Die weite Welt - Lutz van Dijk - E-Book

Die weite Welt E-Book

Lutz van Dijk

0,0

Beschreibung

Nach dem Erfolg von Irgendwann die weite Welt über sein Aufwachsen in Westberlin zu Mauerzeiten bis zum Aufbruch nach New York mit 18 begleiten wir Lutz van Dijk nun über Hamburg, Jerusalem, Amsterdam und Kapstadt in Die weite Welt bis heute mit 70. Stationen eines ungewöhnlichen Lebens: New York, Hamburg, Jerusalem, Amsterdam, Kapstadt. Ein Plädoyer für das Recht auf ein Zuhause – überall in der Welt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 411

Veröffentlichungsjahr: 2026

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



© Querverlag, Berlin 2026

Lektorat: Rainer Falk

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlag von Sergio Vitale. Realisiert mit Unterstützung des KI Tools Midjourney

ISBN 978-3-89656-720-8

Bitte fordern Sie unser Gesamtverzeichnis an:

Querverlag GmbH

Akazienstraße 25, 10823 Berlin

www.querverlag.de | [email protected]

„Unterschiede zwischen uns Menschen

sind wichtig, damit wir einander ergänzen,

nicht damit wir einander verachten …

Und Armut können wir nur überwinden

mit Gerechtigkeit, nicht mit Wohltätigkeit.“

Desmond Mpilo Tutu (1931–2021),

südafrikanischer Erzbischof und Friedensnobelpreisträger

Mit besonderem Dank an

Gesche (*1980) und Malte (*1977)

und ihre Familien, die für uns

in Südafrika und Deutschland

nun schon lange viel mehr

als nur meine „Patenkinder“ sind.

Dieses Buch ist Prof. Carl-Heinz Evers (1922–2010)

und seiner Frau Micha Evers (1925–2011) gewidmet,

meinen Wahleltern.

Und Sive Maholwana (*2002),

unserem heute erwachsenen Sohn in Südafrika,

der einmal als Baby von drei Monaten zu uns kam

und als kleiner Junge

meinen Mann Perry Tsang und mich adoptierte.

„Als Menschen

füreinander da sein.

Darauf kommt es an:

Auf das Einfühlen in das Leben anderer,

besonders jener, die zunächst fremd erscheinen.

Auf das Zuhören,

ohne vorschnell zu bewerten.

Gegen Krieg und Unrecht auftreten,

unabhängig von Mehrheiten,

die schon eher in der Geschichte irrten.“

Carl-Heinz Evers

Damals bis heute

Geht das? Den zweiten Teil meiner Lebenserinnerungen zuerst zu lesen?

Es geht, denn ursprünglich war keine Fortsetzung geplant.

Sie entstand eigenständig:

Mehr eine Einladung zur Teilhabe an einem für manche vielleicht ungewöhnlichen Leben – als ein lückenloser Lebenslauf.

Mehr eine Ermutigung, was möglich ist, gerade auch in unfriedlichen und ungerechten Zeiten – als eine Abrechnung.

Es geht außerdem, weil sich Erinnerungen an ein Erwachsenenleben anderen Fragen zu stellen haben als Erinnerungen an eine Kindheit.

Damals als Kind: Was hat mich geprägt? Wie erfuhr ich Zuneigung oder Ablehnung? Was habe ich mir am meisten gewünscht?

Später bis heute als Erwachsener: Welche Entscheidungen traf ich warum? Was scheint auch im Nachhinein zu stimmen? Wo habe ich geirrt und wo bin ich trotz bester Intentionen gescheitert?

Beim Beantworten dieser Fragen habe ich mich bemüht, auch kontroverse Ansichten zu achten. In meiner Welt können auch und gerade verschiedene Ansichten nebeneinander im Dialog bestehen.

Nicht alle mir nahestehenden Menschen wurden beim Schildern von nunmehr 70 Jahren Leben angemessen erwähnt – zuweilen gerade, weil es einmalige Begegnungen waren. Manchmal habe ich Namen oder auch Situationen verfremdet, um Personen zu schützen, die ich aus unterschiedlichen Gründen nicht befragen konnte – mehr dazu am Ende des Buches unter „Menschen und Namen“ und „Worte des Dankes“.

Die Städte (und nun Buchkapitel) New York, Hamburg, Jerusalem, Amsterdam und Kapstadt sind gleichsam eine geografische Chronologie unkonventioneller Entscheidungen.

Bewusst berichte ich sowohl von sehr persönlichen Erlebnissen als auch von gesellschaftspolitischem Engagement in verschiedenen Lebensphasen. Sexualität spielt vor allem da eine wichtige Rolle, wo ich sie erst positiv für mich entdecken und dann verteidigen musste als Angehöriger einer so lange (und leider noch immer in vielen Weltteilen und nun teilweise auch wieder in Deutschland und den Niederlanden) verachteten sexuellen Minderheit.

Mein Leben als Suche nach einem aufrechten Gang zwischen Privatem und Öffentlichem – zwischen nicht aufzugebenden Werten von einfacher Menschlichkeit, Frieden, Gerechtigkeit, Vielfalt, auch materieller Bescheidenheit und einer immer wieder mächtigen, zuweilen scheinbar übermächtigen Realität.

Noch ein Unterschied zwischen Band 1 und 2 meiner Erinnerungen ist zu benennen, der die Sprache selbst betrifft:

Der erste Teil Irgendwann die weite Welt (2024) beschreibt – von der Geburt in Westberlin bis zum heimlich vorbereiteten Aufbruch mit 18 Jahren nach New York – eine sprachlose Zeit: mit sprachlosen Eltern, die die Nazizeit als kleine Kinder und Jugendliche erlebt haben, ohne darüber später je einfühlsam, gar miteinander, reden zu können. Die sich stattdessen gegenseitig anschreien und dann ebenso beharrlich schweigen. Traumatisiert für ein Leben.

Und ich, der zunächst ebenfalls sprachlose Junge, der anders fühlt als alle, die er kennt, sicherlich anders als sein älterer Bruder. Der nur deshalb nicht untergeht, weil er seine Sehnsucht nach einem anderen Leben (wie einer anderen Liebe) nicht verliert und, gewiss kein Zufall, zuerst bei denjenigen sucht, die auch nicht dazugehören. Bis er endlich voller Sehnsucht, gleichwohl ahnungslos, aufbricht in die weite Welt – mit einer erschummelten Arbeitserlaubnis für die USA.

Im zweiten Teil Die weite Welt. New York bis Kapstadt (2026) gibt es plötzlich viele Wörter, verschiedene Sprachen. Aber wie auswählen, wenn der Sinn der Worte und die Bedeutung der Sprachen erst langsam zugänglich und verstanden werden?

So fange ich an zu schreiben, in der nächtlichen Stille meiner Busfahrerunterkunft in einem Kaff bei New York, mehr noch ein Kritzeln erster eigener Worte in etwas, das nie ein Tagebuch werden will. Das dann jedoch in ebenso überraschender wie beglückender Weise hilft, jeden neuen Tag in fremder Umgebung besser zu verstehen. So wie die Menschen, die mir begegnen.

Diese Notizen, noch lange keine Literatur, lassen Fremdheiten überwinden und allmählich die Freiheit und Stärke des eigenen, unabhängigen Denkens wachsen. Der Klang erfundener, doch stimmiger Sätze kann guttun wie schöne Musik.

Alle anderen meiner über 50 Bücher haben ihre eigenen Hauptpersonen und Themen. Nun erzähle ich von meinen persönlichen Erfahrungen dahinter.

Lutz van Dijk

Amsterdam/Kapstadt, im Oktober 2025

New York

1974–1975

Die erste Nacht

Der von der Fluggesellschaft gemietete Bus von Baltimore, wo mein Flieger aus Brüssel notlanden musste, nach New York ist übervoll. Einige Fahrgäste müssen stehen und beschweren sich lauthals, aber vergeblich.

Auch ich habe keinen Sitzplatz und hocke auf meinem kleinen Rucksack im Gang. Nach zwei durchwachten Nächten übermannt mich erstmals die Müdigkeit. Aber es ist kein wirklicher Schlaf, mehr ein Vor-sich-Hindämmern mit plötzlichem Aufwachen bei jedem Rucken und Rumpeln des Busses.

Doch weiterhin bin ich vor allem überglücklich: Ich habe es geschafft! New York – ich komme!

Ich weiß nicht mehr, über welche Brücke wir Manhattan ansteuern. Aber es ist unübersehbar und so, wie ich es von berühmten Fotos kenne, beinah vertraut: die Skyline der Wolkenkratzer.

Und dann sind wir auch schon mittendrin: Ab der ersten Avenue, die wir befahren, sind die Dächer bereits nicht mehr durch die Busfenster zu erkennen, so hoch, so riesig.

Neben mir auf dem Sitzplatz zum Gang beklagt sich eine dickliche, ältere Dame auf Niederländisch ebenfalls über den vollen Bus. Auf dem Platz zum Fenster sitzt ein junger Mann mit Afro-Mähne, der lacht, als er meine Mühen wahrnimmt, etwas von draußen zu sehen.

Er lehnt sich zurück und signalisiert mir mit erhobenem Daumen Verständnis für meine Neugier. Wir lachen einander zu.

Noch viel länger könnte ich diese kostenlose Stadtrundfahrt genießen, doch auf einmal biegen wir in einen riesigen Busbahnhof ein: „Grand Central Station!“, schallt es aus den Lautsprechern, und alles drängt zu den zwei Türen am Kopf und in der Mitte des Busses.

Ich kann gerade noch meinen Rucksack packen, dann stehe ich mit beiden Füßen auf einer Art Bahnsteig. New York, denke ich, das ist New York. Meine Füße und ich – wir sind in New York.

Die meisten Fahrgäste warten auf ihre Koffer, die der mürrische Busfahrer aus dem Gepäckraum zerrt. Ich habe keinen Koffer und schaue mich einfach um.

Ich weiß, dass sich der zentrale Busbahnhof in der 42. Straße von Manhattan befindet, denn ich habe von Ginas Freund aus dem Reisebüro diese Adresse und die einer studentischen Arbeitsvermittlung mitbekommen.

Das Büro des Jobcenters ist in der 36. Straße. Das werde ich finden. Eine große Wanduhr in der riesigen Halle zeigt an, dass es erst kurz nach zwei Uhr nachmittags ist.

Da steht er plötzlich wieder vor mir: der junge Afro-Mann aus dem Bus, der auch schon im Flugzeug gewesen sein muss, wo ich ihn aber nicht bemerkt habe.

„Woher kommst du?“, spricht er mich in einem Englisch an, dessen Akzent ich nicht deuten kann.

„Aus Berlin“, antworte ich.

„Und wo willst du hin?“, fragt er mit einem Lächeln.

Ich überlege einen Moment, aber dann vertraue ich ihm. „Weiß noch nicht“, entgegne ich ehrlich. Mir kommt eine Idee: „Kennst du die 36. Straße?“

Er nickt und zeigt irgendwohin nach draußen. „Ich muss in die andere Richtung“, meint er und zögert noch einen Moment, bevor er loszieht: „Vielleicht können wir uns mal wiedersehen?“

Ich nicke. Er ist der erste Mensch, der mit mir in Amerika spricht, den ich vielleicht in New York besser kennenlernen kann – und der sich hier offensichtlich schon auskennt.

Er zieht ein Notizbuch aus der Hosentasche, reißt eine Seite heraus und notiert eine lange Nummer: „Kannst ja mal anrufen, wenn du willst. Ich heiße Bob und komme aus Haiti, war aber schon öfter hier.“

Dann lacht er wieder.

Ich nenne ihm meinen Namen. Wir schütteln einander die Hand, als würden wir uns schon länger kennen. Den Zettel schiebe ich in meinen Brustbeutel zu den letzten 50 Dollar, die nach dem Kauf des One-Way-Tickets von Brüssel nach New York übrig sind.

Wir nicken einander noch mal freundlich zu. Er bricht als Erster auf.

Ich schultere meinen Rucksack, gehe erst noch auf ein öffentliches Klo, auch um Wasser zu trinken, und mache mich dann auf in die Richtung, die Bob mir gewiesen hat.

Die Straßennummern werden immer niedriger, ich bin also auf dem richtigen Weg. Ich gehe langsam, auch weil es so viel zu sehen gibt. Auf den Straßen lauter gelbe Taxis, viel mehr als gewöhnliche Autos. Die anderen Fußgänger, die es fast alle eilig zu haben scheinen.

Einige dagegen wirken verloren, reden mit sich selbst. Niemand erwidert meine neugierigen Blicke.

Ich bin nicht verloren und finde tatsächlich die 36. Straße. Wo ist jetzt nur die Hausnummer 5020 East? Muss ich nach links oder rechts abbiegen? Rechts sind mehrere kleine Läden, Gemüse, Getränke und dazwischen ein Kentucky Fried Chicken, wie es sie inzwischen auch in Westberlin gibt. Ich spüre Hunger, ziemlich stark, aber wirklich erst jetzt. Der billigste Burger kostet einen Dollar. Ich kaufe zwei.

„Was zum Trinken?“, fragt die junge Frau hinter der Theke. Vielleicht ist das auch ein Studentenjob?

Ich schüttle den Kopf. Keine Ahnung, wie lange meine 50 Dollar reichen müssen. Etwas im Magen zu haben, tut gut.

Und meine Glückssträhne hält an: Als ich wieder auf die Straße trete, sehe ich am Hochhaus gegenüber ein Schild mit der Nummer 5040 East. Die Nummer, die ich suche, ist nur gut 20 Meter weiter.

Auf einer Tafel steht: „7th floor – Students Job Center“. Am Eingang muss ich einem uniformierten Wachmann meinen Pass zeigen, den er nicht weiter kontrolliert.

Er fragt: „Student?“

Ich nicke: „Ja, im siebten Stock!“

Und bin drinnen.

Vor dem Fahrstuhl stehen mehrere junge Frauen und Männer, die meisten wohl etwas älter als ich, aber nicht viel. Sicher echte Studentinnen und Studenten.

Fast alle steigen im siebten Stock aus, wobei wir schieben müssen, denn der lange Gang vor uns ist bereits überfüllt mit drängelnden Menschen. Was auf den ersten Blick wie völliges Chaos erscheint, hat jedoch Struktur: Bald kapiere ich, dass einige Büros nur für US-amerikanische Studenten sind, die anderen für Ausländer wie mich.

Das Drängeln hört nicht auf. Zu meinem Pech schubst mich jemand gegen die Wand, was meinen billigen Rucksack zum Platzen bringt. Auf dem Boden um mich herum verstreut liegt meine ebenso billige Wäsche.

Eilig versuche ich, sie wieder einzusammeln, aber der Rucksack ist hin, noch bevor ich richtig in Amerika angekommen bin. Eine junge Frau wirft mir eine Plastiktüte zu, in die ich eilig alles hineinstopfe. Als ich ihr danken will, ist sie schon in einem der Büros verschwunden.

Über Lautsprecher im Flur kommen Durchsagen, die ich allmählich verstehe: „Putzkraft in Queens, Büro 4“, zum Beispiel. Oder: „Tankstellenhilfe in Brooklyn, Büro 2.“

Soll ich mich jetzt einfach melden und in die angegebenen Büros gehen?

Aber da stehen immer bereits viele andere, nun etwas geordneter in Reihen – und Vordrängeln traue ich mich schon gar nicht. Also halte ich meine Tüte umklammert und lehne mich gegen eine Wand.

Mein Gefühl nimmt zu: Das wird nie was. Ich habe keine englischen Zeugnisse, selbst mein Führerschein ist auf Deutsch. So stehe ich da und grüble.

Wertvolle Zeit vergeht.

Plötzlich eine schrille Klingel. Keine Durchsagen mehr.

Feierabend.

Und ich war nicht mal in einem der Büros. Einige warten nicht auf den übervollen Fahrstuhl und laufen durchs Treppenhaus nach unten, sieben Stockwerke.

Meine Armbanduhr zeigt kurz nach 18 Uhr. Ich bleibe zunächst weiter an die Wand gelehnt und lasse alle um mich herum abziehen.

Wo soll ich jetzt hin? Wo die erste Nacht verbringen? Ob das auf dem Busbahnhof geht, wenn ich so tue, als würde ich auf einen Nachtbus warten?

Da sehe ich, dass direkt neben mir eine Holztür in einen winzigen Abstellraum führt. Die Tür ist unverschlossen. Durch einen vorsichtig geöffneten Spalt erkenne ich Besen, Eimer und anderes Putzzeug. Niemand beachtet mich. Jeder will nur raus, bevor die schwere Haupttür am Eingang zur Arbeitsvermittlung abgeschlossen wird.

Als es um mich immer leerer wird, nutze ich die Gunst des Augenblicks: In weniger als einer Sekunde verschwinde ich in der Putzkammer und ziehe die Tür von innen zu. Es ist stockdunkel.

Ich bereite mich darauf vor, dass gleich einer der Wachleute die Tür aufreißen, mich am Kragen packen und rausschmeißen wird. Aber nichts passiert. Es wird ruhiger und ruhiger.

Und irgendwann ist es still.

Vorsichtig öffne ich die Holztür. Als ich gerade herauskommen will, höre ich jemanden die Eingangstür wieder aufschließen. In letzter Sekunde ziehe ich mich ins Dunkel des kleinen Raums zurück.

Doch nur einen Augenblick später geht die Tür auf – und eine ältere, farbige Frau im Kittel schaut mich an. Sie ist dünn, kleiner als ich. Unerschrocken murmelt sie mehr zu sich als zu mir: „Oh no, not again!“ Dann aber schaut sie mich doch an.

Mir fällt nichts anderes ein, als „Sorry!“ zu stottern und meine Plastiktüte fest an mich zu pressen.

„Wie alt bist du?“, fragt sie.

Ehrlich sage ich ihr mein Alter.

Sie ist eindeutig lebensweise und konstatiert: „Du bist gar kein Student, nicht?“

Ich nicke. Ihr was vorzumachen, geht gar nicht.

Sie kramt in ihrer Kitteltasche und holt einen Apfel heraus: „Hier, iss mal was. Du bist ja noch dünner als ich.“ Dabei lächelt sie.

Wahnsinn! Sie ist gar keine Putzfrau, sondern ein Engel.

Dankbar beiße ich in den Apfel und setze mich auf eine Holzbank vor einem der Büros. Schließlich frage ich sie in meinem Schulenglisch: „Darf ich ein Klo benutzen?“

Sie weist auf Toiletten am Ende des Ganges.

Ich lasse meine Plastiktüte auf der Bank liegen und erreiche das Klo in letzter Minute.

Danach setze ich mich wieder artig auf die Bank und schaue zu, wie sie mit einem Staubsauger in einem der Büros verschwindet, ohne mich weiter zu beachten.

Um mich nützlich zu machen, packe ich einen Besen, fege zerknülltes Papier und andere Abfälle auf dem Flur zusammen und schmeiße danach alles in einen Müllsack beim Ausgang.

Als sie aus dem ersten Büro kommt und mich sieht, lächelt sie wieder und sagt: „Mein Sohn war so alt wie du – und genauso dünn.“

Ich traue mich nicht zu fragen, was aus ihrem Jungen geworden ist.

Nach einer kurzen Pause fege ich weiter, und sie zieht mit dem Staubsauger ins nächste Büro. Nach etwa einer Stunde gibt es auf der ganzen Etage nichts mehr zu fegen und zu saugen.

Sie stellt sich wieder vor mich hin, eine etwas schmuddelige Decke in der Hand: „Hier, die kannst du auf der harten Bank unterlegen. Ich schließe dich jetzt hier ein und komme morgen früh um sechs Uhr wieder. Dann musst du verschwinden, bis hier alles um acht Uhr öffnet. Einverstanden?“

Ich kann mein Glück kam fassen. Wieso vertraut sie mir?

„Einverstanden!“, strahle ich sie an.

Kurz scheint es, als wollte sie mich umarmen. Sie lässt es dann aber sein und sagt nur leise: „Bis morgen!“

Ich bin überglücklich. In einem Kühlschrank in einem der Büros finde ich sogar eine halbvolle Flasche Cola und ein leicht vergammeltes Käsebrot, das aber noch genießbar ist.

Wenig später geht die Sonne unter. Der blutrot gefärbte Horizont, ein Kunstwerk.

Noch lange stehe ich vor einem der Fenster und schaue fasziniert auf das sich entfaltende Lichtermeer von Manhattan um mich und unter mir.

Meine erste Nacht in New York, New York.

Busfahrer

Obwohl die Holzbank trotz Decke steinhart ist, schlafe ich bald darauf tief und traumlos bis zum nächsten Morgen.

Ich wache rechtzeitig auf, um mich auf einer der Toiletten einigermaßen zu waschen und viel Wasser zu trinken. Auf einem Schreibtisch in Büro 4 finde ich sogar noch eine offene Tüte Kartoffelchips.

Um kurz vor sechs Uhr höre ich, wie meine Retterin die Eingangstür aufschließt. Kaum steht sie vor mir, drückt sie mir eine Tüte mit Broten und eine Flasche Kakao in die Hand.

„Raus, sofort!“, sagt sie dann streng und fügt hinzu: „Gleich kommt eine jüngere Kollegin, die mir an manchen Tagen hilft. Die hatte ich total vergessen.“

Schließlich rät sie mir noch: „Stell dich ab acht Uhr bei Büro 5 an. Dort gibt es Jobs außerhalb von New York. Die meisten wollen was in New York oder zumindest ganz in der Nähe.“

Als ich gerade verschwinden möchte, kommt aus dem Fahrstuhl eine kräftige Frau mit dem gleichen dunkelblauen Kittel wie meine Retterin, mindestens einen Kopf größer als diese, und schaut verwundert zu mir und dann zu ihrer älteren Kollegin.

Aber die hat schon eine Antwort parat: „Hab’ ihm schon gesagt, dass er zu früh dran ist und um acht Uhr wiederkommen soll.“

„Bye-bye“, murmle ich undeutlich und betrete den noch offenen Fahrstuhl.

Da schließt sich die automatische Tür auch schon.

Ich drücke auf den ersten Stock, weil ich erst sehen will, ob die Wachleute schon beim Eingang im Erdgeschoss Posten bezogen haben. Vorsichtig und leise gehe ich die letzten Stufen nach unten.

Niemand zu sehen. Schnell laufe ich zur großen Glastür. Sie lässt sich von innen ohne Probleme öffnen.

So stehe ich einen Augenblick später auf der 36. Straße und bin erstaunt, wie viele Menschen bereits so früh wieder in hohem Tempo an mir vorbeieilen.

Ich setze mich auf eine Steintreppe vor einem etwas erhöhten Hauseingang, den schon die ersten Sonnenstrahlen erreichen. Hier kann ich die Brote mit Kakao genießen und gleichzeitig den Eingang des Hochhauses mit der Arbeitsvermittlung im Auge behalten.

Heute will ich einer der Ersten sein.

Nach gut einer Stunde sehe ich die ersten jungen Leute, die vor dem Eingang 5020 East stehenbleiben, sich suchend umschauen und vergeblich auf einen der Klingelknöpfe drücken. Eindeutig meine Konkurrenz.

Bevor ich mich zu ihnen stelle, gehe ich an die nächste Straßenecke, wo ein Händler seinen Stand aufbaut und dann mehrere Eimer mit Blumen aus einem kleinen Transporter lädt. Ich weise fragend auf einen frischen Rosenstrauß in gelben Farben.

„Zehn Dollar!“, schnauzt er mich an.

Als er meine Plastiktüte sieht und ein Zögern bemerkt, fügt er schon etwas freundlicher hinzu: „Okay, für dich fünf Dollar.“ Als ich ihm fünf Scheine passend in die Hand drücke, lacht er sogar und fragt: „Für deine Mama, was?“

„Exactly“, antworte ich und grinse ebenfalls.

Als ich zurück beim Eingang East 5020 bin, gehöre ich zu den Ersten, die hineingelassen werden und im Fahrstuhl hochfahren. Sofort laufe ich zu Büro 5 und bin tatsächlich der Zweite, der sich davor artig anstellt.

Die freundliche Putzfrau kann ich nirgends sehen. Der gelbe Rosenstrauß in meiner Hand wirkt bestimmt eigenartig. Aber daran ist jetzt nichts zu ändern.

Da kommt auch schon ein Mann mittleren Alters mit Glatze und setzt sich grußlos hinter seinen Schreibtisch. Er wühlt ein paar Minuten in seinen Papieren und scheint sie in eine Reihenfolge zu bringen.

Dann spricht er in ein riesiges Mikrofon direkt vor sich, obwohl wir, inzwischen mehr als zehn Studenten, direkt vor seinem Büro stehen: „Medizinstudent, Krankenhaus in Scotch­town, Büro 5.“

Er schaut uns nicht an, aber wir hören seine Stimme über die Lautsprecher auch aus den anderen Fluren. Keiner reagiert oder kommt von draußen.

Jetzt packt er einen zweiten Zettel und spricht erneut in sein Mikro: „Busfahrer in Bushkill, Büro 5.“

Der kräftige Junge vor mir dreht sich zu mir um und meint leise mit gerunzelter Stirn: „Bushkill ist am Arsch der Welt. Allein der Name schon!“

Das soll es sein, denke ich und gehe entschlossen ins Büro 5.

Der Arbeitsvermittler schaut mich kritisch an und fragt: „Wo ist dein Busführerschein und dein Pass?“

Ich brauche einen Moment, um meinen deutschen Autoführerschein und den Pass aus meinem Brustbeutel zu fischen und ihm zu geben.

„Was ist das denn?“, brummt er unfreundlich und starrt auf die graue Pappe.

„Ein deutscher Busführerschein“, lüge ich.

Er packt den Hörer seines Telefons, wohl um mein Papier von jemand überprüfen zu lassen, bekommt aber keine Antwort. Seine nächste Frage lautet: „Weißt du, wo Bushkill ist?“

„Ja“, antworte ich ruhig und spiele Lotto mit den vier Himmelsrichtungen: „Westlich von New York.“

Er schaut mir zum ersten Mal ins Gesicht. Bingo! „Vom Busbahnhof Port Authorityknapp zwei Stunden“, erklärt er.

Ich nicke, als wüsste ich auch das. Den Busbahnhof werde ich schon finden.

Er füllt ein Formular aus und drückt unten seinen Stempel drauf, bevor er es mir mit meinem Pass und Führerschein reicht. „Musst dich aber dort vor 16 Uhr heute Nachmittag melden!“ Dabei zeigt er auf eine Anschrift oben auf dem Formular.

„Wird gemacht!“, versichere ich und kann meine ausgelassene Freude kaum verbergen.

Da meine wunderbare Putzfrau längst woanders arbeitet, stelle ich nur noch den Blumenstrauß in einen Wassereimer in den Abstellraum, bevor ich die sieben Stockwerke nach unten laufe.

Sie wird am Abend wissen, von wem die Blumen sind.

Es ist weit bis zu dem mir unbekannten Busbahnhof, aber ich frage mich durch und finde ihn.

Die Fahrkarte jedoch kostet ein Vermögen, 15 Dollar!

Der nächste Greyhound-Bus in die Richtung geht schon in einer Stunde. Inzwischen habe ich gelesen, wo ich mich melden soll: Mr. Bill Warren, Senior Family Ressort, 209 Bushkill Main Road.

Das müsste leicht zu finden sein, denn Bushkill ist eher klein, so winzig, dass es nicht mal auf meiner USA-Karte eingezeichnet ist.

Tatsächlich erspähe ich nach gut 90 Minuten in einem eher bergigen Gelände ein Ortsschild mit dem Namen, noch bevor der Fahrer den nächsten Halt ankündigt. Außer mir steigen nur wenige Leute aus.

Auf dem Hausschild neben einer Tankstelle wird „50 Main Road“ angezeigt. In wenigen Minuten stehe ich vor der Nummer 209 auf einem Parkplatz mit zwei gelben Chevrolet-Bussen und einer Treppe, die zu einem Verwaltungsgebäude auf einem Hügel führt.

Als ich hinaufsteige, sehe ich mehrere kleine Holzhäuser in einer gepflegten Gartenanlage mit einem Restaurant am anderen Ende.

Bevor ich irgendwo läuten kann, öffnet sich eine Tür und ein älterer Mann im Anzug winkt mich zu sich. Er mustert mich kritisch. „Und du kannst einen Bus fahren?“

Ich nicke, sage aber nichts.

Schließlich streckt er immerhin doch die Hand aus und erklärt: „Ich bin Bill. Egal, was für einen Führerschein du hast, wir machen jetzt eine Probefahrt. Nur ein Fehler, und du kannst gleich wieder abhauen.“

Damit wirft er mir den Busschlüssel zu und weist auf einen der gelben Busse. Ich klettere auf den Fahrersitz und stelle meine Tüte hinter mich auf den Boden.

Mr. Bill setzt sich auf den Beifahrersitz und zeigt auf ein Tor, das ich bisher gar nicht gesehen habe. „Da geht’s raus“, befiehlt er.

Ich drehe den Zündschlüssel, und der starke Motor springt sofort an. Zum Glück hat der Bus die gleiche Knüppelschaltung wie der alte Ford meines Vaters.

Trotzdem sind meine Hände nass vor Schweiß. Ich muss aufpassen, um beim Schalten nicht abzurutschen. Langsam rolle ich auf die Schranke zu.

Plötzlich greift Mr. Bill in mein Lenkrad und betätigt nachdrücklich die Hupe. Ein junger Mann in grüner Uniform und mit dunkler Hautfarbe springt aus einem Wachhäuschen und öffnet eilig die Schranke.

„Pennen kannste woanders“, schnauzt ihn mein möglicher neuer Boss an.

In der folgenden halben Stunde kommen nur einsilbige Anweisungen: „Nächste rechts. Am Kreisel links. Schneller. Stopp und rechts einparken.“

Ich achte zuerst auf den Motor und darauf, wie der Bus beim Gasgeben und Bremsen reagiert.

Bushkill ist wirklich sehr klein. Ein großes Schild weist auf eine Abzweigung zu Wasserfällen. Ich aber soll auf der Hauptstraße bleiben. Jeweils nach höchstens zehn Minuten sind wir außerhalb des Städtchens. Es wirkt auf mich eher wie ein leicht bergiger Ferienort mit viel Wald und ansonsten lauter einander ähnlichen, langweiligen Häusern mit Vorgärten.

Allmählich verstehe ich, dass der Bus vor allem für die Ferienbesucher im Einsatz ist. Die Bushaltestellen, die ich unterwegs ansteuere, liegen an den Zugängen zu den Wanderwegen bei den Wasserfällen, einem Golfplatz, zwei kleinen Badestellen am Fluss, dem Restaurant und einem Supermarkt in der Stadt. Da ich keine Kasse neben dem Fahrersitz erkennen kann, vermute ich, dass die Fahrten innerhalb von Bushkill und der nahen Umgebung für alle Gäste kostenlos sind. Die wenigen Menschen auf den Straßen sind meist ältere Paare, die hier mit Stock und Rucksack in der Natur wandern.

Die wenigen jüngeren, die ich vom Bus aus sehen kann, haben meist eine dunkle Hautfarbe und arbeiten in den Gärten oder bei der Müllabfuhr.

Das Glück bleibt auf meiner Seite. Nicht ein einziges Mal würge ich den Motor ab. Nur einmal beim Rückwärtseinparken stelle ich mich etwas ungeschickt an und muss es zweimal versuchen.

Auf einmal fragt Mr. Bill, zum ersten Mal nicht grimmig: „Findste den Weg zurück?“

Das ist nun leicht, denn ich erkenne von Weitem die Greyhound-Bushaltestelle, wo ich vorhin angekommen bin.

Nachdem ich den Bus geparkt habe, gehen wir in Mr. Bills Büro. Dort hält dieser mir einen Vertrag zum Unterschreiben hin: „Zehn Stunden Fahrbereitschaft an sechs Tagen, 160 Dollar pro Woche. Freie Unterkunft und Verpflegung in den Arbeiterbaracken. Du teilst dir den Job mit unserem anderen Busfahrer, dem alten Pete. Alles klar?“

Ich nicke nur und unterzeichne wortlos.

Dann reicht er mir eine grüne Uniformjacke. Auf einer Brusttasche ist „Senior Family Ressort, Bushkill“ in gelben Buchstaben aufgestickt.

„Und das noch“, meint er, bevor er mir den Weg zu den Baracken weist: „Einmal zu spät, einmal mit Schnapsfahne oder gar mit großer Schnauze gegenüber unseren Gästen oder mir, und du sitzt wieder auf der Straße.“

Wieder nicke ich, auch wenn ich mir nicht sicher bin, was er mit „großer Schnauze“ meint.

Ich werde es bald lernen.

James und Mrs. Goldblum

Zwei Tage Busfahrer ohne Pannen. Ich sollte froh sein, vielleicht sogar stolz. Bin ich aber nicht.

Ich wollte schon Mama und Vater schreiben: „Wie versprochen melde ich mich: Ich sorge gut für mich. Bitte macht euch keine Sorgen. Ich arbeite als Busfahrer in einer kleinen Stadt nicht weit von New York. Hier ein Foto von mir vor dem Bus. Sind schöne Briefmarken von John F. Kennedy auf dem Umschlag, nicht? Alles gut. Hoffentlich bei euch auch?“

Das Foto habe ich tatsächlich machen lassen. Das heißt, mein Kollege James hat es mit seiner Polaroidkamera aufgenommen und mir geschenkt. Aber den Brief habe ich dann doch nicht abgeschickt.

Weil hier vieles nicht stimmt.

Der Boss, Mr. Bill, ist ein Rassist. Ein Scheißkerl. Der behandelt alle Arbeiter mit dunkler Haut wie Dreck, wie Sklaven von früher. Manchmal versucht er, mich dabei zum Verbündeten zu machen.

Ihn ärgert, dass ich mich mit James verstehe, der hier als Gärtner arbeitet, obwohl er einen echten Busführerschein hat. Einmal sagt er, als James so nah ist, dass er es hören kann: „James stinkt, wie die meisten Schwarzen.“

Ich teile mir mit James ein Doppelstockbett in der Arbeiterbaracke. Er oben, ich unten. Er hat mir erzählt, dass er aus Philadelphia kommt: Vater im Knast, Mutter allein mit fünf Geschwistern, er der Älteste.

Den Busführerschein hat ihm ein Onkel bezahlt. Einmal will er einen richtigen Bus fahren.

Mein Busfahrerkollege Pete ist einer von fünf Männern, die hier als sogenannte Weiße angestellt sind. Drei andere arbeiten im Büro bei Mr. Bill, ein weiterer ist Sanitäter für alle Fälle – für Arbeiter wie Gäste.

Der Sanitäter heißt Edward, so um die 40, schätze ich, und ist okay. Er ist jedenfalls gleichermaßen freundlich zu allen. Mr. Bill behauptet einmal grinsend, Edward sei schwul. Na und?

Wieder halte ich den Mund. Wär’ ja gut, denke ich bei mir. Vielleicht kann ich ihn später etwas besser kennenlernen. Ich kann nichts Schwules an ihm erkennen, weiß aber auch weiterhin nicht wirklich, wonach ich da schauen soll.

Außerdem ärgert es mich, wenn James und seine Kollegen total abfällig schwarz genannt werden. Die haben alle unterschiedlich braune Hautfarben, so wie keiner von uns anderen weiß ist wie ein Bettlaken.

Ich denke an Martin, meinen besten Freund in Westberlin, dessen afro-amerikanischer Vater US-Soldat war und der mich auf seiner BMW 250 zum Flughafen nach Brüssel fuhr. Was würde der sagen? Was von mir erwarten? Noch am selben Abend schreibe ich Martin einen langen Brief, den ersten, den ich per Luftpost aus Amerika versende.

Bald bekomme ich meinen ersten Lohn: 160 Dollar auf die Hand. Fühlt sich gut an. Ich spare fast alles, denn wir bekommen hier ja Essen umsonst in einer Kantine. Das ist sogar ganz okay. Auch James spart das meiste.

Pete kauft sich gleich eine Flasche Schnaps und verdonnert mich zu einer Doppelschicht am Tag darauf: „Wenn du Mr. Bill was sagst, kriegst du Ärger.“

Am Abend ziehen James und ich uns zwei kalte Bierflaschen aus einem Automaten. Wir sitzen lange zusammen, weil es einfach zu heiß zum Schlafen ist. Irgendwann nehme ich meinen Mut zusammen und frage ihn. „Hast du ’ne Freundin in Philadelphia?“

„No“, sagt er. „Mädchen kosten Geld. Und du?“

Ich bin feige, schaue sogar nach unten, damit er nicht merkt, wie lange ich ihn zuvor angestarrt habe, und sage nur: „Ich habe auch keine Freundin.“

Mehr traue ich mich noch nicht. Über Sex und so was machen hier alle nur ordinäre Witze, egal welche Hautfarbe sie haben.

James ist eher still und die Ausnahme. Einmal legt er seinen Arm um meine Schulter. Ich würde es auch gern bei ihm tun. Aber nicht mal das traue ich mich. Als die anderen in unsere Nähe kommen, zieht James den Arm sofort zurück.

Es ist spät in der Nacht. Ich kann nicht schlafen. Ich höre James über mir leicht schnarchen. Alles ist verklemmt hier. Alles. Nur Sprüche. Ich spüre sexuelle Erregung, aber unternehme doch nichts, liege nur weiter stundenlang wach.

Ich finde, dass ich ein feiger Arsch bin. So werde ich niemals weiterkommen mit meinen schwulen Gefühlen. Nur noch ein bisschen will ich warten, bis ich James sagen werde, wie meine Gefühle gegenüber Jungs sind. Ich verspreche es mir.

In der dritten Woche schreibe ich endlich meinen Eltern, weil die sich doch bestimmt schon jede Menge Sorgen machen. Das ist nicht fair. Aber ich schreibe ohne Absender, denn wie lange ich das hier aushalten werde, weiß ich nicht.

Ich bin doch nicht in die weite Welt aufgebrochen, um hier vor allem mit überzeugten Rassisten, eingeschüchterten Sklaven und alten Menschen in einem Kaff am Ende der Welt zu hocken!

Da helfen auch die wirklich beeindruckenden Wasserfälle in den Pocono-Bergen nicht, die ich an meinem ersten freien Tag abgewandert bin.

Am selben Abend rufe ich Bob unter seiner New Yorker Nummer an. Aber es ist nur sein älterer Bruder dran. Zu meiner Freude weiß er aber gleich, wer ich bin.

„Bob hat von dir erzählt“, sagt er. „Der ist jetzt aber auf der Arbeit. Versuch es doch morgen noch mal um diese Zeit, da müsste er frei haben, und ich sag’ ihm auch Bescheid.“ So eine freundliche Stimme!

Schließlich doch noch eine besondere Begegnung in Bushkill: Ich lerne Mrs. Goldblum kennen, eine kleine, grauhaarige Dame mit rot lackierten Fingernägeln.

Sie gehört zu meinen Stammkund*innen im Bus, ist schon richtig alt und etwas gebrechlich, aber ich helfe ihr gern beim Ein- und Aussteigen. Und einmal sagt sie sogar: „Ich kenne deine Schichtzeiten schon. Mit dir fahre ich am liebsten zum Restaurant.“

Oft steckt sie mir Münzen oder auch mal Dollarnoten in die Brusttasche meiner Uniform – und schließlich einen kleinen, zusammengefalteten Zettel: „Ist meine Telefonnummer. Vielleicht magst du mal anrufen nach Feierabend?“

Ich tue es am selben Abend. Wir verabreden uns in einem Café, zu dem wir beide zu Fuß laufen können. James bitte ich, mir eine schöne Blume zu organisieren. Sie freut sich riesig über die blaue Lilie und besteht darauf, die Getränke zu bezahlen, für sie einen Tee, für mich eine Cola – und auch noch für jeden von uns ein Stück Kirschtorte.

Wir schweigen eine Weile, ohne dass es ungemütlich ist.

Plötzlich zieht sie ihren linken Ärmel hoch und lässt eine fünfstellige, eintätowierte Nummer sehen. „Weißt du, was das ist, mein Junge?“, fragt sie auf Deutsch ohne jeden Akzent.

So was habe ich bisher nur in einem Geschichtsbuch in der Schule gesehen, gleich neben Fotos von Bergen ausgemergelter Leichen. Ich nicke, aber bringe kein Wort heraus. Endlich frage ich sie unsicher: „Aber hassen Sie mich nicht? Ich bin doch auch ein Deutscher!“

„Nein“, antwortet sie. „Ich habe dich treffen wollen aus einem sehr egoistischen Motiv: Ich wollte so gern noch einmal meine Muttersprache benutzen mit einem jungen Deutschen, der nach all dem geboren wurde. Ich brauche das, ohne es dir näher erklären zu können.“

Spontan entgegne ich: „Aber ich bin nicht besser als meine Eltern.“

„Wie alt war dein Vater, als Hitler an die Macht kam?“

„Fünf.“

„Also war er elf Jahre, als Hitler den Krieg begann“, fährt sie fort. „War er noch Soldat?“

„Ja, im letzten Jahr. Mit gerade mal 16 Jahren.“

„Da war ich im zweiten Jahr in Auschwitz“, sagt sie leise und streift den Ärmel wieder hinunter.

Am Ende bringe ich sie zu Fuß nach Hause. Dabei sieht uns mein Boss aus seinem Auto.

Am nächsten Morgen schnauzt er mich an: „Private Kontakte mit unseren Gästen sind verboten. Das ist eine Warnung, kapiert?“

Endlich zeige ich Widerspruch und rufe unüberhörbar auch für die Kollegen im Büro: „Sagen Sie das mal Mrs. Goldblum!“ Da er ein dringendes Telefonat annehmen muss, bleibt es zunächst dabei.

Ich bin entschlossen, Mrs. Goldblum wieder zu treffen.

Endlich erreiche ich Bob am Telefon. Ich berichte ihm, dass ich nun einen Job als Busfahrer habe, ziemlich weit weg von New York. Er gratuliert mir: „Wow, das ist doch klasse!“ Dann erzählt er: „Ich muss auch noch länger hierbleiben, weil ich hoffe, endlich einen US-Pass zu bekommen. Meine Eltern und Geschwister leben nun schon seit über zehn Jahren als Asylbewerber hier, immer nur mit unsicherer Aufenthaltsgenehmigung, die jedes Jahr verlängert werden muss. Ich habe sonst ein Stipendium als Student in Amsterdam.“

Das alles erzählt er mir am Telefon. Als ich keine Münzen mehr habe, gebe ich ihm die Nummer der Telefonzelle, und er ruft zurück. Es ist, als würden wir uns schon ganz lange kennen. Ich verspreche ihm, mich ganz sicher zu melden, wenn ich wieder in New York bin.

Doch dann kommt alles anders. Es geht schnell. Aber es ist okay so.

Es fängt an mit meinem Buskollegen Pete, der zum Dienstantritt so eine Schnapsfahne hat, dass Mr. Bill kein Auge mehr zudrücken will. Pete schaut keinen von uns an, als er seine Sachen aus der Baracke holt.

Kurz darauf befiehlt mir Mr. Bill, vorläufig zwei Schichten zu fahren. „Bis wir einen neuen zweiten Busfahrer haben! Pete ist weg für immer.“

Diese Vorlage kann ich nicht passieren lassen, zumal James nicht weit weg von uns steht. Ich hole tief Luft und sage mit klarer Stimme: „James hat einen Busführerschein!“

Mr. Bill zögert nur eine Sekunde und schnauzt dann uns beide an: „Okay, wie ihr wollt. Ihr seid beide entlassen … mit sofortiger Wirkung. Als Unruhestifter!“ Auch der Lohn der letzten drei Tage wird uns verweigert – weil wir gegen die Leitung agitiert hätten.

Ich schaue zu James, der überraschend ruhig bleibt. Er würdigt Mr. Bill keines Blicks. Zu mir sagt er nur: „Lass uns gehen …“ Und schon packt er seine wenigen Habseligkeiten ein. Immerhin hat er ein paar Monate lang viel sparen können und steckt einen Stapel Dollarscheine in seinen Rucksack. Auch ich habe über 400 Dollar, deutlich mehr als bei meiner Ankunft, und nun auch einen stabilen Rucksack, den ich mir inBushkill gekauft habe.

Ich beginne, mir über alles, was seit meiner Ankunft in New York geschehen ist, Notizen zu machen – auf der Ladefläche eines Lastwagens sitzend, den James und ich als Mitfahrgelegenheit nach New York anhalten konnten, auch um die 15 Dollar für das Busticket zu sparen.

Wir nähern uns Manhattan über die George Washington Bridge.

Kurz darauf lässt uns der Fahrer des Lastwagens abspringen, und James und ich trennen uns mit einer festen Umarmung. Eine Telefonnummer, um in Kontakt zu bleiben, haben wir beide nicht.

Immerhin schreibe ich Mrs. Goldblum eine Karte an ihre private Anschrift, die ich im Kopf habe. Ich erkläre ihr, dass ich rausgeflogen bin, aber sie nie vergessen werde. Und meine es genau so.

Dann rufe ich wieder und wieder Bobs Nummer an.

Am Nachmittag bekomme ich plötzlich hohes Fieber und muss das Wenige, das ich in einem nahen chinesischem Imbiss gegessen habe, erbrechen. Was ist bloß los mit mir? Vielleicht eine Lebensmittelvergiftung?

Ich packe jetzt erst mal auch meinen Notizblock ein. Es geht nicht gut.

Mit meinem Magen, meinem Kopf. Mit mir.

Allmählich wird es dunkel, und ich bekomme Panik, weil ich unbedingt wach bleiben muss, damit mich niemand beklaut. Ich hocke neben einer Telefonzelle irgendwo in Manhattan und ziehe meine Turnschuhe aus, die drücken, vielleicht, weil sie noch neu sind.

Ein Fehler.

Als ich nur für einen Augenblick in eine andere Richtung schaue, hat sie schon jemand gepackt, den ich nur noch von hinten wegrennen sehe. Ihn zu verfolgen, schaffe ich nicht mehr.

Es ist schon nach Mitternacht, als Bob doch noch abnimmt – und sich eine neue Welt für mich eröffnet. Jedoch erst nach einem langen, langen Schlaf in der Wohnung von Bobs älterem Bruder Pierre, einem ewig langen Märchenschlaf, aus dem ich neben Bob erwache.

Woraufhin seine Küsse uns beide zu Prinzen machen.

Später, viel später notiere ich in mein Notizbuch mein erstes Gedicht über eine völlig neue Erfahrung von Glück – dem bislang größten Glück meines Lebens.

Welten

Fieber, hohes Fieber.

Irgendwo in Harlem, New York.

Er wird kommen, hat er am Telefon gesagt.

Mich finden, mich abholen.

Ich sitze im Rinnstein

neben der öffentlichen Telefonzelle.

Warte.

Neben mir mein neuer, kleiner Rucksack.

Im Brustbeutel ehrlich verdiente Dollar,

mein Vermögen für die nächsten Wochen,

bis ich hoffentlich wieder Arbeit finde.

Etwa Mitternacht müsste es sein,

trotzdem rauscht viel Verkehr an mir vorbei.

Barfuß am Straßenrand.

Plötzlich steht er neben mir.

Vom Himmel gesandt, gelandet.

„Komm!“, sagt er.

Dann zieht er mich hoch,

weil ich es allein nicht mehr schaffe.

Zu schwindelig. Zu hohes Fieber.

Ich halte mich an ihm fest.

Wir laufen durch Harlem.

Ich scheine der einzige Whity zu sein.

Unbeachtet. Ein Verlorener,

bei dem es offensichtlich wenig zu holen gibt.

Ich darf nur ihn nicht verlieren.

Dann stehen wir vor einem dunklen Eingang.

Sein Schlüssel passt.

„Der Fahrstuhl geht nicht“, erklärt er.

Wir erklimmen die Stockwerke.

Viele, auf denen die Deckenlampen zerbrochen sind.

Schließlich sind wir da.

In der Wohnung des älteren Bruders,

der nicht da ist.

Er gibt mir ein Glas Wasser,

fühlt meine Stirn.

Es wird dunkel um mich.

Erst dunkel, dann nichts mehr.

Wie lange ich geschlafen habe?

Eine Nacht?

Vielleicht auch einen Tag und noch eine Nacht.

Ewig.

Ich wache auf aus der Ewigkeit.

In einer anderen Welt.

Morgensonne scheint durch ein offenes Fenster.

Es muss ein hohes Stockwerk sein.

Gegenüber ein Dach und dann nur blauer Himmel.

Verkehrslärm weit unten, eher leise.

Und da sehe ich ihn. Neben mir.

Noch schläft er.

Auf dem Bauch, so nackt wie ich.

Da es warm ist, ohne Decke.

Sein Kopfkissen umklammernd

mit kräftigen Armen.

Ruhig und tief atmend.

Was für ein Bild, ein Gemälde.

Der dunkle, unbekleidete Mann neben mir.

Ich schaue ihn an,

langsam, von oben bis unten.

Von unten bis oben.

Mein Fieber ist weg.

Ich habe Durst, aber noch mehr Sehnsucht,

ihn zu berühren.

Nicht nur mit meinen Blicken.

Da scheint ein Sonnenstrahl auf seinen Rücken.

Auch ich bin nun ein Sonnenstrahl und berühre ihn.

Ebenso vorsichtig, zärtlich.

Er soll nicht wach werden.

Als hätte ihn mein Gedanke im Schlaf erreicht,

schlägt er beide Augen auf.

Sieht mich, wird langsam wach.

Ich frage leise: „Warum bist du so schön?“

Erst lächelt er nur, dann allein ein Wort:

„Darum …“

Er zieht mich zu sich heran.

Er küsst mich.

Er umarmt mich.

Ich lasse alles geschehen.

Weil es stimmt,

wie nichts zuvor in meinem Leben.

Dann fasse auch ich ihn an.

Überall.

Viel wilder als die sanfte Morgensonne,

die jetzt über dem ganzen Bett scheint.

Es stimmt so sehr.

Füreinander da sein. Nur das.

Ist wunderschön, tut so gut.

Dass es mich für den Rest meines Lebens

stark machen und beschützen wird.

Gegen viele tausend Jahre Unterdrückung

und Verfolgung und Mord.

Dieser Morgen ist stärker als all das.

Es stimmt nicht nur:

Es ist das Glück, von dem ich nur ahnte,

dass es so etwas geben könnte.

Es wird ein Leben lang Bestand haben.

Nicht als Beziehung, aber als geschenktes Glück.

Das mir niemand jemals wird stehlen,

nicht einmal wird beschädigen können.

Ich gerade 18, er schon 27.

Er ein Flüchtling aus Haiti.

Ich ein Weggelaufener aus Westberlin.

Wie wir uns gefunden haben,

ist kein Wunder.

Ein Zufall war es

in dieser Welt.

Das Wunder ist, dass wir einander erkannt haben.

Dass wir einander vertrauen.

In dieser Welt.

Central Park mit Bob

Die Realität der kommenden vier Tage, in denen Bob es schafft, sich freizunehmen, übertreffen alle Märchenträume.

Er hat einen Aushilfsjob bei den Vereinten Nationen als Übersetzer aus dem Kreolischen und Französischen ins Englische. Er muss dort erst noch etwas klären. Zusammen laufen wir durch Manhattan, als würden wir es jeden Tag tun.

Wir halten einander an der Hand, lachen und küssen uns. Niemand beachtet uns wirklich. Es scheint zum Glück mehr Verrückte in New York zu geben. Aber ob auch nur einer so glücklich ist wie ich?

Zwischendurch erzählt mir Bob, dass er in Amsterdam verheiratet ist mit dem Niederländer Gerard, etwa genauso alt wie er.

„Echt verheiratet?“, frage ich beeindruckt nach.

„Ja, echt in unseren Herzen!“, lacht er und zeigt mir seinen goldenen Ehering. „Irgendwann werden wir auch richtig heiraten können.“

„Und dass wir uns küssen und Sex haben? Ist das kein Problem?“, frage ich nach.

„Gerard und ich haben eine offene Beziehung … Wir müssen ja nicht alles den Normalos nachmachen, oder?“

Ich zucke mit den Schultern. Was weiß ich schon? Über Heiraten habe ich noch nie nachgedacht. Dann küsse ich ihn wieder. Mitten auf der Straße.

Als wir beim UNO-Gebäude angekommen sind, muss ich unten warten. Er zieht einen Schlips aus der Hosentasche und knöpft sein Hemd zu, bevor er ihn umbindet. Dann verschwindet er durch mehrere Sicherheitskontrollen.

Ich warte und wünsche mir, Martin könnte mich jetzt sehen. Oder auch meine Eltern. Mich so glücklich sehen. Ob das etwas Gutes mit ihnen machen würde?

Schon steht Bob wieder neben mir: „Alles okay“, lacht er, „ich habe eine Vertretung gefunden. Muss erst in vier Tagen wieder arbeiten. Diese vier Tage gehören uns!“

Vier Tage sind 96 Stunden. Sind 5760 Minuten. Jede Minute gehört uns.

„Komm!“, ruft Bob und läuft plötzlich voraus Richtung Central Park.

Die kommenden vier Tage erlebe ich so intensiv und uneingeschränkt gut wie noch nie zuvor in meinem Leben.

Wir sind ununterbrochen zusammen.

Laufen kreuz und quer durch die Stadt, fahren hinauf in den 101. Stock des Empire State Buildings und hören später einer jungen, blinden Geigerin vor der Metropolitan Opera zu, die wunderschön klassische Musik spielt.

„Für uns!“, flüstert Bob. Ganz sicher. Ich werfe ihr ein paar Dollarscheine in ihren offenen Geigenkasten.

Zwischendurch holen wir uns was zum Essen und Trinken, manchmal Hamburger von einem Imbiss. Einmal bereiten wir Pizza bei ihm daheim im Ofen und trinken kaltes Bier dazu. Bob raucht einen Joint und zeigt mir, wie so was gedreht wird.

Dann lieben wir uns, bis es dunkel wird.

Ohne Licht anzuschalten, duschen wir zusammen – und werfen danach unsere durchschwitzten Sachen, auch all meine andere Kleidung, in die Waschmaschine seines Bruders. Bob borgt mir eine viel zu kurze Hose von sich und ein einfaches Unterhemd.

Ich finde es kein Problem, weiter keine Schuhe zu haben und barfuß zu laufen. Bob spürt, dass ich reich bin, reich im Herzen. Noch nicht so reich wie er, aber auf dem Weg.

Kein Gedanke an Schlafen.

Bob weiß, dass es im Central Park ein Shakespeare-Open-Air-Festival gibt, das umsonst ist. Man muss nur rechtzeitig da sein. Wieder laufen wir, lachen, strahlen einander an. Was für ein Leben!

Obwohl wir zu spät sind, kennt Bob einen anderen Eingang, bei dem uns tatsächlich einer der Wachleute noch durchlässt. Warum nur? Ist unser Glück so unschlagbar?

„No“, erklärt Bob grinsend. „Der ist auch aus Haiti, wir kennen uns!“

Mein Englisch ist noch zu schlecht, ich verstehe das meiste nicht, kann aber der Handlung trotzdem gut folgen.

Gespielt wird der Midsummer Night’s Dream. Unser Traum. Nur dass unser Traum nicht blind macht. Keine Eselsköpfe. Unser Traum macht uns sehend.

Bob und mich. Ich lehne mich an ihn. Seine Schulter ist warm und stark. Auch ich bin warm und stark wie noch nie zuvor.

Kanada

Vier Tage. Jede Minute gelebt.

Kaum geschlafen, höchstens nebeneinander geruht. Auf den Atem des anderen geachtet.

Jetzt sitze ich im Nachtbus Richtung Kanada und kritzle diese Worte in mein Heft.

Das Busticket hat mir Bobs Bruder Pierre geschenkt, um uns die Trennung zu erleichtern. Inzwischen weiß ich, dass Pierre in einer Fabrik als Schlosser am Band arbeitet und dass seine Freundin schwanger ist.

„Morgen muss mein kleiner Bruder wieder pünktlich auf seinem Job sein!“, meint er, als er es mir in die Hand drückt. „Deine Reise geht nach Montreal. Das wird dir gefallen. Damit du auch mal ein anderes Amerika siehst als die USA.“

Als würde ich zur Familie gehören. Dabei könnte er mich doch auch einfach rausschmeißen. Macht er aber nicht. Die beiden Brüder sorgen füreinander. So können Brüder auch sein – so gut zueinander.

Bevor er zu seiner Freundin zum Übernachten geht, rät er mir noch: „Den besten Lohn in den USA gibt es in Texas, auch als Ungelernter, einfach auf einer Baustelle.“ Ich merke es mir.

Am letzten Abend bügelt Bob seine und meine Hemden.

Dann ruft er plötzlich: „Jetzt müssen wir echt los!“

Zum ersten Mal rennen wir draußen nicht. Wir gehen artig nebeneinander, halten einander nicht ein einziges Mal an der Hand. Wir üben Abschied, den ganzen Weg bis zum Busbahnhof.

Ich bin traurig. Ich bin glücklich. Bob muss arbeiten.

Ich muss weiter, ich will weiter.

Muss Arbeit finden, aber nicht wieder über die Studentenvermittlung in Manhattan. Vielleicht schaffe ich es ja bis in den Süden der USA, bis nach Texas, wo die Löhne besser sein sollen?

Am Vortag habe ich mir neue und gar nicht teure Turnschuhe gekauft – diesmal in der richtigen Größe. Ich würde all mein Erspartes geben, um die vier Tage noch mal beginnen zu lassen.

Schließlich muss ich einsteigen. Der Bus ist nicht voll. Später werde ich zwei Sitze zum Schlafen bei der Fahrt durch die Nacht nutzen können.

Bob steht draußen, kommt neben das Busfenster, an dem ich sitze. Er küsst seine Handinnenfläche. Dann formt er mit den Händen ein Herz, das er an die Scheibe drückt.

Ich versuche, es ihm von innen nachzumachen.

In dem Moment fährt der Bus an. Wir lachen und heulen gleichzeitig. Weil es so unglaublich gut war. Bob hat so was bestimmt schon früher mit Gerard erlebt.

Für mich war alles neu, nie dagewesen. Jede der 5760 Minuten.

Zum ersten Mal seit vier Tagen falle ich in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Über meine Zeit in Kanada könnte ich mein erstes echtes Buch schreiben, einen Stadtführer zum Beispiel.

Montreal ist traumhaft schön: kleine Häuser im Altstadtviertel, auf der Veranda oder im Vorgarten alte Leute auf Schaukelstühlen, die zurückwinken, wenn ich ihnen zunicke.

Völlig anders als das hektische New York. So stelle ich mir eine französische Kleinstadt am Mittelmeer vor – obwohl ich noch nie eine gesehen habe.

Am Nachmittag klettere ich auf den Mont Royal, den königlichen Berg, der der Stadt ihren Namen gab. Ich lege mich an einer Böschung so hin, dass ich den Sonnenuntergang beobachten kann, mit meinem Rucksack als Kopfkissen.

New York war faszinierend und aufregend. Montreal tut der Seele gut, hat Menschenmaß.

Ich denke an Gina in Berlin-Lankwitz, deren Freund mir half, eine studentische Arbeitserlaubnis zu bekommen, obwohl ich noch nicht mal mein Abi hatte – und die mir eine Kette mit einem hölzernen Anhänger in Form eines Baumes geschenkt hat.

Deren Traum es war, einmal nach Kanada auszuwandern.

Ich reiße eine Seite aus meinem Notizbuch und schreibe: „Do it, Gina! Kanada ist wunderschön. Fang am königlichen Berg in Montreal an! Küsse, viele!“

Dann gehe ich an den Rand eines steilen Abhangs, wo es sicherlich 100 Meter nach unten geht. Ich nehme die Kette von meinem Hals, küsse den kleinen Holzbaum und werfe sie mit aller Kraft so weit wie möglich in die Schlucht.

Einige Glieder der Kette blitzen auf in den letzten Sonnenstrahlen dieses Tages. Schließlich bereite ich mir ein Nachtlager unter einem Baum in der Nähe.

Am nächsten Morgen finde ich ein Postamt, wo man auch Briefumschläge kaufen kann, und sende meine Notizbuchseite an Gina, per Luftpost. Soll ein bis zwei Wochen dauern.

Als nach gut einer Woche mehr als die Hälfte meines Lohns aus Bushkill verbraucht ist, fahre ich mit einem Greyhound-Bus