Die Weisheit des Tees - Noriko Morishita - E-Book

Die Weisheit des Tees E-Book

Noriko Morishita

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Beschreibung

Ein Meisterwerk über die stille Schönheit des Unscheinbaren Seit mehr als 25 Jahren übt Noriko Morishita die Kunst der japanischen Teezeremonie aus. Selbst nach so langer Zeit entdeckt sie immer wieder neue bereichernde Facetten in diesem scheinbar strengen Ritual. Anmutig erzählt sie in ihrem Memoir, wie sie den Weg des Tees (jap. Sadō) beschritt, wie er ihr durch die Unwägbarkeiten des Lebens half und ihr bis heute innere Ruhe und Harmonie beschert. Als junge Frau erlernt Noriko Morishita zunächst widerwillig die Kunst der japanischen Teezeremonie kennen – und doch geht sie von diesem Tag an jede Woche ins Teehaus. Die bedächtig durchgeführte und symbolträchtige Reihenfolge der Teezubereitung lassen ihr Umfeld, die Natur und die kleinen Dinge des Lebens plötzlich bedeutungsvoller und reicher erscheinen. Auch leiten sie die Lehren des Tees durch Liebeskummer, berufliche Unsicherheiten, den Tod des Vaters und immer wieder aufkeimende Selbstzweifel. Eingebettet in jeweils eine neue Lektion, wie »Lerne, dass du nichts weißt« und »Sei im Hier, jetzt!«, führt uns ihre Geschichte die weisen Grundprinzipien dieser alten Kunst vor Augen: Das wahre Leben besteht nicht aus den großen Momenten, sondern im achtsamen Erleben des Alltags – im Klang des Regens, im Duft von Kohle, im edelbitteren Geschmack grünen Tees. 

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 199

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Dies ist der Umschlag des Buches »Die Weisheit des Tees« von Noriko Morishita

Noriko Morishita

Die Weisheit des Tees

Vom Finden des Glücks in der japanischen Teekultur

Übersetzt aus dem Japanischen von Charlotte Scheurer

Klett-Cotta

Impressum

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe zum Zeitpunkt des Erwerbs.

Klett-Cotta

www.klett-cotta.de

J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH

Rotebühlstraße 77, 70178 Stuttgart

Fragen zur Produktsicherheit: [email protected]

Die japanische Originalausgabe wurde 2002 mit dem Titel NICHINICHI KORE KOJITSU. OCHA GA OSHIETEKURETA 15 NO SHIAWASE von ASUKA SHINSHA Ltd., Tokio, veröffentlicht.

Die japanische Taschenbuchausgabe wurde 2008 von SHINCHOSHA Publishing Co., Ltd., Tokio, veröffentlicht. All rights reserved.

Die deutsche Ausgabe wurde in Zusammenarbeit mit SHINCHOSHA Publishing Co., Ltd. c/o Tuttle-Mori Agency, Inc., Tokio, veröffentlicht.

© 2002 by Noriko Morishita

Für die deutsche Ausgabe

© 2026 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle deutschsprachigen Rechte sowie die Nutzung des Werkes für Text und Data Mining i.S.v. § 44b UrhG vorbehalten

Cover: Rothfos & Gabler, Hamburg

unter Verwendung einer Abbildung von © freepik

Gesetzt von Dörlemann Satz, Lemförde

Fotografien Tafelteil: © by Katsuhiko Ushiro. Weitere Fotografien © by Mitsuyoshi Hirano (Shinchosha Photography Department), ausgewiesen mit einem Asterisk (*).

Gedruckt und gebunden von CPI – Clausen & Bosse, Leck

Lektorat: Sabrina Keim

ISBN 978-3-608-96687-9

E-Book ISBN 978-3-608-12530-6

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

Vorwort

Prolog

Chajin

Tante Takeda

Kapitel 1

Wissen, dass man nichts weiß

Das Haus unserer Lehrerin

Fukusa-sabaki

Natsume und Matcha

Der erste Tee

Schlürfend trinken

»Egal warum«

O-Temae und Tatami

Form und Seele

Rühren

Was es heißt, etwas zu lernen

Kapitel 2

Nicht mit dem Kopf denken

Gewöhnung statt Übung

Jede Woche neue Utensilien

Vertraue deinen Händen

Kapitel 3

Sich auf den Moment konzentrieren

Plötzliche Veränderung

Wintertee

Sommertee

Kapitel 4

Sehen und fühlen

Gastgeber und Gast

Hatsugama

Takeda-senseis Verbeugung

Senseis Koicha-temae

Kapitel 5

Das Echte mit den eigenen Augen sehen

Chakai

Lange Schlangen

Ō

yose

Die Rolle des Ehrengastes

Wer nicht wagt, gewinnt

Utensilien

Ansichtsexemplare

Jeder Tag ist ein guter Tag

Das Lernen

Kapitel 6

Die Jahreszeiten genießen

Ein Grund zum Blaumachen

Japanische Süßigkeiten

Was es heißt, die Dinge zu kosten

Die Dramatik der Teeutensilien

Rollbilder

Wasserfall

Ein Kreis und Schnee

Kapitel 7

Die Natur mit allen Sinnen spüren

Auslöser

Juniregen

Die Ästhetik der Klänge

Das Murmeln im Bahnhof

Duft der Erinnerung

Blumenatlas

Kapitel 8

Im Moment präsent sein

Moratorium

Mit dem Herzen bei der Sache sein

Das Daruma-Rollbild

Kapitel 9

Gib dich der Natur hin und verweile

Gebrochenes Herz

Der längste Winter

Kapitel 10

Die Dinge akzeptieren, wie sie sind

Gut, so wie es war

Kein Selbstvertrauen

Komplexe

Ein Entschluss im dreizehnten Jahr

Chaji

Am Wendepunkt

Kapitel 11

Der Abschied kommt immer

Späte Autonomie

Ichi-go ichi-e

Kapitel 12

Hör auf dein Herz

Die kalte Jahreszeit

Wenn der Kessel nicht mehr pfeift

Kapitel 13

Wenn es regnet, lausche dem Regen

Dem Regen lauschen

Kapitel 14

Dem eigenen Wachstum Zeit geben

Was man lernen kann und was nicht

Kapitel 15

Denke langfristig und lebe im Moment

Teeschalen und Tierkreiszeichen

Tafelteil

Nachwort

Nachwort der Taschenbuchausgabe

Vorwort

Jeden Samstagnachmittag breche ich auf zu einem Haus, das etwa zehn Gehminuten entfernt liegt. Es ist alt, und vor dem Eingang steht ein großer Topf mit einer Zimmeraralie. Wenn ich die ratternde Tür aufschiebe, finde ich mich in dem von Wassertropfen benetzten Eingangsbereich wieder und rieche Kohle. Vom Garten her erklingt leise das Geräusch plätschernden Wassers.

Ich betrete das Zimmer mit Blick auf den Garten und setze mich auf die Tatami, koche Wasser, bereite eine Schale Tee zu und trinke sie. Diesen Vorgang wiederhole ich stetig.

Ich nehme nun schon seit fünfundzwanzig Jahren einmal in der Woche Unterricht im Weg des Tees, seit meiner Studienzeit.

Selbst heute noch verwechsle ich manchmal die Reihenfolge der Schritte. Es gibt vieles, das mich dabei verwundert und wofür ich den Grund nicht kenne. Die Beine schlafen mir ein. Der Ablauf ist kompliziert. Ich bezweifle, dass ich ihn jemals perfekt beherrschen werde.

»Sag mal, was ist an der Teezeremonie eigentlich so interessant? Warum machst du das immer noch?«

Das hat mich eine Freundin einmal gefragt.

Im fünften Grundschuljahr haben mich meine Eltern mit ins Kino genommen, in Fellinis »La Strada«. Ein düsterer Film, der von einem bettelarmen reisenden Künstler handelt. Natürlich habe ich ihn nicht verstanden. Das sollte ein Meisterwerk sein? Da war mir Disney lieber.

Doch zehn Jahre später, als Studentin, sah ich den Film erneut und erlebte einen Schock. Ich erinnerte mich entfernt daran, Gelsominas Melodie schon einmal gehört zu haben, aber der Inhalt war praktisch neu für mich. Darum ging es also in »La Strada«! Es zerriss mir das Herz, und in der Dunkelheit des Kinosaals fing ich an, bitterlich zu weinen.

Danach lernte ich selbst die Liebe kennen und auch den Schmerz, sie zu verlieren. Nach zahlreichen Rückschlägen auf dem Jobmarkt suchte ich weiter nach meinem Platz im Leben. Eine kaum nennenswerte Dekade verging.

Mit Mitte dreißig sah ich mir erneut »La Strada« an. Was? War diese Einstellung schon immer im Film gewesen? Es gab etliche Szenen und Zeilen, die mir völlig unbekannt schienen. Die vollendete Darbietung von Giulietta Masina, die die freche Heldin Gelsomina spielt, beeindruckte mich zutiefst. Der gealterte Zampanò, der vom Tod der Frau erfährt, die er verstoßen hat, und nachts am Strand von Tränen geschüttelt wird, war auf einmal nicht mehr nur ein grausamer Mann. Wie einsam die Menschen doch sind, dachte ich. Die Tränen wollten nicht versiegen.

Fellinis »La Strada« ist jedes Mal etwas Neues. Mit jedem Ansehen wird der Film tiefgründiger.

Auf der Welt gibt es Dinge, die man sofort versteht und solche, bei denen es nicht so ist. Die Dinge, die man sofort versteht, kann man nach einem Mal an sich vorbeiziehen lassen. Doch zu Dingen, wie Fellinis »La Strada«, die man nicht direkt versteht, findet man erst mit der Zeit einen Zugang, und sie verwandeln sich in etwas Neues. Und jedes Mal, wenn ich das erkenne, wird mir bewusst, dass das, was ich gesehen habe, nur ein Bruchteil des Ganzen gewesen ist.

So geht es mir auch mit dem Weg des Tees.

Mit zwanzig verstand ich die Teezeremonie ausschließlich als Bestandteil von Manieren und Etikette. Sie wirkte starr, wie in Form gegossen und bereitete mir keinerlei Freude. Egal, wie oft ich mich daran versuchte, ich verstand einfach nicht, was ich tat. Obwohl ich kaum einen Schritt der Zeremonie im Gedächtnis behalten konnte, sollte ich mich auch noch am Wetter des jeweiligen Tages orientieren und sowohl Utensilien als auch Ablauf daran anpassen? Mit dem Wechsel der Jahreszeiten wurde das Teezimmer stets komplett umgeräumt. In diesem Zyklus habe ich jahrelang niedergeschlagen einfach nur bestimmte Bewegungen wiederholt.

Eines Tages fing der Regen plötzlich an, einen lauen Geruch zu verströmen. Oh, ein Abendgewitter zieht auf, dachte ich.

Das Prasseln der Regentropfen auf den Bäumen im Garten klang an diesem Tag anders als bisher. Direkt danach breitete sich der modrige Geruch von Erde aus.

Bisher hatte ich den Regen nur für Wasser gehalten, das vom Himmel fällt. Einen Geruch hatte er nicht gehabt. Die Erde auch nicht. Es war, als hätte ich in einer Glasflasche gesteckt und daraus die Welt beobachtet. Als sich der Schleier dieses Glases lüftete, hatten die Jahreszeiten auf einmal Gerüche und Klänge – sie appellierten an alle fünf Sinne. Mir wurde bewusst, dass ich ein von den Jahreszeiten geprägtes Lebewesen bin, wie ein Frosch, der das Ufer, an dem er geboren wurde, am Geruch erkennen kann.

Jedes Jahr zeigen sich die Kirschblüten Anfang April in ihrer vollen Pracht, und Mitte Juni beginnt pünktlich die Regenzeit. Etwas so Offensichtliches habe ich erst in meinen späten Zwanzigern mit großem Erstaunen bemerkt.

Davor hatte ich die Jahreszeiten mental nur in »wenn es heiß ist« und »wenn es kalt ist« unterteilt. Doch nun wurde es rasch detaillierter. Im Frühling blühten zuerst die Zierquitten, dann die Pflaumen und Pfirsiche, und schließlich begann die Kirschblüte. Wenn diese Bäume dann ihre Blüten verloren und Laub trugen, lag der Geruch des Blauregens in der Luft, und wenn der Rhododendron verblüht war, begann die Luft bereits stickig zu werden, und die ersten Schauer der Regenzeit kündigten sich an. Und die Gardenien versprühten ihren süßlichen Duft. Nach der Blüte der Hortensien neigte sich die Regenzeit dem Ende zu, was bedeutete, dass die Kirschen- und Pfirsichbäume bald Früchte tragen würden. Die Jahreszeiten überschnitten sich und gingen lückenlos ineinander über.

In alten Kalendern waren die vier Jahreszeiten – Frühling, Sommer, Herbst, Winter – noch in vierundzwanzig unterteilt. Doch offen gestanden ist für mich dank des Tees jede Woche eine neue Jahreszeit.

Eines Tages regnete es stark. Ich konzentrierte mich so sehr auf den Klang der Tropfen, dass der Raum, in dem ich mich befand, auf einmal zu verschwinden schien. Stattdessen stand ich inmitten des prasselnden Regens. Während ich ihm lauschte, wurde ich schließlich selbst zum Regen und fiel auf die Bäume im Garten meiner Lehrerin herab. Das konnte es also bedeuten, lebendig zu sein? Bei diesem Gedanken bekam ich eine Gänsehaut.

Während meiner anhaltenden Beschäftigung mit dem Tee gab es diese Momente immer wieder, wie Fälligkeitstage von Festgeldanlagen. Etwas Besonderes habe ich dafür nie getan. Ich verbrachte nicht weiter bemerkenswerte Zwanziger und lebte unauffällig meine Dreißiger und Vierziger.

In dieser Zeit, ohne, dass ich es selbst bemerkt hatte, füllte sich Tropfen um Tropfen ein Glas. Bis es voll war, geschah keinerlei Veränderung. Aber als es dann so weit war, fiel schließlich der Tropfen, der die Oberflächenspannung brach. Mit einem Mal strömte das ganze Wasser über den Rand.

Natürlich kommt man in bestimmten Lebensphasen auch zu neuen Erkenntnissen, ohne den Weg des Tees zu gehen. Ein Mann, der Vater geworden ist, mag zum Beispiel erklären: »Mein Vater hat immer gesagt, dass ich manche Dinge eines Tages verstehen würde, aber erst jetzt, wo ich eigene Kinder habe, kann ich nachvollziehen, was er gemeint hat.«

Andere Menschen erklären, dass sie nach einer Krankheit nun das alltägliche Gefühl, keine Beschwerden zu empfinden, liebgewonnen hätten.

Die Menschen öffnen im Fluss der Zeit gelegentlich ihre Augen und entdecken das eigene Wachstum.

Aber was Unnötiges einhegt und das Wachstum, das einem selbst verborgen bleibt, erfahrbar macht – das ist der Tee. Am Anfang versteht man nicht, warum man tut, was man tut. Aber eines Tages wird sich plötzlich der eigene Horizont erweitern, wie es auch im Leben selbst geschieht.

Dafür, dass ich lange unter meinem mangelnden Verständnis gelitten habe, hat er mich durch das Überschwappen kleiner, großer und besonders großer Gläser unzählige Male in den Genuss des kostbaren Momentes kommen lassen, in dem sich einem die Welt ein bisschen weiter öffnet.

Anfang vierzig, nachdem mich der Weg des Tees schon über zwanzig Jahre begleitet hatte, begann ich schließlich, meinen Freunden davon zu erzählen.

»Ach, darum geht es dabei also?«, lautete dann häufig die Antwort, begleitet von einem erstaunten Gesichtsausdruck.

Ich wiederum war von diesen Reaktionen überrascht. Viele betrachteten den Tee bloß als einen kostspieligen Zeitvertreib prätentiöser Menschen und begriffen nicht, was man dabei eigentlich erlebte. Diese Sichtweise hatte ich bereits völlig vergessen, obwohl ich selbst bis vor nicht allzu langer Zeit noch so gedacht hatte.

Seitdem hatte sich der Gedanke bei mir eingenistet, dass ich gerne selbst einmal über den Weg des Tees schreiben möchte. Darüber, was ich in den letzten fünfundzwanzig Jahren im Haus meiner Lehrerin gefühlt habe, über die vielen Jahreszeiten und über die Momente, in denen ein volles Glas schließlich übergelaufen ist.

Fellinis »La Strada« rührt mich inzwischen zu Tränen, obwohl ich den Film als Kind nicht verstanden habe. Er zerreißt mir das Herz, ohne, dass ich mich anstrengen muss, ihn zu verstehen. Es gibt Dinge, die wir Menschen erst begreifen, wenn die Zeit dafür gekommen ist, so viel Mühe man sich auch geben mag. Doch wenn man es einmal verstanden hat, lässt es sich nicht mehr verstecken.

Als ich angefangen habe, den Tee zu lernen, konnte ich mir keinen Reim auf das machen, was man mir beibrachte, so sehr ich mich auch bemühte. Doch in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren ist mit jedem Schritt nach vorne die Sicht etwas klarer geworden, und langsam habe ich ein vages Verständnis von dem, was ich tue.

Wie ich mit schwierigen Zeiten, mit Zeiten, in denen ich verunsichert im Dunkeln tappe, umzugehen vermag, hat mich der Weg des Tees gelehrt.

»Denke langfristig und lebe im Jetzt«.

Prolog

Chajin

Tante Takeda

»Sie ist keine gewöhnliche Frau.«

Ich war vierzehn. Meine Mutter, die gerade vom Elternabend zurückgekehrt war, fuhr fort.

»Ich habe mit allen gesprochen, aber nur ihre Verbeugung, die war anders.«

»Was meinst du damit?«

»Es war eine normale Verbeugung, aber eben anders. Als sie ›Mein Name ist Takeda‹ gesagt und ihren Kopf gesenkt hat, da stockte mir kurz der Atem. So eine perfekte Verbeugung habe ich noch nie gesehen.«

»Also heißt diese Frau Takeda.«

»Genau. Ich sage dir, sie ist keine gewöhnliche Frau.«

Ich fragte mich, wie ich mir eine Frau vorstellen sollte, die nicht gewöhnlich war. Im Kopf malte ich mir jemanden aus, der streng und furchteinflößend war.

Eines Tages fand ich meine Mutter dabei vor, wie sie sich in unserem Eingang mit einer mir unbekannten Frau mittleren Alters unterhielt, die eine Rundhalsbluse trug. Sie war blass und hatte eine sanfte, weiche Art, wie ein Habutae-Mochi.

»Das ist dann sicher Ihre Tochter, nehme ich an? Guten Tag, mein Name ist Takeda.«

Die Frau, deren Ruf ihr vorausging, sah mich mit einem breiten Lächeln an und verbeugte sich.

Eine gekonnte Verbeugung war es zweifellos, aber so beeindruckend, wie meine Mutter es dargestellt hatte, schien sie mir nicht. Frau Takeda selbst war völlig anders, als ich mir diese ›ungewöhnliche Frau‹ vorgestellt hatte. Sie wirkte offen und freundlich.

So lernte ich Tomoko Takeda kennen.

Frau Takeda freundete sich mit meiner Mutter an, und ich begann, sie Tante Takeda zu nennen. Sie war im alten Stadtkern von Yokohama zur Welt gekommen und dort aufgewachsen, ein waschechtes Urgestein. Jahrgang 1932. Sie hatte Karriere gemacht – eine Seltenheit für Frauen ihrer Generation – und bis Anfang dreißig gearbeitet, doch hatte dann geheiratet, Kinder bekommen und war Hausfrau geworden. Sie hatte ein äußerst adrettes Erscheinungsbild. Eine auffallende Schönheit war sie nicht, auch war mir nie aufgefallen, dass sie Schmuck tragen würde, doch irgendetwas an ihr war schlichtweg gutaussehend. Tante Takeda sprach weder auf die schrille Weise, in die Frauen ihres Alters gelegentlich in Gruppen verfielen, noch zeigte sie das verschmitzte Lächeln, das den Frauen ihrer Generation vorbehalten war, die etwas zu verbergen schienen. Sie sprach lebhaft im alten Yokohama-Dialekt, was gar nicht zu ihrem sanften und freundlichen Äußeren passen wollte. Sie war bemüht im Umgang mit anderen, doch schien sie es nicht ausstehen zu können, zu lange in enger Gesellschaft unterwegs zu sein, also verabschiedete sie sich prompt, wenn die eigenen Besorgungen erledigt waren, und entfernte sich dann entschiedenen Schrittes. Viele Erwachsene, egal ob Mann oder Frau, änderten das Verhalten oder den Ton, wenn sie sich mit Autorität konfrontiert sahen, doch Tante Takeda passte sich an niemanden an.

Als ich es verpasste, einen Platz an meiner Wunschuniversität zu bekommen und ich mir nicht sicher war, ob ich ein Jahr warten sollte, um es noch einmal zu versuchen, waren sich meine Eltern und mein Umfeld einig.

»Als Frau muss man vielleicht nicht unbedingt ein ganzes Jahr auf einen Studienplatz warten. Schließlich heiratest du irgendwann.«

Das hörte ich immer wieder. Nur Tante Takeda war anderer Meinung.

»Noriko-chan, geh an deine Wunschuniversität. Ich finde, dass auch Frauen arbeiten und das Leben in allen Facetten kennenlernen sollten.«

Es war für mich das erste Mal, dass eine Frau in ihrem Alter klar die eigene Meinung ausgesprochen hatte. Schließlich entschied ich mich jedoch dafür, nicht zu warten.

»Verstehe. Solange du es selbst entschieden hast, ist das in Ordnung. Lebe so, dass du einmal stolz darauf sein kannst, deinen eigenen Entscheidungen gefolgt zu sein, ja?«, lautete ihre Antwort.

Man merkte ihr immer eine gewisse Entspannung und Offenheit an. Doch diese Haltung unterschied sich von der Art, die die Ehefrauen reicher Männer an den Tag legten. Schon damals, als der Großteil der Hausfrauen noch nichts außer den beruflichen Erfolg ihres Mannes und den schulischen Erfolg ihrer Kinder im Kopf hatte, schien sie mehr von der Welt zu verstehen.

»Na, weil sie Chajin ist«, sagte meine Mutter eines Tages.

»Chajin?«

»Jemand, der die Teezeremonie praktiziert. Frau Takeda macht das seit ihrer Jugend. Ich glaube, sie hat sogar ein Meister-Zertifikat. Sage ich doch immer, sie ist keine gewöhnliche Frau. Das war mir direkt klar, als ich sie zum ersten Mal gesehen habe.«

»Hmm …«

Der Weg des Tees war für mich damals noch eine fremde Welt. Ich begriff lediglich, dass man energisch Schaum anrühren und aus irgendeinem Grund die Schale drehen musste, bevor man trank.

Wie Tante Takedas adrette Erscheinung und gelassene Art mit der Teezeremonie zusammenhängen sollte, wollte mir nicht in den Kopf. Doch der elegante Klang des Wortes Chajin, das ich an diesem Tag zum ersten Mal hörte, hallte fortan in meinen Ohren nach.

Meine Schulzeit verging wie im Flug. Ich hatte mir vorgenommen, an der Universität etwas zu finden, an dem ich mein Leben ausrichten konnte, aber ich wusste immer noch nicht, was ich wirklich machen wollte. Ich hatte mich auf jede Gelegenheit gestürzt, etwas Ungewöhnliches zu finden, das andere nicht taten, doch nichts davon hatte lange mein Interesse halten können und nun, im dritten Jahr der Universität, fingen die anderen um mich herum schon an, von der Jobsuche zu sprechen.

»Noriko, was hältst du denn davon, die Teezeremonie zu lernen?«, schlug meine Mutter eines Tages aus heiterem Himmel vor.

»Was? Warum denn ausgerechnet das …« Ich verzog instinktiv das Gesicht.

Das hatte ich noch nie auch nur im Entferntesten in Erwägung gezogen. Japans traditionelle Künste wirkten auf mich vor allem staubig und uncool. Wenn schon Unterricht nehmen, dann lieber in Flamenco oder Italienisch.

Außerdem gehörten Dinge wie die Teezeremonie und Ikebana für mich zu den stereotypen Kunsttraditionen, die schon seit jeher von denjenigen gepflegt wurden, die die konservative Denkweise verinnerlicht hatten, nach der Heirat eine Art Jobsuche war, die sie ihren Töchtern aufzwangen, um durch sie in reiche Familien einheiraten zu können. Es war eine Welt, in der alles unglaublich viel Geld kostete. Ein Statussymbol für Reiche. Mir unverständliches autoritäres Gehabe. Frauen, die darum wetteiferten, sich zur Schau zu stellen …

All das gefiel mir gar nicht.

Doch neben mir bekam jemand bereits funkelnde Augen.

»Die Teezeremonie? Wie toll! Das will ich unbedingt lernen!«

Meine Cousine Michiko. Wir waren gleich alt und hatten uns schon immer gut verstanden. Ihre Familie kam aus der Gegend und war recht gut betucht; als Kind war ich in den Sommer- und Winterferien oft zu ihnen gefahren und hatte dort mitunter mehrere Wochen verbracht. Nun studierte Michiko und lebte in einer Wohnung in der Nähe.

»Ich wollte schon immer mal mehr über Tee lernen.«

Anders als ich, war sie sehr aufgeschlossen.

»Dann los, los. Das ist doch eine tolle Sache.« Meine Mutter lehnte sich nach vorne. »Schau dir an, wie gewissenhaft Michiko-chan ist.«

Ich schmollte und schwieg.

»Komm, Nori-chan, lass uns das zusammen machen. Lass uns lernen, wie das alles funktioniert!«

So eingeschnappt ich auch war, Michikos Worte machten mich schwach.

Ich würde mit ihr zusammen auf dem Nachhauseweg in Cafés gehen und über alles Mögliche quatschen können. Immer, wenn wir uns trafen, sprachen wir über Filme, die wir kürzlich gesehen hatten, unsere Lieblingsschauspieler aus dem Ausland, interessante Bücher, Reisen und vieles mehr. Wir konnten stundenlang miteinander reden.

Meine Zeit an der Universität neigte sich in einem Jahr dem Ende zu, ohne, dass ich bislang gefunden hatte, was ich wirklich tun wollte. Offen gestanden, hatte ich es vollkommen satt, immer weiter ziellos dem Ungewöhnlichen nachzustellen. Vielleicht wäre es besser, mit etwas Konkretem anzufangen, statt kopflos umherzuirren, ohne dabei je etwas zu finden, das mir zusagte.

Egal was. Von mir aus selbst ein altmodischer japanischer Brauch …

»Ich frage Frau Takeda. Das ist doch sicher in Ordnung für euch zwei, wenn sie euch unterrichtet?«

Als ich meine Mutter diese Worte aussprechen hörte, kam mir, zusammen mit Tante Takedas Stil und ihrer inneren Ruhe, auch wieder der Klang des Wortes Chajin in den Sinn.

Vielleicht war das mit dem Tee doch gar keine so schlechte Idee …

Das hatte sich 1977 zugetragen, als ich zwanzig war.

Kapitel 1

Wissen, dass man nichts weiß

Das Haus unserer Lehrerin

Tante Takeda unterrichtete bereits bei sich zu Hause jeden Mittwoch am Nachmittag einige Frauen aus der Nachbarschaft, doch da Michiko und ich studierten und daher an Wochentagen Seminare hatten, erklärte sie sich bereit, zusätzlich an Samstagnachmittagen Stunden anzubieten.

Ich musste nur etwa zehn Minuten entlang der Schienen laufen, um ihr Haus zu erreichen, an dem ich schon Dutzende Male vorbeispaziert war. Es stand neben einem Soba-Restaurant, und den Eingang zierte ein großer Topf mit einer Zimmeraralie. Ein altes einstöckiges Holzhaus mit gefliestem Dach.

Wir wussten nicht, was wir dorthin anziehen oder mitbringen sollten.

»Ach, einfach eure üblichen westlichen Klamotten. Kommt am Samstag erstmal vorbei«, hatte man uns gesagt.

Es war der letzte Tag der ›Goldenen Woche‹ im Mai. Etwas nervös angesichts unseres ersten Treffens bei Tante Takeda, traten wir durch das Tor, Michiko im Kostüm, ich in einem Rock und einer Bluse.

Nachdem wir die ratternde Tür aufgeschoben hatten, erwartete uns ein Gang, der so sauber war, dass er an ein Ryokan erinnerte. Der zementierte Bereich war frisch mit Wasser übergossen worden, und die wahllose Ansammlung an Schuhen, die im Haus meiner Familie herrschte, fehlte völlig.

»Guten Tag …«, rief ich schüchtern, woraufhin eine Stimme aus dem Inneren ertönte und tippelnde Schritte zu hören waren, die immer näher kamen.

Der gefärbte Noren-Vorhang öffnete sich, und das bekannte blasse, rundliche Gesicht erschien dahinter. Ich sah Tante Takeda zum ersten Mal im Kimono. Der beigefarbene, weiche Stoff aus Pongé-Seide passte gut zu ihrem Teint und ließ sie recht adrett aussehen.

»Herzlich willkommen, kommt doch rein.«

Auch dass ich ihr Haus betrat, geschah an diesem Tag zum ersten Mal. Die Pfosten und das Holz im Gang waren braun wie knuspriges Reisgebäck. Der Eingang mündete in zwei Zimmer, die schließlich zu einem etwa dreizehn Quadratmeter großen Raum führten, alle mit Tatamimatten ausgelegt.

»Wartet bitte einen Moment.«

Zu meiner Überraschung war der Raum, in dem wir warteten, völlig leer. Michiko und ich ließen langsam den Blick schweifen. In diesem Zimmer würden wir fortan jeden Samstag Unterricht nehmen. Ich sah auf und erspähte das feine Gitter, das zwischen Decke und Tür die Räume trennte. In der großen Schmucknische war eine lange Rolle mit einer Kalligrafie angebracht. Auch am Querbalken hing ein Rahmen im Querformat. Hinter der Glastür im Gang konnte ich den Garten sehen. Er war nicht groß, doch der Kaki- und der Pflaumenbaum trugen dicht junge, grüne Blätter, und hier und dort waren Gartensteine und Steinlaternen aufgestellt. Die Ranken des Blauregens, an denen Blüten hingen, wogen sachte im Wind. Das Rhododendronbeet war üppig mit roten und rosafarbenen Blüten gespickt, die mich an Kusudama-Kugeln erinnerten, aus deren Innerem je bunte Papierschlangen hervortraten. Gegenüber des Kaki-Baumes lehnte ein weißes Surfboard an der Wand, das dem Sohn der Familie gehören könnte; im Gang stand ein Klavier, womöglich das der Tochter.

Doch im Zimmer, in dem wir uns befanden, fehlte der typische Geruch des chaotischen täglichen Lebens. Es war blitzsauber, und eine gewisse Spannung lag in der Luft. Trotzdem strahlte der Raum auf seine Weise die Wärme langjähriger Nutzung aus. Nichts stach heraus, doch der reinliche, freundliche und in gewisser Weise auch standhafte Eindruck schien sich nahtlos in mein Bild von Tante Takeda einzufügen.

Michiko und ich saßen förmlich im ungewohnten Fersensitz.