Die Villen der Frau Hürsch - Alfred Komarek - E-Book
Beschreibung

Ein altmodisch gekleideter Mann auf einer verwilderten Rasenfläche. Mit raschen Schritten folgt er einem unsichtbaren Ball und versucht ihn mit einem imaginären Schläger zu treffen. Daniel Käfer schaut staunend zu und ahnt noch nicht, dass auch er bald in ein Spiel zwischen Traum und Wirklichkeit geraten wird. Käfers erfolgreiches Berufsleben als Chefredakteur ist seit wenigen Wochen Vergangenheit. Jetzt will er im Ferienparadies seiner Kindheit, dem steirischen Salzkammergut, die Bilder von damals wieder leuchten lassen und über seine Zukunft nachdenken. Er findet sich in einer nur vordergründig harmonischen Welt der Gegensätze wieder: uralte Strukturen der Salzwirtschaft und die bemühte Eleganz jener Freizeitarchitektur, die vor über hundert Jahren den Wandel zum Kurort gebracht hatte. Daniel Käfers Spurensuche im Ausseerland lässt bald auch seine persönliche Vergangenheit in einem anderen Licht erscheinen. Wie war es wirklich um die sorgfältig gepflegte Tradition der gut bürgerlichen Familie bestellt? Vor allem das Schicksal jener verleugneten, verdrängten Mizzi Käfer, der "Ausseerin", passt nicht ins wohl geordnete Bild. Ihr sehr bescheidenes Leben als Dienstbotin, zuletzt in der Villa der Frau Hürsch, und ihr rätselhafter Tod geben den Blick frei in eine Welt der Ausbeutung und des Elends. Aber auch märchenhafte Schicksalsfügungen waren möglich ... Komareks erster Roman aus dem Salzkammergut erzählt spannend und facettenreich. Und er bietet die ebenso hintergründige wie pointierte Sicht auf eine der interessantesten Kulturlandschaften Österreichs.

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Seitenzahl:203

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Die Villen der Frau Hürsch

Alfred Komarek

DIE VILLEN DER FRAU HÜRSCH

Roman

Der Roman spielt vorwiegend im Ausseerland im Steirischen Salzkammergut. Die örtlichen Gegebenheiten und der historische Hintergrund entsprechen der Wirklichkeit. Eine Villa Muthspiel hat es allerdings nie gegeben und auch Mizzi Käfer ist Fiktion. Die Menschen der Gegenwart sind frei erfunden und das Wirtshaus Zum Ech werden Sie vergeblich suchen.

© 2004

HAYMON verlag

Innsbruck-Wien

www.haymonverlag.at

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-7099-7631-9

Umschlag: Benno Peter

Diesen Roman erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.haymonverlag.at.

1

Einer von diesen unwirklich schönen Sommertagen. Andachtsblau der Himmel, lustblau der See. Dazwischen helles Kalkgebirge, Wiesengrün und Waldgrün.

Der kleine Daniel Käfer zitterte, weil er vom Schwimmen und Tauchen nie genug bekommen konnte. Jetzt aber spürte er warmes Holz unter sich und Sonnenhitze auf dem Rücken. Er hob den Kopf, schaute zum anderen Ufer hinüber und sah gleißende Lichter auf dem Wasser tanzen.

Der große Daniel Käfer schloss die Augen und ließ die alten Bilder leuchten. Ferienzeit im Salzkammergut. Privatquartier beim Schulrat Köberl, am Ortsrand von Bad Aussee. Das Zimmer mit den schrägen Wänden und dem fast immer offenen Fenster. Über den Gemüsegarten hinweg ging der Blick zu einer Blumenwiese, auf der Obstbäume standen. Die Eltern wohnten im Erdgeschoß, im komfortableren Gästezimmer, wo es fließendes Wasser gab. So konnte er ungestört in den Romanheften lesen, die ihm sein hiesiger Freund, der Toni, zusteckte. Noch viel lieber saß er einfach da und schaute in die Nacht hinaus. Nur eine entfernte Straßenleuchte brannte einen gelben Fleck in die Dunkelheit. Die Luft roch nach Gras und Wald. Das leise Plätschern und Rauschen des nahen Baches störte die Stille nicht. Nie wieder hatte sich Daniel Käfer so sehr in der Welt und in sich geborgen gefühlt.

Gut drei Jahrzehnte waren seit damals vergangen. Diesmal war die Nacht hell und laut und die Fenster blieben besser geschlossen. Frankfurt ist eine aufdringliche Stadt, dachte Käfer, zu viel Geld, zu viel Kriminalität und zu viele schlechte Bücher zur Messezeit. Unwillig öffnete er die Augen. Und dann noch dieses gnadenlos stilsichere Designerhotel. Kühle Ästhetik, funktionell, originell und von anmaßender Schlichtheit. Was zum Teufel hatte er hier zu suchen? Er blickte auf seine abgetragene Cordhose und sah auch den Rotweinfleck am Hemd. Er hatte erst gar nicht versucht, ihn auszuwaschen. Wozu auch? Immerhin stammte der Fleck von einem Barbaresco Asili, Riserva 1996, aus dem Piemont – und er markierte einen denkwürdigen Wendepunkt im Berufsleben des Daniel Käfer.

Kaum zwei Stunden war es her, als sein Freund und Vorgesetzter, Bernd Rösler, vorsichtig den Korken gezogen hatte und dunklen Wein in eine Dekantierkaraffe gleiten ließ.

„Guten Flug gehabt, Daniel? Mehr als Business Class ist auch für leitende Mitarbeiter des Hauses nicht drin. Sparsamkeit ist angesagt.“

Käfer roch an der Flasche und las das Etikett.

„Von wegen. Unter hundert Euro ist so einer kaum zu haben. Und dann noch der Sondergastraum nur für uns beide? Ich muss schon sagen!“

Rösler hob das inzwischen gefüllte Glas.

„Ehre, wem Ehre gebührt. Stoßen wir darauf an, Daniel. Und auf dein neues Leben.“ Käfer hob sein Glas, schwieg und neigte fragend den Kopf.

Rösler lächelte unsicher. „Du ahnst was, wie? Also dann: Wir können uns den IQ nicht mehr leisten.“

„Das hast du wirklich schön gesagt.“

„Deine Ironie habe ich erwartet, sie steht dir zu und sei dir gegönnt. Aber du weißt doch so gut wie ich, dass die schöngeistigen Verlags-Flaggschiffe eines nach dem anderen gegen den Eisberg der Rentabilitätsrechnung gesteuert werden. Das trifft jetzt auch dein Blatt, den IQ. Der Redaktionssitz in München ist sauteuer. Das überqualifizierte Personal ist purer Luxus. Und für die Honorare, die du an deine zugegebenermaßen brillanten Gastautoren zahlst, fehlen nicht nur mir die Worte.“

„War früher kein Thema, das alles, nicht wahr?“

„Früher, früher! Das war noch unsere Zeit, Daniel. Wir elitären Wichte sitzen heute als Säulenheilige hoch oben und sind extrem absturzgefährdet. Wenn ich nicht mein relativ weich gepolstertes Nest im Vorstand hätte ... Quote oder Auflage adeln jeden Schwachsinn. Und Qualität, die nichts oder wenig einbringt, hat keinen Wert.“

„Dann bin ich also freigestellt?“

„Eben nicht, Daniel. Im Gegenteil. Du machst Karriere.“

„Aber ohne IQ.“

„Nicht einmal ganz ohne. Dein Magazin wird weiterhin erscheinen, fallweise wenigstens, wenn sich intellektuell, aber auch kaufmännisch relevante Themen finden. Special Interest, du verstehst.“

„Redaktioneller Lockstoff für Inserate.“

„So ähnlich. Muss deswegen ja nicht schlecht gemacht sein. Außerdem wird dein wichtigstes Aufgabengebiet woanders liegen.“

„In der Ablage?“

„Sehr witzig. Wir machen dich zum Kreativdirektor, hier, in der Konzernzentrale.“

„Gut. Dann wird es den IQ wieder geben.“

„Wird es nicht. Statt auf teure Ideen zu kommen, sollst du die schöpferische Kraft im Hause bündeln, straffen und profilieren. Und zwar medienübergreifend.“

„Damit noch mehr Mist mit noch weniger Aufwand ausgestreut werden kann.“

„Mist bringt reiche Ernte, Daniel. Und vielleicht ist die Zeit irgendwann wieder einmal reif für edlere Produkte.“

„Nein.“

„Was soll das heißen?“

„Nein danke.“

„Wir haben noch gar nicht über das Geld gesprochen und über andere, ziemlich unwiderstehliche Details deines Vertrages.“

„Ich weiß was Besseres, Bernd. Wir leeren jetzt miteinander in aller Ruhe diese Flasche, reden von alten Zeiten, lästern über die Gegenwart und bleiben gute Freunde.“

„Deine Entscheidung wird auf blankes Unverständnis und Befremden stoßen. Ich sag dir was, Daniel ...“

„Was denn?“

Jetzt grinste Rösler.

„Ich freu mich schon auf die blöden Gesichter.“

Der Zimmerkühlschrank war ein Kubus aus poliertem Edelstahl. Nach einigen Versuchen hatte Käfer herausgefunden, dass man leicht gegen die Vorderseite drücken musste, um ihn zu öffnen. Das tat er ziemlich oft in dieser Nacht. Nicht weil sein Lebenswerk in wenigen Wochen nur noch Erinnerung sein würde. Er hatte diese Entwicklung kommen gesehen und zunehmend lästige Einmischungen hatten ihm die Freude an der Arbeit mehr und mehr verdorben. Nein, es ging nicht darum, Kummer wegzutrinken.

Daniel Käfer erlebte sich nach vielen erfolgreichen, aber auch mühsamen Berufsjahren unvermutet als freier Mann. Es gab zwar keine nennenswerten Ersparnisse, aber Rösler hatte ihm eine wirklich großzügige Abfertigung zugesagt. Den Kolleginnen und Kollegen aus der Redaktion würden im Konzern neue Aufgaben angeboten werden. Er konnte also unbeschwert über sein künftiges Leben bestimmen.

Als Chefredakteur und Herausgeber war er kaum noch zum Schreiben gekommen. Vielleicht wagte er sich jetzt an ein ehrgeiziges Werk? Oder sollte er einen kleinen Verlag gründen, als Antithese zu umsatzgeilen Medienfabriken? Es stand ihm frei, sich als Aussteiger am Rande der Leistungsgesellschaft zu versuchen, als Quereinsteiger in der Politik, was immer. Er konnte es sich leisten, Weinbauer zu werden, Olivenzüchter oder Gastwirt. Daniel Käfer sah sich unvermutet mit einer großen, reich gefüllten Spielzeugkiste beschenkt. Darüber freute er sich, war fast schon übermütig. Er konnte sich nicht erinnern, in den letzten Jahren je in einer solchen Stimmung gewesen zu sein.

Morgen, mit dem Rückflug nach München, fing vorerst noch einmal der Ernst des Lebens an. Heute war eine kleine Orgie fällig, auch wenn sie nicht ins Hoteldesign passte.

Er trank, aß salzige Erdnüsse und süße Schnitten, dachte nach und lachte halblaut, wenn eine besonders verrückte Idee des Weges kam. Allmählich wurde er müde, verfing sich in Träumen, holte Erinnerungen hervor und fand sich zwischendurch in der Gegenwart wieder. Ein seltsamer Tag. Rösler hatte nicht ohne Grund von einem neuen Leben gesprochen.

Erst nach und nach nahm Käfer ein wohltönendes, metallisch sprödes Geräusch wahr. Ach so, das Telefon, Klangdesign, was sonst. Unwillig griff er zum Hörer.

„Wer ruft mir?“

„Als faustischer Erdgeist bist du nicht sehr überzeugend, Daniel, schon gar nicht betrunken.“

„Sabine! Wie schön ...“

„Schon gut. Ich konnte nicht früher anrufen. Sag, was war heute?“

„Mein IQ ist ab sofort verzichtbar.“

„War zu befürchten. Und weiter?“

„Ein unkeusches Angebot. Kreativdirektor. So etwas wie ein Trommler für Galeerensträflinge.“

„Soll das heißen, du hast abgelehnt?“

„Ja.“

„Das sieht dir ähnlich, Daniel.“

„Du meinst, es war idiotisch?“

„So deutlich wollte ich nicht sein.“

„Es geht mir gut dabei. Gut wie selten zuvor.“

„Das ändert sich spätestens mit einem verkaterten Morgen.“

„Vorübergehend vielleicht. Aber nicht wirklich. Lass es dir erklären.“

„Ich würde lieber in München mit dir darüber reden, nüchtern.“

„Wie es so deine Art ist.“

„Ja. Und ab ins Bett mit dir.“

Käfer konnte lange nicht einschlafen. Er dachte an Sabine Kremser, die sich seit Jahren damit abmühte, ihm eine gute Freundin zu sein, trotz aller Gegensätze und Probleme. Er passte offenbar nicht zu ihr, doch andererseits entsprach es ihrem Lebensplan, Hindernisse aller Art zu überwinden. Er hingegen nahm Sabines Rolle als Ordnungsmacht in seiner durchwegs chaotischen Existenz liebend gerne hin.

Du bist ein Egoist, Daniel, murmelte er und ahmte dabei unwillkürlich den Tonfall seines Vaters nach, wenn er eben diesen Satz zu ihm sagte. Er fiel meist in Verbindung mit dem älteren Bruder, dem Heinz. Der hatte schon ein Moped, ein Mädchen und zwei Nylonhemden, als Daniel noch in den Kinderschuhen steckte. Mit einem, dem die Welt zu Füßen lag, brauchte ein Kind seine vom knappen Taschengeld erworbene Tafel Schokolade doch nicht zu teilen. Aber der Vater bestand darauf. „Neid und Habgier sind etwas für gewöhnliche Leute“, pflegte er zu sagen. „In unseren Kreisen geht man kultiviert miteinander um.“ Daniels Mutter begleitete pädagogisch wertvolle Sätze ihres Gatten stets mit einem mahnenden Blick und wiederholte die Worte dann etwas leiser.

Das triumphierende Grinsen, mit dem Heinz die Schokoladenhälfte von seinem kleinen Bruder entgegennahm, war zwar alles andere als kultiviert gewesen, doch darüber wurde vornehm hinweggesehen.

Als dann die Eltern starben, erst der Vater, bald auch die Mutter, und Daniel nicht mehr zum kultivierten Umgang mit seinem Bruder angehalten wurde, vertrugen sich die beiden merklich besser.

Als Rechtsanwalt hatte Heinz die Jahre hindurch seinen Bruder immer wieder davor bewahrt, leichtfertig den Tücken des Alltags zu erliegen. Als Gegenleistung ließ ihn Daniel dann und wann ein wenig von der Kunst kosten, das Leben zu genießen. Du bist ein Egoist, Daniel, wiederholte er, diesmal ohne väterliche Betonung, und schlief endlich ein.

2

„Darjeeling, second flush. Recht so?“

Daniel Käfer stand in der Küche seiner Münchner Wohnung und stellte zwei Teekannen bereit. Sabine Kremser musterte ihn stirnrunzelnd.

„Wie du meinst. Also ich nehm einfach irgendwelche Teabags.“

„Ja, du.“

Er wärmte die Kannen mit heißem Wasser, gab Teeblätter in eine der beiden und goss mit kochendem Wasser auf.

„Anregend oder beruhigend, Sabine?“

„Beruhigend.“

„Dann darf er also länger ziehen. Kandis?“

„Ja, meinetwegen.“ Sie schaute ihm ungeduldig zu, wie er bedächtig die Tassen vorbereitete.

„Also, wie geht das jetzt weiter mit dir, Daniel?“

„Ja, was soll ich sagen? Ich bin ein freier Mensch. So frei, wie ich als kleiner Bub war, der davon träumen durfte, Lokomotivführer, Feuerwehrmann oder gar Pilot zu werden.“

„Du bist nicht frei. Du bist arbeitslos. Und keiner von deinen Kinderträumen hat sich erfüllt.“

„Ja, so gesehen habe ich heute sogar mehr von meiner Freiheit, ohne väterliche Autorität. Doch immerhin hab ich Publizistik studieren können. Auch nicht übel.“

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