Verlag: Haymon Verlag Kategorie: Krimi Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2012

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E-Book-Beschreibung Spätlese - Alfred Komarek

Texte aus vier Jahrzehnten Alfred Komarek zeigen die vielfältigen Facetten seines Werks: von der Glosse voll sprühendem Wortwitz und den legendären "Melodie exklusiv"-Radiotexten bis hin zum Reisebericht, der die Atmosphäre eines Ortes sensibel einfängt. Lange bevor Alfred Komarek mit den Romanen rund um den Weinviertler Gendarmen Simon Polt und den Grazer Publizisten Daniel Käfer zum Bestsellerautor wurde, erwarb er sich mit seinen Radiosendungen, Glossen, Feuilletons, Essays und Reportagen für Zeitschriften eine treue Fangemeinde - vor allem seine Radiotexte für die Ö3-Sendung "Melodie exklusiv" sind bis heute legendär. Eine umfangreiche Auswahl aus diesen Texten, die seit den 1960er Jahren entstanden sind, liegt nun erstmals in diesem Alfred-Komarek-Lesebuch vor: Der Bogen dieser Spätlese reicht von Satiren, in denen Komarek allzu österreichische Verhältnisse voller Sprachwitz aufs Korn nimmt, und einem "Bestiarium" klassischer österreichischer Charaktere über Glossen bis hin zu pointierten Kurzgeschichten und sensiblen Reisereportagen, in denen sich Komarek als literarischer Wegbegleiter voll feinem Gespür für die eigene Atmosphäre von Lebensräumen erweist. Wie in einer literarischen Weinverkostung präsentiert diese Spätlese die verschiedenen Aromen, Farben und Facetten von Alfred Komareks Werk, von frischen, spritzigen Jungweinen bis hin zu eigenwilligen, intensiven Cuvées.

Meinungen über das E-Book Spätlese - Alfred Komarek

E-Book-Leseprobe Spätlese - Alfred Komarek

Alfred Komarek

Spätlese

Texte aus vier Jahrzehnten

Herausgegebenvon Michael Forcher

© 2007HAYMON verlagInnsbruck-Wienwww.haymonverlag.at

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-7099-7432-2

Umschlaggestaltung: Haymon Verlag/Stefan Rasberger unter Verwendung eines Bildes von www.photocase.comSatz: Haymon Verlag/Thomas AuerVignetten: Eva Kellner

Dieses Buch erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.haymonverlag.at.

Inhaltsverzeichnis

Verkostungsnotizen

Zusammenleben

Wie bitte?

Dienstschluss

Stadtchronik

Landleben

Wer borgt mir, bitte, ein Gewehr?

Hallo Nachtmahr!

Still-Leben

Bestiarium

Banale Dämonen – die Banausen

Akt-Zeichner – die Beamten

Ordnungs-Wüter – die Chaoten

Vogelfänger – die Verleger

Austriaca

Autoritär

Weichgespült

Ein Fest, ein wahres Fest

Eine Reise zum Wein

Himmelwärts

Käufliche Unschuld

Wien, zukünftig

Vereint

Fortbewegt

Autonom

Radlos

Das zwischenmenschliche Auto. Ein erotischer Versuch

Der Schalt-Griff

Rost

Trau keinem über 50

Lustreisen

My home is my Leuchtturm

Husumer Nachrichten

Raimundsruh

Isle of Man

Die Hirten im Eissalon

Kashmir

Chelsea Hotel

Culinarium

Esslust

Einfach Wein

Man muss sich nicht genieren

Melodie exklusiv. Sentimentale Beispiele

Zum Beispiel: Burgen

Zum Beispiel: Ufer

Zum Beispiel: Türme

Zum Beispiel: Mode

Zum Beispiel: Schiffe

Zum Beispiel: Städte

Zum Beispiel: Reisen

Zum Beispiel: Kinder

Zum Beispiel: Zeit

Zum Beispiel: Bettler

Zum Beispiel: Traurigkeit

Zum Beispiel: Räuber

Geschichten vom Alfred

Punktum

Der Mohnfeldhase

Das letzte Gelächter des Harlekins

Gespräche mit einem dunklen Freund

Alltäglichkeiten

Nero, der Rummelplatzhund

Es war einmal …

Letzte Dinge

Neues vom Nussbaum

Auf Komareks Spuren von Michael Forcher

Quellenverzeichnis

Verkostungsnotizen

Texte … viele Texte aus nahezu vier Jahrzehnten. Sie sind nach Inhalten zusammengefasst, damit es leichter ist, sich zurechtzufinden. Schlampereien und Flüchtigkeitsfehler habe ich ausgebessert, aber die Patina belassen. So kommt es, dass manches ein wenig von gestern ist. Nur ein paar Beispiele: In vielen unserer Postämter (sind sie überhaupt noch Ämter?) waltet längst nicht mehr distanzierte Autorität, sondern freundliche Dienstbereitschaft. Anrufbeantworter, frühere angsteinflößende Gegner technikunwilliger Telefonierer, sind stets schwätzwilligen Mailboxen gewichen. Prominente Namen von damals sind heute nur noch beiläufig bekannt, was die eine oder andere Anmerkung notwendig macht. Die Geschichten aus der „Autorevue“ haben ein wenig Rost angesetzt, aber das steht ihnen ganz gut. Die Reisegeschichten sind aus heutiger Sicht oft nicht ganz nachvollziehbar, Kashmir haben wir trotzdem aufgenommen, obwohl ich derzeit noch ärgeres Bauchweh hätte, als ich es damals ohnehin schon hatte. Andererseits staune ich darüber, wie aktuell die Texte im Wesentlichen geblieben sind.

Noch ein paar Worte zu den Quellen: Die Feuilletons des Kapitels „Austriaca“ und einige andere stammen aus dem schon lange vergriffenen Buch „Gott hab uns selig“, die Texte im Abschnitt „Bestiarium“ aus der Zeitschrift „Parnass“. Das „Diners Club Magazin“ war eine besonders ergiebige Fundstelle. Ja, und dann geht es um Texte fürs Radio – in Österreich und Deutschland. Natürlich gibt es im Kapitel „Melodie exklusiv – Sentimentale Beispiele“ einige Kostproben der gleichnamigen Sendung aus den Siebzigerjahren, aber auch vieles andere.

Leserinnen und Leser sind eingeladen, sich nach Lust, Laune und Interesse zu bedienen, zu naschen, da und dort, oder auch einmal dem Leserhunger in schöner Hemmungslosigkeit nachzugeben.

Viel Freude wünsche ich!

Wien, im November 2006                                  Alfred Komarek

Ein Gedicht, ein Gedicht, ein Gedicht!

Wie sag ich’s in zwei Zeilen?Da muss ich mich beeilen!Zu spät. Es ist die dritte.Entschuldigen Sie bitte.

ZUSAMMENLEBEN

Wie bitte?

Man ist angepasst heutzutage, es bleibt einem ja kaum etwas anderes übrig, es sei denn, man ist asozial oder ein pragmatisiertes Genie. Sogar im lieben Schnitzelland denken immer mehr Leute bei Chips nicht nur an Erdäpfel, und es ist gut möglich, dass die nächste Generation der Omis den Lieblingsenkelinnen Disketten vererben wird, mit den guten alten Omi-Kochrezepten drauf. Umso weniger verständlich ist die konsequente Abneigung, der geradezu biblische Hass, der von vielen Menschen dem vergleichsweise harmlosen Anrufbeantworter entgegengebracht wird. Es muss sich um eine irrationale Abneigung handeln, denn das einzige Argument, „Ich spreche nicht mit einem Tonband“, klingt seltsam aus dem Munde jener, die schon vor Jahrzehnten bebend vor Begeisterung ihre wohltönenden Organe dem ersten Stuzzi (österreichisches Tonbandgerät der Sechzigerjahre, Anm. d. Hrsg.) anvertrauten. Aber auch die Scheu vor der kalten Technik wird wohl kaum eine Rolle spielen, beobachtet man, mit welch beredtem Finger die Anrufbeantworterhasser mit der Tastatur eines Bankomaten parlieren. Auch scheint es unwahrscheinlich, dass ihnen der Grimm über den nicht persönlich erreichbaren potenziellen Gesprächspartner die Rede verschlägt: Gäbe es das Maschinchen nicht, wäre nicht einmal diese reduzierte Form der Kommunikation möglich. Heutzutage ist auch die Sprechzeit so gut wie unbegrenzt, die panische Angst, sich in 45 Sekunden nicht in der gewünschten Ausführlichkeit äußern zu können, fällt weg. Bleibt die Angst davor, sich festzulegen, nichts mehr zurücknehmen zu können: Als ob je einer, mit der Tonbandkassette in der Hand, vor Gericht Klage erhoben hätte, weil einer so unverschämt war, um einen Rückruf zu bitten.

Dabei ist alles so einfach: Da hat zum Beispiel eine ältere Dame dem Gerät mit nobler Geste Persönlichkeit verliehen, und tönt die Tonbandstimme an ihr Ohr, grüßt sie höflich und sagt: Ach bitte, könnten Sie meinem Sohn ausrichten … Oder, wie aus dem Dorfe berichtet wird, da nehmen die schwieligen Kunden des dortigen Kohlenhändlers das Band ganz locker. Grüaß di. Sagen sie. Woaßt eh, wer i bin. Bringst mir, was d’ mir halt immer bringst.

Aber die Komplizierten machen sich’s kompliziert. Die einen legen auf und rufen dann doch ein paarmal an, um die Maschine durch abermaliges Auflegen zu demütigen, ein höchst kindisches Unterfangen, die anderen bekommen jenen Tonfall, in dem sie mit Kleinkindern und Gastarbeitern reden: Bitte – Rückruf – wieder zuhause – fünf. Danke. Andere wieder werden originell, pfeifen, singen, röcheln, spielen auch Musik aufs Band, und endlich gibt es die Gruppe der wirkungsvoll Leidenden, die, ohne sich zu äußern, erst nach einem Seufzer auflegen, der ohne Übertreibung als akustisches Spiegelbild eines sterbenden Schwans gelten kann. Seltsam, sogar Anrufer, die sich ganz normal äußern, sind hinterher stolz darauf, dass sie es geschafft haben, so zu sein wie immer.

Ein derartiges Publikum kann in der Heimat eines Moissi und eines Brandauer nicht ohne Auswirkungen auf die Betreiber von Anrufbeantwortern bleiben. Kaum einer sagt im Meldetext einfach, was es zu sagen gibt. Schon der Tonfall ist seltsam gestelzt; besonders beliebt ist die Mischung aus Pfarrer, Kreditverleiher und Winkelpsychiater. Meist zum Scheitern verurteilt sind die Versuche, witzig zu sein. Österreichs Jazzlegende Fatty George, Gott hab ihn selig, hat das allerdings ganz gut geschafft: „Hier spricht die Wohnung vom Fatty George. Das Gfrast ist natürlich wieder nicht zuhause. Aber ich kann ihm was ausrichten.“

Es gibt auch herzergreifende Meldetexte, Zeugen des Daseinskampfes, wie zum Beispiel der eines sehr begehrten Graphikers, der, statt sich zu melden, nur noch Grundsätzliches verlauten ließ: „Bitte! Ich tue, was ich kann! Wer mehr von mir verlangt, ist selbst schuld.“

Das Gespräch auf Umwegen ist in jedem Fall konfliktbeladen. Eine Entspannung ist erst denkbar, wenn der Dialog lautet: Hier spricht der Anrufbeantworter – hier auch. Kommunikation ist eben erst dann befriedigend automatisiert, wenn zwei Anrufbeantworter einander Witze erzählen können. Dieser Weg in die Zukunft wäre aber kein österreichischer Weg, was immer man unter einem solchen verstehen mag. Es ist eigentlich nicht einzusehen, warum die plaudersamen Tonbänder nicht einfach als weitere, gar nicht so reizlose Spielart der sprachlichen Verständigung zwischen Menschen genommen werden können, nicht sehr wichtig, aber oft nützlich und manchmal sogar vergnüglich. Immerhin hat es ja auch viel mit Technik zu tun, miteinander ohne Tonband zu telefonieren, und die Kunst, aus solchen Gesprächen diplomatische Meisterwerke zu formen, leitet sich direkt von der hochstehenden Kommunikationskultur altösterreichischer Hofräte her, von denen man fälschlich behauptet, sie hätte hauptsächlich der Beschwichtigung gedient. Der klassische Aufbau eines hofrätlichen Telefongespräches beginnt mit einer Platzierung der Kontrahenten, ähnlich wie bei einem Duell: Man geht auf Distanz und interessiert sich scheinbar für die schöne Umgebung. Der klare Unterschied zum Duell tritt schon Augenblicke später deutlich hervor: Kaum haben die Partner einander wahrgenommen, verschwenden sie keinen Gedanken daran, das Weiße im Auge des anderen zu erkennen, sondern schenken einander in überströmender Herzlichkeit je ein Ohr. Ein nicht enden wollendes Interesse an den gegenseitigen Lebensumständen webt ein sanftes, wärmendes Gespinst um die beiden, aus der unausgesprochenen, ursprünglich argwöhnischen Frage nach dem eigentlichen Anlass des Gespräches wird eine heiter gelassene Frage, natürlich noch immer nicht der Rede wert. Überstrahlt von der Sonne der Sympathie umtänzeln einander Rede und Gegenrede, nach einer köstlich ungemessenen Spanne Zeit wendet man sich leichthin, doch mit aller gebotenen Ausführlichkeit dem Abschied zu. Halb im Gehen zieht dann einer doch das Florett, gedankenschnell folgt die Parade, schon ist alles vorbei; man trägt einander nichts nach, im Gegenteil: Man hat es nobel ausgetragen und weiß, was man voneinander wollte, nun auch zu würdigen.

Ob bei einem derartigen Gespräch ein paar diensteifrige Elektronen eine Rolle spielen oder nicht, ist völlig gleichgültig. Schon eher lasse ich mir gewisse Wesensunterschiede zwischen handgeschriebenen und getippten Briefen einreden; immerhin, sagt man wohl zu Recht, spiegelt die Schrift die Persönlichkeit eines Menschen. Ich habe demnach eine unleserliche Persönlichkeit und bezweifle irgendwie, ob es, furchtlose Graphologen ausgenommen, viele Menschen gibt, die in ihr lesen wollen. Der wahre Wert von Briefen rührt ja doch vom Inhalt und seiner Sprache her. Mein Lieblingsbrief, wuchtig, zärtlich und von beeindruckender formaler Strenge, kommt vom Lande: „S. g. Herr Göd. Wir haben geschlachtet. Sie können sich das Fleisch abholen. Gruß Familie Haupt.“

Eine Steigerung ist nicht möglich, das Thema Brief somit erschöpft. Aber wir reden ja auch miteinander, sogar, wenn wir einander nichts zu sagen haben. Freudig bemüht, jede importierte Blödheit zu unserer eigenen zu machen, üben wir uns darin, beredtes Schweigen mit nichtssagendem Small Talk zuzudecken. Das trägt man heute so in Yuppie-Kreisen und es passt auch irgendwie ganz gut zur modischen Unverbindlichkeit von Beziehungen. Die Erkenntnis, dass es besser wäre, nichts zu machen statt Lärm, hat in einer vordergründigen Verblendungsstrategie keinen Platz. Aber das legt sich wieder. Auch werden sich jene Gespräche irgendwann gegenseitig ad absurdum führen, wie sie in Managementseminaren gelehrt werden. Ist die Technik einmal auf beiden Seiten ausgefeilt, entscheidet erst recht wieder die Substanz.

Bleibt also das sozusagen naturbelassene Gespräch, wertvoll in jeder Gestalt. Wenn zwei beiläufig Bekannte einander über die Biergläser hinweg erzählen, was sie loswerden wollen, und jeder als Gegenleistung zuhört, wenn auch ohne besonderes Interesse, kommt die therapeutische Wirkung der einer Psychiatercouch schon recht nahe. Statt in den Chor jener einzustimmen, die da würdig orgeln, man dürfe es nicht verlernen miteinander zu reden, möchte ich den hemmungslosen Genuss am Gespräch propagieren, das uferlose Spiel mit unbegrenzten Möglichkeiten. Schön miteinander schweigen ist übrigens auch ein Gespräch.

Dienstschluss

Leistung ist ein passendes Leitmotiv für Galeerensträflinge. Daran hat sich heutzutage wenig geändert, im Gegenteil, wir rudern uns nicht nur die Hände wund, auch die Köpfe und die Seelen. Alles wird zur Leistung, wieder einmal sprechen Wörter Bände. Eines davon ist „Freizeitbewältigung“. Wer den Problemkreis Freizeit meistert, indem er seinen Body stylt und seinen Geist relaxt, damit er fit ist für den Job, ersetzt das tiefe Mysterium der Muße durch Leistung. Ein anderes seltsames Wort ist „Motivation“.

Weil es für die meisten Leistungen, die einem abverlangt werden oder die man glaubt, erbringen zu müssen, kein persönliches, unmittelbares und glaubwürdiges Motiv gibt, wird ein synthetischer Anreiz nachgeliefert. Hier Leistung, dort Zuwendung, natürlich auch wieder in Form von Leistung: Verschaffst du mir Gewinne, bekommst du eine Belohnung – das Prinzip von Zuckerbrot und Peitsche hat durch differenziertere und subtilere Anwendung eher an Schärfe zugenommen. Leistung allenthalben, Anstrengung, weil da ohne Anstrengung nichts wäre, keine erfüllte Zeit, keine sinnvolle Arbeit. Nicht einmal auf vielzitierte Feinde der Leistung ist Verlass. Das Finanzamt zum Beispiel sorgt mit teuflischer Akribie dafür, dass wir immer noch mehr leisten müssen, um uns die Leistung überhaupt leisten zu können.

Natürlich könnte man Leistung verweigern, das tun auch manche, aber gut erzogen, wie wir sind, macht uns ein asoziales Dasein ja doch nicht die rechte Freude. Nett vom Club of Rome, dass er an die Grenzen des Wachstums denkt, aber unser Götze vom Dienst ist noch immer die Steigerungsrate. Irgendwann, steht zu befürchten, wird auch hierzulande die Einordnung in allgemein gültige Leistungskategorien vollständig vollzogen sein, werden erst in den Unternehmen die letzten windstillen Ecken verschwinden, dann in den Ämtern. Es werden sich auch noch objektive Maßstäbe für kreative und künstlerische Leistung finden, vielleicht schafft man sogar ein Refugium für Verrückte, Querdenker und Träumer, wenn es gelingt, ihr krauses Schaffenspotenzial auf Umwegen ja doch der allgemeinen Leistungssteigerung zuzuführen. Ist dann alles perfekt, kippt das System womöglich um, und eine veränderte Gesellschaft bekommt ein neues Prinzip vorgesetzt, nicht weniger künstlich, nicht weniger gewalttätig als das vorhergegangene.

Man könnte dem kalten Leistungsprinzip vielleicht mit einer sehr individuellen Definition der eigenen Leistung beikommen, mit einer persönlichen Ordnung der Werte.

Sucht man deutliche Beispiele für eine solche Einstellung zum Berufsleben, darf man sich nicht vor Extremen fürchten, erst recht nicht vor Sonderlingen aller Art. In Zeiten der Nivellierung werden die Narren zu Propheten. Da wäre zum Beispiel jener Herr, der schon sehr früh anfing, querzudenken und querzuleben, und der heute, weit über achtzig, erst richtig loslegt. Erst studierte er Medizin, legte ein paar Prüfungen mit Auszeichnung ab, irgendwann wurde ihm das langweilig und er wandte sich der Physik zu, die ihn schon immer fasziniert hatte. Noch mehr faszinierte ihn allerdings seine zukünftige Frau, er brach das Studium ab, heiratete, ein Kind kam zur Welt. Nach dem Krieg zog es ihn wieder an die Universität, er studierte Philosophie, brach das Studium ab, weil die Familie Geld brauchte, und fing mit fünfzig noch einmal an zu studieren. Hatte es früher an Zeit und Geld für den Doktortitel gemangelt, fehlte es nun an Verbindlichkeit. Er fühlte sich einfach zu erwachsen dazu, alles zu glauben, was die Professoren lehren. Seine Laufbahn in etablierten Berufen beendete er ruhmlos als Fremdenführer. Seitdem lebt er bescheiden, doch ohne zu darben, als Privatgelehrter, beschäftigt sich mit rationaler Physik, mit Wärme und Einsteins Relativitätstheorie, mit Letzterer, um sie zu widerlegen. Er gibt eine wissenschaftliche Zeitschrift heraus, setzt und druckt sie eigenhändig, führt eine gute Ehe, und wenn ihm seine Gedanken Zeit lassen, sitzt er im verwilderten Garten seines Hauses und schaut der Natur beim Wachsen zu. Freizeitbewältigung? Motivation? Da lacht er schon sehr darüber.

Oder nehmen wir Herrn Leopold, den ungeschlachten Kerl, und seine zarte Liebe zur Oper. Um dem Objekt seiner Zuneigung näher sein zu können, wurde er Hausmeister in einem Opernhaus. Fragte man ihn nach einer Leistung, auf die er besonders stolz sei, er würde vom großen Sänger C. erzählen, dessen Freundschaft er doch wahrhaftig erringen konnte und mit dem er eines späten Abends im Wirtshause im Duett gesungen hat.

Oder ich denke an einen mehrfach preisgekrönten Dichter, Lyriker und Spezialisten für unverkäufliche Werke, der als Hotelportier – nicht sehr – tätig ist. So hat er sein Auskommen, hat Ruhe zum Schreiben und kommt auch im Sitzen unter die Leute, ein Umstand, der seinem statischen Genie in geradezu idealer Weise entspricht. Oder mir fällt jene Dame ein, die als Alternative zu akademischer Arbeitslosigkeit den Doktorhut absetzte und eine Tischlerlehre anfing, weil sie Holz mag und weil es ihr Spaß macht, etwas zu bauen.

Diese munteren Beispiele beruflichen Wildwuchses werden jene wenig trösten, die schon froh sein müssen, irgendeine Arbeit tun zu dürfen, denen Leistungsdruck und Angst die Phantasie abschnüren und die Träume totschlagen. Zwar sind ihre Vorgesetzten keine Sklaventreiber, sondern selbst Getriebene, und wenn sie Schicksal spielen und das diskret mit „unpopulären Maßnahmen“ umschreiben, tun sie das ja auch nur, weil sie Sachzwängen zu gehorchen haben. Eine klare Sache, aber nicht sehr sympathisch.

Von Lebensfreude ist da und dort noch die Rede, speziell wenn sie als Verkaufsargument dienstbar ist. Berufslebensfreude ist offenbar keine Größe, die zu kalkulieren sich lohnt.

Aber es gibt ja schon wieder einen neuen Trend. Was früher grüne Sonderlinge predigten, singen heute Industrie und Werbung wohltönend im Chor: Ab sofort lebe und leiste man „bewusst“. Was war eigentlich vorher? Bewusstlos? Wie auch immer, jetzt wird alles besser. Die Galeerensträflinge tragen keine Fesseln mehr und der Antreiber legt die Peitsche beiseite, weil er jetzt ein Animateur ist. Ab sofort wird bewusst gerudert. Wir wüssten halt auch noch gern, wohin.

Stadtchronik

Wer meint, das wahre Leben ginge an unseren Kleinstädten vorbei, ist bisher offensichtlich am wahren Leben vorbeigegangen. Die kleine Stadt genügt sich einfach selbst. Das war nicht immer so. Doch mit den Jahren ist aus trotzigem Sich-Fügen weises Sich-Bescheiden gewachsen. Die kleine Stadt schaut nicht mehr neidvoll nach der großen, gar nicht weit entfernt, sie lebt behaglich in den Tag hinein, nicht sehr bedeutend, nicht sehr reich und nicht sehr laut. Ein durchaus bemerkenswertes Leben, wie etwa der Redakteur des Lokalblattes Woche für Woche mit einer geballten Fülle von Neuigkeiten beweist, auch wenn diese nie sehr überraschend kommen. Tiefe Beachtung verdient vor allem der Leitartikel, erfüllt von mürber Weisheit und wundersamer Weitsicht. Es macht sich immer gut, zuerst, wenn auch nur beiläufig, die Weltlage zu streifen. Dabei genügt es ja darauf hinzuweisen, dass die Armut nach wie vor ihr hohlwangiges Antlitz dem satten Reichtum zeigt. Dem Bürger der kleinen Stadt tut das nicht weh, er existiert irgendwo dazwischen. Dann spannt der Redakteur einen wahrlich kühn zu nennenden Bogen zu den Geschicken der Stadt: Auch hier, merkt er an, stehe nicht immer alles zum Besten, auch hierzulande seien Probleme zu meistern. Und weil es sich um einen Leitartikel handelt, der kleinliche Details großzügig negieren darf, nimmt der Autor die Gelegenheit wahr, auf die bescheidene, doch wahrlich nicht geringe Bedeutung seiner wöchentlich spaltenfüllenden Tätigkeit hinzuweisen, die er doch schließlich ganz konkret solchen Problemen widmet. So gegen Schluss sei dann noch ein persönliches Wort angefügt: Auch er, der Journalist, stehe nicht jenseits von Streit und Hader, auch er blicke zuweilen schaudernd in die Abgründe der eigenen Seele, auch wenn letztlich das Gute im Lichte der Erkenntnis zu siegen pflege.

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