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Im Kampf gegen Plastik und Meeresverschmutzung ist sie in der Nordsee unterwegs: die »Weiße Libelle«. Seit Jahrhunderten fürchten Seeräuber diesen regenbogenfarbenen Mythos mit güldenen Einhörnern auf den Segeln. Schon die alten Wikinger zitterten beim Namen dieses sagenumwobenen Piratenschiffs. Gemeinsam mit einer fantastischen Märchenwesen-Crew machen Kapitän Wild Wild Sonja, die Baronesse Martha de beau, Lieutenant Darfo, Blackbeard Johnny und Einhorn Pinki Jagd auf Umweltsünder – von ihrem geheimen Geheimliegeplatz in Büsum über Wangerooge bis Borkum, von Helgoland bis Sylt. Ihr Hilfsmittel: die magische Seekarte vom nautischen Magierzirkel. Aber es bilden sich schwarze Wolken am Himmel. Es geschehen mysteriöse Anschläge auf die Küstenstädte der Nordsee und die gesamte Tierwelt im Meer. Jetzt sind alles seemännische Können und reichlich Heldenmut gefragt. Wer steckt dahinter? Werden sie es schaffen, das Böse zu bekämpfen – und am Ende den gesamten blauen Planeten zu retten?
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Inhaltsverzeichnis
1. Die »Weiße Libelle«
2. Die Möwen-Kanone
3. Der Blubber-Angriff
4. Folter
5. Fregatte vermisst
6. Flaute
7. Irrfahrt
8. Büsum brennt
9. Atlantina
10. Plage
11. Der Wasserfall der Nordsee
12. Nebelfahrt
13. Pottwale
14. Das Geisterschiff
15. Die Nordseewelle
16. Die Schoßhündchen
17. Die Freiheitsstatue
18. Die Freiheitsstatue II
19. Helgoland
20. Der schwarze Druide
Und apropos:
Friesische Übersetzungen
Vielleicht noch zum Schluss:
Weitere Schmetterlingsgeschichten
Die
Weiße
Libelle
von
Alexander Ruth
Impressum:
Alexander Ruth
Am Eichenkreuz 1
40667 Meerbusch
© Februar 2019 Alexander Ruth
Alle Rechte vorbehalten.
ISBN: 9783739486543
© Grafik Alexander Ruth/Pixabay.com
Alle Rechte beim Autor.
The moral right of the author has been asserted.
Moin, ihr Süßwasser-Matrosen!
Seid ihr bereit für ein schmetterlingstastisch-spannendes Nordsee-Abenteuer?
Diese Geschichten als Seemannsgarn abzutun, ist vielleicht nicht verkehrt, … aber möglicherweise sind sie auch wahr …
Schiff ahoi!
P.S.: In diesem Büchlein werden friesische Redensarten benutzt, hinten gibt es dafür eine kleine Übersetzung.
Einhorn Pinkis geheime Reservelandkarte.
P.S.: Die echte magische Seekarte vom nautischen Magierzirkel ist zu geheim, um sie hier abzubilden!
… Der Regen prasselte hart auf die Wellen, die weiße Gischt spritzte nur so in die Luft. Rau war die See, hart war das Leben, wild waren die Sitten. Es war zwar Sommer, aber anscheinend schien der Himmel ihnen nicht freundlich gesonnen. Das Piratenschiff »Weiße Libelle« mit seinen zweimal vier Groß-Segeln preschte nur so durch die Nordsee. Sie hatten ihren geheimen Geheimhafen in Büsum verlassen! Sie waren Kaperfahrer, Freibeuter, Seeräuber – Piraten! »Hoho«, rief eine kräftige Stimme vom Ausguck herunter. Jahrhundertelang hatten Piraten die Weltmeere mit ihren Schiffen unsicher gemacht, hatten sie Leid und Kummer über die Seefahrer gebracht. Störtebeker, Mary Read, Sir Francis Drake, Bartholomew Roberts, Anne Bonny, Sir Henry Morgan – alles große Namen.
Heute gab es im Nordatlantik und der Nordsee nur noch eines: die »Weiße Libelle«. Aber sie war anders … und sie war bereits in voller Fahrt. Noch war dieses atemberaubende Segelschiff selber nur ein grauer Punkt am Horizont, aber je näher sie kam, desto deutlicher wurde: Das war kein normales Piratenschiff! Erst grüne, dann rote, ja sogar pinke Farben zeichneten sich ab. Ja!
Es war knallbunt! Und noch mehr: Überall ragten Kanonen heraus, vielleicht 200 oder 300? Das war ein Meisterschiff! Ein Superschiff mit besonderem Schliff!! »Hoho«, rief wieder eine echte Männerstimme an Bord, weckte damit die schlafenden Geister. Sie hatten eine Spur aufgenommen, der Ausguck hatte ein schlimmes Verbrechen erspäht! Und das war wirklich fies: eine Ölspur! Die »Weiße Libelle« war das von Umweltsündern meistgefürchtete Schiff in der Nordsee. Die fast 400 Mann starke Besatzung brachte die Schurken auf, bestrafte sie direkt vor Ort und Stelle – und anschließend war das Schiff der Umweltverbrecher wie durch magische Hand verschwunden. Unter Umweltsündern sprachen sie bereits vom »Bermuda-Dreieck« der Nordlande. Niemand hatte auch nur eine Chance, keiner entkam ihnen – wenn die »Weiße Libelle« die Fährte aufgenommen hatte. Und das war auch wichtig: Die Weltmeere waren voll von Plastik, von Altöl, von versenkten Chemikalien, von Geisternetzen. Sie töteten damit unzählige Meereslebewesen. Kaum ein Mensch konnte sich noch vorstellen, dass bis vor wenigen 100 Jahren die Meere so voll mit Fischen waren, dass die Fischer im Hafen einfach nur ihre Lanzen ins Wasser stechen mussten, um fette Beute zu machen. Heute waren die Weltmeere so überfischt, dass nahezu täglich eine weitere Fischart vom Aussterben bedroht war. Laut WWF sind 29 Prozent der weltweiten Fischbestände »überfischt oder erschöpft«, 61 Prozent werden bis an ihre Grenze genutzt. Verschwand ein Glied aus der Nahrungskette, brachte es die anderen zum Wanken. Seehunde mussten leiden, Seepferdchen schwammen mit trauriger Miene durch die Ozeane.
Einige wenige Zweibeiner erließen zwar Gesetze, aber das »Böse« nahm einfach Überhand. Sie vergifteten, sie töteten das Meer! Und dem wirkte die magische Crew der »Weißen Libelle« entgegen. Es war ihr Kampf für Freiheit, Leben und Liebe! Und: Sie erzählten sich schon Horrorgeschichten über sie! Kopfüber hätten sie Umweltsünder dutzende Seemeilen im Wasser hinter sich hergezogen. Außerdem hätten die »Piraten« den Umweltverbrechern so viele schreckliche Schreck- und Gruselgeschichten in 72-Stunden-Marathon-Lesungen vorgetragen – von ihnen war danach nie wieder etwas gehört worden. Gesehen schon gar nicht mehr. Und man munkelte, auch die Ölbohrplattformen waren nicht vor ihnen sicher. Wurden die Freibeuter misstrauisch, statteten sie den Plattformen einen Besuch ab. Warum man davon noch nie etwas gehört hatte? Nachdem die edlen Piraten den Menschen die Leviten gelesen hatten, mussten diese eine Verschwiegenheitsurkunde unterschreiben. So einfach war das. Und den Rest taten die anderen Menschen als Seemannsgarn ab.
»Hoho«, kam es wieder von oben. Diesmal bestätigte der zweite Ausguck die Spur. Ja! Es war Öl! Irgendein Crawler ließ Altöl ins Meer ab! Schockschwerenot! Und das war nicht das erste Umweltverbrechen, dass sie in den vergangenen Tagen entdeckt hatten! Auffällig häufig hatten sie verklebte Möwen, Seehunde und Robben gefunden – die alle dazu noch Plastiktüten verschluckt hatten … oder in Plastikmüll gefangen waren. Alle Piraten an Bord hatten fürchterlich, bitterlich geweint, als sie einige von ihnen nicht retten konnten. Auch Tonnen von ganz fiesen Giftstoffen hatten sie mit ihren feinen Analysegeräten nachgewiesen. Der Tod in seiner flüssigen Form machte sich in der Nordsee breit! Schreeeeeecklich!
Hier ging etwas Unheimliches vor, etwas sehr, sehr Böses!! War das ein Attentat auf die Nordsee? Ein groß angelegter Angriff auf die Meeressäuger? Steckte dahinter ein Plan? »Hoho«, ertönte wieder der Ausguck. Das war zu viel! Sofort sprintete ein grün gekleideter Seemann zur Schiffsglocke. Bim Boing, Bim Boing, Bim Boing, bimmelte der Alarm der schweren Goldglocke, nun waren auch die Letzten an Bord wach, nahmen ihre Positionen ein. Das widerliche Öl zog sich als ein fast 30 Meter langer Teppich über die dunkelblaue Nordsee. Vermischt mit frischen Plastiktüten. Ekelig, einfach abstoßend! Bäh! Aber: Wie bei jeder Spur … führte es die »Weiße Libelle« direkt zu dem Verursacher.
Da brach der Himmel mit einem Mal auf – und jetzt wurde auch immer deutlicher, was die »Weiße Libelle« für ein wunderschönes Schiff war: strahlend, mächtig, fantastisch! Es war eindeutig ein Piratenschiff aus Holz – und es war in den wunderschönsten Regenbogenfarben gestrichen! Bunt, bunt, bunt! Die acht Segel mit ihren goldenen Einhörnern schienen mit ihren bunten Farben den gesamten Horizont zu erfüllen! Sie leuchteten, sie glühten, sie strahlten! Und überall an der »Weißen Libelle« waren Holzschnitte von allen Tieren der Welt eingelassen. Die Galionsfigur: ein güldener Löwe mit Flügeln. Gigantisch groß! Ja, das war Stolz! Aber wer waren diese Piraten, die dieses Schiff ihr Eigen nannten?
Nun konnte auch immer mehr von der Besatzung ausgemacht werden: Der Großteil der Crew trug grüne Uniformen. Sie sahen irgendwie alle gleich aus. Unter dieser grünen Masse bewegten sich eindeutig einige in anderen Farben. Und sie sahen von den Konturen auch anders aus. Einer war größer, einer kleiner. Und einer schien sogar auf dem Schiff zu kriechen. War das eine Schlange? Am Ruder stand eindeutig ein Lebewesen, das auf jeden Fall anders war! Hatte es Flügel? Es trug auf jeden Fall einen Piratenhut und eine weit ausfallende Freibeuterhose, die in braunen Lederstiefeln endete. Eine schwarze Augenklappe war zwar um den Kopf gebunden, verdeckte aber nicht das Auge, sondern war zur Seite gedreht. So konnte man viel besser sehen. Auffällig: Er trug an der Brust neben dem dicken schwarzen Säbelgürtel hängend einen Sheriff-Stern! Und auf seiner Schulter hockte schlafend ein bunter Mini-Papagei! Hatte er da eine Seifenblasenpfeife im Mund? Blubb, Blubb, Blubb, stiegen kleine und große Bläschen in die Lüfte! Ja, das war eine Seifenblasenpfeife! Das war eindeutig der Rudermann. Und daneben stand eine Baronesse? Das diejenige eine blonde Lockenperücke und ein feines blaues Kleidchen trug, war ebenfalls deutlich zu erkennen. Vor sich hielt sie eine riesige Seekarte. Uralt.
Ragten da hinter ihr auch große Flügelchen in die Luft? Hinter ihnen stand glasklar der erste Offizier des Schiffes.
Er trug herrlichste Stoffe, ein Edelmann von oben bis unten. Mit Degen. Französisch wahrscheinlich. Cool stand er einfach da, überwachte, wie die Mannschaft funktionierte. Nur der Kapitän war noch nicht zu sehen.
Doch auch im höher gelegenen Offiziersbereich, auf Höhe des Ruderaufbaus, kam Bewegung rein. Jetzt war es so weit: Der Kapitän machte sich bereit, das Kommando zu übernehmen. Kniiiiiirsch, knarrte die Türe erst langsam, blau leuchtende Glühwürmchen schossen majestätisch heraus, dann sprang die Türe mit einem Male vollständig auf. Tadaaaaaa: »Kapitän« Wild Wild Sonja trat heraus – ihre wilde Energie sprang sofort auf die komplette Mannschaft an Deck über. »Moin, Moin, ihr Landratten!«, brüllte sie über Deck, eine heiße Tasse Schokolade mit Zuckerwatteflocken in der Hand. »Moin, Moin!«, kam es in den unterschiedlichsten Tonlagen von einem schieren Meer an Stimmen wundervoll freudig zurück. Sie war wunderschön, einfach nicht zu beschreiben! Die Crew arbeitete vor Freude noch schneller, Blackbeard Johnny drehte das Ruder noch wilder hin und her – so, dass einigen Nicht-Hartgesottenen schon fast übel wurde. Lieutenant Darfo stand noch cooler als vorher da – und Baronesse Martha de beau fing hinter ihrer Karte an zu kichern. »Hihihi!«
Jetzt war klar: Die »Weiße Libelle« wurde angeführt von den Schmetterlingen! Und die Crew bestand zum größten Teil aus Elfen!! Elfen vom Weihnachtsmann!!! (Sie hatten im Sommer ja nichts zu tun. Und für ein paar Abenteuer waren einige von ihnen immer gerne zu haben. Auch wochenweise. Es gab ja so viele, die wechselten sich ab.)
Dazu trieben sich noch einige Lindwürmer, gleich mehrere Einhörner und noch viele Märchenwesen mehr an Bord herum. Wie ein paar Osterhasen und so. Und sie alle hatten wieder eine Aufgabe: Die Meere der Welt von Umweltsündern zu befreien!!! Jetzt hatten sie eine Spur – und die Ganoven würden in ihrem Leben nie wieder etwas zu lachen haben! »Oh Käptn, mein Käptn!«, drehten sich jetzt die fast 300 Elfen mit einem Male um, schauten Wild Wild Sonja freudig, mit großen leuchtenden Augen an. Sie ließ sich ein wenig Zeit, stand dann fest wie ein Felsen mit breiten Beinen vor dem Rudermann an der Reling und öffnete voller Wut, voller Zielsicherheit und Selbstbewusstsein den Mund: »Nehmt Fahrt auf! Hisst alle Segel!!« »Jipiiiiiiii«, schallte es ihr entgegen, Matrosenmützen flogen in die Luft – und Hunderte Delfine sprangen neben der »Weißen Libelle« aus dem Wasser in die Höhe!! »Schnappen wir uns die Schurken!!!« »Äääh, Kapitän?«, meldete sich jetzt eine Stimme zaghaft.
Die drei blau leuchtenden Glühwürmchen schauten fragend drein. Ein Weihnachtself stand etwas nervös neben Wild Wild Sonja. »Ja?« »Es heißt nur Moin – Moin, Moin ist schon Gesabbel …
… Die »Weiße Libelle« bretterte über die Wellen, hob ab und senkte sich. Dazu regnete es. Platsch, Platsch, Platsch. Mit vollen Segeln hatten die Freibeuter die Verfolgung des Umweltsünders aufgenommen. Ihre Spur: Der riesige Ölteppich, der sich auf der Nordsee ausbreitete. »Hoho«, rief der Ausguck nach unten. Blackbeard Johnny hielt das Ruder fest in seinen Händen, mit jeder Welle hüpften er und sein schlafender Mini-Papagei auf der Schulter jedoch hin und her. Madame Martha, die Baronesse de beau, wusste anhand der alten Seekarte genau, in welche Richtung sie segelten. »Gen Nordwest«, sagte sie bestimmt. Zwischen Husum, Büsum und Helgoland befanden sie sich. Lieutenant Darfo war an Deck bei der Mannschaft und heizte ihnen mit seinen Kommandos ein. Und man würde denken, es missfalle der Elfen-Besatzung. Aber nein, sie liebten es! »Aye aye, Sir«, kam es immer nur von hier und da. Elfen waren in der geheimen Geheimstadt des Weihnachtsmanns zuhause, das hier war wie ein Abenteuerurlaub für sie. Sie waren Landratten, aber mit Herz und Leidenschaft bei der Arbeit auf See. Sie brauchten bei ihren Handlungen an Bord gelegentlich einfach einen »Kurswechsel« – ansonsten bauten sie hier zu viel Quatsch. Und mit Lieutenant Darfo klappte es! »Dort die Leinen los, da die Kanonen schon einmal in Stellung bringen!«, kommandierte der Offizier herum. Er hatte zwar auch nur so viel Ahnung wie ein Standard-Märchenwesen auf See, aber das brauchte niemand zu wissen. Nur bei Wild Wild Sonja, Kapitän der »Weißen Libelle«, glaubten alle daran, dass sie wusste, was sie tat. Die drei blau leuchtenden Glühwürmchen blickten grimmig drein. Sie hielt ihren Kurs. »Hoho«, kam es nun wieder vom Ausguck. Wild Wild Sonja hielt das Fernrohr an ihr Auge.
Ja, sie kamen immer näher, sie konnte bereits die Umrisse des Meeresverschmutzers ausmachen. Blackbeard Johnny bremste das Schiff, auf Sonjas Zeichen stieg der Rudermann mit quietschenden Segeln in die Eisen. Die Wellen spritzten – drei Sekunden später ruhte die »Weiße Libelle« nahezu friedlich auf hoher See! »Schickt die Möwen los!«, befahl Wild Wild Sonja jetzt. Und es dauerte nur Augenblicke, da öffneten sich die hinteren Kanonenklappen – und Lieutenant Darfo gab das Kommando: »Feuer!« Hunderte Wasservögel schossen wie Kanonenkugeln aus den Rohren heraus, Möwen flogen wie Lenkraketen erst geradeaus, bogen dann ab und nahmen wie Marschflugkörper Kurs auf das Ziel vor ihnen. »Saubere Sache, Seemann«, nickte Wild Wild Sonja Lieutenant Darfo respektvoll zu. Geiht nich, givt nich! Yeah. Wenn Schmetterlinge eines auf See konnten, dann war es Möwen aus Möwen-Kanonen abfeuern. Und sie waren schnell, die alten Fischbrötchenklauer. Es dauerte nicht ganz eine Minute, da konnte Wild Wild Sonja bereits mit ihrem Fernrohr erkennen, dass die Möwen das Schiff vor ihnen erreicht hatten. Sie würden nun alles darüber herausfinden. Wie viel Mann Besatzung es hatte, wie groß es war, wie schnell es fuhr. In wenigen Augenblicken würden sie zurückkehren. Das wussten auch die Elfen. Fofteihn maken war angesagt – an Deck bereiteten sie bereits das Buffet vor: Fischbrötchen, Krabbencocktails, Sushi und viel, viel Zuckerwatte sowie Schokolade. Dazu Fässer voll Algenbier. So liebten sie es, die fliegenden Seebären. Im Möwen-All-Inclusive-Vertrag war alles fein säuberlich aufgeschrieben worden. Kräh, Kräh, Kräh, konnten sie die Möwen bereits hören. Sie waren auf dem Rückweg, nicht mehr weit entfernt von der »Weißen Libelle« … und mit einem Mordsspektakel flogen sie die Elfen über den Haufen, landeten direkt an dem riesigen Buffet an Deck. Die Schlacht konnte beginnen! »Käptn?!«, krächzte es nun neben Wild Wild Sonja. Sie hatte bereits auf sie gewartet. Mathilde Möwe (Ja, das war ihr richtiger Nachname beziehungsweise Familienname. Alle Möwen hießen witzigerweise »Möwe« mit Nachnamen) war die Anführerin ihrer knapp 300 Möwen starken Familie. Und das war nur ein kleiner Teil der Sippschaft. Der Rest arbeitete in und um Büsum herum. Einige auch in und um Cuxhaven sowie bei Norderney, Baltrum und Wangerooge. Hauptbeschäftigung: Fischfang sowie Touristen Eis, Waffeln und Brötchen direkt aus der Hand klauen. Nach ihrem kanonenstarken Auftritt erstattete Mathilde Möwe Bericht, derweilen fiel ihre Familie über das Buffet mit einem Gejaule her, alle Crewmitglieder schauten amüsiert zu. »Käptn«, sagte Mathilde Möwe, während eine Schlägerei unter ihren Familienangehörigen ausgebrochen war. »Das ist ein nordkoreanisches Containerschiff. Nicht groß, eher klein. 20 Mann Besatzung, eine Kleinigkeit. Geschwindigkeit: Langsam wie eine Krabbe auf Land. Und sie lassen Öl ab, viel Öl! Gemischt mit Plastiktüten!!!«
Wild Wild Sonja rieb sich grimmig die Hände. »Sehr gut gemacht, Mathilde, wie immer!« Mathilde Möwe leckte sich jetzt auch den Schnabel. Unten war die Schlägerei beendet, jede Möwe hatte sich ihren Teil samt Getränk reserviert. »Nich lang schnacken, Kopp in´n Nacken«, tönte die Möwen-Familie bereits. Jetzt war sie auch dran.
Gerade wollte Mathilde nach unten segeln, da fiel ihr noch was ein: »Und abschließend haben wir den ganzen Kutter vollgeschissen. Doppelte Ladung, wie gewünscht!«
Blubb, Blubb, Blubb, stiegen jetzt zur Bestätigung die Seifenblasen aus Blackbeard Johnnys Seifenblasenpfeife in die Höhe. 1A gemacht! Respekt! Wild Wild Sonja grinste, die drei blau leuchtenden Glühwürmchen summten fröhlich auf, doch dann nahm Wild Wild Sonja wieder ihre ernste Miene an. »Langsam wie eine Krabbe auf Land« bedeutete, dass sie jetzt, da sie wussten, wer der Gegner war, sie ihn in Nullkommanix würden haben können. Wild Wild Sonja bestellte den Führungsstab der »Weißen Libelle« zu sich ein. Martha, Darfo und Johnny waren bereits da, es kamen noch Lulu, das pinke Antreiber-Einhorn, und der blaue Schleimerix, ein an Land lebendes Fischwesen. Eigentlich gab es keine festen Führungspositionen an Bord der »Weißen Libelle«.
Lediglich Sonja war gesetzt. Wenn Martha, Darfo und Johnny keine Lust hatten und vielleicht ein Nickerchen vorzogen, dann war das so. Es gab nur eine Regel an Bord: Zur Führungsbesprechung mussten neben Sonja immer fünf weitere Lebewesen vom Schiff dabei sein. Aber die Zahl hatten sie geschafft. Und wie immer in so einem Moment, nahm dann jeder Einzelne seine Rolle ernst. Bitterernst. Grrrr.
»Ihr wisst mittlerweile, worum es geht?« Alle Anwesenden nickten grimmig. Schweine, Schurken, Schmarotzer! »Jawoll, Käptn!«, nickte Lieutenant Darfo ihr stellvertretend für alle anderen mit französischem Charme zu. Sonja schaute die Truppe mit festem Blick an, ihre Taktik war gebufft und ausgeklügelt: »Ich schlage einen Blubber-Angriff vor!« Ruhe, Stille, Pause. Einen Blubber-Angriff??? Auweia! Das war ja mal eine Hausnummer! Schockiert schauten Lulu und Schleimerix drein. Dreimal kräftig durchatmen. Das klang so … gefährlich! Sie wurden ganz weiß. Hellpink und hellblau, quasi. Auweia, der war heftig – und phänomenal!
Eigentlich hatten sie keine Ahnung, aber das konnten sie nicht sagen. Lieutenant Darfo nickte hingegen heftig, Blackbeard Johnny haute Lulu siegessicher auf den Schenkel, die Baronesse de beau kicherte vergnügt. Es blubberte und spritzte immer so herrlich, wenn sie einen Blubber-Angriff durchführten. »Am liebsten aber bei Sonnenschein!«, hob sie zum Einwand die Hand. Zum Glück kündigte sich bereits der Wetterumschwung an.
Der Regen war verschwunden, sie näherten sich der Mittagsstunde und die ersten Sonnenstrahlen durchbrachen die Wolken. Mitte 20 Grad waren für heute Nachmittag angesagt. »Ohja«, träumte Martha bereits vergnügt. Okay, so machen wir es! Wild Wild Sonja schaute Johnny an: »Dann ist es geritzte Sache!« Der brauchte etwas. Pling. »Ohja«, zog er seinen Säbel und ritzte einen Ritz in die Ritzeleiste der Blubber-Angriff-Planke. Nummer 4356. »Hehe!« Lieutenant Darfo in seinem herrlichen Franzosen-Zwirn nahm bereits die Flaschenpost-Flasche, führte den Zettel mit dem Symbol »Blubber-Angriff« ein, steckte den Korken drauf – ging zur Reling und hielt die Flasche über Bord. »Blubber-Angriff?«, wollte er ein letztes Mal zur Absicherung wissen. Fünfmal ein Nicken! »Blubber-Angriff!!!», befahl Wild Wild Sonja. Lieutenant Darfo ließ die Flasche in die Nordsee fallen …
… Die Sonne brannte auf das offene Vorderdeck, es herrschte die Ruhe vor dem Sturm. Die Elfen waren auf Position, wenn man das so sagen konnte: Wie japanische Touristen standen sie mit Fotoapparaten und Ferngläsern bewaffnet, hatten Popcorn und Zuckerwatte in den Händen. Die »Weiße Libelle« war voll auf Kampf eingestellt. Das knallbunte Piratenschiff mit seiner güldenen Galionsfigur bewegte sich keinen Millimeter, schwappte lediglich mit dem leichten Wellengang auf und ab. Plastiktüten trieben auf der Nordsee herum. Der umweltzerstörende Crawler würde es nicht mehr lange machen! Widerliches Drecksschwein! Die Spannung war sprichwörtlich zu sehen: Baronesse Martha de beau hockte im Bikini, mit Strohhut und Sonnenbrille auf der Nase auf ihrer Sonnenliege. Nervös tippelte sie mit dem Füßchen hin und her. Sie hatte sich extra mit wasserfester Sonnencreme eingeschmiert. Damit keine Tropfen in den eisgekühlten Erdbeerinha plumpsen würden, hatte sie sich noch ein Schirmchen in Herzchenform besorgt. Und jetzt sollte es losgehen. Auch die anderen Offiziere an Bord konnten es kaum noch abwarten: Lieutenant Darfo gab bereits die Instruktionen zum Kapern, merkte aber, dass die Elfen ihm nicht zuhörten. »Möchtsn Bonsche?«, konnte er sie hören. Rudermann Blackbeard Johnny hingegen war voll bereit – er hatte sich mit unzähligen Seilen am Ruder festbinden lassen. Seinen Sheriff-Stern hatte er extra poliert. Er war der Kapermeister der Truppe, wenn es losgehen würde, würden alle auf sein Kommando hören. Hoffentlich. Und Wild Wild Sonja?
Der Kapitän der »Weißen Libelle« stand wie eingemeißelt dort. Die drei blau leuchtenden Glühwürmchen schwebten neben ihr. Wild Wild Sonja schaute grimmig aufs feindliche Schiff, suchte aber auch immer wieder die Meeresoberfläche nach den ersten Zeichen ab. Sie hatten die Nachricht gesendet. Der Blubber-Angriff würde erfahrungsgemäß in den nächsten Sekunden starten. Auf ihre Verbündeten unter Wasser war Verlass. »Es sei denn, ihnen ist mal wieder ein ordentlicher Schwarm Tintenfische über den Weg geschwommen«, flüsterte Schmetterling Darfo Johnny rüber. »Dann dauert es«.
Beide guckten ein wenig geknickt. Sonja verdrehte die Augen. Ihre Verbündeten waren ganz schöne Schleckermäulchen. Aber der Satz hätte auch für jedes Mitglied ihrer Crew gelten können. Allerdings würde es sich dabei nicht um Tintenfische handeln, sondern um Zuckerwatte, Schokolade, Erdbeerinha oder andere herrliche Leckereien. »Ein Glas Wasser?«, bot jetzt Schleimerix, das an Land lebende Fischwesen, Kapitän Sonja an. Sie war ganz versunken in Gedanken, nahm den Becher an … und kippte den Inhalt mit einem Mal herunter. Sofort wurde sie grün, blau, rot. »Pfffffffft«, spuckte sie aus, verdrehte wieder die Augen. Salzwasser!! Logo, dass Schleimerix ihr sein Lieblingsgetränk angeboten hatte. Aber sie konnte ihm nicht lange sauer sein – und langsam wurde sie nervös: »Gut, dass du da bist!«, schlug sie ihm auf die Schulter. Schleimerix rutschte unruhig auf seinem Schleim hin und her.
»Warum?« Hoffentlich sollte er nicht den Köder spielen. Vielleicht war der Blubber-Angriff abgesagt worden? »Du bist doch unser Kontaktmann?« Die drei blau leuchtenden Glühwürmchen um sie herum beunruhigten ihn mit ihrem Surren ein wenig. »Kontaktmann?« Sonja verdrehte erneut die Augen, schaute ihn jetzt genervt fragend an. Schleimerix war nicht der Hellste.
»Kontaaaaaktmann!« »He?« »Nach unten!!«
»Ooooooooh!«, verstand Schleimerix jetzt, was sie sagte. Gut, es hatte auch noch gebraucht, dass sie auf die Nordsee und dann noch nach unten gezeigt hatte, aber jetzt hatte er wirklich verstanden! Ehrenwort! Doch nun:
»Und was soll ich machen?« Augenverdreh. Das gibt’s doch nicht: »Öööööh«, stöhnte Wild Wild Sonja auf. Immer diese Hobby-Piraten. »Frag nach!« Aaaaaah. Der Groschen war gefallen. Schleimerix watschelte fix zur Reling – und sprang über Bord in die Nordsee. Wild Wild Sonja blieb felsenfest auf der Stelle stehen, Lieutenant Darfo eilte hinterher und schaute auf die Meeresoberfläche. Außer ein paar Bläschen war nichts mehr zu sehen.
Die »Weiße Libelle« lag mehr oder weniger ruhig in der See. (Lediglich drei Einhörner kamen ganz gehetzt an Bord, sie hatten heimlich an einem Schlickfußball-Turnier bei Butjadingen teilgenommen. Jetzt hatten sie es aber eilig.) »Hoho«, kam es mit einem Mal vom Ausguck – und bei den Hobbypiraten vom Nordpol mit Weihnachtserfahrung kam Begeisterung auf … sofort richteten sich Hunderte Kameras nach Backbord. Knips, Knips, Knips. Ja! Da war es wirklich zu sehen, es ging los:
Als erstes sahen sie zwei, drei große Blasen an die Meeresoberfläche ploppen, dann immer mehr. Und sie nahmen Kurs auf das Drecksschwein vor ihnen! Der Crawler vor ihnen, der Umweltsünder mit seiner kilometerlangen Ölspur, entfernte sich leicht von ihnen.
Aber immer näher und näher kamen die Blasen ihm, immer mehr und mehr stiegen empor. »Soooo viele?«, hauchten bereits die ersten Elfen. Lieutenant Darfo peitschte seine Befehle an die Entermannschaft. Bluuuuuuub, Bluuuuuuub, Bluuuuuub, waren die Blasen jetzt auch schon zu hören. Die »Weiße Libelle« geriet ins Schwanken. Erst leicht, dann immer heftiger. Blackbeard Johnny zog sich seine Augenklappe vor das Auge, schaute noch schnell, ob er wirklich, wirklich fest am Ruder festgebunden war. Und dann geschah es: »Oooooooooh«, schrien alle Zuschauer des bunten Piratenschiffs auf. »Hihihi«, kicherte Schmetterlingsmädchen Martha, jetzt, da sie endlich die Wasserspritzer abbekam. Nun bemerkte anscheinend auch die Besatzung des nordkoreanischen Umweltsünders, dass es schlimm um sie stand. Sie wurden angegriffen! Hektisch rannten sie hin und her, es schien, als würden die Motoren aufheulen. Zu spät. Nur wenige Meter vor ihnen schossen zehn, nein, 15, nein, knapp 20 Pottwale aus dem Meer, sprangen meterhoch in die Luft – und brachten den Crawler mit den Wellen, die sie beim Aufschlagen auf dem Wasser erzeugten, schon fast zum Kentern. Es gehörte zum Ehrenkodex eines jeden Meeressäugers, der »Weißen Libelle« zu helfen!
Und jetzt gab Kapitän Wild Wild Sonja den entscheidenden Befehl. Sofort mussten die zwangsverpflichteten Enter-Elfen die Segel hissen. In Sekunden nahm die »Weiße Libelle« Fahrt auf. Lieutenant Darfo rannte mit einem Megafon nach vorne, kletterte auf die Galionsfigur, den güldenen Löwen mit Flügeln:
»Im Namen der bewohnten Märchenwelt, der Erde und des Lebens, schalten sie ihre Maschinen aus und ergeben sie sich uns!!!«, brüllte er voller Hass zum Crawler herüber. Aber es schien, dass die Nordkoreaner immer noch dem Irrglauben erlegen waren, sie hatten eine Chance, aus der Sache heil herauszukommen. Sie gaben Gas – aber sie merkten nicht, dass sich die Pottwale direkt unter ihrem Schiff sammelten. Bei ihrem Sprung hatten sie so viel Luft in sich hereingesogen, dass ihre Lungen zu explodieren drohten. Und das durften sie auch – nur unter dem Schiff. Der Blubber-Angriff begann!
»Blub, Blubb, Blubbb, Bluuuuuuuuuub«, schossen die Blasen von knapp 20 Pottwalen heraus. Die »Weiße Libelle« schwankte zwar auch wie wild, nahm aber weiter Kurs auf den Crawler. Ein Blitzlichtgewitter auf dem Vorderdeck! Die Elfen, die nicht der Entermannschaft zugeteilt waren, gaben ihr Bestes, um ihre Fotoalben mit den besten Schüssen dieses Angriffs vollzubekommen.
»Das ist unsere letzte Warnung!!!«, brüllte Lieutenant Darfo wieder ins Megafon. Die drei blau leuchtenden Glühwürmchen flogen jetzt ganz aufgekratzt um ihn herum. »Ergeben sie sich, gestehen sie ihre Sünden – und ihnen wird zwar auch Schlimmes geschehen, aber nicht so schlimm, als wenn sie vor uns zu flüchten versuchen!!!« Keine Reaktion. Das war’s! Ende im Gelände! Mit einem Mal ließen die Pottwale alles raus, was sie in sich hatten. Ein Blubber-Angriff in Perfektion!!
Der Crawler schien den Wellengang fast noch zu halten, aber bei der härtesten Welle des Blubber-Angriffs war es um ihn geschehen. Fast 30 Meter schoss erst das Heck in die Höhe, Neigungswinkel 130 Grad, dann ploppten die Blasen so auf, dass nun der Bug in schwindelerregende Höhe flog. Die ersten Matrosen fielen kreischend von Bord. Rauch stieg auf. Das Schiff brannte bereits. Nun hatte es Schlagseite. Containerweise fielen Plastiktüten und Geisternetze von Bord.
»Volle Fahrt voraus«, brüllte Schmetterlingskapitän Wild Wild Sonja. Rudermann Johnny wurde vom Ruder nur so hin und her geschleudert. Mal nach oben, mal zur Seite, mal knallte er hart auf den Planken auf. »Autsch«, fluchte er dabei, der Mini-Papagei auf seiner Schulter schlief weiter – aber er hielt Kurs! Und es nahte sich das Ende:
Die Wale sahen, dass sie den Blubber-Angriff perfekt durchgezogen hatten, auch dass sich die »Weiße Libelle« zum Entern bereit machte. Sie tauchten ab. »Hoho«, rief nun der Ausguck und deutete damit an, dass Johnny hart einschlagen sollte. Wie ein Speedboot schien er die »Weiße Libelle« zu wenden, der Bug drehte unter schäumenden Wellen zur Seite weg, das Heck knallte an den Crawler. Lieutenant Darfo gab das Enter-Signal, zehn Elfen schnitten Rudermann Johnny sofort frei. Mit vollster Wut sprintete Blackbeard Johnny an der nach vorne stürmenden Wild Wild Sonja vorbei. Die Elfen hatten bereits Hunderte Enterhaken mit ihren Armbrüsten nach oben geschossen. Festgemacht am Crawler zogen immer zwei Enterhaken eine Kletterleiter aus festem Seil hinter sich her. Drei, vier Nordkoreaner versuchten zwar noch, die Haken vom Schiff zu lösen – aber sie hatten keine Chance! Dutzende Elfen waren bereits auf den Strickleitern – und zogen die Haken damit einfach fest … und es waren einfach zu viele Enter-Elfen. Blackbeard Johnny hechtete an allen vorbei, setzte seine Flügel ein – und schoss wie ein Wahnsinniger fliegend nach oben. Mit dem Säbel in der Hand kam er oben an!! Der schlafende Mini-Papagei immer noch auf seiner Schulter – er schnarchte jetzt laut, gruselig. Das Entsetzen war in den Augen der Nordkoreaner abzulesen!!! Um den Kapitän des Containerschiffes hatten sich gerade noch einmal zwei Matrosen mit Messern versammelt, die anderen sprangen beim Anblick des schrecklichen Johnny schreiend und kreischend über Bord. Jetzt schafften es auch die Elfen wild brüllend an Bord, Lieutenant Darfo und Wild Wild Sonja landeten voller Zorn. Aber vor allen stand er, Johnny: mit schwarzem Piratenhut, Augenklappe über dem Auge, im vollsten Piratendress, einem fürchterlich schnarchenden Mini-Papagei auf der Schulter – und mit dem Säbel in der Hand. »Ich bin der Piraten-Sheriff!!!«, sein Sheriff-Stern funkelte wie magisch an seiner Brust auf. »Und das ist eine Übernahme im Namen der Gerechtigkeit – ihr habt verwirkt!! …
… Es war dunkel, schwülheiß – und sehr beängstigend. Die »Weiße Libelle« ruhte, schwankte allerdings leicht auf der Nordsee. Sie hatten die Plastiktüten eingesammelt, das Innerste der »Weißen Libelle« war zur Folterkammer geworden. Fürchterliche Qualen mussten die Männer erleiden. Der Geruch von verdorbenen Lebensmitteln, abgestandenem Wasser mischte sich mit dem von Angstschweiß. Sie würden keine Gnade walten lassen. Wahrscheinlich. Zumindest war alles andere sehr unwahrscheinlich. In einen geheimen Verhörraum hatten sie den Kapitän des nordkoreanischen Containerschiffes mitsamt dreier Matrosen gesperrt. Mehr hatten den Angriff »nicht überlebt«. Besser: Die Pottwale hatten den Rest in sich hineingesogen. Ob sie noch lebten, dass hing jetzt ganz von den Walen ab. Wahrscheinlich hatten sie sie nach »Guantamotraz« gebracht – das geheime Geheimgefängnis für Umweltsünder der Märchenwelt.
Aber es interessierte auch niemanden an Bord der »Weißen Libelle«. Denn: Wenn sie herausfinden wollten, wer oder was für die Serie von Umweltverbrechen in der Nordsee verantwortlich war, ob es Zufall war oder ob dahinter ein perfider Plan steckte, dann würden sie das hier von dem Kapitän oder einem seiner Männer erfahren. Der Kapitän war allerdings der nordkoreanische Oberschurke auf dem Schiff gewesen. Es hatte die Nordsee mit einer riesigen Ölspur und unzähligen Plastiktüten verseucht. Und alle Zeichen deuteten darauf hin, dass da mehr hintersteckte als der pure Zufall. »So blöd sind wir nämlich auch nicht«, ballerte Blackbeard Johnny dem Koreaner eine ins Gesicht. Patsch, flog der nordkoreanische Kopf von der einen Schulterseite zur anderen. »Ich nix verstehen«, versuchte er noch sein Spiel als unschuldiges Seepferdchen. Aber Pustekuchen, Johnny war schlauer als er. Vielleicht. Nicht unbedingt.
Aber Wild Wild Sonja und Lieutenant Darfo waren es schon. So viel war schon einmal klar. Die Baronesse de beau beteiligte sich nicht an diesem Verhör. Sie zog es in diesen Fällen vor, das gute Wetter zu genießen und sich ganz dem Sonnenbad zu widmen. Das war auch gut so. Ansonsten würde es hier unten nur viel zu viele Tränen geben. Und die gab es auch so. Die drei anderen gefangenen Matrosen heulten vor Angst wie Sirenen auf ihren Felsen. »Mädchen«, ballerte Piraten-Sheriff Johnny jedem von ihnen eine. Dann ging er zum ersten Matrosen zurück und drückte ihm seinen Sheriff-Stern ins Gesicht. »Siehst du? Weißt du, was das ist?« Die Koreaner waren unsicher, sie wussten, dass sie es hier mit sprechenden Märchenwesen zu tun hatten. Natürlich waren sie hin- und hergerissen. Waren sie bereits tot und das vor ihnen waren die letzten Zuckungen ihrer Gehirne? Hatte ihr Schiff einen schweren Unfall gehabt? Waren sie vielleicht im Koma, lagen in irgendeinem Krankenhaus auf der Intensivstation und das waren hier alles nur Halluzinationen dank der starken Schmerzmittel? Vieles sprach dafür – eines aber nicht: Die Koreaner schafften es, sich untereinander zu unterhalten. Und sie hatten sich bereits gegenseitig Fragen gestellt, die nicht in irgendeinem Traum beantwortet werden konnten.
Allerdings: das hier war so surreal!
Vor ihnen standen Schmetterlinge. Sprechende Schmetterlinge. Und diese Schmetterlinge waren dazu noch so eigenartig kostümiert. Als wäre das hier ein Piraten-Maskenball. Und dann noch das Schiff: Es war bunt wie der Regenbogen. Riesig, wirklich riesig groß. Größer als die Schiffe, die sie im 17. und 18. Jahrhundert gefahren hatten. Und so viele Kanonen. Die wunderschönen Tierschnitzereien aus Zedernholz. Hundertfach. Ein einziges Kunstwerk. Dazu noch diese majestätische Galionsfigur. Und die güldenen Einhörner auf den Hauptsegeln! Und dann noch Hunderte Elfen! Alle in grünen Matrosenuniformen steckend. Und noch mehr: Überall liefen Lebewesen in Piraten-Kostümen an Deck herum, die kannten sie selber nur aus jahrhundertealten Märchen, Sagen und Legenden. Kleine Piraten-Drachen hatten sie entdeckt, echte Einhörner, Lindwürmer, Waldschrate, Feen, Osterhasen und noch viele, viele mehr, deren Namen sie nicht kannten. Alle in herrlichen Piraten-Kostümen! Das war doch nicht real?
Die drei Matrosen waren am Ende ihrer Kräfte. Nur der nordkoreanische Kapitän schien sturer zu sein, er benahm sich wesentlich anders. Magisch anders. »So, als ob du mehr weißt als deine Landsmänner«, beugte sich Wild Wild Sonja jetzt zu ihm mit einem grimmigen Lächeln herunter. Er funkelte sie mit seinen schwarzen Augen an. »So schwarz wie deine Seele, … nicht?«, flüsterte sie ihm jetzt ins Ohr. »Ich weiß, dass du mehr weißt … und bist.« Die drei blau leuchtenden Glühwürmchen kreisten nun stinksauer um seinen Kopf herum. Der nordkoreanische Kapitän grinste verschmitzt, teuflisch verschmitzt. »Ahaaaaaa«, drehte sich Johnny nun um. Er rannte zu ihm hin. »Ich«, hielt er ihm seinen Piraten-Säbel unter die Nase, »lasse mich von dir nicht verarschen!!« Plötzlich: Der Kapitän zischte mit einem Mal magisch wie eine verwunschene Schlange auf, zuckte sogar nach hinten. Olá, was war denn das?
Wild Wild Sonja und Lieutenant Darfo schauten sich an. Sie hatten ihn mit Feuerquallen malträtiert, hatten vor ihm stundenlang Zuckerwatte gegessen und ihm nichts abgegeben, hatten sogar das Fiesteste, was sie an Bord hatten, eingesetzt: Sie hatten zwei volltrunkene Elfen im übelsten Stimmbruch Weihnachtslieder singen lassen!
Aber nichts, rein gar nichts hatte ihn aus der Fassung gebracht. Aber jetzt? Jetzt hatte er zum ersten Mal so etwas wie eine Reaktion auf ihr Verhör gezeigt! »Johnny?« »Ja?«, drehte sich der Macho in Lederstiefeln um. Er war nicht blöd, er hatte etwas bewirkt. Das hatte er gemerkt.
Er strahlte Sonja an: »Boah, bin ich gut, … nicht?« »Öh«, verdrehte Sonja ihre Augen, Darfo musste kichern. Johnny hatte es zu allem Überfluss noch so gesagt, als wäre er ein griechischer Gott. Siehste, so bin ich: Von Gott gegeben, einfach schön, massiv intelligent – und auf Frauen immer betörend wirkend! Wie ein griechischer Mann eben. Auch die drei blau leuchtenden Glühwürmchen konnten nicht anders, als zu kichern. Hihihi. »Öööh«, zeigte Sonja auf den nordkoreanischen Kapitän. »Geh bitte noch einmal zu den Dreien dort drüben.« Johnny schaute sie fragend an, folgte aber ihren Worten. Blackbeard Johnny tuckerte zu den Matrosen herüber, hielt jedem einzelnen von ihnen den Säbel unter die Nase. Außer Geschluchze aber nichts gewesen. Er merkte es. »He?«, wurde nun auch der Schmetterlingsmacho misstrauisch. Er schaute den Kapitän wieder an. Der blickte nun genauso starr wie die ganze Zeit vorher geradeaus. So, als wäre vorhin nichts gewesen.
»Hmm«, ging Johnny nun wieder zurück – und je näher er ihm kam, desto nervöser wurde der nordkoreanische Kapitän. Zack, sprang Johnny mit einem Mal nun nach vorne, hielt ihm erneut seinen Säbel unter die Nase. Da wieder: Er wich leicht mit dem Kopf zurück! Ahaaaa! Johnny ging nach hinten – und mit einem Mal tat der Kapitän direkt wieder so, als wäre nie etwas gewesen. »He?« Johnny wusste nicht was, aber er spürte es. Mit einem Mal machte Johnny erneut einen Satz nach vorne, ging diesmal mit seinem Oberkörper sogar noch näher an ihn ran. »Ziiiiiisch«, fauchte jetzt der nordkoreanische Kapitän mit einer Stimme, die nicht von der Erde zu stammen schien. Die drei blau leuchtenden Glühwürmchen waren ganz verwirrt. He?? Johnny machte einen Schritt nach hinten. Entspannung. Einen wieder nach vorne. »Ziiiiiisch.« Nach hinten, nichts. Nach vorne: »Ziiiiiiiisch«. Wild Wild Sonja und Lieutenant Darfo betrachteten das Spiel – und ihr Blick fiel auf Johnnys Brust. Jedes Mal, wenn er sich dem Kapitän näherte, drückte er ihm den Sheriff-Stern beinahe ins Gesicht. Ein Zufall? »Es gibt keine Zufälle, sagte einst ein sehr weiser Freund zu uns«, murmelten Darfo und Sonja gleichzeitig … und gingen zu Johnny nach vorne. Sie wussten, woher er den Sheriff-Stern hatte. Bei einem ihrer letzten großen Abenteuer in der goldenen Himmelsstadt bei Petrus hatte Johnny den Sheriff-Stern erhalten. Es war ein himmlisches Artefakt, zweifelsohne.
Und damit hatte der Sheriff-Stern seine eigene Magie, … wenn er hier unten auf der Erde war. Er war unter anderem gemacht aus dem feinsten Material, das das Universum kannte: dem Guten an sich. Und er löste bei dem Kapitän eine abstoßende Gegenreaktion aus – da musste Schmetterling nur eins und eins zusammenzählen.
Bis auf vielleicht Johnny. Der brauchte gerade noch ein wenig.
Wild Wild Sonja und Lieutenant Darfo waren da weiter. Johnny fuchtelte gerade noch mit seinem Säbel vor dem Kapitän rum, der zischte wieder nicht menschlich, da packte Sonja Johnnys Rücken, schob ihn fest nach vorne – und drückte damit den Sheriff-Stern dem Kapitän mitten ins Gesicht! »Aaaaaaaaaaaaah«, brüllte er erst auf. »Ziiiiiiiiisch«, fauchte dann das Wesen in ihm, dass es die drei nordkoreanischen Matrosen so erschauern ließ, dass sie sofort kreidebleich wurden. »Schön, mein Freundchen«, zog Sonja Johnny zurück und schaute dem Kapitän tief in die Augen, tief in seine Seele. »Dann wollen wir mal schauen, wer da in dir steckt«, schnipste sie mit ihren Fingen in der Luft. Die drei blau leuchtenden Glühwürmchen zitterten jetzt wie Espenlaub. Lieutenant Darfo war derweilen einmal nach oben zu ihrer geheimen Schmetterlingskiste gerannt und mit einer kleinen Ampulle zurückgekehrt. Beim Anblick der magischen Ampulle riss der Kapitän voller Entsetzen seinen Mund auf – aber es war ein stummer Schrei. Blau-grün leuchtete der Saft dort in der Ampulle. Magisch.
Wild Wild Sonja blickte ihn siegessicher an: »Wir haben bisher noch jedes Rätsel knacken können.« Johnny war zurückgewichen und schaute verdutzt seinen Sheriff-Stern an. Jetzt fiel ihm erst auf, er leuchtete ja! Je näher er dem Kapitän war desto intensiver, je weiter er sich von ihm entfernte, desto schwächer wurde das Leuchten.
»Öhm«, rieb sich Pirat Johnny das Köpfchen, seine Gehirnzellen fingen an zu arbeiten. Konnte der Sheriff-Stern das Böse identifizieren? Noch während er überlegte, schritten Wild Wild Sonja und Lieutenant Darfo zur Tat. Darfo in feinstem französischem Edel-Zwirn hielt den Kopf fest, Sonja öffnete mit einem Fingerschnipp die Ampulle, packte mit der anderen Hand das Kinn des Kapitäns – und schüttete die blau-grüne Flüssigkeit rein. Sie hatten sie damals von Zeus und Apoll geschenkt bekommen! Und dazu hatten sie ihr was ins Ohr geflüstert. Niemand hatte es damals mitbekommen – aber nun war der Moment gekommen, da sie sie einsetzen musste. Und sie wirkte sofort: Kaum war der erste Tropfen auf der Zunge gelandet, flutschte der Rest schon hinterher. Es lief ihm seine Kehle herunter, in seinen Magen – und der pumpte es in Sekundenschnelle durch dessen Körper. Erst bildete sich ein strahlend blau-grüner Punkt auf Höhe seines Bauchnabels, dann breitete es sich wie Spinnenweben aus. Die drei blau leuchtenden Glühwürmchen flüchteten zischend nach oben an Deck.
Das war zu viel für sie! »Aaaaaah«, schrie der Kapitän. Mit einem Mal entwickelte er solch eine Kraft, dass Darfo ihn nicht mehr halten konnte. Der nordkoreanische Kapitän zitterte und zehrte herum, zerriss seine Fesseln, sprang übermenschlich auf. Und dann: Mit einem Ruck riss er sich das Oberhemd vom Körper, schaute voller Panik auf seinen blauen Bauch. Es pumpte sich immer weiter durch ihn hindurch. Entsetzen überall. »Nein, nein, nein«, rief nun eine fürchterlich tiefe Stimme aus seinem Mund – die aber niemals von dem Nordkoreaner kommen konnte. So, als ob irgendjemand anderes, jemand sehr Finsteres, von weit, weit weg durch die Augen des Kapitäns schaute und zusehen musste, wie der blaue Saft diesen Körper eroberte. »Es« konnte sich nicht wehren! »Neeeeeeeein«, brüllte sie, die tiefe, tiefe, böse, böse Stimme. Es schoss ihm bereits in die Gliedmaßen.
An beiden Schultern verliefen die blau-grünen Linien in die Arme hinein, an den Hüften suchten sie sich ihren Weg in die Beine. Ein Kampf. »Aaaaaufhören, aaaanhalten!!!«, befahl das weit entfernte Wesen – aber es machte nicht Halt. Und zum Schrecken der nordkoreanischen Matrosen, ebenfalls von Johnny, Darfo und Sonja … rammte der Kapitän sich nun seine eigene Hand in den Bauch. Tief hinein!
Gefesselt blickten die Schmetterlinge ihn an, die Matrosen fielen in Ohnmacht. Das war zu viel. Rauch erfüllte nun den Raum. Jetzt trat die eigentliche Magie vollständig zutage: Auf dem Boden unter dem Kapitän formte sich in ihrer vollen Magie eine blaue Rose, mit feinen Linien gezeichnet, wie flüssiges Metall. Und die Linien liefen aus ihm selbst heraus. Kaum erfüllte das blaue Licht den geheimen Folterraum in der »Weißen Libelle«, kaum war die magische blaue Rose voll gezeichnet, da wurde aus dem blauen Spinnennetz, das den Kapitän vollständig umgab, eine komplette blaue Haut. Eine magische blaue Rose als Zeichen des »Guten«!!! »Neeeeeeeeeein«, rief die Stimme ein letztes Mal, dabei wurde sie immer schwächer, schien sich weit weg zu entfernen. Es knirschte und knarschte, es knackste und knatterte, so, als ob Eis brechen würde.
Und tatsächlich: Der blaue Körper vor ihnen wurde mit einem Mal von Rissen durchzogen – und zerbarst wie ein gebrochener Spiegel. Päng! Klirr!!! Und zurück blieb: ein kleiner roter Kreidefelsenkobold! Nackt hockte er mit seinem roten Körper auf dem Boden, war völlig überfordert mit dem, was mit ihm geschehen war. Lieutenant Darfo und Wild Wild Sonja wussten, was Sache war, sie hatten jetzt eine heiße Spur: »Helgoland«, hauchte Wild Wild Sonja. »Wir müssen zum sagenumwobenen, mystischen Helgoland …
… Der Wellengang war stark, immer wieder spritzte Gischt an Deck. Nicht festgetaute Gegenstände flogen herum, dort eine Tonne, da ein leeres Erdbeerinha-Fass. Lieutenant Darfo hatte die Crew zwar angewiesen, alles festzumachen, aber Märchenwesen an sich waren schon kleine Schlampen – und sie hatten andere Dinge bei dem Wellengang zu tun. Die einen waren mit sich und ihrer Seekrankheit beschäftigt, die anderen nutzten einfach den Moment: Hier hielten Elfen die Einhörner fest, damit sie nicht über Bord gespült wurden, dort bildeten Lindwürmer eine lange Kette, um die an einem riesigen Seil surfenden Waldschrate hinter der »Weißen Libelle« herzuziehen. »Jipiiiiiii«, konnte man die Surfer quietschen hören. Sie hatten mächtig Spaß bei diesen Windstärken.
Andere wiederum hatten sich heimlich abgesetzt, um auf Spiekeroog zu bosseln. (Sie würden aber zu allem wieder pünktlich zurück sein, das war immer so bei Märchenwesen.) Aber jetzt hatten sie ein Ziel: Die »Weiße Libelle« hatte Kurs auf das sagenumwobene Helgoland genommen. In der Kapitänskabine standen die Offiziere alle um den großen Kartentisch versammelt.
»Moin!« »Moin.« »Moin!« »Moin.« Immer wieder wurden sie durch den Raum geschüttelt. Die drei blau leuchtenden Glühwürmchen waren kurz vor seekrank. Sie waren schon ganz grün. Der Kapitän der »Weißen Libelle« schaute sie besorgt an. »Dammich noch eins, das wird keine einfache Reise«, stellte Wild Wild Sonja fest und klammerte sich an den Tisch. Ein Nicken der Offiziere, dann Schweigen. Alle hartgesottenen Seemänner hier wussten, dass es eine beschwerliche Fahrt werden würde. Doch welchen Kurs sollten sie nehmen?
Auf der Karte waren sie eingezeichnet: die Untiefen, die Meeresstrudel, die geheimen Felsen, die ein Eigenleben hatten. Sie waren mal da, um Sonne zu tanken, dann verschwanden sie wieder. Und sie wanderten auch auf dem Meeresboden. Niemand konnte genau sagen, wo sie sich jetzt gerade befanden. Auch nicht die echten Friesen.
Vor allem in der Nacht oder bei Nebel konnten die wandernden Felsen zu tödlichen Gefahren werden.
»Ungefähr 25 Stück haben sie im letzten Jahr gezählt«, zeigte Baronesse Martha de beau auf die alte Seekarte. Sie sahen auf der Karte alles, von Sylt bis Juist, Norderney und Baltrum. »Und sie haben erzählt, dass Brunhilde Stein letztes Jahr gekalbt hat!« Oh, Glückwunsch. Alle schauten sich freudig an. Wandernde Steinfelsen feierten Bergfest, wenn das jüngste Mitglied der Gruppe zum ersten Mal die Wasseroberfläche durchbrach. Das konnte zwar zwei bis drei Jahre dauern, aber auf die Party freuten sich jetzt schon alle. Logisch, dass die komplette Besatzung der »Weißen Libelle« eingeladen war. Eine Mordsgaudi, so ein Bergfest. »Und, ist es ein Mädchen oder ein Junge?«, wollte Lieutenant Darfo im herrlichsten Franzosen-Offiziers-Dress direkt wissen. Jetzt wurden alle einmal bis zur Decke geschleudert, dann landeten sie wieder auf ihren Füßen. Martha mit ihrer blonden Lockenperücke auf dem Kopf und in ihrem feinen Edel-Kleidchen strahlte ihn an, ihren Held. Er war so einfühlsam! Haaaach. Schmacht! »Josefine heißt die Kleine!« Oh, ah, aha! »Sehr schön«, freute sich Kapitän Wild Wild Sonja mit. Die drei blau leuchtenden Glühwürmchen würden auch gerne, ihnen war aber zu schlecht. Rudermann Blackbeard Johnny mit dem schlafenden Mini-Papagei auf der Schulter widmete sich Seifenblasenpfeife blubbernd bereits wieder der Karte. Ganz alter Seebär. »Und wissen wir, wo sich die wandernde Felsen-Herde aktuell befindet?« Martha zeigte auf das gelb-braune Papier der jahrhundertealten Karte und rammte ein Messer rein. »Ungefähr dort!« Toll, schoss es Wild Wild Sonja und Blackbeard Johnny direkt durch den Kopf. Das war genau auf ihrem Weg nach Helgoland. Synchron murmelten beide los: »Dann müssen wir den Ausguck verdoppeln!«
Und das war nicht das Einzige, was ihnen Sorgen bereitete. Darfo war allerdings gerade noch über das Messer in der teueren Karte entsetzt: Martha hatte ein Loch hineingebohrt! Das ging ja mal gar nicht!! Schockschwerenot! »Weißt du eigentlich, wie teuer die ist??« Martha, Sonja und Johnny schauten verzückt auf. Wusste er es nicht? »Doch!«, grinste Wild Wild Sonja ihn an. »Wir wissen es. Sehr teuer und … eigentlich unbezahlbar!« Darfo verstand nicht und schaute sie jetzt alle wie ein UFO an. Waren sie denn nicht sauer?? Er hatte da jetzt aber so ein Gefühl … »Öhm«, gab er sein Unwissen preis. Martha kicherte. Sie zog das Messer wieder aus der Karte heraus. Ein großes Loch mit Rissen hatte die Stelle zerstört. Doch drei, zwei, eins … kam Leben in die Karte hinein – und vor ihren Augen verschloss sich der Riss wieder, sah sie genauso aus wie vorher! »Echt jetzt?«, blickte Darfo Johnny an. Blackbeard Johnny mit schnarchendem Mini-Papagei grinste, zog schnell ein Streichholz, entzündete es an seinem braunen Piraten-Stiefel und hielt die Flamme an den Kartenrand. Sofort fing das Papier Feuer. Ein Viertel der Karte hatte die Flamme bereits vernichtet, da schüttete der Schmetterlings-Sheriff-Pirat einen Becher Wasser rüber. Und drei, zwei, eins … der verkokelte Geruch lag immer noch in der Luft – wuchs die Karte sofort wieder an und war danach wieder wie brandneu!
Freudige Gesichter! »Und was ist, wenn ich sie zerkaue und runterschlucke?« Johnny blickte Darfo verzückt an. »Kannste ja mal probieren …«, kicherte er. Pause. Stille.
Darfo dachte an seinen Magen, wie die Karte sich in seinem Bauch wieder zusammensetzte und er dann aufs Klo musste … Ähm, ne, danke. »Aber trotzdem: coole Sache!«, stellte Lieutenant Darfo mit der Leichtigkeit eines Märchenwesens fest. Aber zurück zum Kurs, den sie nehmen wollten – und der bereitete ihnen wirklich Sorgen: Der beste Weg führte hauchzart an zwei Wasserstrudeln bei Wilhemshaven vorbei, an drei Sirenenbänken bei Wangerooge, dann im Zickzack-Schlinger-Kurs über die magische Standard-Märchenwesen-Route Harlesiel, Spiekeroog, Neuharlingersiel, Bensersiel und Dornumersiel, Langeoog, dann Baltrum und Neßmersiel, und schließlich um Norderney und sein magisches Wasserloch rum. Von da aus konnten sie endlich wieder Kurs auf Büsum und Husum nehmen. Das wusste jedes Märchenwesen an Bord der »Weißen Libelle«. Und erst dann konnte man auch wirklich sicher gen Helgoland! Da mussten sie so schnell wie möglich hin. Denn: Das, was da auf Helgoland war, sorgte dafür, dass Kummer und Leid über die Meeressäuger gebracht wurde! Die Zahl der Todesmeldungen, die ihnen ihr Nachrichten-Bataillon Möwen überbrachte, rissen nicht ab. Mehr noch: Die schlechten Neuigkeiten nahmen sogar zu. Würden sie nicht bald einschreiten, dann würde es in der Nordsee keine Fische, keine Wale, keine Algen, keine Krabben, keine Robben, einfach nichts mehr Lebendiges geben!
Überall verendeten sie an Plastiktüten! Es war höchste Eisenbahn, dass sie das Böse bekämpften und wieder für Frieden und Ruhe auf der Nordsee sorgten!! Aber da mussten sie erst einmal hingelangen. Und wichtiger: Sie wussten gar nicht, was auf Helgoland auf sie wartete. War dort tatsächlich schon das, was für die Katastrophen und die Meeresverschmutzung verantwortlich war? Oder hatte sie der sterbende Geist hinters Licht geführt? Sie wussten es einfach nicht, aber sie mussten wenigstens alles unternehmen, was sie konnten! Denn das war ihre Aufgabe – als Nordsee-Piraten!! Und die mussten sie erfüllen, auch wenn es sie das Leben kosten konnte!!!
Uaaah, lief es ihnen als fröhlicher Schauer den Rücken hoch und runter. Sie waren mit einem Mal voll des Mutes! Die Schmetterlingsoffiziere blickten sich voll friesisch aufgekratzt an: »Jo.« »Jo.« »Jo.« »Jo.« – kam’s ganz gelassen.
Jetzt sprang das Schiff auf einer Welle wieder so hoch und runter, dass alle vier Offiziersschmetterlinge durch die Kapitäns-Kabine geschleudert wurden. »Hui«, kicherte Darfo und berappelte sich als Erster wieder. »Ich denke, wir sollten auch mal langsam wieder an Deck gehen und schauen, ob noch alles in Ordnung ist«, zeigte Wild Wild Sonja gen Türe. »Ohja«, verdrehte Lieutenant Darfo die Augen. Er kannte seine Mannschaft. Sie waren ja nicht besser als er. Und wenn er sich selber schon nicht traute … Eilig falteten sie die Karte wieder zusammen und legten sie in die Schatulle aus Zedernholz. Dann machten sie sich auf den Weg nach oben – und was sie sahen, machte sie sprachlos: Die Segel der »Weißen Libelle« waren unten, das Schiff stand. Wie Zaungäste fein säuberlich aufgereiht harrten Hunderte Elfen an der Reling aus – und blickten … auf eine Fregatte der deutschen Bundesmarine. »Öhm«, kratzte sich Wild Wild Sonja jetzt am Kopf. Johnny rannte schnell zu seinem Ruder. »… Bitten wir sie, sich bereit zu machen, dass wir sie zu uns an Bord holen«, hörten die Baronesse de beau, Lieutenant Darfo und Wild Wild Sonja gerade noch. Die Fregatte Augsburg hatte bereits ein Beiboot zu ihnen rüber geschickt. »Der kann mich mal«, murmelte Sonja, sie wollte sofort wieder Segel setzen lassen, … aber da legten die Marine-Soldaten bereits an der »Weißen Libelle« an. Drei grün uniformierte Weihnachtselfen und ein Osterhase ließen eine Strickleiter herunter, ein Offizier kletterte mit sichtlichem Unbehagen zu ihnen an Deck. Als er oben angekommen war, wusste er nicht, was er sagen, wie er sich verhalten sollte. Er stand in seiner schicken Gala-Uniform einfach nur da, blickte die Elfen, die Einhörner, die Waldschrate, zwei Osterhasen, die Schmetterlinge und alle anderen Lebewesen an Bord teils fasziniert, teils verängstigt an. Auf jeden Fall ungläubig.
Dann schweifte sein Blick über das prachtvolle Schiff. So etwas hatte er noch nie gesehen. Keine Planke glich von der Farbe her der anderen. Die »Weiße Libelle« war ein schwimmender Regenbogen. Mit Kanonen, mit riesigen Segeln, auf denen goldene Einhörer prangten. Und mit einer Galionsfigur, die das Schiff aus physikalischen Gründen (aufgrund ihrer Größe und ihres Gewichtes) eigentlich sofort in die Tiefen der Meere reißen müsste.
Und sogar mit einem singenden Möwen-Chor, der gerade seine Übungsstunde abhielt und sich von der Bundesmarine nicht hindern lies, seine Probe fortzusetzen:
»What shall we do with a candied sailor,
What shall we do with a candied sailor,
What shall we do with a candied sailor,
Early in the morning?
Way hay and up she rises,
Way hay and up she rises,
Way hay and up she rises,
Early in the morning …«
Hinter dem Offizier betraten noch zwei weitere Marine-Soldaten das Schiff – und sie waren bewaffnet. Wild Wild Sonja im Piraten-Kapitänskostüm ging auf den Offizier zu, stellte sich breitbeinig vor ihn hin und drückte ihren Unmut deutlich aus. »Erstens probt gerade unser Möwen-Chor, zweitens hatten einige Elfen gerade ihren Mittagsschlaf angekündigt, drittens ist einem unserer Einhörner mächtig schlecht und viertens haben wir eine Mission. Was um Himmelswillen wollt ihr auf der Weißen Libelle???!!« Der Offizier in seiner Gala-Uniform stammelte etwas vor sich hin, bis er es schaffte, nach unten zu Wild Wild Sonja zu blicken. Die drei blau leuchtenden Glühwürmchen schwirrten ganz aufgeregt um sie herum. »Eure Majestät …« »Nennt mich Kapitän, ich bin nicht königlich.« »Ähm, öh, Kapitän …« Wild Wild Sonja war wirklich sauer: »Gemäß der schon vor Jahrhunderten unterschriebenen Vereinbarung zwischen allen deutschen Marinen und der Weißen Libelle habt ihr nur das Recht mit uns in Kontakt zu treten, wenn Leben in Gefahr ist und wenn es der einzige Weg ist, es zu retten.« Wild Wild Sonja war so richtig stinkig. »Ist das der Fall???« Das letzte Mal hatte sie Mitte des 14. Jahrhunderts ein menschlicher Kapitän um Hilfe gebeten.
Entweder war es Störtebeker selbst gewesen oder es ging um Deutschlands berühmtesten Piraten. Das wusste keiner mehr so genau. Heute waren die Schiffe noch viel besser, ihre Technologien so fortschrittlich, dass es eigentlich überhaupt kein Grund mehr gab, um die Hilfe der »Weißen Libelle« zu bitten. Oder doch? »Ähm, öhm …« Nu man nich tüddeln! »Könnt ihr Menschen eigentlich immer nur stammeln … oder seid ihr auch in der Lage, ganze Sätze mit richtigen Wörtern zu sprechen?« Einer der Marine-Soldaten musste jetzt kichern, der andere war genauso gebannt wie der Offizier in Gala-Uniform. Piraten-Kapitän Wild Wild Sonja verdrehte die Augen: Die Einstellungskriterien bei der Bundesmarine konnten nicht sehr hoch sein. Neben Wild Wild Sonja stellte sich jetzt ganz unbekümmert ein grünes Einhorn und schleckerte lecker Vanille-Eis. »Öhm, äääh …« »Mann, wird das heute noch mal was?« Jetzt ging auch noch ein Elf zu dem Offizier, beobachtete ihn, ging um ihn herum, musterte ihn interessiert wie ein Tourist.
Dann streichelte er ihn liebevoll. »Dat löppt sich ans torecht, du Schiedbüddel!« Und schon ging der Elf wieder – und wie er … verloren immer mehr Elfen das Interesse an den Menschen, ebenso an der Fregatte Augsburg. Einige packten bereits ihre Cricket-Schläger aus, andere bauten Federball-Netze auf. »So, nu, Butter bei die Fische!«, machte Kapitän Wild Wild Sonja klar.
»Letzte Chance, sonst fliegst du über Bord.« Der Offizier atmete tief ein und setzte dann erneut an: »Wir bitten euch höflichst, …« Sonja grinste. Kurze Pause, noch mal einatmen: »… uns zu helfen!« Und schon waren alle Märchenwesen an Bord wieder voll bei dem Marine-Soldaten. Sprachlosigkeit jetzt an Bord der »Weißen Libelle«. Der Offizier hatte es geschafft, er merkte es selber und atmete laut aus. Das würde er seinen Enkeln noch erzählen können. Seine volle Konzentration war jetzt auf den Kapitän der »Weißen Libelle», auf Wild Wild Sonja mit ihren drei blau leuchtenden Glühwürmchen unter ihm gerichtet. »Wir bitten euch höflichst, uns bei einer Suche zu helfen. Noch wissen Amerikaner, Russen, Engländer, Franzosen und all die anderen Nationen nichts davon, … aber wir vermissen unsere Fregatte Lübeck – und es hat den Anschein, dass sie nicht auf irdische Art und Weise verschwunden ist …
… Die Sonne brannte auf das Achterdeck, der Himmel hatte kein weißes Wölkchen mehr übrig, an Bord der »Weißen Libelle« war gerade Happy Hour. Es wehte kein Windchen – das Schiff kam keinen Zentimeter mehr voran. Plastikmüll trieb neben dem Schiff. Zwei Einhörner sammelten ihn mit einem Beiboot ein.
»Hmmpff«, grummelte Kapitän Wild Wild Sonja. Sie war schon fast verzweifelt. Sie kamen nicht weiter – und sie hatten doch eine Mission! Eine sehr, sehr wichtige Mission!! »Wir könnten sie auch an die Ruder lassen«, flüsterte Lieutenant Darfo Rudermann Blackbeard Johnny zu. Doch er bekam keine Antwort – der Rudermann hatte gerade frei. »Jippppiiiiii«, war Johnny bereits der Nächste oben an der Rutsche. Auf der regenbogenfarbenen »Weißen Libelle« hatten die Elfen eine Monster-Rutsche installiert. Knapp 50 Meter hoch, im Kreis drehend, samt einem Looping führte die Röhre direkt hinunter in die Nordsee. Auch Märchenwesen hatten sich ihren Feierabendspaß bei Flaute verdient.
Dazu gab es tonnenweise Zuckerwatte, gebrannte Mandeln, updröögt Bohnen, Schokolade, Paradiesäpfel und jede Menge Erdbeerinha. Und Musik, Karibik-Style.
Die Baronesse de beau sonnte sich im feinsten Edel-Bikini, die Einhörner spielten Wasserbomben-Twist. »Hmmmpf«, grummelte Kapitän Wild Wild Sonja. Sie hatten eine Mission … und so kamen sie beim besten Willen nicht weiter. Flaute, es herrschte Flaute. Verdammt, sie mussten weiter. Grummel. »Ma’am, ist das immer so bei ihnen?« Der Offizier der Fregatte Augsburg hatte einen anderen Offizier auf der »Weißen Libelle« gelassen. Besser: Wild Wild Sonja hatte es erlaubt. Nach einer hochdemokratischen Abstimmung. Alle an Bord befindlichen Märchenwesen hatten teilnehmen müssen. Wer nicht wollte, wurde von Bord geschmissen. Ins Meer. War aber keiner. Sie alle hatten wundersamerweise abstimmen wollen. Und, oh Wunder: Alle hatten sie mit »Ja« gestimmt. Ein echter Mensch war mal so eine richtige Abwechslung an Bord. Und vielleicht konnte er ja sogar etwas von ihnen lernen?
Wahrscheinlich schon. Höchstwahrscheinlich, da waren sich Elfen, Einhörner, Osterhasen und all die anderen Märchenwesen einig. »Naja«, schaute Wild Wild Sonja im Piraten-Kapitänsdress jetzt gelassen geradeaus. Auf ihrer Hauptmission hatten sie jetzt mit der Suche nach der Fregatte Lübeck eine Untermission. Die Mannschaft hatte sich wirklich ein wenig Entspannung verdient.
Einige der Elfen dachten schließlich immer noch, sie wären auf einer Kreuzfahrt. Erst im Herbst liefen die Vorbereitungen für Weihnachten in der geheimen Geheimstadt des Weihnachtsmanns an – und in die Karibik, da hatten sie immer schon hingewollt. Einige wussten noch nicht einmal, dass die anderen Elfen sie reingelegt hatten. Und dass das hier nicht die Karibik war, sondern »lediglich« die Nordsee. Für sie war es jetzt aber die Karibik – und die war aus ihrer Sicht wirklich toll.
Und warm. Wärmer als der Nordpol. Das reichte eigentlich schon. Und der Offizier mit seinen zwei Matrosen, der jüngst kurz an Bord gekommen war, war nichts anderes als der Kapitän der Fregatte Augsburg gewesen. »Die Einstellungskriterien waren wirklich nicht hoch bei der Bundesmarine«, hieß es jetzt in Märchenwesen-Kreisen. Denn: Der Offizier war dank der Einhörner, der Osterhasen, der Schmetterlinge und all der anderen so nervös gewesen, dass er einfach vergessen hatte zu sagen, dass er der Kapitän war. Nun hatte der Fregattenchef Mo Hendrichs als Verbindungsoffizier an Bord der »Weißen Libelle« lassen dürfen. Wenn sie die Fregatte Lübeck gefunden hätten, würde Mo dort direkt an Bord gehen – oder die Schmetterlinge würden ihn mit einer Schwimmweste und einem »Ping«-Gerät einfach über Bord werfen. So war es nun mal abgesprochen. Und er hatte noch viel zu lernen, der Mensch in seiner ebenfalls feinsten Uniform. Anders als der Kapitän war er nicht nervös, betrachtete das prachtvolle Segelschiff voller Märchenwesen aus jahrhundertealten Geschichten wesentlich lockerer. Wenn man das so sagen konnte. In den meisten Situationen wusste er zwar auch nicht, wie er reagieren sollte, wenn beispielsweise ein Einhorn mit ihm über die richtige Hornpflege quatschen wollte, aber ansonsten hielt er sich ganz wacker, wie sie fanden. Gut, er stand viel zu steif da. Immer gerader Rücken, immer höflich in den Umgangsformen. »Aber du wirst schon lernen, zu fluchen wie ein Märchenwesen«, hatte ihm Schmetterlingsmacho Johnny auf den Rücken geklopft und ihm Mut zugesprochen. Und wichtig: »Trau kien Oss van vörn, kien Perd van achtern un kien Minsk üm die to!« Altes Märchenwesen-Sprichwort. Das war allgemeingültig! Jetzt stand Mo Hendrichs mit Wild Wild Sonja oben am Ruderstand und schaute übers Deck.
Reihenweise Liegestühle waren dort aufgebaut. Alle mit Handtüchern reserviert. Die Elfen spielten und tobten, die Lindwürmer sprangen vom Sprungbrett, Schmetterlingsmacho Johnny ließ sich gerade in eine Kanone stopfen – und Bumm, Bumm, Bumm, schienen gleich 30 oder 40 der vielleicht 300 Kanonen zu explodieren. Nicht nur Rudermann Johnny hatte sich hineinstopfen lassen, auch recht viele Elfen und einige Einhörner flogen jetzt im hohen Bogen über die Nordsee. Ein ganz normales Wasserspiel an Bord.
Juchzend fielen sie alle ins Wasser. »Moin.« »Moin.« »Moin«, murmelten irgendwo verschlafene Crewmitglieder. Wild Wild Sonja wollte sich gerade umdrehen, als sie sah, wie es gut 50, vielleicht 60 Meter von Bord entfernt einen kleinen Tumult im Wasser gab.
Lieutenant Darfo in seinem französischen Edel-Dress, der sich die ganze Zeit zusammenriss und sich nicht dem wilden Badespaß angeschlossen hatte, stand nun mit einem Mal neben ihr. Die Flaute machte auch ihm zu schaffen. Sie mussten eigentlich weiter. Wie dringend sie Wind brauchten. Wirklich dringend! Aber da war etwas:
»Ich bin mir nicht sicher, was da draußen gerade passiert«, sagte er und hielt sich unter Stöhnen und Schweißperlen auf der Stirn ein Fernglas für Menschen vor das Gesicht. Sein Kopf war gerade einmal so groß, dass er durch eins der beiden Gläser gucken konnte.
»Darf ich?«, half ihm Mo Hendrichs und hielt mit einer Hand locker das Fernsichtgerät. »Danke«, kommentierte Darfo es so, als wäre es das Normalste der Welt. »Gerne«, grinste der Marine-Offizier. Darfo war aber über das, was er sah, alles andere als zufrieden. »Ich bin mir immer noch nicht sicher«, raunte er nun. Wild Wild Sonja krabbelte unter der Hand von Mo Hendrichs durch und stellte sich ans zweite Glas. »Hmmm«, grummelte sie nun auch. An Bord ging der Badespaß immer noch weiter.
Hier herrschte Flaute. Aber dort hinten … »Hmmmm«, kratzte sie sich nun das Köpfchen. Sie konnten jetzt nicht sagen, dass da hinten Gefahr lauerte. Die Elfen, die dort hinten durch die Kanone ins Wasser gefallen waren, hatten … zusätzlichen Spaß!! »Aber so weit vom Schiff entfernt, mitten auf der Nordsee?«, murmelte Lieutenant Darfo. Sehr mysteriös, sehr mysteriös. Das Treiben gefiel dem Kapitän der »Weißen Libelle« nun gar nicht mehr. »Ich denke, wir sollten ihnen hier allen an Bord einmal den Ernst der Lage klar machen«, sagte Wild Wild Sonja mit festerer Stimme. Langsam beschlich sie wieder das schlechte Gewissen. Während sie hier Spaß hatten, starben höchstwahrscheinlich Meereslebewesen.
Das durfte nicht so weitergehen! »Wenn wir doch nur Wind hätten«, murmelte sie nun wieder, beinahe jammernd, und schaute gen Himmel. Petrus, alter Freund, Wind wäre jetzt hilfreich, sendete sie ein Stoßgebet ab. Es dauerte nur einen Augenblick … was war das?? »Hast du das auch gerade gesehen?« »Ja!«, sagte Lieutenant Darfo nun mit lauterer Stimme. Er war bereits leicht aufgekratzt. »Die Elfen werden da hinten ebenfalls in die Luft geschossen!!« Kaum zu glauben. Mo Hendrichs hielt sich zum Sonnenschutz seine freie Hand an die Stirn. Er konnte nicht so weit schauen. Aber der Wind schien jetzt sogar von da hinten zu kommen, … so dass die Geräusche zu ihnen transportiert wurden. Wind?
