Die Welt der Hedwig Courths-Mahler 610 - Maria Treuberg - E-Book

Die Welt der Hedwig Courths-Mahler 610 E-Book

Maria Treuberg

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Beschreibung

In einem feudalen Hotel in Düsseldorf lernt der Millionär Henrik van Hook das Mannequin Carla Breker kennen. Der reife Mann verliebt sich in das bildschöne Mädchen, das seine Tochter sein könnte. Carla nimmt seine Einladung in ein feines Restaurant zwar an, lehnt seinen Wunsch, sein Leben mit ihr verbringen zu wollen, jedoch entrüstet ab.
Dann treffen sie sich durch Zufall in St. Tropez wieder. Und hier, im Trubel der großen Welt, erkennt das junge Mädchen, dass der Mann, der alles besitzt, unendlich einsam ist. Um Henrik eine Freude zu machen, verbringt sie fortan ihre Freizeit mit ihm. Aus Dankbarkeit, wie er versichert, schenkt er Carla einen Ring, dessen Wert sie nicht erahnt. Erst als sie das Juwel verkaufen will, wird man auf sie aufmerksam, und die Welt erfährt, dass Henrik van Hook den berühmten »Kinga-Diamanten« einem Mannequin geschenkt hat.
Carla und der Millionär werden in einen Strudel von Intrigen hineingezogen ...


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Inhalt

Cover

Der Diamant, der ihr zum Schicksal wurde

Vorschau

Impressum

Der Diamant, der ihr zum Schicksal wurde

Eine junge Frau glaubt fest an die ewige Liebe

In einem feudalen Hotel in Düsseldorf lernt der Millionär Henrik van Hook das Mannequin Carla Breker kennen. Der reife Mann verliebt sich in das bildschöne Mädchen, das seine Tochter sein könnte. Carla nimmt seine Einladung in ein feines Restaurant zwar an, lehnt seinen Wunsch, sein Leben mit ihr verbringen zu wollen, jedoch entrüstet ab.

Dann treffen sie sich durch Zufall in St. Tropez wieder. Und hier, im Trubel der großen Welt, erkennt das junge Mädchen, dass der Mann, der alles besitzt, unendlich einsam ist. Um Henrik eine Freude zu machen, verbringt sie fortan ihre Freizeit mit ihm. Aus Dankbarkeit, wie er versichert, schenkt er Carla einen Ring, dessen Wert sie nicht im Entferntesten erahnt. Erst als sie das Juwel verkaufen will, wird man auf sie aufmerksam, und die Welt erfährt, dass Henrik van Hook den berühmten »Kinga-Diamanten« einem Mannequin geschenkt hat.

Carla und der Millionär werden in einen Strudel von Intrigen hineingezogen ...

Das Gemurmel der Gäste verstummte. Der Laufsteg, der bisher im Halbdunkel gelegen hatte, war plötzlich in das gleißende Licht der Scheinwerfer getaucht. Es war ein ausgesuchtes Publikum, das hier im Düsseldorfer Hotel auf den Beginn der Modenschau wartete.

Henrik van Hook, Millionär und Mitbesitzer einer Schifffahrtslinie, war in Begleitung seiner Tochter hierhergekommen, um Jenny eine Freude zu machen. Die schöne junge Frau glaubte, in Bonn, an der Seite ihres Mannes, des Ministerialdirigenten Kampe, zu versauern. Und so hatte Henrik van Hook auf die ersehnte Plauderstunde mit seiner Tochter verzichtet und sie ins »Hilton-Hotel« begleitet.

Seitdem Henriks Frau im Sanatorium war und die Kinder Cornelius und Jenny erwachsen waren und ihr eigenes Leben führten, war es um van Hook still geworden. Die Leitung seiner Unternehmen hatte der immer noch vitale Sechzigjährige fähigen Leuten übertragen, und die Mitgliedschaft in verschiedenen Aufsichtsräten und Klubs füllte seine Zeit nicht aus.

Im Grunde genommen interessierte Henrik van Hook sich nicht für diese Modenschau, und der besondere Stil der Julia Trewina, den ganz Düsseldorf so hinreißend fand, bedeutete ihm nichts.

Hingegen machte es ihm Freude, neben seiner eleganten Tochter zu sitzen, die kostbaren Schmuck trug und viele Blicke auf sich zog.

Es war auch angenehm, wieder einmal in einem festlich erleuchteten Saal zu sitzen und hier und da eine schöne Frau zu bewundern.

Van Hook stellte fest, dass Geselligkeiten ihm allmählich fremd wurden, ebenso wie sich in der Öffentlichkeit zu zeigen, wie das in der Gesellschaft nun einmal üblich war. Er lebte schon zu lange nur mit seinen Büchern und seinen eigenen Gedanken. Ich habe ganz vergessen, wie viel Heiterkeit und Schönheit es auf der Welt gibt, dachte er.

Madame Trewina begrüßte ihre Gäste persönlich, dann kam ein Conférencier im Smoking, der die Ansage der einzelnen Modelle übernahm. Die ausgesucht schönen Mannequins stellte er nur mit ihren Vornamen vor.

»Und unsere liebe Carla zeigt Ihnen jetzt die Kreation ›Melancholie‹, ein Abendkleid aus violetter Seide und silbergrauer Spitze«, sagte er, und die Scheinwerfer erfassten ein atemberaubend schönes Mädchen.

Henrik van Hook richtete sich in seinem Sessel auf und starrte die gertenschlanke Blondine an.

Die junge Dame war Mitte zwanzig und hatte eine makellose Figur. Sie bewegte sich mit großer Anmut, die nichts mit den eingelernten Schritten, Drehungen und Wendungen ihrer Kolleginnen gemein hatte. Das klare, hübsche Gesicht sprach von Herzenswärme und Intelligenz. Es wurde beherrscht von großen veilchenblauen Augen, und der schöne, schmale Kopf war eingerahmt von einer Fülle echten Blondhaares.

So hatte Henrik van Hook sich immer die Frau seiner Träume vorgestellt, als er noch ein junger Mann gewesen war, aber niemals war ihm ein solch großartiges Mädchen begegnet. Er hatte Elisabeth geheiratet, die ganz und gar nicht seinem Ideal entsprochen hatte, weil es eine vernünftige Wahl gewesen war. Sie hatten der gleichen Gesellschaftsschicht angehört, waren sich sympathisch gewesen und hatten den festen Vorsatz gehabt, gut miteinander auszukommen.

Wie seltsam ist es doch, dass mir ausgerechnet heute ein solches Mädchen begegnet, nachdem Jenny mir den Rat gegeben hat, mir etwas fürs Herz zu suchen, dachte er. Ja, dieses Mädchen wäre etwas fürs Herz. Und auch der Kopf käme bei ihr nicht zu kurz, denn sie sah ganz so aus, als ob man mit ihr gute Gespräche führen könnte. Und darüber hinaus war sie eine wahre Augenweide.

Noch einige Male erschien das Mädchen Carla, und Henrik van Hook hatte nur noch Augen für sie. Die anderen Mannequins und die Modelle, die sie vorführten, interessierten ihn nicht.

»Ja, du hast recht, wunderschön!«, sagte er automatisch, wenn Jenny ihn begeistert am Ärmel zupfte. Und er versprach, ihr das Modell zu kaufen, das ihr am besten gefiel.

Gott sei Dank entdeckte Jenny in der Pause eine Bekannte, eine ehemalige Schulfreundin. Henrik van Hook sagte, er wolle ein wenig frische Luft schnappen. Und so gelang es ihm, eine Viertelstunde lang unbeobachtet zu sein.

Das gründliche Studium des Plakats, das die Modenschau ankündigte und das auch in der Halle des »Hilton-Hotels« zu finden war, sagte ihm, dass am folgenden Abend die Schau noch einmal gezeigt wurde. Van Hook machte das Organisationsteam ausfindig und bestellte für den nächsten Abend eine einzelne Karte. Es sollte ein Platz dicht am Laufsteg sein wie heute Abend.

Er bekam diesen Platz, und das reichlich bemessene Trinkgeld verschaffte ihm auch die Information, dass die bezaubernde Carla mit Familiennamen Breker hieß und unverheiratet war.

Von diesem Augenblick an befand Henrik sich in einem leichten Taumel von jugendlicher Unternehmungslust und lange nicht mehr gekannter Vorfreude.

Er nahm sich vor, alles zu versuchen, sich morgen Abend Carla Breker zu nähern.

War es wirklich nur Jennys Ratschlag, der auf fruchtbaren Boden gefallen war? Oder war nur eine lange schwelende Sehnsucht endlich zum Durchbruch gekommen, die er schon seit Jahren mit sich herumgetragen hatte, ohne ihr zu erlauben, bis in sein Bewusstsein vorzudringen?

Jedenfalls segnete er jetzt Jennys Besuch und ihren Wunsch, hier im »Hilton-Hotel« diese Modenschau anzuschauen.

Ohne Jenny wäre er nie hierhergekommen. Jenny verdankte er es, dass er diesem Mädchen begegnet war. Und wenn nichts anderes dabei herauskam, als ein wenig zu träumen, dann wäre er schon froh darüber.

♥♥♥

»Na, sind Sie zufrieden, Madame? Das war doch wieder mal ein rauschender Erfolg!«

Mit diesen Worten wandte sich Gregor von Majewski, der Conférencier der Modenschau, an Julia Trewina, die Veranstalterin. Sein faltenreiches und verschmitztes Gesicht strahlte, und er rieb sich voller Triumph die Hände.

»Ja, ja, es war ganz gut«, gab Trewina fast widerwillig zu. »Aber bilden Sie sich nur nicht zu viel ein, Gregor, den Erfolg verdanken wir nicht etwa Ihren unvergleichlichen Fähigkeiten.«

Er zuckte schmerzlich zusammen, als hätte er einen Schlag ins Gesicht erhalten. In der Tat legte Julia Trewina es immer darauf an, ihn zu ducken und die allzu gewaltig emporschießenden Triebe seines Selbstbewusstseins zu beschneiden.

Die Modeschöpferin kümmerte sich nicht weiter um den gekränkten Ansager. Sie wusste, dass dieser einst wegen gewisser Schönheitsfehler in seiner Lebensführung aus dem Auswärtigen Amt gefeuerte Diplomat kein Rückgrat hatte und sich im Grunde alles bieten ließ, weil er ständig in Geldverlegenheit war.

Ohne anzuklopfen, öffnete sie die Tür der Garderobe, in der sich Carla Breker umkleidete und abschminkte.

»Beeil dich ein bisschen, Mädchen«, mahnte sie. »Das Taxi, das ich für dich und Susanne bestellt habe, wird gleich da sein.«

»Ja, ja, ich bin schon fertig.«

Carlas Hände flogen. Sie eilte nervös hin und her und packte ihre Sachen zusammen. Nur zu gut wusste sie, was für eine schwierige Vorgesetzte Julia Trewina war. Sie war launenhaft, unberechenbar und ungerecht. Man konnte nur mit ihr auskommen, wenn man ständig darauf achtete, sie bloß nicht zu reizen.

Die Trewina lief schon weiter zu den anderen Garderoben, weil sie es für nötig hielt, Roswitha, Antje und Irene ebenfalls anzutreiben.

»Los, los, beeilt euch! Ihr müsst nach Hause und ins Bett! Wir haben morgen noch einmal einen anstrengenden Abend vor uns, da müsst ihr frisch sein.«

Sie gab sich so besorgt, aber in Wirklichkeit wollte sie die Mädchen nur aus dem Wege haben.

Verschiedene schwerreiche Leute warteten im Saal auf den privaten Auftritt von Julia Trewina. Die kapriziöse Modeschöpferin würde hier ein Glas Champagner trinken und dort einen Cocktail, sich bewundern lassen und je nach Bedarf und Laune die Leute amüsieren und schockieren durch ihre Bemerkungen. Dabei wollte sie keine Konkurrenz haben. Ihre hübschen Mannequins hätten ihr sonst vielleicht den Rang abgelaufen.

Die Mädchen wussten das alle nur zu gut und schmunzelten insgeheim darüber. Immerhin war Julia Trewina über die vierzig hinaus. Das Alter der Mannequins lag zwischen einundzwanzig und dreißig Jahren. Carla Breker zum Beispiel war fünfundzwanzig. Allein durch ihre Jugendlichkeit hatten die Mannequins ihre Nase also schon vorn.

»Ist es nicht albern, wie eitel sie ist?«, sagte Susanne zu Carla, als sie im Taxi saßen. »Sie muss doch einsehen, dass ihre besten Jahre vorüber sind. Ich weiß genau, dass sie sich im kommenden Sommer zum ersten Mal liften lassen will. Das hat sie auch nötig bei den Falten, die sich um ihre Augen bilden.«

»Ich finde, man muss das verstehen«, verteidigte Carla ihre Chefin. »Die Trewina hat durch ihre Arbeit ständig ihre jungen Mannequins vor Augen, und da fällt es dann besonders auf, dass sie langsam in die Jahre kommt.«

»Es ehrt dich, wie verständnisvoll du bist«, brummte Susanne. »Aber mir geht diese Frau einfach auf die Nerven.«

Eine weitere Antwort blieb Carla ihr schuldig, denn sie erreichten gerade die Fröbelstraße, wo Susanne in einem Hochhaus ein Apartment bewohnte. Die beiden Mädchen verabschiedeten sich voneinander, und Susanne stieg aus. Dann fuhr der Taxifahrer weiter zur Wilhelm-Busch-Straße, die nicht weit entfernt war. Dort wohnte im Haus Nummer sechzehn, einem durchschnittlichen Mietshaus, die Familie Breker.

Carla dachte unterwegs über ihr Leben nach und verglich es mit dem von Susanne.

Susannes Vater war Beamter und lebte in guten und gesicherten Verhältnissen. Die Tochter war das einzige Kind und hatte etwas mühsam bei den sehr spießigen Eltern ihren Entschluss, Mannequin zu werden, durchsetzen müssen. Aber schließlich hatten die alten Herrschaften sich gefügt und ihrer Einzigen in jeder Weise unter die Arme gegriffen, zum Beispiel auch bei der Einrichtung der reizenden kleinen Wohnung.

Alles Geld, das Susanne verdiente, behielt sie für sich, und sie kannte außerhalb der Arbeit nur den einen Gedanken, sich das Leben angenehm zu machen.

Wie ganz anders war dagegen das Leben von Carla Breker!

Carlas Vater hatte als Werkmeister in einer Fabrik gearbeitet, war aber wegen einer starken Arthritis früh Rentner geworden. Nun war er gehbehindert, wurde ständig von Schmerzen geplagt und war immer grämlich gestimmt.

Die Mutter war mit Arbeit überlastet, denn sie hielt die Vierzimmerwohnung allein in Ordnung, kochte für die Familie, kaufte ein und besorgte die Wäsche. Carla kannte ihre Mutter eigentlich gar nicht anders als blass und erschöpft und zu Seufzern und Klagen neigend.

Da Carla begabt und eine gute Schülerin gewesen war, hatten die Eltern sie auf die Oberschule geschickt. Dann aber hatte sie die Schule frühzeitig verlassen und eine Lehre in einem Textilgeschäft beginnen müssen, um recht bald zu verdienen und zu ihrem eigenen Lebensunterhalt beizutragen, denn durch die frühe Arbeitsunfähigkeit des Vaters war das Familieneinkommen gering.

Carla Breker hatte noch eine jüngere Schwester namens Annette, die zweiundzwanzig Jahre alt und Stenotypistin in einem Büro war. Die beiden Schwestern teilten sich in der Vierzimmerwohnung ein Zimmer.

Während ihrer Ausbildung zur Textilverkäuferin war sich Carla ihrer Reize und Möglichkeiten bewusst geworden sowie der sehr geringen Aussichten, als Verkäuferin jemals viel Geld zu verdienen. Von ihrem geringen Einkommen hatte sie fleißig gespart und von ihrem eigenen Geld den Mannequin-Lehrgang bezahlt. Sie hatte ihre Abschlussprüfung als Textilverkäuferin gemacht und dann in den neuen Beruf gewechselt.

Als Mannequin war Carla erfolgreich, verdiente sehr gut und kam in der Welt herum. Sie verbrauchte sehr wenig Geld für sich selbst und unterstützte mit ihrem Einkommen die Familie.

»Wenn ich dich nicht hätte«, sagte die Mutter oft seufzend, »und wenn du nicht so verständnisvoll und großzügig wärest, dann wüsste ich nicht, wie ich auskommen sollte.«

Für die Liebe hatte Carla keine Zeit. Sie war sowieso zurückhaltend und hatte ihr Herz bisher noch nicht entdeckt.

Annette dagegen war ständig verliebt und bereitete der Mutter viel Kummer durch ihren Leichtsinn. Zurzeit war Annette in einen Ingenieur verliebt, der ständig auf anderen Baustellen arbeitete und den sie auf diese Weise nicht unter Kontrolle hatte. Sie quälte sich mit der Frage, ob er ihr treu war oder nicht.

In diesem Milieu also lebte Carla Breker, und sie hatte manchmal den Wunsch, dieser Enge zu entfliehen, brachte aber nicht die notwendige Härte dazu auf. Sie wollte ihre Familie und vor allem ihre Mutter nicht ihrem Schicksal überlassen.

Nach einer kurzen Fahrt von wenigen Minuten hielt das Taxi nun vor dem Mietshaus, in dem das junge Mädchen wohnte. Carla stieg aus und stieg die zwei Treppen zum zweiten Stock empor. Sie schloss die Wohnungstür auf, ging in die Küche, wo sich die Mutter aufhielt, und sank auf einen Stuhl. Mit einem erleichterten Seufzer zog sie die hochhackigen Schuhe von den Füßen, die bei ihr zur Berufskleidung gehörten und ihr genug Schmerzen und Pein bereiteten.

»Uff«, stieß sie hervor und stöhnte, »morgen noch einmal! Dann ist fünf Tage Ruhe, und danach beginnt die Tournee an der Riviera. Dann bin ich vier Wochen weg.«

Die Mutter saß ebenfalls auf einem Küchenstuhl und war damit beschäftigt, Kartoffeln für das morgige Mittagessen zu schälen. Sie traf gern abends einige Vorbereitungen für den nächsten Tag, damit ihr die Arbeiten nicht über den Kopf wuchsen.

»Du wirst mir sehr fehlen«, sagte die Mutter darauf. »Du weißt ja, du bist der einzige Mensch, bei dem ich mich aussprechen kann.«

»Ja, Mutter, das weiß ich. Ich werde dir jeden zweiten Tag ein Briefchen schreiben, und die vier Wochen gehen ja auch herum, dann bin ich wieder da. Und ganz allein bist du ja nicht, du hast ja Annette.«

»Ach, du lieber Himmel, was habe ich denn von Annette?«, klagte die Mutter. »Die interessiert sich doch nur für ihre eigenen Angelegenheiten.«

»Wo ist sie eigentlich?«, wollte Carla wissen.

»Sie ist schon zu Bett gegangen. Sie fühlt sich nicht wohl.«

»Nanu, was ist denn mit ihr los? Ihr war doch in letzter Zeit schon häufiger unwohl. Es wird doch wohl nichts Ernstes dahinterstecken? Für gewöhnlich kann sie doch kaum etwas davon abhalten, abends auszugehen.«

»Ja, ja, deswegen mache ich mir auch Sorgen, Kind. Annette sieht so blass aus, und das Essen bekommt ihr gar nicht. Sie wird doch hoffentlich keine Dummheiten gemacht haben?«

»Ein Baby fehlte uns gerade noch«, stieß Carla seufzend hervor. »Und noch dazu eines, das keinen Vater hat, wie?«

»Der Himmel möge uns bewahren!«, brummte die Mutter vor sich hin. »Erzähle mir lieber von der Modenschau, Carla! Das ist erfreulicher. Wie war es denn heute?«

Carla gab sich Mühe, ihrer Mutter einen farbigen Bericht zu liefern, obwohl sie viel lieber ins Bett gegangen wäre. Aber sie wusste, wie sehr die Mutter sich über die Erfolge ihrer Tochter freute und wie viel Auftrieb ihr diese immer verliehen.

Eine Stunde später war es dann endlich so weit, dass in der Wohnung der Familie Breker Ruhe herrschte. Carla hatte mit Annette nicht mehr reden können, sie schlief schon tief und fest.

Es war nicht einfach für Carla, auf dem Laufsteg Luxus vorzuführen und unten im Saal das Funkeln der Juwelen zu sehen und die blasierten Gesichter der Gesellschaft und dann in diese kleinbürgerliche Welt voller Sorgen zurückzukehren.

♥♥♥

Die zweite Veranstaltung im »Hilton-Hotel« war genauso gut besucht wie die erste und übertraf die erste vielleicht noch an Glanz.

Als Carla ihren ersten Auftritt in dem violetten Abendkleid »Melancholie« hatte, sah sie wieder das leuchtende weiße Haar und das sonnengebräunte Gesicht des gut aussehenden älteren Herrn, der direkt neben dem Laufsteg saß und sie mit bewundernden Blicken betrachtete.

Dieser Mann war ihr gestern schon aufgefallen, doch da war er nicht allein gewesen. Neben ihm hatte eine junge Frau gesessen, deren Gesichtszüge eine gewisse Ähnlichkeit mit den seinen aufgewiesen hatten. Sie hatte vermutet, dass es sich im seine Tochter handelte.

Carla hatte gedacht, wie schön müsste es doch sein, einen solchen Vater zu haben, elegant, gepflegt und weltmännisch, eine überlegene Erscheinung, zu der man aufblicken konnte. Dieser Mann sah distinguiert aus. Wahrscheinlich war er reich, kannte keine Alltagssorgen und schien zudem ein Mensch mit Geschmack und Lebensart zu sein.

Diesen Mann konnte Carla sich gut vorstellen umgeben von vielen Büchern in einem stillen, schönen Haus mitten in einem großen Garten. Er sah ganz so aus, als ob er oft über die Welt und das Leben nachdenken würde.