, muss gespielt gewesen sein. «Legitimes Theater», wie der saarländische Ministerpräsident Peter Müller so etwas einmal in einem anderen Zusammenhang genannt hat.
Das war nicht nur allgemein so, weil die Berliner angesichts der Mehrheitsverhältnisse im Hessischen Landtag die Risiken von Anfang an anders eingeschätzt hatten als Ypsilanti – nämlich als unzumutbar hoch–, sondern auch konkret, weil schon etwa eine Viertelstunde vor Beginn der Sitzung, über einen Berliner Fernsehkorrespondenten, das Signal gekommen war, dass Ypsilantis zweiter Anlauf wohl ebenfalls scheitern werde. Schon mehr als eine halbe Stunde bevor Everts bei Ypsilanti anrief, hatte sich in Windeseile herumzusprechen begonnen, was bevorstand. Bökels Freundin war beim Hessischen Rundfunk für das Aktuelle zuständig. Dort und beim ZDF wussten die Journalisten schon zwischen neun und halb zehn in etwa, was kommen würde.
Nach dem Telefonat mit Heil verschickte Fornoff die Einladung zur Pressekonferenz per Mail an die Presse; kurz zuvor hatte Michael Metzger den Hessischen Rundfunk offiziell informiert. Der war, wie gesagt, schon im Bilde und hatte bereits die technischen Vorbereitungen für die Übertragung der Ministerpräsidentenwahl abgebrochen, was Kochs Sprecher Dirk Metz sofort aus dem Landtag erfuhr. Da war es kurz vor halb zehn. Koch soll es dann angeblich von Innenminister Bouffier erfahren haben. In Wirklichkeit wussten Koch und Metz vermutlich schon vorher Bescheid.
Bökel und Bouffier kannten einander seit Jahrzehnten, weil sie Ende der siebziger Jahre gleichzeitig Abgeordnete im Hessischen Landtag geworden waren. Ihre Wahlkreise in Wetzlar und Gießen grenzten aneinander. Beide waren Rechtsanwälte, und als Innenminister war Bouffier unmittelbarer Nachfolger von Bökel. Inzwischen brachten sie einander das besondere Verständnis entgegen, das Politiker mit Administrationserfahrung gewöhnlich über Parteigrenzen hinweg verbindet. Für Bökel war es nichts Besonderes, in seinem früheren Vorzimmer anzurufen, wo seine frühere Sekretärin, Frau Ziegler, den Hörer abhob. Wenn auch der Anlass ein spezieller war. Bouffier war da, Bökel wurde durchgestellt.
Er kam gleich zur Sache: «Volker, jetzt horch zu. Nebenan im Hotel Dorint machen vier Abgeordnete eine Pressekonferenz, frag jetzt bitte net viel, aber es könnte sinnvoll sein, Personenschutz zu haben.» Bökel meinte, durch das Telefon Bouffiers Zucken zu spüren. «Wir können heute Mittag telefonieren», sagte er, derzeit könne er über die Einzelheiten nicht sprechen. «Du kannst mal in deiner Pressestelle nachfragen, da kommt was oder ist schon gekommen.» Bouffier sagte: «Okay, hab’s verstanden. Ich sorg dafür, dass dich Wagner 1 anruft. Ich ruf ihn an.» Der Chef des Personenschutzes hatte schon früher gelegentlich die kleine Truppe geleitet, die Bökel als Innenminister persönlich beschützt hatte, war oft mit ihm zusammen im Dienstwagen gefahren und auch bei ihm zu Hause gewesen. Worum es ging, sagte Bökel nicht, und Bouffier fragte nicht.
Wenig später verbreiteten dann die großen Nachrichtenagenturen die Meldung des Hessischen Rundfunks: «Ypsilanti hat keine Mehrheit für Regierungswechsel.» Angeblich wollten die Vier, deren Namen dabei bereits genannt wurden, ihren Austritt aus der SPD-Fraktion erklären. Die erste Eilmeldung lief um 10.31Uhr über die Ticker.
Der Sturm brach los.
Carmen Everts ging durch den leeren Flur die paar Meter hinüber in den Saal, der für die Pressekonferenz vorbereitet worden war. Noch lag er still und menschenleer da.
Die nächsten Minuten wollten die Vier nutzen, um denjenigen Bescheid zu sagen, die persönlich von der Sache erfahren sollten – und nicht aus der Presse. Sie wussten nicht, dass sie damit schon jetzt einem Lauffeuer folgten. Everts versuchte als Erstes, ihren Landrat zu erreichen, konnte ihm aber nur eine Rückrufbitte auf der Mailbox hinterlassen; danach rief sie Hans Eichel an, den letzten Sozialdemokraten, der Hessen regiert hatte. Es war 10.33Uhr. Das Gespräch war kurz. Anschließend, 10.39Uhr, sprach Everts mit Marius Weiß, einem Abgeordnetenkollegen aus Idstein, von dem sie wusste, dass er zwei Tage zuvor auf dem Parteitag ebenfalls gegen Ypsilantis Koalitionsvertrag gestimmt hatte. Auch dieses Gespräch währte nicht lang. Walter telefonierte mit einem weiteren Kollegen, dem Frankfurter Michael Paris.
Als Everts um 10.45Uhr ihren Stellvertreter im Kreisvorsitz erreichte, eröffnete der das Gespräch bereits mit der Frage, ob die Meldungen über die bevorstehende Pressekonferenz stimmten. Die Zeit für persönliche Exklusivmitteilungen war abgelaufen. Everts war baff. Sie hätte «ihre Leute», die Genossen im Partei-Unterbezirk Groß-Gerau, gern persönlich informiert und sagte: «Es tut mir leid.» Doch wegen ihrer tiefen Bedenken könne sie nicht anders. Dann sprach sie einem ihrer kommunalpolitischen Genossen auf die Mailbox; einen weiteren, der krank war, erreichte sie um 10.57Uhr zu Hause. Um 11Uhr rief der Landrat zurück. Die Gespräche waren kurz, beschränkten sich auf die Ankündigung sowie einige Erläuterungen, und nach Everts’ Eindruck waren die Gesprächspartner schlicht sprachlos. Zwischendurch rief auch noch – zufällig gerade jetzt – eine alte Freundin an, die längere Zeit nichts von ihr gehört hatte. Everts sagte nur: «Es passiert gleich was. Mach dir keine Sorgen. Mir geht es gut. Ich hab meinen Seelenfrieden wiedergefunden.»
Silke Tesch hatte schon alle eingeweiht, bei denen sie das für nötig hielt: ihren Ehemann, ihren Vater, ihre Geschwister. Nun informierte sie zwei Landtagsabgeordnete, mit denen sie sich verbunden fühlte, per SMS: Uwe Frankenberger aus Kassel und Nancy Faeser aus Schwalbach. Mit Faeser war Tesch befreundet, beide gehörten zur zwanzig Köpfe starken «Aufwärts»-Gruppe in der Fraktion. Das war der Zusammenschluss der sogenannten Pragmatiker, den Tesch vor einigen Jahren gegründet hatte, um dem beherrschenden «linken Arbeitskreis» in der Fraktion etwas entgegenstellen zu können. Die linke Gruppe benannte sich daraufhin in «Vorwärts» um. Tesch gehörte zu den Sprechern der Aufwärts-Runde.
Die letzten Schritte eines weithin gemeinsamen politischen Weges war Faeser freilich nicht mitgegangen, und Tesch war klar, dass ihre Entscheidung auch Faesers Pläne und Hoffnungen durchkreuzen würde. Wie die vieler anderer. Nachdem Ypsilanti mit dem Wortbruch die Zustimmungswerte für die SPD in den Keller getrieben hatte, konnte kein Abgeordneter mit einer Rückkehr in den Landtag rechnen, wenn sein Name nicht auf den ersten etwa fünfundzwanzig Plätzen der Landesliste stand. Das betraf fast die halbe Fraktion und mehr Pragmatiker als Linke. Darin lag ein maßgeblicher Grund, wenn nicht der stärkste, für den hohen Anpassungsdruck der vergangenen Monate. Ypsilanti hatte die Fraktion praktisch als Geisel genommen – eine Haft, in die ein großer Teil der Abgeordneten sich allerdings freiwillig begeben hatte. Auf Ausscheren stand nun die Höchststrafe, der Verlust des Mandats, und deshalb waren auch Skeptiker nahezu verstummt. Nach außen musste der Eindruck entstehen, als gäbe es nur einige wenige Gemäßigte in der hessischen SPD und ihrer Landtagsfraktion.
Nancy Faeser brauchte sich auf dem elften Platz der Landesliste zwar grundsätzlich keine Sorgen über ihre Rückkehr in den Landtag zu machen, aber eigentlich hätte sie am nächsten Tag im Kabinett Andrea Ypsilantis Justizministerin werden sollen. Tesch wollte ihr die Demütigung ersparen, das am Telefon zu erfahren. «Vielleicht hätte sie geweint.»
Inzwischen war der Leiter der Sicherungsgruppe vom Innenministerium eingetroffen, und Everts wurden die Autoschlüssel abgenommen, ihr Cabrio wurde aus der Stadt gebracht. Ab Viertel nach elf gingen die Vier im Raum «Aachen» noch einmal die vorbereiteten Stellungnahmen durch; Dagmar Metzger hatte ihre gerade erst aufgesetzt. Sie wollten auf der Pressekonferenz nacheinander kurze Statements vorlesen und anschließend, am liebsten im Wechsel, die Fragen der Journalisten beantworten. Wieder sollte Everts vorangehen: Tesch wollte nicht, und Walter, dessen Glaubwürdigkeit einen Schwachpunkt bilden würde, durfte nicht am Ende sprechen. Er sollte, für ihn ungewohnt, eine eher zurückhaltende Rolle spielen. Das Schlusswort ergab sich also wie von selbst für Dagmar Metzger, und aus alldem auch die Reihenfolge.
Jetzt lasen sie einander ihre Texte vor, korrigierten noch die eine oder andere Passage. Teller mit Schnittchen wurden gebracht, nachdem Dagmar Metzger darauf hingewiesen hatte, dass so eine Pressekonferenz dauern könne. Aber keiner hatte Appetit. Auf den Handys gingen unablässig Anrufe und Nachrichten ein, Bitten um Rücksprache, Zuspruch. Das alles erfuhren sie erst nachher, denn jetzt waren die Apparate praktisch blockiert. Sie schalteten die Notebooks ab. Von draußen hörten sie das Durcheinander zahlloser Stimmen, sahen durch die verhängten Fenster die Schatten der Leute und hin und wieder Kameras aufblitzen. Tesch bat die anderen, sie beim Gang durch den Flur in die Mitte zu nehmen, weil sie sich unsicher auf ihren Beinen fühlte. Sie schalteten die Handys ab und atmeten noch einmal tief durch. Sie umarmten einander, dann ging es hinaus ins Blitzlichtgewitter.
Gerhard Bökel war an diesem Montag zu Hause in Braunfels geblieben. In seinem Wetzlarer Büro gab es keinen Fernseher, und Bökel wollte sich die Pressekonferenz der Vier nicht entgehen lassen. Das machten Hunderttausende so. Der Hessische Rundfunk erlebte den größten Tag seiner Geschichte, ein Hochgefühl, das im Sender noch Wochen anhalten sollte. An diesem 3.November erreichte der HR einen Marktanteil von beinah zwanzig Prozent, den «Brennpunkt» am Abend schauten sich fast vier Millionen Zuschauer an.
Aber Bökel, der zu der Handvoll Eingeweihter gehörte, sah das Geschehen natürlich mit anderen Augen. Als Erstes nahm er wahr, dass das Gedränge groß war und dass auch Demonstranten gekommen waren, die Plakate hochhielten. Er beobachtete erleichtert, wie die Vier «mit gerader Figur» die Menschenmenge durchquerten, weil die Polizisten von der Sicherungsgruppe ihnen den Weg frei machten. Bökel rechnete zu den wenigen Zuschauern, die alle vier Abgeordneten kannten, selbst der Fernsehkommentator wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, welches der beiden unbekannten Gesichter Carmen Everts, welches Silke Tesch gehörte.
Außerdem lag es nahe, den Urheber der ganzen Veranstaltung in Walter zu vermuten. Von Anfang war er es gewesen, auf den sich die Spannung konzentriert hatte: Wird er für Ypsilanti stimmen? Wieder und wieder war er danach gefragt worden, wieder und wieder hatte er bejaht.
Auf dem Podium im Dorint hatten die Vier inzwischen nebeneinander Platz genommen, links außen Dagmar Metzger, neben ihr Walter, dann Tesch und Everts. Außen rechts saß Michael Metzger, der es übernommen hatte, die Pressekonferenz zu leiten. Es konnte jeden Augenblick losgehen, trotzdem zog sich der Beginn der Veranstaltung noch hin. Im Fernsehen wurde in diesen spannenden Minuten nahezu ausschließlich Walter gezeigt. Wie selbstverständlich ging die Regie davon aus, dass der stellvertretende Landesvorsitzende beginnen würde, doch dann erteilte der Moderator Carmen Everts das Wort.
Everts sagte: «Meine Damen und Herren! Wir, das sind die Abgeordneten Silke Tesch, Jürgen Walter und Carmen Everts, haben eine für uns persönlich außerordentlich schwere Entscheidung getroffen. Wir haben heute Vormittag die SPD-Landes- und Fraktionsvorsitzende Andrea Ypsilanti darüber informiert, dass wir die Bildung einer rotgrünen Minderheitsregierung mit den Stimmen der Linkspartei nicht mittragen können. Das bedeutet, dass wir bei der morgigen Wahl im Landtag nicht zustimmen. Wir erklären dies heute in aller Öffentlichkeit im Bewusstsein auch der Konsequenzen. Wir werden unser Landtagsmandat behalten und bieten unserer Fraktion auch weiterhin die Mitarbeit an.»
An dieser Stelle erhob sich unter den Linkspartei-Anhängern, die mit ihren Transparenten auf der linken Seite des Saales standen, demonstratives Gelächter. Offenbar bestand die Absicht, die seit dem SPD-Tribunal gegen Dagmar Metzger in Hessen sattsam bekannten Formen der Auseinandersetzung auch in diese Pressekonferenz zu tragen. Die knapp hundert anwesenden Journalisten ließen sich aber davon nicht anstecken, und Everts behielt ihren ruhigen Ton bei. Vom ersten Augenblick an war es verblüffend, wie deutlich und professionell die Abgeordnete vortrug: als habe sie ihr Leben lang nichts anderes gemacht. In Wirklichkeit war das ihr erster zusammenhängender Auftritt im Fernsehen.
Everts fuhr fort, sie habe wie andere Landtagsabgeordnete in den vergangenen Monaten «einen unvorstellbaren Druck erlebt und einen großen Gewissenskonflikt» mit sich ausgetragen. Die letzten Tage hätten dann, mit Blick auf den nahenden Wahltermin, eine enorme Zuspitzung gebracht. «Meine tiefen Bedenken gegen eine Linkstolerierung habe ich von Anfang an in meiner Fraktion und Partei ausgesprochen, gerade auch weil ich mich in meiner Doktorarbeit mit dem Wesen des politischen Extremismus und mit der PDS auseinandergesetzt habe. Die Linke ist eine in Teilen linksextreme Partei. Sie hat ein gespaltenes bis ablehnendes Verhältnis zur parlamentarischen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit und ein problematisches Gesellschafts- und Geschichtsverständnis. Und ihr Ziel ist es, der Sozialdemokratie zu schaden.» Zwischen diesen schwerwiegenden Bedenken und ihrer Loyalität zur Fraktion, ihrer Verbundenheit zur SPD fühle sie sich «zutiefst zerrissen». Ihr Schritt falle ihr «außerordentlich schwer», sie sei sich seiner Tragweite und der Belastung für ihre Partei bewusst. «Ich hatte für mich persönlich immer wieder auch die Hoffnung, ich fände für mich einen erträglichen Kompromiss und ich könnte meine Gewissensentscheidung in der Mehrheitsfindung der Gesamtpartei aufgehen lassen.» Doch in den letzten Tagen sei ihr bewusst geworden: «Ich muss dies alleine mit meinem Gewissen ausmachen.»
Everts forderte Respekt vor ihren Grundüberzeugungen, ihrem Verständnis von Demokratie und Verantwortung, verwies aber zugleich auf den Willen der Wähler, die die rot-rotgrüne Minderheitenregierung nicht gewählt hatten und zutiefst ablehnten. «Es geht um eine in der Mitte der Gesellschaft verankerte, selbstbewusste Sozialdemokratie, die sich von der Linkspartei deutlich abgrenzt. Und es geht in allererster Linie auch um die Zukunft dieses Landes.» Der Auftrag ihrer Wähler sei die Ablösung der Regierung Koch und eine andere sozialdemokratische Politik für Hessen – «aber nicht um den Preis der Beteiligung der Linkspartei, nicht um den Preis meiner persönlichen Integrität und Grundwerte und nicht um den Preis der Wahrhaftigkeit in der Politik». All das trug sie in einer würdevollen, kontrollierten Haltung vor, zuletzt mit sichtlicher Bewegung. Sie schloss mit dem einfachen Satz: «Ich kann das nicht.»
Bökel, in Braunfels vor dem Bildschirm, bekam feuchte Augen. Im Dorint spürte Carmen Everts, deren Adrenalin-Pegel sein Allzeithoch erklommen hatte, dass ihr Körper heftig zu zittern begann. Sie stützte die Ellenbogen auf den Tisch und faltete die Hände fest vor dem Mund, um den Gefühlsansturm in den Griff zu bekommen. Wer sie nicht kannte, sah nur eine strenge oder jedenfalls äußerst beherrschte Frau.
«Wir machen weiter mit Silke Tesch», sagte der Moderator. Die Kameras schwenkten auf sie, und Tesch begann sofort, ihr Statement vorzulesen, doch das Mikrophon war noch nicht eingeschaltet. Sie bemerkte das ein wenig zu spät. Sie reagierte mit einem offenen Lächeln und nahm dabei Kontakt zu den Zuhörern auf: fast wie ein Schulkind, das lacht, wenn etwas schiefgeht. Dieser Augenblick öffnete ein Fenster auf ihr Wesen, aber er dauerte nicht einmal eine Sekunde. Das freundliche Lächeln war ihr herausgerutscht, sie vertrieb es gleich wieder aus ihren Zügen und schaute so mürrisch drein wie zuvor.
Den Vieren war der Ernst der Situation bewusst, sie wollten auf jeden Fall Bilder vermeiden, die sie lachend hätten zeigen können. Von vielen in der SPD wäre das als zusätzliche Provokation aufgefasst worden; folglich sieht man auf nahezu allen Fotos, die im Zusammenhang der Pressekonferenz aufgenommen wurden, die Vier mit ernsten, fast finsteren Mienen.
Tesch sprach mit einer dunkleren Stimme, in einer dunkleren Mundart als Carmen Everts: dem vom Hinterländer Platt grundierten Sang ihrer mittelhessischen Heimat, durch den wie von fern noch rundes Altdeutsch klingt. Die Ortsdialekte in dieser Hügellandschaft sind so eng verwandt und dabei so vielfältig wie Galapagos-Finken, aber gemeinsam ist ihnen das verschlossene «r», bei dem die Zungenspitze hinter den Zähnen rückwärtsgerollt wird.
Silke Tesch trug ihr Statement zügiger als Everts vor, wirkte aber verschlossener und klebte stärker am Blatt. Meist sah sie nur am Ende des Satzes kurz auf. Sie sagte: «Ich habe mich in den letzten Wochen in einem extremen Gewissenskonflikt befunden. Auf der einen Seite stand die Ohnmacht und auf der anderen Seite der Wille, meinen Überzeugungen treu zu bleiben. Die Situation hat mich zunehmend psychisch und physisch stark belastet und sich bis zum Wochenende zugespitzt. Das gebrochene Wahlversprechen und das Zusammengehen mit der Linken alleine wäre schon Grund genug gewesen, diese Regierung so nicht mit zu tragen und sich neben Dagmar Metzger zu stellen. Ich bedaure, dass ich damals nicht schon so mutig war.» Dann beklagte sie sich über den «Umgang in Fraktion und Partei in den vergangenen Wochen und Monaten». Sie habe regelmäßig öffentlich und intern ihre «Bedenken und Zweifel geäußert und die Sorge der Mitglieder und der Bevölkerung dargestellt», doch diese Bedenken seien von der Fraktionsführung «ignoriert und ausgeblendet» worden. Sie habe auch «mehrfach darauf hingewiesen, dass es in meinem Wahlkreis rumort». Sie habe mit Parteiaustritten zu kämpfen gehabt und wiederholt Genossen, die kurz davor standen, die Partei zu verlassen, «in vielen mühevollen Gesprächen gebeten, an Bord zu bleiben und den Andersdenkenden nicht das Feld zu überlassen». Zuletzt habe sie sich vor der Wahl gesehen, «das Abdriften der Hessen-SPD an den äußersten linken Rand zu akzeptieren, eine schädliche Wirtschaftspolitik in schwierigen Zeiten zu unterstützen oder meine Überzeugungen und mein demokratisches Selbstverständnis zu behalten».
Weiter berichtete Tesch, dass sie dem Koalitionsvertrag am Samstag nicht zustimmen konnte, «da ich ihn in großen Teilen als eine Belastung für Hessen sehe». Außerdem habe sich bei ihr der Eindruck verstärkt, «dass die Wahrnehmung der SPD-Fraktion zunehmend konträr zu dem war, was die Menschen in Hessen und gerade in meinem Wahlkreis denken und empfinden. Mehrfach wurde ich darauf angesprochen, dass auch ich mein Wort brechen würde, wenn ich diese Regierung unterstütze.» Noch bis gestern hätten sie «unzählige Aufforderungen aus der Partei und der Bevölkerung» erreicht, diesen Weg zu verhindern: «Meinem Gewissen und diesen Menschen fühle ich mich verpflichtet.» Darum habe sie sich letztlich für ihre Überzeugung und die Glaubwürdigkeit in der Politik entschieden. «Eine negative geheime Abstimmung kam für mich nie in Frage. Ich bin nicht jemand, der verdeckt agiert und andere ins offene Messer laufen lässt. Ich muss heute diesen Weg gehen.»
Durch diesen kleinen Vortrag von nicht einmal drei Minuten Dauer löste sich für viele Zuschauer ein Rätsel. Es verbindet sich mit dem Satz, mit dem der SPD-Bundesvorsitzende Kurt Beck im März 2008 auf die Frage geantwortet hatte, ob Andrea Ypsilanti einen weiteren Versuch unternehmen werde, sich von der Linkspartei zur Ministerpräsidentin wählen zu lassen: Die SPD werde nicht «zwei Mal mit dem gleichen Kopf gegen die gleiche Wand rennen». Das klang einleuchtend. Wieso hatte sie es also trotzdem getan? Und warum war die Partei Ypsilanti auf ihrer Flucht nach vorn, Richtung Abgrund, geradezu begeistert gefolgt? Auf diese Frage hatte Silke Tesch jetzt eine Antwort gegeben, die das Bild der Partei in der Öffentlichkeit mit einem Schlag veränderte: dass Kritiker in der Partei mundtot gemacht, überwältigt worden waren.
Ihr Vater hatte den Auftritt ebenfalls am Bildschirm verfolgt. Seine Tochter erschien ihm verkrampft wie noch nie, unheimlich angespannt. Sorgen machte er sich deswegen nicht. Er wusste, dass sie schon Schlimmeres durchgestanden hatte.
Jürgen Walter machte es noch eine halbe Minute kürzer: «Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich habe seit Februar immer wieder den Kurs der hessischen SPD kritisiert. Parallel dazu aber auch immer wieder versucht, konstruktiv mitzuarbeiten. Deshalb wurde ich oft als wankelmütig und als inkonsequent kritisiert.» Um nach einer winzigen Pause fortzufahren: «Zu Recht.»
Mit diesem rhetorischen Kunstgriff signalisierte Walter von Anfang an, dass er die Kritik ernst nahm. Es war ein Versuch, noch einmal Verständnis bei denjenigen seiner früheren Anhänger in der hessischen SPD zu finden, die sich im Laufe des vergangenen Jahres von ihm abgewandt hatten. «Ich war in der Tat in den letzten acht Monaten permanent hin und her gerissen zwischen der Loyalität zu meiner Partei und meinen Freunden in dieser Partei auf der einen Seite», fuhr der frühere Fraktionsvorsitzende fort, «und meiner tiefen Überzeugung, dass eine von den Linken tolerierte Minderheitsregierung dem Land Hessen, aber auch meiner Partei schaden würde. Ich weiß, dass diese innere Zerrissenheit mein Bild in der Öffentlichkeit bestimmt hat.» Diese Monate – vor allem die letzten Tage – seien deshalb die mit Abstand schwierigsten seines bisherigen politischen Lebens gewesen. Wie Tesch bekannte auch Walter: «Es war ein großer Fehler, dass ich mich nicht bereits im März neben Dagmar Metzger gestellt und sie unterstützt habe.» Hätte er es allerdings getan, dann hätte man ihm unterstellt, «dass ich das nur tun würde, um Andrea Ypsilanti zu schaden, weil ich doch bei der Spitzenkandidatur gegen sie verloren habe». Dieses Wissen habe ihn gehemmt. Und weiter: «Heute stehe ich am Ende dieses langen und unglaublich schwierigen Abwägungsprozesses. Am Samstag habe ich auf unserem Parteitag deutlich gemacht, dass ich nicht nur Sorge vor dem Einfluss der Linkspartei habe, sondern dass ich durch die rot-rot-grüne Regierungspolitik Zehntausende Arbeitsplätze in unserem Land gefährdet sehe. Und ich habe auch deutlich gemacht, dass diese Stromlinienförmigkeit der hessischen SPD nicht der Tradition unserer Partei entspricht. Hinzu kam, dass mich der Mut von Carmen Everts und Silke Tesch bei meiner Entscheidung bestärkt hat: Ich kann diesen Weg meiner Partei hier in Hessen nicht mitgehen. Ich kann aber sagen, dass ich heute vollständig mit mir im Reinen bin. Ich weiß, was meine Entscheidung bedeutet – aber ich kann dieser Regierung meine Zustimmung nicht geben.»
Walter war sichtlich mit Fernsehauftritten vertraut. Er hatte gelernt, selbst dann den Eindruck freier Rede zu erwecken, wenn er vom Blatt vortrug: indem er Pausen machte, immer nur kurz auf das Manuskript sah, beim Sprechen den Kopf mal zur einen, mal zur anderen Seite wandte und seinen Zuhörern in die Augen schaute. Als er sagte, dass es ein Fehler gewesen sei, Dagmar Metzger nicht gleich beigesprungen zu sein, drehte er sich ganz nach rechts zu ihr um, so, als würde er diese Botschaft in diesem Moment wirklich ihr übermitteln, und nicht anders hielt er es, als er den Mut von Everts und Tesch beschwor. Man kann auch am Aufbau und an der Art, wie das Manuskript umbrochen wurde, erkennen, dass ein Profi es auf Vortrag getrimmt hat. Doch Walter selbst wirkte müde, abgekämpft, ja wie von Gleichgültigkeit verschleiert.
Dagmar Metzger, die als Letzte das Wort ergriff, hatte mit anderen Schwierigkeiten zu tun als ihre drei Mitstreiter: Sie durfte es sich vor allem nicht anmerken lassen, wie aufgeräumt und erleichtert sie war. Ihre Botschaft war wiederum eine halbe Minute kürzer als die Walters, und sie trug sie so gelassen vor wie ein Samurai, der mit dem Langschwert einen Block Tofu teilt. Metzger sagte, dass sie über die Entscheidung der drei anderen «sehr froh» sei und sich dadurch in ihrem Entschluss vom März bestätigt sehe, die Regierungsbildung mit Hilfe der Linkspartei «zu verhindern». In ihrem Manuskript stand dieses Wort nicht. Dort hieß es noch: «die Zustimmung zu verweigern». Es ging ihr also um mehr, als die eigenen Hände in Unschuld zu waschen, und das hatten die drei anderen ermöglicht. Metzger sagte, deren Entscheidung belege, «dass die Zweifel und Bedenken hinsichtlich einer solchen Regierungsbildung, die ich damals öffentlich und in den vergangenen Wochen und Monaten immer wieder geäußert habe, eben doch von sehr viel mehr Menschen in der SPD geteilt werden, als dies die Partei- und Fraktionsführung zur Kenntnis nehmen wollte». Sie sei aber auch sehr froh darüber, dass Carmen Everts, Silke Tesch und Jürgen Walter «denselben Weg gehen wie ich, also öffentlich und mit der Bereitschaft, alle Konsequenzen zu tragen – und nicht heimlich in der Wahlkabine. Niemand weiß besser als ich, wie viel Mut hierzu gehört. Aber wir leben in einer Demokratie mit einem freien Abgeordnetenmandat. Dazu gehört, dass diejenigen, die unsere Auffassung und Entscheidung nicht teilen können, sie doch respektieren sollten.»
Nach einer Pause fuhr Metzger fort: «Natürlich stehen wir in der hessischen SPD jetzt vor einem schwierigen Weg.» Nun hätte, laut Manuskript, der Satz folgen sollen: «Aber den haben nicht wir zu verantworten.» Doch diesen Satz ließ sie spontan aus. Vielleicht unbewusst. Der Satz blieb jedenfalls ungesagt. Er hätte trotzig geklungen und auch ein bisschen so, als wollte sie sich aus der Verantwortung stehlen. Stattdessen schloss sie: «Wir haben eine verantwortungsvolle und dem Willen des überwiegenden Teils der Bürgerinnen und Bürger Hessens dienende Entscheidung getroffen, davon bin ich fest überzeugt. Verantwortlich sind jetzt die Teile von Fraktion und Parteiführung, die sich entschlossen haben, das zentrale Wahlversprechen unserer Partei zu brechen. Außerdem ist es ihnen nicht gelungen, die Öffentlichkeit und uns als den wirtschaftspolitisch orientierten Teil der Fraktion von der Notwendigkeit und Richtigkeit dieses Kurses zu überzeugen. Deshalb müssen wir so handeln.» Peng! Metzgers Presseerklärungen endeten immer mit diesem kurzen, trockenen Knall.
Obwohl viele Menschen, ja vermutlich sogar die Mehrheit der Journalisten im Saal «Genf» die Entscheidung der vier Abgeordneten aus vollem Herzen begrüßten, war ihr erster gemeinsamer Auftritt doch alles andere als ein Hochfest des Heldentums. Im Gegenteil: Über allem lag eine verhangene, trübe Stimmung. Die Vier wirkten bedrückt, wer wollte, konnte aus ihren Mienen und Gesten auch Schuldbewusstsein herauslesen, Verräter in ihnen sehen, die ein Geständnis ablegten.
Sie standen unter starkem Stress. Obendrein waren sie, außer Walter, nicht an öffentliche Auftritte dieser Größenordnung gewöhnt. Folglich bedeutete die Pressekonferenz eine gewaltige Herausforderung für sie. Sie war sozusagen der eine und einzige Schuss, den sie hatten: die erste und letzte Chance, sich noch einmal im selbstgewählten Zusammenhang Gehör zu verschaffen, bevor das Hauen und Stechen begann. Deshalb die Anspannung und Selbstkontrolle; dazu kamen persönliche Ungewissheit und, nach schlaflosen Nächten, auch erhebliche Erschöpfung. Außerdem durften die Vier durch keine Äußerung oder Geste den Eindruck erwecken, sie hätten es sich mit ihrer Entscheidung leicht gemacht. Es war ohnehin nicht schwer, sie ins Zwielicht zu ziehen.
Zwischen der Einladung zur Pressekonferenz und ihrem Beginn waren gut anderthalb Stunden vergangen, Zeit genug, um den Hexenkessel zu heizen. Die SPD-Führung um Andrea Ypsilanti hatte ihre Deutungen schon in die Welt gesetzt. So nahmen die Journalisten im Dorint an, dass die SPD-Vorsitzende nicht informiert worden sei – deshalb kam das in der Fragerunde gleich noch einmal auf den Tisch, obwohl Everts es schon richtiggestellt hatte. Schwerer wog, dass ein Teil der Journalisten erwartete, die vier Abgeordneten würden ihren Austritt aus der Fraktion und Partei ankündigen. Oder heimlich planen. Angeblich wollten sie nämlich die Regierung Koch stützen und später womöglich gar in die CDU übertreten; so hätte Koch, toleriert von den Vieren, mit der FDP eine Minderheitsregierung bilden können. Dahinter stand der von Ypsilanti ausgesprochene Verdacht, die Abgeordneten seien gekauft worden, mit Geld oder Mandaten. Inzwischen war auch schon von anderen hochdotierten Posten die Rede.
Als pragmatische Wirtschaftpolitiker waren die Vier dem linken SPD-Flügel ohnehin nie ganz geheuer gewesen. Wer sich mit Gewerbeansiedlung oder Handwerksordnungen beschäftigte statt mit Unrecht und Umwelt, hatte vielleicht noch ganz andere Motive – warum sonst tat er das? In der innerparteilichen Auseinandersetzung der vergangenen Jahre, vor allem beim Kampf zwischen Ypsilanti und Walter um die Spitzenkandidatur 2006, war ein Teil der Linken dazu übergegangen, sozialdemokratische Wirtschaftspolitiker als «neoliberal» abzuqualifizieren. Und Walter hatte auch noch die ehemalige CDU-Sprecherin geheiratet. Manchen erschien es da folgerichtig, dass der stellvertretende SPD-Vorsitzende nun gleich ganz die Partei wechseln würde.
Der Propagandakrieg war schon in vollem Gange. Deshalb mussten die vier Abgeordneten sich in der zweiten Runde, nach ihren Statements, zunächst mit Fragen auseinandersetzen, die auf solche Machenschaften zielten. Sie antworteten abwechselnd. Schnell wurde deutlich, dass sie auf die Bildung einer großen Koalition hofften. Walters Satz, dass jetzt alle Parteien im Hessischen Landtag noch einmal Gelegenheit hätten, miteinander über die Bildung einer neuen Regierung ohne Beteiligung der Linkspartei zu sprechen, ließ freilich auch andere Optionen offen. Aber nicht die eines politischen Seitenwechsels.
Im Gegenteil, die Abgeordneten bekundeten ihre Hoffnung, weiter in der Fraktion mitarbeiten zu können. «Wir wollen mit unseren weiteren Fraktionskollegen sprechen, ob es Wege gibt, eine bürgerliche Mitte ohne Roland Koch zu finden», sagte etwa Dagmar Metzger. Walter äußerte dieselbe Hoffnung, war aber weniger optimistisch. «Von selbst» werde er die Partei nicht verlassen, sagte er. Aber an Ämtern und Posten hänge er nicht.
Der Schwachpunkt war die späte Entscheidung. Warum waren sie einen Weg so lange mitgegangen, um dann im allerletzten Moment umzuschwenken? Hatten sie Ypsilanti nicht ins offene Messer laufen lassen? Ging es ihnen in Wahrheit nicht um ihren Sturz? Warum zum Beispiel hatten sie – mit Ausnahme Dagmar Metzgers – bei der Generalprobe in der Fraktion am 30.September zugestimmt? Silke Tesch antwortete als Erste mit dem Satz: «Ich habe bei der Probeabstimmung in der Fraktion mit Ja votiert. Ich glaube, das dokumentiert auch so ein bisschen die Zerrissenheit, in der ich mich befunden habe.» Sie wollte das erläutern, doch das Hohngelächter, in das die linken Demonstranten ausbrachen, brachte sie davon ab. Tesch meinte, auch Journalisten hätten sich daran beteiligt. Sie wurde wütend. Das war äußerlich nicht zu erkennen, aber es verhärtete sie und machte sie kurz angebunden. Wegen der neuen Prothese von Schmerzen geplagt und unsicher auf den Beinen, hatte sie sich schon beim Gang in den Saal durch das dichte Spalier der Demonstranten bedrängt gefühlt, und nun verstärkte sich ihr Empfinden, einer feindlich gestimmten Menge gegenüberzustehen.
Everts dagegen hatte während der Konferenz wiederholt wahrgenommen, dass Journalisten ihr aufmunternd zunickten. Sie sind auch Wähler und Bürger, und der dramatische Machtkampf in Hessen hatte niemanden kaltgelassen. Weil Everts beim Sprechen immer wieder Blickkontakt aufgenommen hatte, erlebte sie die Pressekonferenz als echte Chance, um Verständnis zu werben. Tesch dagegen war durch das Gelächter aus der Bahn geworfen worden; sie hatte zu einer ehrlichen Antwort angesetzt, vergaß aber beim Weiterreden sogar den unmittelbaren Bezug der Frage zum 30.
