Die Wahrheit über Ann - Julia Deck - E-Book + Hörbuch

Die Wahrheit über Ann Hörbuch

Julia Deck

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Beschreibung

In den 1950er-Jahren wird die junge Ann in einer englischen Arbeiterfamilie groß, doch die Liebe zur Literatur ermöglicht ihr den sozialen Aufstieg und führt sie schließlich nach Paris. Die Literatur wird auch die verbindende Sprache zwischen Ann und ihrer Tochter Julia, die keine gemeinsame Muttersprache miteinander teilen. Julias Leben gerät unvermittelt ins Wanken, als sie Ann nach einem Schlaganfall findet. Für Mutter und Tochter beginnt ein langer Weg durch das Labyrinth der Pflegeeinrichtungen, gleichzeitig geht Julia den blinden Flecken in der Erzählung der eigenen Familiengeschichte nach und kommt einem lang gehüteten Geheimnis ihrer Mutter auf die Spur. Klar, lakonisch und liebevoll zugleich zeichnet Julia Deck das Bild einer Frau, die nach Selbstbestimmung strebt und erzählt einfühlsam von der so komplexen wie absoluten Liebe zwischen Mutter und Tochter.

Ausgezeichnet mit dem Prix Médicis 2024

»Julia Deck ist eine unglaubliche Schriftstellerin. Von einer unwahrscheinlichen Intelligenz, Wut und Liebe.« France Inter

»Eine Erzählung, die durch ihre Raffinesse und Brillanz besticht.« Le Nouvel Obs

»Ein sehr schöner Text voller Liebe, in dem der englische Humor nie weit weg ist, getragen von einem wunderschönen Schreibstil und zwei liebenswerten Heldinnen.« Le Parisien

»Ein Roman, der sich in eine Untersuchung verwandelt, in der sich die ganze literarische Meisterschaft von Julia Deck offenbart.« Les Inrockuptibles

»Julia Deck schafft mit diesem kühn konstruierten Roman eine bewegende Hommage an ihre Mutter.« Page des libraires

»Mit Eleganz, Witz und klarsichtigem Blick teilt Julia Deck mit uns eine existentielle Reise. Ein echter Erfolg!« Lire Magazine



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Zeit:6 Std. 57 min

Veröffentlichungsjahr: 2026

Sprecher:Claudia Michelsen

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Zum Buch

Im April 2022 erleidet Julia Decks Mutter Ann einen Schlaganfall. Den Ärzten zufolge sind ihre Überlebenschancen verschwindend gering. Doch die Patientin trotzt der Diagnose. Für Mutter und Tochter beginnt ein langer Weg durch das Labyrinth der Pflegeeinrichtungen, der sie mit einem System konfrontiert, das nicht mehr funktioniert. Gleichzeitig geht Julia Deck den blinden Flecken in der Erzählung der eigenen Familiengeschichte nach und begibt sich auf eine Spurensuche. Ihre Mutter wird in einer Arbeiterfamilie groß, in der Bücher keinen Platz haben, doch gerade die Begeisterung für Literatur und ihre Wissbegierde bieten der jungen Ann die Möglichkeit zum sozialen Aufstieg. Klar, lakonisch und liebevoll zugleich zeichnet Julia Deck das Bild einer Frau, die nach Selbstbestimmung strebt und erzählt einfühlsam von der so komplexen wie absoluten Liebe zwischen Mutter und Tochter.

Zur Autorin

Julia Deck wurde 1974 als Tochter eines französischen Vaters und einer britischen Mutter in Paris geboren. Sie studierte Literatur an der Sorbonne und arbeitete für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften. Sie hat bisher sechs Romane veröffentlicht, darunter »Viviane Élisabeth Fauville« (2012), »Privateigentum« (2019) und »Nationaldenkmal« (2022), die in mehrere Sprachen übersetzt wurden. »Die Wahrheit über Ann« wurde mit dem Prix Médicis 2024 ausgezeichnet.

Julia Deck

Die Wahrheit über Ann

Roman

Aus dem Französischen von Sina de Malafosse

NAGEL UND KIMCHE

Die Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel

Ann d’Angleterre bei Éditions du Seuil.

Dieses Buch erscheint im Rahmen des Förderprogramms des französischen Außenministeriums, vertreten durch die Kulturabteilung der Französischen Botschaft in Berlin.

© Julia Deck, 2024

Published by arrangement with Agence littéraire Astier-Pécher

Deutsche Erstausgabe

© 2026 für die deutschsprachige Ausgabe

NAGEL UND KIMCHE

in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH

Valentinskamp 24 · 20354 Hamburg

[email protected]

Covergestaltung von wilhelm typo grafisch

Coverabbildung von © William Ireland. All rights reserved 2025 / Bridgeman Images

E-Book-Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783312014552

www.nagel-kimche.ch

Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte der Urheberinnen und des Verlags bleiben davon unberührt.

My life has been spent in pursuit. So has everyone’s, of course. I chase love and fame all the time. I have chased, off and on, and with much greater deviousness of approach, the working class and the English.

Ich habe mein Leben lang etwas verfolgt. Das gilt natürlich für jeden. Ständig jage ich der Liebe und dem Ruhm hinterher. Immer mal wieder habe ich, mit viel hinterhältigeren Methoden, die Arbeiterklasse und die Engländer gejagt.

Doris Lessing, In Pursuit of the English

1

Man denkt daran oder man denkt nicht daran. Ich denke seit dreißig Jahren daran. Ich versuche, mich zu wappnen. Versuche, es mir vorzustellen, mir die Umstände auszumalen, unter denen das Unvermeidliche eintreten wird, als ob man das Schlimmste besser machen oder es auch nur überleben könnte, indem man es von allen Seiten betrachtet. Dreißig Jahre Angst, gewürzt mit einer vagen Hoffnung, denn selbst der Sorge ist man irgendwann überdrüssig. Man möchte die Kugel aufs Roulette werfen, um zu sehen, auf welches Feld sie fällt, bei welcher Zahl sie liegen bleibt, wie es endet. Soll es doch endlich so weit sein, denkt man, soll es hier und jetzt endlich so weit sein, denn ich will wissen, was dann geschieht, ob ich wie erwartet zusammenbreche oder es halbwegs überstehe, in leichter Schieflage oder im Gegenteil durch das Erlittene sogar befriedet, nachdem das Leben zuvor ein Selbstläufer war, eine Selbstverständlichkeit für einen selbst und seinen Kreis von Lebenden.

Es geschieht hier, es geschieht jetzt. Es ist April. Ein Sonntag. Der Abend der Vorrunde der Präsidentschaftswahlen. Ich steige aus dem 64er-Bus Richtung Denfert-Rochereau. Ich habe einen festen Plan für den Abend. Etwas Gutes essen. Mir die Wahlergebnisse anhören. Mich mit Edith Wharton ins Bett legen. Die Romanautorin untersucht das Milieu, aus dem sie stammt – die New Yorker High Society um die Jahrhundertwende –, wie einen anthropologischen Gegenstand. Sie beleuchtet ihre Riten, ihre Glaubenssätze, ihre Denkstrukturen. Ich hatte kurz zuvor The Custom of the Country zu lesen begonnen, Die Landessitte. Edith Wharton stellt darin eine sich im Abstieg befindende Gesellschaftsschicht, den Industrieadel der Neuen Welt, einer anderen, aufsteigenden gegenüber, dem Geschäftsbürgertum, das in wenigen Jahren die alte Macht und ihre althergebrachten Sitten beiseitefegt. Es ist sieben Uhr abends. Alle wissen bereits, dass Emmanuel Macron den ersten Wahldurchgang gewonnen hat und dass er in zwei Wochen den zweiten gewinnen wird. Alle wissen, dass sein Sieg den Triumph der Unternehmen über die alte Politikwelt darstellt, einer Zukunftsvision, die auf Berechnungen und Zahlen beruht.

Ich hoffe, dass das Abendessen bald fertig ist. Ich habe ein schlechtes Wochenende hinter mir. Am Samstag war ich bei einer Begegnung mit abwesenden Lesern in einer Bibliothek, in der es zu heiß war. Dann fuhr ich zu Michaël. Wir aßen mit seinen Kindern und verstrickten uns in einen Streit darüber, wann wir am Sonntag aufstehen würden, zwischen dem legitimen Anspruch auf Ausschlafen, dem Sportturnier und dem Wahllokal für diejenigen, die dorthin wollten. Infolgedessen schlief ich schlecht und wachte noch schlechter gelaunt auf. Ich streifte mit meinem Kaffee durch die Wohnung, rührte halbherzig in Töpfen. Nach dem Mittagessen spielten wir Quartett. Ich gewann fast alle Partien, und meine Laune besserte sich ein wenig. Michaël begleitete mich zur Busstation. Wir verabschiedeten uns, bis in ein paar Tagen.

Heute Abend würde ich nichts anderes tun, als mich bedienen lassen und mich beklagen. Meine Mutter hätte gern, dass wir das Essen gemeinsam zubereiten. Doch da halte ich mich strikt raus. Meiner Ansicht nach müssen unsere Rollen konventionell verteilt bleiben. Meine besteht darin, den Tisch zu decken, den Abwasch zu machen, Staub zu saugen, aufzuräumen, während ich die Organisation der Wohnung beanstande, die maßlose Zahl von Nippes auf dem Bücherregal, den bedenklichen Platz des Toasters, den Haken für die Geschirrhandtücher. Ohne meine regelmäßigen Besuche dort wäre das Leben glatter und farbloser. Und wenn ich nichts finde, worin ich widersprechen kann, tue ich es trotzdem, denn in letzter Zeit lässt sie sich ein wenig gehen. Meine Mutter hat seit dem Lockdown nicht alle ihre Aktivitäten wieder aufgenommen. Ihr Literaturkurs ist eine Onlinevorlesung geworden. Das Schwimmbad ist geschlossen, sie geht seltener in Ausstellungen, meidet die Metro. Ich verdächtige sie, die Treppen zu fürchten, nicht mehr so gut zu sehen, wie sie behauptet. Das bereitet mir Sorge und ist ein Grund mehr, mit ihr zu schimpfen. Sicher nicht die beste Methode.

Aus dem 64er heraus betrachte ich den klaren Tag, das sprießende Grün. Eine Blätterkuppel verdeckt den Himmel, als der Bus durch den Parc de Bercy fährt. Über der Seine zerfasern helle Wolken. Es geht bergauf, denke ich, während ich hinunter zur Pont de Tolbiac gehe, am Quai entlang, den Badge an der ersten, der zweiten und der dritten Tür des Wohnkomplexes ansetze. Eine völlig übertriebene Anzahl von Türen, aber der Eigentümerverband ist zufrieden. Wenn bei einer der Mechanismus defekt ist, überschütten die Bewohner die Verwaltung mit Nachrichten, kleben Wutbotschaften in den Aufzug. Während ich den Badge betätige, erschauere ich insgeheim. An den Türen komme ich mir mächtig vor. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass meine Mutter einmal in einem Gebäude mit einem solchen Standing wohnen würde. Im Neunten benutze ich den Schlüssel. Ich schnuppere. Nicht ein Hauch von Essensgeruch. Aus dem Radio tönt nicht France Culture wie um diese Tageszeit üblich. In der Wohnung ist es vollkommen still. Ich rufe, niemand antwortet. Etwas in mir verschanzt sich, mein Herz legt einen Panzer an, der ihm erlaubt zu schlagen und mir zu handeln. Ich schaue zur Küche, in den Flur, der zu den Schlafzimmern führt. Im Bad brennt Licht. Meine Mutter liegt auf den Fliesen. Ich kann nur ihre Beine sehen. Der Rest ihres Körpers wird von der Einbuchtung der Wand verdeckt.

Heute ist es so weit, hier und jetzt. Es ist eingetreten, was ich aus lauter Angst auf perverse Weise herbeigewünscht habe, um zu wissen, ob es eines Tages, am Ende, dazu kommen würde und wann und wie und was daraufhin aus mir werden würde, ob ich vom Entsetzen übermannt vom Balkon der neunten Etage springen oder im Gegenteil in der Wohnung Quartier beziehen würde, um die Hülle meiner Mutter nie mehr zu verlassen.

Ihre Gliedmaßen sind schrecklich verdreht. Diese Stellung quetscht ihren Hals und ihr Gesicht. Sie bewegt den Kopf, brabbelt etwas Unverständliches. Ihre Lippen sind beschmiert, ihre Beine zucken. Blut am Badewannenrand, Blut an ihrer Hand. Ich berühre sie, rede mit ihr, stürze zu meinem Telefon. Der Rettungsdienst wird gleich da sein. Bis dahin taste ich ihren ganzen Körper ab, ohne sie zu bewegen. Ich rede beruhigend auf sie ein, versuche zu verstehen, was sie sagt. Dann bemerke ich die sauberen Kleidungsstücke, die verstreut um sie herum liegen. Als ich gestern aufbrach, war sie dabei, die Wäsche aufzuhängen.

Die Sanitäter treffen nach fünf oder zehn Minuten ein. Zwei von ihnen legen sie auf eine Trage, während der dritte mich befragt. Er fragt mich, wann dies passiert sei. Ich weiß es nicht, lautet meine Antwort. Er fragt, ob sie das Gleiche trage wie am Vortag. Ich weiß es nicht, antworte ich. Er bittet mich, in die Küche zu schauen. Bevor ich gestern ging, habe ich das Geschirr von unserem Mittagessen abgewaschen, aber nicht das von unserem Tee, den wir anschließend getrunken haben. Die Tassen stehen noch immer in der Spüle. Meine Mutter ist nicht in die Küche zurückgekehrt, seit ich am Tag zuvor um fünfzehn Uhr gegangen bin. Sie hat fast achtundzwanzig Stunden auf dem Kachelboden des Badezimmers unter dem blendenden Deckenlicht gelegen. Die Sanitäter haben sie auf der Trage festgeschnallt. Seit ich sie gefunden habe, hat sie ein einziges verständliches Wort gesagt – library, Bibliothek.

2

Ein paar Tage zuvor war ich in Brüssel, um meinen fünften Roman Nationaldenkmal zu bewerben, der zu Beginn des Jahres erschienen ist. Es war eiskalt. Es hatte in der ersten Märzwoche zu schneien begonnen, obwohl der Winter bis dahin mild gewesen war. Ich hatte eine Verabredung mit zwei Akademikern in einer Taverne der Galeries Royales. Wir saßen auf den Moleskinbänken und hatten Frikadellen mit Senf und Kaffee mit Sahne bestellt. Ich führte ein herrliches Leben. Ich hatte meinen Traum erfüllt, den meiner Mutter, und ich war dabei, sie zu verraten.

Das Gespräch mit den Akademikern drehte sich um das Verhältnis zwischen Schreiben und Übersetzen. Sie befragten Schriftsteller, die andere Autoren übersetzen, um herauszufinden, wie diese beiden Tätigkeiten ineinandergreifen, sich gegenseitig fördern oder im Gegenteil behindern. Ich habe ein einziges Buch übersetzt, The Red Parts von der Amerikanerin Maggie Nelson. Ich mag diesen Text sehr, aber ich habe es gehasst, daran zu arbeiten – zu viel Quälerei, zu viele unlösbare Probleme. Ich hatte meine Gesprächspartner gewarnt, dass ich zu dem Thema nicht viel beizusteuern hätte, und die Unterhaltung driftete zum Inhalt der Erzählung ab, im Französischen Une partie rouge, in der die Autorin eine Art poetische Nachforschung über ihre eigene Familie betreibt, die vor ihrer Geburt Opfer eines schrecklichen Vorfalls geworden war. Wir sprachen über die Bezüge zwischen Roman und Autobiografie und über das Zwischengenre der Autofiktion, bei der der Autor anhand von fiktionalisierten Begebenheiten auf mehr oder wenige transparente Weise von sich selbst erzählt. Was mich betrifft, so habe ich meine Entscheidung vor langer Zeit getroffen: für den fiktionalen Roman mit Figuren und Handlung. Ich beharre steif und fest darauf und verkünde es lautstark, auch wenn ich nicht danach gefragt werde.

Aber, sage ich an die Akademiker gewandt.

Aber seit einiger Zeit spiele ich mit dem Gedanken an einen Text, in dem ich endlich DIE WAHRHEIT sagen könne. Als ob ich wüsste, was die Wahrheit ist. Als ob diese Wahrheit in den Romanen nicht zu finden wäre und die Autobiografie es erlaubte, sich ihr unmittelbar zu stellen anstatt über Umwege. Als ob ein Roman nur ein Artefakt wäre, das den Familienfrieden bewahrt. Mir ist außerdem schleierhaft, warum ich etwas, was ich noch nie jemandem erzählt hatte, Personen erzählte, die am Tag zuvor noch Unbekannte waren. Wir kamen vom Thema ab. Der Akademiker kämpfte mit seiner Ungeduld. Das müsse nicht sein, fegte er mit passender Geste beiseite – man müsse nicht sein ganzes Leben ausbreiten, anders von sich erzählen als in Romanen. Die Akademikerin wollte über Feminismus sprechen und sagte nichts dazu. Ich antwortete: Ja, aber ich habe eine gute Geschichte, und damit endete das Gespräch. Ich war drauf und dran, uns zu verraten, meine Mutter und mich – für eine gute Geschichte.

Dass die Sache klar ist. Ich glaube nicht an Eingebungen, an Visionen, an all diese billigen Schwindeleien, die dazu dienen, die Wirklichkeit mit wenig Aufwand zu erhöhen, wo doch nur die Sprache ihr Gestalt, Dichte, Richtung geben kann. Aber im Sommer 2019 habe ich etwas erlebt, was ich nicht anders einzuordnen vermag. Ich ging auf dem Sentier des Douaniers entlang der bretonischen Steilküste im Finistère spazieren. Beim Gehen wanderten auch meine Gedanken, hin- und hergetragen vom Wind. Es herrschte trübes Wetter, typisch für die nördliche Küste, wo die Gischt sich mit dem Nebel und dieser sich mit den Wolken vermischt. Das Grau des Wassers, das Grün der Landschaft färbten das Licht, lösten die zu scharfkantigen Konturen der Uferlinie auf. Es war ein bretonisches Gemälde, ein englisches Gemälde. Ich dachte an meine Familie. Jedes Jahr verbringe ich eine Woche bei meiner Cousine Kate, in einem Dorf voller alter Häuser mit Bow-Windows, üppigen Blumengärten und Seevögeln. Morgens mache ich lange Spaziergänge an dem mehrere Kilometer langen Strand am Fuße der Steilküste. Die Bilder aus England überlagerten sich mit der Landschaft vor meinen Augen. Ich dachte an all die Frauen, aus denen unser Klan hauptsächlich besteht, an Kate, die zweiundzwanzig Jahre älter ist als ich und eine Tochter in meinem Alter hat, an ihre Schwester Alice, die zwanzig Jahre älter ist als ich und ebenfalls eine Tochter in meinem Alter hat. Kates und Alices Mutter war die ältere Schwester meiner Mutter. Meine Tante Betty hat ihre Töchter jung, meine Mutter mich spät bekommen, was den Altersunterschied zwischen meinen Cousinen und mir erklärt. Betty ist vor langer Zeit gestorben. Sie war eine sehr schöne und sehr anstrengende Frau, deren Lebensende als Gipfel ihrer Neurose und zugegeben mit einer gewissen Erleichterung aufgenommen wurde. Ich habe meine Mutter oder meine Cousinen selten etwas Gutes über sie sagen gehört. Ich hingegen hege eine geheime Zuneigung zu meiner unmöglichen Tante, und das Gefühl, dass die Teile in unserem Familiengefüge schlecht zusammengesetzt sind.

Kate und Alice ähneln sich weder äußerlich noch in ihrem Wesen. Erstere ist rund und fröhlich, die Zweite zartgliedrig und zurückhaltend. Aber ihre Vornamen hängen immer aneinander, Kate-and-Alice, als ob sie ein und dieselbe Doppelkreatur formten. Kate-and-Alice wohnen in zwei nah beieinander liegenden Dörfern. Sie telefonieren jeden Tag miteinander. Nichts, was die eine betrifft, ist der anderen gleichgültig. Und doch zeigt meine Mutter unleugbar eine Vorliebe für Alice. Schon immer hat sie bei ihr die größten Stärken gesehen, während ich im Vergleich dazu nur schreckliche Schwächen habe, deren Subsumierung unweigerlich zu meinem Untergang führen würden. Wenn sie nach England reist, wohnt sie immer bei Alice, ich bei Kate. Wenn die Gleichgesinnten sich zusammentäten, gäbe es weniger Probleme und besser aufeinander abgestimmte Lebensgewohnheiten.

Auf dem bretonischen Wanderweg dachte ich an meine Familie, als mir eine Formulierung wieder einfiel, die ich oft verwendet hatte, um uns zu beschreiben. Und im selben Moment erhielten die Wörter, aus der sie bestand, eine ganz andere Bedeutung. Der neue Satz brach am Horizont hervor. Blitzartig setzte sich die Landschaft vor meinen Augen neu zusammen. Kaum anders als der alte, bedeutete er doch, dass wir unsere Leben auf einer Fiktion aufgebaut hatten. In ihm löste sich alles, was in unserem Leben ungeklärt geblieben war.

Ich fiel mehrere Tage lang in ein tiefes Loch. Es kam nicht infrage, mich den Freunden anzuvertrauen, mit denen ich im Urlaub war. Ich entzog mich unter irgendeinem Vorwand den Gemeinschaftsaktivitäten und beleuchtete weiter den Satz. Während die anderen wandern gingen, legte ich ihn unter die Lupe, wie ein wundersames und erschreckendes Objekt. Fasziniert folgte ich den Myriaden von Verzweigungen, die er in unsere Leben zog, untersuchte alles, was er in meiner Wahrnehmung seit meiner Kindheit umformte. Dann nahm ich den Zug zurück nach Paris und vergaß ihn. Ich habe ihn aus meinem Bewusstsein getilgt, mühelos, und monatelang nicht mehr daran gedacht.

Ein Jahr darauf kam mir der Satz wieder ins Gedächtnis. Ich arbeitete mit einer Theaterregisseurin in der Chartreuse de Villeneuve-lez-Avignon, einem Kulturzentrum, als meine Mutter mich anrief, um mir vom Tod eines engen Freundes zu berichten. Die Neuigkeit war ein Schock. Dieser Mann hatte mir als Ersatzvater gedient in der Zeit, als ich meinen echten Vater nicht sah. Ich bereitete mich vor, zur Beerdigung zu gehen, als der Satz über mich hereinstürzte. Und wieder fiel ich mehrere Tage in ein tiefes Loch. Aber dieses Mal vergaß ich ihn bei meiner Rückkehr nach Paris nicht. Ich sprach mit Michaël darüber, mit Freundinnen. Ich brachte ihn mit, damit sie mir den Kopf zurechtrückten. Ich wollte hören, ich sei wunderbar im Geschichtenerfinden, das gehöre ja in gewisser Weise zu meinen beruflichen Aufgaben, doch nun müsse ich wieder auf den Boden der Tatsachen zurückkehren. Alle drängten mich, meine Mutter zu befragen, und zwar bald. Sie war über achtzig und drauf und dran, alles mit ins Grab zu nehmen, vielleicht auf dem Sterbebett alles zu beichten, aber darauf konnte man sich nicht verlassen, und ich lief Gefahr, es niemals zu erfahren.

Normalerweise hatte ich keine Schwierigkeiten damit, meine Mutter auf Unangenehmes anzusprechen. Da sie damit glänzte, alles unter den Teppich zu kehren, war ich eine Meisterin im Großreinemachen. Dieses Mal stand ich innerlich vor einer Wand. Der Satz wollte nicht heraus. Er weigerte sich. Es gelang mir nur, ein bisschen zu sticheln, ein bisschen zu stochern, indem ich fadenscheinige Fragen stellte in der Hoffnung, eine Beichte oder im Gegenteil den Beweis zu erhalten, dass ich auf dem Holzweg war. Meine Mutter hatte mir viel aus ihrer Jugend erzählt. Aber mit einem Mal wich sie mir mit seltenem Geschick aus, gab mir keine Hinweise in die eine oder andere Richtung. Natürlich interpretierte ich ihre Ausflüchte als Geständnis. Sie brachten mich von der These zur Gewissheit und andersherum. Ich hatte mich also getäuscht. Ich deutete also ihre Reaktionen mit einem Confirmation-Bias, diesem Fehler im wissenschaftlichen Denken, einer kognitiven Verzerrung, die dazu führt, dass man nur Zeichen wahrnimmt, die die vorgefertigte Meinung bestätigen.

Ich weiß nicht, wie sehr sie diese Provokationen belasteten. Was meine Mutter in dieser Zeit offensichtlich bedrückte, waren die ständigen Probleme mit ihrer Internetbox, mit der Bank, mit Dokumenten. Das machte sie wahnsinnig. Aber am Ende schaffte sie es immer. Ich lehnte es ab, mich mit Dingen zu befassen, von denen ich nur zu gut wusste, dass ich sie eines Tages für sie würde erledigen müssen. Wenn ich in dieser Sache nachgäbe, würde sie sich bei allen Herausforderungen des Alltags auf mich verlassen, und ich hatte mir fest vorgenommen, dass sie ihre soliden intellektuellen Fähigkeiten so lange wie möglich behalten sollte, vorzugsweise bis zum Ende. So ist es nicht gekommen. Heute bleibe ich mit dem Satz allein zurück.

3

Meine Mutter wird ins Krankenhaus der Charité-Arbitraire gebracht, in den Raum für lebensbedrohliche Notfälle. Die Ergebnisse der Computertomografie liegen nach drei Stunden vor. Es stehe schlimm, sehr schlimm, sagt die junge Assistenzärztin, die ich zwischen dem Empfang und den Schiebetüren abfange. Ich frage, was das heiße, schlimm. Sie erklärt, dass der Sturz meiner Mutter auf das Entstehen eines Blutgerinnsels in der Arterie zurückzuführen sei, welche die linke Gehirnhälfte versorgt. Der Verschluss habe eine rechtsseitige Lähmung verursacht, der Schlaganfall habe dann zu einer Einblutung geführt. Das Hämatom sei »beeindruckend«. Es verdecke das nekrotische Gewebe, das in all den Stunden vom Sauerstoff abgeschnitten gewesen sei, aber der Schaden sei sicher beträchtlich. Die Blutung könne nicht unterbunden werden, sie sitze zu tief. Eine Operation, um den betroffenen Bereich zu revaskularisieren, sei unmöglich. Das Gehirn werde nach und nach einbluten, im Schädel anschwellen, bis der Tod eintrete. Es sei eine Sache von Stunden, höchstens ein paar Tagen. In diesem Stadium, das wisse jeder, sei es ohnehin besser, nicht durchzukommen.

Auch die junge Assistenzärztin möchte Antworten. Sie spricht von Blutverdünnern. Ob meine Mutter Blutverdünner genommen habe. Ob sie aufgehört habe, sie zu nehmen, wann und warum. Es sei ein erschwerender Faktor, wenn sie welche nähme. Es sei auch ein erschwerender Faktor, wenn sie keine nähme. Ich begreife nichts von ihrem Blutverdünnergerede und auch nicht, warum sie auf diesem Punkt so herumreitet, wo doch keine Hoffnung mehr besteht. Aber sie will unbedingt den Faden aufwickeln, die Kausalitätskette bilden. Ich beschreibe das geschwollene Gesicht, den Bluterguss an der Schläfe und ums Auge herum. Die Erinnerungen an die vergangenen Tage kehren allmählich zurück.

Als ich am Freitagabend zu ihr kam, trug meine Mutter eine dunkle Brille, wie es ihre Gewohnheit war, wenn es zu hell in der Wohnung war. Da mir nichts auffiel, nahm sie sie ab. Da mir immer noch nichts auffiel, hob sie ihren Pony an. Durch das Make-up sah ich die rötlich schwarzen Spuren, die Schwellung an der Stirn. Ein paar Tage zuvor war sie auf dem Steg über der Seine zwischen dem Parc de Bercy und der Bibliothek François-Mitterrand gestolpert und auf die Schläfe gefallen. Eine Passantin hatte darauf bestanden, den Rettungsdienst zu rufen. Sie hatte vehement abgelehnt und war einen halben Kilometer bis nach Hause gehumpelt. Am nächsten Morgen hatte sich ums Auge herum ein großes Hämatom gebildet. Sie war zu ihrem Arzt gegangen. Seit Kurzem verschrieb er ihr Herzmedikamente. Sie war wütend über diese Behandlung. Sie gehöre keinesfalls in die Gruppe der Herzkranken, achte sehr auf ihre Gesundheit und habe nichts mit diesem trägen Haufen von Charcuterie-Liebhabern zu tun. Der Arzt hatte sie untersucht. Er konnte nichts Ungewöhnliches an ihrem Herzrhythmus feststellen und hielt die Krise für überstanden. Ja, alles in Ordnung, Madame Deck, Sie können die Blutverdünner absetzen, sie sind der Grund, warum Sie diese böse Einblutung haben, und Sie haben nächste Woche ohnehin einen Nachsorgetermin beim Kardiologen. Als meine Mutter mir am Freitagabend von diesem Gespräch berichtete, jubelte sie. Sie hatte einen großen blauen Fleck an der Schläfe, aber sie war nicht mehr herzkrank, war wieder die, die sie seit bald fünfundachtzig Jahren war, körperlich und geistig wach und zehn Jahre jünger wirkend als sie eigentlich war.

Während ich der jungen Assistenzärztin davon berichte, schwant mir allmählich, dass der Hausarzt falsch geurteilt, um nicht zu sagen einen herben Fehler begangen hatte. Die Ärztin geht nicht auf die Diagnose des Allgemeinmediziners ein. Erste Lektion im Krankenhaus: Wenn ein Arzt einem Kollegen nicht sofort zustimmt, widerspricht er.

Und nun, nichts. Kein Sauerstoff, kein Wasser, keine Infusion. Meine Mutter ist an eine Maschine angeschlossen, die die Vitalfunktionen anzeigt – Puls, Sauerstoffgehalt im Blut, Körpertemperatur –, und das ist alles. Sie ist schließlich eingeschlafen, atmet schwer durch den Mund. Ich schaue zu, wie die Luft über ihre Lippen ein- und ausfließt. Ich kann den Blick nicht von ihr lösen. Bald besteht die Welt nur noch aus diesem atmenden Mund, aber für wie lange noch.

Michaël und meine Freundin Valeria haben mir angeboten, mich zu begleiten. Ich habe abgelehnt. Der Tod meiner Mutter betrifft nur meine Mutter und mich. Ich will nicht, dass man mir das Händchen hält. Ich will nicht, dass man mich ablenkt. Ich will diesen Weg allein mit ihr beschreiten. An seinem Ende bleibt nur eine übrig. Der Anblick des Mundes stößt sich an den Erinnerungen an den Tag zuvor. Als ich mich am Samstagnachmittag von ihr verabschiedete, war sie dabei, Wäsche aufzuhängen. Nachdem ich gegangen war, holte sie ihre Brille. Sie trug sie nicht, als ich ging, sie trug sie, als ich sie fand. Ich hatte kurz zuvor in wirschem Ton angemerkt, dass sie sie nicht oft genug aufsetze. Wir tranken gemeinsam einen Tee nach dem Essen, und sie hatte ihre Tasse fallen gelassen, als sie sie auf das Tablett stellen wollte. Ihre Ungeschicklichkeit fand ich immer schon entsetzlich. Sie sagte, es sei wegen ihrer schlechten Augen, sie habe Distanzen nie einschätzen können. Als die Wohnungstür ins Schloss gefallen war, hat sie also ihre Brille aufgesetzt und ist weiter die Wäsche aufhängen gegangen. In meiner Vorstellung hat sie die Arme gehoben, um ein Kleid oder eine Unterhose aufzuhängen, als ihr schwindelig wurde. Sie sank auf die Kacheln, ohne sich den Kopf zu stoßen – das Blut, das ich am Badewannenrand gesehen habe, stammt von einer Schürfwunde an der linken Hand. Sie krallte sich daran fest, um sich hochzuziehen, aber weil die gesamte rechte Seite gefühllos geworden war, gelang es ihr nicht. War sie bei Bewusstsein, als es geschah. Verstand sie, dass sie einen Schlaganfall hatte. Dachte sie an die Medikamente, die sie ein paar Tage zuvor vielleicht nicht hätte absetzen sollen, eine Woche vor dem Termin mit dem Kardiologen, ein Termin, den sie nun nicht mehr wahrnehmen würde. Kam ihr der Gedanke, dass sie und ihr Arzt ein riesiges Schlamassel angerichtet hatten, an die gewaltigen und endgültigen Folgen. Oder war sie traurig über unser Gespräch, über meine genervte Reaktion, als sie ihre Tasse umgeworfen hatte. War sie durch meine Schuld traurig, da ich nach all dieser Zeit genauso schnell mit meiner Kritik war, während sie weicher geworden war, an Strenge verloren hatte, weil es das nicht mehr wert war, schließlich hatten wir uns durchgeschlagen und sogar recht gut. War sie traurig, weil ihr Körper trotz ihrer mentalen Fitness nachließ und trotz all der Mühen, in Form zu bleiben, der regelmäßigen Sportübungen, einer einwandfreien Ernährung, obwohl sie so auf ihre Kleidung, ihre Frisur, ihr Make-up achtete. Hat sie Verzweiflung gespürt. Hat sie sich daran erinnert, dass ich am nächsten Tag wiederkommen wollte und dass sie nur durchhalten und auf meine Rückkehr warten musste, damit ich ihr aus der Patsche helfe. Hat sie an diesem Gedanken festgehalten, anstatt zu sterben, an der Vorstellung, dass wir uns bald wiedersehen.

Gegen Mitte der Nacht wird der Raum für lebensbedrohliche Notfälle von einem anderen Patienten gebraucht. Man verlegt uns in eine Box. Meine Mutter schläft immer noch. Ihre Werte sind stabil schlecht. Ich schaue sie an und warte. Bei Tagesanbruch bringt uns ein Krankenwagen zum Gebäude mit dem MRT. Meine Mutter wird durch einen Gang geschoben, dann noch einen Gang. Ich wanke auf einen Pfleger zu und stelle ihm in diesem veränderten Bewusstseinszustand, der durch sehr große Müdigkeit entsteht, eine Frage. Ich verstehe nicht einmal selbst, was ich sage. Das MRT bestätigt die Ergebnisse des CT-Scans – nichts zu machen, nichts zu erwarten. Der Krankenwagen bringt uns zurück in die Notaufnahme. Alle Boxen sind belegt, man lässt uns auf dem Gang zurück. Ich glaube, dass dies nur für eine Weile so sein wird, bis sie einen angemesseneren Ort gefunden haben. Wir sind seit zwölf Stunden hier. Seit fünfzehn Stunden. Ich bin überrascht, dass man jemanden sterben lässt, während drum herum immer weiter Verstauchungen und gebrochene Arme eintrudeln. Ich will erneut einen Arzt sprechen. Ob sie sich sicher seien. Ob meine Mutter ein Zimmer bekommen könne. Ob ich nach Hause gehen, duschen und wiederkommen könne. Wie Sie wollen, Madame, das müssen Sie selbst wissen. Ich spüre, dass ich alle mit meinen Fragen nerve. Die Leute sind beschäftigt. Eingesperrt in einem Glaskasten, befragen die Assistenzärzte die Computer, sprechen am Telefon. Sie managen den Patientenstrom. Nur das Reinigungspersonal wagt sich in die Nähe der Kranken und Verletzten. Schließlich begegne ich dem Hilfspfleger, der uns am Tag zuvor empfangen hat. Er beginnt seine neue Schicht und kann nicht fassen, dass wir immer noch hier sind. Ich halte weiter Ausschau und kann schließlich eine Ärztin abfangen, die sich aus dem Glaskasten gewagt hat. Sie ist Chirurgin für Orthopädie, kann mir keine Auskunft geben, will sich aber erkundigen. Es sind nun achtzehn Stunden. Immer noch zehn weniger als meine Mutter auf dem Badezimmerboden verbracht hat. Michaël kommt zum Eingang der Notaufnahme. Ich kann an seinem Gesicht ablesen, wie entstellt ich bin. Er darf wegen Covid nicht reinkommen (ein Patient, eine Begleitperson). Ich gehe raus und rein. Auf dem Parkplatz für die Krankenwagen rufe ich meinen Verleger an, um die Termine der Woche abzusagen. Ich rufe meinen Vater an, um ihm mitzuteilen, dass seine Ex-Frau sterben wird. Ich rufe meine Cousine Kate an und bitte sie, ihrer Schwester Alice Bescheid zu sagen. Kate möchte mehr wissen. Als meine Mutter sie am Freitag anrief, um ihr zum Geburtstag zu gratulieren, schien sie fit. Sie hat den Sturz auf der Brücke nicht erwähnt. Sicher, um sie nicht zu beunruhigen, nachdem sie schon in England gestürzt sei, vermutet Kate. Welcher Sturz, frage ich. Der Sturz, von dem du nichts wissen solltest, verheddert sich meine Cousine. Auf dem Parkplatz stehend, begreife ich, dass mir Dinge verschwiegen werden, sogar recht wichtige Informationen, und das seit Monaten. Darum würde ich mich später kümmern. Im Glaskasten versichert man mir, dass nach einem Zimmer gesucht werde. Der Nachmittag ist weit fortgeschritten. Meine Mutter ist im Halbschlaf. Michaël und ich fahren in ihrer Wohnung vorbei, damit ich duschen kann.

Während ich die fleckige Kleidung in die Waschmaschine werfe, wäscht Michaël das Blut vom Badewannenrand. Unter dem Wasserstrahl stehend, starre ich auf die Stelle auf dem Kachelboden, wo meine Mutter hingefallen ist. Das Badezimmer hat sich durch das Geschehene nicht verändert. Es hat nicht gesehen, wie jemand gestürzt ist, gerufen hat, versucht hat, sich hochzuziehen, aufgegeben, neue Hoffnung geschöpft, wieder aufgegeben hat, nicht mehr als die Nachbarn nebenan gehört haben, die Nachbarn oben, die Nachbarn unten. Das Badezimmer hat nichts zu sagen, kein Geheimnis preiszugeben. Die Wirklichkeit ist woanders. Sie ist im Krankenhaus, in das ich zurückkehre, um meiner Mutter beim Sterben zuzusehen.

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Eleanor Ann wird 1937 in Billingham geboren, vierhundert Kilometer nordöstlich von London. Dreißig Jahre zuvor war Billingham nur ein ländliches Kaff mit ein paar hundert Einwohnern. Doch 1937 ist es ein riesiger Industriekomplex. Nach dem Ersten Weltkrieg wird intensiver Landwirtschaft betrieben, dann droht erneut Krieg. Für Dünger und Sprengstoff wird viel Nitrat benötigt. Bis dahin exportierte Chile großzügig natürliches Nitrat ins Englische Königreich. Aber Südamerika ist weit weg, und die Schiffe riskieren unschöne Begegnungen auf den Meeren, in denen es vor deutschen U-Booten wimmelt. Aufgrund von einigen günstigen Bedingungen ist Billingham der ideale Ort für die Herstellung von synthetischem Nitrat. Ein elektrisches Kraftwerk und eine Fabrik werden gebaut, die nötige Infrastruktur und Büros. Eines führt zum anderen, bald wird Öl raffiniert, es werden Teer, Zement, Plastik, Polyester, Nylon, Färbemittel, wunderbare Produkte hergestellt, die jedermann Zugang zum modernen Leben verschaffen. Die Fabriken mehren sich, die Firmen kaufen sich untereinander auf. Zu Beginn der 1930er-Jahre bilden sie nur noch eine einzige, Imperial Chemical Industries, die imperialen chemischen Industriewerke. ICI beschäftigt zehntausend Leute. Der Börsenkrach von 1929 führt das ganze Land in die Rezession. ICI hält stand und entwickelt sich sogar weiter, wird zur weltweit bedeutendsten Fabrik für Chemieprodukte. Arbeiter strömen herbei, um der Armut zu entfliehen, die Fortschritte der Industrie und die verblüffenden Annehmlichkeiten des 20. Jahrhunderts zu genießen. Vor den Toren des Geländes entstehen Wohnviertel, Schulen, Geschäfte, Kinos.

George Frayter kommt aus Newcastle, einer großen, gebeutelten Stadt noch weiter nördlich. Er ist Waise und wurde bis zum Ende seiner Berufsausbildung von seinen Schwestern aufgezogen, dann wird er bei ICI als Facharbeiter angestellt. Die Fabriken, feuerspeiende Stahlungeheuer, laufen Tag und Nacht. Die Arbeiter absolvieren in den Schwefelwolken ihre Schichten von drei mal acht Stunden – sechs bis vierzehn Uhr, vierzehn bis zweiundzwanzig oder zweiundzwanzig bis sechs Uhr, abwechselnd von Montagmorgen bis Samstagnachmittag. George repariert die Maschinen. Eine Reparaturmannschaft muss ständig bereitstehen, damit die Produktion nicht verlangsamt wird. Wie viele alleinstehende Arbeiter hat er bei einer Familie ein Zimmer gemietet. Mit fünfundzwanzig Jahren hat er nichts anderes gesehen als die Fabrik und das Haus der Charltons.

Matthew Charlton besaß eine Baufirma. Die Wirtschaftskrise von 1929 hat ihn ruiniert. Mit über fünfzig ist er noch Maurer geworden, um seine Nachkommenschaft zu versorgen. Trotz seiner offensichtlichen Abscheu für jede Art von Vergnügen – nie Alkohol, keine Kartenspiele im Haus – hat Matthew zwölf Kinder gezeugt. Die ältesten arbeiten bei ICI oder haben Männer geheiratet, die bei der Firma angestellt sind. Es bleiben noch ein kleiner Junge und drei große Mädchen, Lily, Marge, Olivia. Alle drei sind alt genug, um einen Beruf auszuüben. Aber es kommt nicht infrage, dass die Mädchen arbeiten, auch wenn sie es sehnlich wünschen – das wäre ein Abstieg. Um über die Runden zu kommen, vermietet die Familie das ehemalige Zimmer eines der älteren Kinder. Von George, dem anständigen und zurückhaltenden kleinen jungen Mann mit dem Kopf eines Jean-Paul Sartre auf dem Körper eines Charlie Chaplin, läuft das Familienoberhaupt nicht Gefahr, in den Schatten gestellt zu werden. Matthew ist immer stolz auf seine imposante Statur gewesen. Über dem kantigen Kinn lächelt er wie jemand, der sich seines Äußeren und seiner Stellung im Leben sicher ist.

Lily, Marge und Olivia helfen ihrer Mutter den ganzen Tag im Haushalt – Putzen, Waschen, Nähen, Stricken. Aufgaben, die keinen sozialen Abstieg darstellen, sondern in ihrer Natur liegen. Wenn George durchs Haus geht, schauen sie einen Moment von ihrer Arbeit auf. Vielleicht zeichnet sich sein Abbild noch unter ihren Lidern ab, wenn sie einschlafen.